38 Tage Seefahrt, davon die Hälfte der Zeit auf einem schmie

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter

Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter

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dargestellt=.

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

Im Original unterschiedliche Schreibweisen insbesondere von

Ortsnamen wurden beibehalten.

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Reisen

und

Abenteuer

32

[Illustration: Südostseite des Chimborazo, vom Hochbecken von Riobamba

(~3000 m~) aus.]

Hans Meyer

Hochtouren

im tropischen Amerika

[Illustration]

Leipzig / F. A. Brockhaus / 1927

Copyright 1925 by F. A. Brockhaus, Leipzig

Inhalt.

Seite

Hans Meyer. Von ~Dr.~ _Karl H. Dietzel_ 5

Einleitung 12

_Der Chimborazo_ 23

1. Der Berg 23

2. Der Anmarsch 35

3. Die erste Besteigung 50

4. Die zweite Besteigung 67

_Der Cerro Altar_ 83

_Der Antisana_ 104

1. Der Anmarsch 104

2. Die Besteigung 112

_Der Cotopaxi_ 128

1. Der Berg 128

2. Der Anmarsch 136

3. Die Besteigung 145

[Illustration: Übersichtskarte von

Mittel- und Nordecuador

Maßstab 1:2250000

Kartographische Anstalt von F. A. Brockhaus, Leipzig]

Hans Meyer.

Das vorliegende Buch »Hochtouren im tropischen Amerika« ist die

Fortführung des Bandes 25 dieser Sammlung, der Hans Meyers Hochtouren

im tropischen Afrika gewidmet war. Der Lebensgang Hans Meyers ist dort

ausführlich geschildert worden, und deshalb seien hier die Hauptdaten

nur kurz wiederholt.

Hans Meyer wurde am 22. März 1858 in Hildburghausen (S.-Meiningen)

geboren und kam 1874 mit der Übersiedlung des väterlichen

Verlagsunternehmens, des Bibliographischen Instituts, nach Leipzig.

Seine Studentenjahre, in denen er sich hauptsächlich der Geographie,

der Geschichte und den Staatswissenschaften widmete, führten ihn

nach Leipzig, Berlin und nach Straßburg, wo er auch promovierte. Dem

väterlichen Verlag hat er den Hauptteil seines arbeitsreichen Lebens

bis zum Jahre 1915 geweiht, dann erhielt er einen Ruf als Professor

der Kolonialgeographie und Kolonialpolitik und als Direktor des

Kolonialgeographischen Instituts an die Universität Leipzig, an der er

noch heute wirkt.

In die Zeit vor seiner akademischen Tätigkeit fallen seine zahlreichen

und weiten Reisen. Sie führten ihn 1881–1883 um die ganze Erde,

1886/87 nach Südafrika und Ostafrika, 1888 und 1889 ebenfalls dorthin,

wobei es ihm gelang, als Erster den Gipfel des 6010 Meter hohen

Kilimandjaro zu erklimmen. 1894 weilte er auf Tenerife und bestieg den

Pik, 1899 arbeitete er abermals am Kilimandjaro, 1903 in Ecuador und

1911 zum letzten Male in Ostafrika, das seiner Länge nach durchquert

und in seiner nordöstlichen Ecke, dem Zwischenseengebiet, näher

untersucht wurde. Auch diesmal wurden zwei Hochgipfel, der 4500 Meter

hohe Karissimbi und der aktive Niragongovulkan, bezwungen.

Die Früchte dieser Reisen hat Hans Meyer zunächst in mehreren größeren

Reisewerken niedergelegt. Der Band 25 dieser Sammlung und auch der hier

vorliegende Band bringen Auszüge davon. Aber darüber hinaus hat der

Gelehrte eine umfassende rein wissenschaftliche Tätigkeit entfaltet.

Sie nahm ihren Ausgang anfänglich von seiner literarischen Arbeit im

Bibliographischen Institut. Die Sammelwerke »Das deutsche Volkstum«, zu

dem er selbst einen einleitenden Abschnitt schrieb, und die Sieverssche

»Länderkunde« verdanken ihm ihre Entstehung, und grundlegend wurde sein

»Deutsches Kolonialreich«, zu dem er den starken Band Deutsch-Ostafrika

beisteuerte. Neben diese rein wissenschaftlichen Arbeiten treten

zahlreiche mehr praktisch eingestellte Aufsätze und Bücher. Durch

seine Tätigkeit als Mitglied des Kolonialrats, als Vorsitzender der

Landeskundlichen Kommission des Kolonialamts, als Vorstandsmitglied

der Kolonialgesellschaft und des Kolonialwirtschaftlichen Komitees hat

er jahrzehntelang zu den maßgebenden Persönlichkeiten der deutschen

Kolonialpolitik gehört, zahlreiche Ehrungen dafür empfangen und,

abgesehen von den großen Kosten seiner sämtlich aus eigenen Mitteln

bestrittenen Reisen, auch große persönliche Opfer gebracht durch reiche

Stiftungen an die Berliner und Leipziger Museen und Universitäten. Sein

schönes Leipziger Heim, in dem seine liebenswürdige Gemahlin, eine

Tochter Ernst Haeckels, waltet, ist wohl den meisten der führenden

deutschen und außerdeutschen Geographen und Kolonialpolitiker in

freundlicher Erinnerung.

Nach drei großen Gesichtspunkten läßt sich Hans Meyers Lebensarbeit

gliedern. Er begann mit tropischen Vulkan- und Hochgebirgsstudien;

daraus erwuchs ihm, weil sich diese Arbeit zu einem wesentlichen Teil

in den deutschen Kolonien abspielte, die Beschäftigung mit anfangs nur

deutschen kolonialpolitischen Fragen, und sie wiederum führten ihn

zur Länderkunde, die er für die deutschen Kolonien begründet und seit

seiner Berufung an die Leipziger Universität zu einer selbständigen

kolonialgeographischen Disziplin ausgebaut hat, wo sie von ihm nunmehr

auf alle Kolonialländer der Erde ausgedehnt und in erster Linie als

überseeische Länderkunde gelehrt wird.

Die Hochgebirgsforschung des Gelehrten wurzelt in den Glazialstudien,

die Penck und Brückner seit den achtziger Jahren in großzügiger Weise

und mit den überraschendsten Ergebnissen für die Alpen durchführten und

bei denen sie eine einstmals viel stärkere Vereisung des Gebirges zur

Eiszeit, die in mehrmaligen Intervallen auf- und abebbte, feststellten.

Die Lösung der Frage, ob diese Eiszeit sich nur auf die gemäßigten

Zonen beschränkt oder ob sie die ganze Erde umfaßt hatte, ob sie sich

abwechselnd auf der Nord- und der Südhemisphäre abgespielt oder

gleichzeitig den ganzen Erdball betroffen hat, war die Hauptaufgabe,

die sich Hans Meyer setzte. Gefunden werden konnte diese Lösung nur

durch eine eingehende Untersuchung der wenigen tropischen Gebirge,

die sich bis in so große Höhen erstrecken, daß sie noch heute einen

Schneemantel tragen, also in erster Linie am Kilimandjaro und an den

Vulkanen Hochecuadors und Kolumbiens. Die hochragenden Schneegipfel des

Ruwenzori in Afrika und des innern Neuguinea waren gegen das Ende des

19. Jahrhunderts noch sehr wenig bekannt.

Die Voraussetzung für solche Untersuchungen waren Eigenschaften des

Forschers, die nicht ohne weiteres für jeden Reisenden zutreffen.

