Dame dieses Ranges etwas in Verlegenheit zu sein, er setzte mehreremal
an, bis es ihm gelang, geordnet zu sprechen. »Gnädige Frau,« sagte
er, »es gibt Fälle, worein man sich in Geduld schicken muß. Ein
solcher ist der Ihrige. Glauben Sie nicht, daß ich den Respekt vor
einer so ausgezeichneten Dame auch nur auf einen Augenblick aus den
Augen setzen werde; Sie werden alle Bequemlichkeit haben, Sie werden
über nichts klagen können, als vielleicht über den Schrecken, den
Sie diesen Abend gehabt.« Hier hielt er inne, als erwartete er eine
Antwort; als aber Felix beharrlich schwieg, fuhr er fort: »Sehen Sie
in mir keinen gemeinen Dieb, keinen Kehlabschneider. Ich bin ein
unglücklicher Mann, den widrige Verhältnisse zu diesem Leben zwangen.
Wir wollen uns auf immer aus dieser Gegend entfernen; aber wir brauchen
Reisegeld. Es wäre uns ein leichtes gewesen, Kaufleute oder Postwagen
zu überfallen, aber dann hätten wir vielleicht mehrere Leute auf
immer ins Unglück gestürzt. Der Herr Graf, Ihr Gemahl, hat vor sechs
Wochen eine Erbschaft von fünfmalhunderttausend Talern gemacht. Wir
erbitten uns zwanzigtausend Gulden von diesem Ueberfluß, gewiß eine
gerechte und bescheidene Forderung. Sie werden daher die Gnade haben,
jetzt sogleich einen offenen Brief an Ihren Gemahl zu schreiben, worin
Sie ihm melden, daß wir Sie zurückgehalten, daß er die Zahlung so
bald als möglich leisten möge, widrigenfalls -- Sie verstehen mich,
wir müßten dann etwas härter mit Ihnen selbst verfahren. Die Zahlung
wird nicht angenommen, wenn sie nicht unter dem Siegel der strengsten
Verschwiegenheit von einem einzelnen Mann hierher gebracht wird.«
Diese Szene wurde mit der gespanntesten Aufmerksamkeit von allen Gästen
der Waldschenke, am ängstlichsten wohl von der Gräfin beobachtet. Sie
glaubte jeden Augenblick, der Jüngling, der sich für sie geopfert,
könnte sich verraten. Sie war fest entschlossen, ihn um einen großen
Preis loszukaufen; aber ebenso fest stand ihr Gedanke, um keinen Preis
der Welt auch nur einen Schritt weit mit den Räubern zu gehen. Sie
hatte in der Rocktasche des Goldarbeiters ein Messer gefunden. Sie
hielt es geöffnet krampfhaft in der Hand, bereit, sich lieber zu töten,
als eine solche Schmach zu erdulden. Jedoch nicht minder ängstlich war
Felix selbst. Zwar stärkte und tröstete ihn der Gedanke, daß es eine
männliche und würdige Tat sei, einer bedrängten, hilflosen Frau auf
diese Weise beizustehen; aber er fürchtete, sich durch jede Bewegung,
durch seine Stimme zu verraten. Seine Angst steigerte sich, als der
Räuber von einem Briefe sprach, den er schreiben sollte.
Wie sollte er schreiben? welche Titel dem Grafen geben, welche Form dem
Briefe, ohne sich zu verraten?
Seine Angst stieg aufs höchste, als der Anführer der Räuber Papier und
Feder vor ihn hinlegte, ihn bat, den Schleier zurückzuschlagen und zu
schreiben.
Felix wußte nicht, wie hübsch ihm die Tracht paßte, in welche er
gekleidet war; hätte er es gewußt, er würde sich vor einer Entdeckung
nicht im mindesten gefürchtet haben. Denn als er endlich notgedrungen
den Schleier zurückschlug, schien der Herr in Uniform, betroffen von
der Schönheit der Dame und ihren etwas männlichen, mutigen Zügen, sie
nur noch ehrfurchtsvoller zu betrachten. Dem klaren Blicke des jungen
Goldschmieds entging dies nicht; getrost, daß wenigstens in diesem
gefährlichen Augenblick keine Entdeckung zu fürchten sei, ergriff er
die Feder und schrieb an seinen vermeintlichen Gemahl, nach einer Form,
wie er sie einst in einem alten Buche gelesen; er schrieb:
»Mein Herr und Gemahl!
