Ich weiss nicht, wie ich auf die Brücke gelangte; es war augenscheinlich
schon spät, denn die Lichter in den Buden am Kai waren verlöscht und
niemand kam vorüber. Müde vom Umherirren durch unbekannte Strassen, von
Liebe, Eifersucht und Wut zerrissen, ohne mir sagen zu können wohin ich
meine Schritte lenken solle, lehnte ich mich ans Brückengeländer und begann
in den schwarzen Fluss hinunterzustarren, auf dessen vom Winde gekräuseltem
Wasser der Widerschein einiger weniger Sterne zitterte. Der Gedanke an
Selbstmord lockte und schreckte mich zugleich. Die Hauptsache war, dass man
dann nicht an die Zukunft zu denken brauchte. Aber das Wasser ist so
dunkel, wahrscheinlich sehr kalt; beim Ertrinken steht so viel
unwillkürlicher Kampf mit dem Tode bevor, es ist dann schon besser sich zu
erhängen, das kann man auch am Tage tun, wenn alles viel heiterer ist.
Unter solchen Gedanken hatte ich nicht bemerkt, dass ein Häuflein Menschen
mit einer Laterne die Brücke betreten hatte; alle waren der Kälte wegen in
ihre Mäntel eingewickelt, den Stimmen nach konnte man annehmen, dass die
Gesellschaft aus zwei Frauen und vier Männern bestand. Als die Leute an
mich herangekommen waren, leuchtete der Laternenträger mir ins Gesicht und
sagte mit grober Stimme:
»Was ist das für ein Kerl? Ein Selbstmordkandidat?«
»Ha! ein bekanntes Gesicht,« kam es aus der Gruppe, »ist das nicht gar das
Küken von Madame de Tombel, der bezaubernden Louise?«
»Ein Aas -- diese Dame,« sagte eine heisere Frauenstimme.
»Aber was macht dieser kleine Adonis hier? Warum steckt er nicht im Bette
seiner Herrin, sondern steht auf der Seinebrücke herum?« fragte ein Mann
von niederem Wuchse mit seiner Fistelstimme.
»In der Tat, wohin gehen Sie allein, ohne Mantel, zu dieser Stunde? Das ist
durchaus nicht so ungefährlich!« meinte, mich beiseite nehmend, François de
Saucier (ich erkannte ihn jetzt an Augen und Nase). Ich erzählte ihm kurz,
aber ziemlich verwirrt, meine Geschichte. Er lächelte und sagte ernst:
»Wunderschön, aber ich sehe bloss, dass Sie sehr naiv sind, und dass Sie
kein Obdach haben. Diese Nacht verbringen Sie am besten mit uns. Wir
überlegen dann was weiter zu tun sein wird. Über Nacht kommt Rat, nicht
wahr?« Dann schloss er sich wieder der Gesellschaft an und erklärte laut:
»Freunde, Mademoiselle Colette, für heute vergrössert sich unsere
Gesellschaft um diesen reizenden Jüngling, er heisst Aimé, wer hat etwas
dagegen? Als Herrin des Hauses hast du das erste Wort, Colette.«
»Er ist der Siebente und läuft Gefahr ohne Anschluss zu bleiben,« sagte ein
hochgewachsenes Frauenzimmer, das Colette angeredet wurde.
»Oder noch schlimmer, er raubt jemand von uns seinen Anschluss.«
»Zum Teufel, so rührt euch doch, auf der Brücke bläst ein Höllenwind und
das Licht in der Laterne geht zu Ende! Zu Hause werden wir uns schon
verteilen,« rief der Laternenträger.