Drittes Kapitel

Aus der ziemlich dunkeln Werkstatt konnte man einen Teil des

gegenüberliegenden Hauses mit seinem Ziegeldache und dem langen Zaun sehen,

der der einzige gestrichene in unserer Stadt war. Dann sah man noch das

Strassenpflaster, das Schild der Bäckerei, den rotbraunen Hund, der vor der

Pforte lag, den blauen Himmel, in der Luft umherfliegende Spinneweben. Und

das alles erfasste mein Auge wahllos, nicht deshalb, weil mein Verstand von

einem Gedanken ausschliesslich beherrscht wurde, sondern, im Gegenteil,

infolge einer eigentümlichen Leere in meinem Kopfe. Ungeachtet der ersten

Septembertage war es sehr heiss und in der Erwartung von Honorés Rückkehr,

der zu ein paar Kunden geschickt war, schlummerte ich auf der Bank,

vergeblich bemüht mich zu erinnern, welche und wieviele Stücke gestern für

Madame Louise de Tombel geholt worden waren, als mich plötzlich eine Stimme

weckte, die sagte:

»Schlafen Sie, teurer Monsieur Aimé?«

Vor mir stand in der Tür, von der Sonne beschienen, ganz in Rosa, mit

Schönheitspflästerchen im lächelnden, runden Gesicht, einen Schäferhut von

der Seite an die hohe toupierte Frisur gesteckt, Madame Louise de Tombel in

eigener Person. Obgleich sie schon an die drei Wochen in der Stadt lebte,

hatte ich Madame Louise noch nicht in der Nähe zu Gesichte bekommen, weil

sie nicht nur die Kirche und die Promenade nicht besuchte, sondern

überhaupt sehr selten auf die Strasse hinausging. Wie es hiess, verbarg sie

sich ihrer Schulden wegen oder vor der Eifersucht ihres Gatten, den sie in

Bruxelles verlassen hatte. Sie war von mittlerem Wuchs, etwas üppig, hatte

ein rundes Gesicht mit lustigen braunen Augen, einem kleinen Munde und

einem geraden Stumpfnäschen. Ich war so verwirrt, dass ich kaum imstande

war ihre Fragen vernünftig zu beantworten, um so weniger, als das

Bologneser Hündchen, das mit ihr gekommen war, mich die ganze Zeit

anbellte. Ich war, die Käuferin begleitend, zur Tür hinausgetreten und

blieb dann auch auf der Strasse stehen, bis Honoré kam, den ich zu Bageot

geschickt hatte, um zu fragen was die Largillac geantwortet hätten! Honoré

weckte mich grinsend aus meinen Träumen, ich brauste auf und begann ihn zu

schelten, dass er so lange fortgewesen, dass der Laden voll Staub, die

Proben vermengt seien usw. Sein ganzes Leben an Waren, an Käufer denken

müssen, den ganzen Tag, und dazu noch an einem so heissen, im dunkeln Laden

sitzen, nichts sehen, nirgendwohin ausfahren, da wird man unwillkürlich

schlechter Laune und lässt sich ein grobes Wort entschlüpfen.

Honoré machte sich schweigend daran den Fussboden zu kehren und rückte

geräuschvoll die Sessel ab. Ich hatte ihm den Rücken zugekehrt und blieb

eine Zeitlang mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen vor der Tür

stehen, schliesslich sagte ich, so freundlich, wie ich konnte:

»Hör' mal Honoré, Madame Louise de Tombel war persönlich hier, da müsste

man doch . . . .«

Honoré hörte, sich auf den Besen stützend zu, und der Staub, den er

aufgewirbelt hatte, tanzte in der Sonne.

Geschichten(#41305) · 第 7 / 73 题