Die Hacienda Cunucyacu, das Standquartier für unsere Besteigungen und

Untersuchungen der Nordgletscher des Chimborazo, ist mit 3759 Meter die

höchstgelegene Hacienda an der Nordseite des Berges. Wir sind zwar hier

ziemlich fern von ihm – zweieinhalb Stunden flotten Reitens bis zum

Fuß, und in Luftlinie zirka 15 Kilometer zum Gipfel –, aber wir haben

keine andere Wahl. Auf der ganzen West- und Nordseite des Chimborazo

ist es oberhalb 3000 Meter die einzige menschliche Siedlung, wo für

uns, unsere Leute und Karawanentiere genügende Nahrung und Unterkunft

zu finden ist. Sonst gibt es auf der Nordseite zwar noch ein paar zu

Cunucyacu gehörende einsame, dem Bergfuß nähere Hirtenhütten oder

Vaquerias, z. B. den Hato Pailacocha (4266 Meter), aber dort ist

bestenfalls ein Trunk saurer Schafmilch zu haben, und das ganze übrige

Gebiet bis zum Tambo Chuquipoquio am Ostfuß des Gebirges, so groß wie

mancher deutsche Kleinstaat, ist unbewohnt, menschenleer und nur von

einigen halbwilden Schaf-, Lama- und Rinderherden durchstreift, die

sich in den rauhen Páramos ihre Nahrung und ihr Nachtlager selbst

suchen müssen. Überall nur fahles, steifes Páramogras oder Sumpf oder

Sand und vulkanischer oder glazialer Gesteinschutt, nirgends ein Baum

oder Busch.

Bloß neben der Hacienda Cunucyacu, die sich wohlweislich gerade da

hingelagert hat, wo das Hochtal des Pucayacubaches (~puca~ = rot,

~yacu~ = Wasser) sich zu einem ziemlich tiefen geschützten Kessel

erweitert, grünt es innerhalb einer Umfriedigung (Potrero) frisch

von Alfalfa (Luzerne) für das Jungvieh und von Kohl für den Haushalt

des Mayordomo. Aber sonst ist die Hacienda in schlimmem Zustand.

Wohnhaus, Gesindehaus und Ställe sind vor einem halben Jahr ein Raub

der Flammen geworden – was diesen größtenteils aus trockenem Páramogras

aufgeführten Baulichkeiten alle paar Jahre einmal zu passieren pflegt

– und die ausgebrannten Grundmauern stehen trauernd neben unserer

neuen Strohhütte. Der Mayordomo behilft sich mit einigen Strohhütten

auf den benachbarten Hügeln und erweist sich uns gegenüber als Wirt

so zuvorkommend und hilfreich, wie es ihm seine engen Verhältnisse

nur gestatten. Auch ist es in diesen gottverlassenen Gegenden von

Wichtigkeit, daß sein junges Weib außer Locro (Kartoffelsuppe) auch

noch einiges andere kochen kann, was ein genügsamer Europäer zu

genießen vermag.

[Illustration: Nordnordwestseite des Chimborazo, von der Hacienda

Cunucyacu (3800 ~m~) aus.]

Bei unserm »Herrenhaus« fand sich am nächsten Tag bald eine

Versammlung von Vaqueros (Rinderhirten) ein, die der Mayordomo aus der

Umgegend hatte zusammenrufen lassen, um mich daraus einen Führer für

die Bergtour wählen zu lassen. Lauter famose Gestalten, teils reine

Indianer, teils Halbblüter, alle von untersetzter Figur und muskulös,

alle grauenhaft schmutzig, alle in verwettertem Filzhut, Poncho und

langhaarigen Lamafellhosen und mit nackten Füßen, an welche wahre

Ungeheuer von Sporen geschnallt sind. Auf ihren kleinen struppigen,

mageren Pferden jagen die Kerle wie die Teufel über ein Terrain, vor

dessen Löchern, Rissen, Sümpfen und Steinblöcken sich ein preußischer

Kavallerieleutnant zehnmal überlegen würde, ob er seinen Gaul nicht

lieber am Zügel führen solle. Ich wählte mir einen strammen, braunen,

gutmütig dreinschauenden Burschen aus und habe meine Wahl nicht zu

bereuen gehabt. Nicolas hieß der Brave.