Es handelte sich zunächst um ein Arbeiten in sehr großen Höhen, die

nur selten von Menschen erreicht werden und die eine durchgebildete

alpinistische Technik und einen außergewöhnlich kräftigen Organismus

erfordern. Das zweite hatte Hans Meyer eine gütige Natur mitgegeben,

das erste hat er sich in langem und ausdauerndem Training in

europäischen Hochgebirgen erwerben müssen. Als eine weitere, viel

größere Schwierigkeit kam aber hinzu die Lage dieser Bergriesen in

den abgelegensten Teilen der Tropen. In den achtziger Jahren war

eine Expedition schon zum Fuß des Kilimandjaro ein umständliches

und keineswegs gefahrloses Unternehmen; es führte den Reisenden

in wochenlangen Märschen durch tropisches Fieberland, das einen

europäischen Organismus schwächen mußte, und am Ziel waren schließlich

in wenigen Tagen klimatische Unterschiede zu überwinden, die sonst

nur in wochenlanger Anpassung allmählich erträglich gemacht werden.

Weiter erschwerend wirkte in diesen Gegenden auch das Fehlen

aller Hilfsmittel, die sonst dem europäischen Bergsteiger als

selbstverständlich erscheinen und die eine Organisation des ganzen

Unternehmens erforderten, die bis dahin noch nicht erprobt war und von

Hans Meyer erst geschaffen werden mußte. In den Hochanden Ecuadors

waren die Verhältnisse nicht so primitiv, die Schwierigkeiten türmten

sich nicht ganz so hoch auf, aber ihre Überwindung verlangte doch eine

praktische Erfahrung, Umsicht und Willensstärke, über die nur wenige

verfügen.

Hans Meyer hat die Ziele, die er sich gesteckt hatte, in vollem Umfang

erreicht. Es ist von ihm der Nachweis erbracht worden, daß das Phänomen

der Eiszeit mit ihren Intervallen eine allgemeine, wohl in kosmischen

Vorgängen ihre Ursache findende Erscheinung der ganzen Erde gewesen

ist, und auf seinen Schultern haben Nachfolger eine ganze Wissenschaft

entwickelt und haben entdeckt, daß auch in früheren Abschnitten der

Erdgeschichte, die weit vor der letzten Eiszeit liegen, bereits

Kälteperioden mit ganz ähnlichen Erscheinungen unsere Mutter Erde

heimgesucht haben.

Die Reise in die Hochanden Ecuadors ist der Schlußstein dieser

Untersuchungen Hans Meyers gewesen. Sie führte ihn und seinen

Begleiter, den Münchner Landschaftsmaler und Alpinisten _Rudolf

Reschreiter_, im Jahr 1903 über die Landenge von Panama nach dem

Hafen von Ecuador, Guayaquil, dann auf das Hochland nach Riobamba

hinauf zunächst in die Westkordillere auf den Chimborazo und an

den Carihuairazo, die über der Mulde von Riobamba thronen, weiter

hinüber zur Ostkordillere auf den Cerro Altar, fernerhin im

interandinen Längstal nach Latacunga und von da auf den Cotopaxi

und an den abseits stehenden, schwer zugänglichen Quilindaña; dann

längs der Hochlandstraße an den Vulkanen des mittleren Ecuador, dem

Iliniza, Corazon und Rumiñagui, vorbei nach der Landeshauptstadt

Quito; von Quito quer über die interandine Mulde zum Antisana auf

der Ostkordillere und wieder zurück zur Hauptstadt. Danach ging es

denselben Weg nach Riobamba zurück, nochmals zum Chimborazo hinauf, und

hiernach mit der Bahn wieder hinab nach Guayaquil; endlich über Panama

nach New York und heimwärts nach Deutschland.

Die ganze Reise hat nur ein halbes Jahr in Anspruch genommen,

überrascht aber durch die Vielseitigkeit ihrer Ergebnisse, die

sich nicht bloß auf die Glazialmorphologie beschränkten, sondern

eine Fülle neuen vulkanologischen, geologischen, botanischen und

völkerkundlichen Materials beibrachten. Möglich war das nur dank der

großen Reiseerfahrung Hans Meyers, die mit verhältnismäßig geringem

Kraftaufwand die Erreichung auch weitgesteckter Ziele gestattete. Der

vorliegende Band bringt aus dem darüber veröffentlichten Reisewerk

»In den Hochanden von Ecuador« die Episoden der Hochtouren auf den

Chimborazo, Cerro Altar, Cotopaxi und Antisana zum Abdruck.

Die Gabe Hans Meyers, ein gründliches theoretisches Wissen praktisch

auszuwerten, hat den Erfolg dieser Reise verbürgt und ist, wie schon

betont, einer der Hauptcharakterzüge des Gelehrten. Seine eigenartige

Laufbahn, die ihn von der Wissenschaft zur Praxis und von der Praxis

wieder zurück zur Wissenschaft führte, hat diesen wesentlichsten

Teil seiner Gelehrtenpersönlichkeit noch schärfer zur Ausbildung

kommen lassen. Auf ihm beruhen letzten Endes auch die Erfolge seiner

Dozententätigkeit, die er trotz seiner 67 Jahre mit erstaunlicher

körperlicher und geistiger Frische ausübt und in der er schon eine

stattliche Anzahl von seinen Idealen erfüllter und in seinem Sinne

auch weiter tätiger Schüler herangebildet hat. In seinen literarischen

Arbeiten kommt diese Gabe zum Ausdruck in der großen Klarheit und

Anschaulichkeit der Darstellung, die auch die Schilderungen dieses

Buches auszeichnen.

Leipzig, im August 1925.

~Dr.~ _Karl H. Dietzel_.

Einleitung.

