Beziehungen zwischen einander nahestehenden Menschen, auch innerhalb der
Familien, irgendwie anders geworden sind. Man kann auf nichts mehr
bauen, jeden Morgen muß man sich jetzt fragen: >was wird es abends
geben, werde ich den auch nur wiedererkennen?< Man ist wie auf einer
Planke im Wasser; die will fortwährend umkippen.«
»Was ist denn geschehen?«
»Ich weiß nicht,« sagte Lutz, »ich kann es Ihnen nicht erklären. Ich
weiß nur, seit dem Krieg ist es so. Es liegt etwas in der Luft. Alle
Welt ist ganz aus dem Häuschen. Wo man sich in den Familien umschaut,
sieht man Menschen ihre eigenen Wege gehen, die früher unzertrennlich
waren. Alle sind wie berauscht; wie Jagdhunde wittern sie irgend etwas
und laufen der Fährte nach.«
»Wohin denn?«
»Ich weiß nicht. Aber die Leute selber, mein' ich, auch nicht. Wohin der
Zufall und ihre Begierde sie treiben. Frauen legen sich Liebhaber zu.
Männer vergessen ihre Frauen. Und das kommt bei den bravsten Leuten vor,
die bis dahin so ruhig und ordentlich schienen. Überall hört man von
zerrütteten Ehen. Aber zwischen Kindern und Eltern ist es gerade so.
Meine Mutter . . .«
Sie hielt inne, dann fuhr sie fort:
»Meine Mutter lebt jetzt ihr eigenes Leben.«
Sie stockte wieder und sagte dann:
»Das ist ja ganz natürlich. Sie ist noch jung, meine arme Mama, viel
Glück hat sie auch nicht erfahren: sie hat noch soviel unverbrauchtes
Gefühl. Sie hat wohl das Recht, sich ein neues Leben aufzubauen.«
Peter fragte:
»Sie will wieder heiraten?«
Lutz schüttelte den Kopf. Man wußte nicht recht . . . Peter wagte keine
weitere Frage.
»Sie hat mich gewiß immer noch gern. Aber nicht mehr wie früher. Sie
könnte jetzt auch ohne mich leben . . . Die arme Mama wäre ja so
zerknirscht, wenn sie sich darüber klar werden müßte, daß ihre Liebe zu
mir in ihrem Herzen nicht mehr an erster Stelle steht! Nie würde sie es
eingestehen . . . Das Leben ist doch eine kuriose Sache!«
Ihr leises Lächeln war traurig und zugleich etwas schalkhaft. Peter
legte zärtlich seine Hand über ihre Hände, die auf die Tischplatte
gestützt waren, sonst rührte er sich nicht.
»Wir sind alles arme Geschöpfe,« sagte er.
Eine Weile später sagte Lutz:
»Wir zwei, wir sind so ruhig! . . . Die andern sind wie im Fieber.
Krieg. Fabriken. Alles hastet, hastet. Arbeiten, leben, genießen . . .«
»Ja,« sagte Peter, »kurz ist die Stunde.« »Um so weniger soll man
laufen, statt zu gehen! Man ist ja doch zu bald am Ziele. Wir wollen
ganz kurze Schrittchen machen.«
»Aber die Stunde selber rennt fort,« sagte Peter. »Halten wir sie recht
fest!«
»Ich halte sie, ich halte sie,« sagte Lutz, indem sie seine Hand
ergriff.
So plauderten sie bald zärtlich, bald ernsthaft, wie gute alte Freunde.
Aber dabei achteten sie wohl darauf, daß immer der Tisch zwischen ihnen
blieb. Aber jetzt merkten sie erst, daß es im Zimmer tiefe Nacht
geworden war. Peter stand hastig auf. Lutz hielt ihn nicht zurück.
Die kurze Stunde war um.
Sie hatten Angst vor der Stunde, die jetzt kommen konnte. Beim Abschied
waren sie so befangen, ihre Stimmen klangen so gepreßt wie bei Peters
Eintritt. Auf der Schwelle wagten ihre Hände kaum sich zu berühren.