[Illustration: Nordseite des Chimborazo, von Paila-cocha-pungo (4266

~m~) aus.]

Von der Talsohle aus, auf der die Hacienda Cunucyacu liegt, sieht

man gar nichts vom Chimborazo. Vom obern Talrand aber hat man bei

klarem Wetter einen wundervollen Überblick über den Berg; am besten

frühmorgens und spätnachmittags. Pyramidenförmig baut sich die

Nordwestfront vor uns auf. Rechts und links ziehen zwei Steilgletscher

herab, rechts der längere »Stübelgletscher« vom Westgipfel, links

der kürzere »Reißgletscher« vom Nordgipfel, zwischen ihnen das tief

in das Bergmassiv wie ein großes Kar hineingeschnittene Kesseltal

Pucahuaico (»rotes Tal«), über dessen oberen roten Felswänden die

Eismauern des Gipfelfirns aufsteigen. West- und Nordgipfel rücken in

dieser Ansicht nahe zusammen, getrennt und zugleich verbunden durch

einen leicht gesenkten Firnsattel, über dem die weiße Kuppe des

Südgipfels, des höchsten von allen (6310 Meter), noch hindurchblickt.

Von der Ostflanke des Stübelgletschers, zwischen diesem und dem tiefen

Pucahuaico, streckt der Berg nach Nordnordwesten einen hohen langen

Fels- und Schuttkamm, die Puca Loma, wie einen riesigen Strebepfeiler

auf Cunucyacu herab aus, auf dessen Rücken man ohne wesentliche

Hindernisse bis zur Eisgrenze aufsteigen kann; diese liegt dort über

5700 Meter, höher als irgend woanders am Chimborazo, und der Übergang

auf den Firnmantel der Gipfeldome schien nicht schwierig zu sein.

Die Wahl dieser, wie auf den ersten Blick zu sehen war, direktesten

Aufstiegroute ergab sich für mich von selbst.

3. Die erste Besteigung.

Am frühen Morgen des 20. Juni, nach einer stürmischen Nacht, in der

ich an bohrendem Kopfschmerz, Herr Reschreiter an Atembeklemmungen

merkte, daß unsere Höhenanpassung noch unvollkommen war und die

Bergkrankheit (Soroche) sich anmeldete, ritten wir durch das Tal

des Pucayacu dem Chimborazo entgegen. Ich hatte sechs Lasttiere,

den geländekundigen Indianer Nicolas aus Cunucyacu und die acht in

Chuquipoquio angeworbenen Indianer mitgenommen, die weiter oben bei

Beginn des schwierigen Terrains die Lasten von den Tieren übernehmen

sollten. Auf dem flachen Talboden des Pucayacu weideten kleine Herden

von Schafen und Lamas und wurden bei unserm Nahen flüchtig. Lamas

als zahme Herdentiere in den Páramos sind immer eine sonderbare

Erscheinung, an die man sich auch bei längerm Aufenthalt nur schwer

gewöhnen kann; so sehr machen die wie Rehe oder Antilopen dastehenden,

äugenden und sichernden Tiere den Eindruck von Wild, daß sich schon

mancher erfahrene Reisende täuschen ließ.

Nach zweistündigem Ritt beim Hato Poquios (4087 Meter) angelangt, ließ

ich für uns zwei kleine Fässer mit Trinkwasser füllen, da es oben auf

dem Nordnordwestgrat keine Quellen mehr gibt. Ein kurzes Stück danach

beginnt bei 4100 Meter die starke Steigung der _Nordnordwest-Loma_

(Puca Loma) und damit im orographischen Sinn der Nordfuß des

Chimborazomassivs. Sobald wir hier den steilern Anstieg begonnen

haben, lassen wir das Grasland (Pajonal) hinter uns und treten in eine

geognostisch, klimatisch und botanisch ganz andere Landschaft ein.

