Aneinandergeschmiegt gingen sie weiter und weinten vor Liebe. Unter

ihren Schritten kreischten Glassplitter, und das Pflaster war blutig.

Rings um die Flamme ihres Gefühls lauerten Nacht und Tod. Ihnen zu

Häupten standen zwei Hauswände der engen Gasse so nah beieinander wie

Schornsteinmauern; aber in diesem Rahmen, als wäre er ein magischer

Kreis, pulste in reiner Himmelstiefe ein Sternenherz . . .

Und horch! Es beginnen die Glocken ihren Gesang, die Lichter flammen

wieder auf, die Straßen beleben sich aufs neue! Kein Feind mehr in den

Lüften. Paris atmet auf. Der Tod ist von ihm gewichen.

* * * * *

So war ihnen der Samstag vor Palmsonntag herangekommen. Täglich waren

sie stundenlang beisammen und suchten dies gar nicht mehr zu verbergen.

Sie schuldeten der Welt keine Rechenschaft mehr. Nur noch durch dünne,

dem Zerreißen nahe Fäden hingen sie mit der Welt zusammen! -- Vor zwei

Tagen hatte die deutsche Offensive eingesetzt. In einer Breite von fast

hundert Kilometern schäumte die Riesenwoge heran. Ununterbrochene

Aufregungen durchbebten die Stadt: -- erst flog das Munitionslager

Courneuve in die Luft, wobei ganz Paris wie von einem Erdbeben zitterte,

dann rissen fortwährende Alarmierungen die Leute aus dem Schlafe und

machten sie völlig nervös. Und gar an diesem Samstagmorgen erwachten

Leute, die erst spät hatten einschlafen können, im Grollen der

geheimnisvollen Kanone, die irgendwo in der Ferne steckte und über den

Sommefluß weg, wie von einem anderen Planeten, aufs Geratewohl Tod und

Verderben streute. -- Die ersten Schüsse hielt man für weitere

Fliegerbomben und flüchtete folgsam in die Keller; aber an eine dauernde

Gefahr gewöhnt man sich rasch und das Leben stellt sich darauf ein; ja,

fast findet es einen Reiz darin, wenn das Unheil nur alle gleich bedroht

und seine Wahrscheinlichkeit für den einzelnen nicht zu groß ist.

Überhaupt war auch das Wetter gar zu schön; jammerschade, sich lebendig

zu begraben: noch vor der Mittagsstunde war alles im Freien; Straßen,

Gärten, Café-Terrassen sahen an jenem strahlend schönen, sommerlich

heißen Nachmittage ganz festtäglich aus.

An eben diesem Nachmittage wollten Peter und Lutz aus dem Gewühl in den

Wald von Chaville flüchten. Seit zehn Tagen lebten sie in einem

gespannten Zustande weltentrückter innerer Stille. Tiefer Friede war in

ihren Herzen, aber erregtes Zittern in ihren Nerven. In solchen

Augenblicken fühlt man sich gleichsam auf einer Insel mitten in rasendem

Wirbelstrom: Auge und Ohr sind völlig überwältigt vom Rauschen und

Schäumen. Aber wie man die Lider senkt und mit dem Finger das Ohr

verschließt und so die Riegel vorgeschoben sind, kehrt mit einem Male

tiefe, berauschende Stille in uns ein, Stille reglosen Sommertags, wo

hohe Freude, wie ein Vöglein aus laubigem Versteck, ihr frisches Lied in

lichten Wellen verrinnen läßt. Du göttlicher, zauberischer Gesang der

Freude, seliges Gezwitscher im Dickicht des Lebens! Ich weiß ja -- nur

einen schmalen Lidspalt muß ich öffnen oder den Finger bloß ein bißchen

weniger fest ans Ohr drücken -- und Gischt und Brausen des Stroms sind

wieder da! Welch schwache Schleuse hält jene fern! Aber gerade dies

Wissen um die Gebrechlichkeit der Schleuse läßt die Freude noch höher

schwingen: man weiß, sie ist bedroht. Selbst Stille und Frieden bekommen

so die innere Spannung der Leidenschaft. Hand in Hand traten sie in den

Wald. Vorfrühling steigt einem zu Kopfe wie neuer Wein. Die junge Sonne

macht trunken mit ihrem lauteren Rebensaft. Das Licht ist über die noch

blattlosen Wälder ausgegossen; durch die nackten Zweige hindurch hält

einen das blaue Himmelsauge in Bann und Betäubung . . . Die jungen Leute

vermochten kaum ein paar Worte zu wechseln. Die Zunge wollte begonnene

Sätze nicht zu Ende sprechen. Ihre Beine waren schlapp und mochten nicht

weiter. Im Schweigen des durchsonnten Waldes taumelten sie dahin. Die

Erde zog sie an. Sich auf der Straße niederlegen! Auf einer Felge des

großen Erdenrades sich mitforttragen lassen! . . .

