»Du, freilich,« rief jener mit Lachen, »du, armer Schelm, kannst nichts

dagegen tun; aber gib mir das kaum pochende Ding, und du wirst sehen,

wie gut du es dann hast.«

»Euch? mein Herz?« schrie der Peter mit Entsetzen. »Da müßte ich ja

sterben auf der Stelle! Nimmermehr!«

»Ja, wenn dir einer eurer Herren Chirurgen das Herz aus dem Leib

operieren wollte, da müßtest du wohl sterben; bei mir ist dies ein

anderes Ding; doch komm herein und überzeuge dich selbst.« Er stand bei

diesen Worten auf, öffnete eine Kammertüre und führte Peter hinein.

Sein Herz zog sich krampfhaft zusammen, als er über die Schwelle trat,

aber er achtete es nicht, denn der Anblick, der sich ihm bot, war

sonderbar und überraschend. Auf mehreren Gesimsen von Holz standen

Gläser mit durchsichtiger Flüssigkeit gefüllt, und in jedem dieser

Gläser lag ein Herz, auch waren an den Gläsern Zettel angeklebt

und Namen darauf geschrieben, die Peter neugierig las; da war das

Herz des Amtmanns in F., das Herz des dicken Ezechiel, das Herz des

Tanzbodenkönigs, das Herz des Oberförsters; da waren sechs Herzen

von Kornwucherern, acht von Werbe-Offizieren, drei von Geldmäklern --

kurz, es war eine Sammlung der angesehensten Herzen in der Umgegend von

zwanzig Stunden.

»Schau'!« sprach Holländer Michel, »diese alle haben des Lebens Aengste

und Sorgen weggeworfen; keines dieser Herzen schlägt mehr ängstlich und

besorgt, und ihre ehemaligen Besitzer befinden sich wohl dabei, daß sie

den unruhigen Gast aus dem Hause haben.«

»Aber was tragen sie denn jetzt dafür in der Brust?« fragte Peter, den

dies alles, was er gesehen, beinahe schwindeln machte.

»Dies,« antwortete jener und reichte ihm aus einem Schubfach -- ein

steinernes Herz.

»So?« erwiderte er und konnte sich eines Schauers, der ihm über die

Haut ging, nicht erwehren. »Ein Herz von Marmelstein? Aber, horch'

einmal, Herr Holländer Michel, das muß doch gar kalt sein in der Brust.«

»Freilich, aber ganz angenehm kühl. Warum soll denn ein Herz warm sein?

Im Winter nützt dir die Wärme nichts, da hilft ein guter Kirschgeist

mehr als ein warmes Herz, und im Sommer, wenn alles schwül und heiß

ist, -- du glaubst nicht, wie dann solch ein Herz abkühlt. Und, wie

gesagt, weder Angst noch Schrecken, weder törichtes Mitleiden noch

anderer Jammer pocht an solch ein Herz.«

»Und das ist alles, was Ihr mir geben könnet,« fragte Peter unmutig,

»ich hoff' auf Geld, und Ihr wollet mir einen Stein geben!«

»Nu, ich denke, an hunderttausend Gulden hättest du fürs erste genug.

Wenn du es geschickt umtreibst, kannst du bald ein Millionär werden.«

»Hunderttausend?« rief der arme Köhler freudig. »Nun, so poche doch

nicht so ungestüm in meiner Brust, wir werden bald fertig sein

miteinander. Gut, Michel; gebt mir den Stein und das Geld, und die

Unruhe könnet Ihr aus dem Gehäuse nehmen.«

»Ich dachte es doch, daß du ein vernünftiger Bursche seiest,«

antwortete der Holländer freundlich lächelnd; »komm, laß uns noch eins

trinken, und dann will ich das Geld auszahlen.«

So setzten sie sich wieder in die Stube zum Wein, tranken und tranken

wieder, bis Peter in einen tiefen Schlaf verfiel.

