Schlechtes Wetter machte den Vesperstunden beim Sperlingsbrunnen ein

Ende. Nebel umhüllte die Februarsonne. Aber die in ihren Herzen

vermochte er nicht zu ersticken. Ach, das Wetter mochte sein, wie es

wollte: kalt oder heiß, regnerisch, windig, mit Schnee oder

Sonnenschein! Ihnen würde es gewiß willkommen sein. Jede Witterung kam

ihnen besonders günstig vor. Denn solange ein Glück im Sprießen ist,

scheint das Heute immer als der schönste Tag.

Der Nebel war ihnen ein lieber Anlaß zu täglichem, stundenlangem

Beisammensein. Die Gefahr gesehn zu werden war sehr verringert. -- Nun

holte er sie schon früh von der Tramway ab und begleitete sie bei ihren

Gängen in der Stadt. Er hielt den Rockkragen aufgeschlagen. Sie trug ein

Pelzhütchen, und ihr Kinn war tief in ihre Boa vergraben. In den dichten

Schleier spannten die geschwungenen Lippen ein winziges Rund. Aber der

beste Schleier war ihnen die feucht hüllende Webe des Nebels. Der lag

schwer und grau wie Asche, von gelblichem Phosphorlicht durchtastet. Man

sah keine zehn Schritt weit. Der Dunst wurde noch dichter, wenn sie

durch eine der alten Querstraßen zur Seine heruntergingen. Du lieber

Nebel, wohlig kühle Ruhstatt der Träume, dein Eishauch ist nur ein

Wonneschauer! Den beiden war darin wie der Mandel in ihrer Fruchthülle,

wie dem Flämmchen in einer abgeblendeten Laterne. Peter hielt Lutzens

linken Arm dicht an sich gedrückt; sie gingen im gleichen Schritt; sie

waren fast gleich groß, Lutz ein bißchen größer; so zwitscherten sie

halblaut, fast Wange an Wange; wie gern hätte er auf dem Schleier das

betaute Rund ihres Mündchens geküßt!

Das gewöhnliche Ziel ihrer Geschäftsgänge war der Laden des fragwürdigen

»Kunst- und Antiquitätenhändlers«, für den sie ihr »Grünzeug«, wie sie

sagte, herstellen mußte. Sie hatten es nie sehr eilig mit dem Hinkommen

und, angeblich nur durch Zufall gerieten sie immer auf die längsten

Umwege und dann mußte der Nebel schuld sein. Wenn trotz allem das Ziel

schließlich doch in greifbarer Nähe erschien, blieb Peter zurück, Lutz

trat in den Laden. Er wartete an der nächsten Ecke. Er mußte lange

warten und die Kälte war recht empfindlich. Aber er war selig, um

ihretwillen warten, frieren und sich langweilen zu dürfen. Endlich kam

sie wieder heraus, lief lächelnd herbei und fragte mitleidig und

besorgt, ob er denn nicht schon ein Eiszapfen war, der Arme! Er las es

ihr jedesmal von den Augen ab, wenn sie beim Trödler Glück gehabt hatte,

und dann freute er sich, wie wenn er den Gewinn eingeheimst hätte. Aber

meistens kam sie mit leeren Händen wieder; sie mußte zwei, drei Mal

hingehen, ehe sie zu ihrem bißchen Gelde kam. Dabei konnte sie noch von

Glück sagen, wenn man die bestellte Arbeit nicht noch mit Grobheiten

zurückwies. Heute, zum Beispiel, gab es großes Geschrei wegen einer

Miniatur nach der Photographie eines verstorbenen Ehrenmannes, den sie

nie gesehn hatte. Die Familie war empört, weil die Haar- und Augenfarbe

nicht stimmte. Sie mußte es noch einmal machen. Sie war geneigt, solches

Mißgeschick tapfer von der heiteren Seite zu nehmen, und lachte nur

darüber. Peter aber lachte nicht. Er war außer sich vor Zorn.