Sie erkletterten die Böschung jenseits der Straße, drangen ins Unterholz

und streckten sich nebeneinander aufs dürre Laub, durch das die ersten

Veilchen sproßten. Erster Gesang von Vögeln und das ferne Schnauben der

Geschütze mischten sich ins Glockengeläute der Dörfer, das dem morgigen

Feste galt. Die leuchtende Luft erbebte von Hoffnung, Glauben, Liebe und

Tod. Trotz der Einsamkeit sprachen sie nur mit gedämpfter Stimme. Ihr

Herz war so voll: war es Glück? war es Leid? Sie hätten es nicht sagen

können. Wie Lutz so reglos dalag und weit offenen Auges in den Himmel

starrte, fühlte sie das bittere Weh in sich übermächtig werden, gegen

das sie schon den ganzen Tag ankämpfte, um Peter die Freude nicht zu

verderben. Der legte seinen Kopf in Lutzens Schoß wie ein Kind, das

schlafen will, und an der Wange fühlte er die Wärme ihres Leibes.

Wortlos streichelte Lutz Augen, Nase und Lippen des Geliebten. Die

lieben vergeistigten Hände, die, wie es im Feenmärchen heißt, an den

Fingerspitzen ein Mündchen zu haben schienen! Peters Sinne aber waren

eine feingestimmte Harfe und erklangen jedem Gefühl, das in den Fingern

der Freundin bebte. Er vernahm ihren Seufzer, ehe sie ihn getan hatte.

Lutz war jetzt halb aufgerichtet und vorgeneigt; so klagte sie mit

gepreßter Stimme:

»Ach Peterchen!«

Peter sah sie betroffen an.

»Ach Peterchen! Was sind wir denn? . . . Was wollen sie von uns? . . .

Was wollen denn wir? . . . Was geht in uns vor? . . . Diese Kanonen, die

Vögel, der Krieg, unsere Liebe . . . die Hände da, der Leib, die Augen

. . . Wo bin ich denn? . . . und was bin ich denn? . . .«

Peter hatte sie nie in so ratloser Verwirrung gesehen und wollte sie

tröstend in die Arme schließen. Aber sie stieß ihn zurück:

»Nein! Nein! . . .«

Sie barg ihr Gesicht in den Händen; Hände und Gesicht drückte sie tief

ins trockene Laub. Peter war ganz außer sich und flehte:

»Lutz! . . .«

Er legte seinen Kopf dicht neben den der Geliebten.

»Lutz!« sagte er noch einmal. »Was ist denn? . . . Hast du was gegen

mich? . . .« Sie hob ein wenig den Kopf:

»Nein!«

Er sah, daß ihre Augen voll Tränen standen.

»Du bist traurig?«

»Ja«

»Warum?«

»Ich weiß nicht.«

»So sag' doch! . . .«

»Ach, ich schäme mich . . .«

»Du schämst dich? Weshalb?«

»Wegen allem.«

Sie schwieg.

Schon den ganzen Tag stand sie unter dem qualvollen Eindruck eines

peinlichen, erniedrigenden Erlebnisses: jene Fabriken, als Stätten des

Todes und der Unzucht, erzeugten mit ihrem Durcheinander von Männern und

Weibern, als Gärbottiche von Menschenfleisch, ein Gift, von dem auch

Lutzens Mutter bis zum Wahnsinn ergriffen war; sie kannte nun weder

Scheu noch Scham. In rasender Eifersucht hatte sie in der eigenen

Wohnung mit ihrem Geliebten einen lauten Streit gehabt, ohne sich vor

Lutz irgendwie zu mäßigen; so hatte diese bei der Gelegenheit erfahren,

daß ihre Mutter schwanger war. Das war für das Mädchen gleichsam eine

Beschmutzung gewesen, von der auch sie selbst, die Liebe überhaupt und

sogar ihre Liebe zu Peter befleckt wurde. Darum also hatte sie Peter

zurückgestoßen: sie schämte sich für ihn und sich . . . seinetwegen

schämte sie sich? Armer Peter! . . .