Kohlenmunkpeter erwachte beim fröhlichen Schmettern eines Posthorns,

und siehe da, er saß in einem schönen Wagen, fuhr auf einer breiten

Straße dahin, und als er sich aus dem Wagen bog, sah er in blauer Ferne

hinter sich den Schwarzwald liegen. Anfänglich wollte er gar nicht

glauben, daß er es selbst sei, der in diesem Wagen sitze. Denn auch

seine Kleider waren gar nicht mehr dieselben, die er gestern getragen,

aber er erinnerte sich doch an alles so deutlich, daß er endlich sein

Nachsinnen aufgab und rief: »Der Kohlenmunkpeter bin ich, das ist

ausgemacht, und kein anderer.«

Er wunderte sich über sich selbst, daß er gar nicht wehmütig werden

konnte, als er jetzt zum erstenmal aus der stillen Heimat, aus den

Wäldern, wo er so lange gelebt, auszog. Selbst nicht, als er an seine

Mutter dachte, die jetzt wohl hilflos und im Elend saß, konnte er eine

Träne aus dem Auge pressen oder nur seufzen; denn es war ihm alles so

gleichgültig. »Ach, freilich,« sagte er dann, »Tränen und Seufzer,

Heimweh und Wehmut kommen ja aus dem Herzen, und Dank dem Holländer

Michel, -- das meine ist kalt und von Stein.«

Er legte seine Hand auf die Brust, und es war ganz ruhig dort und

rührte sich nichts. »Wenn er mit den Hunderttausenden so gut Wort hielt

wie mit dem Herzen, so soll es mich freuen,« sprach er, und fing an,

seinen Wagen zu untersuchen. Er fand Kleidungsstücke von aller Art,

wie er sie nur wünschen konnte, aber kein Geld. Endlich stieß er auf

eine Tasche und fand viele tausend Taler in Gold und Scheinen auf

Handlungshäuser in allen großen Städten. »Jetzt hab' ich's, wie ich's

wollte,« dachte er, setzte sich bequem in die Ecke des Wagens und fuhr

in die weite Welt.

Er fuhr zwei Jahre in der Welt umher und schaute aus seinem Wagen links

und rechts an den Häusern hinauf, schaute, wenn er anhielt, nichts als

das Schild seines Wirtshauses an, lief dann in der Stadt umher und ließ

sich die schönsten Merkwürdigkeiten zeigen. Aber es freute ihn nichts,

kein Bild, kein Haus, keine Musik, kein Tanz, sein Herz von Stein nahm

an nichts Anteil, und seine Augen, seine Ohren waren abgestumpft für

alles Schöne. Nichts war ihm mehr geblieben als die Freude an Essen und

Trinken und der Schlaf, und so lebte er, indem er ohne Zweck durch die

Welt reiste, zu seiner Unterhaltung speiste und aus Langweile schlief.

Hie und da erinnerte er sich zwar, daß er fröhlicher, glücklicher

gewesen sei, als er noch arm war und arbeiten mußte, um sein Leben zu

fristen. Da hatte ihn jede schöne Aussicht ins Tal, Musik und Gesang

hatten ihn ergötzt, da hatte er sich stundenlang auf die einfache Kost,

die ihm die Mutter zu dem Meiler bringen sollte, gefreut. Wenn er so

über die Vergangenheit nachdachte, so kam es ihm ganz sonderbar vor,

daß er jetzt nicht einmal lachen konnte, und sonst hatte er über den

kleinsten Scherz gelacht. Wenn andere lachten, so verzog er nur aus

Höflichkeit den Mund, aber sein Herz -- lächelte nicht mit. Er fühlte

dann, daß er zwar überaus ruhig sei, aber zufrieden fühlte er sich

doch nicht. Es war nicht Heimweh oder Wehmut, sondern Oede, Ueberdruß,

freudenloses Leben, was ihn endlich wieder zur Heimat trieb.

Als er von Straßburg herüberfuhr und den dunkeln Wald seiner Heimat

erblickte, als er zum erstenmal wieder jene kräftigen Gestalten, jene

freundlichen, treuen Gesichter der Schwarzwälder sah, als sein Ohr die

heimatlichen Klänge, stark, tief, aber wohltönend, vernahm, da fühlte

er schnell an sein Herz, denn sein Blut wallte stärker, und er glaubte,

er müsse sich freuen und müsse weinen zugleich, aber -- wie konnte er

nur so töricht sein, er hatte ja ein Herz von Stein. Und Steine sind

tot und lächeln und weinen nicht.