Aber wie er die Tür geschlossen hatte und beim Durchschreiten des
Gärtchens den Kopf gegen das Fenster im Erdgeschoß wandte, sah er im
letzten kupfrigen Widerschein auf den Scheiben Lutzens Kopf im Umriß,
wie sie im ungewissen Halblicht ihm mit dem Ausdruck tiefer Leidenschaft
nachsah. Da lief er zum Fenster zurück und legte den Mund an die
Scheibe. Durch die gläserne Wand hindurch küßten sich ihre Lippen. Dann
wich Lutz ins Dunkel des Zimmers zurück und der Fenstervorhang fiel
nieder.
* * * * *
Seit etwa vierzehn Tagen wußten sie nicht mehr, was in der Welt vorging.
Mochte man doch in Paris durch dick und dünn Leute einkerkern und
verurteilen, mochte doch Deutschland eben unterzeichnete Verträge
durchführen oder wieder umstoßen, mochten doch die Regierungen weiter
lügen, die Presse weiter schmähen und die Heere weiter sich töten. Die
beiden lasen keine Zeitungen. Sie wußten wohl, irgendwo oder überall
ringsumher gab es Krieg, wie etwa auch Typhus und Influenza herrscht;
aber das machte ihnen weiter keinen Eindruck; sie wollten nicht daran
denken.
Aber gerade diese Nacht rief sich der Krieg ihnen selber ins Gedächtnis
zurück. Sie waren beide schon zur Ruhe gegangen (die Tage vergingen
ihnen in einer solchen Anspannung des Gefühls, daß sie abends todmüde
waren). Jedes hörte in seinem Stadtviertel das Alarmsignal, beide
wollten aber nicht aufstehen. Jedes vergrub den Kopf in die Polster,
unter die Decke, wie Kinder während des Gewitters -- aber gar nicht aus
Furcht (sie waren überzeugt, es könne ihnen nichts zustoßen), -- sondern
um zu träumen. Lutz vernahm, wie es in der schwarzen Nachtluft dröhnte
und dachte: »Wie wäre es gut, das Unwetter in seinen Armen
vorüberbrausen zu hören!«
Peter hielt sich die Ohren zu. Nichts sollte ihn in seinen Gedanken
stören! Hartnäckig versuchte er auf der Klaviatur der Erinnerung Ton für
Ton das Lied dieses Tages zu wiederholen, die melodische Folge der
einzelnen Stunden von der Minute an, da er Lutzens Haus betreten hatte,
die feinsten Biegungen ihrer Stimme, jede kleine Bewegung, die
ununterbrochene Reihe von Eindrücken, die sein hastiger Blick geschlürft
hatte, -- einen Wimperschatten auf der Wange oder deren Beben im Anhauch
eines Gefühls, das dem Windgekräusel am Wasser glich, der Lichtstrahl
eines Lächelns, der über ihre Lippen glitt, oder die weiche Nacktheit
der zwei ausgestreckten Hände, zwischen denen sein Handballen gelegen
hatte, -- all diese köstlichen Splitter suchte er mit magischer
Liebesglut zu einem Bilde zu verschmelzen. Er duldete nicht, daß äußerer
Lärm in sein Heiligtum drang. Dies Draußen war wie ein lästiger Besucher
. . . Krieg? Weiß schon, weiß schon. Der Krieg pocht an die Tür? Soll
warten! . . . und der Krieg wartete wirklich geduldig vor der Schwelle.
Er wußte, seine Stunde würde auch noch kommen. Das wußte Peter auch und
darum schämte er sich seiner egoistischen Abkehr durchaus nicht. Die
Welle des Todes würde ihn schon auch ergreifen. Zu Vorschüssen war er
nicht verpflichtet. Am Verfallstage mochte der Tod seine Rechnung
präsentieren! Bis dahin aber sollte er ihn in Ruhe lassen, sich hübsch
still verhalten! Ach, bis dahin wollte er wenigstens von dieser
wundervollen Zeit nichts verlieren; jede Sekunde war ein Goldkorn und er
glich dem Geizigen, der seine Schätze betastet und streichelt: Das ist
mein, ist ganz mein eigen! Rührt nicht an meinen Frieden, an meine
Liebe! Die sind mein bis zur Stunde, wo . . . Aber wann wird diese
Stunde kommen? -- Am Ende kommt sie nie! Ein Wunder? . . . Warum nicht?
. . .
Inzwischen floß der Strom der Stunden und Tage weiter dahin. Bei jeder
Biegung kam das Grollen der Katarakte näher. Peter und Lutz lagen im
Kahne hingestreckt und hörten es wohl. Aber sie hatten keine Angst mehr.