Diese vom Berg ausgestreckten Steilrücken (Lomas) bauen sich teils aus

Felsleisten und -graten, teils aus zersplittertem Felsschutt, Bimsstein

und Sand auf, in dem nur wenige zähe Gewächse aushalten können. Der

Vegetationscharakter ist derselbe wie auf dem Wüstenplateau der West-

und Westnordwestseite, nur die Pflanzenarten sind weiter oben, wo die

klimatischen Extreme noch viel größer werden, andere als dort. Über

die exponierten Hänge und Kämme braust den größten Teil des Tages ein

kalter heftiger Wind, entweder als Fallwind von den Eisgipfeln des

Berges herab oder als Steigungswind vom westlichen Unterland herauf

oder als Passat von Osten her. Mit sausendem Getöse wirbeln uns dicke

Staubtromben entgegen, zum Entsetzen unserer Mulas, die jedesmal kurz

kehrtmachen und auszureißen versuchen. Wie auf dem Wüstenplateau der

Westseite weht auch hier der Wind den Flugsand zu langen welligen

und tausendfach gerippelten Dünen zusammen. Vom windgepeitschten

Flugsand geglättete und geschliffene Steine (Dreikanter) liegen in

Mengen umher. Der Wind begräbt einerseits die niedrige Vegetation im

Sand, andererseits entblößt und tötet er die Polsterpflanzen und das

Knieholz durch Deflation. Oft sehen die abgestorbenen sonnengebleichten

Wurzelstöcke aus, als seien sie künstlich herauspräpariert.

Aber die lebenden kleinen Pflanzen stehen auch jetzt hier im

Frühlingsschmuck ihrer zahllosen zarten Blüten und verleihen dem sonst

so düstern Bild einen freundlichen Schönheitsschimmer. Zu Millionen

sind in der Region zwischen 4100 und etwa 4500 Meter innerhalb des

Gesichtsfeldes die kleinen krokusartigen oder sternförmigen weißen,

violetten, purpurroten und gelben Blumen der schon genannten Arten

über die Sand- und Schuttflächen verstreut. Über dieser Region,

etwa zwischen 4500 und 4800 Meter, treten die knorrigen, niedrigen

Chuquiraguasträucher zur obersten Vegetationsformation des Berges

zusammen, nicht sowohl durch Vermehrung ihrer Individuen, als durch

Verschwinden der vielen kleinen Gewächse, die sie bis hierherauf

begleitet haben. Auch sie stehen jetzt im Flor und beleben mit ihren

daumengroßen rotgelben pinselförmigen Blüten die einsame Landschaft.

Da und dort schießen um die Blütenstände ein paar winzige Kolibris wie

Diamantblitze hin und her, grün und rot metallisch schillernde Tierchen

(~Oreotrochilus~).

Gegen Mittag rasteten wir in 4720 Meter Höhe unter einigen uns

gegen den Ostwind schützenden Felsen. Mehrere von ihnen sind vom

sandbeladenen Wind geschliffen und gefurcht, so daß man zuerst an

Gletscherwirkung denken könnte. Hier leuchtete uns aus einigen

geschützten Standorten, wo der Sandboden ein wenig feucht ist, die

merkwürdigste und schönste aller hochandinen Pflanzen entgegen, das in

einen dichten hellbraunen Haarpelz gekleidete, etwa 30 Zentimeter hohe,

großblätterige, dickstengelige ~Culcitium rufescens~, das abgesehen

von seinen fahlgelben quastenförmigen Blüten einem riesigen Edelweiß

unserer Alpen gleicht.

Unter einem stürmischen Schneegestöber, das uns den ersten hochalpinen

Gruß des im Wolkengewirr versteckten Chimborazogipfels brachte, ritten

wir steil weiter hinan über grobes Trümmergestein. Bald aber war

unserm Vordringen im Sattel Halt geboten. Die Tiere, von denen wir

abgesessen waren, rutschten in dem lockern Schutt immer wieder um die

Hälfte des Schrittes zurück, blieben nach jeden weiteren paar Metern

prustend und mit fliegenden Weichen stehen und versagten schließlich

ganz. Sie unterlagen sichtlich dem Einfluß der dünnen Höhenluft. Bei

4920 Meter ließ ich absatteln und abladen und den acht Indianern so

viel aufpacken, wie jeder schleppen konnte. Der Rest des Gepäcks blieb

liegen, um am Spätnachmittag von den Peones nachgeholt zu werden.

Von uns Weißen trug jeder seinen vollgefüllten Rucksack nebst allen

möglichen Zutaten. Während sich die Arrieros mit den Tieren schleunigst

nach Cunucyacu hinab aus dem Staube machten, mühten wir uns auf den

abschüssigen Schutthängen langsam weiter bergan; auch wir alle zwei bis

drei Minuten kurz im Stehen rastend, um der Atemnot Herr zu werden,

die jetzt in 5000 Meter bei der schweren Anstrengung und Belastung mit

Macht über uns kam. Sonstige Beschwerden von Bergkrankheit blieben noch

aus. So brauchten wir zwei gute Stunden, um 250 Meter zu bewältigen.

