In Cunucyacu gab es bis in die Nacht hinein viel Arbeit mit dem

Verpacken der Sammlungen, Neuordnung der Lasten, Revision der

Instrumente usw. Aber am nächsten Morgen war die Karawane schon wieder

fix und fertig auf den Beinen, um der _Nordseite des Chimborazo_ einen

Besuch abzustatten, wo der Reiß- und der Sprucegletscher schon längst

aus der Ferne mein Interesse erregt hatten. Unser Führer war wieder der

junge Indianer Nicolas.

Das Wetter war nebelig und regnerisch. Je näher wir dem Carihuairazo

und der Gegend des ob seiner Stürme berüchtigten Abraspungopasses

kamen, desto kälter sauste uns wieder der Wind von Osten entgegen.

Schweigend und bis über die Ohren in die Regenponchos eingehüllt,

ritten wir einer hinter dem andern auf dem kaum fußbreiten, tief

ausgetretenen Pfad durch den triefnassen Graspáramo hinan.

Bei einigen am sumpfigen Weiher _Pailacocha_ liegenden Grashütten, die

mit 4266 Meter Höhe die _höchstgelegene Ansiedlung_ (Hato) am ganzen

Chimborazo darstellen, ließ ich die Karawane mit den Arrieros zurück,

ordnete das Aufschlagen der Zelte an und ritt, da es noch ziemlich früh

am Tag war, mit Herrn Reschreiter und dem Indianer Nicolas zum Nordhang

des Chimborazo fort, wo uns der Reißgletscher entgegenleuchtete.

Gleich hinter unserm Lagerrücken geht es leicht hinab in ein weites,

wannenförmiges, grasiges Tal, das Pailacuchu, das zum Berg hin in ein

mehr steiniges, flachsohliges Tal mit amphitheatralischem Talschluß

übergeht, das Sancharumi. Runde, flache Hügel und lange niedrige

Bodenwellen, großenteils mit Azorellapolstern bewachsen, aber an vielen

Stellen auch den nackten, typischen Moränenschutt darunter hervortreten

lassend, ziehen über den Talgrund hin; lange und kurze Wälle von Schutt

liegen an und auf den felsigen Seitenrücken des Tals, die es von den

Nachbartälern trennen, und an den Felsen der östlichen Tallehne bei

4496 Meter entdeckte ich bald eine vom Gletscher abgeschliffene und

geschrammte Wand. Das ganze Tal, das eine mittlere Höhe von 4300 Meter

hat, ist ein altes Gletscherbett; es zieht sich nordostwärts in der

Richtung zum Abraspungopaß hin und hat einst seinen eisigen Inhalt

allem Anschein nach dem großen Gletscher zugeführt, der zwischen

Chimborazo und Carihuairazo nach Osten hinabfloß. Im Hintergrund dieses

Sancharumi-Tales ragt die Zungenspitze des Sprucegletschers herein.

Zum Sprucegletscher ging aber nicht mein Weg, sondern in das höhere,

westlichere Nachbartal hinauf, in dessen Talschluß der breite, steile

_Reißgletscher_ seine beiden Zungen hineinstreckt. Er nährt sich teils

von den Firnmassen des Norddoms, zum kleinern Teil vom Westgipfel,

dessen Firnpanzer 1000 Meter über dem Gletscherende am Oberrand der

nördlichen Felswände abbricht und die abgebrochenen hausgroßen Blöcke

in einem einzigen Sprung auf die Gletscherzunge hinunterstürzen läßt,

wo sie, in Millionen von Splittern zerberstend, die Gletschermasse

vermehren.

