ich der Holländer Michel, der Reichtum und kalte Herzen schenkt? Dort,
bei ihm mußt du dein Herz suchen.«
»Ach, er gibt es nimmer zurück,« antwortete Peter.
»Du dauerst mich, so schlecht du auch bist,« sprach das Männlein
nach einigem Nachdenken. »Aber weil dein Wunsch nicht töricht ist,
so kann ich dir wenigstens meine Hilfe nicht versagen. So höre. Dein
Herz kannst du mit keiner Gewalt mehr bekommen, wohl aber durch List,
und es wird vielleicht nicht schwer halten; denn Michel bleibt doch
nur der dumme Michel, obgleich er sich ungemein klug dünkt. So gehe
denn geradeswegs zu ihm hin und tue, wie ich dir heiße.« Und nun
unterrichtete er ihn in allem und gab ihm ein Kreuzlein aus reinem
Glas: »Am Leben kann er dir nicht schaden, und er wird dich freilassen,
wenn du ihm dies vorhalten und dazu beten wirst. Und hast du dann, was
du verlangt hast, erhalten, so komm wieder zu mir an diesen Ort.«
Peter Munk nahm das Kreuzlein, prägte sich alle Worte ins Gedächtnis
und ging weiter nach Holländer Michels Behausung. Er rief dreimal
seinen Namen, und alsobald stand der Riese vor ihm. »Du hast dein
Weib erschlagen?« fragte er ihn mit schrecklichem Lachen. »Hätt' es
auch so gemacht, sie hat dein Vermögen an das Bettelvolk gebracht.
Aber du wirst auf einige Zeit außer Landes gehen müssen, denn es wird
Lärm machen, wenn man sie nicht findet, und du brauchst wohl Geld und
kommst, um es zu holen?«
»Du hast's erraten,« erwiderte Peter, »und nur recht viel diesmal, denn
nach Amerika ist's weit.«
Michel ging voran und brachte ihn in seine Hütte, dort schloß er eine
Truhe auf, worin viel Geld lag, und langte ganze Rollen Gold heraus.
Während er es so auf den Tisch hinzählte, sprach Peter: »Du bist ein
loser Vogel, Michel, daß du mich belogen hast, ich hätte einen Stein in
der Brust, und du habest mein Herz!«
»Und ist es denn nicht so?« fragte Michel staunend. »Fühlst du denn
dein Herz? Ist es nicht kalt wie Eis? Hast du Furcht oder Gram, kann
dich etwas reuen?«
»Du hast mein Herz nur stillestehen lassen, aber ich hab' es noch wie
sonst in meiner Brust und Ezechiel auch, der hat es mir gesagt, daß du
uns angelogen hast; du bist nicht der Mann dazu, der einem das Herz so
unbemerkt und ohne Gefahr aus der Brust reißen könnte; da müßtest du
zaubern können.«
»Aber ich versichere dir,« rief Michel unmutig, »du und Ezechiel und
alle reichen Leute, die es mit mir gehalten, haben solche kalten
Herzen wie du, und ihre rechten Herzen habe ich hier in meiner Kammer.«
»Ei, wie dir das Lügen von der Zunge geht!« lachte Peter. »Das mach' du
einem andern weis, meinst du, ich hab' auf meinen Reisen nicht solche
Kunststücke zu Dutzenden gesehen? Aus Wachs nachgeahmt sind deine
Herzen hier in der Kammer. Du bist ein reicher Kerl, das geb' ich zu;
aber zaubern kannst du nicht.«
Da ergrimmte der Riese und riß die Kammertüre auf. »Komm herein und
lies die Zettel alle, und jenes dort, schau', das ist Peter Munks Herz;
siehst du, wie es zuckt? Kann man das auch aus Wachs machen?«
»Und doch ist es aus Wachs,« antwortete Peter. »So schlägt ein rechtes
Herz nicht, ich habe das meinige noch in der Brust. Nein, zaubern
kannst du nicht!«
»Aber ich will es dir beweisen!« rief jener ärgerlich. »Du sollst es
selbst fühlen, daß dies dein Herz ist.« Er nahm es, riß Peters Wams auf
und nahm einen Stein aus seiner Brust und zeigte ihn vor. Dann nahm er
das Herz, hauchte es an und setzte es behutsam an seine Stelle, und
alsobald fühlte Peter, wie es pochte, und er konnte sich wieder darüber
freuen.
