Nach Humboldt haben der Franzose Joseph Boussingault und der

amerikanische Oberst Hall im Jahr 1831, die Deutschen Moriz Wagner 1859

und Alfons Stübel 1872 den Gipfel zu ersteigen versucht; bezwungen

aber hat den Hauptgipfel (6310 Meter) bisher nur der Engländer _Edward

Whymper_ mit den beiden Schweizer Führern _Gebrüder Carrel_ in zwei

glänzend durchgeführten Touren am 4. Januar und am 3. Juli 1880. Alle

anderen Ersteigungsgeschichten sind sensationelle Erfindungen.

Selbstverständlich hätte auch ich mit Herrn Reschreiter bei meiner

Andenreise den höchsten Gipfel gern »mitgenommen«, aber es war uns

nicht beschieden. Vielleicht wäre für uns der Anreiz größer gewesen,

wenn es sich um eine Erstersteigung gehandelt hätte, wie ich sie

seinerzeit nach dreimaligem Anlauf am Kilimandjaro ausgeführt habe,

oder wenn am Gipfel selbst so viel Interessantes zu sehen wäre wie auf

dem des Cotopaxi. So aber standen für mich wissenschaftliche Ziele

im Vordergrund, denen sich auch mit Rücksicht auf die zur Verfügung

stehende beschränkte Zeit das alpinistische Interesse unbedingt

unterordnen mußte, und unsern Arbeiten konnte es nur zum Vorteil

gereichen, daß sie nicht durch sportlichen Zeit- und Kraftaufwand

und durch alpinistische Unternehmungen verkürzt worden sind, die

mehr hätten sein wollen als Mittel zum Zweck der wissenschaftlichen

Hochgebirgsforschung.

Wir haben den Chimborazo zweimal von Ost über Süd und West nach Nord

in der Páramoregion von durchschnittlich 4000 Meter Höhe umkreist, an

allen vier Seiten Vorstöße in seine Gletscher- und Firnregion gemacht

und von der Nordnordwestseite her den Westdom (6269 Meter) bis 90

Meter unter seinen Gipfel bestiegen. Die erste Tour vollführten wir

Mitte Juni bei Beginn der für die Westkordillere besten, ruhigsten

Jahreszeit, die zweite Tour, welche die bei der ersten gelassenen

Lücken in der topographischen Aufnahme, in der Beobachtung der

meteorologischen Vorgänge, der Hochgebirgsflora, der Schnee- und

Eisverhältnisse usw. möglichst ergänzen sollte, in der zweiten

Augustwoche am Schluß der guten Jahreszeit. Dazwischen liegen die

Hochtouren auf den anderen großen Vulkanbergen.

2. Der Anmarsch.

Am 16. Juni 1903 ritten wir mit meinem Mayordomo Santiago, den beiden

Arrieros Spiridion und Moran und sieben Lasttieren von Riobamba

nach dem am _Ostfuß_ des Chimborazo 3628 Meter hoch gelegenen Tambo

Chuquipoquio. Dieser am Camino Real liegende Tambo ist der höchste

ständige Wohnplatz auf der Ostseite des Chimborazo, die einzige Rast-

und Nächtigungsstelle in jenen Höhen. Auf der Südseite liegt der Hato

Totorillas 350 Meter höher (3979 Meter), auf der Nordseite der Hato

Pailacocha sogar in 4266 Meter.

Von Riobamba nach Chuquipoquio geht ein breiter, bequemer Reitweg;

in vier Stunden kann man bei flottem Reiten die Strecke zurücklegen.

Wir ritten auf der vom Wind glattgefegten, von endlosen Agavenhecken

gesäumten Straße meist im Trab voraus, die »Carga«, d. h. die

Lasttiere mit den zu Fuß gehenden Arrieros, folgte im Schritt nach.

