ROMAIN ROLLAND
PETER UND LUTZ
EINE ERZÄHLUNG
MIT SECHZEHN HOLZSCHNITTEN
VON FRANS MASEREEL
MÜNCHEN
KURT WOLFF VERLAG
Einzig berechtigte Übertragung von
Paul Amann
Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G., München
Printed in Germany
Thaliae Amicae
Die Erzählung
umfaßt den Zeitraum vom 30. Januar 1918
(Mittwochabend) bis zum Karfreitag
desselben Jahres (29. März)
Peter versank in die Tiefe der Untergrundbahn. Rohe, fiebrig erregte
Menge. In einen Block von Menschenleibern eingekeilt, atmete er die
schwere Luft, die durch aller Lungen ging; er stand dicht bei der
Waggontüre; blicklos waren seine Augen zur schwarzen, dröhnenden
Tunnelwölbung gekehrt, unter der die grellblanken Pupillen des Zuges
hinglitten. In Peters Innern prallte auch so eine harte, zuckende
Helligkeit an schwere Finsternis. Er meinte unter seinem
hochgeschlagenen Winterrockkragen zu ersticken; die Arme drückte er
dicht an den Leib und hielt die Lippen krampfhaft geschlossen; seine
schweißfeuchte Stirn trafen eisige Schauer, wenn bei aufgerissener Türe
ein Hauch von draußen eindrang; in dieser Lage wollte er am liebsten
nicht mehr atmen, nicht mehr denken, nicht mehr leben. Das Gemüt des
Achtzehnjährigen -- fast schien er noch ein Kind -- war voll dumpfer
Verzweiflung. Da oben über ihm, über dieser finsteren Wölbung, über
diesem Rattengang, durch den das metallene Ungetüm voll gespenstigen
Menschengekribbels dahinschoß -- da oben war Paris, war der Schnee, die
kalte Januarnacht, der Alpdruck des Lebens und des Sterbens -- war der
Krieg.
Der Krieg. Seit vier Jahren war er da, hatte sich ins Leben
eingefressen. Mit seiner ganzen Schwere hatte er auf Peters Jugend
gelastet. Er hatte den Jüngling gerade in der entscheidenden Epoche
überfallen, da er durch die Unrast erwachender Sinne erschüttert,
tierhafter, blinder, zermalmender Kräfte gewahr wird, der Kräfte des
Lebens; des Lebens, das er doch gar nicht verlangt hat. Ist nun so ein
Junge, wie es Peter war, von Haus aus zart, ist sein Gemüt so weich und
sein Leib so schmächtig, dann packt ihn -- ohne daß er sich traut, es
wem einzugestehen -- ein Ekel, ein Grauen vor dem Schmutz, vor der
Gemeinheit, vor dem Blödsinn dieser ewig zeugenden, ewig verschlingenden
Natur -- vor dieser werfenden Sau, die ihre Jungen frißt . . . In jedem
jungen Menschen zwischen dem sechzehnten und dem achtzehnten Lebensjahre
regt sich etwas von Hamlets Seele. Wie kann man von ihm Verständnis für
den Krieg verlangen! (Eure Sache, Ihr gesetzten Männer!) Er hat schon
daran gerade genug, das Leben zu verstehen -- und ihm zu verzeihen.
Gewöhnlich verkriecht er sich in ein Traumland und ins Reich der Kunst,
bis er sich mit der Tatsache seiner Fleischwerdung abgefunden hat, der
gefährliche Übergangszustand der Verpuppung glücklich überstanden ist
und der Falter ausschlüpfen kann. In jenen wirren Vorfrühlingstagen des
Lebens bedarf er so sehr des Friedens und der Sammlung! Aber gerade da
holt man ihn aus seinem Schlupfwinkel, entreißt ihn mit roher Gewalt
schützendem Dunkel, mit seiner noch so verletzlichen neuen Hülle stößt
man ihn an die rauhe Luft, mitten ins harthäutige Menschengeschlecht;
dessen Haß und Tollheit soll er sich sofort zu eigen machen, ohne sie zu
begreifen; ohne sie zu begreifen, soll er dafür büßen.
Als Achtzehnjähriger war Peter schon assentiert. In einem halben Jahre
wird das teure Vaterland sein junges Fleisch brauchen. Der Krieg lechzte
darnach. Sechs Monate war noch Schonzeit. Sechs Monate! Wenn man
wenigstens bis dahin nicht nachzudenken brauchte! In dieser Unterwelt
bleiben! Den grellen Tag nicht mehr sehen müssen! . . . Mit dem
hinfliegenden Zuge tauchte er ins Dunkel und schloß die Augen . . . Als
er die Augen wieder auftat -- stand ein paar Schritte weiter, durch die
Körper von zwei fremden Menschen von ihm geschieden, ein junges Mädchen,
das eben eingestiegen war. Zuerst erkannte er im Schlagschatten des
Hutes nur ihr zartes Profil, dann das Blond einer Locke auf der schmalen
Wange, ein Glanzlichtchen auf der lieblichen Biegung dieser Wange, die
feine Linie der Nase und der geschürzten Oberlippe, die noch vom raschen
Laufe zitterte. Durch die Pforte seiner Augen ging sie ein in sein Herz,
trat hinein ganz und gar, und die Pforte schloß sich hinter ihr. Das
Lärmen der Außenwelt schwieg. Stille. Friede. Sie war da.
Sie sah nicht nach ihm hin. Sie wußte noch gar nicht, daß er auf der
Welt war. Und doch war sie in ihm. Er hielt ihr stummes Bild zärtlich in
den Armen und wagte nicht zu atmen, damit sie nicht einmal sein Atem
berühre . . .
Bei der nächsten Station kam wilde Bewegung ins Gedränge. Schreiende
Leute stürzten in den schon überfüllten Wagen. Peter verspürte den
Anprall und tragenden Druck der Menschenwelle. Über dem Tunnel, oben
über der großen Stadt, ein dumpfes Krachen. Der Zug fuhr weiter. In
diesem Augenblicke rannte in wahnsinniger Angst ein Mensch die Treppe
hinunter, indem er die Hände vors Gesicht hielt und -- jetzt kollerte er
ganz hinunter. Man sah gerade noch, wie ihm Blut zwischen den Fingern
floß . . . Dann kam wieder der finstre Tunnel. Im Waggon Schreckensrufe:
die Flieger sind da! . . . In der gemeinsamen Gefahr, darin diese
gepferchten Leiber zu einem Körper verschmolzen, hatte Peters Hand die
Hand ergriffen, die er dicht neben der seinen fühlte. Und wie er die
Augen hob, da war es Sie.
Sie machte sich nicht los. Dem Drucke seiner Finger antworteten ihre
Finger, erst etwas krampfig und aufgeregt, dann sanft hingegeben,
brennend heiß und regungslos. So verharrten ihre Hände im schützenden
Dunkel wie zwei Vögelchen, die im selben Neste kauern; und ihr warmes
Herzblut floß in einem Strome durch ihre verknüpften Hände. Sie sprachen
kein Wort und regten sich nicht. Die Lippen des Burschen streiften
beinahe die Locke auf ihrer Wange und ihr Ohrläppchen. Sie blickte ihn
nicht an. Zwei Stationen weiter löste sie ihre Hand aus der seinen, die
ihr gleich nachgab, schlüpfte leicht durchs Gedränge und war weg, ohne
ihn überhaupt angesehn zu haben. Erst als sie verschwunden war, fiel's
ihm ein, ihr zu folgen . . . Zu spät. Der Zug war im Fahren. Bei der
nächsten Haltestelle stieg Peter an die Oberwelt. Da war wieder
Nachtluft, ein Kitzeln unsichtbaren Schneeflaums und die geängstigte
Riesenstadt, die ihre Furcht schon wieder als Abenteuer genoß, während
hoch über ihr noch Kriegsvögel schwirrten. Peter aber sah nichts als
jene, die in ihm war; er ging heim, Hand in Hand mit der Unbekannten.