»Wie ist es dir jetzt?« fragte Michel lächelnd.
»Wahrhaftig, du hast doch recht gehabt,« antwortete Peter, indem er
behutsam sein Kreuzlein aus der Tasche zog. »Hätt' ich doch nicht
geglaubt, daß man dergleichen tun könne!«
»Nicht wahr? Und zaubern kann ich, das siehst du! aber komm, jetzt will
ich dir den Stein wieder hineinsetzen.«
»Gemach, Herr Michel!« rief Peter, trat einen Schritt zurück und hielt
ihm das Kreuzlein entgegen. »Mit Speck fängt man Mäuse, und diesmal
bist du der Betrogene.« Und zugleich fing er an zu beten, was ihm nur
beifiel.
Da wurde Michel kleiner und immer kleiner, fiel nieder und wand sich
hin und her wie ein Wurm, und ächzte und stöhnte, und alle Herzen
umher fingen an zu zucken und zu pochen, daß es tönte wie in der
Werkstatt eines Uhrmachers. Peter aber fürchtete sich, es wurde ihm
ganz unheimlich zumut, er rannte zur Kammer und zum Haus hinaus und
klimmte, von Angst getrieben, die Felsenwand hinan; denn er hörte,
daß Michel sich aufraffte, stampfte und tobte und ihm schreckliche
Flüche nachschickte. Als er oben war, lief er dem Tannenbühl zu; ein
schreckliches Wetter zog auf, Blitze fielen links und rechts an ihm
nieder und zerschmetterten die Bäume, aber er kam wohlbehalten in dem
Revier des Glasmännleins an.
Sein Herz pochte freudig und nur darum, _weil_ es pochte. Dann aber
sah er mit Entsetzen auf sein Leben zurück, wie auf das Gewitter, das
hinter ihm rechts und links den schönen Wald zersplitterte. Er dachte
an Frau Lisbeth, sein schönes, gutes Weib, das er aus Geiz gemordet, er
kam sich selbst wie der Auswurf der Menschen vor, und er weinte heftig,
als er an Glasmännleins Hügel kam.
Schatzhauser saß unter dem Tannenbaum und rauchte aus seiner kleinen
Pfeife, doch sah er munterer aus als zuvor. »Warum weinst du,
Kohlenpeter?« fragte er. »Hast du dein Herz nicht erhalten? Liegt noch
das kalte in deiner Brust?«
»Ach Herr!« seufzte Peter. »Als ich noch das kalte Steinherz trug, da
weinte ich nie, meine Augen waren so trocken als das Land im Juli;
jetzt aber will es mir beinahe das alte Herz zerbrechen, was ich getan!
Meine Schuldner habe ich ins Elend gejagt, auf Arme und Kranke die
Hunde gehetzt, und Ihr wißt es ja selbst -- wie meine Peitsche auf ihre
schöne Stirne fiel!«
»Peter! Du warst ein großer Sünder!« sprach das Männlein. »Das Geld und
der Müßiggang haben dich verderbt, bis dein Herz zu Stein wurde, nicht
Freud', nicht Leid, keine Reue, kein Mitleid mehr kannte. Aber Reue
versöhnt, und wenn ich nur wüßte, daß dir dein Leben recht leid tut, so
könnte ich schon noch was für dich tun.«
»Will nichts mehr,« antwortete Peter und ließ traurig sein Haupt
sinken. »Mit mir ist es aus; kann mich mein Lebtag nicht mehr freuen;
was soll ich so allein auf der Welt tun? Meine Mutter verzeiht mir
nimmer, was ich ihr getan, und vielleicht hab' ich sie unter den Boden
gebracht, ich Ungeheuer! Und Lisbeth, meine Frau! Schlaget mich lieber
auch tot, Herr Schatzhauser, dann hat mein elend Leben mit einem ein
Ende.«
»Gut,« erwiderte das Männlein, »wenn du nicht anders willst, so kannst
du es haben; meine Axt habe ich bei der Hand.« Er nahm ganz ruhig sein
Pfeiflein aus dem Mund, klopfte es aus und steckte es ein. Dann stand
er langsam auf und ging hinter die Tannen. Peter aber setzte sich
weinend ins Gras, sein Leben war ihm nichts mehr, und er erwartete
geduldig den Todesstreich. Nach einiger Zeit hörte er leise Tritte
hinter sich und dachte: »Jetzt wird er kommen.«
»Schau' dich noch einmal um, Peter Munk!« rief das Männlein. Er wischte
sich die Tränen aus den Augen und schaute sich um und sah -- seine
Mutter und Lisbeth, seine Frau, die ihn freundlich anblickten. Da
sprang er freudig auf: »So bist du nicht tot, Lisbeth? Und auch Ihr
seid da, Mutter, und habt mir vergeben?«
»Sie wollen dir verzeihen,« sprach das Glasmännlein, »weil du wahre
Reue fühlst, und alles soll vergessen sein. Zieh jetzt heim in deines
Vaters Hütte und sei ein Köhler wie zuvor; bist du brav und bieder,
so wirst du dein Handwerk ehren, und deine Nachbarn werden dich mehr
lieben und achten, als wenn du zehn Tonnen Goldes hättest.« So sprach
das Glasmännlein und nahm Abschied von ihnen.