»Solche Trottel! Erztrottel!«

Wenn Lutz ihm Photographien zeigte, die sie in Farben kopieren sollte,

flammte er in grimmiger Verachtung auf -- (wieviel Spaß machten ihr

diese komischen Wutanfälle!) -- gegen diese Idioten-Gesichter, diese

feierlich grinsenden Klötze. Es schien ihm eine Entweihung, daß Lutzens

liebe Augen sich mit diesen Eselsmienen vollsaugen, daß ihre Hände

solche Züge wiedergeben sollten. Es war einfach empörend! Da war ihm

noch das Kopieren im Museum lieber. Aber damit war es vorbei. Die

letzten Museen wurden geschlossen und die Kundschaft verlor jedes

Interesse dafür. Weder Madonnen noch Engel regierten die Stunde; jetzt

galten nur die rauhen Krieger. Jede Familie hatte den ihren, tot oder

noch lebend -- öfter aber tot -- und wollte seine Züge verewigt sehen.

Die Reichsten bestellten Porträts in Farben: diese Arbeit wurde recht

gut bezahlt, bot sich aber nur noch selten; man durfte nicht wählerisch

sein. In Ermanglung besserer Aufträge blieb nichts anderes übrig, als zu

lächerlich niedrigen Preisen sich mit dem Vergrößern von Photographien

zu befassen. Die nächste Folge war, daß Lutz jetzt jeder Vorwand fehlte,

so lange in der Stadt zu verweilen; sie hatte ja nicht mehr in den

Museen zu kopieren, sondern einfach jeden zweiten oder dritten Tag beim

Kunsthändler vorzusprechen, um Arbeiten zu übernehmen oder abzuliefern;

die Arbeit selbst ließ sich zu Hause machen. Das paßte nun den zwei

jungen Leuten ganz und gar nicht. Wie zuvor schlenderten sie ziellos

durch die Gassen und konnten sich nicht entschließen, den Weg zur

Station einzuschlagen. Da sie müde und vom Nebel durchkältet waren,

traten sie in eine Kirche ein; dort setzten sie sich artig in eine

Kapellennische und sprachen leise von den kleinen Dingen ihres Alltags;

dabei sahen sie in die Glasgemälde der Fenster. Von Zeit zu Zeit wurden

sie still, und ihre Seelen, frei vom Joch der Worte (es kam ihnen ja

nicht auf den Sinn der Worte an, sondern auf den Lebenshauch darin, der

wie die zarte Berührung zitternder Fühlfäden war), ihre Seelen also

pflogen dann ernstere, tiefere Zwiesprache. Die traumhafte

Farbenherrlichkeit der Glasgemälde, das Düster der Pfeiler, das Gesumme

der Litaneien mengten sich in ihre Träumerei, weckten die Vorstellung

der Bitternisse des Lebens, die sie vergessen wollten, und flößten

tröstliches Heimweh nach dem Unendlichen ein. Obgleich es fast schon elf

Uhr vormittags war, erfüllte, wie Öl aus heiligem Kruge, gelbliche

Dämmerung das Schiff der Kirche. Aus fernster Höhe floß seltsames

Leuchten: dunkler Purpur, ein roter Tropfen im Veilchenblau eines

Riesenfensters, undeutliche Gesichter, von schwarzer Metallfassung

umrahmt. Das blutfarbene Licht stieß eine Wunde in die hohe Nebelwand.

. . Lutz sagte ganz unvermittelt:

»Kommen Sie auch dran?«

Er begriff sogleich, was sie meinte, weil sein Geist in diesem Schweigen

derselben düsteren Fährte gefolgt war.

»Ja,« sagte er. »Aber nicht davon sprechen!«

»Nur eines sagen Sie mir: Wann?«

»In einem halben Jahre.«

Sie seufzte.

»Sie dürfen nicht mehr daran denken. Das nützt ja gar nichts.«

Sie wiederholte:

»Gar nichts.«

Sie holten recht tief Atem, um diese Vorstellung zu verdrängen. Dann

zwangen sie sich tapfer (oder sollte man nicht eher sagen »feige«? Wer

kann entscheiden, was der wahre Mut ist?), von andern Dingen zu reden,

von den Kerzenflammen, die im Wachsduft wie Sterne flimmerten, von der

präludierenden Orgelmelodie, vom Mesner, der gerade vorbeiging, von den

immer neuen Entdeckungen, die Peter in ihrem Handtäschchen machte, wenn

seine neugierigen Finger darin forschten. Mit wahrer Leidenschaft

stürzten sie sich auf jede Kleinigkeit, die sie heiter ablenken konnte.

