»Colette, Colette,
So kommt es, ich wett':
Keinen Gruss mehr,
Keinen Kuss mehr,
Vergessen die Eide.
In dürftigem Kleide
Naht das Alter auf Krücken,
Um dich niederzudrücken
Ins letzte schmale Bett,
Colette, Colette!«
So sang ein Mann in langem rotem Gilet, ein Bein über das andere
geschlagen, die Gitarre aufs Knie gestützt, den Kopf mit dem roten dicken
Gesicht zurückgeworfen. Colette spielte mit dem Marquis Karten, wobei sie
den Sänger wütend von der Seite ansah. Die kleine Ninon tanzte, ganz bei
der Sache, ein Menuett ohne Kavalier, der Schauspieler deklamierte mit
seinem hohen Tenor:
»O Herrscher, wenn deine Wünsche sich
Mit des Volkes Vorteil deckten,
Wenn auch der letzte Bauer noch
Vermöchte Schutz beim Thron zu finden!«
Mir gegenüber sass, sich zu de Saucier haltend, ein junger Mann, den alle
»Durchlaucht« anredeten. Er trug einen bescheidenen Anzug, hatte aber
äusserst kostbare Ringe von seltener Schönheit an den Fingern. Seine Augen
hatten etwas, was sie den Augen des Marquis eigenartig ähnlich machten.
Später begriff ich, dass es die Verbindung von Aufmerksamkeit und
Zerstreutheit, von Schärfe und Blindheit war, was sie gemeinsam hatten. Der
Hund unter dem Tische kratzte sich, mit der Pfote klopfend, die Flöhe aus
dem Fell; wenn Colette ihm einen Fusstritt gab, heulte er auf.
»Das ist unter Freunden unehrenhaft: Du hast eine Volte geschlagen.«
»Liebe Colette, Sie haben sich versehen!«
»Was? Glaubst du vielleicht, dass ich blind bin?«
»Nein, es scheint, dass Mademoiselle unrecht hat,« bemerkte leise der Mann
mit den Ringen.
»Es ist kein Wunder, dass Sie für François Partei ergreifen.«
»Um dich niederzudrücken
Ins letzte schmale Bett,
Colette, Colette . . .«
»Mich macht dieses Gesinge wild! Jacques, hör' auf!«
»Wie werde ich dann mein Menuett tanzen?«
»Und himmelwärts erhöbe sich das Stimmenmeer
Von dir, befreiter, freier Bürger . . .«
Colette trank mit einem Zuge ihren Wein aus. Mir war es, als träumte ich.
Der Streit wurde immer hitziger. François beugte sich zu Colette und sagte:
»Nun, küssen Sie mich, meine liebe Colette, mein Engel, meine Seele.«
»Würde mir grad noch fehlen jeden Schmutzfinken, jeden Herumtreiber zu
küssen! Was, weiss ich etwa nicht woher du dein Geld hast? Vom herzoglichen
Papa natürlich? Was genierst du dich? Wir sind hier unter uns und ich speie
dir ins Gesicht, wenn du noch zu mir kriechst. Du weisst selbst, was du
weisst!«
»Ihre Worte beleidigen auch mich, Madame,« sagte, sich erhebend, der junge
Mann mit den eigenartigen Augen.
»Ach, fühle sich beleidigt, wer mag. Ihr seid mir alle bis zum Halse! Und
was schleppt ihr euch hierher, wenn ihr uns nicht braucht?«
»Wer beleidigt? Wer wagt Frauen zu beleidigen?« brüllte der im roten Gilet
und warf seine Gitarre fort.
»So kommt es, ich wett',
Colette, Colette . . .«
sang die kleine Ninon, ihr Menuett tanzend, weiter.
François hatte seinen Degen gezogen und drang auf den parierenden
Schauspieler ein. Colette kreischte:
»Geoffroi! Geoffroi! . . . .«
Der Hund hellte.
»Ich bin verwundet,« rief der Schauspieler und sank auf einen Stuhl.
»Gehen wir!« rief François' Freund mir zu und zog ihn, der auch etwas
schrie, am Rockärmel mit auf die Strasse hinaus. Draussen war es schon fast
hell.