Am Morgen suchte ich mit dem ganzen Hause den Schlüssel, den ich in meine
eigene Tasche gesteckt hatte. Da am nächsten Tage der Schlosser gerufen
werden sollte, so musste ich meinen Entschluss noch am selben Abend
ausführen, was mir durch den Besuch des Grafen de Chèvreville erleichtert
wurde. Als er sich, wie gewöhnlich, mit Madame de Tombel in ihr
Schlafzimmer zurückgezogen hatte, wartete ich eine halbe Stunde und stieg
die Treppe aus meinem Zimmer vor die bekannte Geheimtür hinunter. Neugierig
sah ich durchs Schlüsselloch. Obgleich mein Herz zu springen drohte und es
in meinen Ohren sauste, als ich Louise mit dem Grafen in zärtlicher
Umarmung auf dem Sofa erblickte, obgleich ich ganz von Entrüstung und
Bitterkeit erfüllt war, die durch die Hässlichkeit und das Alter des Grafen
noch verschärft wurden, folgte ich dennoch schweigend den Bewegungen der
beiden, und erst, als mir der Augenblick günstig schien, drehte ich den ins
Schlüsselloch gesteckten und für verloren gehaltenen Schlüssel um.
»Treulose!« rief ich, ins Zimmer tretend. Louise hatte sich so schnell von
der Seite des Grafen entfernt und ihre Kleider in Ordnung gebracht, dass
nur die Gründlichkeit meiner Beobachtungen mir nicht gestattete mich als
Opfer eines Irrtums zu betrachten.
»Weder Schwüre, noch Versprechungen, noch Liebe!« . . . begann ich.
»Nicht übel,« unterbrach mich Louise, die bereits ihre Haltung
wiedergewonnen hatte. »Das ist, glaub ich, aus Rotrou? Sie verwenden Ihre
Mussestunden mit Nutzen, indem Sie Tiraden aus Tragödien auswendig lernen,
jetzt sollen Sie noch mehr freie Zeit dazu haben, da Sie schon morgen mein
Hôtel verlassen werden.«
»Sie sind in der Tat viel zu nachsichtig gegen alle diese Leute, teure
Madame de Tombel,« sagte der alte Graf.
»Ja, und Sie sehen, wie ich bestraft werde!« antwortete Louise lebhaft.
»Aber es ist das letztemal. Weshalb aber sind Sie hier?«
Jetzt wandte ich mich an de Chèvreville. Ich erzählte ihm von meinen
Beziehungen zu Louise in der Absicht ihn durch Eifersucht von diesem Weihe
abzustossen. Sie hörte stumm mit einem boshaften Lächeln zu. Und ihre
Augenbraue, über der ein Schönheitspflästerchen in Gestalt eines
Schmetterlings angeklebt war, zuckte.
»Sie täuschen sich, mein Lieber, wenn Sie glauben, dass ich für Ihre
Geschichten ein besonderes Interesse habe,« bemerkte der Graf.
»Kein Wort davon ist wahr,« flüsterte Louise.
»Als ob ich das nicht wüsste,« meinte der Graf, ihre Hand drückend.
Verzweifelt fiel ich mitten im Zimmer auf die Knie.
»Louise, Louise, und mein Schlaf, als ich Sie erwartete? Und das
wundervolle Erwachen? Und die alte Marguerite? Und die Reise nach Paris?
Und das Muttermal auf dem linken Bein?«
Der Graf lächelte. Madame de Tombel hatte sich erhoben und sagte.
»Sie tun mir leid, Aimé, aber wirklich, Sie sind nicht bei Troste.«
»Beruhigen Sie sich, teure Madame de Tombel,« sagte der alte Graf und
küsste ihre Hand.
»Kanaille!« stiess ich, aufspringend, hervor, »heute noch verlasse ich dein
widerliches Haus!«
»Um so besser. Apropos, vergessen Sie nur nicht den gestohlenen Schlüssel
abzugeben,« warf Louise hin.