* * * * *
Peter Aubier wohnte bei seinen Eltern nächst dem Cluny Platz. Sein Vater
war ein höherer Gerichtsbeamter, der sechs Jahre ältere Bruder war bei
Kriegsausbruch als Freiwilliger hinausgezogen. Es war eine gute, echt
französische Bürgerfamilie, warm fühlende, brave Leute von
menschenfreundlichster Gesinnung, die aber nie gewagt hatten, einen
selbständigen Gedanken zu fassen. Der Gerichtspräsident Aubier war durch
und durch Ehrenmann und hegte eine hohe Auffassung von seinen
Standespflichten. Als ärgsten Schimpf hätte er die leiseste Andeutung
zurückgewiesen, seine richterlichen Entscheidungen könnten jemals nicht
bloß von Recht und Gewissen eingegeben sein. Aber dieses Gewissen hatte
noch nie ein Wort gegen die Regierung gesprochen (besser gesagt:
geflüstert). Es war von Geburt an amtlich-korrekt. Sein Denken war eine
Funktion des Staates, veränderlich, aber immer unanfechtbar. Die
bestehenden Gewalten erschienen ihm in gottgewollter Unfehlbarkeit.
Dabei bewunderte er aufrichtig die ehernen Charaktere der hohen
Richtergestalten vergangener Tage, die so frei und unbeugsam ihre Bahn
geschritten waren; vielleicht hielt er sich sogar insgeheim
gewissermaßen für deren Geistesverwandten. So war er etwa eine
Miniaturausgabe des Michel de l'Hospital, nur daß eben ein Jahrhundert
republikanischer Knechtung über ihn weggegangen war. -- Frau Aubier war
eine musterhafte Christin, wie ihr Gemahl ein musterhafter Republikaner.
So wie der sich im besten Glauben, mit dem ehrlichsten Gefühl erfüllter
Pflicht, zum Werkzeug gegen jede staatlich nicht patentierte
Freiheitsregung gebrauchen ließ, so erhob sie in aller Reinheit ihres
Herzens ihre Stimme fromm im Chor der menschenschlächterischen
Kriegsgebete, wie sie damals in jedem Lande Europas katholische
Priester, protestantische Pastoren, Rabbiner und Popen gen Himmel
schickten, in schönem Einklange mit den gutgesinnten Zeitungen und
Leuten dieser Epoche. Beide, Vater und Mutter, liebten ihre Kinder
abgöttisch, hatten als echte Franzosen eigentlich nur für sie ein ganz
tiefes, inniges Gefühl und würden ihnen jedes Opfer gebracht haben,
brachten jetzt aber ohne Bedenken eben diese Kinder zum Opfer dar, weil
die andern Leute auch so taten. Wem galt dies Opfer? Dem unbekannten
Gott. Immer wieder hat Abraham seinen Isaak zum Brandaltar geführt. Und
seine berühmt gewordene Narretei gilt der bedauernswerten Menschheit
immer noch als Vorbild.
Wie das so oft vorkommt, war in diesem Familienleben zwar die Liebe
groß, aber es gab gar keinen vertraulichen Verkehr zwischen Eltern und
Kindern. Wie sollte man sich einem andern ganz eröffnen, wenn eine
gewisse Scheu einen abhält, sich selber ganz klare Rechenschaft zu geben
von dem, was man empfindet? Was immer in einem vorgehen mochte, man
wurde das Gefühl nicht los, gewisse Dogmen müßten unangetastet bleiben:
war das schon reichlich unbequem, wo die Dogmen brav in säuberlich
begrenztem Gebiete verblieben (so stand es im ganzen mit allem, was das
Jenseits betraf), was sollte man erst anfangen, wenn dergleichen gar ins
Leben eingreifen, es in jeder Hinsicht bestimmen wollte, wie der
neumodisch-unkirchliche Dogmenzwang tut? Wie dem Dogma Vaterland
entrinnen? Die neue Religion brachte alttestamentarische Zustände
wieder. Sie begnügte sich nicht mit bloßem Lippendienst und harmlosen,
der Gesundheit zuträglichen oder komischen Übungen, wie Beichte, Fasten
am Freitag oder Sonntagsruhe, an denen sich der Witz der »Philosophen«
hatte üben dürfen, nämlich in der guten alten Zeit, da das Volk noch
frei war -- unter den Königen. Die neue Religion wollte einfach alles
für sich, mit weniger gab sie sich nicht zufrieden: den ganzen Menschen,
seinen Leib, sein Blut, sein Leben und sein Denken. Vor allem aber sein
Blut. Seit den Tagen der mexikanischen Azteken hatte sich keine Gottheit
so sattgetrunken an Blut. Dabei täte man diesen Gläubigen bitter Unrecht
mit der Annahme, sie litten nicht unter ihren Opfern. Sie litten und
glaubten. Ihr meine armen Menschenbrüder, denen Leid ein Beweis
göttlicher Nähe ist! . . . Das Ehepaar Aubier litt wie die andern und
warf sich in den Staub wie die andern. Aber von einem Halbwüchsigen
konnte man wirklich nicht verlangen, daß er den Schrei seines
Menschenherzens übertäube, die Stimme seiner Menschensinne und seiner
Menschenvernunft. Peter hätte so gern wenigstens genau begriffen, was da
so bedrückend auf ihm lag. Wie viele Fragen brannten ihm auf der Zunge,
ohne daß er sie aussprechen durfte! Denn als Erstes drängte sich ja der
Herzensschrei hervor: »Aber ich glaube ja gar nicht daran!« Schon das
wäre Gotteslästerung gewesen. -- Nein, er konnte nicht reden. Wie sie
ihn ansehen würden! In starrem Entsetzen, entrüstet, mit Kummer und
Scham! Und da er im Alter stand, wo die Seele noch bildsam ist, wo ihre
überzarte Membran sich vor jedem Windhauch kräuselt und in Falten legt
und, unter so flüchtigen Fingern erschauernd, festere Gestalt annimmt,
so war er, ohne gestanden zu haben, doch schon voll Trauer und Scham.
Ach, wie felsenfest sie alle daran glaubten! (Aber ob nur alle wirklich
daran glaubten?) Wie machte man das? -- Er traute sich nicht zu fragen.
Als einzig Ungläubiger inmitten einer gläubigen Menge ist man wie einer,
dem ein Organ fehlt -- ein vielleicht überflüssiges Organ -- aber eins,
das alle übrigen besitzen; so birgt man denn errötend seine Blöße vor
ihren Blicken.