Im südamerikanischen Freistaat _Ecuador_, der seinen Namen vom Äquator

hat, der ihn durchschneidet, betreten wir ein Land, das mit rund

300000 Quadratkilometer Fläche zwanzigmal so groß ist wie Sachsen,

aber kaum anderthalb Millionen Bewohner hat, also nur ein Drittel

soviel wie Sachsen. Er gliedert sich in drei ganz verschiedene Teile:

1. das dem pazifischen Ozean benachbarte Küstenland, 2. das mittlere,

gebirgige Ecuador und 3. das etwa dreimal größere Tiefland im Osten,

den sogenannten Oriente. Das letztere Gebiet ist ein ungeheueres,

von den Amazonaszuflüssen durchschnittenes Waldland, heiß, feucht,

fieberdrohend und nur dünn bewohnt von wilden Indianerstämmen, zwischen

denen sich einige wenige Missionsstationen angesiedelt haben, im

übrigen unerforscht und unbekannt. Der mittlere, kleinere, gebirgige

Teil Ecuadors ist das Land der Kordilleren und der Hochebenen, die

heute, wie einst zur Zeit der Inkas, das Gebiet der Kultur sind. Vom

breiten tropisch-fruchtbaren Küstenstrich steigen wir auf mehreren, von

großartigem Urwald bedeckten Stufen zum kühlen Hochland an, das in der

ganzen Erstreckung Ecuadors von _zwei parallelen Gebirgsketten_, der

West- und der Ostkordillere, und den zwischen beiden eingebetteten,

durchschnittlich 3000 Meter hohen Hochebenen oder Hochbecken gebildet

wird. Wegen seiner Lage zwischen den beiden Andenketten wird das

Hochland das »interandine« Hochland genannt. Wie der Abfall der

Westkordillere nach Westen zum Küstenland, so ist der Abfall der

Ostkordillere nach Osten zum Amazonastiefland hoch und steil, so daß

das interandine Hochland wie eine umgestürzte riesenhafte Schüssel auf

der Kontinentalmasse Südamerikas liegt.

Von den beiden Kordilleren ist die _Ostkordillere_ die ältere. Sie

besteht, soweit sie nicht von jungvulkanischen Eruptivmassen bedeckt

ist, aus kristallinen Schiefern, Gneisen, Tonschiefer, schiefrigen

Diabasen, Grünschiefer usw., die von Graniten und Dioritmassen

durchbrochen sind. Sehr wahrscheinlich sind in den genannten

kristallinen Gesteinen paläozoische, triassische, jurassische und zum

Teil auch kretazeische Formationen in einem Zustand dynamomorpher

Umwandlung zu finden. Diese Ostkordillere ist durchschnittlich die

höhere und wird deshalb von den Landesbewohnern gewöhnlich Cordillera

real (Hauptkordillere, nicht »Königskordillere«) genannt.

Die _Westkordillere_ ist die jüngere. Sie ist, soweit sie nicht

jungvulkanisch ist, hauptsächlich aus dunklen Schiefern, aus

Sandsteinen, Kalksteinen und Konglomeraten aufgebaut, die alle

der Kreideformation angehören und von wahrscheinlich ebenfalls

kretazeischen Eruptivgesteinen, wie Diorit, Diabas, Porphyrit u. a.,

durchsetzt werden.

Auf diese beiden alten Kordilleren und teilweise auch auf die

Hochbecken zwischen ihnen sind die gewaltigen _Vulkane_ aufgesetzt,

die dem Hochland von Ecuador seinen besondern Charakter geben. Sie

sind geologisch jung, wahrscheinlich alle quartär, und haben mit

ihren Ausbruchsmassen einen großen Teil der Kordilleren, auf denen

sie stehen, und fast das ganze Hochplateauland dazwischen verschüttet

und unter sich begraben. Auf den Faltenzügen der ungeheuer langen

Andenketten sitzen sie obendrauf wie Reiter auf dem Sattel oder wie

Schornsteine auf dem Dachfirst. In Reihen von kolossaler Ausdehnung

und bis zu 300 Kilometer von der Küste entfernt, stehen sie da

nebeneinander. Diese Bindung an das riesige Faltengebirge können

wir einfach so erklären, daß hier durch die gewaltigen Falten der

Zusammenhang der Erdrinde gelockert ist und innere Zerreißungen oder

Aufblätterungen der Schichtenkomplexe stattgefunden haben, die dem von

unten aufdringenden Magma geringern Widerstand leisten als die durch

keine Faltenbildung gestörten Teile der Erdkruste.

Bei der großen Längenausdehnung der Kordilleren stehen in Ecuador

die Vulkane so weit voneinander entfernt, daß sie nicht das Bild

einer zusammenhängenden Kette, sondern einer von sehr weiten Lücken

unterbrochenen Reihe ausmachen. Die Landschaft bietet deshalb kein

so großartiges Panorama wie ein schneebedecktes Kettengebirge, etwa

der Kaukasus oder Himalaja. Die ungeheure Flächenentwicklung des

Hochlandes, die langen sanften Linien der vulkanischen Aufschüttung,

der Mangel an Bergketten mit ewigem Schnee, die Seltenheit von

schroffen, zackigen Bergformen, die Monotonie der alles überziehenden,

olivenbraunen Farbe der Gras- und Tuffdecken, die geringe Ausdehnung

der Bodenkultur: alles vereint sich zu einem Landschaftscharakter, der

mit dem alpinen wenig gemein hat. Er ist »andin«. Aber jeder einzelne

der Vulkankolosse ist eine unvergleichlich grandiose Erscheinung, am

meisten gerade jene, die allein stehen, wie der Chimborazo oder der

Cotopaxi. Diesem Eindruck kann auch der Umstand nur wenig Abbruch

tun, daß die Riesenberge, die im Chimborazo bis zu einer Maximalhöhe

von 6310 Meter aufragen, auf dem bereits durchschnittlich 3000 Meter

hohen Hochland als Basis aufsitzen; denn die Mehrzahl ist tief

herab mit _Firn und Gletschern_ bedeckt, am meisten der Chimborazo,

der Antisana und der Cayambe. Durchschnittlich liegt die Firn- und

Eisgrenze, die hier im tropischen Hochgebirge meist zusammenfallen,

bei 4700 bis 4800 Meter, die untere Grenze einzelner Gletscherzungen

aber noch 3–400 Meter tiefer. Auch die drei tätigen Vulkane des

Landes, der Sangay, der Cotopaxi und der Tunguragua, sind großenteils

in einen Eismantel eingehüllt, und zwar sind es auf allen Bergen die

Ost- und Nordostseiten, die die mächtigsten Eisdecken tragen, weil

das ganze Jahr hindurch die vorherrschenden Winde im Hochland als

Passate aus Osten kommen, von wo sie aus den weiten warmfeuchten

Amazonasniederungen beständig große Wasserdunstmengen mitbringen und in

Stürmen und furchtbaren Gewittern meist auf den Ostflanken der Gebirge

als Regen, Hagel und Schnee niederschlagen.

Die regenreichste, wärmste Jahreszeit im Hochland sind die

»Invierno«-Monate März bis Mai, in geringerm Maß Oktober und November.

Die schönsten, regenärmsten, kühlsten Monate sind der Juni, Juli und

August, der sogenannte »_Verano_«. Diese Verano-Monate sind für die

Hochgebirgstouren insofern günstig, als dann auf der Westkordillere und

im ganzen interandinen Hochland bei vorherrschendem Ostwind relativ

milde Witterung ist und weniger Stürme und Gewitter wüten. Ich hatte

deshalb meine Reise auf diese drei Monate verlegt; demzufolge haben wir

von den Wettergewalten relativ wenig zu leiden gehabt. Nur auf der

viel niederschlagreichern Ostkordillere trafen wir es meist schlecht,

denn dort ist in den hohen Regionen gerade der Verano die Periode der

Stürme, der Regengüsse, der Nebel und Schneefälle.