Mitte des Nachmittags trafen wir auf dem Rücken des Nordnordwestgrates

bei 5145 Meter auf einen einigermaßen ebenen Fleck neben einem Haufen

großer Felsblöcke, der unseren beiden kleinen Zelten einigen Schutz

gegen den stürmischen Ostwind und gegen die von den Schneegipfeln

herunterblasenden Fallwinde gewähren konnte. Der übrige Teil der

Nordnordwest-Loma bis an die Eisgrenze bei 5700 Meter lag als ein

einziger langer Schuttwall sturmfrei über uns. Also wurde in dem

geschützten Winkel das _Lager_ aufgeschlagen, die Zeltstricke

mit großen Steinen fest verankert, und was nicht in den Zelten

untergebracht zu werden brauchte, zwischen den Felsen verstaut. Während

wir zwei Europäer mit Santiago das Lager herrichteten, holten die

Peones die unten an der Abladestelle zurückgelassenen übrigen Lasten

nebst einem Vorrat von Knüppelholz herauf und trollten dann, belohnt

durch einen Extraschnaps, mit dem Befehl von dannen, uns in zwei Tagen

wieder abzuholen. Bei uns im Lager blieb außer dem unvermeidlichen

Santiago nur der in Cunucyacu angeworbene Indianer Nicolas.

Kaum hatten wir unsern Unterschlupf fertig, als es von Osten her so

stark zu wehen und zu schneien begann, daß an weitere Unternehmungen

fürs erste nicht zu denken war. Wir hockten und lagen den Rest des

Nachmittags im Zeltchen, tranken Tee, rauchten, schrieben Tagebuch

und plauderten. Als es am Abend klarer wurde, hatten wir etwa 15

Zentimeter Neuschnee um uns, und nach oben hin war am Berg noch viel

mehr gefallen. Dort oben aber sahen wir jetzt anstatt des westlichen

Schneedoms eine ungeheuere helle runde Wolkenhaube, die vom Oststurm

fortwährend nach West gejagt wurde und sich von Osten her immer wieder

über den Schneegipfeln erneuerte.

In der Nacht stellte sich auch in unserer Region der Oststurm wieder

ein, und zwar mit verdoppelter Gewalt und mit Schneetreiben; zornig

stieß und riß er an unseren Zelten, »denn die Elemente hassen das

Gebild von Menschenhand«. Wir mußten mehrmals in die schneidige

schneeige Kälte hinaus, um die gelockerten Zeltstricke neu zu

verankern. Zum Schlafen kamen wir nur wenig, denn sobald wir uns zur

Ruhe ausstreckten, begannen die Nöte der Bergkrankheit, des »Soroche«,

uns zu quälen. Um die Lungen zu erleichtern und das Herz zu beruhigen,

mußten wir uns immer wieder aus der gestreckten Lage halb aufrichten

und in tiefen Atemzügen den geringen Druck und Sauerstoffgehalt der

Luft unserer 5145-Meter-Höhe zu paralysieren suchen.

Gegen Morgen stand das Thermometer auf 5½ Grad unter Null, und das

in unseren Metallbechern im Zelt stehengebliebene Wasser war zu

Eisklumpen gefroren. Das Wetter blieb sich gleich. Der eisige Ost

heulte nach wie vor und trieb den am Vortag gefallenen Schnee in langen

fliegenden Fahnen über unsern Grat. Oben über der Gipfelregion zog

noch immer die runde, breite, weiße Wolkenmasse eilig dahin. Unter

diesen Umständen mußten wir uns mit einer bloßen Rekognoszierung auf

unserm Grat hinauf begnügen, die uns in drei Stunden bis an die großen

»Roten Nordwestwände« (5715 Meter) brachte und uns zeigte, daß dort

der Übergang auf den Firn des Stübelgletschers mit Steigeisen gut

ausführbar war.