Die drei lobten und segneten ihn und gingen heim.
Das prachtvolle Haus des reichen Peter stand nicht mehr; der Blitz
hatte es angezündet und mit all seinen Schätzen niedergebrannt; aber
nach der väterlichen Hütte war es nicht weit; dorthin ging jetzt ihr
Weg, und der große Verlust bekümmerte sie nicht.
Aber wie staunten sie, als sie an die Hütte kamen! Sie war zu einem
schönen Bauernhaus geworden, und alles darin war einfach, aber gut und
reinlich.
»Das hat das gute Glasmännlein getan!« rief Peter.
»Wie schön!« sagte Frau Lisbeth. »Und hier ist mir viel heimischer als
in dem großen Hause mit dem vielen Gesinde.«
Von jetzt an wurde Peter Munk ein fleißiger und wackerer Mann. Er war
zufrieden mit dem, was er hatte, trieb sein Handwerk unverdrossen, und
so kam es, daß er durch eigene Kraft wohlhabend wurde und angesehen
und beliebt im ganzen Wald. Er zankte nie mehr mit Frau Lisbeth, ehrte
seine Mutter und gab den Armen, die an seine Türe pochten. Als nach
Jahr und Tag Frau Lisbeth von einem schönen Knaben genas, ging Peter
nach dem Tannenbühl und sagte sein Sprüchlein. Aber das Glasmännlein
zeigte sich nicht. »Herr Schatzhauser!« rief er laut, »hört mich doch;
ich will ja nichts anderes, als Euch zu Gevatter bitten bei meinem
Söhnlein!« Aber er gab keine Antwort; nur ein kurzer Windstoß sauste
durch die Tannen und warf einige Tannenzapfen herab ins Gras. »So will
ich dies zum Andenken mitnehmen, weil Ihr Euch doch nicht sehen lassen
wollet,« rief Peter, steckte die Zapfen in die Tasche und ging nach
Hause; aber als er zu Hause das Sonntagswams auszog und seine Mutter
die Taschen umwandte und das Wams in den Kasten legen wollte, da fielen
vier stattliche Geldrollen heraus, und als man sie öffnete, waren es
lauter gute, neue badische Taler, und kein einziger falscher darunter.
Und das war das Patengeschenk des Männleins im Tannenwald für den
kleinen Peter.