Langsam hebt sich das meist aus Tuff und Lapilli aufgeschüttete

Hügelland zum Chimborazo und der Westkordillere hin, monoton, vom

Wind zerzaust und von Staub und Flugsand verweht, gegen dessen

erstickende Anhäufung sich die wenigen kümmerlichen Mais-, Gersten-

und Lupinenfelder durch Agaven- und Kakteenzäune zu schützen suchen.

Dazwischen stehen weit verstreut wenige Indianerhütten, graubraun

wie die ganze Landschaft und von ein paar dürftigen Capuli- oder

Eukalyptusbäumen umstanden, wenn ein Wasserlauf in der Nähe ist.

Wasserläufe gibt es aber wenige in dieser Landschaft, immerhin

mehr als in größerer Nähe des Chimborazo, denn die Schmelz- und

Niederschlagswässer des Berges versinken dort im lockern Geröll

seiner Schutthalden und Fußhügel und kommen erst weiter nach der

Riobamba-Ebene hin zum Vorschein, wo oft undurchlässiges Gestein nahe

unter der Bodenoberfläche liegt.

Wir hatten es mit dem Wetter gut getroffen, denn während des größten

Teils des vierstündigen Rittes zeigte uns der Chimborazo seine

majestätische südöstliche Breitseite in nur geringer Bewölkung.

Unter der steigenden Sonne funkeln seine Firndome wie verglast, und

darunter ziehen sich in schönster Plastik die durch steile Felsgrate

voneinander getrennten Gletscherbecken herab, in denen die Eismassen

als wild zerrissene Hängegletscher abfließen. Moränenwälle von

enormer Mächtigkeit begleiten und umgeben sie und setzen talwärts

die Gletscherrichtung in einer die einstige Ausdehnung der Eisströme

deutlich markierenden Erstreckung bis in die braungrasige Páramoregion

hinein fort.

Gegen 2 Uhr trafen wir an der obern Grenze des Feldbaues (Gerste 3450

Meter) auf die große, von Guamote nach Quito führende Fahrstraße,

folgten ihr nordwärts und waren in kurzem vor einem mit verfallenden

Tuffmauern umfriedeten Gehöft von drei großen viereckigen Lehmhütten

angelangt, dem Tambo _Chuquipoquio_ (3628 Meter). Er liegt schon in

der unwirtlichen Region des Páramo. Schon wartete unser der im voraus

benachrichtigte Mayordomo und präsentierte mir ein Dutzend junger

und alter Indianer, von denen ich die acht kräftigsten als Träger

(Peones) für die Chimborazotour aussuchte. Die Kosten waren mäßig. In

einem dunkeln, mit zwei wackeligen Bettstellen bestandenen Verschlag

richteten wir uns nach Möglichkeit mit unseren Schlafsäcken und Decken

ein, während sich auf dem Hof ein neugieriges Gesindel von Arrieros und

Peones herumtrieb, die hier mit ihren Karawanen von Eseln, Pferden und

Maultieren auf der Reise von oder nach Quito nächtigten. Aber keine

Zudringlichkeit, kein Lärmen genierte uns; das liegt nicht in der

passiven Art der ecuatorianischen Indianer und Mischlinge.