Selbst diese gewaltige Stimme wiegte sie wie begleitender Orgelton noch
tiefer in ihren Liebestraum. Wenn man endlich beim Abgrund war, würde
man nur die Augen schließen, sich fester aneinander drängen und alles
würde mit einem Male zu Ende sein. Der Abgrund ersparte ihnen die Pein,
an das spätere Leben zu denken, an das Leben, das sonst noch hätte
kommen können, an die aussichtslose Zukunft. Lutz hatte ein Vorgefühl
von den Widerständen, auf die Peter, wenn er sie heiraten wollte, hätte
stoßen müssen; Peter selbst empfand dies minder klar (er war der
Klarheit minder zugetan), bebte aber auch davor zurück. Was brauchte man
jetzt so weit vorauszusehn? Das Leben hinter dem Abgrunde erschien wie
das »Leben im Jenseits«, von dem die Kirche erzählt. Es heißt, daß man
sich dort wiederfinden wird; aber ganz sicher weiß man es nicht. Sicher
ist nur eines: die Gegenwart, unsere Gegenwart. Da hinein laßt uns, ohne
ängstliches Zögern und Zählen, unser ganzes Teil Ewigkeit ergießen!
Lutz kümmerte sich um die Tagesereignisse noch weniger als Peter. Der
Krieg interessierte sie gar nicht. Er kam einfach als eine Plage mehr zu
den vielen anderen hinzu, aus denen nun einmal das äußere Leben gewoben
war. Nur wer vor der nackten Wirklichkeit des Lebens geborgen ist, macht
viel Aufhebens vom Kriege. Aber das kleine Mädchen mit ihrer frühreifen
Lebenserfahrung -- wie gut kannte sie den Kampf ums tägliche Brot --
panem quotidianum . . . (Gott gab es nicht umsonst!) -- zeigte ihrem
Freunde, dem verwöhnten Bürgersöhnchen, wie der Friedenszustand für die
Armen, besonders für deren Frauen, nur ein Trugbild ist, der gleißende
Deckmantel für einen mörderischen, tückischen, unablässigen Krieg. Sie
verschonte ihn mit Einzelheiten, um ihn nicht zu betrüben: sie fühlte
sich ihm mütterlich überlegen, als sie sah, wie sehr ihn ihre Berichte
erschütterten. Wie die meisten Frauen empfand sie gegenüber gewissen
häßlichen Seiten des Lebens keineswegs den körperlichen und seelischen
Abscheu, von dem sich da der junge Bursch gepackt fühlte. Gewaltsame
Weltverbesserung lag ihr ganz fern. Wenn es ihr einmal noch schlechter
gegangen wäre, wäre sie imstande gewesen, ohne Ekel ekelhafte
Beschäftigung zu übernehmen und deren Spur so leicht und anmutig von
sich abzutun, daß sie dann wieder blitzblank, in aller Seelenruhe, hätte
ihrer Wege gehen können. Jetzt freilich vermochte sie es nicht mehr;
seit sie Peter kannte, hatte ihre Liebe ihr alle Neigungen und
Abneigungen ihres Freundes mitgeteilt; aber dergleichen kam nicht aus
dem Grunde ihres Wesens. Sie gehörte einem ausgeglichenen, heiteren
Menschenschlage an, dem aller Pessimismus fern lag. Melancholie und
großartige Weltverneinung war nicht ihre Sache. Das Leben ist, wie es
ist. Man nimmt es, wie es ist. Hätte schlimmer ausfallen können! Soweit
Lutz nur zurückdenken konnte, war ihr äußeres Dasein immer recht
schwierig gewesen; immer war man da auf der Suche nach rettenden
Auswegen, besonders seitdem Krieg war; die Wechselfälle eines solchen
Daseins hatten Lutz gelehrt, sich nicht um den nächsten Tag zu sorgen.
Dazu kam noch, daß dieser innerlich freien kleinen Französin jeder
Gedanke ans Jenseits fremd war. Dieses Leben genügte ihr. Lutz fand es
hübsch genug, aber es hängt doch nur an einem Härchen, es gehört so
wenig dazu, damit dies Härchen reißt, daß es wirklich nicht lohnte, sich
um Dinge zu quälen, die morgen geschehen könnten. Trinkt, ihr Augen, im
Vorübereilen vom Licht, in dem ihr badet! Und was das Nachher anlangt,
so laß dich, Herz, vertrauend in der Strömung treiben! . . . Und jetzt
hat man sich gar noch so lieb -- ist das nicht köstlich? Lutz wußte
wohl, es würde nicht lange währen. Aber ihr Leben würde ja auch nicht
lange währen . . .
