Immer steiler hebt sich nun der Firnhang, immer tiefer zerschnitten und
zersägt wird seine Oberfläche, immer höher und dichter das Gewirr der
Penitentes. Langsam und mit häufigen Unterbrechungen arbeiten wir uns
aufwärts. Die Lungen pfeifen, der Atem röchelt, die Schleimhäute sind
trocken und hart wie Leder. Plötzlich erscheint über uns eine mächtige
Querspalte, die mit 5 bis 15 Meter Breite wie ein Festungsgraben den
Westgipfel auf der Nord- und Nordwestseite umringt und gleich einer
Randkluft mit einer 2 bis 3 Meter hohen Stufe absetzt. Es ist dieselbe,
die uns vor sieben Wochen weiter westlich Halt geboten hatte. Sie
ist zwar hier von mehreren Firnwällen überbrückt, aber auch diese
Brücken sind so stark zerfressen, durchlöchert und von Penitentes
verbarrikadiert, daß ein Weiterdringen schlechterdings undenkbar ist;
es sei denn, man könnte fliegen. So blieb uns nichts anderes übrig,
als hier in 6180 Meter Höhe auf die uns noch vom Scheitel des Gipfels
trennenden 90 Meter zu verzichten und uns mit dem zu begnügen, was wir
in diesen obersten Regionen an sonderbaren Erscheinungen der Firn-
und Eiswelt zu sehen und zu untersuchen hatten. Wäre der Firn so
beschaffen gewesen wie sieben Wochen vorher, wir hätten vermittelst der
Schneebrücken ohne große Schwierigkeit den Gipfel erreichen können,
denn es war erst wenig über 11 Uhr, und wir waren beide noch bei guten
Kräften. Für meine Firn- und Eisstudien war die jetzige Jahreszeit
die allergünstigste, aber für eine Gipfelbesteigung ist der August zu
spät, da die Zerstörung der Eisoberflächen durch die Sonne zu weit
fortgeschritten ist.
Kaum hatten wir dem Gipfel den Rücken gewandt, als die Nebelschwaden,
die uns bisher vereinzelt von Osten herab umflattert hatten, in dichten
Haufen aus Westen von unten her auf uns eindrangen und uns mit einem
so stürmischen Schnee- und Graupelwetter überfielen, daß wir bald
keine drei Schritt weit sehen konnten. Wie die Spürhunde hatten wir
die Nase am Boden, um in dem Labyrinth der Penitentes die Schuh- und
Eispickeleindrücke unseres Aufstiegs nicht zu verlieren. So kamen wir
gegen 1 Uhr wieder am Westfuß der »Roten Wände« an, und anderthalb
Stunden später waren wir, Kleider und Bart noch von Eiskrusten und
Eiszapfen überzogen, zurück am Zeltlager bei unseren beiden Kameraden.
Im warmen Schlafsack fühlten wir nicht, daß uns die Nacht bei steifem
Ostwind ein Minimum von –9,6° bescherte, die tiefste Temperatur, die
wir in Ecuador erlebt haben. An den Innenseiten unseres Zeltes hatte
sich am Morgen infolge unserer Atmung eine fingerdicke Reifschicht
angesetzt, die uns durch ihr prächtiges Glitzern und Funkeln viel,
durch ihr Auftauen aber wenig Freude machte, und unsere Stiefel waren
hart gefroren wie Bretter. Draußen stürmte es aus Osten wie nie zuvor.
Wäre am Tag vorher solches Wetter gewesen, wir hätten von jedem
Besteigungsversuch abstehen müssen. Unter solchen Umständen sieht sich
die Poesie des alpinen Lagerlebens anders an als bei heißem Tee im
warmen Pelzsack. Und so betrüblich uns beiden auch bei dem Gedanken
zumute war, daß dies unser letztes Lager in den Anden sei, daß damit
die schöne reiche Zeit des Ringens und Gewinnens in dieser großen
Gebirgswelt vorüber sei, so angenehm war uns doch auch die Vorstellung,
daß uns nun bald wieder ein anderes Leben blühe als wochenlange
physisch und psychisch aufreibende Arbeit, schlechte Ernährung,
schlechter Schlaf, immer froststeife Finger, Mangel an Waschwasser,
Anfälle von Soroche und dergleichen mehr.