Sehr gedemütigt lag er da und wagte sich nicht mehr zu rühren. Da

verspürte sie Reue, lächelte in ihren Tränen, legte den Kopf auf seine

Knie und sagte:

»Jetzt komme ich dran!«

Peter war immer noch besorgt, strich ihr übers Haar, wie man ein

Kätzchen liebkost, und flüsterte:

»Lutz, was war denn das? Sag' doch! . . .«

»Nichts,« sagte sie. »Ich habe traurige Dinge mitangesehen.«

Ihr Geheimnis war ihm heilig und so fragte er nicht weiter. Aber selber

setzte sie nach einer Weile hinzu:

»Du, manchmal . . . manchmal schämt man sich, Mensch zu sein . . .«

Peter zuckte zusammen.

»Ja,« sagte er.

Sie schwiegen eine Weile, dann beugte er sich zu ihr nieder und sagte

ganz leise:

»Verzeih!«

Lutz sprang auf, fiel Peter um den Hals und sagte wie er:

»Verzeih!«

Mund ruhte an Mund.

Die zwei Kinder waren beide recht des Trostes bedürftig, den jedes im

andern fand. Sie sprachen nicht aus, was sie dachten:

»Noch ein Glück, daß wir sterben werden! . . . Das Gräßlichste wäre

doch, so ein erwachsener Mensch zu werden, der noch darauf stolz ist,

ein Mensch zu sein und daß er so gut zerstören und beschmutzen kann

. . .«

Ihre Lippen verwuchsen, Wimper rührte an Wimper, Blick drang tief in

Blick, und sie lächelten in zärtlichem Erbarmen. Und nimmer wurden sie

dieses göttlichen Gefühls müde, das die reinste Form der Liebe ist.

Endlich rissen sie sich aus dieser Versunkenheit; nun sah Lutz wieder

heiteren Auges den weichen Himmel, die aufbrechenden Bäume und sog den

Duft der ersten Blumen.

»Wie schön,« sagte sie.

Sie dachte:

»Warum sind die Dinge so schön? Und wir so ärmlich, gewöhnlich und

häßlich? . . .«

(Nur du nicht, mein Lieb, du nicht!) . . . Sie sah wieder ihren Peter

an:

»Ach! was gehn mich die andern an?«

Und in der prachtvollen Torheit der Verliebten sprang sie mit hellem

Gelächter auf, lief in den Wald hinein und rief:

»Fang mich!«

Die ganze übrige Zeit spielten sie wie kleine Kinder. Und als sie sich

müde getollt hatten, gingen sie mit kurzen Schritten wieder ins Tal

hinunter, das wie ein Fruchtkorb bis zum Rande mit den Strahlengarben

der sinkenden Sonne angefüllt war. Alles, was ihre Sinne einsogen,

schien ihnen neu; ihre zwei Herzen, ihre zwei Körper waren nur noch ein

Herz, ein Körper.

* * * * *

Es war eine Zusammenkunft von fünf gleichaltrigen Freunden und

Studienkameraden bei einem aus ihrer Mitte; vermöge eines erwachenden

Sinnes für seelische Wahlverwandtschaft hatten sie sich gegenüber den

anderen zusammengeschlossen. Dabei dachte nicht einer wie der andere.

Was immer man von der Gleichförmigkeit der vierzig Millionen Franzosen

fabeln mag, in Wirklichkeit gibt es hier soviel Köpfe, soviel Sinne. Wie

die französische Ackerkrume war auch das Denken Frankreichs in winzige

Parzellen zersplittert. So versuchten auch die fünf Freunde nur, jeder

von seinem Fleckchen Land aus, über die trennende Hecke weg Gedanken

auszutauschen. Dabei bestärkte sich jeder erst recht in seiner

besonderen Denkweise. Immerhin waren sie aber doch alle Freie im Geiste

und, wenn auch nicht alle Republikaner, so doch gegen jede geistige und

gesellschaftliche Rückkehr zu abgelebten Zuständen.