Ihrem Wesen nach war sie ganz anders als der kleine Junge, der sie
liebte und den sie liebte; der war gefühlvoll, leidenschaftlich, nervös,
erregbar, glücklich und unglücklich zugleich, überschwänglich in Lust
und Leid, gleich stürmisch in Hingabe oder Trotz; gerade wegen dieses
Gegensatzes zu ihrer Art war er ihr so lieb. Aber ganz einig waren beide
im unausgesprochenen Vorsatz, keinen Blick in die Zukunft zu werfen: sie
war ein sorglos hinplätscherndes Bächlein, das in sein Los ergeben ist
-- er aber stürzte sich in überspannter Verneinung der Umwelt in den
Abgrund der Gegenwart und nichts sollte ihn daraus vertreiben.
* * * * *
Der große Bruder war wieder daheim. Er hatte ein paar Tage Urlaub.
Gleich am ersten Abend merkte er, daß sich die Atmosphäre des
Vaterhauses irgendwie verändert hatte. Worin denn? Das wußte er selber
nicht zu sagen: aber etwas ging ihm gegen den Strich. Die Seele hat
Fühlfäden, die fernhin Dinge aufspüren, die das Bewußtsein noch gar
nicht abgetastet hat. Die feinsten Fühlfäden aber streckt verletztes
Selbstgefühl aus. Bei Philipp schwangen also diese Fäden aufgeregt hin
und her, suchten verwundert ein Etwas, das ihnen fehlte . . . Dabei
hatte er doch den Kreis seiner Lieben, der ihm den gewohnten Weihrauch
zollte -- das aufmerksame Publikum, dem er kärglich Frontschilderungen
zuzumessen geruhte -- die Eltern hingen in gewohnter Bewunderung an
seinen Lippen, -- der kleine Bruder. . . Oha! Halt! Ja, der, gerade der
war nicht da, wenn man ihn brauchte! Anwesend war er wohl, aber er
drängte sich gar nicht mehr an den großen Bruder heran, er bettelte
nicht, wie sonst, um vertrauliche Eröffnungen, deren Verweigerung dem
Großen so viel Spaß gemacht hatte. Zu welchen Armseligkeiten verleitet
gekränkte Eitelkeit! Sonst setzte Philipp zu all den glühenden
Zweifelfragen des jüngeren Bruders eine müde, spöttische Gönnermiene auf
-- jetzt fühlte er sich verletzt, weil Peter keine solchen Fragen mehr
stellte. Und so suchte er selbst diese Dinge aufs Tapet zu bringen. Er
wurde viel mitteilsamer und sah beim Sprechen immer Peter an, um ihn
merken zu lassen, daß seine Reden ihm galten. Zu andern Zeiten wäre
Peter außer sich gewesen vor Freude darüber und hätte sich nicht lange
bitten lassen, auf die Absicht des Bruders einzugehen. Aber jetzt rührte
er sich nicht und sah in aller Seelenruhe zu, wie Philipp die
ausgestreckten Fühler wieder hübsch einziehen mußte. Der war jetzt
beleidigt und machte ironische Bemerkungen. Peter aber ließ sich nicht
aus der Fassung bringen und antwortete schlagfertig in gleichem Tone.
Philipp wollte nun eine gründliche Aussprache herbeiführen, hielt in
übertriebener Lebhaftigkeit förmliche Reden -- aber nach ein paar
Minuten merkte er, daß er für sich allein redete. Peter sah ihm zu und
schien zu denken:
»Nur zu, lieber Freund, wenn's dir Spaß macht! Nur weiter, ich höre
schon zu . . .«
Welch unverschämtes leichtes Lächeln! . . . Die Rollen waren vertauscht.