Der einzige, der in diesen Seelennöten der Vertraute des Jungen hätte
sein können, war der ältere Bruder. Philipp war für Peter ein Gegenstand
jener schwärmerischen Verehrung, mit der Halbwüchsige (ohne sich's
irgend merken zu lassen) zu älteren Brüdern, Schwestern oder fremden
Weggenossen aufsehen, ja auch zu Menschen, die ganz flüchtig aufgetaucht
und wieder verschwunden sind -- weil sie ihnen als reine Verkörperung
des Ideals erscheinen, dem sie in Lebens- und Liebesahnung zustreben: in
diesem bewundernden Aufblick liegt keusche Glut und dumpferer Drang, der
Zukunft will. Der große Bruder hatte diese kindliche Huldigung wohl
gemerkt und fühlte sich geschmeichelt. Bis in die letzte Zeit war er
stets bemüht gewesen, im Herzen des Jungen zu lesen und das Gelesene
schonungsvoll zu deuten: denn trotz seiner kräftigeren Natur war er, wie
der Jüngere, aus jenem feinen Stoffe geformt, der die besten Männer noch
etwas frauenhaft erscheinen läßt, ohne daß sie sich dessen schämen. Aber
da kam der Krieg und riß ihn aus Leben und Arbeit, aus seinen
naturwissenschaftlichen Studien, aus seinen Jünglingsträumen und dem
innigen Verkehr mit dem jüngeren Bruder. Im hochgespannten Rausch der
ersten Kriegstage hatte er alles stehen und liegen lassen und war
hinausgestürmt; wie sich ein großer Vogel toll in den Raum wirft, so
wollte der reine, heldische Tor mit Schnabel und Fängen der Ära der
Kriege ein Ende machen, das Reich des ewigen Friedens aufrichten auf
Erden. Seitdem war der große Vogel zwei, drei Mal ins Nest
zurückgekehrt; doch waren ihm leider jedesmal wieder ein paar
Schwungfedern ausgerupft. So mancher holde Wahn war dahin, aber er
konnte sich nicht überwinden, es einzugestehen. Daß er daran geglaubt
hatte, war ihm jetzt Scham und Demütigung. Er war dumm genug gewesen,
das Leben nicht so zu sehen, wie es ist. Jetzt war er unerbittlich im
Bestreben, es allen falschen Zaubers zu entkleiden und doch mit
stoischer Kraft zu bejahen, wie immer es sein mochte. Aber er kehrte
seine Stacheln nicht nur gegen sich selbst; in seiner Verbitterung
verfolgte er seine Illusionen bis ins Herz des Bruders, wo er sie wie
alte Bekannte wiederfand. Als er zum ersten Male nach Hause kam, flog
ihm Peter mit der ganzen Glut seiner eingemauerten Seele zu, fühlte sich
aber sogleich durch die Art und Weise des Heimkehrers schmerzlich
abgekühlt; das Wiedersehen war ja gewiß noch sehr herzlich, aber in der
Stimme des Bruders lag ein so scharf ironischer Klang! Die Fragen, die
sich auf seine Lippen drängten, wurden jäh zurückgescheucht. Philipp sah
diese Fragen auftauchen, aber mit einem Blick fegte er sie weg. Nach
zwei, drei fruchtlosen Annäherungsversuchen zog Peter die Fühler seines
Herzens ein und verkroch sich in sich selbst. Er kannte den Bruder gar
nicht wieder. Der andere erkannte den Zustand des Jüngeren nur zu gut.
Sah er doch in ihm wieder, was er noch unlängst selber gewesen war und
nun nicht mehr zu sein vermochte. Das ließ er ihn büßen. Nachher tat es
ihm leid, aber das ließ er sich nicht merken und fing immer wieder an.
Beide litten darunter; und da begann das allzu häufige Mißverstehen zu
wirken, daß ihr gemeinsames Leid, statt sie einander nahezubringen, sie
sich noch ganz entfremdete. Der einzige Unterschied bestand darin, daß
der Ältere wußte, wie nah verwandt ihre Qualen waren, während Peter
damit ganz allein zu stehen meinte, ohne eine Seele, der er sein Herz
erschließen durfte.
Warum wandte er sich denn nicht an seine Altersgenossen, an die
Schulkameraden? Hätten denn nicht vor allem diese jungen Leute sich
enger zusammenschließen und aneinander eine Stütze finden sollen? Aber
das trat durchaus nicht ein. Ein trauriges Verhängnis hielt sie vielmehr
völlig zersplittert, in kleine Gruppen verzettelt, und noch innerhalb
der letzten Grüppchen verhielt man sich kühl und mißtrauisch. Die
gewöhnlichsten Naturen hatten sich mit geschlossenen Augen kopfüber in
den Strom der Kriegsbegeisterung gestürzt. Die meisten hielten sich fern
davon, fühlten sich mit den vorangegangenen Generationen keineswegs
verknüpft, teilten durchaus nicht deren Leidenschaften, weder in
Hoffnung noch Haß; sie sahen dem rasenden Geschehen zu, wie Nüchterne
dem Treiben Betrunkener. Aber wie sich dagegen wehren? Viele gründeten
Zeitschriftchen, deren schwaches Leben nach den ersten Nummern aus
Luftmangel erlosch; die Zensur machte nicht viel Federlesens.
Frankreichs Geistesleben wurde wie unter der Glocke einer Luftpumpe
erstickt. Die Hochstehenden unter diesen Jünglingen fühlten sich zu
schwach zur Auflehnung, zu stolz zur Klage und lebten einfach im Gefühle
dahin, dem Kriege ans Messer geliefert zu sein. Wie in einem
Schlachthause warteten sie, bis sie an der Reihe waren: bis dahin
machten sie in all er Stille ihre Beobachtungen und bildeten sich ein
Urteil; in ihrem Blick lag etwas Verachtung und viel Ironie. Sie sahen
auf die umnachtete Herde herab und stürzten sich, des Widerspruches
wegen, in eine übertriebene geistige und künstlerische Verfeinerung
ihres Ich, in einen ideal gefärbten Sinnenkult, mit dem die gefährdete
Individualität ihr Recht gegen die Übergriffe der menschlichen
Gemeinschaft behaupten wollte. Welch Spottgebild einer Gemeinschaft, die
sich diesen Jünglingen nur als gemeinschaftlich verübtes oder erduldetes
Morden darstellte! Frühreife Erfahrung hatte ihre schönen Träume welk
gemacht: sie hatten gesehn, wie solche Träume bei ihren älteren Brüdern
greifbare Gestalt annahmen, und sie, die doch nicht daran glaubten,
sollten mit ihrem Leben dafür bezahlen! Sie hatten auch zu den Menschen
ihres Alters kein rechtes Vertrauen mehr; auch ihr Glaube an die
Menschheit im allgemeinen war erschüttert. Zudem konnte einem um diese
Zeit Vertrauensseligkeit teuer zu stehen kommen! Jeden Tag hörte man,
daß irgend jemandes Gedanken und Privatgespräche von patriotischen
Spitzeln verraten wurden, deren Eifer die Regierung ehrte und anfeuerte.
Entmutigung, Menschenverachtung, Klugheit und stoisches Gefühl
seelischer Einsamkeit bewirkten, daß die jungen Leute sich kaum je
aussprachen.
Peter konnte in diesem Kreise nicht den Horatio finden, den solche
achtzehnjährige Hamlets immer suchen. Es graute ihm davor, sein Denken
der öffentlichen Meinung hinzugeben (diesem öffentlichen Weibe), aber es
war ihm umso tieferes Bedürfnis, innige Vereinigung mit frei gewählten
Seelen zu suchen. Er war zu warm und weich, um ganz für sich bleiben zu
können. Er litt am Leiden der Gesamtheit. Dieser Berg von Qual erdrückte
ihn, zumal er seine Masse überschätzte: denn die Menschheit erträgt eben
all dies, weil ihr Fell etwas härter gegerbt ist als die neue Haut eines
zarten Jünglings. -- Aber eines übertrieb und überschätzte er sicher
nicht und es drückte ihn schwerer als die Qual der Welt: dies war ihr
idiotischer Stumpfsinn.