Jakob See trug die stärkste Kriegsbegeisterung zur Schau. Dieser edel

geartete Jude hatte jede Leidenschaft Frankreichs in sich aufgenommen.

Durch ganz Europa hin machten so seine Stammesgenossen die Sache und

Denkweise ihrer Adoptivvaterländer ganz zu der ihren. Wie immer, wenn

sie sich einer Sache annahmen, neigten sie sogar zu einer gewissen

Übertreibung. Blick und Stimme des schönen Jungen verrieten ein etwas

schweres Pathos, seine regelmäßigen Züge waren wie mit starkem Griffel

nachgezogen, seine Meinungen äußerte er mit übergroßer Entschiedenheit

und wurde heftig, wenn er auf Widerspruch stieß. Nach ihm handelte es

sich um einen Kreuzzug der demokratischen Staaten zur Befreiung aller

Völker und zur Ausrottung des Krieges. Ein vierjähriges Schlachten im

Namen so menschenfreundlicher Ziele hatte ihn noch keines Besseren

belehrt. Er gehörte zu den Menschen, die sich nie von den Tatsachen

widerlegen lassen. Er trug doppelten Stolz in sich, den geheimen Stolz

auf seine Rasse, deren Wiederaufrichtung er anstrebte, und seinen

persönlichen Stolz, der immer recht behalten wollte. Er wollte es um so

stärker, je weniger er innerlich seiner Sache sicher war. Unter dem

Deckmantel seines aufrichtigen Idealismus entfalteten sich bei ihm

höchst anspruchsvoll lange zurückgedämmte Triebe, nämlich Tatendrang und

Abenteuerlust, die gleichfalls aus dem Kern seines Wesens stammten.

Anton Naudé war auch für den Krieg. Aber nur, weil er sich nicht anders

helfen konnte. Dieses gute, dickliche Bürgerskind mit seinen rosigen

Wangen war im Grunde friedfertig und klug; es war etwas kurzatmig und

ein zierlich gerolltes R verriet seine Herkunft aus Mittelfrankreich;

mit ruhigem Lächeln sah er die redegewandte Begeisterung des Freundes

See; er verstand es sogar, diese Begeisterung mit lässig hingeworfenen

Wörtchen zu hellen Flammen zu entfachen. Doch fiel es dem dicken

Faulpelz nicht im Traume ein, sich selber in diese Flammen zu stürzen.

Warum sollte man sich das Für oder Wider einer Sache zu Kopfe steigen

lassen, wenn man doch nichts daran ändern konnte? Nur in den Tragödien

wird einem immer der heroisch-schwatzhafte Widerstreit von Pflicht und

Neigung vorgeführt. Wenn man keine Wahl hat, tut man seine Pflicht, ohne

große Worte zu machen. Dadurch wird die Geschichte nicht erbaulicher.

Naudé wollte den Krieg weder bewundern noch auf ihn schelten. Sein

hausbackener Menschenverstand sagte ihm, wenn der Krieg schon einmal im

Gange wäre, wie ein Zug in voller Fahrt, so müßte man eben mitfahren: da

wäre weiter nichts zu machen. Diese ganze Fragerei, wer den Krieg

verschuldet habe, schien ihm Zeitvergeudung. Wenn er schon in den Krieg

mußte, wie bitter wenig nützte ihm dann die Wissenschaft, er hätte nicht

in den Krieg müssen, wenn dies und das so und so gekommen wäre -- wie es

aber nicht gekommen war!

Die Schuldfrage! Für Bernhard Saisset lag hier der Kern des ganzen

Problems; leidenschaftlich mühte er sich ab, diesen Schlangenknäuel zu

entwirren oder er fuchtelte vielmehr damit über dem Kopf herum wie eine

kleine Furie. Er war ein zarter, feiner, von innerer Glut verzehrter

Bursche; er war sehr nervös, allzu große geistige Empfänglichkeit

brauchte vorzeitig seine Kräfte auf. Er entstammte einer alten

republikanischen Familie, deren Glieder die höchsten Würden im Staate

bekleidet hatten; gerade darum konnte sich der junge Saisset gar nicht

genug tun an linksrevolutionärer Leidenschaft. Er hatte die maßgebenden

Männer und ihren Anhang gar zu nahe gesehen. Er klagte alle Regierungen

an -- vor allem aber die seines eigenen Landes. Er redete jetzt nur noch

von den Bolschewiken und Kommunisten; von deren Vorhandensein hatte er

zwar eben erst Kunde erhalten, aber schon sah er sie als Brüder an, wie

wenn er sie von Kindesbeinen an gekannt hätte. Er sah das Heil nur noch

in einem allgemeinen Umsturz, über dessen Wesen er sich jedoch selbst

nicht recht klar war. Er haßte den Krieg, aber er hätte sich mit Wonne

in einem Klassenkriege hingeopfert -- in einem Kriege gegen seine eigene

Klasse, gegen sich selbst.

