Felix erschrak über die Größe dieses Geschenkes; sein edler Sinn

sträubte sich, einen Lohn für das anzunehmen, was er aus freiem Willen

getan. »Gnädige Gräfin,« sprach er bewegt, »ich kann dies nicht

annehmen. Die Kleider sollen Euer sein, wie Ihr es befehlet; jedoch die

Summe, von der Ihr sprechet, kann ich nicht annehmen. Doch weil ich

weiß, daß Ihr mich durch irgend etwas belohnen wollet, so erhaltet mir

Eure Gnade statt anderen Lohnes, und sollte ich in den Fall kommen,

Eurer Hilfe zu bedürfen, so dürft Ihr darauf rechnen, daß ich Euch

darum bitten werde.« Noch lange drang man in den jungen Mann, aber

nichts konnte seinen Sinn ändern. Die Gräfin und ihr Gemahl gaben

endlich nach, und schon wollte der Diener die Kleider und das Ränzchen

wieder wegtragen, als Felix sich an das Geschmeide erinnerte, das er im

Gefühl so vieler freudiger Szenen ganz vergessen hatte.

»Halt!« rief er. »Nur etwas müßt Ihr mir noch aus meinem Ränzchen zu

nehmen erlauben, gnädige Frau, das übrige ist dann ganz und völlig

Euer.«

»Schaltet nach Belieben,« sprach sie; »obgleich ich gerne alles zu

Eurem Gedächtnis behalten hätte, so nehmet nur, was Ihr etwa davon

nicht entbehren wollet. Doch, wenn man fragen darf, was liegt Euch denn

so sehr am Herzen, daß Ihr es mir nicht überlassen möget?«

Der Jüngling hatte während dieser Worte sein Ränzchen geöffnet und ein

Kästchen von rotem Saffian herausgenommen. »Was mein ist, könnt Ihr

alles haben,« erwiderte er lächelnd, »doch dies gehört meiner lieben

Frau Patin; ich habe es selbst gefertigt und muß es ihr bringen. Es ist

ein Schmuck, gnädige Frau,« fuhr er fort, indem er das Kästchen öffnete

und ihr hinbot; »ein Schmuck, an welchem ich mich selbst versucht habe.«

Sie nahm das Kästchen; aber nachdem sie kaum einen Blick darauf

geworfen, fuhr sie betroffen zurück.

»Wie! diese Steine!« rief sie. »Und für Eure Patin sind sie bestimmt,

sagtet Ihr?«

»Jawohl,« antwortete Felix, »meine Frau Patin hat mir die Steine

geschickt, ich habe sie gefaßt und bin auf dem Wege, sie selbst zu

überbringen.«

Gerührt sah ihn die Gräfin an; Tränen drangen aus ihren Augen. »So bist

du Felix Perner aus Nürnberg?« rief sie.

»Jawohl! Aber woher wißt Ihr so schnell meinen Namen?« fragte der

Jüngling und sah sie bestürzt an.

»O wundervolle Fügung des Himmels!« sprach sie gerührt zu ihrem

staunenden Gemahl. »Das ist ja Felix, unser Patchen, der Sohn unserer

Kammerfrau Sabine! Felix! Ich bin es ja, zu der du kommen wolltest; so

hast du deine Patin gerettet, ohne es zu wissen.«

»Wie? Seid denn Ihr die Gräfin Sandau, die so viel an mir und meiner

Mutter getan? Und dies ist das Schloß Mayenburg, wohin ich wandern

wollte? Wie danke ich dem gütigen Geschick, das mich so wunderbar mit

Euch zusammentreffen ließ; so habe ich Euch doch durch die Tat, wenn

auch in geringem Maß, meine große Dankbarkeit bezeigen können!«

»Du hast mehr an mir getan,« erwiderte sie, »als ich je an dir hätte

tun können; doch so lange ich lebe, will ich dir zu zeigen suchen, wie

unendlich viel wir alle dir schuldig sind. Mein Gatte soll dein Vater,

meine Kinder deine Geschwister, ich selbst will deine treue Mutter

sein, und dieser Schmuck, der dich zu mir führte in der Stunde der

höchsten Not, soll meine beste Zierde werden, denn er wird mich immer

an dich und deinen Edelmut erinnern.«

So sprach die Gräfin und hielt Wort. Sie unterstützte den glücklichen

Felix auf seinen Wanderungen reichlich. Als er zurückkam, als ein

geschickter Arbeiter in seiner Kunst, kaufte sie ihm in Nürnberg ein

Haus, richtete es vollständig ein, und ein nicht geringer Schmuck in

seinem besten Zimmer waren schön gemalte Bilder, welche die Szenen in

der Waldschenke und Felix' Leben unter den Räubern vorstellten.

