Zweites Kapitel

Die wenig zahlreichen Gäste von Madame de Tombel bestanden aus älteren

vornehmen Herren, die zu dieser jungen Schönen kamen, um mit ihr zu Mittag

zu speisen, am Kamin zu plaudern oder eine Partie Karten zu spielen. Sie

brachen immer zeitig auf. Madame de Tombel selbst fuhr selten, nur um

Einkäufe zu machen, am Tage aus. Sehr selten, drei-, viermal im Monat,

besuchte sie die Oper. Häufiger als die übrigen war nur der Graf de

Chèvreville bei uns. Er war der einzige, der allein kam. Seine Besuche

machte er zu verschiedenen Tageszeiten und er durfte auch das Schlafzimmer

von Madame betreten. Ich bemerkte, dass Louise nach seinen Besuchen

besonders zärtlich zu mir war, aber ich teilte diese Beobachtung aus Furcht

vor ihrem Spott nicht mit ihr, wünschte nur im geheimen, dass die

gräflichen Besuche häufiger wären. Einmal wurde ich mit Briefen zum Grafen

und dem Herzog de Saucier gesandt, bei dem ich noch niemals gewesen war.

Louise lud die beiden, glaube ich, zum Mittagessen ein. Ein alter Diener

nahm meinen Brief und liess mich im grossen halbdunkeln Vorzimmer auf

Antwort warten. Ich setzte mich auf eine hölzerne Truhe. Neben mir sass, in

Gedanken versunken, ein blasser junger Mann in einem abgetragenen langen

Rock. Er war blond und hatte eine lange Nase. Nachdem er eine Zeitlang so

dagesessen hatte, wandte er sein Gesicht zu mir, als bemerke er mich erst

jetzt. Dabei fielen mir seine tiefroten Lippen und seine scharfen und

zerstreuten, durchdringenden und dabei doch nicht sehenden Augen auf. Er

schien mir betrunken oder nicht ganz bei Sinnen zu sein.

Nach dem er mich flüchtig und doch aufmerksam betrachtet hatte, fragte er:

»Sie müssen wahrscheinlich bei diesem Regenwetter noch Briefe austragen?«

»Ja, es ist so, ich muss zum Grafen de Chèvreville.«

»So? . . . nun, wie stehen Sie sich denn mit Ihrem Herrn?«

»Wie soll ich mich mit ihm stehen? Und weshalb nennen Sie den Grafen meinen

Herrn?«

»Natürlich macht Ihre Diskretion Ihnen Ehre, mein Lieber, aber unter guten

Bekannten sollte es keine Geheimnisse geben und wir wissen doch

ausgezeichnet, dass die bezaubernde Madame de Tombel sich, sozusagen, des

Schutzes dieses guten Grafen erfreut . . .«

Der Lakai kam mit der Antwort zurück und unterbrach unser Gespräch. Zu

Hause erfuhr ich von den Dienern, dass der junge Mann, der sich mit mir

unterhalten hatte, ein Sohn des Herzogs, François de Saucier gewesen, den

sein Vater für irgendwelche dummen Streiche und aus schmutzigem Geize mit

dem Gesinde zusammen hielt. Durch meine Entdeckung erregt, konnte ich drei

Nächte nicht Schlaf finden. Ich beschloss, ohne mich zu verraten, alles

selbst zu erfahren.

Geschichten(#41305) · 第 13 / 73 题