Keinem der beiden Kinder fiel es auch nur im Traume ein, sie könnten dem

Schicksal, das sie voneinander reißen wollte, irgendwie entrinnen. Statt

sich dem Kriege entgegenzustemmen, dem entfesselten Strome eines ganzen

Volkes Trotz zu bieten, dürfte man eher versuchen, die Kirche, deren

steinerner Panzer sie umgab, aus ihren Grundfesten zu heben. Das einzige

Auskunftsmittel war zu vergessen, bis zum letzten Augenblicke zu

vergessen und sich insgeheim mit der leisen Hoffnung zu schmeicheln, der

letzte Augenblick würde nie kommen. Bis dahin nur glücklich sein!

Als sie plaudernd den Rückweg von der Kirche antraten, verriet ihm der

Druck ihres Armes, daß sie noch einen Blick auf die Auslage werfen

wollte, an der sie eben vorbeigekommen waren. Ein Schuhgeschäft. Er sah,

wie ihr Blick liebkosend ein Paar hoher Schnürstiefelchen umfing.

»Hübsch?« fragte er.

»Einfach süß!« sagte sie.

Er lachte über den Ausdruck und sie lachte mit.

»Sind sie nicht zu groß?«

»Nein, gerade recht.«

»Da könnte man sie ja kaufen?« Sie drückte seinen Arm und zog ihn fort,

um sich dem verführerischen Anblick zu entreißen.

»Das ist nur für reiche Leute, _ist nicht für uns, ist nicht für uns,_«

sang sie nach einer alten Volksweise.

»Warum denn nicht? Aschenbrödel hat auch den schönen Pantoffel

angezogen.«

»Ja, damals gab's noch Feen!«

»Dafür gibt's heute noch verliebte Jungen.«

Sie sang wieder:

_»Es darf nicht sein, mein Freund, nein, nein!«_

»Warum denn nicht, da wir doch Freunde sind?«

»Gerade darum.«

»Wieso?«

»Gerade von einem Freunde darf man keine Geschenke annehmen.«

»Also nur von einem Feinde?«

»Von einem Fremden, das geht eher; wenn nur mein Kunsthändler mit einem

Vorschuß herausrücken wollte, der Geizkragen!«

»Aber Lutz, ich habe schließlich doch auch das Recht, bei Ihnen ein Bild

zu bestellen, wenn's mir paßt!«

Sie konnte gar nicht weiter gehn vor Lachen.

»Sie wollen also ein >Werk< von mir besitzen? Mein armer Freund, was

sollten Sie damit? Es war schon gerade genug, daß Sie das Zeug

angeschaut haben. Ich weiß ganz genau, daß es Schund ist. Für den Genuß

würden Sie sich bedanken.«

»Aber durchaus nicht, es waren reizende Sachen dabei. Und schließlich

ist das Geschmackssache.«

»Ihr Geschmack hat sich merkwürdig schnell geändert.«

»Darf er das nicht?«

»Nein, bei Freunden nicht.«

»Lutz, porträtieren Sie mich!«

»Na hören Sie, porträtieren soll ich Sie auch noch?«

»Aber es ist mein voller Ernst, neben diesen Schafsköpfen werde ich wohl

noch bestehen können!«

Da drückte sie fest seinen Arm, und ihr entschlüpfte das Wort:

»Mein Schatz!«

»Was haben Sie gesagt?«

»Nichts.«

»Ich habe es ganz gut gehört.«

»Dann behalten Sie's für sich!«

»Nein, ich behalte es nicht für mich, ich gebe es Ihnen doppelt wieder

. . . Mein Schatz! . . . Mein Schatz! . . . Sie machen also mein

Porträt, nicht wahr? . . . Abgemacht?«

»Haben Sie eine Photographie?«

»Nein, ich habe keine.«

»Ja wie soll ich's dann anfangen? Ich kann Sie doch nicht auf der Gasse

malen?«

»Sie haben mir doch erzählt, daß Sie meist allein zu Hause sind?«

»Ja, an den Tagen, wo Mutter in der Fabrik ist. Aber ich getraue mich

nicht . . .«

»Haben Sie Angst, daß man uns sieht?«

»Nein, deswegen nicht. Wir haben keine Nachbarn.«

»Also was fürchten Sie dann?«

Lutz antwortete nicht. Sie waren bei der Elektrischen angelangt. Es

warteten zwar viele Leute, aber man sah sie kaum, der Nebel schied das

Pärchen immer noch von der übrigen Welt. Sie mied seinen Blick.