Ich unglückliche Frau bin auf meiner Reise mitten in der Nacht
plötzlich angehalten worden, und zwar von Leuten, welchen ich
keine gute Absicht zutrauen kann. Sie werden mich so lange
zurückhalten, bis Sie, Herr Graf, die Summe von 20000 Gulden
für mich niedergelegt haben.
Die Bedingung ist dabei, daß Sie nicht im mindesten über die
Sache sich bei der Obrigkeit beschweren, noch ihre Hilfe
nachsuchen, daß Sie das Geld durch einen einzelnen Mann in die
Waldschenke im Spessart schicken; widrigenfalls ist mir mit
längerer und harter Gefangenschaft gedroht.
Es fleht Sie um schleunige Hilfe an
Ihre unglückliche
_Gemahlin_.«
Er reichte den merkwürdigen Brief dem Anführer der Räuber, der ihn
durchlas und billigte. »Es kommt nun ganz auf Ihre Bestimmung an,« fuhr
er fort, »ob Sie Ihre Kammerfrau oder Ihren Jäger zur Begleitung wählen
werden. Die eine dieser Personen werde ich mit dem Briefe an Ihren
Herrn Gemahl zurückschicken.«
»Der Jäger und dieser Herr hier werden mich begleiten,« antwortete
Felix.
»Gut,« entgegnete jener, indem er an die Türe ging und die Kammerfrau
herbeirief, »so unterrichten Sie diese Frau, was sie zu tun habe.«
Die Kammerfrau erschien mit Zittern und Beben. Auch Felix erblaßte,
wenn er bedachte, wie leicht er sich auch jetzt wieder verraten
könnte. Doch ein unbegreiflicher Mut, der ihn in jenen gefährlichen
Augenblicken stärkte, gab ihm auch jetzt wieder seine Reden ein. »Ich
habe dir nichts weiter aufzutragen,« sprach er, »als daß du den Grafen
bittest, mich so bald als möglich aus dieser unglücklichen Lage zu
reißen.«
»Und,« fuhr der Räuber fort, »daß Sie dem Herrn Grafen aufs genaueste
und ausdrücklichste empfehlen, daß er alles verschweige und nichts
gegen uns unternehme, bis seine Gemahlin in seinen Händen ist. Unsere
Kundschafter würden uns bald genug davon unterrichten, und ich möchte
dann für nichts stehen.«
Die zitternde Kammerfrau versprach alles. Es wurde ihr noch befohlen,
einige Kleidungsstücke und Linnenzeug für die Frau Gräfin in ein Bündel
zu packen, weil man sich nicht mit vielem Gepäck beladen könne, und
als dies geschehen war, forderte der Anführer der Räuber die Dame mit
einer Verbeugung auf, ihm zu folgen. Felix stand auf, der Jäger und der
Student folgten ihm, und alle drei stiegen, begleitet von dem Anführer
der Räuber, die Treppe hinab.
Vor der Waldschenke standen viele Pferde; eines wurde dem Jäger
angewiesen, ein anderes, ein schönes, kleines Tier, mit einem
Damensattel versehen, stand für die Gräfin bereit, ein drittes gab
man dem Studenten. Der Hauptmann hob den jungen Goldschmied in den
Sattel, schnallte ihn fest und bestieg dann selbst sein Roß. Er stellte
sich zur Rechten der Dame auf, zur Linken hielt einer der Räuber; auf
gleiche Weise waren auch der Jäger und der Student umgeben. Nachdem
sich auch die übrige Bande zu Pferd gesetzt hatte, gab der Anführer mit
einer helltönenden Pfeife das Zeichen zum Aufbruch, und bald war die
ganze Schar im Walde verschwunden.
