Da die Demoiselles Bageot zu uns zu Besuch gekommen waren, so spielten wir
vor dem Abendessen auf der Wiese, die zum Teiche führt, Blindekuh:
Mademoiselle Blanche, die Demoiselles Bageot, Honoré und ich. Es dämmerte
bereits und das Abendrot verblasste hinter den Linden; über dem Teiche
leuchtete schon der Silberschein des Mondes, und die Gänse, die man noch
nicht nach Hause getrieben hatte, stimmten mit lautem Geschrei in unsere
Heiterkeit ein. Mademoiselle Blanche, die einzige ganz in Weiss,
schimmerte, wie Corrigane, hie und da durch die Büsche, die jungen Mädchen
liefen mit Geschrei dahin, und wenn ich die Tochter meines Prinzipals
gefangen hatte und ihr die Augen mit einem dünnen Tuche verband, kehrte sie
ihr Gesicht mit den Augen, die schon nicht mehr sehen konnten, und den
blonden Locken zu mir und sagte seufzend:
»Ach, Aimé, wie liebe ich Sie!«
Als Rose Bageot fangen musste, kam der Junge vom Bäcker aus den Gebüschen
hervor, rief mich durch ein Zeichen zu sich heran und drückte mir, bemüht
von den anderen nicht bemerkt zu werden, ein zusammengefaltetes Papier in
die Hand. Ich trat hinter einen dichten Busch, entfaltete das parfümierte
Blättchen, aber beim unsicheren Lichte des Mondes konnte ich die Worte der
nachlässig hingeworfenen feinen Zeilen nicht entziffern.
»Gefangen, Monsieur Aimé! Hier also habe ich Sie erwischt, und das ganz
zufällig, weil ich in diesen Graben fiel und ohne Sie zu bemerken auf die
andere Seite hinüberging!« schrie Rose, mich so schnell am Ärmel fassend,
dass ich kaum Zeit hatte den Brief in die Hosentasche zu stecken, da ich
beim Spiel kein Gilet anhatte. Die Gäste gingen, von Honoré begleitet, im
Mondschein fort und nahmen noch lange im Chor auf der Strasse Abschied. Ich
hatte Kopfschmerz vorgeschützt und eilte nach oben. Véronique ging lange
nicht fort und quälte mich mit ihren ärztlichen Ratschlägen; endlich war
ich allein, steckte eine Kerze an und las:
»Wenn Sie ein kühnes und empfindsames Herz besitzen, ohne das man der Liebe
einer Frau nicht würdig werden kann, wenn Sie nicht durch einen Schwur
gebunden sind -- werden Sie Mittwoch um halb acht Uhr bei der Kirche St.
Roche sein; aus der >Rue des Quarante Vièrges< wird eine Frau mit einem
Korbe am rechten Arme herauskommen, an Ihnen vorübergehend, wird sie Sie
mit dem Ellenbogen berühren, was die Aufforderung ihr zu folgen sein wird.
Gehen Sie auf der anderen Seite der Strasse, ohne Ihre Führerin aus dem
Auge zu lassen, und Sie werden sehen, welch ein Lohn des Mannes harrt, der
erfüllt, was sein anziehendes und ehrliches Gesicht verheisst. Als von
einem edlen Manne wird von Ihnen vollkommene Diskretion erwartet.«