»Was gelten mir, die man sehr glücklich preißt,

Darf ich, o Frau, in Deynen Armen sterben;

Nicht Ruhm, nicht Glantz, ich will nur Eins erwerben:

An Deyner Brust verhauchen Seel und Geist . . .«

»Na hör' mal, mein kleiner Schatz, das ist ein kurioser Einfall!«

»Aber ein echt- und altfranzösischer Einfall,« sagte Peter, »'s ist vom

alten Ronsard:

. . . . . . . . nur dies ist mein Begehren!

Nach hundert Jahren Muße, ohne Ehren,

Ein Tod ganz fern der Welt, in Deynem Schoß . . .«

»Nach hundert Jahren,« seufzte Lutz. »Der ist aber bescheiden! . . .«

»Denn irr ich nicht, dann ist ein größer Glück

Ein solcher Tod in Dir, als das Geschick

Des Caesar oder Alexanders Los.«

»So ein schlimmer, schlimmer, schlimmer kleiner Nichtsnutz, schämst du

dich gar nicht? In dieser Zeit der Helden!«

»Es sind ihrer zu viel,« sagte Peter. »Ich will lieber ein kleiner Junge

sein, der wen lieb hat, einfach ein Menschenjunges, aus Menschenleib.«

»Sag' lieber aus Frauenleib! Hast ja noch meine Brustmilch am

Schnäblein,« sagte Lutz und drückte ihn an sich. »Mein Menschlein,

meins!«

* * * * *

Wer jene Tage mitgemacht, aber dann die überwältigende Wendung des

Kriegsglücks erlebt hat, erinnert sich gewiß kaum mehr an das schwere,

drohende Brausen der Flügel, die in dieser einen Woche Frankreichs

Kernland dem Blick entzogen und sogar Paris mit ihrem Schatten

streiften. In der Freude der Erlösung wirft man überstandene

Prüfungszeiten weit hinter sich. Der deutsche Ansturm gipfelte in der

Karwoche zwischen Montag und Mittwoch. Die Somme überschritten, Bapaume,

Nesle, Guiscard, Roye, Noyon, Albert genommen, elfhundert Kanonen

erbeutet. Sechzigtausend Gefangene . . . Es war ein Sinnbild für dies

Zertreten des begnadeten Landes der Anmut, daß am Kardienstag der

Schöpfer zarter Harmonien, Debussy, verstarb. Die Lyra zerbrach . . .

»Armes kleines Griechenland, du stirbst!« . . . Was davon übrigbleibt?

Ein paar ziselierte Gefäße, ein paar rein vollendete Stelen, die bald

das Gras der Gräberstraße überwuchert. Unsterbliche Überreste des

zerstörten Athen . . .

Peter und Lutz sahen wie von eines Hügels Höhe den Schatten, der über

die Stadt kam. Sie waren noch ins Strahlenkleid ihrer Liebe gehüllt und

so erwarteten sie furchtlos das Ende ihres kurzen Lebenstages. Sie

durften ja zu zweit in die Nacht tauchen. Mit süßer Wehmut gedachten sie

der schönen Akkorde Debussys, die ihnen so lieb gewesen waren; wie

Abendgeläute verhallten die in der Tiefe. Mehr als je befriedigte gerade

die Musik den innersten Trieb ihrer Herzen. Nur diese Kunst war Stimme

der befreiten Seele; ihr Ton drang zu ihnen durch den Schleier der Dinge

und Gestalten. Am Gründonnerstag wandelten sie wieder -- Lutz war in

Peter eingehängt und hielt seine Hand umfaßt -- auf regenweichen Wegen

an der Stadtgrenze. Windstöße fuhren über die nasse Fläche. Sie merkten

weder Regen noch Wind, noch die öde Häßlichkeit der Felder, noch den Kot

auf der Straße. Sie setzten sich in die niedere Bresche einer halb

eingestürzten Parkmauer. Peters Regenschirm reichte kaum hin, Lutzens

Kopf und Schultern zu schützen; so saß sie mit baumelnden Beinen und

nassen Händen auf der Mauer und sah zu, wie es von ihrem Gummimantel nur

so troff. Wenn der Wind in die Äste fuhr, gab es ein kleines

Gewehrgeknatter von Regentropfen: »pak, pak!« Lutz bewahrte das

lächelnde Schweigen still seliger Entrücktheit. Tiefe Freudenflut

umspülte sie.

»Warum haben wir uns nur so lieb?« sagte Peter.

»Ach Peter, dann hast du mich nicht einmal so lieb, wenn du erst fragst:

warum.«

»Ich frag' ja nur, damit du sagst, was ich gerade so gut weiß wie du.«

»Du angelst Komplimente,« sagte Lutz. »Aber da kommst du an die Rechte.

Vielleicht weißt du, warum ich dich lieb habe. Ich weiß es nicht.«

»Du weißt es nicht?« fragte Peter ganz bestürzt.