[Illustration: Der Pier von Guayaquil am Guayasfluß, mit der Uferstraße

Malecon.]

In den Sturm- und Gewittermonaten März bis Mai ist der Reisende im

andinen Gebiet über den Hochebenen so gut wie schutzlos dem Toben der

Elemente preisgegeben, weil kein Wald, kaum ein Baum in den Regionen

über 3800 Meter steht und das ganze Land in dieser Höhe, alle Ebenen,

Hügel und Berge bis zu 4500 Meter hinauf, infolge der den Baum- und

Strauchwuchs verhindernden Winde, Trockenheit und Kälte nur mit

harten Gräsern und niedrigen Stauden bewachsen ist. Das ist die immer

graubraune Region der _Páramos_, der Hochsteppen, die gefürchtet

ist wegen ihres rauhen, wechselvollen Klimas, das einem permanenten

deutschen März-April gleicht. Die Páramoregion ist ganz ungeeignet zum

Feldbau, sie wird nur bewohnt von wenigen indianischen Viehhirten, die

hier die halbverwilderten Schaf- und Rinderherden ihrer weißen Herren

beaufsichtigen, und durcheilt vom flüchtigen Páramo-Hirsch und dem

König der Lüfte, dem Kondor.

[Illustration: Ambato mit dem Chimborazo, Nordseite.]

Aber auch in der Trockenzeit sind die Reisen im interandinen Hochland

dadurch beschwerlich, daß der Reisende unausgesetzt auf elenden

Maultierwegen mit heftigem Wind und widerwärtigem Staub zu kämpfen

hat und nach des Tages Arbeit nur in den wenigen größeren Ortschaften

und Städten Gasthäuser findet, die aber nach europäischen Begriffen

meist Spelunken vierten und fünften Ranges sind. Im übrigen ist der

Reisende auf »Tambos«, die Unterkunftshütten der Lasttiertreiber

(Arrieros), angewiesen, wo man höchstens den landesüblichen Locro

(Wasserkartoffeln mit Zwiebeln) zu essen bekommt und in einem von

Ungeziefer wimmelnden Raum auf dem nie gereinigten nackten Lehmboden

neben Indianern, Hunden und Schweinen schlafen muß, wenn man nicht sein

eigenes Zelt, Feldbett und Proviant mit sich führt. Dies aber tat ich

auf meiner ganzen Reise, was mich von ecuatorianischer Gastlichkeit

unabhängig machte.

[Illustration: Kehren der Guayaquil-Quito-Bahn bei der »Teufelsnase«

unterhalb von Alausi (1900 ~m~).]

Es war mir schon im Gegensatz zu meinen afrikanischen Reisen als

eine ideale Reiseart erschienen, daß man nicht wie dort mit einem

schwerfälligen Troß von menschlichen Trägern umherziehen muß, sondern

daß man nur mit wenigen Pferden und Maultieren reist, die von zwei oder

drei Treibern besorgt werden, und bloß in den den Tieren unzugänglichen

Hochgebirgsregionen einige indianische Träger braucht, die aber an

jedem Ort neu angeworben und nach der betreffenden Bergtour gleich

wieder entlassen werden. Auch die acht bis zehn Last- und Reittiere,

die ich regelmäßig mitführte, hatte ich anfangs nur für _eine_ Tour

gemietet; da aber sie und ihre zwei Treiber, die Kolumbianer, nicht

Ecuatorianer waren, sich als außerordentlich leistungsfähig erwiesen,

behielt ich sie während der ganzen Reise und konnte ihnen schließlich

das Schwerste unbedenklich zumuten.

Wir waren gewöhnlich von Sonnenaufgang bis Spätnachmittag unterwegs,

und wenn wir dann zu einem Tambo oder Hato (Hirtenhütte) kamen

oder im einsamen Páramo die Zelte aufschlugen, wurden die Tiere

losgelassen, um sich ihre Nahrung selbst zu suchen. Stallfütterung

gibt es nicht, aber Gras wächst überall in Unmasse; freilich ist es

so hart und trocken, daß man die Grasländer der Páramos allerwärts

nur Pajonales, Strohfelder, nennt. Es ist »Heu auf dem Halm«, wie

ein Reisender die Gräser in Südwestafrika genannt hat. Nur wenn man

in bewohntere Gegenden kommt, finden die Tiere in den umzäunten,

künstlich bewässerten »Potreros« besseres Gras, oder sie bekommen ein

Bündel »Alfalfa« (~Medicago sativa~) oder »Cebada« (körnerhaltiges,

ungedroschenes Gerstenstroh) zu fressen, wofür natürlich besonders zu

zahlen ist.

Proviant für uns selbst brauchte ich immer nur für acht bis vierzehn

Tage mitzunehmen, da wir nach jeder einzelnen Tour wieder in eine

der Hochlandstädte Riobamba, Latacunga und Quito als Standquartier

zurückkehrten, wo wir uns neu verproviantieren konnten. Alkohol haben

wir auf den Touren nur in medizinischen Dosen getrunken, auch Tabak nur

im Quartier oder Lager geraucht, und auch dann nur sehr wenig.

Wegen der 1903 schon Mitte August beginnenden Regenzeit hat unser

Aufenthalt im Hochland selbst nur 2½ Monate gedauert. Aber durch

äußerste Anspannung aller beteiligten Kräfte von Mensch und Tier

vermochte ich in dieser kurzen Zeit des »Verano« doch mein Programm

durchzuführen. Die Herren Ecuatorianer im Hochland kennen und wissen

von der großartigen Gebirgswelt, die sie umgibt, gar nichts. Niemals

hat ein Ecuatorianer aus eigenem Antrieb einen Schneeberg bestiegen,

und für das, was wir dort wollten, zeigten nur ganz wenige Verständnis

und wirkliches Interesse. Nur die Winke, die mir deutsche Landsleute

und zwei oder drei ecuatorianische Herren in Riobamba und Quito aus

langer Erfahrung geben konnten, waren mir wirklich von Nutzen, aber

auch sie erstreckten sich nicht in die eigentliche alpine Region des

Gebirges. Dort ist man einzig und allein auf sich selbst angewiesen.

* * * * *

38 Tage Seefahrt, davon die Hälfte der Zeit auf einem schmierigen,

überfüllten Küstendampfer im Pazifischen Ozean, der das Reisen zur

Qual machte, hatten mich und meinen Begleiter, Herrn Maler Rudolf

Reschreiter, endlich am 8. Juni 1903 nach dem ecuatorianischen

Haupthafen Guayaquil gebracht. Nach nur dreitägigem, den nötigsten

Vorbereitungen gewidmetem Aufenthalt dampften wir in der Frühe des 10.