Da faßte er ihre beiden Hände und sagte warm:

»Keine Angst haben, mein Schatz . . .« Lutz erhob den Blick, und sie

sahen einander in die Augen; diese zwei Augenpaare schauten so klar und

ehrlich! »Ich vertraue Ihnen,« sagte sie. Sie schloß die Augen. Sie

fühlte, daß sie ihm heilig war.

Die Hände lösten sich voneinander. Die Tram gab das Abfahrtszeichen. In

Peters Blick lag eine innige Bitte.

»An welchem Tage?« fragte er.

»Mittwoch,« antwortete sie, »kommen Sie gegen zwei Uhr . . .« Im letzten

Augenblick vor der Abfahrt fand sie ihr schalkhaftes Lächeln wieder; sie

sagte ihm ins Ohr:

»Aber bringen Sie doch Ihre Photographie mit. Ich kann ja zu wenig, um

ohne Photographie zu malen . . . O ja! O ja! Ich weiß, Sie haben schon

welche, Sie kleiner Erzschwindler Sie!«

* * * * *

Äußerste Vorstadt, noch hinter der Malakoffstraße. Halbausgebaute

Straßen stehen zahnlückig da und werden von wüsten, noch unverbauten

Flächen unterbrochen, die schon in eine Art ländliche Gegend von

zweifelhaften Reizen sich verlieren, wo zwischen Plankenzäunen Hütten

von Lumpensammlern lieblich verstreut sind. Trübgraue Wolkenschläuche

liegen lang auf der farbenarmen Erde, aus deren magern Rippen Nebel

dampft. Die Luft ist schneidend kalt. Man kann das Haus nicht verfehlen:

nur drei stehen auf dieser Straßenseite, es ist das letzte und hat kein

Gegenüber. Es ist einstöckig und hat einen von Staketen umzäunten Hof

mit zwei, drei armseligen Sträuchern und einem Gemüsebeet, das jetzt

unterm Schnee liegt.

Peter ist geräuschlos eingetreten; der Schnee dämpft den Schall seiner

Schritte. Aber die Vorhänge im Erdgeschoß bewegen sich; und wie er zur

Türe kommt, öffnet sie sich und Lutz steht auf der Schwelle. Die Stimme

versagt ihnen, wie sie sich im halbdunklen Hausflur begrüßen. Sie führt

ihn in das erste Zimmer, das als Wohnraum dient. Dort arbeitet sie auch,

ihre Staffelei steht beim Fenster. Erst wissen sie nicht, was sie reden

sollen; sie haben den Genuß dieses Zusammenseins schon zu sehr in

Gedanken vorweggenommen; all die schönen Worte, die sie sich

zurechtgelegthatten, bleiben ihnen in der Kehle stecken; sie getrauen

sich nur halblaut zu sprechen, trotzdem sie allein im Hause sind, oder

vielmehr gerade darum. Steif bleiben sie in ziemlichem Abstande

voneinander sitzen. Sie wagen nicht, die Arme zu bewegen, nicht einmal

den Mantelkragen hatte er heruntergeklappt. Sie reden vom kalten Wetter

und vom Fahrplan der Straßenbahn. Dabei sind sie todunglücklich, daß

ihnen nichts Gescheiteres einfallen will.

Endlich rafft Lutz sich zur Frage auf, ob er die Photographien

mitgebracht habe; kaum nimmt er sie aus der Tasche, ist das Eis

gebrochen. Die Bilder sind die erwünschten Mittler, über die hinweg man

erst frei plaudern kann; man ist doch nicht mehr unter vier Augen, es

sind noch andere Augen auf einen gerichtet, aber die stören nicht. Peter

hatte den glänzenden Einfall gehabt (es war ganz ohne Hintergedanken

geschehen), alle seine Bilder, vom dritten Lebensjahre an, mitzubringen.