»Freilich nicht!« (Sie lächelte verstohlen.) »Aber ich brauch es auch

gar nicht zu wissen. Wenn man erst nach dem Warum einer Sache fragt, so

steht's schon schwach damit. Ich hab' dich eben lieb' und da brauch' ich

kein Warum, kein Wieso, kein Wann und Woher! Meine Liebe, die spür' ich,

die ist da, die ist da! Was sonst noch da sein mag -- das ist mir

gleich.«

Sie neigten sich im Kusse zueinander. Bei dieser Gelegenheit langte der

Regen unter den ungeschickt gehaltenen Schirm und fuhr ihnen mit den

Fingern über Haar und Wangen; ihre Lippen sogen ein kaltes Tröpfchen

ein.

Peter sagte:

»Aber die andern?«

»Welche andern?« sagte Lutz.

»Die Armen,« antwortete Peter, »alle, die nicht sind wie wir.«

»Sie sollen es machen wie wir. Einen anderen lieb haben.«

»Aber werden sie auch Liebe finden? Das gelingt nicht jedem, Lutz.«

»O doch!«

»Aber nein. Du weißt nicht, wie teuer du das Geschenk bezahlt hast, das

du mir gibst.«

»So gab ich mein Herz der Liebe, meine Lippen dem Geliebten wie meine

Augen dem Sonnenlichte; es ist kein Geben, es ist ein Nehmen.«

»Aber es gibt Blinde.«

»Wir werden sie nicht heilen. Wir müssen sehend sein an ihrer Statt.«

Peter schwieg lange.

»An was denkst du?« fragte Lutz.

»Ich denke daran, daß an diesem Tage, weit, weit von uns und doch uns

ganz nahe, Der am Kreuz gelitten hat, der in die Welt gekommen war,

Blinde sehend zu machen.«

Lutz faßte seine Hand:

»Du glaubst an ihn?«

»Nein, Lutz, ich glaube nicht mehr. Doch bleibt er allen ein Freund, die

er je an seinem Tische gespeist hat. Wie ist's mit dir, kennst du ihn?«

»Fast gar nicht,« sagte Lutz. »Bei uns zu Hause wurde nie von ihm

gesprochen. Ich kenne ihn nicht und liebe ihn doch . . . ich weiß, er

hat geliebt.«

»Nicht wie wir.«

»Warum nicht? Wir haben da nur ein armes kleines Herz, das kann nur dich

lieben, mein Liebes. Er, er hat uns alle geliebt. Aber darum ist's doch

die gleiche Liebe.«

Peter fragte ergriffen:

»Möchtest du morgen, weil doch sein Todestag ist . . . Bei Sankt-Gervas

soll so schöne Kirchenmusik sein . . .«

»O ja, an dem Tage möchte ich gern mit dir in die Kirche gehen. Ich weiß

bestimmt, er nimmt uns freundlich auf. Wir sind uns näher, wenn wir ihm

näher sind.«

Sie schweigen . . . Regen. Regen. Regen. Der Regen sinkt nieder, nieder

und der Abend auch.

»Morgen um diese Zeit sind wir da unten,« sagte sie.

Der scharfe Nebelhauch ließ Lutz ein wenig zusammenschauern.

»Ist dir kalt, Schatz?« fragte er besorgt. Sie erhob sich von der Mauer.

»Nein, nein. Alles ist mir Liebe. Ich liebe Alles, und Alles liebt mich

wieder. Der Regen liebt mich und der Wind, der graue Himmel und die

Kälte, -- und mein kleines Lieb . . .«

* * * * *

Auch am Karfreitag war der Himmel mit langen grauen Schleiern verhangen;

aber die Luft war mild und still. Auf den Straßen wurden schon Blumen

verkauft -- gelbe Narzissen und Nelken. Peter kaufte ein paar und Lutz

behielt die Blüten in der Hand. Sie gingen den stillen Goldschmied-Kai

entlang und vorbei an der edelragenden Kirche Notre-Dame. In süß

gedämpftem Lichte umfing sie die milde, vornehme Schönheit der Altstadt.

Als sie den St. Gervas-Platz betraten, flogen Tauben vor ihnen auf. Ihre

Blicke folgten den Tauben auf ihrem Kreisflug um die Fassade; ein Vogel

ließ sich auf dem Kopf einer Bildsäule nieder. Schon waren sie die

Stufen zum Portal hinangestiegen und wollten eintreten; da sah Lutz sich

noch einmal um und bemerkte, ein paar Schritte seitwärts, mitten in der

Volksmenge, ein etwa zwölfjähriges Mädchen; das rothaarige Kind lehnte

mit statuenhaft über den Scheitel erhobenen Armen im Portale und sah die

Eintretende an. Auch ihr feines, etwas archaisches Gesichtchen gemahnte

an gotische Kirchenstatuetten; rätselhaft war ihr Lächeln, von

überzarter Lieblichkeit, voll Geist und Wärme. Lutz lächelte ihr auch zu

und wollte Peter auf sie aufmerksam machen. Aber der Blick des kleinen

Mädchens glitt jetzt höher hinauf, haftete über Lutzens Kopf und schrak

plötzlich zurück; es barg das Gesicht in die Hände und war nicht mehr zu

sehn.

»Was hat sie denn?« fragte Lutz.

Aber Peter sah nicht hin.