Forschungsreisen im Hochgebirge werden vom Publikum der Laien
und vieler Geographen, die dann die Resultate vor sich haben,
gemeinhin nicht anders eingeschätzt als Reisen im Mittelgebirge
oder im Flachland. Ja, man ist im Publikum leicht geneigt, in
der sportlichen Seite, ohne die es kein erfolgreiches Reisen im
Hochgebirge geben kann, das Wesentliche bei solchen Reisen zu sehen
und das für den Zweck zu halten, was nur das Mittel zum Zweck
wissenschaftlicher Gebirgsforschung ist. Nur wer sich selbst mit Ernst
der Hochgebirgsforschung gewidmet hat, weiß, ein wieviel größerer
Einsatz und Aufwand von Kräften und Energie erforderlich ist, um eine
wissenschaftliche Hochgebirgsreise erfolgreich zu machen, als eine
die gleiche Summe von Beobachtungen und neuer Erkenntnis einbringende
Reise im Mittelgebirge oder Flachland. Ich begreife es sehr wohl und
finde es entschuldbar, wenn in so vielen Fällen die wissenschaftlichen
Resultate von Hochgebirgsreisen in gar keinem Verhältnis stehen
zu den darauf verwandten Summen von Zeit, Kraft und materiellen
Mitteln. Eine Forschungsexpedition in den afrikanischen Steppen und
Wäldern, so mühsam sie im einzelnen oft sein mag, ist, wie ich aus
langer Erfahrung weiß, meist ein Kinderspiel gegenüber einer die
Lösung wissenschaftlicher Probleme erstrebenden Hochgebirgsreise,
insbesondere einer Hochgebirgsreise in der Tropenzone, wo die
Schwierigkeiten in jeder Hinsicht noch viel größer sind als in den
allermeisten Hochgebirgen außertropischer Gebiete.
Gegen Mittag endlich erschienen unsere Peones im Lager, pfeifend
vor Anstrengung und Unbehagen, wie die Hochlandindianer dann immer
zu tun pflegen. Schnell war alles Bewegliche zusammengepackt und
aufgeladen, worauf die Kerle, um der ungemütlichen Höhe zu entgehen,
einen so ununterbrochenen Dauerlauf bergab über Schnee und Geröll
und Felsen ausführten, daß wir, nachdem wir weiter unten die uns
entgegenkommenden Maultiere bestiegen hatten, schon um 4 Uhr wieder
in der windgeschützten Mulde von _Cunucyacu_ anlangten. Der biedere
Mayordomo gab seiner Freude, uns gesund wiederzusehen, dadurch
Ausdruck, daß er ein Kalb schlachten ließ; ein unerhörter Luxus, den
wir im rinderreichen Ecuador noch nicht erlebt hatten. Leider nahm mein
von den strapaziösen Hochtouren geschwächter Magen diese Extravaganz
übel, und in der Nacht kam zu allem Überfluß noch eine stundenlange
Belästigung durch Soroche hinzu. Auch Herr Reschreiter hatte mit
Atembeschwerden, Kopf- und Kreuzschmerzen zu tun.
Über den _Soroche_, die Bergkrankheit Ecuadors, mögen hier ein paar
Worte eingeschaltet werden. Er befällt früher oder später jeden, der
die Anden aufsucht. Seine Symptome treten verschieden auf, vom leichten
Kopfweh bis zur schweren Störung aller Körper- und Geistesfunktionen,
aber zur ernsten Erkrankung oder gar zum Tode wird es beim normalen
Menschen kaum kommen. In Höhen von über 5000 Meter freilich erfordert
die Überwindung seiner Beschwerden ein beträchtliches Maß von Energie.
Die Atemnot wird besonders bei anstrengendem Aufstieg immer größer,
der Kopf immer dumpfer, die Beine werden immer schwerer. Da man stets
mit offenem Munde atmen muß, um den Hunger nach Luft zu stillen,
deren Sauerstoffgehalt in 5000 Meter nur etwa halb so groß ist wie
in Meereshöhe, so dörrt der Hals in der außerordentlich trockenen
Höhenluft total aus, jede Schluckbewegung schmerzt, und schließlich
befällt den Bergsteiger ein heftiger, keuchhustenartiger Krampfhusten,
der tagelang andauern kann und erst beim Absteigen wieder verschwindet.