So lebten sie still und unverdrossen fort, und noch oft nachher, als
Peter Munk schon graue Haare hatte, sagte er: »Es ist doch besser,
zufrieden sein mit wenigem, als Gold und Güter haben, und ein _kaltes
Herz_.«
* * * * *
Es mochten schon etwa fünf Tage vergangen sein, während Felix, der
Jäger und der Student noch immer unter den Räubern gefangen saßen. Sie
wurden zwar von dem Hauptmann und seinen Untergebenen gut behandelt,
aber dennoch sehnten sie sich nach Befreiung, denn je mehr die Zeit
fortrückte, desto höher stieg auch ihre Angst vor Entdeckung. Am Abend
des fünften Tages erklärte der Jäger seinen Leidensgenossen, daß er
entschlossen sei, in dieser Nacht loszubrechen, und wenn es ihm auch
das Leben kosten sollte. Er munterte seine Gefährten zum gleichen
Entschluß auf und zeigte ihnen, wie sie ihre Flucht ins Werk setzen
könnten. »Den, der uns zunächst steht, nehme ich auf mich; es ist
Notwehr, und Not kennt kein Gebot, er muß sterben.«
»Sterben!« rief Felix entsetzt; »Ihr wollt ihn totschlagen?«
»Das bin ich fest entschlossen, wenn es darauf ankommt, zwei
Menschenleben zu retten. Wisset, daß ich die Räuber mit besorglicher
Miene habe flüstern hören, im Wald werde nach ihnen gestreift, und die
alten Weiber verrieten in ihrem Zorn die böse Absicht der Bande, sie
schimpften auf uns und gaben zu verstehen, wenn die Räuber angegriffen
würden, so müßten wir ohne Gnade sterben.«
»Gott im Himmel!« schrie der Jüngling entsetzt und verbarg sein Gesicht
in die Hände.
»Noch haben sie uns das Messer nicht an die Kehle gesetzt,« fuhr der
Jäger fort; »drum laßt uns ihnen zuvorkommen. Wenn es dunkel ist,
schleiche ich auf die nächste Wache zu; sie wird anrufen, ich werde ihm
zuflüstern, die Gräfin sei plötzlich sehr krank geworden, und indem er
sich umsieht, stoße ich ihn nieder. Dann hole ich Euch ab, junger Mann,
und der zweite kann uns ebensowenig entgehen; und beim dritten haben
wir zu zweit leichtes Spiel.«
Der Jäger sah bei diesen Worten so schrecklich aus, daß Felix sich vor
ihm fürchtete. Er wollte ihn bereden, von diesem blutigen Gedanken
abzustehen, als die Türe der Hütte leise aufging und schnell eine
Gestalt hereinschlüpfte. Es war der Hauptmann. Behutsam schloß er
wieder zu und winkte den Gefangenen, sich ruhig zu verhalten. Er setzte
sich neben Felix nieder und sprach:
»Frau Gräfin, Ihr seid in einer schlimmen Lage. Euer Herr Gemahl hat
nicht Wort gehalten, er hat nicht nur das Lösegeld nicht geschickt,
sondern er hat auch die Regierungen umher aufgeboten; bewaffnete
Mannschaft streift von allen Seiten durch den Wald, um mich und meine
Leute auszuheben. Ich habe Eurem Gemahl gedroht, Euch zu töten, wenn er
Miene mache, uns anzugreifen; doch es muß ihm entweder an Eurem Leben
wenig liegen, oder er traut unsern Schwüren nicht. Euer Leben ist in
unserer Hand, ist nach unsern Gesetzen verwirkt. Was wollet Ihr dagegen
einwenden?«
Bestürzt sahen die Gefangenen vor sich nieder, sie wußten nicht zu
antworten, denn Felix erkannte wohl, daß ihn das Geständnis über seine
Verkleidung nur noch mehr in Gefahr setzen könnte.
»Es ist mir unmöglich,« fuhr der Hauptmann fort, »eine Dame, die meine
vollkommene Achtung hat, also in Gefahr zu setzen. Darum will ich Euch
einen Vorschlag zur Rettung machen, es ist der einzige Ausweg, der Euch
übrig bleibt: _Ich will mit Euch entfliehen._«
Erstaunt, überrascht blickten ihn alle an; er aber sprach weiter: »Die
Mehrzahl meiner Gesellen ist entschlossen, sich nach Italien zu ziehen
und unter einer weitverbreiteten Bande Dienste zu nehmen. Mir für
meinen Teil behagt es nicht, unter einem andern zu dienen, und darum
werde ich keine gemeinschaftliche Sache mit ihnen machen. Wenn Ihr mir
nun Euer Wort geben wolltet, Frau Gräfin, für mich gut zu sprechen,
Eure mächtigen Verbindungen zu meinem Schutze anzuwenden, so kann ich
Euch noch frei machen, ehe es zu spät ist.«
Felix schwieg verlegen; sein redliches Herz sträubte sich, den
Mann, der ihm das Leben retten wollte, geflissentlich einer Gefahr
auszusetzen, vor welcher er ihn nachher nicht schützen könnte. Als er
noch immer schwieg, fuhr der Hauptmann fort: »Man sucht gegenwärtig
überall Soldaten; ich will mit dem geringsten Dienst zufrieden sein.