Juni auf einem stark besetzten Raddampfer den breiten Guayasfluß in

reißender Strömung aufwärts und zum anderen Ufer hinüber, wo der Ort

Durán liegt, der Ausgangspunkt der _Kordillerenbahn_. In regelmäßigem

Betrieb war damals die weitaus schwierigste Strecke durch das sumpfige

Unterland und am urwaldbedeckten, tief zerschluchteten Westabfall der

Kordillere empor bis Alausi (2390 Meter), und im Ausbau die bereits

im interandinen Hochland gelegene Strecke von Guamote nach Riobamba

(2801 Meter). Erst durch sumpfig-heiße Niederung, dann in einem dichten

Blättermeer, so daß wir weithin wie in einem dunkelgrünen Tunnel durch

die Laubmassen fahren, dann wieder in einem von tropischem Bergurwald

erfüllten Tal, schließlich in unglaublichen Zickzacks an steilen

Felswänden hinauf zieht die Bahn nach Alausi empor. Von dort brachte

uns ein zweitägiger Ritt durch hügeliges grasiges Tuffland über den

breiten Rücken des Salarunespasses (3603 Meter) in die weite graubraune

Muldenebene von _Riobamba_ und nach der kleinen gleichnamigen Stadt

(12000 Einwohner), die mit ihren gepflasterten Straßen, ihren meist

einstöckigen, aus Tuffquadern erbauten Häusern, einigen steinernen

Kirchen und einer Reihe kleiner Läden einen zivilisierteren Eindruck

macht, als ich nach den Schilderungen früherer Reisenden vermutet

hatte.

Unsere Ankunft in dem verkehrslosen Städtchen war ein großes Ereignis.

Der Gobernador empfing uns infolge meiner amtlichen Empfehlung mit

ausgesuchter Liebenswürdigkeit, stellte mir ein Rundschreiben an

alle »Jefes politicos« seiner Provinz in Aussicht und versprach

Begleitung, wohin wir wollten; aber er tat nichts. Auch von den anderen

Spitzen der Riobambaer Gesellschaft, bei denen ich Empfehlungsbriefe

abgab, ward uns die allerhöflichste Aufnahme zuteil, und abends

wimmelte es in unserm Gasthaus von Besuchern, die neugierig unsere

Ausrüstung musterten und rätselhafte Dinge, wie Theodolit, Eispickel

und Steigeisen, anstaunten. Aber nicht ein einziger war imstande,

uns einige Auskünfte darüber zu geben, wie und wo man am besten dem

Chimborazo zu Leibe gehen könnte, um seine Schneeregion zu erreichen.

Kein einziger wußte, wie es oberhalb der Schneegrenze aussieht.

Eine rühmliche Ausnahme machten die Herren Gebrüder Cordovez, smarte

Geschäftsleute kolumbianischer Abkunft, die sich viel in der Welt

umgesehen hatten, perfekt Englisch sprachen und Interesse für unsere

wissenschaftlichen Ziele zeigten. Zwar wußten auch sie nichts Näheres

vom Chimborazo, aber sie halfen uns beim Engagement der nötigen

Leute und Tiere. Da waren vor allem zwei zuverlässige kolumbianische

_Arrieros_, namens Moran und Spiridion, mit guten Reit- und Lasttieren,

die ich während der ganzen Ecuadorreise behielt; dann ein Angestellter

der Herren Cordovez, ein vielgewandter junger Dalmatiner, Don _Alfonso

Santiago_, der über Peru nach Ecuador verschlagen worden war, Englisch,

Spanisch und das Kitschua der Hochlandindianer sprach und mir auf

der ganzen Reise als Reisemarschall und Dolmetscher (Mayordomo)

diente, wenn ich auch oft nahe dran war, ihn wegen seiner üblen

Charaktereigenschaften wegzujagen. Und schließlich verschafften sie mir

Empfehlungen an die Wirtschafter einiger um den Chimborazo verstreuter

Haciendas und Hatos, die sich sehr nützlich erwiesen.

Endlich hatte auch der, dem alle unsere Vorbereitungen galten, um den

sich seit Wochen unsere regsten Gedanken, unsere sehnlichsten Wünsche

und Hoffnungen gedreht hatten, nach dem wir seit acht Tagen von jedem

Paß und Hügel ausschauten, die königliche Gnade, sich uns in seiner

ganzen Größe zu zeigen: der _Chimborazo_. In stiller, schlichter

Majestät, wie die Kuppel von St. Peter über dem niedern Rom, ragt der

Schneedom über seine Umgebung empor.

Wie vor zwanzig Jahren der erste Anblick des Kilimandjaro, so ergriff

mich auch das erste Erscheinen des Chimborazo mit der Macht einer

plötzlichen Offenbarung. Demütig stehen wir kleinen Menschen vor

dem Erhabenen und lassen es klopfenden Herzens zu uns in seiner

Sprache reden, die man nur in solchen Weihestunden recht versteht.

Und wenn dann das Herz wieder zur Ruhe gekommen ist, werden die

Augen scharfsichtig, der Geist hellseherisch und er begreift von der

Erscheinung mehr als sonst. Es war schon Spätnachmittag, als uns der

Berg erschien. Schnell zog das tropische Dämmerlicht herauf. Langsam

verglomm am violetten Westhimmel die silberne ungeheuere Kuppel. Die

uns zugekehrte Ostseite lag schon im blauschwarzen Schatten, aber noch

schimmerte es geheimnisvoll um den schneeigen Scheitel, und als auch

diese letzten Töne verklungen waren, stand noch lange die finstere

Silhouette am verlöschenden Abendhimmel wie eine riesenhafte Sphinx.

Übrigens darf man sich das _Gebirgspanorama von Riobamba_ nicht

alpin im europäischen Sinn vorstellen, nicht als ein Amphitheater

oder als eine Kette von Schneegipfeln. Es ist nicht das »großartigste

Diorama der Welt«, wie es der Reisende Boussingault in französischer

Überschwenglichkeit im Jahr 1831 genannt hat; sondern in weiter

Entfernung, so daß Einzelheiten nur mit dem Glas zu erkennen sind,

zieht im Westen des weiten Riobambabeckens der lange Gebirgswall der

Westkordillere, im Osten der der Ostkordillere nordsüdwärts, und

vereinzelt sitzen auf, respektive an ihnen die schneeigen Vulkankegel

in großen Abständen: auf der Ostkordillere der zackige Altar mit der

matterhornähnlichen Obispo-Spitze und der von hier der Königsspitze

gleichende Tunguragua; auf der Westkordillere der mehrgipfelige

Carihuairazo und der gewaltige Chimborazo-Dom. Im ganzen kein

zusammenschließendes, einheitliches Hochgebirgspanorama, sondern

weitverstreute Einzelbilder.

In zweieinhalb Tagen waren wir dank fleißiger Arbeit mit allen

Vorbereitungen fertig. Nun konnte es losgehen. Zuletzt entdeckte ich

noch einen eingewanderten italienischen Handelsmann, der in seinem

Laden die besten Dinge hatte, die ich für Bergtouren brauchen konnte

und in Riobamba nicht vermutet hatte: vortreffliche italienische

Makkaroni, feinkörnigen italienischen Reis, verschiedene Biskuitsorten,

guten, rotgelben Käse, in Blechbüchsen eingemachte Früchte, namentlich

kalifornische und chilenische Pfirsiche und Birnen, und anderes

Gute mehr. So waren wir für unser bevorstehendes Lagerleben viel

besser ausgestattet, als ich nach unseren bisherigen Gasthaus- und

Reiseerfahrungen hatte hoffen können. Das war ein Glück, denn es kamen

Tage schwerer Arbeit und harter Entbehrung.