Leiden und selbst der Tod sind nichts, wenn man weiß wofür. Jedes Opfer
ist gut, dessen Warum man begreift. Aber was ist dies Warum? Was ist in
Jünglingsaugen der Sinn der Welt und ihrer zerstörenden Umwälzungen?
Kann ein gegen sich selber ehrlicher, gesunder Bursche wirklichen Anteil
nehmen an der rohen Balgerei der Nationen, die wie blödsinnige Widder
mit den Hörnern gegeneinander rennen, hart am Rande des Abgrunds, in den
sie alle stürzen werden? Und doch wäre die Straße breit genug für alle.
Warum also solch rasende Selbstvernichtung? Warum diese hochmütigen
Vaterländer, die Raubstaaten und die Völker, die man morden lehrt wie
eine heilige Pflicht? Warum dies allgemeine Gemetzel unter allen Wesen?
Diese Welt, die sich selber auffrißt? Warum dies unheimliche Schreckbild
einer endlosen Kette des Lebendigen, darin jeder Ring die Zähne in den
Nacken des nächsten Ringes einhaut, sich von seinem Fleische nährt, von
seinem Tode lebt? Warum der Kampf und warum der Schmerz? Warum der Tod?
Warum das Leben? Warum? Warum? . . .
Dies Warum schwieg, als der Junge an jenem Abende heimkam.
* * * * *
Und es war doch nichts anders geworden. Er stand wieder in seinem Zimmer
in einem Wirrwarr von Büchern und Papieren. Rings die altbekannten
Geräusche. Auf der Straße unten verkündigten Hornsignale das Ende des
Fliegeralarms. Von der Treppe her vernahm man das befriedigte Schwatzen
der Hausparteien, die aus dem Keller heraufstiegen. Aus dem oberen
Stockwerke hörte man das endlose Auf- und Abrennen des rappligen
Nachbars, der seit Monaten auf die Rückkehr seines verschollenen Sohnes
wartete. -- Doch seine gewohnten Sorgen und Ängste -- die lauerten nicht
mehr im Zimmer. Wird einmal ein unvollkommener Akkord angeschlagen, so
klingt er rauh und wirft Unruhe in unsere Seele, bis der eine Ton
hinzukommt, der die feindseligen oder kühl fremden Einheiten erst zu
einem Ganzen verschmilzt wie gegenseitig unbekannte Gäste, die gewartet
haben, bis man sie einander vorstellt. Sofort ist dann das Eis
gebrochen, und schöner Einklang strömt von Mensch zu Mensch. Bei Peter
hatte die heimliche Berührung einer warmen Hand diese wunderbare
Verwandlung bewirkt. Er wußte nicht, woher der neue Zustand kam; jedes
Zergliedern lag ihm jetzt ganz fern. Er spürte nur, wie die gewohnte
Tücke der Dinge plötzlich besänftigt war. So haben sich etwa stechende
Schmerzen in unserem Kopfe auf Stunden häuslich eingerichtet: auf einmal
merkt man, der Schmerz ist weg; wo ist er nur hingekommen? Ein Summen in
der Schläfe als Nachklang . . . das ist alles. -- Auch Peter traute dem
ungewohnten Frieden nicht recht. Er wurde den Argwohn nicht los, seine
Qual sammle in solcher Atempause nur frische Kräfte, um ihn dann mit
verdoppelter Wut anzufallen. So kannte er schon die Ruhepunkte, wie sie
die Kunst gewährt. Wenn in unsere Augen göttliches Ebenmaß an Linien und
Formen dringt oder im Ohre, in der wollüstigen Tiefe seiner Muschel, mit
spielend vielgestaltiger Schönheit die Akkorde gleich Perlenschnüren
rollen und sich im Gesetz magischer Zahlen edel verknüpfen, dann kehrt
der Friede in uns ein, und wir tauchen tief in die Flut der Freude. Aber
dies Strahlende kommt von außen, wie von ferner Sonne, deren Glühen über
unendlichen Raum hinweg uns mit Zauberkraft dem Leben hoch entrückt
hält. Doch das währt nur eine Weile, und dann sinkt man wieder zurück.
In der Kunst kann man die Wirklichkeit nur vorübergehend vergessen. Der
verschüchterte Peter war auf eine ähnliche Ernüchterung gefaßt. --
Diesmal jedoch kam die Ausstrahlung von innen her. Das Leben blieb ihm
dabei völlig gegenwärtig. Aber alles stand in schönem Einklang.
Erinnerungen und neue Eindrücke. Sogar tote Dinge, die Papiere und
Bücher, die im Zimmer verstreut lagen, bekamen Leben, bekamen eine
Wichtigkeit, die sie ganz verloren hatten.
Seit Monaten war seine geistige Entwicklung gehemmt; er war wie ein
Bäumchen, das in voller Blütenpracht vom Hauche der »drei Eismänner«
welk geworden ist. Freilich gab es praktische Jungen, welche die neuen
Prüfungserleichterungen zugunsten der jüngsten wehrpflichtigen Jahrgänge
so tüchtig ausnützten, daß sie, solange die Prüfer mehr als ein Auge
zudrücken mußten, Zeugnis über Zeugnis unter Dach brachten. Das war
Peters Art nicht. Andrerseits empfand er auch nicht den verzweifelten
Wissensdurst anderer junger Leute, die im Angesicht des Todes sich
gierig mit Kenntnissen vollpfropfen, zu deren Nachprüfung ihr Leben zu
kurz sein wird. Das ständige Gefühl eines grausen Weges ins Leere, ins
Nichts, das allenthalben hinter dem tollen, boshaften Trugbilde der Welt
verborgen war -- das schnitt seinem Wissensdrang die Schwingen durch. Er
stürzte sich auf ein Buch, auf einen Gedanken -- dann hielt er mutlos
inne. Was sollte ihm das? Wozu denn lernen? Wozu inneren Reichtum
häufen, wenn man doch alles verlieren, alles lassen soll, wenn einem
nichts zu eigen gehört? Tätigkeit und Wissen hatte nur dann einen Sinn,
wenn das Leben einen Sinn besaß. Um diesen Sinn des Lebens hatte er mit
höchster Anspannung des Geistes, in tiefster Herzenssehnsucht umsonst
gerungen. -- Und mit einem Schlage hatte sich dieser Sinn des Lebens
ganz von selber aufgetan . . . Das Leben hatte einen Sinn . . . Was war
das nur? -- Als er sich fragte, woher dies innere Lächeln kam, sah er
die halb geöffneten Lippen vor sich, auf denen zu ruhen seine Lippen
heiß begehrten.
* * * * *
In normalen Zeiten wäre dieser Zauberbann kaum von Dauer gewesen. Der
junge Mensch stand ja noch auf einem Punkte der Entwicklung, wo man nur
überhaupt Liebe begehrt und sie in jedem Auge findet; das unruhig
verlangende Herz flattert wie ein Schmetterling von einer zur andern; es
hat keine Eile in seiner Wahl: sein Tag hat erst begonnen. Aber da der
Tag so kurz sein sollte, tat doch Eile not.