Sein erster Gang war zum Holländer Michel, der ihn mit alter

Freundlichkeit aufnahm. »Michel,« sagte er zu ihm, »gereist bin ich

nun und habe alles gesehen, ist aber alles dummes Zeug, und ich hatte

nur Langeweile. Ueberhaupt, Euer steinernes Ding, das ich in der Brust

trage, schützt mich zwar vor manchem. Ich erzürne mich nie, bin nie

traurig, aber ich freue mich auch nie, und es ist mir, als wenn ich

nur halb lebte. Könnet Ihr das Steinherz nicht ein wenig beweglicher

machen? oder -- gebt mir lieber mein altes Herz. Ich hatte mich in

fünfundzwanzig Jahren daran gewöhnt, und wenn es zuweilen auch einen

dummen Streich machte, so war es doch munter und ein fröhliches Herz.«

Der Waldgeist lachte grimmig und bitter. »Wenn du einmal tot bist,

Peter Munk,« antwortete er, »dann soll es dir nicht fehlen; dann

sollst du dein weiches rührbares Herz wiederhaben, und du kannst dann

fühlen, was kommt, Freud' oder Leid. Aber hier oben kann es nicht

mehr dein werden! Doch, Peter! gereist bist du wohl, aber so wie du

lebtest, konnte es dir nichts nützen. Setze dich jetzt hier irgendwo

im Wald, bau' ein Haus, heirate, treibe dein Vermögen um, es hat dir

nur an Arbeit gefehlt, weil du müßig warest, hattest du Langeweile,

und schiebst jetzt alles auf dieses unschuldige Herz.« Peter sah ein,

daß Michel recht habe, was den Müßiggang beträfe, und nahm sich vor,

reich und immer reicher zu werden. Michel schenkte ihm noch einmal

hunderttausend Gulden und entließ ihn als seinen guten Freund.

Bald vernahm man im Schwarzwald die Märe, der Kohlenmunkpeter oder

Spielpeter sei wieder da, und noch viel reicher als zuvor. Es ging

auch jetzt wie immer; als er am Bettelstab war, wurde er in der Sonne

zur Türe hinausgeworfen, und als er jetzt an einem Sonntag nachmittag

seinen ersten Einzug dort hielt, schüttelten sie ihm die Hand, lobten

sein Pferd, fragten nach seiner Reise, und als er wieder mit dem

dicken Ezechiel um harte Taler spielte, stand er in der Achtung so

hoch als je. Er trieb jetzt aber nicht mehr das Glashandwerk, sondern

den Holzhandel, aber nur zum Schein. Sein Hauptgeschäft war, mit Korn

und Geld zu handeln. Der halbe Schwarzwald wurde ihm nach und nach

schuldig, aber er lieh Geld nur auf zehn Prozente aus oder verkaufte

Korn an die Armen, die nicht gleich zahlen konnten, um den dreifachen

Wert. Mit dem Amtmann stand er jetzt in enger Freundschaft, und wenn

einer Herrn Peter Munk nicht auf den Tag bezahlte, so ritt der Amtmann

mit seinen Schergen hinaus, schätzte Haus und Hof, verkaufte es flugs

und trieb Vater, Mutter und Kind in den Wald. Anfangs machte dies dem

reichen Peter einige Unlust, denn die armen Ausgepfändeten belagerten

dann haufenweise seine Türe, die Männer flehten um Nachsicht, die

Weiber suchten das steinerne Herz zu erweichen, und die Kinder

winselten um ein Stücklein Brot. Aber als er sich ein paar tüchtige

Fleischerhunde angeschafft hatte, hörte diese Katzenmusik, wie er es

nannte, bald auf. Er pfiff und hetzte, und die Bettelleute flogen

schreiend auseinander. Am meisten Beschwerde machte ihm das »alte

Weib«. Das war aber niemand anders als Frau Munkin, Peters Mutter.