Nur ein möglichst gleichmäßiges und langsames Aufeinanderfolgen aller
Körperbewegungen, möglichstes Vermeiden jedes plötzlichen Ruckes kann
da Erleichterung bringen. Aufstiege auf steilem lockern Geröll oder auf
Hängen von pulverigem Schnee mit dem unvermeidlichen Zurückrutschen
werden deshalb ganz besonders zur Qual.
Die Mechanisierung aller Bewegungen und die Konzentration aller Kräfte
des Organismus auf die rein körperliche Steigarbeit üben dabei eine
betäubende Wirkung auf das Bewußtsein aus. Die Benommenheit des Kopfes
trübt die Gedanken oder löst verworrene Vorstellungen aus, die ohne
jede Beziehung zum augenblicklichen Tun sind. Ein kaum überwindliches
Bedürfnis, sich niederzulegen und zu schlafen, stellt sich ein. Es
bedarf des Aufwandes der letzten Energie, um der gemütlichen Depression
nicht zu erliegen, den Überblick über die Situation sich zu wahren und
das Ziel fest im Auge zu behalten. Im Lager über 5000 Meter leidet man
darüber hinaus noch an lästigem Auftreiben des Leibes, an Aufstoßen der
Magengase, an Appetitlosigkeit, Darmverstopfungen, Brustbeklemmungen,
Herzklopfen und schweren Träumen während des Schlafs. Erbrechen,
Nasenbluten oder gar Bluten aus dem Zahnfleisch und den Lippen, wie es
A. von Humboldt berichtet, habe ich dagegen niemals beobachtet, weder
an mir noch an anderen.
Hauptursache dieser Erscheinungen ist zweifellos die ungenügende Zufuhr
des für die Lebenstätigkeit notwendigen Sauerstoffs zum Nervensystem
und zu den arbeitenden Organen. Sie erzwingt starke Atmungsbewegungen,
die durch die Abnahme des Luftdrucks mit zunehmender Höhe noch weiter
erschwert werden, und bewirkt Blutstauungen in den Lungen. Übermüdung
durch allzu große Anstrengung mag ihr Teil mit beitragen, ist aber
nicht ausschlaggebend. Es sind Erscheinungen, wie sie ähnlich auch
bei Blutarmut zu beobachten sind. Wirksam werden sie vor allem in
Funktionsstörungen des Nervensystems mit ihren psychischen Folgen.
Nervenanregende Mittel wie Kola und Champagner sollen deshalb gute
Wirkung haben, aber ich habe sie nicht ausprobiert. Der beste Schutz
gegen den Soroche bleibt jedenfalls der eigene feste Wille, sich nicht
unterkriegen zu lassen. Planvolle Selbstzucht kann viel dazu tun.
[Illustration:
Paul Großer 1902.
Der Reißgletscher (5100 ~m~) am Nordgipfel des Chimborazo.]
Nach den Mühsalen unserer Chimborazobesteigung hätte ich gern einen
Tag mehr in der Hacienda Cunucyacu Rast gehalten. Aber zum Ausruhen
hatten wir keine Zeit mehr; die Tage bis zur Abfahrt nach Europa waren
uns knapp zugemessen. Drum ging es schon am übernächsten Morgen wieder
früh in den Sattel und bei immer noch stürmendem Ostwind auf dem Pfad,
den wir schon Anfang Juni geritten waren, zum Paß _Abraspungo_ zwischen
Chimborazo und Carihuairazo hinan. Damals hatte uns der berüchtigte
Abras-Paß mit so abscheulichem Wetter traktiert, daß wir von der uns
umgebenden Landschaft sehr wenig zu sehen bekommen hatten. Diesmal sah
es anfänglich dort oben nicht viel besser aus. Aber als wir die Paßhöhe
betraten, lag zu unserer freudigen Überraschung das Abras-Tal mit
seiner nächsten Gletscherumgebung ziemlich frei vor uns. Bei jedem
Schritt fand ich vollauf meine im Juni aus wenigen Beobachtungen
gewonnene Mutmaßung bestätigt, daß wir uns hier im Abras-Tal durch ein
altes Gletscherbett von großartiger Ausbildung bewegten.
[Illustration: Zackenfirn (Büßerschnee) am Chimborazo, Westgipfel, bei
6100 ~m~.
Nach einer Zeichnung von Rudolf Reschreiter.]