Der vierte, Claudius Puget, würdigte diese Wortgefechte nur einer

kühlen, etwas verächtlichen Aufmerksamkeit. Er stammte aus ärmlichen,

kleinbürgerlichen Verhältnissen; ein Schulinspektor hatte gelegentlich

einer Dienstreise seine Fähigkeiten »entdeckt«, hatte ihn aus dem

Wurzelboden seiner Heimat gerissen; so mußte er vorzeitig die Wärme des

Familienlebens entbehren, gewöhnte sich als Stipendiat einer

Staatsschule nur immer auf sich selber gestellt zu sein, nur mit sich,

aus sich heraus und für sich zu leben. Auf diesem Wege wurde er auch

theoretischer Egoist, ein eifriger Zergliederer seines Ich. Da er mit

solcher Wollust in die Betrachtung dieses Selbst vertieft war wie eine

behaglich eingerollte Katze, ließ ihn das aufgeregte Wesen der anderen

ganz kalt. Die drei disputierenden Freunde hatten sich, wie er meinte,

gegenseitig nichts vorzuwerfen; alle drei gehörten sie zur großen Herde.

Gaben sie nicht ihr bestes Vorrecht auf, indem sie durchaus an

Massenbewegungen teilhaben wollten? Freilich hielt es jeder mit einer

andern Masse. Aber für Puget war jede Masse im Unrecht. Die Masse war

der eigentliche Feind. Der Geist soll abseits bleiben und fern von Pöbel

und Staat das kleine, streng abgeschlossene Reich des Gedankens

aufrichten.

Peter aber saß beim Fenster, sah zerstreut hinaus, träumte vor sich hin.

Sonst hatte er mit leidenschaftlichem Eifer an diesen Wortgefechten

teilgenommen. Aber heute war es ihm nur ein leeres Wortgeklingel, das so

fern herübertönte; es kam ihm komisch und langweilig vor; er wäre bald

eingeschlafen. Die anderen waren so vertieft, daß sie sein Schweigen

erst nach geraumer Zeit merkten. Aber endlich rief ihn Saisset doch an,

weil er bei ihm gewöhnlich für sein bolschewistisches Gerede Widerhall

fand.

Peter fuhr aus seiner Träumerei auf, wurde rot und fragte lächelnd:

»Wovon redet ihr denn?«

Die andern waren empört.

»Aber hast du denn nicht zugehört?«

»Woran dachtest du nur?« fragte Naudé. Peter war etwas verwirrt, wollte

sie aber auch ein bißchen ärgern. So antwortete er:

»An den Frühling hab' ich gedacht. Ohne euch zu fragen, ist er gekommen,

ohne zu fragen, wird er auch wieder gehn.«

Alle zermalmten ihn unter der Wucht ihrer Verachtung. Naudé schimpfte

ihn »Dichter«, Jakob See hieß ihn einen Flausenmacher. Aber Pugets Augen

kniffen sich noch mehr zusammen und sein kalt er Blick forschte mit

spöttischer Neugier in Peters Zügen. Er sagte:

»Du geflügelte Ameise du!«

»Was?« fragte Peter lachend.

»Vorsicht mit den Flügeln!« sagte Puget. »Der Hochzeitsflug dauert nur

eine Stunde.«

»Das Leben dauert auch nicht länger,« sagte Peter.

* * * * *

In der Osterwoche waren sie wieder täglich beisammen. Peter besuchte

Lutz in ihrem einsamen Häuschen. Das dürftige Gärtlein war im Erwachen.