Beschämt wurde Philipp still und beobachtete nun etwas aufmerksamer den
jungen Bruder, der sich jetzt nicht weiter mit ihm abgab. Wie der sich
verändert hatte! Die Eltern hatten nichts bemerkt, weil sie ihn jeden
Tag sahen; aber der durchdringende und jetzt noch von Eifersucht
geschärfte Blick Philipps fand nach einer Abwesenheit von ein paar
Monaten Peters gewohnten Gesichtsausdruck nicht wieder. Peter schien in
glückseliger Dumpfheit sorglos dahinzuleben; gleichgültig gegen die
Menschen, ohne einen Blick für die Umwelt, webte und schwebte er
offenbar wie ein junges Mädchen in weicher, warmer Traumluft. Philipp
sah ein, daß er selbst dem Bruder gar nichts mehr bedeutete.
Da er nicht nur andere gut zu beobachten verstand, sondern auch das
eigene Erleben immer tapfer unter die Lupe nahm, wurde ihm die Ursache
seiner Verstimmung bald klar und heilsame Selbstverspottung befreite ihn
davon. Wie nur erst einmal die dumme Empfindelei abgetan war,
beschäftigte er sich um der Sache selbst willen mit Peter und suchte den
geheimen Grund seiner Verwandlung zu entdecken. Gerne hätte er ihn zu
vertraulichen Eröffnungen gebracht. Aber darin fehlte es ihm an Übung
und außerdem schien der kleine Bruder keinerlei Bedürfnis nach
Herzensergießung zu verspüren; mit spöttisch lässigem Gleichmut
betrachtete er sehr von oben herab Philipps linkische Bemühungen, eine
Brücke zu ihm zu schlagen. Lächelnd, die Hände in den Taschen, pfiff er
ein Liedchen vor sich hin und gab beiläufige Antworten, ohne recht auf
die Fragen zu horchen -- und auf einmal hatte er sich schon wieder in
sein Märchenschloß zurückgezogen. Schön guten Abend! Weg war er. Nur
sein Spiegelbild lag noch am fließenden Wasser und rann einem durch die
Finger. -- Wie ein verschmähter Liebhaber fühlte Philipp erst jetzt den
ganzen Wert des Herzens, das er verloren hatte, und die eigentümliche
Anziehungskraft, die von dem Geheimnis ausging, das sich darin barg. Der
Zufall spielte ihm des Rätsels Lösung in die Hände. Als er eines Abends
über den Boulevard Montparnaß heimging, begegnete er im Dämmerlicht
Peter und Lutz. Er fürchtete, sie könnten ihn gesehn haben. Aber sie
kümmerten sich gar nicht um die Außenwelt. Sie waren eng
aneinandergeschmiegt; Peter stützte seinen Arm auf Lutzens Arm, hielt
ihre Hand, und seine Finger schlangen sich zwischen ihre Finger; so
gingen sie mit kurzen Schritten dahin, in heißer, unersättlicher
Zärtlichkeit wie Eros und Psyche in der Farnesina. Ihre Blicke waren
tief ineinander versenkt. Philipp lehnte sich an einen Baum und sah zu,
wie sie vorübergingen, stehen blieben, weiter gingen und im Dunkel
verschwanden. Philipps Herz war voll Mitleid mit den zwei Kindern; er
dachte:
»Mein Leben ist hingeopfert. Meinetwegen! Aber daß die zwei auch daran
glauben sollen, ist das ärgste Unrecht. Wenn ich wenigstens ihr Glück
erkaufen könnte!«
Trotz seines höflich-zerstreuten Wesens merkte Peter doch am nächsten
Tage, wie herzlich die Stimme des Bruders klang, wenn er mit ihm sprach;
allerdings empfand er auch das nicht sofort, sondern es fiel ihm erst
nachher auf, wenn er daran zurückdachte. Da erwachte er doch so halbwegs
aus seinem Traumzustand und sah wieder einmal den guten Blick des
Älteren, den er an ihm gar nicht mehr kannte. Philipp schaute ihn mit so
klaren Augen an, daß Peter den Eindruck hatte, dieser Blick wolle in
sein Geheimnis eindringen; hastig barg er es hinter herabgelassenen
Vorhängen. Aber Philipp lächelte nur, stand auf, legte ihm die Hand auf
die Schulter und schlug einen Spaziergang vor. Peter ging darauf ein; er
hatte ja wieder Vertrauen; sie gingen mitsammen in den nahen
Luxemburgpark. Der große Bruder ließ seine Hand immer noch auf der
Schulter des Jüngeren ruhn und der war stolz darauf, daß es wieder gut
stand zwischen ihnen. Jetzt war ihm die Zunge gelöst. Sie sprachen
lebhaft von geistigen Dingen, von Büchern und Beobachtungen an Menschen,
von neuen Erfahrungen -- nur gerade von der einen Sache nicht, an die
sie beide immerfort denken mußten. Es tat ihnen wohl, so vertraulich
miteinander zu reden, ohne doch an das Geheimnis zu rühren, das zwischen
ihnen stand.