Dort lebte Felix als ein geschickter Goldarbeiter, der Ruhm seiner

Kunst verband sich mit der wunderbaren Sage von seinem Heldenmut und

verschaffte ihm Kunden im ganzen Reiche. Viele Fremde, wenn sie durch

die schöne Stadt Nürnberg kamen, ließen sich in die Werkstatt des

berühmten Meisters Felix führen, um ihn zu sehen, zu bewundern, wohl

auch ein schönes Geschmeide bei ihm zu bestellen. Die angenehmsten

Besuche waren ihm aber der Jäger, der Zirkelschmied, der Student und

der Fuhrmann. So oft der letztere von Würzburg nach Fürth fuhr, sprach

er bei Felix ein; der Jäger brachte ihm beinahe alle Jahre Geschenke

von der Gräfin, der Zirkelschmied aber ließ sich, nachdem er in allen

Ländern umhergewandert war, bei Meister Felix nieder. Eines Tages

besuchte sie auch der Student. Er war indessen ein bedeutender Mann

im Staat geworden, schämte sich aber nicht, bei Meister Felix und dem

Zirkelschmied ein Abendessen zu verzehren. Sie erinnerten sich an alle

Szenen der Waldschenke, und der ehemalige Student erzählte, er habe

den Räuberhauptmann in Italien wiedergesehen; er habe sich gänzlich

gebessert und diene als braver Soldat dem König von Neapel.

Felix freute sich, als er dies hörte. Ohne diesen Mann wäre er zwar

vielleicht nicht in jene gefährliche Lage gekommen, aber ohne ihn

hätte er sich auch nicht aus Räuberhand befreien können. Und so

geschah es, daß der wackere Meister Goldschmied nur friedliche und

freundliche Erinnerungen hatte, wenn er zurückdachte an das _Wirtshaus

im Spessart_.

Gesamt-Inhaltsverzeichnis.

Seite

Band 1. Hauffs Leben von Alfred Weile 5

Gedichte 13

Novellen. Erster Teil.

Vertrauliches Schreiben an Herrn W. A. Spöttlich 57

Othello 63

Die Bettlerin vom Pont des Arts 104

Jud Süß 200

Band 2. Novellen. Zweiter Teil.

Das Bild des Kaisers 5

Die letzten Ritter von Marienburg 88

Des Verfassers eigene Kritik über diese Novelle 144

Die Sängerin 145

Phantasien im Bremer Ratskeller 190

Band 3. Lichtenstein. Romantische Sage 5

Band 4. Mitteilungen aus den Memoiren des Satans.

I. Einleitung 5

Die Studien des Satan auf der berühmten Universität

...en 30

Unterhaltungen des Satan und des ewigen Juden in

Berlin 60

Der Fluch. Novelle 83

Satans Besuch bei Herrn von Goethe 100

Der Festtag im Fegefeuer 113

II. Vorspiel 132

Der Fluch. Novelle (Fortsetzung) 142

Mein Besuch in Frankfurt 203

Der Festtag im Fegefeuer. (Fortsetzung) 236

Inhaltsverzeichnis 258

Band 5. Der Mann im Monde. Roman 5

Kontroverspredigt über H. Clauren und den Mann im Monde 193

Skizzen.

Die Bücher und die Lesewelt 225

Freie Stunden am Fenster 240

Der ästhetische Klub 264

Ein paar Reisestunden 267

Hochzeitgruß an Karl Grüneisen 278

Band 6. Märchen.

Märchen als Almanach 5

Die Karawane 10

Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven 102

Das Wirtshaus im Spessart 184

Inhaltsverzeichnis 4

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die

Darstellung der Ellipse wurde angepasst.

Da dieser Band keine eigene Titelseite im Original besaß, wurde

diese aus Band 4 rekonstruiert.

Korrekturen:

S. 38: mit → mit ihm

wollte schon {mit ihm} davoneilen

S. 80: Sizah → Sizah, zu

Ali {Sizah, zu}, auch seine Geschichte

S. 127: Köche → Küche

überhaupt dich meiner {Küche} annehmen

S. 223: hast → bist

Du {bist} dem Flegel begegnet

S. 241: frei → frei ausgehen

Mörder darf {frei ausgehen} aus den Händen

S. 263: schrie → schritt

durch die Buden {schritt} und rief

S. 313: zu → zu zweit

dritten haben wir {zu zweit} leichtes

S. 314: aufzuheben → auszuheben

um mich und meine Leute {auszuheben}

S. 317: vierte → dritte

wer der {dritte} sei, welcher sie begleitete

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 6 · 第 31 / 31 段