Eines dieser Bilder zeigt ihn noch im Kleidchen. Lutz lacht hellauf vor

Freude; sie hat für das Bild zierlich lustige Kosenamen und

Schmeichelworte. Gibt es denn etwas Süßeres für eine Frau, als ein

Klein-Kinderbild des Geliebten zu betrachten? In Gedanken wiegt sie ihn

auf den Armen, reicht ihm die Brust -- fast ist ihr, als hätte sie ihn

unter dem Herzen getragen. Dabei spürt sie ganz genau, wie schön sich

dem kleinen Knirps alles sagen läßt, was man dem Erwachsenen nicht sagen

kann. -- Als er sie fragt, welche Photographie ihr am besten gefällt,

sagt sie ohne Bedenken: »Das liebe Kerlchen da . . .«

Wie ernst er schon dreinschaut! Ernster beinahe als heute. Wirklich,

wenn Lutz sich getraut hätte (und richtig, eben traut sie sich), Peter

recht anzusehn, um seine heutige Erscheinung mit den alten Bildern zu

vergleichen, so würde sie jetzt in seinen Augen einen Ausdruck

harmloser, kindlicher Freude entdecken, die dem Kleinen noch fehlt; die

Augen dieses kleinen Bürgerkindchens, das hübsch unter der Glasglocke

gehalten wurde, sind wie Vöglein in verdunkeltem Käfig; jetzt ist eben

das Licht gekommen, nicht wahr, Lucia, Lichtlein? . . . Jetzt möchte er

aber Photographien von Lutz sehen. Da beschaut er nun ein sechsjähriges

Mädelchen mit dickem Zopf, das einen kleinen Hund fest in den Armen

hält; wie Lutz dieses Bild wieder erblickt, meint sie bei sich mit einer

Anwandlung von Bosheit, ihre damalige Liebe zu dem Tierchen wäre nicht

geringer und kaum andern Wesens gewesen als die jetzige; ihr ganzes Herz

gab sie ihrem Peter, wie sie es dem Hündchen gegeben hatte; vielmehr

hatte auch schon die erste Liebe Peter gegolten und der Hund war sein

Platzhalter gewesen. Lutz zeigt auch ein kleines Fräulein von dreizehn

oder vierzehn Jahren, das kokett und etwas geziert den Hals verdreht;

zum Glück wich aus den Mundwinkeln nie ein kleines, schelmisches

Lächeln, das zu sagen schien:

»Wißt ihr? Ich spaße nur; ich nehme mich nicht ganz ernst . . .«

Jetzt hatten beide ihre Befangenheit ganz und gar überwunden.

Sie begann das Porträt mit dem Stifte zu entwerfen. Da er sich nicht

rühren und auch beim Sprechen kaum die Lippen bewegen sollte, redete

fast nur sie allein. Aber wie es aufrichtigen Menschen geht, wenn sie

ein wenig zu lange sprechen müssen, kam sie im Handumdrehen auf die

Geheimnisse ihrer engeren und weiteren Familie zu reden, die sie

durchaus nicht hatte enthüllen wollen. Sie war selber erstaunt, wie sie

sich dabei zuhörte; aber da gab es kein Halten mehr: gerade Peters

Schweigen wirkte wie ein Abhang, der den Strom ihrer Worte unablässig

fließen ließ . . .

Sie erzählte von ihrer Kinderzeit in der Provinz. Sie stammte aus der

Touraine. Die Mutter war aus gutem, wohlhabendem Bürgerhause und hatte

sich in einen Lehrer bäuerlicher Abstammung verliebt. Ihre Familie

wollte von einer solchen Heirat nichts wissen; aber die zwei Liebesleute

bestanden auf ihrem Willen, das junge Mädchen wartete ihre

Volljährigkeit ab und vermählte sich dann ohne die Zustimmung ihrer

Eltern. Seitdem wollten ihre Leute von ihr nichts mehr wissen. Dem

jungen Paare waren bei sehr beschränkten Mitteln ein paar Jahre innigen

Zusammenlebens beschieden. Aber der Mann hielt die Überbürdung auf die

Dauer nicht aus. Er erkrankte. Die Frau nahm nun tapfer auch seine Last

auf sich; sie arbeitete für zwei. Der beleidigte Standesdünkel ihrer

Eltern ließ sie in feindlicher Kälte verharren, sie wollten nichts für

die Tochter tun. Der Kranke war ein paar Monate vor Kriegsausbruch

gestorben. Die beiden Frauen hatten keinen Versuch mehr gemacht,

Beziehungen zur Familie der Mutter anzuknüpfen. Diese hätte gewiß das

junge Mädchen zu Gnaden aufgenommen, wenn es den ersten Schritt getan

hätte -- das wäre dann als ein mea culpa der Mutter aufgefaßt worden.