Jetzt sahen wir auch auf dem Oberrand der südlichen Talwände die
Stirnen dreier vom Nord-Chimborazo her kommender Gletscher liegen.
Der westlichere streckt seine hochumwallte Zunge in der Richtung
zum Abraspungo hin aus; es ist der »Abraspungo-Gletscher«. Der
östlichere, breitere und längere, hat noch vor relativ kurzer Zeit
bis in den Taltrog hineingereicht, wie seine Endmoräne zeigt. Diese
mächtige, jetzt bei 4400 Meter endende Eiszunge ist auf keiner Karte
zu finden und bisher namenlos. Einer spontanen Regung folgend, rief
darum vor diesem Eisstrom Herr Reschreiter aus: »Von nun an soll er
Hans-Meyer-Gletscher heißen!« Bald darauf konnte ich mich revanchieren,
indem ich seinen weiter östlichen Nachbar, der ebenfalls noch auf den
Karten unbekannt und unbenannt war, »Reschreitergletscher« taufte.
Vom Carihuairazo her, dessen Gletscherzungen hier kaum mehr als 5
Kilometer von denen des Chimborazo entfernt sind, münden vom Abraspungo
an in schneller Folge ebenfalls vier Seitentäler in das Abras-Tal,
alle steil zu Eiszungen im Hintergrund ansteigend, mit schroffen
Seitenwänden und flachem Boden, der großenteils von Moränen bedeckt
ist. Das Abras-Tal war die gemeinsame Sammelrinne aller dieser
Gletscher des Nordost-Chimborazo und Süd-Carihuairazo und muß einst von
einem gewaltigen Eisstrom erfüllt gewesen sein. Auch die untrüglichen
Merkmale einer zweimaligen Vergletscherung waren im Abras-Tal zu
erkennen, worauf aber hier nicht eingegangen werden soll.
Vom Ausgang der »Abras-Furche« ritten wir über die hügeligen grasigen
Ausläufer des Ost-Chimborazo hinab, auf den Tambo _Chuquipoquio_ zu,
wo wir mit unseren müden Tieren zwei Stunden später anlangten. Der Hof
war angefüllt von einer Horde angezechter Arrieros, die mit vielen
Lasttieren und Haufen von Kisten und Säcken nach Quito unterwegs waren
und, wie wir, hier nächtigen wollten. Zum letztenmal hantierte ich nun
angesichts des Chimborazo mit meinen Meßinstrumenten, Herr Reschreiter
mit Bleifeder und Skizzenbuch, zum letztenmal wurden für den nächsten
Tag die Bergstiefel geschmiert, und dann ging es zum letztenmal hinein
in den Schlafsack, der so hübsch dicht gegen die Widrigkeiten der
Außenwelt abschließt.
Der nächste Vormittag führte uns dann in dreistündigem Ritt über
die staubige, windige Tuffebene am Südostfuß des Chimborazo in das
Städtchen Riobamba zurück, von dem unsere Hochtouren ausgegangen waren.
Die Chimborazoreise war zu Ende.
Der Cerro Altar.
Wenn wir aus der zirka 25 Kilometer breiten Hochmulde von Riobamba
(2801 Meter) nach Norden schauen, haben wir zur Linken die
Westkordillere mit dem gewaltigen Firndom des Chimborazo, gerade vor
uns den breit hingelagerten, nur zeitweilig schneetragenden Vulkankegel
Igualata (4452 Meter) und rechts von ihm den Einschnitt des Rio Chambo,
durch den das Auge nach Nordosten bis zum trotzigen eisgekrönten Kegel
des Tunguragua (5087 Meter) schweift. Also drei mächtige einzelne
Vulkanberge, während hinter uns, im Süden, die langen dunkelbraunen
Tuffrücken von Yaruquiés die Hochmulde absperren.