Wie sie eintraten, girrte das Täubchen zu ihren Häupten. Letzter Ton von

draußen. Das Pariser Stimmengewirr verstummte. Die freie Luft war weg.

Teppiche aus Orgeltönen und hochgespanntes Gewölbe, schwere Gewebe aus

Klang und Stein, schieden sie von der Außenwelt.

Sie blieben im Nebenschiff, zwischen der zweiten und dritten

Seitenkapelle, links vom Eingange, setzten sich auf eine Stufe und

schmiegten sich ganz in die Pfeilernische, so daß sie vor den Blicken

der Menge geborgen waren. Sie saßen mit dem Rücken zum Chor; wenn sie

aufblickten, sahen sie von einer Kapelle nur die Spitze des Altars, das

Kreuz und die farbigen Fenster. Wie eine Träne rann die fromme Wehmut

uralter Gesänge. In der schwarz verhangenen Kirche saßen die zwei

kleinen Heiden Hand in Hand vor ihrem großen Freunde. Und beide

flüsterten gleichzeitig die Worte:

»Du großer Freund, in deinem Angesichte nehme ich ihn, nehme ich sie.

Füge uns zusammen! Du siehst in unsere Herzen.«

Und ihre Finger blieben vereint, verschlungen wie die Gerten eines

Weidenkorbes. Sie waren nur mehr ein Leib, den die Wogen der Musik in

Schauern durchdrangen. Sie gaben sich ganz ihren Träumen hin, als ob sie

im gleichen Bette lägen.

Lutz sah im Geiste das rothaarige Mägdlein wieder. Und da war es ihr,

als ob sie das Kind heute Nacht im Traume erblickt hätte. Aber sie

konnte sich nicht darüber klar werden, ob dem wirklich so gewesen war

oder ob sie das Bild, das vor ihrem inneren Auge stand, fälschlich in

den heutigen Schlaf zurückversetze. Dann wurde sie von dieser Anspannung

müde und ließ ihre Gedanken wahllos schweifen.

Peter träumte den entschwundenen Tagen seines kurzen Lebens nach. Die

Lerche steigt von nebliger Ebene empor, um die Sonne zu suchen . . . Wie

fern die ist! So hoch! Wird man sie je erreichen? . . . Der Nebel wird

noch dichter. Es ist keine Erde, kein Himmel mehr. Und die eigene Kraft

erlahmt . . . Gerade rieselte gregorianischer Gesang durch die hohe

Wölbung des Chors, da erhebt sich mit einem Male Lerchenjubel, aus dem

Nebeldüster taucht das froststarre Körperchen auf und schwingt sich in

ein unendliches Meer von Sonne . . .

Der Druck und Gegendruck ihrer Finger erinnerte sie daran, daß sie

selbander dahinglitten. Und so fanden sie sich wieder im Dunkel der

Kirche, wie sie, eng aneinandergeschmiegt, schönen Gesängen lauschten;

ihre Herzen waren eins in Liebe und so standen sie auf der Gipfelhöhe

reinster Freude. Und sie begehrten glühend -- sie beteten -- von dort

nicht mehr herab zu müssen. Lutzens leidenschaftlicher Blick umfing

gerade wie im Kusse ihren teuren kleinen Gefährten -- (fast

geschlossenen Auges und mit halb geöffneten Lippen schien er in eine

Region überirdischen Glückes entrückt und hob in einem Aufschwung

freudigen Dankes das Haupt empor, dem erhabenen Quell der Urkraft zu,

den man aus tiefstem Triebe oben suchen muß) -- da bemerkte Lutz zu

ihrer höchsten Überraschung im goldroten Kapellenfenster das lächelnde

Gesichtchen des rothaarigen Kindes. In starrem Erstaunen brachte Lutz

kein Wort hervor -- da sah sie auch schon, genau wie vordem, daß in das

seltsame Antlitz der gleiche Ausdruck von Schreck und Mitleid trat.

Im selben Augenblick bewegte sich der plumpe Pfeiler, an dem sie

lehnten; die ganze Kirche zitterte in ihren Grundfesten. Lutzens Herz

schlug so laut, daß sie weder den Krach der Explosion, noch das Schreien

der Menge hörte; es blieb ihr keine Zeit, Schreck oder Schmerz zu

empfinden -- so schnell warf sie sich, wie eine Henne vor die Küchlein,

schützend über Peter; geschlossenen Auges lächelte der vor Glück. Wie

eine Mutter drückte sie mit aller Kraft das teure Haupt an ihren Busen;

sie war über ihn gebückt, ihr Mund auf seinem Nacken -- so duckten sie

sich zusammen.

Mit einem Schlag brach auf die beiden der massige Pfeiler nieder.

August 1918.

Das 19. bis 24. Tausend dieser

neuen, mit Holzschnitten von Frans

Masereel geschmückten Ausgabe

(27. bis 32. Tausend der Gesamtauflage)

wurde im Frühjahr 1927

von E. Haberland in Leipzig

gedruckt

Peter und Lutz Eine Erzählung mit sechzehn Holzschnitten von Frans Masereel · 第 5 / 5 段