Wir reiten über enorme alte Moränenmassen, die das Reißtal zum größten

Teil erfüllen, dem Gletscher entgegen. Die farbenreiche, reizvolle

Flora der obersten alpinen Zone, die uns so oft schon entzückt hat,

begleitet uns auch hier bis zu etwa 4800 Meter hinauf, wo die

jungen Moränen beginnen. Auch hier schwirren blitzende Kolibris um

die honigreichen Chuquiraguasträucher und »stehen« mit vibrierenden

Flügeln vor den Blüten in der Luft wie Nachtfalter. Kaum 100 Meter

über uns ziehen zwei Kondore ihre großen Spiralen und spähen nach

einem gefallenen Stück Vieh oder nach einem achtlosen Andenhasen. Ein

kleiner Bach, Tarugayacu, fließt von der Stirn des Reißgletschers ab;

alles übrige Schmelzwasser, soweit es nicht schon auf dem Gletscher

verdunstet, versickert schnell im Moränenschutt und kommt erst 600 bis

800 Meter tiefer auf festem Gestein wieder zum Vorschein.

[Illustration:

Paul Großer 1902.

Nordnordostseite des Chimborazo. Vorne alte Glaziallandschaft (4300

~m~).]

Während hier Herr Reschreiter zurückblieb, um trotz der Regenschauer

und der Schneewirbel ein Temperabild des Gletschertals und der

Eiszunge zu malen, kletterte ich mit dem immer bereiten Indianer

Nicolas über die verwünscht rutschigen, jungen Moränenhügel und

-halden noch über 300 Meter hinauf zum Gletscher selbst. An der

Gletscherstirn (5101 Meter) kommt der Abflußbach nicht aus einem

Gletschertor hervor, sondern in mehreren kleinen Wasserfäden aus

verschiedenen Teilen des der Grundmoräne aufliegenden Eisbodens. Sein

Wasser ist von der Grundmoräne der rotbraunen Laven rötlich gefärbt,

weshalb er Pucayacu (Rotwasser) genannt wird. Rotbraun ist auch die

ganze Stirn der Gletscherzunge bis zu 100 Meter höher hinauf vom

auflagernden Moränenschutt. Diese satten Farbentöne vereinen sich mit

dem Silbergrau des Gletschereises, dem reinen Weiß der Firnhänge, dem

tiefen Blau des Hochgebirgshimmels und dem millionenfachen Flor der

kleinen Gebirgsblumen zu einem wundervollen Bild andiner Symphonie und

Harmonie.

[Illustration: Westseite des Carihuairazo, vom Abraspungo (4500 ~m~)

aus.]

Nach stundenlangem Zeichnen, Malen, Messen, Photographieren, Sammeln

kamen wir bei Sonnenuntergang totmüde ins Lager zurück und merkten

in unserm festen, kleinen Zelt und in den warmen Schlafsäcken nicht,

daß es in der Nacht stürmte, regnete, hagelte, schneite, bis die

Morgensonne dem Aufruhr ein Ende machte. Bei schönster Beleuchtung

konnte ich den jetzt absolut wolkenlosen nördlichen Chimborazo ein

halbes dutzendmal photographieren und vieles sehen und messen, was am

Tag vorher unsichtbar gewesen war. Auch der Carihuairazo (5106 Meter)

stand einige Minuten ganz frei vor uns und überraschte mich vor allem

durch die außerordentlich große Ausdehnung des Firnmantels seiner

Südwestseite.

[Illustration: Zeltlager (5145 ~m~) auf der Nordnordwest-Loma des

Chimborazo.]

Als wir zum _Abraspungo_ aufbrachen, um über den Paß und durch das

Abras-Tal nach dem Städtchen Mocha am Ostfuß des Carihuairazo zu

gelangen, rüstete sich der Wetterhimmel bereits, uns auf der Paßhöhe

würdig und landesüblich zu empfangen. Über den obern Chimborazo legte

sich wieder eiligst von Osten her die bekannte weiße Sturmwolkenhaube.

Auch vom Carihuairazo kamen die dicken Nebel wie Sturzbäche herüber-

und heruntergeströmt, und bald brausten die kalten Ostwinde mit Nebel,

Regen und Schnee über den Paß und über uns selbst, daß uns Hören und

Sehen verging. Den ganzen Tag kämpften wir dem Hundewetter entgegen,

bis wir aus dem Abras-Tal in die Páramos der Ostseite hinabkamen; ein

böses Stück Arbeit für uns und ein noch böseres für unsere Tiere.