Ganz anders ist zu unserer Rechten die _östliche_ Begrenzung der
Riobamba-Ebene. Nur 5 Kilometer östlich von der Stadt zieht der
Rio Chambo, der auch die Riobambamulde entwässert, seine tiefe
Erosionsfurche nach Norden, und unmittelbar hinter dem Flußlauf,
größtenteils sogar aus dem Flußbett heraus, hebt sich die langgezogene,
altkristallinische Bergkette der _Ostkordillere_ durchschnittlich 1000
Meter über die Ebene empor. Meist ist die Flußgrenze am Kordillerenfuß
so scharf gezogen, daß die linke hohe Uferwand von den vulkanischen
Gesteinen der Riobamba-Ebene, die rechte vom Glimmerschiefer der
alten Ostkordillere gebildet wird. Zahlreiche Seitentäler schneiden
in diese östliche Gebirgskette hinein, da und dort tragen Gipfel und
Grate ewigen Schnee, aber im ganzen ist dieses Stück der Ostkordillere
eine höchst einförmige Gebirgsbildung, schön und groß nur durch das
wunderbare Spiel ihrer Wolken, der Beleuchtung und durch die beiden
auf ihr und über ihr am Himmel stehenden Erscheinungen: geradeaus im
Osten die Felstürme und Firngrate des Cerro Altar (5404 Meter), und
im Südosten die zu noch viel größerer Höhe aufsteigende, immer ihre
Gestalt ändernde Eruptionswolke des hinter der Kordillere verborgenen
Sangayvulkans. Hier im Sangay die lebendige Gegenwart, dort im Altar
die tote Vergangenheit, die Ruine eines kolossalen Vulkanberges, dessen
aufbauende und vernichtende Tätigkeit einst noch viel machtvoller
gewesen sein muß als die des gegenwärtig Ecuador am meisten in Angst
und Schrecken setzenden Sangay.
Auch der _Cerro Altar_ sitzt, wie so viele der ecuatorianischen
Vulkane, auf der aus kristallinischen Gesteinen erbauten Kordillere
obenauf wie ein Reiter auf dem Pferd. Aber er hat die altkristalline
Basis nur teilweise zugedeckt, so daß sie auf der interandinen Seite
noch meilenweit offenliegt. Nach seinem Erlöschen ist der Vulkan
während des Erkaltens durch Sackung seiner dem Krater benachbarten
Mittelteile, später durch Verwitterung und durch Erosion der Gewässer
und Gletscher bis auf den Rest der Kraterumwallung zerstört worden.
Dieser Rest ist aber immer noch so gigantisch, daß seine Felszacken
und Firngipfel in ihrer höchsten Spitze, dem »Obispo«, 5404 Meter hoch
zum Himmel ragen und kreisförmig einen über 1000 Meter weiten Kessel
umschließen, der, mit Schnee und Eis halb angefüllt, einem mächtigen
Gletscher Ursprung und Nahrung gibt.
Von Riobamba aus sieht man bei klarem Wetter den Cerro Altar wie
eine breite, hell leuchtende Krone auf dem dunklen Scheitel der
Ostkordillere ruhen und erkennt zwischen den beiden hohen Hauptzacken
der westlichen Front den weiten, tiefen Einschnitt, hinter dem die
Eismassen des Kraterkessels sichtbar werden. Ein wundervolles Bild,
namentlich wenn nach Sturm und Wetter der dunkle Wolkenvorhang sich
teilt und der Berg bis auf den Rücken der Ostkordillere herab im
blinkenden Neuschnee dasteht. Schlechtes Wetter ist freilich dort
die Regel, wie auf der ganzen Ostkordillere. Am besten soll noch der
Oktober sein, also die Jahreszeit, die für die Westkordillere am
ungünstigsten ist. Aber es blieb uns keine Wahl, und deshalb trafen
wir es nicht gerade gut mit dem Altar, als wir ihm Anfang Juli unsern
Besuch abstatteten.
Der beste Weg von Riobamba zum Altar führt am ersten Tag nordöstlich
über die Riobamba-Ebene nach dem am Rio Chambo gelegenen Dorf
Penipe, am zweiten Tag von Penipe in die Ostkordillere hinein und
am Rio Collanes hinauf zur Hacienda Releche, und am dritten Tag von
Releche steil hinauf in die Páramoregion bis zum Fuß des großen
Altar-Kratereinschnittes im obersten Collanes-Tal. (S. Karte S. 130.)