Am nächsten Morgen um 7 Uhr ging es _südwestwärts_ fort mit dem Ziel

Totorillas, dem am Südfuß des Chimborazo 3979 Meter hoch gelegenen

Tambo, von dem der Saumweg über die Páramos und das »Große Arenal«

nach dem westlichen Unterland führt. Sechs Stunden lang umritten wir

die Ost- und Südostseite des Berges, immer auf und ab über Schluchten

und Rücken durch gleichförmiges Páramogelände mit kniehohem Stipagras

(Pfriemengras, ~Stipa Hans Meyeri Pilger~) und ohne Busch und Baum. Von

den Tücken des Páramocharakters hatten wir nichts zu fühlen. Rauheit

und Unbeständigkeit des Wetters, häufige und schroffe Wechsel zwischen

den Extremen, zwischen strahlender Hochgebirgssonne und wütendem,

eisigem Regen- und Schneewind, sind ja die Eigentümlichkeiten der

_Páramoregion_, die sie zur unwirtlichsten Region zwischen Tropenküste

und Schneegrenze stempeln. Aber wir hatten günstige Sommertage

getroffen. Zwar umwirbeln uns öfters Nebelfetzen und umsprühen uns mit

leichten Regenschauern (Paramitos), während der Wind zischend über das

Gras faucht, es zu Boden drückt und uns mit Sand und Steinchen bewirft,

doch dauert der Spuk nur viertelstundenlang, worauf die Sonne über uns

und über die graugrünen Grashügel sowie droben über die Felsen- und

Schneewelt des Chimborazo um so herrlichere Lichtfluten ausgießt.

An vielen Stellen sahen wir in den Talsenken und an den Hügellehnen

kleine Herden von Schafen, Rindern und Pferden weiden; meist ohne

sichtbare Hirten. Darin bilden eben die Páramos den Reichtum des

Hochlands und seiner armen Indianerbevölkerung, daß sie in jeder

Jahreszeit dem Vieh eine sichere, wenn auch nicht fette Weide

bieten. Die besten Teile haben sich freilich die Großgrundherren

auch von den Páramos weggenommen, aber es bleibt noch genug für den

Bedarf des »kleinen Mannes« und seiner kleinen Herde, noch genug

auch für seinen bescheidenen Holzbedarf (Krummholz der Sträucher)

und für seine Jagdlust (Kaninchen, Wachteln, Enten, Füchse usw.).

Von solchen jagdbaren Tieren sehen wir freilich beim flüchtigen

Durchreiten nur Spuren. Unser Weg, der »Camino«, wird aus mehreren

tief eingeschnittenen Pfaden gebildet, die nebeneinander herlaufen,

ineinander übergehen und sich wieder verzweigen. Oft sind im Tuff

übermannstiefe Hohlwege ausgetreten und von Wasser und Wind weiter

ausgefurcht, in denen nicht zwei Tiere aneinander vorüberpassieren

können. Wer zuerst eintritt, ruft und pfeift, damit eine etwa von der

andern Seite sich nähernde Karawane wartet.

Da das Wetter meist klar war, hatten wir nach Osten einen schier

unermeßlichen Überblick über die weite, nach Riobamba hinabsinkende

Hochmulde bis an die ferne Ostkordillere, über deren blaudunstige

Kette die Schneespitzen des Cerro Altar herüberleuchteten. Weiter

südlich quoll plötzlich hinter der Ostkordillere eine ungeheuere, teils

blaugraue, teils kupferbraune Wolkenmasse empor, die Ausbruchswolke

des von hier unsichtbaren _Sangayvulkans_, den man gleichzeitig

dumpf donnern hört. Sie streckt und breitet und rundet sich wie eine

kolossale Lokomotivrauchwolke, steigt in ihren obersten Wölbungen bis

zu 10000 und 11000 Meter in die Höhe und wird dort oben von einer

nordöstlichen Luftströmung in langem Zug nach Südwesten geweht, wobei

sie ihre Asche in graubraunen Schwaden und Schleiern gleich dem schief

streichenden Regen einer fernen Gewitterwolke über das Land ausstreut.

Zu unserer Rechten aber an den Steilhängen des Chimborazo, zu denen

unsere Páramoregion in schneller Steigung emporzieht, sehen wir

weiterreitend einen _Gletscher_ an den andern sich reihen, eine kleine

und fünf größere Eiszungen zwischen Chuquipoquio und Totorillas: auf

dem Osthang über Chuquipoquio eine kleine, auf der Südostseite zwei

größere, auf der Südseite drei. Die Gletscher liegen in ihren unteren

Teilen weit herab unter ihrem eigenen Moränenschutt begraben, so daß

ihre Eisgrenze nur durch nähere Untersuchung festzustellen ist. Von

einer freien Gletscherstirn ist nichts zu sehen. Der Auslauf ist

bei den meisten ganz flach. Jeder Gletscher hat sich in eine Mulde

eingebettet, die er sich im Berghang selbst gegraben hat, und alle

sind voneinander durch steile Felsgrate getrennt, in denen man deutlich

die stehengebliebenen Reste des im übrigen durch die Gletschererosion

abgetragenen Mantels des Bergmassivs erkennt.

