Fünftes Kapitel

Die Frau war an den Seitenflügel des Hauses von Madame de Tombel

herangetreten, blieb stehen und winkte mich mit der Hand an ihre Seite. Ich

schlüpfte ihrem beim Schein der Sterne kaum sichtbaren Kleide nach durch

ein Pförtchen, das ich vorher nie vermutet hatte. Nach ein paar Schritten

über den Gartenweg, betraten wir das Haus durch eine bereits geöffnete Tür:

meine Begleiterin fasste mich bei der Hand und führte mich sicher, ohne

Kerze, durch eine Reihe von Zimmern, die matt, nur von den durchs Fenster

funkelnden Sternen erhellt wurden.

Ich stiess an einen Stuhl, wir blieben stehen; ich konnte das Klopfen

meines Herzens vernehmen und hörte Mäuse pfeifen; gedämpft, wie aus der

Ferne, kamen Klänge eines Clavecins herüber. Vor der Tür, hinter welcher

die Klänge laut wurden, machte meine Begleiterin halt und klopfte zweimal;

die Musik verstummte, die Tür ging auf und wir betraten ein kleines Zimmer

mit leichten Paravents im Hintergrunde, die Dochte der eben verlöschten

Kerzen auf dem Instrument glimmten noch rauchend, das Zimmer wurde von

einer Nachtlampe erleuchtet, die in einer durchsichtigen rosa Schale

brannte.

»Warten Sie,« sagte die Frau, die durch eine andere Tür das Zimmer

verliess. Nachdem ich eine Weile gestanden hatte, setzte ich mich und

begann das Zimmer zu betrachten. Ich war selbst über meine Ruhe erstaunt.

-- Irgendwo schlug es acht. Eine andere Uhr antwortete dumpf in der Ferne.

Auch die Bronzeschäferin vor dem Spiegel läutete fein achtmal. Mir scheint,

ich war eingeschlummert und erwachte, weil ich gleichzeitig das Licht einer

Kerze dicht vor meinen Augen spürte, einen Kuss und den Schmerz von einem

heissen, auf meine Hand geträufelten Wachstropfen fühlte. Vor mir stand in

reizendem Negligé Madame Louise de Tombel, die mich mit dem Arm umfing, in

dessen Hand sie einen himmelblauen Porzellanleuchter mit einer Kerze hielt.

Durch meine jähe Bewegung fiel die Kerze zu Boden und verlöschte. Madame de

Tombel flüsterte mir unter Lachen und Küssen zu:

»Er schlief, er schlief in der Erwartung! O Ausbund von Tugend!«

Sie war augenscheinlich zufrieden mit mir, denn sie hatte mir ein neues

Stelldichein nach vier Tagen gewährt und begleitete mich durch zwei Zimmer,

von wo mich dieselbe alte Marguerite hinausgeleitete. Es war schon hell,

ich eilte an einer grossen Pfütze vorbei, blieb aber doch stehen, um mich

zu spiegeln, wobei ich mich bemühte meine Züge zu betrachten, als seien es

die eines Fremden. Ich sah ein rundliches Gesicht mit hellgrauen Augen,

einer Stumpfnase, einem grossen Munde und vollen goldigen Brauen, die

Wangen waren pfirsichfarben und mit einem leichten Flaum bedeckt; kleine

Ohren, lange Beine und ein hoher Wuchs vervollständigten das Äussere des

glücklichen Sterblichen, welcher der Liebe von Madame Louise de Tombel

gewürdigt worden war.

Geschichten(#41305) · 第 9 / 73 题