Als wir am folgenden Morgen (22. Juni) gegen 6 Uhr zur _Besteigung_ des

Westgipfels aufbrachen, der sich noch 1000 Meter über uns wölbte, war

der Neuschnee großenteils weggeblasen und weggetaut, aber der Ostwind

stürmte noch und machte uns das Steigen in dem losen, steilen Schutt

sehr sauer. Besonders Santiago, der ebenfalls einen vollen Rucksack

tragen mußte, klagte über Kopf- und Ohrenschmerzen, Atmungs- und

Herzbeschwerden und hinkte stöhnend hinterher. Besser ging es, als wir

vom Schutt auf die Schneefelder kamen, die noch auf der obern Strecke

unserer Loma lagen. Der Indianer Nicolas zögerte erst vor dem Betreten

des Schnees, da er nur seine gewohnten Bastsandalen (Alpargatas) über

einem Paar meiner Wollstrümpfe trug. Aber eine Prämienzulage gab den

Ausschlag, und er hat sich nicht den mindesten Schaden getan; eine

unerhörte Abhärtung.

Die Schneehänge waren hier in lauter schmale, flachkonkave Stufen

von Handbreite wie die »Schneegangeln« unserer Berge gegliedert,

die ziemlich horizontal von Ost nach West, also fast senkrecht zum

Neigungswinkel des Berghanges verliefen und uns, da der Schnee jetzt

fest gefroren war, das Steigen wie auf Treppen erleichterten. Dank

ihnen erreichten wir trotz des stürmischen Windes schon nach zwei

Stunden den Fuß der großen »Roten Wände«, wo der Übergang auf den

Firndom des Westgipfels beginnt.

Auf den »Roten Wänden« lagert die gewaltige Firn- und Eisdecke des

Gipfeldoms mit senkrechten, sechzig und mehr Meter hohen Abbruchmauern,

an denen die Schichtung des Schnees und die Bänderung des Eises zutage

tritt, wie die Lagen und Bänke der Laven und Agglomerate an den unter

den Eiswänden abstürzenden Felshängen. Die beiden großen Massen

werden äußerlich miteinander durch die gefrorenen Schmelzwasser, die

riesengroßen Eiszapfen, Eisstalaktiten und Eisstalagmiten verbunden,

die, 50 bis 60 Meter lang und 10 bis 15 Meter dick, über die Wände

herabstarren: ein Bild von grotesker Großartigkeit.

Unsere beiden Begleiter kehrten hier, in 5715 Meter Höhe, zum Zeltlager

zurück. Westlich vor uns lag jetzt der Oberteil des Stübelgletschers,

der bergauf in den Firnmantel des Westgipfels übergeht. Der Übergang

auf den Firnhang war mit unseren Steigeisen nicht besonders schwierig.

Fernerhin trafen wir nur an wenigen Stellen auf ausgeapertes Eis;

meist hatten wir eine gut tragende, von der Sonne schalenförmig

angeschmolzene Firnschicht unter den Füßen, ganz ähnlich den

Schneehängen, über die wir heraufgekommen waren. Das war der Anfang

eines Schmelzprozesses, der, wie wir sieben Wochen später sahen, bei

Fortdauer der nämlichen schmelzenden Faktoren allmählich die Firn- und

Eisdecken zu den wunderlichen, wilden Formen des »Nieve penitente« oder

»Zackenfirns« ausgestaltet, der uns bei unserer spätern Besteigung die

allergrößten Schwierigkeiten bereitete. Auf diesen welligen Firnfeldern

traversierten wir nun nach Westen hinüber, weil ich mutmaßte, daß wir

es dort mit weniger steilen Abhängen zu tun haben würden. Dies war

jedoch ein Irrtum. Es dauerte nicht lange, so gerieten wir in eine

Zone kolossaler Spalten, die uns Halt geboten. Bei einer Breite von

20 bis 30 Meter erreichen sie eine Tiefe von mehr als 150 Meter, ohne

den Felsgrund zu treffen. Durch mannigfache Querklüftung sind Eistürme

von 50 bis 60 Meter Höhe stehengeblieben, aber meist schief und

bereit, jeden Augenblick auf die tieferen Partien des Stübelgletschers

hinunterzustürzen, wo ihre Trümmer massenhaft angehäuft sind. In

wunderbarer Schönheit hebt sich in den gigantischen, von blitzendem

Sonnenlicht übergossenen Massen die weiße und hellblaue Schichtung

und Bänderung des Firnes und Firneises ab, hier und da getrennt durch

dünne Staubschichten, die, soweit es nicht Verwitterungsstaub ist,

wohl teilweise vom immer tätigen Sangayvulkan, zum Teil auch vom

Cotopaxi stammen. Nur in den tieferen Lagen, 20 bis 30 Meter unter der

Oberfläche, kommt ein dunkelblaues, dichtes Gletschereis zum Vorschein.