Mitten unter dem Plaudern fragte sich Peter:
»Weiß er's? . . . Aber woher sollte er es denn erfahren haben? . . .«
Philipp beobachtete ihn lächelnd, wie er schwatzte. Peter hielt endlich
mitten im Satze inne . . .
»Was hast du denn? . . .«
»Nichts. Ich schaue dich nur an. Ich bin so froh.«
Sie tauschten einen Händedruck. Auf dem Rückwege fragte Philipp:
»Du bist glücklich?«
Peter nickte wortlos.
»Da hast du recht, Kleiner, das Glück ist was Schönes. Nimm mein Teil
mit dazu . . .«
Um Peter nicht zu betrüben, vermied es Philipp während dieses
Aufenthaltes, über die nahe bevorstehende Einziehung von des Bruders
Jahrgang zu sprechen. Aber am Tage seiner Abreise konnte er doch die
sorgenvolle Bemerkung nicht unterdrücken, daß der Bruder nun so bald der
Prüfung ausgesetzt sein würde, die er aus eigener Erfahrung nur zu gut
kannte. Aber kaum ein Schatten glitt über die Stirn des kleinen
Verliebten. Er zog ein wenig die Brauen zusammen, blinzelte, wie wenn er
ein unangenehmes Bild verscheuchen wollte, und sagte:
»Ach was! . . . noch Zeit! . . . Chi lo sa?«
»Man weiß es nur zu genau,« sagte Philipp.
»So viel weiß ich sicher«, sagte Peter, den Philipps Hartnäckigkeit
verdroß, »wenn ich mal dort drin stecke, -- ich schieße auf niemand.«
Philipp widersprach nicht, aber lächelte wehmütig vor sich hin; wußte er
doch so gut, wie die schwache Einzelseele und ihr Wollen hinschwanden
vor der unerbittlichen Wucht der Herde.
* * * * *
Der März war wieder da und längere Tage und erster Vogelsang. Aber mit
der Kraft des Sonnenlichtes wuchsen auch die düsteren Flammen des
Krieges. Mit fieberhafter Spannung sah man dem Frühjahr entgegen und der
Katastrophe, die in der Luft lag. Das riesige Tosen schwoll lauter an,
der Waffenlärm von Millionen Feinden, die sich seit Monaten vor der
Dammlinie der eigenen Stellung gestaut hatten und nun als Sturmflut über
die Landschaft von Paris und sein von soviel Wettern geprüftes
Wappenschiff hinbrausen wollten. Wie riesige Schatten eilten der
Verheerung Schreckensnachrichten voraus: phantastische Gerüchte über
Giftgase, über tödliche Kräfte, die sich durch die Luft verbreiten und
ganze Provinzen packen und vernichten sollten, wie seinerzeit die
erstickende Rauchwolke des (Vulkans) Mont Pelee. Schließlich ließen auch
immer häufigere Besuche deutscher Flieger die Nerven der Stadt Paris ja
nicht zur Ruhe kommen.
Peter und Lutz wollten von all dem noch immer nichts wissen; aber Keime
des schwelenden Fiebers, die sie unbewußt mit der schweren Gewitterluft
eingeatmet hatten, entfachten heißeres Verlangen in ihren jungen
Körpern. Die drei Kriegsjahre hatten durch ganz Europa alle ethischen
Anschauungen in einem Maße zerrüttet, daß die anständigsten Menschen in
Mitleidenschaft gezogen waren. Dazu kam noch, daß die beiden Kinder an
keinerlei Kirchenglauben Rückhalt hatten. Aber es schützte sie ihre
Herzensreinheit und ganz triebhafte Scham. Doch waren sie innerlich
entschlossen, einander ganz anzugehören, bevor die blinde Grausamkeit
der Menschen sie auseinander reißen würde. Bis dahin hatten sie nie
darüber geredet. Diesen Abend aber sollte es ausgesprochen werden.