Aber da konnten die lange warten! Eher Kieselsteine essen!

Peter staunte über die Hartherzigkeit dieser bürgerlichen Verwandten.

Lutz sah darin nichts Unerhörtes.

»Solche Leute sind doch gar nicht so selten, glauben Sie nicht? Im

Grunde sind sie nicht böse. Davon bin ich bei meinen Großeltern fest

überzeugt; sie hätten uns also gewiß so gerne zugerufen: >Kommt wieder

zu uns!< Aber für ihren Dünkel war der Stoß gar zu hart, und was ist

denn allein groß bei solchen Leuten? Eben nur ihr Dünkel! Hat man ihnen

Unrecht getan, so sehen sie nicht nur dies so oder so beschaffene

Unrecht, sondern es wird einfach >das Unrecht< schlechthin: die andern

sind eben im Unrecht, sie aber wohnen im Recht. Und dabei brauchen sie

gar nicht bösartig zu sein (sie sind's auch wirklich nicht) -- aber sie

ließen einen vor ihren Augen eher bei langsamem Feuer verbrennen, statt

zuzugeben, daß sie vielleicht nicht im Rechte waren. Nein, ihre

Verwandten waren die einzigen nicht! Da hatte man noch ganz andere Fälle

erlebt! . . . Habe ich nicht recht,« sagte sie, »sind sie nicht so?«

Peter dachte nach. Es ging ihm völlig ein. Er mußte sich sagen:

»Aber ja. Sie sind so . . .«

Das kleine Mädchen hatte ihm mit einem Male die Augen geöffnet für die

ganze Engherzigkeit, die armselige Dürre der Bürgerkaste, der er

angehörte. Ausgetrocknetes, ausgesogenes Erdreich, das nach und nach

alle seine Lebenssäfte aufgebraucht hat und sie nicht mehr zu erneuern

vermag, wie jene Gegenden Innerasiens, wo befruchtende Ströme

tropfenweis im gleißenden Sande versickert sind. Sogar die Menschen, die

sie zu lieben meinen, lieben diese Bürger nur wie einen toten Besitz;

ihrem Selbstsinn opfern sie jene auf, ihrem versteiften Hochmut, ihren

kleinlichen, verrannten Ideen. Peter sah nun in diesem Lichte mit tiefer

Trauer seine eigenen Eltern und sein eigenes Dasein. Er schwieg. Die

Fensterscheiben erbebten von fernem Geschützfeuer. Peter dachte an die

Menschen, die dort sterben mußten, und sagte bitter:

»Und das ist auch ihr Werk.«

Dies heisere Kanonengebelfer, der Krieg, der allgemeine Zusammenbruch --

ging nicht dies alles großenteils auf Rechnung eben jener Herzenskälte

und Unmenschlichkeit, jenes bornierten Dünkels der Bürgerkaste? Aber

jetzt (es gab noch eine Gerechtigkeit!) wollte das entfesselte Ungeheuer

nicht innehalten, ehe es eben jenes Bürgertum verschlungen hatte.

Lutz sagte:

»Es ist gerecht.«

Sie ahnte gar nicht, wie ihr Denken so ganz gleichen Schritt hielt mit

Peters Gedanken. Der schrak förmlich zusammen vor diesem Widerhall.

»Ja, es ist gerecht,« sagte er, »gerecht ist alles, was da geschieht.

Die Welt war zu alt, sie mußte und wollte sterben.«

Lutz senkte den Kopf und stimmte ein:

»Ja.«

Wie sich doch diese ernsten Kinderstirnen einem unausweichlichen

Geschicke beugten und in scharfen Falten die Spur verzweifelnden

Grübelns trugen! . . .