Sie war in Not und Elend geraten, als man ihr Haus und Hof verkauft

hatte, und ihr Sohn, als er reich zurückgekehrt war, hatte sich nicht

mehr nach ihr umgesehen. Da kam sie nun zuweilen, alt, schwach und

gebrechlich, an einem Stock, vor das Haus. Hinein wagte sie sich

nimmer, denn er hatte sie einmal weggejagt; aber es tat ihr wehe, von

den Guttaten anderer Menschen leben zu müssen, da der eigene Sohn ihr

ein sorgloses Alter hätte bereiten können. Aber das kalte Herz wurde

nimmer gerührt von dem Anblicke der bleichen, wohlbekannten Züge, von

den bittenden Blicken, von der welken, ausgestreckten Hand, von der

hinfälligen Gestalt. Mürrisch zog er, wenn sie Sonnabends an die Tür

pochte, einen Sechsbätzner hervor, schlug ihn in ein Papier und ließ

ihn hinausreichen durch einen Knecht. Er vernahm ihre zitternde Stimme,

wenn sie dankte und wünschte, es möge ihm wohlgehen auf Erden, er hörte

sie hüstelnd vor der Türe schleichen, aber er dachte weiter nicht mehr

daran, als daß er wieder sechs Batzen umsonst ausgegeben.

Endlich kam Peter auf den Gedanken, zu heiraten. Er wußte, daß im

ganzen Schwarzwald jeder Vater ihm gerne seine Tochter geben werde;

aber er war schwierig in seiner Wahl, denn er wollte, daß man auch

hierin sein Glück und seinen Verstand preisen sollte; daher ritt

er umher im ganzen Wald, schaute hier, schaute dort, und keine der

schönen Schwarzwälderinnen deuchte ihm schön genug. Endlich, nachdem

er auf allen Tanzböden umsonst nach der Schönsten ausgeschaut hatte,

hörte er eines Tages, die Schönste und Tugendsamste im ganzen Wald sei

eines armen Holzhauers Tochter. Sie lebe still und für sich, besorge

geschickt und emsig ihres Vaters Haus und lasse sich nie auf dem

Tanzboden sehen, nicht einmal zu Pfingsten oder Kirmes. Als Peter von

diesem Wunder des Schwarzwaldes hörte, beschloß er, um sie zu werben,

und ritt nach der Hütte, die man ihm bezeichnet hatte. Der Vater der

schönen Lisbeth empfing den vornehmen Herrn mit Staunen und erstaunte

noch mehr, als er hörte, es sei dies der reiche Herr Peter, und er

wolle sein Schwiegersohn werden. Er besann sich auch nicht lange,

denn er meinte, all seine Sorge und Armut werde nun ein Ende haben,

sagte zu, ohne die schöne Lisbeth zu fragen, und das gute Kind war so

folgsam, daß sie ohne Widerrede Frau Peter Munkin wurde.

Aber es wurde der Armen nicht so gut, als sie sich geträumt hatte.

Sie glaubte, ihr Hauswesen wohl zu verstehen, aber sie konnte Herrn

Peter nichts zu Dank machen, sie hatte Mitleiden mit armen Leuten,

und da ihr Eheherr reich war, dachte sie, es sei keine Sünde, einem

armen Bettelweib einen Pfennig oder einem alten Mann einen Schnaps zu

reichen; aber als Herr Peter dies eines Tages merkte, sprach er mit

zürnenden Blicken und rauher Stimme: »Warum verschleuderst du mein

Vermögen an Lumpen und Straßenläufer? Hast du was mitgebracht ins Haus,

das du wegschenken könntest? Mit deines Vaters Bettelstab kann man

keine Suppe wärmen, und wirfst das Geld aus wie eine Fürstin. Noch

einmal laß dich betreten, so sollst du meine Hand fühlen!« Die schöne

Lisbeth weinte in ihrer Kammer über den harten Sinn ihres Mannes,

und sie wünschte oft, lieber heim zu sein in ihres Vaters ärmlicher

Hütte, als bei dem reichen, aber geizigen, hartherzigen Peter zu

hausen. Ach, hätte sie gewußt, daß er ein Herz von Marmor habe und

weder sie noch irgend einen Menschen lieben könnte, so hätte sie sich

wohl nicht gewundert. So oft sie aber jetzt unter der Türe saß und es

ging ein Bettelmann vorüber und zog den Hut und hub an seinen Spruch,

so drückte sie die Augen zu, das Elend nicht zu schauen, sie ballte

die Hand fester, damit sie nicht unwillkürlich in die Tasche fahre,

ein Kreuzerlein herauszulangen. So kam es, daß die schöne Lisbeth im

ganzen Wald verschrieen wurde, und es hieß, sie sei noch geiziger als

Peter Munk. Aber eines Tages saß Frau Lisbeth wieder vor dem Haus und

spann und murmelte ein Liedchen dazu; denn sie war munter, weil es

schön Wetter und Herr Peter ausgeritten war über Feld. Da kommt ein

altes Männlein des Weges daher, der trägt einen großen, schweren Sack,

und sie hört ihn schon von weitem keuchen. Teilnehmend sieht ihm Frau

Lisbeth zu und denkt, einem so alten kleinen Mann sollte man nicht mehr

so schwer aufladen.