Dort verbrachten sie die Nachmittage. Sie empfanden jetzt einen

Widerwillen gegenüber Paris und der Menge, gegenüber dem Leben. Manchmal

saßen sie wie in seelischer Lähmung schweigend nebeneinander und mochten

sich nicht rühren. Ein absonderliches Gefühl hatte Macht über sie

gewonnen. Sie hatten Angst. Diese Angst wuchs, je näher der Tag

heranrückte, an dem sie sich einander schenken wollten -- dieses

Angstgefühl entstammte einer zum höchsten Grad gesteigerten Liebe, einer

völlig rein gewordenen Seele, der das Häßliche, Grausame, Schimpfliche

des Lebens ein solches Grauen einflößt, daß sie im Rausch ihrer

schwermütigen Leidenschaft davon träumt, sich von all diesem Niedrigen

freizumachen. Sie sprachen nicht darüber.

Ihre liebste Beschäftigung war, sich in hellen Farben auszumalen, wie

ihre Wohnung aussehen sollte, wie sie miteinander arbeiten und ihren

kleinen Haushalt führen wollten. Sie einigten sich über die geringsten

Einzelheiten ihrer Einrichtung, über die Art der Tapeten, der Möbel, und

wie die aufgestellt werden sollten. Als echte Frau bekam Lutz Tränen in

die Augen, wenn liebe Kleinigkeiten erwähnt wurden, an die sich

Vorstellungen eines innigen, beseelten Zusammenlebens knüpften. Sie

kosteten die zarten, kleinen Freuden künftiger Häuslichkeit in der

Vorstellung aus. Dabei wußten sie ganz genau, nichts von all dem würde

je verwirklicht werden, -- Peter ahnte es in angeborenem Pessimismus, --

Lutz aber wurde durch ihre Liebe so klarsichtig, daß sie die

Unmöglichkeit einer Heirat erkannte . . . Deshalb wollten sie dieses

Glück rasch wenigstens im Traume genießen. Die Überzeugung, daß es ein

Traum bleiben müsse, verbarg einer vor dem anderen. Jeder meinte da ein

tiefes Geheimnis zu bewahren und mühte sich in zärtlicher Sorge, den

anderen in der süßen Täuschung zu erhalten.

Wenn sie den schmerzlichen Vorgenuß unmöglicher Zukunft durchgekostet

hatten, befiel sie eine Ermattung, wie wenn sie ihr wirkliches Leben

schon gelebt hätten. Dann saßen sie still in der Laube mit den dürren

Kletterranken, deren erstarrte Säfte die neue Sonne wieder quellen ließ;

Peters Kopf ruhte an Lutzens Schulter, und so lauschten sie verträumt

dem Gesumm der erwachenden Erde. Hinter den treibenden Wolken spielte

die kindliche Märzensonne Verstecken, lachte auf -- und war schon wieder

weg. Heller Strahl und düstre Schatten glitten über die Fläche, wie

durch die Seele Lust und Leid.

»Lutz,« sagte Peter plötzlich, »weißt du noch? . . . Es ist lange, lange

her . . . Aber es war schon einmal so mit uns. . .«

»Ja,« sagte Lutz, »das ist wahr. Ich erkenne alles wieder, alles . . .

Aber wo waren wir damals?«

Es war ihnen eine Freude, darüber nachzudenken, in welcher Gestalt sie

einander schon gekannt haben mochten. Schon als Menschen? Vielleicht.

Dann war aber bestimmt Peter das Mädchen und Lutz der Bursch . . . Als

Vöglein in den Lüften? Als Lutz noch ein Kind war, sagte ihre Mutter

immer, sie sei als kleine Wildgans durch den Kamin in's Haus gefallen:

ach! wie hatte sie sich die Flügel geknickt! . . . Mit besonderer

Vorliebe aber fanden sie sich in den flüchtigsten Formen der Elemente

wieder, wie sie sich durchdringen, sich verschlingen und entrollen,

gleich Irrgängen im Traum oder Ringen von Rauch: weißes Gewölk, das im

Abgrund des Himmels zergeht, spielende Wellchen, oder Regen, wie er die

Erde berührt, Tau im Grase, gefiederte Löwenzahnsamen, die sich von

fließenden Lüften tragen lassen . . . Aber der Wind trägt sie fort. Wenn

er nur diesmal nicht wieder zu blasen anhebt und sie für alle Ewigkeit

auseinandertreibt! . . .

