Sechstes Kapitel

Als ich einmal zur gewohnten Stunde zu Louise kam, fand ich sie in Tränen

aufgelöst und verstimmt; sie teilte mir mit, dass gewisse Dinge sie nach

Paris riefen, und sie wisse nicht, wann und ob sie überhaupt zurückkehren

werde. Ich war wie vom Schlage gerührt und hörte die weiteren Einzelheiten

des nahenden Unheils nur schlecht.

»Ich gehe mit Ihnen,« erklärte ich, mich erhebend.

Louise sah mich durch Tränen erstaunt an.

»Meinen Sie?« sagte sie vor sich hin und schwieg.

»Ich kann nicht ohne Sie leben, das würde sein, wie der Tod!« und ich

sprach lange und heiss von meiner Liebe und Bereitschaft, meiner Geliebten,

wohin auch immer, zu folgen. Dabei ging ich im Zimmer vor Madame de Tombel

auf und ab, die schon aufgehört hatte zu weinen. Endlich, als ich schwieg,

sagte sie mit ernster, fast ärgerlicher Stimme:

»Das alles ist sehr schön, aber Sie denken nur an sich. Ich aber kann nicht

in Paris mit einem Liebhaber en titre erscheinen.« Und bemüht durch ein

Lächeln die Grausamkeit der ersten Worte zu mildern, fuhr sie fort: »Es

gäbe einen Ausweg, aber ich weiss nicht, ob Sie mit ihm einverstanden sein

werden.«

»Ich bin zu allem bereit, um bei Ihnen sein zu können.«

»Reisen Sie mit mir, aber als mein Diener.«

»Diener?!« rief ich unwillkürlich aus.

»Nur anderen Menschen gegenüber, die wir nicht brauchen, werden Sie Diener

heissen, für mich werden Sie, wirst du, mein Aimé, mein geliebter,

ersehnter Herr sein!« Und sie umschlang meinen Hals mit ihren Armen und

bedeckte mein Gesicht mit schnellen, kurzen Küssen, die schwindelig machen.

Wir verabredeten, dass ich einen Tag vor der Abreise Madame de Tombels

einen Vorwand finden sollte in Geschäften irgendwohin zu reiten, mich aber

in entgegengesetzter Richtung auf den Weg machen und auf der ersten

Poststation Louise erwarten würde. So kam auch alles. In regnerischer

Dämmerung ritt ich die von Kindheit auf bekannte schmutzige Strasse mit im

kalten Winde flatterndem Mantel entlang und dachte an das bleiche Gesicht

von Mademoiselle Blanche, die das Näschen an die Fensterscheibe gedrückt,

mir nachgesehen hatte, als ich fortritt, und dachte an ein anderes

rundliches Gesicht mit braunen lustigen Augen und einem geraden

Stumpfnäschen, das ich auf der kleinen Poststation, weit von meiner

Heimatstadt, die ich vielleicht für immer verliess, wiedersehen würde, --

und es war nicht nur der Regen, der mir ins Gesicht peitschte, wovon meine

Wangen nass wurden.

Geschichten(#41305) · 第 10 / 73 题