Die wenig zahlreichen Gäste von Madame de Tombel bestanden aus älteren
vornehmen Herren, die zu dieser jungen Schönen kamen, um mit ihr zu Mittag
zu speisen, am Kamin zu plaudern oder eine Partie Karten zu spielen. Sie
brachen immer zeitig auf. Madame de Tombel selbst fuhr selten, nur um
Einkäufe zu machen, am Tage aus. Sehr selten, drei-, viermal im Monat,
besuchte sie die Oper. Häufiger als die übrigen war nur der Graf de
Chèvreville bei uns. Er war der einzige, der allein kam. Seine Besuche
machte er zu verschiedenen Tageszeiten und er durfte auch das Schlafzimmer
von Madame betreten. Ich bemerkte, dass Louise nach seinen Besuchen
besonders zärtlich zu mir war, aber ich teilte diese Beobachtung aus Furcht
vor ihrem Spott nicht mit ihr, wünschte nur im geheimen, dass die
gräflichen Besuche häufiger wären. Einmal wurde ich mit Briefen zum Grafen
und dem Herzog de Saucier gesandt, bei dem ich noch niemals gewesen war.
Louise lud die beiden, glaube ich, zum Mittagessen ein. Ein alter Diener
nahm meinen Brief und liess mich im grossen halbdunkeln Vorzimmer auf
Antwort warten. Ich setzte mich auf eine hölzerne Truhe. Neben mir sass, in
Gedanken versunken, ein blasser junger Mann in einem abgetragenen langen
Rock. Er war blond und hatte eine lange Nase. Nachdem er eine Zeitlang so
dagesessen hatte, wandte er sein Gesicht zu mir, als bemerke er mich erst
jetzt. Dabei fielen mir seine tiefroten Lippen und seine scharfen und
zerstreuten, durchdringenden und dabei doch nicht sehenden Augen auf. Er
schien mir betrunken oder nicht ganz bei Sinnen zu sein.
Nach dem er mich flüchtig und doch aufmerksam betrachtet hatte, fragte er:
»Sie müssen wahrscheinlich bei diesem Regenwetter noch Briefe austragen?«
»Ja, es ist so, ich muss zum Grafen de Chèvreville.«
»So? . . . nun, wie stehen Sie sich denn mit Ihrem Herrn?«
»Wie soll ich mich mit ihm stehen? Und weshalb nennen Sie den Grafen meinen
Herrn?«
»Natürlich macht Ihre Diskretion Ihnen Ehre, mein Lieber, aber unter guten
Bekannten sollte es keine Geheimnisse geben und wir wissen doch
ausgezeichnet, dass die bezaubernde Madame de Tombel sich, sozusagen, des
Schutzes dieses guten Grafen erfreut . . .«
Der Lakai kam mit der Antwort zurück und unterbrach unser Gespräch. Zu
Hause erfuhr ich von den Dienern, dass der junge Mann, der sich mit mir
unterhalten hatte, ein Sohn des Herzogs, François de Saucier gewesen, den
sein Vater für irgendwelche dummen Streiche und aus schmutzigem Geize mit
dem Gesinde zusammen hielt. Durch meine Entdeckung erregt, konnte ich drei
Nächte nicht Schlaf finden. Ich beschloss, ohne mich zu verraten, alles
selbst zu erfahren.