Die Hast dieses Jungenherzens war umso größer, je mehr es im Rückstande
war. Die Großstadt erscheint freilich von weitem als dampfender
Schwefelpfuhl der Sinnengier, birgt aber auch unberührte Seelen und
kindlich reine Körper. Wieviel Jünglinge und Mädchen wollen die Liebe
nicht entwürdigen und treten mit keuschen Sinnen in die Ehe! Selbst in
den raffiniertesten Kreisen, wo die Neugier der Nerven vorzeitig gereizt
wird, steckt hinter den freien Redensarten so mancher jungen Weltdame
oder irgendeines Studenten oft ein nur sehr oberflächliches Wissen um
erotische Dinge. Sie haben von allem etwas läuten gehört und gar nichts
selber erfahren. Mitten in Paris gibt es Gebiete von geradezu
provinzieller Unschuld, gleichsam umhegte Klostergärtchen, quellenhafte
Reinheit. Nur seine Literaten bringen Paris in Verruf. Gerade die
sittlich Verkommensten sind die angeblich berufenen Wortführer der
Stadt. Und dabei weiß ja jeder, wie oft falsche Scham die Lautersten
hindert, ihre Reinheit zu bekennen. -- Peter kannte die Liebe noch
nicht; ohne Widerstand folgte er ihrem ersten Rufe. Sein seelischer
Rausch wurde dadurch aufs höchste gesteigert, daß seine Liebe unter den
Schwingen des Todesengels geboren war. In jener aufregenden Minute, als
sie die Drohung der Bomben über den Köpfen spürten und ihr Herz sich im
Anblick des Verstümmelten zusammenkrampfte, da hatte es ihre Finger
zueinander gezogen, und mitten im Schauer körperlich empfundener
Todesangst war beiden der Trost und Balsam eines unbekannten Freundes
zuteil geworden. Was lag nicht alles in diesem flüchtigen Händedruck!
Die Männerhand sagte: lehne dich an mich! -- Die andere aber überwand
mütterlich die eigene Furcht: mein kleiner Junge! Das wurde freilich
weder ausgesprochen noch gehört. Aber solch innerliches Flüstern füllt
die Seele ganz anders aus als Worte, die nur wie ein Vorhang das wahre
Denken unserm Blick entziehen. Peter ließ sich einwiegen von diesen
murmelnden Stimmen. Es klang wie das Summen goldgeringelter Bienen im
Halbschatten der Seele. Jetzt flossen ihm die Tage wieder traumschwer
dahin. Das nackt in Einsamkeit erstarrte Herz ahnte Nestwärme.
In diesen ersten Februartagen überblickte Paris erst die Verwüstungen
des letzten Fliegerangriffs und leckte seine Wunden. Die Presse lag im
Hundehaus an der Kette und kläffte Rache und Vergeltung. Nach dem
Programm des alten Clemenceau (der seinerzeit in seinem Blatte so lange
den »Mann in Ketten« gespielt hatte, bis er alle andern in Ketten
schlagen konnte) führte die Regierung Krieg gegen die Franzosen. Es
begann die Blütezeit der sensationellen Hochverratsprozesse. Der Anblick
eines Elenden, der mit einem blutdürstigen Staatsanwalt um sein armes
Leben rang, war ein Hochgenuß für die Pariser Gesellschaft; ihre
Theaterleidenschaft schien noch nicht durch vierjährigen Krieg und das
Schauspiel der zehn Millionen Toten übersättigt zu sein, die in den
Kulissen der Weltbühne zusammengebrochen waren.
Aber der Jüngling wußte nur noch von dem geheimnisvollen Gaste, der
jetzt bei ihm weilte. Seltsame Gewalt jener Eindrücke, die Liebe werden!
In den tiefsten Grund unseres Wesens sind sie geprägt und doch ohne
festen Umriß. Peter hätte weder die Form ihrer Züge, noch die Farbe
ihrer Augen oder die Linie ihres Mundes beschreiben können. Nur das
Gefühl, das sie in ihm erregt hatte, schwang in ihm nach. Bei jedem
Versuche, das Bild bestimmter zu fassen, wurde es entstellt. Es gelang
ihm auch nicht, sie in den Straßen von Paris wiederzutreffen. Jeden
Augenblick meinte er, sie zu sehen. Da war es ein Lächeln, dort das
Licht eines jungen Nackens, ein aufleuchtendes Auge. Schon schlug ihm
das Herz. Aber es bestand nicht die geringste Ähnlichkeit zwischen
diesen vorüberhuschenden Eindrücken und dem wahren Bilde, das er suchte
und das er zu lieben meinte. Er liebte also nicht? Gerade weil er
liebte, war es so um ihn bestellt, deshalb sah er sie überall und in
allen Gestalten. Denn jedes Lächeln, jedes Licht, jedes Leben -- das war
Sie! Ein genauer Umriß hätte als Schranke gewirkt. -- Und doch will man
Umriß und Schranke, um Liebe fassen und halten zu können. Sollte er sie
auch nie mehr wiedersehen -- er wußte, sie war auf der Welt, war ein
Nest für seine Seele, der Hafen im Sturm, das Leuchtfeuer in der Nacht,
stella maris. Amor, Gott der Liebe, wache über uns in der Stunde unseres
Todes! . . .
* * * * *
Er ging längs der Seine an der Akademie vorüber und warf einen
zerstreuten Blick in den Kasten eines der wenigen Händler mit Schmökern
und Raritäten, der seinem Platz auf der Kaimauer treu geblieben war.
Dort gehen gerade die Stufen zum Pont des Arts hinauf. Da hob er die
Augen und sah die, auf die er wartete. Mit einer Zeichenmappe unterm Arm
bewegte sie sich die Treppe herunter wie ein zierliches Reh. Ohne sich
einen Augenblick zu besinnen, stürzte er ihr entgegen, und während er
empor- und sie herabstieg, trafen sich zum ersten Male ihre Blicke und
drangen tief ein. Als er sie dicht vor sich sah, blieb er stehen und
wurde rot. Überrascht sah sie sein Erröten und errötete auch. Bevor er
auch nur Atem geschöpft hatte, war der niedliche Rehschritt vorüber. Als
er seiner wieder mächtig wurde und sich umdrehn konnte, verschwand ihr
Kleid schon hinter der Ecke des Laubenganges in der Seinestraße. Er
machte keinen Versuch, ihr zu folgen. Er stützte sich auf das Geländer
der Brückenstiege und fand ihren Blick im fließenden Strome wieder. Da
hatte nun sein Herz für lange Nahrung . . . (O du liebe Jugendtorheit!)
. . .
Eine Woche später schlenderte er durch den Luxemburg-Park, den die Sonne
mit sanftem Gold füllte. Welch strahlend schöner Februar in diesem
todestraurigen Jahre! Offenen Auges träumte er vor sich hin und wußte
nicht recht, ob er davon träume, was er wirklich um sich sah, oder ob
dies Gesehene ein Traumbild war; in sehnsüchtigem Drange, in dumpfem
Liebesglück und -leid, schritt er verloren lächelnd dahin und regte
unbewußt die Lippen zu abgerissenen Worten: es wurde ein Lied. Er sah zu
Boden, in den Sand des Weges; da war ihm wie einem, den der Hauch einer
vorüberfliegenden Taube streift: er mußte einem Lächeln begegnet sein.