Der Chimborazo.

1. Der Berg.

Der höchste und größte Berg der ecuatorianischen Anden ist der

_Chimborazo_ (6310 Meter). Jahrhundertelang galt dieser Bergriese

für die höchste Erhebung von ganz Amerika, und wenn ihm auch dieser

Rang von der fortschreitenden Landeskenntnis genommen worden ist, so

bleibt ihm doch der Nimbus, mit dem ihn der Besuch und die begeisterten

Schilderungen des größten deutschen Forschungsreisenden, Alexander

von Humboldts, umwoben haben. Seit Humboldts vor einem Jahrhundert

unternommener Erforschung und versuchter Besteigung des Chimborazo

haben gerade wir Deutsche immer ein sozusagen landsmännisches Interesse

an dem Berg genommen. Die Mehrzahl seiner wissenschaftlichen Besucher

und Erforscher auch nach Humboldt sind Deutsche gewesen, vor allem

Wilhelm Reiß und Alfons Stübel (1870–74).

[Illustration: Spezialkarte des

Chimborazo

Maßstab 1 : 150000

Kartographische Anstalt von F. A. Brockhaus, Leipzig]

Der Naturforscher wie der Naturfreund, der Künstler wie der Alpinist,

der ecuatorianische Stadtbewohner wie der indianische Bauer, alle,

die den gewaltigen Schneeberg sehen, an ihm weilen oder arbeiten,

erkennen ihn als den König der ecuatorianischen Anden an. Er ist das

_Wahrzeichen Ecuadors_. Schon seine Erscheinung ist einzigartig. Am

weitesten von allen großen Vulkanen Ecuadors auf der Westkordillere

nach Süden vorgeschoben, ist er der einzige Schneeberg des Hochlandes,

von dem im 133 Kilometer entfernten Hafenplatz Guayaquil bei sehr

klarem Wetter ein Stück sichtbar ist, eine Erscheinung aus einer andern

Welt; und er ist der erste, der den vom tropisch-heißen Tiefland

auf der meistbegangenen Route über Guaranda zum kühlen Hochland

aufsteigenden Reisenden mit dem Zauber nordischer Schneelandschaft

begrüßt oder aber ihn beim Übergang über den berüchtigten, am

Südwestfuß des Chimborazo gelegenen Hochpaß des »Arenals« mit wildem

Páramowetter, mit tobenden Gewittern, mit eisigem Regen und Schneesturm

empfängt. Ganz allein thront er am Westrand der Hochebene von Riobamba.

Der nördlich neben ihm 10 Kilometer entfernt stehende kleinere

Carihuairazo (5106 Meter), obwohl an sich ein sehr respektabler

Schneeberg, verschwindet, von Westen, Süden und Südosten gesehen, neben

der himmelstürmenden Titanengestalt des Chimborazo fast ganz. Es ist,

als ob sich von den anderen großen Vulkanen des Hochlandes keiner in

seine Nähe wagte.

An sich ist der Vulkanbau des Chimborazo mit seiner im Mittel nur

3000 Meter betragenden relativen Höhe nur wenig höher als der des

Cotopaxi über seiner Basisebene, er ist sogar kleiner als der des Ätna

(3313 Meter) oder gar der des Pik von Tenerife über ihren Fußpunkten.

Gänzlich verschieden aber ist die _Architektur_ des Chimborazo von der

des Cotopaxi. Hier gibt es keine so weit ausholende, fast mathematische

Profilkurve wie im Aufbau des Cotopaxi, keine gleichmäßig abgestutzte

Kegelform wie dort, sondern es ist ein Komplex von kolossalen

miteinander verwachsenen Stumpfpyramiden, über den sich eine Gruppe von

fünf Schneedomen als Gipfel wölbt. Man könnte von einem »romanischen«

Stil dieses Riesenberges sprechen, so gut wie man vom »gotischen« Stil

der granitischen Sierra Nevada gesprochen hat.

Der Chimborazo zeigt sich auf jeder Front in einer gänzlich andern

Gestalt. Am großartigsten entwickelt er sich vor dem Beschauer auf der

breiten _Südostseite_. Hier ist er breiter, höher und steiler als auf

den anderen Seiten. Als ein mächtiger vereister Gebirgsrücken hebt

er sich aus dem Hochbecken von Riobamba empor, am Fuß welliges und

hügeliges Gelände von großer Monotonie, alte übereinandergelagerte

Lavaströme, Tuffschichten und alte Moränen unter einer alles

überziehenden graubraunen Decke von Páramogras. Darüber geht das

Massiv mit stärkerer Steigung in die Zone junger Moränen über, die

als ein Gürtel runder Wälle, Dämme und Kegel die Südhälfte des Berges

zwischen etwa 4700 und 5200 Meter umfassen; und von da an stürmt der

Berg in jähen, dunklen Felswänden himmelwärts, über die sich von

oben die Eisflut in einer Reihe steiler, graublauer Gletscher und

wildzerrissener Eisstürze ergießt. Über diesen aber wölben sich in

olympischer Ruhe die breiten runden Firndome der Gipfelregion.

Auf der _Ostseite_ haben wir, wenn wir nördlich vom Tambo Chuquipoquio

stehen, den Berg in seiner Schmalseite vor uns. Die mächtige runde

Firnkuppel des Ostgipfels beherrscht hier das Bild, hinter der die

westlicheren Schneegipfel großenteils verdeckt liegen, und läßt den

Berg als einen einfachen großen Vulkandom erscheinen mit gleichmäßig

konisch nach allen Seiten abfallenden Hängen. Ein großer primärer

Gletscher fließt weit nach Nordosten hinab.

Sobald man aber nach der _Nordseite_ des Berges umgebogen ist,

ändert sich das Bild total. Der Berg breitet seine vielgliedrige

Längsansicht vor uns aus, und jetzt sehen wir über dunklen Schuttmassen

und Felswänden die fünf runden Firngipfel auf dem langen Schneerücken

thronen. Die Nähe des benachbarten vereisten Carihuairazo stört

freilich die Einheitlichkeit des Bergbildes; dagegen erhöht sie mächtig

den Gesamteindruck der großen alpinen Landschaft. Sie packt und fesselt

uns um so mehr, als die Vergletscherung des Chimborazo auf keiner

andern Seite des Berges so großartig ist wie auf den dem Carihuairazo

zugewandten Flanken.