Der Abstieg durch das Abras-Tal nach Osten ist viel steiler als der

Anstieg auf der Westseite zum Abraspungo-Paß. Ohne den ortskundigen

Indianer Nicolas wäre uns ein Durchkommen ganz unmöglich gewesen.

Eine Zeitlang führte unser Pfad auf offenbaren Moränenhügeln jüngern

Alters entlang, und wo er an anstehendem Gestein vorbeiging, waren

die Felsen gletschergeschliffene Rundhöcker; aber das unsichtige

Regen- und Nebelwetter verbot jeden Einblick in die weitere Umgebung.

Und bald verlangte auch der Weg selbst – wenn man diesen von braunen

Regenbächen durchrauschten, steilen, steinigen oder lehmigen Graben,

in dem wir ritten oder zu Fuß fortstampften, einen Weg nennen will –

unsere ganze Aufmerksamkeit. Alle Augenblicke rutschten die Tiere auf

den glitschnassen, lehmbedeckten Steinblöcken aus und setzten sich mit

der Hinterhand ins Wasser, oder sie sanken bis an den Bauch in den

zähen Morast und blieben stecken, bis wir ihnen zu viert mit Ziehen,

Schieben und notgedrungen unbarmherzigen Hieben heraushalfen. An Reiten

war da nicht mehr zu denken, und unser Aussehen spottete bald aller

Beschreibung. Die Arrieros mit den Lasttieren blieben immer weiter

hinter uns zurück.

Nach Überwindung einer unter solchen Umständen lebensgefährlichen

Steilstufe betraten wir endlich bei 4160 Meter festen grünen Talboden

und kamen, nun wieder im Sattel, rascher vorwärts. Auch die Regen- und

Nebelschleier wurden lichter; bald erschien freundlichere Vegetation,

vereinzelte niedrige, mit Bartflechten behangene Bäume und Sträucher

von Berberitzen und Fuchsien, die jetzt sämtlich Blüten trugen. Trotz

der alpinen Zwerghaftigkeit wachsen die Pflanzen hier auf der immer

feuchten östlichen Passatseite doch viel üppiger als drüben auf der

westlichen Leeseite des Berges. Mehrere Wildbäche brausen von links

(Carihuairazo) und rechts (Chimborazo) dem Abrasbach zu, der allmählich

zu einem »Rio« anschwillt. Sie kommen in Wasserfällen über die steilen

Seitenwände des Tals herab, das die typische Trogform eines übertieften

alten Gletscherbettes hat.

Da uns nun unser Weg gewiesen war, nahm unser Führer Nicolas Abschied,

um sofort wieder über den stürmischen Paß allein mit seinem Pferdchen

nach Cunucyacu zurückzukehren. Ich lohnte dem braven Burschen seine

guten Dienste und versprach ihm baldige Wiederkehr, die denn auch

einige Wochen später erfolgte. Bei 3930 Meter verließen wir das sich

plötzlich zur Schlucht verengende Bachtal und traten auf die weiten

welligen Graspáramos hinaus, die langsam zur Hochebene von Riobamba

absinken. Bald erreichten wir, nun wieder an Schaf- und Rinderherden

vorbeireitend, die große nach Quito führende Landstraße (Camino real),

auf der es in langsamem Trab zwischen den Bergen Carihuairazo und

Igualata hindurch ins Tal des Rio de Mocha hinüberging. In tiefer

Dunkelheit langten wir endlich in dem auf steiler Hügelhöhe gelegenen

Städtchen Mocha (3300 Meter) an. Es war der Ausgangspunkt von Touren

auf den Carihuairazo und in nördlichere Bergregionen.

4. Die zweite Besteigung.

Sieben Wochen waren seit unserer ersten Chimborazotour verstrichen. Sie

hatten uns in die Ostkordillere zum Cerro Altar (s. S. 83), dann das

interandine Längstal entlang nach Latacunga, hinauf zum Cotopaxi (s.