Teilweise sind die Felsgrate durch Schutt verdeckt, der sich ihnen

als Seiten- und Ufermoränen der Gletscher an- und auflagert. Aber

jeder Gletscher hat vor seiner Zunge eine große bogenförmige Endmoräne

abgesetzt. Nach außen fallen diese Endmoränen in steilen Kegeln bis zu

250 Meter hoch ab, und mit ihren aneinandergereihten Bogen umkränzen

sie oberhalb des Graslandes von etwa 4600 Meter Höhe an die Ost- und

Südflanken des Berges wie mit einer kolossalen, freilich nimmer grünen

Girlande. Aber auch das daran anschließende Grasland zeigt noch bis

3900 Meter hinab überall die unruhigen Formen von Wällen und Dämmen in

teilweise großartigster Ausbildung, verwachsene und leicht verwischte,

aber noch deutlich erkennbare Spuren einer einst viel größern

Ausdehnung der Vergletscherung, die in der Eiszeit sich volle 600 Meter

weiter am Berge hinab erstreckte.

In ihren oberen Partien, die dem steilsten Teil des Bergmassives

anliegen, sind die Gletscher echte Hängegletscher, teilweise

Eiskaskaden von wahrhaft unheimlicher Zerrissenheit, und bei 5200

bis 5600 Meter Höhe enden, respektiv beginnen sie in senkrechten

Eiswänden von 50 bis 100 Meter Dicke, an denen da und dort die frischen

Abbruchstellen in wundervoll zartem Indigoblau schimmern. Sie sind in

zahllose Pfeiler, Türme, Rampen und Bastionen zerschnitten, die den

Druck, den Schub, den Wind, die Sonne und den Frost zum Erzeuger haben.

Die darüber sich hoch und herrlich wölbenden Gipfeldome blinkten an

vielen Stellen wieder glasig, während mir an anderen eigentümliche

mattgraue Oberflächen auffielen, die sich im Fernglas als weite Felder

von zacken- und spitzenförmigen Firngebilden erwiesen. Sollte das

»Nieve penitente« sein, dessen Vorkommen bisher in der Äquatorialzone

bestritten worden war? Oder karrenartige Firn- und Eisformen, wie ich

sie auf den Kilimandjarogletschern gefunden hatte? Die Frage machte

mich auf unsere von der Nordwestseite geplante Besteigung der oberen

Firnregion in hohem Grad gespannt.

Zwei Bachtäler von offenbarer Glazialentstehung werden gequert, dann

reiten wir über einen mächtigen Schutt- und Lavarücken immer höher

hinan, bis wir eine Stunde später am _Südfuß_ des Berges dicht am Tambo

Totorillas – mit 3979 Meter die zweithöchst gelegene Wohnstätte am

Chimborazo – im flachen, etwa 250 Meter breiten Totorillastal anlangen.