Aber Peter sagte:

»Ich denke, wir haben uns nie verlassen; wir waren immer beisammen, wie

wir jetzt aneinander lehnen: nur daß wir geschlafen haben und allerlei

Träume hatten. Auf kurze Augenblicke erwacht man . . . aber nur halb

. . . Ich fühle deinen Atem, deine Wange an der meinen . . . hie und da

raffen wir uns ordentlich auf: dann küssen wir uns . . . und gleich

sinken wir wieder in Schlaf . . . Mein lieber Schatz, mein lieber, ich

bin da, ich halte deine Hand, verlaß mich nicht! . . . Es ist noch lange

nicht an der Zeit, kaum daß der Frühling ein kaltes Nasenspitzchen zeigt

. . .«

»Wie deins,« sagte Lutz.

»Bald erwachen wir inmitten eines schönen Sommertages . . .«

»Wir sind dann der schöne Sommertag« sagte Lutz . . .

»Wir sind der laue Lindenschatten, die Sonne zwischen den Zweigen, der

Singsang der Bienen . . .«

»Der Pfirsich am Spalier und sein duftendes Fleisch . . .«

»Die Rast der Schnitter und ihre goldenen Garben . . .«

»Die trägen Herden, die ihr Stück Wiese wiederkäuen . . .«

»Der Abendhimmel im Westen, der wie ein Teich ist zwischen Blütenbäumen,

das flüssige Licht, das über die Felder hin verrinnt . . .«

». . . Alles das werden wir sein,« sagte Lutz», alles was gut und süß

tut, ob man es sieht oder erfaßt und faßt, küßt oder ißt oder einsaugt

und atmet . . . Was übrig bleibt, können sich die Leute behalten,« sagte

sie und zeigte auf die Stadt und ihre Rauchwolken.

Sie lachte, küßte den Freund und sagte:

»Fein haben wir unser Duettchen gesungen, was, Peterlein?«

»Ja, Jessica,« sagte er.

»Mein armes Peterlein,« fuhr sie fort, »wir passen aber schon gar nicht

in diese Welt, wo man nur noch die Marseillaise singt! . . .«

»Und dabei wird sie immer so falsch gesungen!« sagte Peter.

»Wir haben uns in der Station geirrt; wir sind zu bald ausgestiegen.«

»Ich fürchte sehr,« sagte Peter, »die nächste Station wäre noch

schlimmer gewesen. Kannst du dir vorstellen, Schatz, wie wir als Glieder

der zukünftigen Gesellschaft leben, im großen Bienenkorb, auf den man

uns vertröstet; wo jeder nur für die Bienenkönigin leben darf oder für

die Republik?«

»Von früh bis Abend Eier legen wie ein Maschinengewehr oder von früh bis

Abend fremde Brut ablecken . . . Schöne Wahl!« sagte Lutz.

»Aber Lutz, du schlimmes Mädel, was du für häßliche Sachen redest!«

sagte Peter lachend.

»Ja, ich weiß, es ist sehr schlecht von mir. Ich tauge rein gar nichts.

Aber du auch nicht, weißt du? Du hast so wenig das Zeug, Menschen tot zu

machen oder zu verstümmeln, als ich zum Zusammenflicken von Verwundeten,

wie man's bei Stiergefechten mit den armen Pferden macht, denen der

Bauch aufgeschlitzt wurde -- damit sie das nächste Mal wieder zu

gebrauchen sind. Wir sind nun einmal unnütze, gefährliche Geschöpfe; wir

haben einen lächerlichen, sträflichen Vorsatz gefaßt, wir wollen ja nur

für alle die leben, die wir lieb haben, und lieb haben wir unseren

kleinen Schatz, ein paar Freunde, alle guten Leute, die kleinen Kinder,

den schönen lichten Tag, auch gutes weißes Brot, eben alles, was schön

ist und dem Gaumen wohltut. Es ist einfach eine Schande, eine Schande,

sag' ich dir! Wirst du gar nicht rot für mich, Peterlein? . . . Aber wir

werden unsere Strafe schon kriegen! Wenn die Erde bald nur noch eine

große Fabrik mit Staatsbetrieb sein wird, der ohne Rast noch Ruh

funktioniert, dann gibt's für uns keinen Platz da drin . . . Nur ein

Glück, daß wir dann nicht mehr da sind!«

»Ja, das ist ein Glück!« sagte Peter.

Peter und Lutz Eine Erzählung mit sechzehn Holzschnitten von Frans Masereel · 第 4 / 5 段