S. 128) und an den abseits stehenden, schwer zugänglichen Quilindaña

geführt. Dann waren wir längs der Hochlandstraße an den Vulkanen des

mittlern Ecuador, dem Iliniza, Corazon und Rumiñagui vorbei nach der

Landeshauptstadt Quito geritten, hatten über die interandine Mulde von

Quito quer hinweg einen Abstecher zum Antisana auf der Ostkordillere

gemacht (s. S. 104) und waren schließlich nach _Riobamba_

zurückgekehrt. Nun brachen wir von hier aus am 7. August zum zweiten

Male zum Chimborazo auf.

Die gute Jahreszeit war dicht vor ihrem Ende, die Monate der

alltäglichen Gewitterstürme standen vor der Tür, und der Wetterhimmel

machte bereits ein finsteres Gesicht. Die Riobambeños meinten, es sei

nun in den »Cerros« nichts mehr zu machen und wir sollten uns die

Mühe sparen; aber ich wollte es auf einen Versuch ankommen lassen, da

sich meine Reise dem Ende näherte. Meine kleine Karawane, Menschen

und Tiere, war jetzt auf meine Reisezwecke und Anforderungen so gut

eingearbeitet, daß es jammerschade gewesen wäre, wenn ich mit ihr

die letzte Gelegenheit, vor unserm Abschied aus Ecuador noch einmal

die Chimborazogletscher zu besteigen und die Chimborazofirne zu

untersuchen, nicht voll ausgenutzt hätte.

Unter zweifelnden Glückwünschen der Riobambeños ritten wir um 10 Uhr

morgens aus der Stadt, direkt nach der Südseite zum Tambo Totorillas.

Vor 5 Uhr sattelten wir unsere Mulas bei der _Totorillashütte_ (3979

Meter) ab. Der dicke Nebel ließ uns nichts anderes vornehmen als in der

nächsten Nachbarschaft botanisieren und im Bett des Totorillasbaches

Steine sammeln, die hier von den drei Hochtälern des südwestlichen

Chimborazo zusammengeschwemmt liegen. Am Abend brach doch noch der Mond

durch das finstere Gewölk und ließ da und dort ein Stück der beiden

Hauptgipfel des Chimborazo in wundersamem Silberglanz hervorschimmern.

Das bleiche Licht und die schwarzen Schatten übertrieben alle Höhen und

Tiefen ins Fabelhafte und verliehen dem Berg einen Zug von Wildheit und

sozusagen arktischer Schrecklichkeit, den er bei Tageslicht nicht hat.

Unter dem Einfluß des Mondlichts entpuppte sich mein einer Arriero

Spiridion, dem ich bisher nicht die mindeste Sentimentalität angemerkt

hatte, plötzlich als ein höchst gefühlvoller Gitarrespieler und guter

Sänger. Auf meine Frage, warum er seine Künste nicht schon früher

gezeigt habe, antwortete er lachend: »Solange du am Tage arbeitest,

Padrón, will ich dich nicht stören oder habe ebenfalls zu arbeiten;

und wenn du am Abend aufhörst, bin ich so müde, daß ich nicht mehr

an Musik denke.« Schade um das wochenlange vergebliche Mitführen

des Saitenspiels. Übrigens war der Mann, wie schon erwähnt, ein

Kolumbianer; bei Ecuatorianern findet man solche brotlosen Künste wie

Hausmusik nur ganz ausnahmsweise.