Der Tambo _Totorillas_ ist nur eine große Lehmhütte mit einem bis

auf den Erdboden reichenden Grasdach, viel elender als der Tambo

Chuquipoquio auf der Ostseite, aber trotzdem dauernd von einer

Cholofamilie (Mischlinge aus Weißen und Indianern) bewohnt, die

das Vieh der umliegenden weiten Páramos beaufsichtigen soll. Die

Behausung und der Haushalt sind typisch für diese Mischlingsrasse der

Hochregion. Im Innern der Hütte sind durch eine Flechtwand nur zwei

Räume abgeteilt; der eine mit der Feuerstelle und den Schlaflagern

der Besitzer, der andere für allerlei Vorräte, für Hunde, Hühner und

etwaige Gäste. Tische, Stühle, Bänke oder gar Bettstellen gibt es

nicht. Die Menschen schlafen neben den Tieren auf trockenem Páramogras

auf dem Erdboden zwischen Haufen von Kartoffeln und Maissäcken. Auch

ein Feuerherd ist nicht vorhanden, sondern »des Hauses trauliche

Flamme« flackert, von trockenem Kuhmist und Wurzelstöcken des

Chuquiraguastrauchs genährt, ebenfalls auf dem Erdboden zwischen ein

paar zusammengeschobenen Steinen. Der Rauch zieht durch das Grasdach

ab oder durch die einzige, aus rohen Stammstücken gefertigte Türe,

wenn diese offen ist. Wenn sie geschlossen ist, ist es stockfinster

im »Haus«. Das wenige Hausgerät, d. h. ein paar Töpfe und Schüsseln,

Hacken und Messer, steht auf dem Erdboden oder hängt an Pflöcken an den

Lehmwänden. Für einige Schweine, die gehalten werden, ist draußen im

Tuff des Talhangs eine kleine Höhle gegraben; das Rindvieh aber und die

Schafe bleiben Tag und Nacht in der Páramowildnis. Das Ganze ist eine

so primitive Behausung, daß dagegen eine tiroler Sennhütte für eine

komfortable Villa gelten kann. Und luxuriös ist das Leben eines Senners

jenem der Páramobewohner gegenüber.

So sieht es in allen Tambos, Hatos und Vaquerias (Hirtenhütten) aus,

die ich in Hochecuador gesehen habe. Ich ließ gleich unsere Zelte vor

der Hütte am Bachufer aufstellen und überließ den Tambo den Arrieros

und Peones.

Während Herr Reschreiter sich ans Zeichnen und Malen machte, ließ ich

mich von meiner braven Mula in das hier an der Südflanke des Chimborazo

emporsteigende Curipoquiotal bis auf eine alte Moräne bei 4350 Meter

hinauftragen. Dort hört der Graswuchs, das Pajonal, auf und überläßt

der merkwürdigen äquatorial-alpinen Andenflora das rauhe Terrain.

Zwischen den zerstreut wachsenden, halbmannshohen, schuppenblättrigen

und orangerot blühenden Chuquiraguasträuchern hindurch, über Tausende

von kleinen violetten und zinnoberroten Gentianen, von gelben

tannenreisförmigen Loricarien, edelweißartigen Culcitien usw. stieg

ich auf den rutschigen Schutthängen der alten und dann der jungen

Moränen bis an die Eisgrenze empor, allmählich die Vegetation hinter

mir lassend. Das Eis ist weit von dickem Moränenschutt bedeckt, aber an

mehreren Stellen unschwer zugänglich.

Vom rezenten Moränengürtel zieht sich die alte Moräne gleich

einem Lava- oder Schlammstrom in das Curipoquiotal hinab, und die

Eingeborenen nennen auch diese sowie die meisten anderen Moränenwälle

ihrer Berge »Volcanes« wie die ihnen äußerlich oft täuschend ähnlichen

wirklichen Lavaströme.

Die Firnregion des Berges hatte sich von Mitte des Nachmittags an in

schwere Wolken gehüllt, die immer tiefer sanken. Gegen Abend fing es an

zu regnen, und in der Nacht folgte ein kurzes Gewitter, dessen Guß wir

in unseren Schlafsäcken mit Behagen auf das Zeltdach prasseln hörten.

Der ringsum geschlossene Canvasboden des Zeltes hielt vollkommen

wasserdicht, so daß wir mit Ruhe den weiteren Stürmen der nächsten

Woche entgegensehen konnten. Der Morgen war naß, kalt, nebelig, windig;

man kannte das sonnige, ruhige Tal vom vorigen Mittag kaum wieder.