Er drehte sich um und sah, daß sie seinen Weg gekreuzt hatte. Sie war
weitergegangen, aber gerade in diesem Augenblicke wandte sie sich
lächelnd, um ihm nachzublicken. Da war es vorbei mit seinem Zaudern, er
kam auf sie zu und hätte ihr bald beide Hände entgegengestreckt; in
seiner Bewegung lag so viel stürmische Jugend und Unschuld, daß auch sie
in aller Unschuld wartend stehen blieb. Er bat nicht um Verzeihung für
die Freiheit, die er sich herausnahm. Die zwei Leutchen fühlten
keinerlei Befangenheit. Es war, wie wenn sie einfach ein begonnenes
Gespräch fortsetzen sollten.
»Sie lachen mich aus,« sagte er; »da haben Sie recht!«
»Ich lache Sie nicht aus.« (So schnell und biegsam wie ihr Gang war auch
ihr Sprechen.) »Sie haben ja selbst vor sich hingelacht, und darüber
mußte ich lachen.«
»Habe ich wirklich gelacht?«
»Sie lachen ja noch immer.«
»Jetzt weiß ich warum.«
Sie fragte nicht nach diesem Warum. Sie gingen nebeneinander her und
waren glücklich.
»Das schöne bißchen Sonne,« sagte sie.
»Das Frühlingskind, das Neugeborene!«
»Dem haben Sie wohl zugelacht, vorhin?«
»Nicht dem allein. Vielleicht Ihnen auch.«
»So ein kleiner Lügenbeutel! Warten Sie nur! Sie kennen mich ja gar
nicht.«
»Doch! Und ob! Wir haben uns ja, ich weiß nicht wie oft, gesehen.«
»Drei Mal, heute mitgerechnet.«
»Sehen Sie! Sie erinnern sich daran! Sie geben also zu, daß wir alte
Bekannte sind!«
»Was Sie nicht sagen!«
»Ja, was wär' da noch alles zu sagen, das meine ich auch . . . Kommen
Sie, setzen wir uns hier nieder . . . nur einen Augenblick, bitte,
bitte! Man sitzt so schön, am Wasser!«
(Sie waren beim Galatheen-Brunnen, den Arbeiter gerade mit einer
Verschalung zum Schutze gegen Bombensplitter versahen.)
»Ich kann nicht, ich versäume meine Tramway.«
Sie nannte die Abfahrtszeit. Er bewies ihr, daß sie noch mehr als
fünfundzwanzig Minuten Zeit hätte.
Das wohl, aber sie wollte erst da drüben, an der Ecke der Racinestraße,
ihr Vesperbrot kaufen; dort gab es so gute Semmeln. Da zog er ein
Brötchen aus der Tasche.
»Besser als das da sind die Semmeln gewiß nicht! . . . Bitte, nehmen Sie
doch! . . .«
Sie lachte und wollte nicht recht. Da steckte er ihr das Brötchen in die
Hand; die Hand behielt er in der seinen.
»Sie machen mir eine solche Freude damit . . . Kommen Sie doch, setzen
wir uns! . . .«
Er führte sie zu einer Bank in der Mitte der Allee, die das Bassin
umsäumt.
»Ich habe noch etwas . . .«
Er zog ein Täfelchen Schokolade aus der Tasche.
»So eine Naschkatze . . . Aber was wollen Sie noch sagen?«
»Hm . . . ich schäme mich, das Papier ist schon weg von der Schokolade
. . .«
»Ach geben Sie nur her, es ist ja Krieg.« Er sah zu, wie sie knabberte.
»Zum ersten Male merke ich, daß der Krieg auch sein Gutes hat.«
»Nur nicht vom Kriege sprechen, das ist so langweilig.«
»Ja,« sagte er begeistert, »nie werden wir vom Kriege reden.«
(Da ward ihnen plötzlich ganz leicht zumute.)
»Schaun Sie, wie diese komischen Kerlchen ihr Duschbad nehmen.«
(Sie zeigte auf die Spatzen, die am Brunnenrande große Wäsche hielten.)
»Aber dann haben Sie mich neulich am Abend« (das mußte er wissen) »doch
gesehn?«
»Freilich.«
»Aber Sie haben ja nie zu mir hingeschaut. Die ganze Zeit waren Sie nach
der andern Seite gewendet . . . Sehen Sie, gerade so wie jetzt . . .«
(Er sah sie im Profil; zierlich aß sie ihre Semmel und blickte
schelmisch vor sich hin.)
»Sehn Sie doch ein bißchen her! . . . Was gibt's denn da drüben zu
sehen?« Aber sie wendete ihm das Gesicht nicht zu. Er faßte ihre rechte
Hand, deren Handschuh am Zeigefinger zerrissen war und das Spitzchen
bloß ließ.
»Worauf sehen Sie denn?«
»Sie sehe ich an, wie Sie meinen Handschuh begutachten . . . aber Sie
zerreißen ihn ja noch mehr!«
(In Gedanken hatte er wirklich versucht, die offene Stelle zu
erweitern.)
»Ach verzeihen Sie! . . . aber wieso können Sie mich sehn?«
Sie antwortete nicht; aber im schalkhaften Profil flitzte die lachende
Pupille in den Augenwinkel.
»O wie durchtrieben!«
»Machen Sie's nach! . . . Aber Sie schielen ja dabei!«
»Das bring' ich nie fertig. Ich muß immer ganz grad und dumm vor mich
hinschaun, sonst seh' ich nichts.«
»Aber nein, nicht gar so arg dumm.«
»Endlich! Ich sehe Ihre Augen!«
Sie sahen einander an und lachten leise.
»Wie ist Ihr Name?«
»Lucia.«
»Wie hübsch! wie dieser Tag!«
»Wie heißen Sie?«
»Peter -- recht abgenützter Name.«
»Ein wackerer Name, mit ehrlichen, klaren Augen.«
»Wie die meinen.«
»Ja, klar sind sie wirklich.«
»Sie sehen doch Lucia an.«
»Lucia! . . . man sagt >Fräulein<.«
»Nein.«
»Nicht?«
(Er schüttelte den Kopf.)
»Für mich sind Sie kein >Fräulein<. Sie sind Lutz und ich bin Peter.«
Sie hielten sich bei den Händen gefaßt, ohne sich anzusehen. Wortlos
sahen sie in das zarte Himmelsblau zwischen den entblätterten Zweigen;
durch ihre Hände strömte ihr Denken und Fühlen ineinander über. Sie
sagte:
»Da neulich am Abend haben wir zwei eine gehörige Angst gehabt.«
»Ja,« sagte er, »das war schön.«
(Erst nachher mußten sie darüber lächeln, daß jeder nur ausgesprochen
hatte, was der andere dachte.)
Sie entzog ihm ihre Hand und stand rasch auf, weil sie die Uhr schlagen
hörte. »Es ist höchste Zeit . . .«
Er begleitete sie, die in jenen anmutigen Laufschritt der Pariserinnen
verfiel, dessen Geschwindigkeit man gar nicht merkt, so leicht scheinen
sie dahinzugleiten.
»Kommen Sie hier oft vorbei?«
»Jeden Tag. Aber meistens auf der anderen Terrassenseite.« (Sie zeigte
in die Tiefe des Gartens, auf die schon von Watteau gemalten
Baumgruppen.) »Auf dem Rückweg vom Museum.«
Er warf einen Blick auf die Mappe, die sie trug.
»Malerin?« fragte er.