Weniger stimmungsvoll als der Abend war unser nächtliches Lager. Um den

blutdürstigen Flohlegionen im Innern der Hütte zu entgehen, legten wir

uns, da es ziemlich windstill war, unter das Vordach des Tambo, anstatt

unser Zelt weiter draußen aufzuschlagen. Aber in 4000 Meter Höhe soll

auch ein wetterharter Hochgebirgsreisender vorsichtig sein. Bald sprang

eine kalte Brise auf und wehte uns direkt die greulichen Miasmen eines

nahe beim Tambo liegenden Pferdekadavers zu, den, wie ich am Nachmittag

gesehen, die Hunde schon zur Hälfte aufgefressen hatten. Auch in

der Nacht waren sie bei der eklen Arbeit und knurrten einander ohne

Unterlaß um die besten Bissen an. Ich retirierte mit meinem Schlafsack

in einen andern Winkel, geriet aber in Haufen feuchter Kuhfladen,

die hier als Brennmaterial gesammelt und getrocknet werden. So wurde

die Nachtstimmung zwischen Kuhmist, Aasgestank, Schweinegrunzen,

Feuerknistern, Bachrauschen, Gitarreklimpern, Lawinendonner, Windsausen

und Mondschein eine wunderliche Mischung von Beethoven, Lenau und

Zola. Leider gewannen allmählich die häßlichen Bestandteile das

Übergewicht. Als ich beim Hähnekrähen erwachte, war mir übel und weh

zumute von all der Pestilenz, und der kalte Wind hatte mir einen

bellenden Husten beschert, den ich wochenlang nicht wieder loswurde.

Bei Sonnenaufgang weiterreitend, fanden wir auf dem Arenal grande

Schnee in reichlicher Menge liegen. Mitte Juni war davon nichts zu

sehen gewesen. Damals schmückten viele Tausende weitverstreuter

kleiner Blumen die grauen Bimssteinflächen mit der Anmut des jungen,

farbenfrohen Frühlings. Aber die Herrlichkeit war kurz; jetzt waren die

zarten Kinder Floras verblüht, und es herrschte wieder für die übrigen

elf Monate des Jahres die tiefernste, dem Leben feindliche Starrheit

der alpinen Wüste. Dieses schnelle Aufflackern des Frühlings, unter dem

sich der Charakter der Landschaft für kurze Zeit total verändert, ist

in den äquatorialen Hochanden eine Eigentümlichkeit der obersten Region

der Blütenpflanzen. In der nächsttiefern Region, in den Graspáramos,

merkt man davon nichts. Der Páramo bleibt immer »Pajonal« (~paja~ =

Stroh), in dem die Mehrzahl der Halme und Rispen verdorrt ist; er

prangt nie in frischem Grün, und die angebliche »Primavera eterna«

dieser Zonen ist mit gleichem Recht ein ewiger Sommer oder ewiger

Herbst zu nennen. »Ewig« ist nur die Monotonie der Erscheinung in

diesen Graspáramos.

Nach Nordwesten hin nahm der Schnee schnell wieder ab, und bei der

Hacienda _Cunucyacu_ sah alles genau so aus wie Mitte Juni. Nur hatte

der Schnapsteufel von den Bewohnern Besitz ergriffen. Ein Besucher

hatte nach Landesbrauch einen tüchtigen Vorrat Mallorca-Branntwein

mitgebracht und die ganze Familie so gründlich alkoholisiert, daß

nichts mit ihnen anzufangen war. Erst nach zwölf Stunden bekam ich den

Hausherrn so weit, daß er in der elegischen Stimmung eines ungeheueren

Katzenjammers meine Wünsche nach Trägern und Proviant erfüllte.

Am 9. August vollführten wir von Cunucyacu unsern Aufritt und Aufstieg

zu unserm _alten Zeltplatz_ über der Vegetationsgrenze in 5145 Meter

Höhe. Allerwärts waren noch Spuren unseres ersten Aufenthalts zu

erkennen. Bald waren wir wieder mit den beiden Eingebornen von damals

in unseren beiden Zeltchen installiert.