Indes keucht und wankt das Männlein heran, und als es gegenüber von

Frau Lisbeth war, brach es unter dem Sack beinahe zusammen. »Ach, habt

die Barmherzigkeit, Frau, und reichet mir nur einen Trunk Wasser,«

sprach das Männlein; »ich kann nicht weiter, muß elend verschmachten.«

»Aber Ihr solltet in Eurem Alter nicht mehr so schwer tragen,« sagte

Frau Lisbeth.

»Ja, wenn ich nicht Boten gehen müßte, der Armut halber und um mein

Leben zu fristen,« antwortete er; »ach, so eine reiche Frau, wie Ihr,

wißt nicht, wie wehe Armut tut, und wie wohl ein frischer Trunk bei

solcher Hitze.«

Als sie dies hörte, eilte sie ins Haus, nahm einen Krug vom Gesims

und füllte ihn mit Wasser; doch als sie zurückkehrte und nur noch

wenige Schritte von ihm war und das Männlein sah, wie es so elend und

verkümmert auf dem Sack saß, da fühlte sie inniges Mitleid, bedachte,

daß ja ihr Mann nicht zu Hause sei, und so stellte sie den Wasserkrug

beiseite, nahm einen Becher und füllte ihn mit Wein, legte ein gutes

Roggenbrot darauf und brachte es dem Alten. »So, und ein Schluck Wein

mag Euch besser frommen als Wasser, da Ihr schon so gar alt seid,«

sprach sie; »aber trinket nicht so hastig und esset auch Brot dazu.«

Das Männlein sah sie staunend an, bis große Tränen in seinen alten

Augen standen, er trank und sprach dann: »Ich bin alt geworden, aber

ich hab' wenig Menschen gesehen, die so mitleidig wären und ihre Gaben

so schön und herzig zu spenden wußten wie Ihr, Frau Lisbeth. Aber es

wird Euch dafür auch recht wohl gehen auf Erden; solch ein Herz bleibt

nicht unbelohnt.«

»Nein, und den Lohn soll sie zur Stelle haben,« schrie eine

schreckliche Stimme, und als sie sich umsahen, war es Herr Peter mit

blutrotem Gesicht.