Vom Unterland war aus unserer großen Höhe von fast 6000 Meter nichts zu

sehen; es war verdeckt durch ein unabsehbares weißwelliges Wolkenmeer,

das langsam aus Westen nach Osten hinwallte und nur selten den

rötlichen Bergfuß durchschimmern ließ. In unserer Region aber wehte

aus entgegengesetzter Richtung der übliche Ostpassat der Höhe, und

zwar oben mit noch stark zunehmender Heftigkeit; denn über den Gipfel

weg fluteten die Nebel in geschlossener runder Masse, einem ungeheuern

weißen Wasserfall gleich, auf die Westseite zu uns herab, wo sie sich

nahe über uns in scheinbares Nichts auflösten. Das ganze Phänomen ist

von föhnartigem Charakter und sehr ähnlich dem sogenannten Tafeltuch

auf dem Tafelberg bei Kapstadt, wo ich es vor Jahren tagelang in

schönster Entfaltung beobachten konnte.

Nach Westen gab es für uns wegen des Spaltenlabyrinthes kein

Weiterkommen. Also schwenkten wir direkt auf den steilen Gipfelhang

ein, der hier über 40° Neigung hat. Dank unseren Steigeisen brauchten

wir nur wenig Stufen zu schlagen. Trotzdem begann infolge des

abnehmenden Sauerstoffgehalts und Luftdrucks in der 6000-Meter-Höhe das

Steigen uns beiden sehr schwer zu werden. Wir mußten alle zehn Schritt

einige Sekunden pausieren, um die Lungen wieder aufzufüllen und den

übermäßigen Herzschlag zu beruhigen. Unseres Willens aber bemächtigte

sich, ohne daß wir uns körperlich ermüdet fühlten, eine eigentümliche

Erschlaffung, deren Überwindung die höchsten Anforderungen an den

Intellekt stellte. Nur in so großen Höhen von 5000 bis 6000 Meter

habe ich an mir und anderen diese nervöse Energielähmung erlebt, die

zweifellos mit der Sauerstoffverminderung zusammenhängt. Wie früher auf

dem Kilimandjaro, so wiederholte sich diese Erfahrung später auf dem

Cotopaxi.

Langsam ging es so bis zu etwa 6050 Meter hinauf. Da tat sich vor uns

eine breite Eiskluft auf, die die ganze Westseite des Gipfels umspannte

und, wo wir auch den Versuch machten, keine haltbare Überbrückung bot.

Hier ging es mit menschlichen Kräften nicht weiter. Zum Suchen einer

neuen Anstiegsroute von der Eisgrenze aus reichte aber die Zeit nicht

mehr hin; es war 2 Uhr vorüber, und die Nebel wurden immer dichter.

Schweren Herzens mußten wir deshalb, 200 Meter unter dem Gipfel, den

Entschluß zur Umkehr fassen. Wir brachten noch eine halbe Stunde mit

Untersuchen der Firn- und Eisstruktur in dieser Höhe, mit Messen,

Skizzieren und Photographieren nützlich hin und traten dann den

Rückzug an. Der Abstieg ging, wie immer auf gutem Firn, sehr rasch.

Eine Stunde später schnallten wir bei den Felswänden an der Eisgrenze

unsere Steigeisen ab und rutschten im losen prasselnden Schutt auf der

Nordwestloma zu unseren Zelten hinunter.

Bald nach unserer Rückkunft ins Lager steckte der obere Berg wieder

ganz in einem wildbewegten Wolkenchaos, und die Nacht bescherte uns

einen neuen kräftigen Schneefall, der, bis zum Morgen andauernd, alle

weiteren Unternehmungen in den oberen Regionen für die nächsten Tage

vereitelte. Und da die Peones, die am Vormittag, wie verabredet,

heraufkamen, um uns eventuell abzuholen, einmütig erklärten, sie

würden bei so schlechtem Wetter nicht noch einmal heraufsteigen, ließ

ich das Lager in der Hoffnung abbrechen, daß wir es ein paar Wochen

später mit Wind und Wolken besser treffen würden. Was wir diesmal

von Wind und Schnee und Eis, von Gesteinen und Pflanzen und anderen

interessanten Dingen hier oben gesehen, untersucht und gesammelt

hatten, lohnte ja auch schon die Mühe.