Im Lauf des Nachmittags hatte ich wohl ein dutzendmal den Donner der

Eislawinen gehört, die von den Abbruchwänden des Firnrandes in die

tiefen Talrunsen der Nordseite des Berges stürzten. Gegen Abend wurde

es mit dem Sinken der Temperatur unter 0° still in den Eisregionen,

aber um unser Lager pfiff der kalte östliche Nebelwind und bombardierte

das Zelt mit körnigem Schnee. Wenn draußen ein Unbeteiligter die beiden

stummen kleinen Zelte im stürmischen Schneewehen der über 5000 Meter

hohen Gebirgswüste hätte liegen sehen, er hätte sie für verlassen

halten müssen. Wenn er aber durch die Türklappe gelugt hätte, hätte er

in unserm Zelt ein eigenartiges Stilleben entdeckt. In der Mitte ein

länglicher niedriger Stahlblechkoffer, und rechts und links davon, in

den Schlafsäcken halb vergraben, zwei hockende Europäer in Wolljacken

und Wollmützen, die beim trüben Schein einer alpinen Kerzenlaterne

Notizen schrieben, ihre zerrissenen Hosen flickten, Tabak rauchten und

über die Aussichten des kommenden Tages plauderten. In allen Ecken des

Zeltes alpines Gerät, Kleidungsstücke, Proviantbüchsen und dergleichen:

das Ganze die primitivste, engste, einsamste Heimstätte europäischer

Kulturmenschen, die in eine große lebensfeindliche Natur für kurze Zeit

hineingezaubert ist; und gerade im Gegensatz zu dieser starren Natur

gibt uns das kleine Heim ein so freundliches Gefühl von Gemütlichkeit

und Sicherheit, daß ich es dem vielseitigen Reiz eines opulenten

Zeltlagers in der weiten, freien, afrikanischen Steppe für kurze Zeit

mindestens gleichschätze.

Im hellen Mondenschein ging es um 5 Uhr früh bei 5° Kälte fort. Im

Osten dämmerte es schon leise. Der obere Chimborazo lag frei im fahlen

ersten Frühlicht, finstere Schatten zu uns her ausstreckend, aber auf

dem ganzen Unterland lag ein graues, welliges Wolkenmeer, das sich

langsam zu heben schien. Da der Wind eingelullt war und der Nachtfrost

den Schutt auf unserm alten nordnordwestlichen Aufstieggrat gefestigt

hatte, kamen wir schnell vorwärts.

Nach Sonnenaufgang kam schnell Bewegung in die Luft, und bald wehte

der Ostwind mit immer dichter werdenden Nebeln über die Firnfelder

der Gipfelregion. Gegen 8 Uhr standen wir unter den »Roten Wänden«

(5715 Meter) am Unterrand der Firnhaube des Westgipfels. Das dicke

Firnpolster, das noch sieben Wochen vorher auf der Oberkante der

Felswand gelegen hatte, war jetzt weggeschmolzen, aber die Felsen

waren dadurch nicht zugänglicher geworden. Wir mußten sie wie damals

westwärts umgehen, um auf den Firnhang selbst zu kommen. Da hier aber

unsere beiden Begleiter streikten, gab ich ihnen den Laufpaß. Geschwind

trollten sie sich zum Lager hinunter.