»Nein,« sagte sie, »das wäre zuviel Ehre. Ich schmiere ein bißchen.«
»Warum? Zum Vergnügen?«
»Aber nein, für Geld.«
»Für Geld?«
»Abscheulich, nicht? Kunst nur als Gelderwerb!«
»Ich wundere mich nur, daß Sie damit Geld verdienen, wenn Sie also nicht
malen können!«
»Gerade darum. Ich werde es Ihnen schon noch erklären, das nächste Mal
. . .«
»Das nächste Mal beim Brunnen . . . Wir werden da wieder vespern, nicht
wahr?«
»Ich werde schaun. Wenn's schön ist.«
»Aber Sie kommen früher, nicht wahr? . . . Sagen Sie, Lutz . . .«
(Sie waren bei der Haltestelle angelangt. Sie sprang auf das Trittbrett
der Straßenbahn.)
»Antworten Sie mir, sagen Sie doch . . . Lucia . . . Luxchen . . .
kleines Lichtlein . . .«
Sie antwortete nicht; aber als die Bahn schon fuhr, zwinkten ihre
Wimpern »Ja«, und eine lautlose Bewegung ihrer Lippen sagte:
»Ja, Peter.«
Auf dem Heimwege dachten beide: Merkwürdig froh sehen heute abend die
Leute aus!
Sie lächelten, ohne sich einzugestehen, was geschehen war. Sie wußten
nur soviel, daß sie Es nun besaßen, in Händen hielten als ihr Eigen
. . . was denn? Ein Nichts. So reich waren sie an jenem Abende! . . .
Daheim besahen sich beide im Spiegel, mit herzlichen Blicken, wie man
einen Freund betrachtet. Sie sagten sich: »Jenes liebe Auge hat auf dir
geruht.« Beide gingen bald zu Bette, sie waren ganz erschöpft . . .
Wovon nur? Durch wunderbare Mühsal. Beim Auskleiden dachten sie:
»Das Schönste ist jetzt, daß es ein Morgen gibt.«
* * * * *
Morgen . . . spätere Geschlechter werden sich kaum mehr vorstellen
können, was in diesem Worte an stummer Verzweiflung lag, welch
abgründiger Überdruß, als der Krieg sich zum vierten Male jährte . . .
So müde war man . . . Wie oft war die Hoffnung schon getäuscht worden!
Hunderte von »Morgen« waren einander gefolgt und wurden ein immer
gleiches »Heute« und »Gestern«, alle dem Nichts und dem Warten
verfallen, dem Warten aufs Nichts. Es stockte der Lauf der Zeit. Das
lange Jahr war wie ein stygisches Gewässer, das schwarz und fettig das
Leben einschnürte, indem es mit düstern Schillerflecken nicht mehr zu
fließen schien. Morgen? Morgen war tot. Aber in den Herzen der zwei
Kinder war das Morgen auferstanden.
Dieses Morgen sah sie wieder beim Sperlingsbrunnen sitzen, und Morgen
folgte auf Morgen. Das schöne Wetter war diesen ganz kurzen Begegnungen
hold; jeden Tag waren sie etwas weniger kurz. Jedes brachte sein
Vesperbrot mit, weil das Tauschen so eine Freude war. Peter wartete
jetzt schon am Tor des Museums. Er begehrte ihre Arbeiten zu sehen. Sie
war zwar nichts weniger als stolz darauf, zeigte sie aber ohne viel
Umstände vor. Es waren verkleinerte Kopien nach berühmten Gemälden oder
nach Teilen solcher Gemälde, eine Gruppe, ein Kopf, ein Brustbild. Auf
den ersten Blick gar nicht so übel, aber unglaublich schlampig in der
Ausführung. Hie und da ein paar recht gelungene, hübsche Ansätze; aber
dicht daneben schülerhaft Mißlungenes, das nicht nur Unkenntnis der
Grundbegriffe aller Kunstübung verriet, sondern auch eine Sorglosigkeit,
die über fremdes Urteil hoch erhaben schien. -- »Ach was! Ist lange gut
genug! . . .« -- Lutz nannte die Originalgemälde, deren Kopien ihre
Blätter vorstellen sollten. Peter kannte diese Gemälde nur allzu genau.
Sein Gesicht war krampfhaft verzogen im Schmerz der Enttäuschung. Lutz
fühlte, daß er nicht zufrieden war; aber unerschrocken zeigte sie ihm
alles -- und sogar das da -- Krach! -- das Allermiserabelste. Dabei
stand ein spöttisches Lächeln auf ihrem Gesicht, das ebenso ihr selbst
wie Peter galt; bei alledem zwang sie das leiseste Nagen des Ärgers
nieder. Peter biß sich auf die Lippen, um keine Bemerkung zu machen.
Aber zuletzt wurde es ihm doch zu arg. Sie zeigte ihm gerade einen
florentinischen Raffael.
»Aber die Farben stimmen ja nicht!« sagte er.
»Wär' das größte Wunder,« sagte sie.
»Ich bin nicht hingelaufen, mir's anzuschauen. Ich hab's nach einer
Photographie gemacht.«
»Aber was sagen denn die Leute dazu?«
»Wer? Die Kundschaft? Die laufen doch auch nicht ins Museum, sich das
Original anschaun! . . . Und wenn, so nehmen sie's nicht so genau! Rot
oder Grün oder Blau -- wenn nur Farben da sind. Manchmal arbeite ich
wirklich nach farbiger Vorlage, aber dann nehme ich auch andere Farben
. . . Schaun Sie zum Beispiel das da . . .« (Ein Engel von Murillo.)
»Es gefällt Ihnen so besser?«
»Nein, aber Spaß hat es mir gemacht, und bequemer war's auch . . . und
schließlich ist mir's egal; die Hauptsache bleibt, daß ich Käufer finde
. . .«
Jetzt hatte sie ihren letzten Trumpf ausgespielt und hielt inne, nahm
ihm das Gekleckse aus den Händen und lachte hellauf.
»Was sagen Sie? Noch greulicher, als Sie sich's vorgestellt haben?«
Er fragte kummervoll:
»Aber wozu, wozu machen Sie solches Zeug?«
Mit einem guten Lächeln voll mütterlicher Überlegenheit betrachtete sie
sein tiefbetrübtes Gesicht: dieses lieben, verwöhnten Bürgersöhnchens
Lebensbahn war so eben gewesen, daß er sich nicht vorstellen konnte, wie
man oft gar klein beigeben mußte, um nur . . .
Er fragte noch einmal:
»Wozu? Sagen Sie mir nur: wozu?«
(Er war förmlich schuldbewußt, wie wenn er diese Kunstgreuel verbrochen
hätte . . . So ein guter kleiner Junge! Sie hätte ihn küssen mögen
. . . in allen Ehren, auf die Stirn.)
Sie sagte leise:
»Ich lebe davon.«
Das erschütterte ihn. Daran hatte er gar nicht gedacht.
»Ja, das Leben ist eine verzwickte Sache,« fuhr sie in leichtem,
spöttischem Tone fort. »Zunächst muß man essen, und zwar alle Tage.
Gestern abend hat man freilich sein Essen gehabt, aber heute ist's schon
wieder dieselbe Geschichte. Und kleiden soll man sich auch. Alles
kleiden, den Körper, den Kopf, die Hände, die Füße. Was da an
Kleidersachen zusammenkommt! Und bei allem heißt es zahlen. Bei allem.
Leben heißt zahlen.«
Zum ersten Male bemerkte er Einzelheiten, die seinen verliebten Blicken
bisher entgangen waren: das bescheidene, stellenweise recht enthaarte
Pelzwerk, die etwas abgetragenen Schuhe, alle Spuren von Dürftigkeit,
die nur die natürliche Eleganz einer kleinen Pariserin verwischen
konnte. Es schnürte ihm das Herz zusammen.