Es wurde dämmrig im Zimmer, das auch ziemlich ausgekühlt war. Lutzens

Hände waren eiskalt, wie sie ihre Arbeit abbrach. Peter durfte das Bild

nicht ansehn. Sie traten nun ans Fenster und schauten in den Abend

hinaus, über trübselige Felder auf bewaldete Höhenzüge. Über diesem

veilchenblauen Bogenzug von Wäldern lag der blaßgrüne, goldbestäubte

Himmel. Ein Hauch aus der Seele des Puvis de Chavannes war über diesem

Bilde. Lutz verriet durch ein schlichtes Wort, wie sehr sie diesen

zarten Frieden empfand. Als ihn das fast ein wenig wunderte, war sie gar

nicht gekränkt sondern meinte, man könne ganz wohl etwas fühlen, das man

nicht in Kunstwerken auszudrücken vermöge. Es war auch nicht bloß ihre

Schuld, wenn sie gar so stümperhaft malte. In übel angebrachter

Sparsamkeit hatte sie ihren Kurs in der Kunstgewerbeschule nicht bis zu

Ende besucht. Übrigens war sie nur in der Not aufs Malen verfallen. Wozu

überhaupt malen, wenn es einen nicht dazu trieb? Peter mußte doch auch

bemerkt haben, wie die meisten nicht aus innerem Drange sich

künstlerisch betätigten, sondern aus Eitelkeit, aus Langerweile -- oder

auch weil sie sich zuerst den wahren inneren Beruf zugetraut hatten und

später ihren Irrtum nicht eingestehn wollten. Man sollte doch nur dann

Künstler sein, meinte sie, wenn man sein Erleben durchaus nicht für sich

behalten konnte, wenn man an seinem inneren Reichtum sonst förmlich

erstickte. Aber sie selbst, sie hätte gerade genug für sich selbst. Sie

verbesserte sich gleich:

»Und für noch jemand.«

(Er hatte nämlich den Mund zum Schmollen verzogen.)

Der schöne Goldton des Himmels erlosch, wurde bräunlich. Die leere Ebene

lag jetzt tieftraurig da. Peter fragte Lutz, ob ihr diese Öde nicht gar

zu unheimlich sei.

»Nein.«

»Aber wenn Sie spät heimkommen?«

»Es ist keine Gefahr. Apachen kommen nicht in diese Gegend. Die haben

ihre festen Gewohnheiten. Sind im Grunde auch solide Bürger. Und dann

wohnt da unser Nachbar, ein alter Lumpensammler mit seinem Hunde.

Überhaupt habe ich keine Angst. Ich prahle nicht damit. Es ist gar

nichts Besonderes. Ich bin sonst nicht gerade mutig. Ich habe eben noch

keine Gelegenheit gehabt, recht das Gruseln zu lernen. Wenn es einmal

dazu kommt, entpuppe ich mich vielleicht als ärgerer Hasenfuß als

andere. Weiß man denn je, was man ist?«

»Ich weiß, was Sie sind,« sagte Peter.

»Ja, das ist aber auch viel leichter, ich weiß es auch . . . was Sie

angeht. Den andern erkennt man immer besser.«

Der feuchte Abendfrost drang durch die geschlossenen Fenster. Peter

schauerte ein wenig zusammen. Lutz merkte es sogleich am Zucken seines

Nackens. Auf ihrem Spirituskocher bereitete sie ihm eine Tasse

Schokolade. So vesperten sie. In mütterlicher Sorgfalt warf Lutz ihm

einen Schal um die Schultern. Behaglich ließ er sich verwöhnen, wie ein

Kätzchen wohlte er sich in der weichen Wärme des Tuches. Man kam wieder

auf Lutzens Lebensgeschichte zurück, die noch nicht ganz fertig erzählt

war. Peter sagte:

»Wenn Sie sonst in der Welt niemand haben als Ihre Mutter, muß doch das

Verhältnis zu ihr sehr innig sein.«

»Ja,« sagte Lutz, »es _war_ so.«

»_War_?« wiederholte Peter.

»O wir haben uns immer noch lieb,« sagte Lutz. Sie war etwas verlegen,

weil ihr dieses Wort entschlüpft war. (Warum sagte sie ihm immer mehr,

als sie sagen wollte? Dabei fragte er sie nicht aus, wagte es nicht.

Aber sie hörte, wie sein Herz fragte, und es tut so gut, jemandem alles

zu sagen, wenn man es sonst nie gedurft hat. Die Stille im Haus, das

halbdunkle Zimmer, -- all das verlockte zu rückhaltloser Aussprache.)

Sie sagte:

»Seit vier Jahren kennt man sich gar nicht mehr aus. Alle Menschen sind

ganz anders.«

»Meinen Sie, Ihre Mutter ist anders geworden oder Sie selbst?«

»Alle Menschen,« wiederholte Lutz.

»Worin?«

Peter und Lutz Eine Erzählung mit sechzehn Holzschnitten von Frans Masereel · 第 2 / 5 段