Unser Pfad, der uns um die ganze _Westseite_ des Chimborazo über das

große Sandfeld nach dem Gehöft Cunucyacu im Nordwesten des Berges

führen sollte, klettert westlich von Totorillas erst durch abscheuliche

Hohlwege empor und mündet dann plötzlich ohne merklichen Übergang in

eine total veränderte Landschaft, in die Wüste des »_Arenal grande_«:

auf der ganzen Westseite des Chimborazo von der Schneegrenze an bis

meilenweit nach Westen hinunter eine leicht abfallende, wenig gewellte,

öde, steinige Fläche. Nichts mehr von der Hügellandschaft der grasigen

Páramos der Süd- und Ostseite des Berges mit ihrem großartigen

Gletscherhintergrund, sondern ausgeebnete, graue Flächen von Bimsstein,

vulkanischem Sand und vulkanischer Asche in trübseliger Monotonie.

Ein paar Trockentäler sind in die Bimssteinplatten eingefurcht, aber

sie haben nur bei starken Gewitterregen oder Schneeschmelzen für kurze

Zeit etwas Wasser. Die intensive Sonnenstrahlung, die Wasserlosigkeit

und Öde des Bodens, die ausgeglichene Oberflächengestalt des Geländes,

die enorme Trockenheit und Klarheit der Luft, die Zwerghaftigkeit

der weit zerstreuten Pflanzen, das Fehlen von Tieren und Menschen:

alles vereinigt sich zum Bilde der _Wüste_. Die Pflanzen sind den

Extremen des Wüsten- und Hochgebirgsklimas zugleich angepaßt, denn

sie müssen sich ebenso gegen übermäßige Insolation, ausdörrende Winde

und Sandwehen wie gegen Schnee und Nachtfrost schützen. Die einen

schmiegen sich als einfache Rosetten platt an den bei Sonnenschein

wärmenden Boden, andere hüllen sich in einen hellgrauen Haarpelz wie

unser Edelweiß, wieder andere verdicken ihre Oberhaut zu einem wenig

durchlässigen Panzer, alle aber reduzieren möglichst ihre Atmungs- und

Verdunstungsorgane und strecken desto riesigere Wurzeln in den Boden

aus, um das spärliche Naß zu suchen. Von den meisten Arten stehen die

Individuen in niedrigen runden Büscheln dichtgedrängt beisammen, um

einander Schutz gegen den trockenen Wind und die Kälte zu bieten. Die

Landschaft ist gleichsam betupft mit solchen Polstern, die von fern wie

graue oder grellgrüne Maulwurfshaufen aussehen.

Da wir jetzt im Juni zur eigentlichen Blütezeit durch diese alpine

Wüstenlandschaft reiten, strahlen uns von allen ihren Blütenpflanzen,

von Gentianen, Valerianen, Senecien, Wernerien, Malvastren, Baccharis,

Arenaria, Alchemilla, Lupinus und anderen Tausende zierlicher weißer,

gelber, roter, violetter Blumen entgegen, die in ihrem Kontrast zu der

wüstenhaften Umgebung dem Landschaftsbild einen unbeschreiblichen Reiz

verleihen.

Der Wind weht kalt, steif und regnerisch aus Südosten hinter uns

her, so daß wir uns in unsere Gummiponchos hüllen und die Kapuzen

überklappen. In den Invierno-Monaten (November bis Mai) liegt hier oft

fußtief Schnee. Auch jetzt im Verano vergehen nur wenige Tage ohne

Schneefall, aber die weiße Decke verschwindet schnell wieder. Der

Reitweg ist hart wie eine Tenne und zieht sich, wie immer in Ecuador,

in einem halben Dutzend nebeneinanderlaufender Pfade dem Ziele zu.

Vom Chimborazo ist bis gegen 10 Uhr in den dunklen Wolkenmassen keine

Spur zu sehen. Nach links dagegen wird zuweilen unter der dicht über

uns lastenden Wolkendecke weg der Ausblick in das ferne sonnige,

dunkelwaldige Bergland der Chimborazokordillere frei, zu der unsere

Hochebene allmählich absinkt.