Eine Entschädigung für die total vernebelte Aussicht nach oben gewährte

uns aber vor unserm Aufbruch das unvergleichliche _Panorama_, das sich

unter uns in der abgeschneiten, kristallklaren Atmosphäre nach Osten

und Norden hin öffnete. Vom Cayambe im Norden bis zum Cerro Altar

im Osten standen sie alle, die Schnee- und Eisriesen Hochecuadors,

im milden Glanz der Morgensonne in langen Reihen vor uns, lauter

Viereinhalb- und Fünf- bis Sechstausender. Ich nenne das Panorama

unvergleichlich, nicht um damit einen Superlativ des Eindrucks

auszusprechen, sondern weil diese hochandine Vulkanlandschaft Ecuadors

so eigenartig ist, daß keine andere, auch nicht im übrigen Südamerika,

mit ihr verglichen werden kann. Im Gegensatz zu einer europäischen oder

asiatischen Alpenlandschaft mit ihren zusammenhängenden Gebirgsketten

und langen, von ewigem Schnee bedeckten Firsten und Kämmen sehen wir

hier lauter große, meist kegel- oder pyramidenförmige Einzelberge,

die durch Intervalle von viel größeren Dimensionen, als sie die

Berge selbst haben, voneinander getrennt sind und nur von sehr

günstigen Standpunkten aus die riesigen Reihen erkennen lassen, zu

denen sie angeordnet sind. Dem großen Bild mangelt nicht bloß die

Mannigfaltigkeit der Formen und die reiche Bewegtheit der Linien,

die ein Faltengebirge wie die Alpen oder den Kaukasus so reizvoll

machen, sondern auch der belebende Wechsel von schneeigem und felsigem

Hochgebirge mit dunklen Wäldern, grünen Weidetriften und freundlicher

Kulturstaffage, die wir nur selten in einer Alpenlandschaft vermissen.

Diese ecuatorianische Andenlandschaft ist von erhabener Schönheit

durch die große Einfachheit ihrer Gestalten, durch die klassische

Ruhe ihrer Linien, durch die ungeheuere Weite ihrer Ausdehnung, durch

den tiefen Ernst ihrer gleichmäßigen, meist düstern Farbenstimmung

und ihrer unendlichen Einsamkeit. Wie die Steppe oder die Wüste

ist sie aber als Ganzes durchaus unmalerisch und kann deshalb auch

als Ganzes vom Maler nicht in ihrer Erhabenheit wiedergegeben

werden. Um die Größe der Natur zu bewältigen, muß die Kunst auch in

diesem Fall zusammenfassen, verallgemeinern; sonst muß sie sich mit

Ausschnitten, mit Teilen begnügen. Und solche Teile sahen wir auch

dort von unserer alles überragenden, hohen Warte im berückenden Zauber

malerischer Beleuchtungen und Wolkeneffekte. Wenn ich aber das Ganze

überschaute, wie da die violettbraunen, weißgipfeligen Pyramiden und

Kegel bis in unabsehbare Ferne emporragten über das flache hellgraue

Wolkenmeer, das allmählich alle dazwischenliegenden Ebenen und niederen

Berggruppen verdeckte, so hatte ich den Eindruck einer großen polaren

Insellandschaft und dachte an die eisbeladene Vulkaninsel Jan Mayen und

an Bilder aus dem Kurilen-Archipel.

Das herrliche Schauspiel dauerte kaum eine Viertelstunde, dann zogen

die Ostnebel, von den Firnhörnern des nahen, mit Neuschnee völlig

überzuckerten Carihuairazo herüberwogend, den Vorhang wieder zu, und

wir eilten unsern Leuten nach, die inzwischen mit den Zeltballen,

Blechkoffern und Kasten bergab gerannt waren, wo an dem früheren

Wechselplatz (4920 Meter) die Arrieros mit den Maultieren uns

erwarteten.

* * * * *

Hochtouren im tropischen Amerika · 第 3 / 11 段