Von der Nordseite steigt die Basis des Chimborazo immer mehr nach

_Westen_ an. Dort stehen wir 4400 Meter hoch auf der wüstenhaften

Lapilli-Ebene des »Großen Arenals«, das im Süden von dem nach Guaranda

führenden Saumpfad überschritten wird, und sehen den Chimborazo wieder

in seiner kürzesten Achse. Keine andere Seite des Berges ist so einsam

und öde wie diese; nichts als Stein- und Eiswüste. Auf keiner andern

Seite erscheint er so als regelrechter schneebehelmter Vulkankegel

wie von der Westseite. Hier ist es der Riesendom des Westgipfels

(6269 Meter), der den ganzen Berg auszumachen scheint; nur ein wenig

wird rechts neben ihm von dem noch etwas größern Südgipfel in der

Überschneidung sichtbar. Zwischen beiden ist auf der Südwestseite

der Kegelmantel in der untern Berghälfte durch ein breites steiles

Gletschertal bis zum Fuß herab aufgerissen, einer der größten

Massendefekte am ganzen Chimborazo, der einen tiefen Einblick in den

vulkanischen Bau des Berges gewährt.

Seit Äonen ist der Chimborazo _kein tätiger Vulkan_ mehr. Nur noch

einige um seinen Fuß zerstreute heiße Quellen verraten Rückstände

schwacher innerer Glut. An seinen dunklen Andesitwänden nagen seit

ungezählten Jahrtausenden die Sonnenstrahlen, Nachtfröste, Winde,

Gewässer und Gletscher, und die tiefen Wunden, die sie dem Bergriesen

schlagen, werden wohl nie wieder vernarben, wohl nie wieder durch einen

neuen verjüngenden Lavaerguß ausgeheilt werden. Auch er, der stolzeste

und größte der ecuatorianischen Andenberge, unterliegt dem Schicksal

alles Irdischen, der Vernichtung. Aber noch steht er in göttlicher

Größe und Schönheit da, noch für unermeßliche Zeiten empfänglichen

Augen und Seelen zur Erhebung und heiligen Verehrung, dem geistig

Schwachen aber zur Beklemmung und Furcht, wie man überall von den

Ecuatorianern hören kann.

Wir bewundern an ihm außer seiner Größe vor allem die reiche

_orographische Gliederung_ seiner gewaltigen Massen. Wie der

Cotopaxi erscheint uns auch der Chimborazo als eine geschlossene

Bergpersönlichkeit, aber ihr Charakter ist ein anderer als der des

symmetrischen, eleganten Cotopaxi. In seinen Profilen und Formen

verbinden sich die starre harte Geradlinigkeit seiner hohen Felswände

und die vielfältig gebrochenen und gekrümmten Linien seiner Grate

und Spitzen mit den sanften Kurven seiner Schutthalden und mit den

weiten, ruhigen Wölbungen seiner himmelhohen Firne zu einer wunderbaren

Harmonie von Strenge und Milde, von Ehrfurcht gebietender Erhabenheit

und ernster Freundlichkeit. Während der Cotopaxikegel in seiner

Einfachheit sich mehr der kristallinischen Grundform nähert, setzt

sich der Chimborazo aus mehreren Einzelbergen und Stufen zu einer

höhern Einheit zusammen. Er nähert sich durch seine mannigfaltige

Gliederung mehr den organischen Gebilden, mehr dem Lebendigen als

jener. Es ist ein unbewußter Ausdruck dieser Empfindung, wenn man

im Lande seine langgestreckte Gestalt mit der eines ruhenden Löwen

vergleicht, und es ist darin auch richtig ausgesprochen, daß er trotz

seiner Mannigfaltigkeit eine geschlossene majestätische Berggestalt

ist. Sie ist, um mit F. Ratzel zu reden, nicht romantisch, sondern

klassisch. Zur Einheitlichkeit des Ganzen trägt am meisten die

ungeheuere, zusammenhängende und zusammenfassende Schnee- und Eisdecke

bei. Sie gleicht mit ihren auf und ab schwellenden Wogen alle schroffen

Trennungen aus und vereint unter sich alle Spitzen und Grate zu _einem_

Schneeberg.

Von der grauen Monotonie seiner Fußhügel weg zieht der Berg unser

schauendes Auge immer wieder an den dunkelfarbigen, steilen Hängen und

Wänden seines Felsenbaues und an seinen mattblauen Gletscherbrüchen

empor in die lichte Schneeregion und läßt es langsam über die weiten

Flächen der im Sonnenschein silbern schimmernden Firnfelder und

Firndome gleiten. Dort ist Ruhe, Einsamkeit, erhabene Größe. Sie

können wir nicht mehr schildern, nur fühlen in tiefer Ergriffenheit,

nur »still verehren«, wie Goethe vom großen Unerforschlichen

der Natur sagt. Wir begreifen, daß auch kein Künstler einem so

erhabenen Naturbild beikommen kann; schon an der Raumgröße würde

seine Kunst scheitern. Nur wenn er von dem unendlichen Reichtum der

Einzelerscheinungen absieht, das Ganze vereinfacht, das Typische

heraushebt und von Form und Linien im großen ganzen ein richtiges

Abbild gibt, kann er eine so gewaltige Bergpersönlichkeit wie den

Chimborazo malerisch bezwingen. Vollständig gescheitert an diesen

Schwierigkeiten ist Alexander von Humboldt, dessen Chimborazobilder

dem modernen Beschauer als Karikatur erscheinen, und auch Stübels

sonst unvergleichliche Panoramen sind in ihrer Überhöhung nicht

korrekt; erst meinem Begleiter Reschreiter sind künstlerisch und

wissenschaftlich zugleich einwandfreie Bilder des Berges gelungen.

Bekanntlich ist es _Alexander von Humboldt_, der zuerst von allen

wissenschaftlichen Reisenden am Chimborazo eine bedeutende Höhe

bestiegen hat. Dies war im Jahr 1802. Humboldt galt dadurch für

viele Jahre als »Höchstgestiegener« der ganzen Welt, was zu seiner

Popularität weit mehr beigetragen hat als seine übrigen Reisen und

seine wissenschaftlichen Schriften bis zum Erscheinen des »Kosmos«.

Humboldt wählte als Ausgangspunkt das noch heute bestehende Dorf Calpi

im Südsüdosten des Chimborazo und glaubte, von dort mit seiner kleinen

Karawane in einem Tag zum Gipfel des Berges und zurück nach Calpi

kommen zu können. Eine solche naive Verkennung der Schwierigkeiten

war nur in der frühesten Jugendzeit der Alpinistik möglich; hatte man

doch zu bedenken, daß man eine Höhendifferenz von rund 3000 Meter,

eine Horizontaldistanz von etwa 19 Kilometer, steile Schutthalden,

kolossale Felswände, riesige Gletscherbrüche, die Wirkungen der dünnen

Höhenluft usw. zu überwinden hatte. Zum mindesten wären drei Tage für

das Unternehmen in Anschlag zu bringen gewesen, wenn der Berg überhaupt

von dieser Seite zu bewältigen ist, was ich angesichts der furchtbaren

Zerklüftung des Eises und des Firnes auf dieser Seite bezweifle. Ein

erfahrener Alpinist wird nie auf den Gedanken kommen, der schwierigen

Südseite des Chimborazo den Vorzug vor den alpinistisch leichteren

Südwest- oder Nordwesthängen zu geben. Aber freilich hatte Humboldt die

Nordfront des Berges überhaupt nicht gesehen.