Den höchsten Punkt (4450 Meter) unseres Wegs erreichten wir um

Mittag bei einem Steinhaufen von Lapilli, schlackigen Bomben und

Bimssteinbrocken, auf dem fromme Furcht vor Sturm und Verderben ein

kleines Holzkreuz errichtet hat. Ein paar zerfallene Eselgerippe in der

Nähe mahnen »~memento mori~«. _Cruz alta_ heißt der Punkt.

Von hier trat ein schneller Wetterwechsel ein, da wir in den

Windschatten des Chimborazo getreten waren. Der heftige Südostwind,

der uns bisher von hinten getrieben hatte, und das Nebelwehen hörten

auf, und zu unserer Rechten wurden in großer Klarheit die Fels- und

Eiswände des West-Chimborazo sichtbar. Der Berg ist hier, auf der

Mitte der Westseite, die wir ganz überblicken, gar nicht wieder zu

erkennen. Er hat sich in einen breiten Kegel mit einer einzigen runden

Kuppel verwandelt: eine wahre Schulform eines schneebedeckten Vulkans.

Diese Kuppel ist der von einem felsigen Unterbau getragene domförmige

Westgipfel, hinter dem die übrigen Gipfel versteckt liegen. Von

Südwesten her sehen wir einen mit einigen bizarren Türmen und Nadeln

besetzten Felsgrat zum Unterrand des großen Firndoms hinaufziehen.

Wo der Grat endet, hängen rechts und links zwei von den oberen

Eisbrüchen genährte Gletscher in ihre Täler herab, die beiden einzigen

der Westseite; im Südwesten der »Trümmergletscher«, im Westen der

»Thielmanngletscher«. Nach Nordwesten aber läuft ein langgestreckter

Grat mit felsiger Schneide zum Arenal herunter, der oben im Firngewölbe

des Westgipfels verschwindet. Zerfetzte graue Wolken jagen um die

dunkelbraunen Felsen und die wunderbaren blaugrünen Eisschründe der

Westseite des Berges, und darüber blitzt das äquatoriale Sonnenlicht

auf den weißen Schneefeldern des Westgipfels, daß die Augen sich

geblendet abwenden.

Je weiter wir nach Norden reiten, desto ungestümer bläst uns wieder

der Ostwind, gegen den uns der Chimborazo eine Zeitlang geschützt

hatte, seitlich von vorne an. Zwei Stunden haben wir uns mühsam um die

Nordwestseite des Chimborazo herum durch ein vom Wind wild und wüst

verwehtes Gebiet durchzuschlagen; _Tiupongo_ heißt es. Der vulkanische

Sand ist hier in den Mulden der weiten Bodenwellen zu langen Dünen

angeweht, auf denen Mensch und Tier nur schwer vorwärts kommen. Es ist

ein Stapfen, Rutschen und Wälzen wie in tiefem, pulvrigem Schnee. Der

uns nun von vorn packende Ostwind peitscht uns den Sand wütend ins

Gesicht, so daß wir die Augen mit Schneebrillen schützen müssen.

Als wir durch dieses Dünengewirr allmählich auf die _Nordwestseite_

des Berges kamen, steckte dieser bereits wieder in dicken, düsteren

Wolken, die unaufhörlich von Nordosten heranströmten. Darunter aber

guckte eine lange, flache Eiszunge hervor, deren Stirn ein mächtiger

Moränenkegel umgrenzt: das Ende des »Stübelgletschers«. Bald danach

betraten wir endlich wieder grasigen Páramoboden und erreichten an

einem klaren, kalten Wasserlauf den kleinen Hato Poquios (4087 Meter)

im Tal von Cunucyacu, die Nordostgrenze der Sandwüste Tiupongo und des

Arenal grande. Von hier führt im Bachtal der Pfad nach der _Hacienda

Cunucyacu_ hinunter, wo wir gegen Abend im neuen »Herrenhaus« unter

einem großen Strohdach vier rohe fensterlose Lehmwände und einen mit

trockenem Páramogras beschütteten Lehmfußboden als Fremdenzimmer

bezogen.

Hochtouren im tropischen Amerika · 第 2 / 11 段