»Und sogar meinen Ehrenwein gießest du aus an Bettelleute, und meinen

Mundbecher gibst du an die Lippen der Straßenläufer? Da! nimm deinen

Lohn!« Frau Lisbeth stürzte zu seinen Füßen und bat um Verzeihung, aber

das steinerne Herz hatte kein Mitleid, er drehte die Peitsche um, die

er in der Hand hielt, und schlug sie mit dem Handgriff von Ebenholz

so heftig vor die schöne Stirne, daß sie leblos dem alten Mann in die

Arme sank. Als er dies sah, war es doch, als reute ihn die Tat auf der

Stelle; er bückte sich herab, zu schauen, ob noch Leben in ihr sei,

aber das Männlein sprach mit wohlbekannter Stimme: »Gib dir keine Mühe,

Kohlenpeter; es war die schönste und lieblichste Blume im Schwarzwald,

aber du hast sie zertreten, und nie mehr wird sie wieder blühen.«

Da wich alles Blut aus Peters Wangen, und er sprach: »Also Ihr seid es,

Herr Schatzhauser? Nun, was geschehen ist, ist geschehen, und es hat

wohl so kommen müssen. Ich hoffe aber, Ihr werdet mich nicht bei dem

Gericht anzeigen als Mörder.«

»Elender!« erwiderte das Glasmännlein. »Was würde es mir frommen,

wenn ich deine sterbliche Hülle an den Galgen brächte? Nicht irdische

Gerichte sind es, die du zu fürchten hast, sondern andere und

strengere; denn du hast deine Seele an den Bösen verkauft.«

»Und hab ich mein Herz verkauft,« schrie Peter, »so ist niemand daran

schuld als du und deine betrügerischen Schätze; du tückischer Geist

hast mich ins Verderben geführt, mich getrieben, daß ich bei einem

andern Hilfe suchte, und auf dir liegt die ganze Verantwortung.« Aber

kaum hatte er dies gesagt, so wuchs und schwoll das Glasmännlein und

wurde hoch und breit, und seine Augen sollen so groß gewesen sein

wie Suppenteller, und sein Mund war wie ein geheizter Backofen, und

Flammen blitzten daraus hervor. Peter warf sich auf die Kniee, und sein

steinernes Herz schützte ihn nicht, daß nicht seine Glieder zitterten

wie eine Espe. Mit Geierskrallen packte ihn der Waldgeist im Nacken,

drehte ihn um, wie ein Wirbelwind dürres Laub, und warf ihn dann zu

Boden, daß ihm alle Rippen knackten. »Erdenwurm!« rief er mit einer

Stimme, die wie der Donner rollte; »ich könnte dich zerschmettern, wenn

ich wollte, denn du hast gegen den Herrn des Waldes gefrevelt. Aber um

dieses toten Weibes willen, die mich gespeist und getränkt hat, gebe

ich dir acht Tage Frist. Bekehrst du dich nicht zum Guten, so komme ich

und zermalme dein Gebein, und du fährst hin in deinen Sünden.«

Es war schon Abend, als einige Männer, die vorbeigingen, den reichen

Peter Munk an der Erde liegen sahen. Sie wandten ihn hin und her und

suchten, ob noch Atem in ihm sei, aber lange war ihr Suchen vergebens.

Endlich ging einer in das Haus und brachte Wasser herbei und besprengte

ihn. Da holte Peter tief Atem, stöhnte und schlug die Augen auf,

schaute lange um sich her und fragte dann nach Frau Lisbeth, aber

keiner hatte sie gesehen. Er dankte den Männern für ihre Hilfe, schlich

sich in sein Haus und schaute sich um, aber Frau Lisbeth war weder im

Keller noch auf dem Boden, und das, was er für einen schrecklichen

Traum gehalten, war bittere Wahrheit. Wie er nun so ganz allein war, da

kamen ihm sonderbare Gedanken; er fürchtete sich vor nichts, denn sein

Herz war ja kalt; aber wenn er an den Tod seiner Frau dachte, kam ihm

sein eigenes Hinscheiden in den Sinn, und wie belastet er dahinfahren

werde, schwer belastet mit Tränen der Armen, mit tausend ihrer Flüche,

die sein Herz nicht erweichen konnten, mit dem Jammer der Elenden,

auf die er seine Hunde gehetzt, belastet mit der stillen Verzweiflung

seiner Mutter, mit dem Blute der schönen guten Lisbeth; und konnte er

doch nicht einmal dem alten Mann, ihrem Vater, Rechenschaft geben,

wenn er käme und fragte: »Wo ist meine Tochter, dein Weib?« Wie wollte

er einem andern Frage stehen, dem alle Wälder, alle Seen, alle Berge

gehören, und die Leben der Menschen?

Es quälte ihn auch nachts im Traume, und alle Augenblicke wachte er

auf an einer süßen Stimme, die ihm zurief: »Peter, schaff' dir ein

wärmeres Herz!« Und wenn er erwacht war, schloß er doch schnell wieder

die Augen, denn der Stimme nach mußte es Frau Lisbeth sein, die ihm

diese Warnung zurief. Den andern Tag ging er ins Wirtshaus, um seine

Gedanken zu zerstreuen, und dort traf er den dicken Ezechiel. Er setzte

sich zu ihm, sie sprachen dies und jenes vom schönen Wetter, vom Krieg,

von den Steuern und endlich auch vom Tod, und wie da und dort einer so

schnell gestorben sei. Da fragte Peter den Dicken, was er denn vom Tode

halte, und wie es nachher sein werde. Ezechiel antwortete ihm, daß man

den Leib begrabe, die Seele aber fahre entweder auf zum Himmel oder

hinab in die Hölle.

»Also begräbt man das Herz auch?« fragte Peter gespannt.

»Ei freilich, das wird auch begraben.«

»Wenn aber einer sein Herz nicht mehr hat?« fuhr Peter fort.