8 Uhr 20 ging es mit den Steigeisen los. Wir überschritten den Ostteil

des Stübelgletschers, dessen Eis hier zum großen Teil von einer ¼ bis

½ Meter dicken Decke rötlichen, von den Felswänden herabgefallenen

Schuttes überzogen war, und standen, als wir die Felswände unter

uns hatten, vor der seltsamsten Schnee- und Eislandschaft, die ich

je gesehen. Da es in dieser Zeit in den obersten Regionen offenbar

keinen gründlichen Neuschnee mehr gegeben hatte, hatten Sonne und

Wind einen wahren Vernichtungskrieg unbehindert führen können. Die

vordem so gut begehbaren, wellig angeschmolzenen Firnhänge waren bis

zum Gipfel hinauf in einen furchtbaren Stachelpanzer verwandelt, der

dem andringenden Bergsteiger die stärkste Gegenwehr leistete. Die

Oberfläche des Gletschers, soweit sie aus Firn bestand, und des ganzen

Gipfelfirns starrten von eisigen Zacken, Schneiden, Säulen, Tafeln und

Klippen, die, ½ bis 1½ Meter hoch, zu Millionen nebeneinanderstanden,

und zwar so dicht, daß man sich oft nur mit großer Mühe dazwischen

durchzwängen konnte. Sie sind alle in mehr oder minder deutliche

ostwestliche Reihen angeordnet, haben am Fuß eine Dicke von 10 bis 30

Zentimeter, verjüngen sich nach oben und sind an der Spitze von einem

wahren Filigran dünn geschmolzenen Eises gekrönt, das unserer Phantasie

alle nur denkbaren Figuren und Gestalten vorgaukelt. Wir haben das

typische Bild des »_Nieve penitente_«, des »Büßerschnees« oder

»_Zackenfirns_« vor uns, wie er zuerst von den südlicheren und dann

auch von den nördlicheren Kordilleren Amerikas bekanntgeworden ist und

wie ich ihn auch am obern Kilimandjaro neben eisigen Karrenbildungen

angetroffen hatte.

Der Eindruck dieser Penitenteslandschaft war um so ernster, als ihr

jetzt die Sonne fehlte, die fahl durch die hoch ziehenden Nebel

schimmerte. Man begreift die Entstehung des Namens »Büßerschnee«.

Einer unabsehbaren Schar grauer Mönchsgestalten vergleichbar, stehen

die Eisfiguren da, eine so phantastisch wie die andere und alle in

langen parallelen Reihen aneinandergeschart wie in tausendköpfigen

Prozessionen. An anderen Stellen dagegen glaubt man ein großes

Ruinenfeld zerstörter alter Städte vor sich zu sehen, von denen nur

die Mauerstümpfe in gleichmäßiger Höhe stehengeblieben sind, oder

einen ungeheuern Friedhof voll halbverfallener Grabsteine. Und wieder

an anderen Stellen sehen die zerfurchten und zerzackten Firnfelder in

der perspektivischen Verkürzung aus wie schäumende Wellenzüge, die in

wilder Bewegung plötzlich erstarrt sind.

In Anbetracht dieser Firnbeschaffenheit war es einerlei, wo wir den

Einstieg begannen. Ohne auf unserer frühern Route weiter nach Westen

abzuschwenken, hielten wir uns direkt auf den westlichen Gipfeldom

zu. Der Aufstieg ist aber hier so steil, daß ein Fortkommen ohne

Steigeisen absolut unmöglich ist, wenn man nicht stundenlang Stufen

schlagen will. Jeden Schritt und Tritt mußten wir uns zwischen den bis

an den Unterleib oder die Brust reichenden Firnzacken und Eistafeln

suchen, was uns außerordentlich viel Zeit kostete. Etwas besser wurde

es, als wir auf eine trümmerbedeckte felsige Strecke kamen, die aus

dem Firnmantel ausgeschmolzen war. An ihre obere Kante vortretend,

gewahrte ich unter mir die kolossalen Felsabstürze, die wir von tief

unten östlich über unserm Aufstiegsgrat thronen und drohen gesehen

hatten; und neben uns in erdrückender Nähe und Größe brachen die Massen

des Gipfelfirns zu jenen Felsabhängen hin in 60 bis 80 Meter hohen

prachtvollen, gleichmäßig gebänderten und durchschichteten Eiswänden

senkrecht ab, überzogen von 20 bis 30 Meter langen baumdicken Eiszapfen

oder gefrorenen Wasserfällen. Durch Spalten hatten sich Blöcke von

Hausgröße schon teilweise von der Gesamtmasse losgelöst und drohten

jeden Augenblick 600 bis 1000 Meter tief in die Abgründe des Tales

Pucahuaico zu stürzen, wo sie sich, wie wir unten sahen, zu einem

regenerierten Gletscher vereinigen, der fast ganz unter Schutt begraben

liegt.

Hochtouren im tropischen Amerika · 第 4 / 11 段