Aus der ziemlich dunkeln Werkstatt konnte man einen Teil des
gegenüberliegenden Hauses mit seinem Ziegeldache und dem langen Zaun sehen,
der der einzige gestrichene in unserer Stadt war. Dann sah man noch das
Strassenpflaster, das Schild der Bäckerei, den rotbraunen Hund, der vor der
Pforte lag, den blauen Himmel, in der Luft umherfliegende Spinneweben. Und
das alles erfasste mein Auge wahllos, nicht deshalb, weil mein Verstand von
einem Gedanken ausschliesslich beherrscht wurde, sondern, im Gegenteil,
infolge einer eigentümlichen Leere in meinem Kopfe. Ungeachtet der ersten
Septembertage war es sehr heiss und in der Erwartung von Honorés Rückkehr,
der zu ein paar Kunden geschickt war, schlummerte ich auf der Bank,
vergeblich bemüht mich zu erinnern, welche und wieviele Stücke gestern für
Madame Louise de Tombel geholt worden waren, als mich plötzlich eine Stimme
weckte, die sagte:
»Schlafen Sie, teurer Monsieur Aimé?«
Vor mir stand in der Tür, von der Sonne beschienen, ganz in Rosa, mit
Schönheitspflästerchen im lächelnden, runden Gesicht, einen Schäferhut von
der Seite an die hohe toupierte Frisur gesteckt, Madame Louise de Tombel in
eigener Person. Obgleich sie schon an die drei Wochen in der Stadt lebte,
hatte ich Madame Louise noch nicht in der Nähe zu Gesichte bekommen, weil
sie nicht nur die Kirche und die Promenade nicht besuchte, sondern
überhaupt sehr selten auf die Strasse hinausging. Wie es hiess, verbarg sie
sich ihrer Schulden wegen oder vor der Eifersucht ihres Gatten, den sie in
Bruxelles verlassen hatte. Sie war von mittlerem Wuchs, etwas üppig, hatte
ein rundes Gesicht mit lustigen braunen Augen, einem kleinen Munde und
einem geraden Stumpfnäschen. Ich war so verwirrt, dass ich kaum imstande
war ihre Fragen vernünftig zu beantworten, um so weniger, als das
Bologneser Hündchen, das mit ihr gekommen war, mich die ganze Zeit
anbellte. Ich war, die Käuferin begleitend, zur Tür hinausgetreten und
blieb dann auch auf der Strasse stehen, bis Honoré kam, den ich zu Bageot
geschickt hatte, um zu fragen was die Largillac geantwortet hätten! Honoré
weckte mich grinsend aus meinen Träumen, ich brauste auf und begann ihn zu
schelten, dass er so lange fortgewesen, dass der Laden voll Staub, die
Proben vermengt seien usw. Sein ganzes Leben an Waren, an Käufer denken
müssen, den ganzen Tag, und dazu noch an einem so heissen, im dunkeln Laden
sitzen, nichts sehen, nirgendwohin ausfahren, da wird man unwillkürlich
schlechter Laune und lässt sich ein grobes Wort entschlüpfen.
Honoré machte sich schweigend daran den Fussboden zu kehren und rückte
geräuschvoll die Sessel ab. Ich hatte ihm den Rücken zugekehrt und blieb
eine Zeitlang mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen vor der Tür
stehen, schliesslich sagte ich, so freundlich, wie ich konnte:
»Hör' mal Honoré, Madame Louise de Tombel war persönlich hier, da müsste
man doch . . . .«
Honoré hörte, sich auf den Besen stützend zu, und der Staub, den er
aufgewirbelt hatte, tanzte in der Sonne.