Am 1. Juli ritten wir mit dem Mayordomo Santiago, den beiden auf der
Chimborazotour bewährten Arrieros und acht ihrer Lasttiere (lauter
Mulas) nach Nordosten ab. Nach fünf Stunden waren wir in Penipe. Die
ganze Landschaft dahin, die östliche Riobamba-Ebene mit ihren Hügeln
und Stufen und der Ostfuß des Igualata bis zum Chambofluß ist die
gleiche sandige, staubige, windige, dunkelgraue Wüstensteppe wie
westwärts zum Chimborazo hin. Es geht auf schattenlosem Weg, auf dem
die Tiere bis über die Hufe im Sand versinken, bergauf bergab meist
zwischen Hecken von Agaven und graugrünen Kaktussäulen fort. Unter dem
Sand liegen, wie am besten an den Wänden einiger vom Igualata kommender
tiefeingeschnittener, trockener Wasserrisse, die wir durchreiten
müssen, zu sehen ist, schlackige Lavaströme vereinzelter benachbarter
Eruptionsstellen, zersprengte Lavabänke, grobe Konglomerate, Gerölle
und Tuffe in mannigfaltigstem Wechsel.
Auf offenen Flächen ist der Sand und Staub zu langen Dünenzügen mit
gerippelter Oberfläche zusammengeweht, die oft bis zu 2 Meter hoch
werden. Wo aber der Staub an geschützten Stellen zur Rast kommt und
von den nächsten Regengüssen festgemacht wird, bildet er einen dichten
Löß, der oft vielfältig gebändert ist, allerlei vegetabile und andere
Einschlüsse hat, und in mächtigen Schichten von den durch direkte
Ablagerung vulkanischer Aschen entstehenden Tuffschichten kaum zu
unterscheiden ist. In diesen verfestigten Löß- wie in den Tuffschichten
fassen die Pflanzen am ersten wieder festen Fuß. Aber der Machthaber
des andinen Klimas, der Wind, läßt ihnen nirgends dauernde Ruhe. Wenn
er wieder zugepackt hat, nagt er ein Sand- oder Staubkorn nach dem
andern los und entblößt allmählich den ganzen Wurzelstock der Pflanze,
so daß sie vertrocknend abstirbt.
Regellos durch die Landschaft verstreut, meist mitten in ihren
Feldern, stehen die Strohhütten der indianischen Bauern. Es sind
pyramidenförmige Bauten aus den bis 10 Meter langen, armdicken
Blütenstengeln der Agave, über die ein hohes, breitfirstiges Dach aus
dem langhalmigen Sigsiggras (~Arundo nitida~) bis zum Erdboden herab
gelegt ist. Darin gibt es weder Fensteröffnung noch Rauchfang. Vorn
ist durch einen Ausschnitt im Dach und einen kurzen vorspringenden
Dachansatz eine kleine Vorhalle hergestellt, wo die Türe angebracht ist
und am Tag die häuslichen Arbeiten verrichtet werden. Der Innenraum
ist gewöhnlich durch eine Zwischenwand geteilt, auf deren einer Seite
die Feuerstelle und Schlafstätte, auf der andern der Wirtschafts- und
Vorratsraum, der Aufenthalt der Hunde und Hühner ist. Die Schlafstätte
ist nur eine mit Schaffellen belegte Schütte dürren Grases, die
Feuerstelle nur ein auf dem Erdboden liegender, mit ein paar Steinen
umstellter Aschenhaufen, das Hausgerät nichts als einige Matten, ein
paar unglasierte Töpfe, Kürbisschalen, ein Wasserkrug und eine Bank;
nichts was einen Schritt über das Maß des Allernotwendigsten und
Primitivsten hinausginge; nichts, was auch nur eine Spur von Schmuck
und Zier an sich trüge.
Bei der Hütte treiben sich gewöhnlich ein paar schwarze Schweine oder
einige Ziegen umher und fressen, was ihnen vors Maul kommt. Seltner
sind schon Schafe und noch seltner Rinder, die hier im eng bemessenen
Kulturland nicht frei umherlaufen dürfen, sondern neben der Hütte fest
angepflöckt stehen und gefüttert werden. Einige Hühner fehlen fast nie
und ebensowenig ein paar ruppige, windhundartige, kurzhaarige Köter,
die jedem Fremden mit wütendem Gebell entgegenstürzen, aber niemals
beißen. Sie müssen selbst zusehen, wo sie etwas zu fressen finden, denn
gefüttert werden sie nicht. Sie sind deshalb erbärmlich ausgehungert
und stehlen, was sie erwischen können. Ein ekles Gezücht, aber gute
Wächter.