Ein- bis zweimal der Woche hatte Lutzens Mutter Nachtschicht in der
Fabrik. Um in dem abgelegenen Häuschen nicht allein zu bleiben,
übernachtete Lutz dann in der Stadt bei einer Freundin. Sie wurde nicht
überwacht. Das Liebespaar benutzte diese Bewegungsfreiheit, um einen
Teil des Abends beisammen zu sein; manchmal speiste man auch bescheiden
in einem kleinen, wenig besuchten Gasthause. Wie sie also an diesem
Abende -- es war Mitte März -- vom Essen kamen, hörten sie das
Alarmsignal. Sie bargen sich im nächstgelegenen Unterstand, wie man vor
einem Platzregen in ein Haustor tritt, und vergnügten sich eine Weile
mit Beobachtungen an der zusammengewürfelten Gesellschaft da unten. Aber
da die Gefahr nun schon fern oder abgewehrt schien, ohne daß der Alarm
abgeblasen wurde, machten sich Peter und Lutz unter heiterem Geplauder
wieder auf den Weg, da sie nicht zu spät nach Hause kommen wollten. Sie
gingen gerade durch ein altes dunkles Gäßchen nächst der
Sankt-Sulpiz-Kirche und waren eben an einem Fiaker vorbeigekommen, der
bei einem Haustore stand; Pferd und Kutscher schliefen fest. Sie waren
auf der anderen Straßenseite, etwa zwanzig Schritt entfernt -- da
erbebte alles: blendendes Rot, stürzender Donner, Prasseln und Klirren
losgerissener Dachziegel und zerbrochener Fensterscheiben. Die Gasse
macht dort eine scharfe Biegung; dahinter drückten sie sich, eng
umklammert, wie angeklebt in eine Mauernische. Beim Aufflammen dieses
Blitzes hatte jeder in des andern Augen Liebe und Entsetzen gelesen.
Schon war es wieder Nacht um sie, aber noch hörte man Lutzens flehende
Stimme: »Nein, noch nicht . . . noch nicht. . .«
Peter spürte auf seinen Lippen im leidenschaftlichen Kuß die Zähne der
Geliebten. Sie standen im Dunkel des Gäßchens und hörten das Klopfen
ihrer Herzen. Ein paar Schritte weiter waren Leute aus den umliegenden
Häusern im Begriffe, den tödlich getroffenen Kutscher unter den Trümmern
des Wagens hervorzuziehen; der Unglückliche wurde ganz nahe an ihnen
vorbeigetragen; sein Blut träufelte zur Erde nieder. Lutz und Peter
waren wie zu Stein erstarrt; als ihr Bewußtsein wieder hell wurde,
fanden sie sich so innig verschmiegt, daß ihnen war, als lägen ihre
Körper nackt aneinander. Sie lösten die verkrampften Hände und Lippen,
die wie Wurzeln das geliebte Wesen hatten einsaugen wollen. Beide
überkam ein Zittern.
»Gehen wir heim,« sagte Lutz, von ahnungsvollem Schreck befallen. Sie
zog ihn mit fort.
»Lutz! nicht wahr, du läßt mich nicht aus der Welt gehen, ehe . . .«
»Mein Gott,« sagte Lutz und drückte seinen Arm, »der Gedanke wär'
schlimmer als der Tod!«
»Mein Liebes!« das sagten sie gleichzeitig.
Sie blieben wieder stehen:
»Wann werde ich dein?« fragte Peter. (Er wagte nicht zu fragen: wann
wirst du mein?)
Lutz merkte dies und es rührte sie.
»Mein Schatz,« sagte sie; ». . . Bald! Dräng' uns nicht! Du kannst es
garnicht inniger wollen als ich! . . . Bleiben wir noch ein Weilchen so
wie jetzt . . . Es ist so schön! . . . Noch bis zum Ende dieses Monats!
. . .«
»Bis Ostern?« sagte er.
(Ostern fiel in jenem Jahre auf den letzten März.)
»Ja, bis zur Auferstehung.«
»Ach«, sagte er, »vor der Auferstehung kommt das Sterben.«
»Sst!« sagte sie und schloß ihm den Mund mit einem Kusse.
Dann lösten sie ihre Umarmung.
»Heute abend feiern wir unsere Verlobung«, sagte Peter.