Ezechiel sah ihn bei diesen Worten schrecklich an. »Was willst du damit

sagen? Willst du mich foppen? Meinst du, ich habe kein Herz?«

»O, Herz genug, so fest wie Stein,« erwiderte Peter.

Ezechiel sah ihn verwundert an, schaute sich um, ob es niemand gehört

habe, und sprach dann: »Woher weißt du es? Oder pocht vielleicht das

deinige auch nicht mehr?«

»Pocht nicht mehr, wenigstens nicht hier in meiner Brust!« antwortete

Peter Munk. »Aber sag' mir, da du jetzt weißt, was ich meine, wie wird

es gehen mit _unseren_ Herzen?«

»Was kümmert dich dies, Gesell?« fragte Ezechiel lachend. »Hast ja auf

Erden vollauf zu leben, und damit genug. Das ist ja gerade das Bequeme

in unsern kalten Herzen, daß uns keine Furcht befällt vor solchen

Gedanken.«

»Wohl wahr, aber man denkt doch daran, und wenn ich auch jetzt keine

Furcht mehr kenne, so weiß ich doch wohl noch, wie sehr ich mich vor

der Hölle gefürchtet, als ich noch ein kleiner unschuldiger Knabe war.«

»Nun -- gut wird es uns gerade nicht gehen,« sagte Ezechiel. »Hab' mal

einen Schulmeister darüber gefragt, der sagte mir, daß nach dem Tod

die Herzen gewogen werden, wie schwer sie sich versündiget hätten. Die

leichten steigen auf, die schweren sinken hinab, und ich denke, unsere

Steine werden ein gutes Gewicht haben.«

»Ach freilich,« erwiderte Peter, »und es ist mir oft selbst unbequem,

daß mein Herz so teilnahmlos und ganz gleichgültig ist, wenn ich an

solche Dinge denke.«

So sprachen sie; aber in der nächsten Nacht hörte er fünf oder

sechsmal die bekannte Stimme in sein Ohr lispeln: »Peter, schaff' dir

ein wärmeres Herz!« Er empfand keine Reue, daß er sie getötet, aber

wenn er dem Gesinde sagte, seine Frau sei verreist, so dachte er immer

dabei: »Wohin mag sie wohl gereist sein?« Sechs Tage hatte er es so

getrieben, und immer hörte er nachts diese Stimme, und immer dachte

er an den Waldgeist und seine schreckliche Drohung; aber am siebenten

Morgen sprang er auf von seinem Lager und rief: »Nun ja, will sehen, ob

ich mir ein wärmeres Herz schaffen kann, denn der gleichgültige Stein

in meiner Brust macht mir das Leben nur langweilig und öde.« Er zog

schnell seinen Sonntagsstaat an und setzte sich auf sein Pferd und ritt

dem Tannenbühl zu.

Im Tannenbühl, wo die Bäume dichter standen, saß er ab, band sein Pferd

an und ging schnellen Schrittes dem Gipfel des Hügels zu, und als er

vor der dicken Tanne stand, hub er seinen Spruch an:

»Schatzhauser im grünen Tannenwald,

Bist viele hundert Jahre alt.

Dein ist all Land, wo Tannen stehen,

Läßt dich nur Sonntagskindern sehen.«

Da kam das Glasmännlein hervor, aber nicht freundlich und traulich

wie sonst, sondern düster und traurig; es hatte ein Röcklein an von

schwarzem Glas, und ein langer Trauerflor flatterte herab vom Hut, und

Peter wußte wohl, um wen es traure.

»Was willst du von mir, Peter Munk?« fragte es mit dumpfer Stimme.

»Ich hab' noch einen Wunsch, Herr Schatzhauser,« antwortete Peter mit

niedergeschlagenen Augen.

»Können Steinherzen noch wünschen?« sagte jener. »Du hast alles, was du

für deinen schlechten Sinn bedarfst, und ich werde schwerlich deinen

Wunsch erfüllen.«

»Aber Ihr habt mir doch drei Wünsche zugesagt; einen hab' ich immer

noch übrig.«

»Doch kann ich ihn versagen, wenn er töricht ist,« fuhr der Waldgeist

fort; »aber wohlan, ich will hören, was du willst?«

»So nehmet mir den toten Stein heraus und gebet mir mein lebendiges

Herz,« sprach Peter.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 6 · 第 29 / 31 段