Ich weiß, daß Ihr viel vermöget, aber ich will ja nichts weiter als
Euer Versprechen, etwas für mich in dieser Sache zu tun.«
»Nun denn,« antwortete Felix mit niedergeschlagenen Augen, »ich
verspreche Euch, was _ich_ tun kann, was in _meinen_ Kräften steht,
anzuwenden, um Euch nützlich zu sein. Liegt doch, wie es Euch auch
ergehe, ein Trost für mich darin, daß Ihr diesem Räuberleben Euch
selbst und freiwillig entzogen habt.«
Gerührt küßte der Hauptmann die Hand dieser gütigen Dame, flüsterte ihr
noch zu, sich zwei Stunden nach Anbruch der Nacht bereit zu halten,
und verließ dann ebenso vorsichtig, wie er gekommen war, die Hütte.
Die Gefangenen atmeten freier, als er hinweggegangen war. »Wahrlich!«
rief der Jäger, »dem hat Gott das Herz gelenkt! Wie wunderbar sollen
wir errettet werden! Hätte ich mir träumen lassen, daß in der Welt noch
etwas dergleichen geschehen könnte, und daß mir ein solches Abenteuer
begegnen sollte?«
»Wunderbar, allerdings!« erwiderte Felix. »Aber habe ich auch recht
getan, diesen Mann zu betrügen? Was kann ihm mein Schutz frommen? Saget
selbst, Jäger, heißt es ihn nicht an den Galgen locken, wenn ich ihm
nicht gestehe, wer ich bin?«
»Ei, wie mögt Ihr solche Skrupel haben, lieber Junge!« entgegnete
der Student, »nachdem Ihr Eure Rolle so meisterhaft gespielt! Nein,
darüber dürft Ihr Euch nicht ängstigen, das ist nichts anderes als
erlaubte Notwehr. Hat er doch den Frevel begangen, eine angesehene Frau
schändlicherweise von der Straße hinwegführen zu wollen, und wäret Ihr
nicht gewesen, wer weiß, wie es um das Leben der Gräfin stünde? Nein,
Ihr habt nicht unrecht getan; übrigens glaube ich, er wird bei den
Gerichten sich einen Stein im Brett gewinnen, wenn er, das Haupt dieses
Gesindels, sich selbst ausliefert.«
Dieser letztere Gedanke tröstete den jungen Goldschmied. Freudig bewegt
und doch wieder voll banger Besorgnis über das Gelingen des Planes
durchlebten sie die nächsten Stunden. Es war schon dunkel, als der
Hauptmann auf einen Augenblick in die Hütte trat, einen Bündel Kleider
niederlegte und sprach: »Frau Gräfin, um unsere Flucht zu erleichtern,
müßt Ihr notwendig diese Männerkleidung anlegen. Machet Euch fertig. In
einer Stunde treten wir den Marsch an.« Nach diesen Worten verließ er
die Gefangenen, und der Jäger hatte Mühe, nicht laut zu lachen. »Das
wäre nun die zweite Verkleidung,« rief er, »und ich wollte schwören,
diese steht Euch noch besser als die erste!«
Sie öffneten das Bündel und fanden ein hübsches Jagdkleid mit allem
Zubehör, das Felix trefflich paßte. Nachdem er sich gerüstet,
wollte der Jäger die Kleider der Gräfin in einen Winkel der Hütte
werfen, Felix gab es aber nicht zu; er legte sie zu einem kleinen
Bündel zusammen und äußerte, er wolle die Gräfin bitten, sie ihm zu
schenken, und sie dann sein ganzes Leben hindurch zum Andenken an diese
merkwürdigen Tage aufbewahren.
Endlich kam der Hauptmann. Er war vollständig bewaffnet und brachte
dem Jäger die Büchse, die man ihm abgenommen, und ein Pulverhorn.