»Ach könnte ich nicht, könnte ich nicht -- Ihnen aushelfen?«
Sie rückte etwas ab und wurde rot.
»Nein, nein,« sagte sie, peinlich berührt; »keine Rede . . . Niemals!
. . . Das habe ich nicht nötig . . .«
»Aber mich würde es so glücklich machen!«
»Nein . . . Nicht mehr darüber reden. Oder wir sind Freunde gewesen
. . .«
»Dann sind wir also Freunde?«
»Ja. Das heißt, wenn Sie noch mein Freund sein wollen, nachdem Sie
diesen scheußlichen Kitsch gesehen haben?«
»Aber natürlich! Das ist doch nicht Ihre Schuld.«
»Aber es tut Ihnen weh?«
»Das schon.«
Sie lachte vor Behagen.
»Da lachen Sie? So boshaft zu sein!«
»Nein, ist nicht boshaft. Das verstehen Sie nicht.«
»Warum lachen Sie also?«
»Das sage ich nicht.«
(Sie dachte: Mein Liebes! Wie schön, daß dir weh tut, was ich Häßliches
gemacht habe.)
Sie sagte:
»Sie sind gut. Dank dafür.«
(Er sah sie mit erstaunten Augen an.)
»Geben Sie sich keine Mühe, das zu begreifen,« sagte sie, indem sie
leicht seine Hand berührte . . . »So, reden wir von was anderm . . .«
»Ja . . . nur noch ein Wort . . . Ich möchte aber doch wissen . . .
Sagen Sie mir -- aber nicht beleidigt sein! -- sind Sie vielleicht
gerade jetzt etwas in der Klemme?«
»O nein, ich habe das vorhin nur so gesagt, weil's bei uns ein paar Mal
verdammt knapp zugegangen ist. Aber jetzt steht es viel besser. Mutter
hat einen gut bezahlten Posten gefunden.«
»Ihre Mutter hat einen Beruf?«
»Sie ist Arbeiterin in einer Munitionsfabrik . . . zwölf Franken
täglich. Jetzt sind wir reich.«
»In einer Fabrik! in einer Fabrik für den Krieg!«
»Ja.«
»Aber das ist ja fürchterlich!«
»Mein Gott, man nimmt, was sich bietet.«
»Lutz, wenn sich aber Ihnen so etwas bieten möchte . . .«
»Mir? aber Sie sehen ja, ich kleckse lieber . . . Jetzt geben Sie wohl
zu, daß mein Geschmier noch nicht das Ärgste ist!«
»Aber wenn Sie verdienen müßten und es gäbe kein anderes Mittel als
Arbeit in einer solchen Granatenfabrik, würden Sie hingehn?«
»Ich müßte verdienen und hätte kein anderes Mittel? Gewiß ginge ich hin!
Mit beiden Händen griffe ich zu!«
»Lutz! Denken Sie daran, was man alles in solchen Fabriken erzeugt?«
»Nein, daran denke ich nicht.«
»Alles, was Qual und Tod bereitet, was zerreißt, verbrennt, was Wesen
martert, wie Sie, wie ich . . .«
Sie legte sich die Hand auf den Mund, damit er schweige.
»Ich weiß, das weiß ich alles, aber ich will nicht daran denken.«
»Sie wollen nicht daran denken?«
»Nein,« sagte sie.
Nach einer Pause fügte sie hinzu:
»Man muß doch leben . . . wenn man nachdenkt, lebt man nicht mehr
. . . und ich, ich will leben, will leben. Wenn ich, um zu leben,
gezwungen werde, dies oder jenes zu tun, soll ich mich um dies und jenes
kümmern und quälen? All dies geht mich nichts an. Ich will es ja nicht
so. Wenn es etwas Schlimmes ist, meine Schuld ist es nicht. Was ich
will, das ist nichts Schlimmes.«
»Was wollen Sie also?«
»Zunächst will ich leben --«
»Sie leben gerne?«
»Freilich. Habe ich nicht recht?«
»O gewiß! Es ist eine so gute Sache, daß Sie leben!«
»Sie leben nicht gerne?«
»Nicht gerne bis zum Augenblicke, wo . . .«
»Bis wann?«
Aber diese Frage bedurfte keiner Antwort. Die wußten beide im voraus.
Peter aber ließ nicht locker:
»Sie sagten: >Zunächst will ich leben< -- und was noch? . . . Was wollen
Sie weiter?«
»Ich weiß nicht.«
»O Sie wissen schon . . .«
»Sie sind aber schon sehr neugierig.«
»Sehr!«
»Ich schäme mich ein bißchen, wenn ich's Ihnen sagen soll . . .«
»Sagen Sie mir's ins Ohr. Dann hört es niemand.«
Sie lächelte.
»Ich möchte . . .« (Sie stockte.) »Ich möchte ein klein bißchen Glück
. . .«
(Sie waren dicht aneinandergerückt.) Sie fuhr fort:
»Verlange ich zu viel? . . . Man hat mir oft gesagt, das ist egoistisch,
und ich denke mir manchmal auch: Hat man denn ein Recht darauf? . . .
Wenn man um sich herum soviel Elend und Kummer sieht, wagt man nicht
sich aufzulehnen. Aber mein Herz lehnt sich doch auf und schreit: Ja,
ich habe ein Recht auf ein bißchen, ein klein bißchen Glück . . . Sagen
Sie mir aufrichtig, ist das egoistisch? scheint es Ihnen schlecht?«
Peter ergriff ein unendliches Erbarmen. Dieser schwache Schrei aus einem
Kinderherzen erschütterte ihn bis zum Grunde seiner Seele. Es kamen ihm
die Tränen. Aneinandergelehnt saßen sie auf der Bank und jedes spürte
die Körperwärme des andern. Es trieb ihn so sehr, sich zu ihr zu wenden
und sie in seine Arme zu schließen. Er wagte sich nicht zu rühren, aus
Angst, seiner Bewegung dann nicht mehr Herr zu sein. Reglos sahen die
beiden vor sich nieder. Seine Stimme zitterte von verhaltener
Leidenschaft, als er jetzt, fast ohne die Lippen zu regen, sehr rasch
und ganz leise sagte:
»O mein liebes Körperchen du! Du mein Herzchen! Diese kleinen Füße
möchte ich fassen und meine Lippen darauf drücken, ganz aufessen könnte
ich Sie . . .«
Ohne aufzusehen, sagte sie auch sehr schnell und leise, in tiefer
Verwirrung:
»Narr! kleiner Narr! . . . Stillsein! . . . ich bitte Sie . . .«
Ein alter Herr spazierte langsam an ihnen vorbei. Sie fühlten, wie ihre
Körper sich in Liebe zerlösten . . .
Nun war niemand mehr in der Allee. Ein struppiger Spatz badete im Sande.
Der Brunnen warf seine hellen Tröpfchen in die Luft. Befangen zögernd
wandten sich ihre Gesichter einander zu; kaum aber hatten sich ihre
Blicke getroffen, als sie schon wie Vögelchen sich zueinander schwangen;
eilig und ängstlich war ihr Kuß, dann flogen sie wieder auseinander.
Lutz stand auf und wollte gehen. Er war auch aufgestanden. Sie sagte:
»Bleiben Sie!«
Sie wagten nicht mehr, sich anzusehen. Er flüsterte:
»Lutz . . . dies klein bißchen Glück . . . nicht wahr? . . . jetzt haben
wir's!«
* * * * *