Die ganze Menagerie mit Ausnahme der Rinder wird nachts mit in die
Hütte genommen. Und da diese nie gereinigt wird und die darin
hausenden Indianer sich ebensowenig waschen wie ihr Vieh, so wimmelt
die dreckige Behausung und ihre Bewohnerschaft dermaßen von Flöhen und
Läusen, daß man nach einmaliger Erfahrung lieber draußen in Wind und
Wetter bleibt als drinnen am »traulichen Herd«. Solche Prachtexemplare
von Flöhen, wie in den Indianerhütten Hochecuadors, habe ich selbst in
den deshalb verschrienen italienischen Alpenhütten nicht gesehen. Den
Wanzen dagegen scheint das Hochlandklima nicht zu bekommen. Ich machte
nur ein einziges Mal intime Bekanntschaft mit ihnen. Um so besser
gedeihen die Läuse. Überall sieht man Männer, Weiber und Kinder bei der
gewohnten Beschäftigung des gegenseitigen Lausens, und wie in vielen
anderen Ländern, so knackt auch hier der glückliche Finder die Tierchen
mit den Zähnen tot.
Halbwegs zwischen Riobamba und Penipe durchreiten wir das tiefliegende
breite Tal des vom Igualata kommenden Rio Guano; ein unpoetischer Name
für ein Bergflüßchen, aber dem Äußern nach berechtigt, weil der Fluß an
seinen Ufern hellgraue Kalksinterbänke abgesetzt hat, wie Guanodecken
auf einer Vogelinsel. Der im übrigen zwischen engen, hohen Steilwänden
forteilende Fluß erweitert an dieser Stelle sein Tal zu einer etwa
400 Meter breiten grüngrasigen Mulde, einer wahren Oase in der Wüste.
Jenseits von ihr erreichten wir in einer Stunde die Paßhöhe am
Südostfuß des Igualata und ritten steil auf miserablem Weg in das enge
schluchtige Tal des Rio Chambo hinab, während westlich an den schroffen
Wänden des Igualata mächtige Mauern von säulenförmig abgesonderten
Lavabänken wie alte Festungsruinen zu uns herunterdrohten. Von der
andern, östlichen Seite des Rio Chambo aber winkten grüne Wiesen
und gelbe Felder von den steilen unteren Hängen der Ostkordillere
herüber, die nun als ein mächtiger, wolkenschwerer Wall sich vor
uns ausstreckte, und unter uns auf einer Bodenterrasse am Fuß der
Ostkordillere leuchteten über den Fluß her die weißgetünchten Häuschen
von Penipe.
Am Chambofluß gab es für uns einen langen, lästigen Aufenthalt. Einige
Dutzend Indianer von Penipe waren unter Aufsicht eines Beamten dabei,
die uralte Hängebrücke auszubessern, die viele Stunden weit den
einzigen Übergang über den Fluß bildet. In derselben Verfassung, in der
sich dieses wunderliche Bauwerk heute befindet, hat es bereits Humboldt
in seinem Atlas »~Vues des Cordilleres~« (freilich fälschlicherweise
in einer prächtigen Palmenlandschaft) abgebildet. Das beweist, daß das
Bauwerk haltbar ist trotz seines bedenklichen Aussehens. Es ist der
Typus einer ecuatorianischen Hängebrücke: zwei armdicke Agavenbastseile
sind etwa zwei Meter voneinander von einem Ufer zum andern gezogen. Auf
jedem Ufer sind sie durch starke Holzböcke straff gespannt, so daß sie
einige Meter über dem Wasser bleiben. An den Seilen hängen zahlreiche
Baststricke, und diese tragen rohbehauene Bohlen, die außerdem noch
auf einem Netzwerk von Stricken liegen. Über diesen schwebenden,
schwankenden Knüppeldamm traversieren behutsam Menschen und Tiere; ein
Fehltritt ist gefährlich, denn die dunklen Wasser des Chambo, der hier
etwa 20 Meter breit ist, sind tief und reißend.
Steil und auf steinigem Weg geht es auf dem rechten Ufer des Chambo
zur Terrasse von _Penipe_ (Kirchplatz 2520 Meter) hinauf, das, von
zahlreichen künstlichen Wassergräben durchzogen, zwischen grünen,
ummauerten Feldern, Obstgärten und riesigen dunklen Eukalypten daliegt
wie eine kleine Burensiedlung im südafrikanischen Steppenland. Nur
sieht es hier viel ärmlicher und schmutziger aus als weiland in
Südafrika.