Auch dem Studenten gab er eine Flinte, und Felix reichte er einen
Hirschfänger, mit der Bitte, ihn auf den Fall der Not umzuhängen. Es
war ein Glück für die drei, daß es sehr dunkel war, denn leicht hätten
die leuchtenden Blicke, womit Felix diese Waffe empfing, dem Räuber
seinen wahren Stand verraten können. Als sie behutsam aus der Hütte
getreten waren, bemerkte der Jäger, daß der gewöhnliche Posten an der
Hütte diesmal nicht besetzt sei. So war es möglich, daß sie unbemerkt
an den Hütten vorbeischleichen konnten, doch schlug der Hauptmann
nicht den gewöhnlichen Pfad ein, der aus der Schlucht in den Wald
hinaufführte, sondern er näherte sich einem Felsen, der ganz senkrecht
und, wie es schien, unzugänglich vor ihnen lag. Als sie dort angekommen
waren, machte der Hauptmann auf eine Strickleiter aufmerksam, die an
dem Felsen herabgespannt war. Er warf seine Büchse auf den Rücken und
stieg zuerst hinan, dann rief er der Gräfin zu, ihm zu folgen, und bot
ihr die Hand zur Hilfe, der Jäger stieg zuletzt herauf. Hinter diesem
Felsen zeigte sich ein Fußpfad, den sie einschlugen und rasch vorwärts
gingen.
»Dieser Fußpfad,« sprach der Hauptmann, »führt nach der Aschaffenburger
Straße. Dorthin wollen wir uns begeben, denn ich habe genau erfahren,
daß Ihr Gemahl, der Graf, sich gegenwärtig dort aufhält.«
Schweigend zogen sie weiter, der Räuber immer voran, die drei andern
dicht hinter ihm. Nach drei Stunden hielten sie an; der Hauptmann lud
Felix ein, sich auf einen Baumstamm zu setzen, um auszuruhen. Er zog
Brot, eine Feldflasche mit altem Wein hervor und bot es den Ermüdeten
an. »Ich glaube, wir werden, ehe eine Stunde vergeht, auf den Kordon
stoßen, den das Militär durch den Wald gezogen hat. In diesem Fall
bitte ich Sie, mit dem Anführer der Soldaten zu sprechen und gute
Behandlung für mich zu verlangen.«
Felix sagte auch dies zu, obwohl er sich von seiner Fürsprache geringen
Erfolg versprach. Sie ruhten noch eine halbe Stunde und brachen dann
auf. Sie mochten etwa wieder eine Stunde gegangen sein und näherten
sich schon der Landstraße, der Tag fing an heraufzukommen, und die
Dämmerung verbreitete sich schon im Wald, als ihre Schritte plötzlich
durch ein lautes »Halt! Steht!« gefesselt wurden. Sie hielten, und fünf
Soldaten rückten gegen sie vor und bedeuteten ihnen, sie müßten folgen
und vor dem kommandierenden Major sich über ihre Reise ausweisen. Als
sie noch etwa fünfzig Schritte gegangen waren, sahen sie links und
rechts im Gebüsch Gewehre blitzen, eine große Schar schien den Wald
besetzt zu haben. Der Major saß mit mehreren Offizieren und andern
Männern unter einer Eiche. Als die Gefangenen vor ihn gebracht wurden
und er eben anfangen wollte, sie zu examinieren über das »Woher« und
»Wohin,« sprang einer der Männer auf und rief: »Mein Gott, was sehe
ich, das ist ja Gottfried, unser Jäger!« -- »Jawohl, Herr Amtmann!«
antwortete der Jäger mit freudiger Stimme, »da bin ich, und wunderbar
gerettet aus der Hand des schlechten Gesindels.«
Die Offiziere erstaunten, ihn hier zu sehen; der Jäger aber bat den
Major und den Amtmann, mit ihm auf die Seite zu treten, und erzählte in
kurzen Worten, wie sie errettet worden, und wer der dritte sei, welcher
sie begleitete.
Erfreut über diese Nachricht traf der Major sogleich seine Maßregeln,
den wichtigen Gefangenen weiter transportieren zu lassen, den jungen
Goldschmied aber führte er zu seinen Kameraden, stellte ihn als den
heldenmütigen Jüngling vor, der die Gräfin durch seinen Mut und seine
Geistesgegenwart gerettet habe, und alle schüttelten Felix freudig die
Hand, lobten ihn und konnten nicht satt werden, sich von ihm und den
andern ihre Schicksale erzählen zu lassen.