So ritt er denn mit seinen Begleitern Aimé Bonpland und dem jungen

Ecuatorianer Carlos Montufar am 23. Juni 1802 von Calpi über das

stufenförmig ansteigende Basisgelände, am kleinen See Yana-cocha

vorüber zur Grenze des frischgefallenen Schnees (4377 Meter).

Hier begann seine Fußtour, während seine Kameraden erst an der

»perpetuierlichen« Schneegrenze (4820 Meter) ihre Reittiere verließen.

Nun folgte man einem steilen, »gegen den Gipfel gerichteten, schmalen

Felskamm« von »sehr verwittertem bröckeligen Gestein«. Bald kehrten die

Eingeborenen zurück, und es blieben mit Humboldt nur Bonpland, Carlos

Montufar und ein Mestize »aus dem nahen Dorf San Juan«. Der Grat wurde

sehr schmal, oft nur 8–10 Zoll breit, links sank eine »dünneisige

Spiegelfläche« mit etwa 30 Grad Neigung ab, rechts gähnte ein Abgrund

von 800 bis 1000 Fuß Tiefe. Immer schwieriger wurde das Balancieren,

das Klettern mit Händen und Füßen, so daß die Hände an den Felsen

»schmerzhaft verletzt« wurden; und dazu wurde Humboldt durch eine

Wunde gehindert, die er »seit mehreren Wochen am Fuß« hatte. Bei 5612

Meter wurde eine barometrische Höhenmessung vorgenommen. Nach weiterm

einstündigen Steigen stellte sich bei allen die Bergkrankheit ein:

»große Übelkeit«, »Bluten aus dem Zahnfleisch und aus den Lippen«(!);

auch die »Augen waren blutunterlaufen«. Ringsum lag dichter Nebel. Bei

seinem Aufreißen sahen sie den »domförmigen Gipfel des Chimborazo ganz

nahe«, aber bald – es war 1 Uhr geworden – setzte »eine Art Talschlucht

von etwa 400 Fuß Tiefe« dem Unternehmen eine Grenze. »Mit vieler

Sorgfalt« wurde mit dem Quecksilberbarometer die Höhe gemessen: 13 Zoll

11²/₁₀ Linien bei –1,6° ~C~, woraus Humboldt 5881 Meter berechnete.

»So fehlten noch bis zum Gipfel senkrecht 1224 Fuß oder die dreimalige

Höhe der Peterskirche in Rom.«

»Nach kurzer Zeit« kehrten die Reisenden auf demselben Felsgrat zurück,

»vorsichtig wegen der Unsicherheit des Trittes«, Gesteine sammelnd,

von Hagel und Schneegestöber begleitet. Trotzdem waren sie schon um »2

Uhr und einige Minuten« wieder an der Schneegrenze, wo die Maultiere

zurückgeblieben waren (4820 Meter). Sie waren also trotz der genannten

Schwierigkeiten in nur einer Stunde die 1061 Meter von 5881 Meter

zu 4820 Meter (= 17,7 Meter pro Minute) hinabgestiegen! Durch den

Páramo de Pungupala ritten sie nach Calpi zurück, wo sie schon um 5

Uhr nachmittags wieder eintrafen. »Die Expedition oberhalb des ewigen

Schnees hatte nur 3½ Stunden gedauert.« In 3½ Stunden will somit

Humboldt die 1061 Meter hohe schwierige Strecke von 4820 Meter zu 5881

Meter hinauf- und hinabgestiegen sein, d. h. rund 300 Meter in der

Stunde. Das wäre eine Arbeit, die sich der beste moderne Bergsteiger

auf nicht schwierigem Terrain und in normaler Höhe kaum zutrauen würde;

200 Meter auf und ab sind da pro Stunde schon eine recht respektable

Leistung. Aber bei Humboldts Besteigungsversuch handelte es sich um

gänzlich ungeübte, höchst mangelhaft – ohne Seil, Eisäxte, Nagelschuhe

usw. – ausgerüstete Männer, um schwieriges Terrain auf schmalen

steilen Graten, um eine Riesenhöhe mit der aus ihr folgenden starken

Verminderung der Leistungsfähigkeit und Geschwindigkeit, um lähmende

Bergkrankheit, Verletzungen, Aufenthalte zum Beobachten und Sammeln usw.

[Illustration: Ostsüdostseite des Chimborazo, vom Tambo Chuquipoquio

(3628 ~m~) aus.]

Diese vielfachen Widersprüche in Humboldts Darstellung sind schon

früher mit Recht kritisiert worden. Da aber die große Spärlichkeit

von Zeitangaben in Humboldts Bericht eine Kontrolle der einzelnen

Zeitabschnitte unmöglich macht, so ist schwer zu sagen, wo der

Irrtum oder Fehler liegt. Am einfachsten ist die Annahme, daß

das Quecksilberbarometer, dem die Höhenmaße entnommen wurden, in

völlige Unordnung geraten war. Legen wir für die Wirklichkeit einen

Durchschnitt von 150 Meter Auf- und Abstieg pro Stunde zugrunde,

was der Leistungsfähigkeit dieser Reisenden und den von Humboldt

geschilderten Umständen am meisten entsprechen dürfte, so hätte

Humboldt mit seinen Begleitern in 3½ Stunden von der Schneegrenze

(4820 Meter) aus und wieder dahin zurück die Höhe von etwa 5350 Meter

erreicht. Und diese Höhe stimmt vollkommen zu der von ihm geschilderten

Situation seines Endpunktes, während es bei 5881 Meter, wo er seiner

Messung nach gewesen sein will, ganz anders aussieht. Dort würde er

oberhalb der Felswände mitten in der Gletscherregion gestanden haben.

Er ist nach alledem noch unterhalb der riesigen Felswände geblieben,

die den gewaltigen Firndom tragen, und fast 1000 Meter unter dem Gipfel

selbst.

[Illustration: Westseite des Chimborazo, vom Arenal grande (4450 ~m~)

aus.]

Als Humboldt seinen ersten Bericht über diesen Besteigungsversuch

veröffentlichte, lag die Reise schon 35 Jahre hinter ihm, und er war

ein Greis geworden, in dem die Erinnerung an die einstigen Vorgänge

offenbar stark verblaßt war, obwohl er die Hauptdaten dazu seinen

Tagebüchern entnommen hatte. So konnte sich allmählich die Legende

von »_der_ Chimborazobesteigung« Humboldts ausbilden, während in

Wirklichkeit das Unternehmen Humboldts da aufgehört hat, wo die wahren

Schwierigkeiten des Felskletterns und der Eisarbeit erst beginnen,

wo die Gipfelbesteigung des Chimborazo im alpinistischen Sinne erst

anfängt, wo ein Bergsteiger sein oberstes Zeltlager aufstellen müßte,

wie es dann Whymper an der Südwest- und Nordwestseite, ich an der

Nordwestseite des Berges getan haben.

[Illustration: Nordseite des Chimborazo, von oberhalb der Hacienda

Cunucyacu aus.]

Hochtouren im tropischen Amerika · 第 1 / 11 段