Indessen war es völlig Tag geworden. Der Major beschloß, die Befreiten
selbst bis in die Stadt zu begleiten; er ging mit ihnen und dem Amtmann
der Gräfin in das nächste Dorf, wo sein Wagen stand, und dort mußte
sich Felix zu ihm in den Wagen setzen; der Jäger, der Student, der
Amtmann und viele andere Leute ritten vor und hinter ihnen, und so
zogen sie im Triumph der Stadt zu. Wie ein Lauffeuer hatte sich das
Gerücht von dem Ueberfall in der Waldschenke, von der Aufopferung des
jungen Goldarbeiters in der Gegend verbreitet, und ebenso reißend ging
jetzt die Sage von seiner Befreiung von Mund zu Mund. Es war daher
nicht zu verwundern, daß in der Stadt, wohin sie zogen, die Straßen
gedrängt voll Menschen standen, die den jungen Helden sehen wollten.
Alles drängte sich zu, als der Wagen langsam hereinfuhr. »Das ist er,«
riefen sie, »seht ihr ihn dort im Wagen neben dem Offizier? Es lebe der
brave Goldschmiedsjunge!« und ein tausendstimmiges »Hoch!« füllte die
Lüfte.
Felix war beschämt, gerührt von der rauschenden Freude der Menge. Aber
noch ein rührender Anblick stand ihm auf dem Rathause der Stadt bevor.
Ein Mann von mittleren Jahren, in reichen Kleidern, empfing ihn an
der Treppe und umarmte ihn mit Tränen in den Augen. »Wie kann ich dir
vergelten, mein Sohn!« rief er. »Du hast mir viel gegeben, als ich
nahe daran war, unendlich viel zu verlieren! Du hast mir die Gattin,
meinen Kindern die Mutter gerettet, denn ihr zartes Leben hätte die
Schrecken einer solchen Gefangenschaft nicht ertragen.« Es war der
Gemahl der Gräfin, der diese Worte sprach. So sehr sich Felix sträuben
mochte, einen Lohn für seine Aufopferung zu bestimmen, so unerbittlich
schien der Graf darauf bestehen zu wollen. Da fiel dem Jüngling das
unglückliche Schicksal des Räuberhauptmanns ein; er erzählte, wie er
ihn gerettet, wie diese Rettung eigentlich der Gräfin gegolten habe.
Der Graf, gerührt nicht sowohl von der Handlung des Hauptmanns, als von
dem neuen Beweis einer edlen Uneigennützigkeit, den Felix durch die
Wahl seiner Bitte ablegte, versprach, das Seinige zu tun, um den Räuber
zu retten.
Noch an demselben Tag aber führte der Graf, begleitet von dem wackern
Jäger, den jungen Goldschmied nach seinem Schlosse, wo die Gräfin, noch
immer besorgt um das Schicksal des jungen Mannes, der sich für sie
geopfert, sehnsuchtsvoll auf Nachrichten wartete. Wer beschreibt ihre
Freude, als ihr Gemahl, den Retter an der Hand, in ihr Zimmer trat? Sie
fand kein Ende, ihn zu befragen, ihm zu danken; sie ließ ihre Kinder
herbeibringen und zeigte ihnen den hochherzigen Jüngling, dem ihre
Mutter so unendlich viel verdanke, und die Kleinen faßten seine Hände,
und der zarte Sinn ihres kindlichen Dankes, ihre Versicherungen, daß er
ihnen nach Vater und Mutter auf der ganzen Erde der Liebste sei, waren
ihm die schönste Entschädigung für manchen Kummer, für die schlaflosen
Nächte in der Hütte der Räuber.
Als die ersten Momente des frohen Wiedersehens vorüber waren, winkte
die Gräfin einem Diener, welcher bald darauf jene Kleider und das
wohlbekannte Ränzchen herbeibrachte, welche Felix der Gräfin in der
Waldschenke überlassen hatte. »Hier ist alles,« sprach sie mit gütigem
Lächeln, »was Ihr mir in jenen furchtbaren Augenblicken gegeben; es
ist der Zauber, womit Ihr mich umhüllt habt, um meine Verfolger mit
Blindheit zu schlagen. Es steht Euch wieder zu Diensten; doch will ich
Euch den Vorschlag machen, diese Kleider, die ich zum Andenken an Euch
aufbewahren möchte, mir zu überlassen und zum Tausch dafür die Summe
anzunehmen, welche die Räuber zum Lösegeld für mich bestimmten.«