Die Gesellschaft, die im oberen Zimmer versammelt war, erholte sich
nach diesem Auftritt allmählich von ihrem Schrecken. Sie wären, wie
es nach großem Unglück oder plötzlicher Gefahr zu geschehen pflegt,
vielleicht sogar heiter gewesen, hätte sie nicht der Gedanke an ihre
drei Gefährten beschäftigt, die man vor ihren Augen hinweggeführt
hatte. Sie brachen in Bewunderung des jungen Goldschmieds aus, und die
Gräfin vergoß Tränen der Rührung, wenn sie bedachte, daß sie einem
Menschen so unendlich viel zu verdanken habe, dem sie nie zuvor Gutes
getan, den sie nicht einmal kannte. Ein Trost war es für alle, daß
der heldenmütige Jäger und der wackere Student ihn begleitet hatten,
konnten sie ihn doch trösten, wenn sich der junge Mann unglücklich
fühlte, ja, der Gedanke lag nicht gar zu Ferne, daß der verschlagene
Waidmann vielleicht Mittel zu ihrer Flucht finden könnte. Sie berieten
sich noch miteinander, was zu tun sei. Die Gräfin beschloß, da ja
sie kein Schwur gegen die Räuber binde, sogleich zu ihrem Gemahl
zurückzureisen und alles aufzubieten, den Aufenthalt der Gefangenen zu
entdecken, sie zu befreien; der Fuhrmann versprach nach Aschaffenburg
zu reiten und die Gerichte zur Verfolgung der Räuber aufzurufen. Der
Zirkelschmied aber wollte seine Reise fortsetzen.
Die Reisenden wurden in dieser Nacht nicht mehr beunruhigt; Totenstille
herrschte in der Waldschenke, die noch vor kurzem der Schauplatz so
schrecklicher Szenen gewesen war. Als aber am Morgen die Bedienten der
Gräfin zu dem Wirt hinabgingen, um alles zur Abfahrt fertig zu machen,
kehrten sie schnell zurück und berichteten, daß sie die Wirtin und ihr
Gesinde in elendem Zustande gefunden hätten. Sie liegen gebunden in der
Schenke und flehen um Beistand.
Die Reisenden schauten sich bei dieser Nachricht erstaunt an. »Wie?«
rief der Zirkelschmied; »so sollten diese Leute dennoch unschuldig
sein? So hätten wir ihnen unrecht getan, und sie standen nicht im
Einverständnis mit den Räubern?«
»Ich lasse mich aufhängen statt ihrer,« erwiderte der Fuhrmann, »wenn
wir nicht dennoch recht hatten. Dies alles ist nur Betrug, um nicht
überwiesen werden zu können. Erinnert ihr euch nicht der verdächtigen
Mienen dieser Wirtschaft? Erinnert ihr euch nicht, wie ich hinabgehen
wollte, wie mich der abgerichtete Hund nicht losließ, wie die Wirtin
und der Hausknecht sogleich erschienen und mürrisch fragten, was ich
denn noch zu tun hätte? Doch sie sind unser, wenigstens der Frau
Gräfin, Glück. Hätte es in der Schenke weniger verdächtig ausgesehen,
hätte uns die Wirtin nicht so mißtrauisch gemacht, wir wären nicht
zusammengestanden, wären nicht wach geblieben. Die Räuber hätten uns
überfallen im Schlafe, hätten zum wenigsten unsere Türe bewacht, und
diese Verwechslung des braven, jungen Burschen wäre nimmer möglich
geworden.«
Sie stimmten mit der Meinung des Fuhrmanns alle überein und
beschlossen, auch die Wirtin und ihr Gesinde bei der Obrigkeit
anzugeben. Doch um sie desto sicherer zu machen, wollten sie sich jetzt
nichts merken lassen. Die Bedienten und der Fuhrmann gingen daher
hinab in das Schenkzimmer, lösten die Bande der Diebeshehler auf und
bezeigten sich so mitleidig und bedauernd als möglich. Um ihre Gäste
noch mehr zu versöhnen, machte die Wirtin nur eine kleine Rechnung für
jeden und lud sie ein, recht bald wiederzukommen.
Der Fuhrmann zahlte seine Zeche, nahm von seinen Leidensgenossen
Abschied und fuhr seine Straße. Nach diesem machten sich die beiden
Handwerksbursche auf den Weg. So leicht der Bündel des Goldschmieds
war, so drückte er doch die zarte Dame nicht wenig. Aber noch viel
schwerer wurde ihr ums Herz, als unter der Haustüre die Wirtin ihre
verbrecherische Hand hinstreckte, um Abschied zu nehmen. »Ei, was
seid Ihr doch für ein junges Blut,« rief sie beim Anblick des zarten
Jungen, »noch so jung und schon in die Welt hinaus! Ihr seid gewiß ein
verdorbenes Kräutlein, das der Meister aus der Werkstatt jagte. Nun,
was geht es mich an, schenket mir die Ehre bei der Heimkehr, glückliche
Reise!«
Die Gräfin wagte vor Angst und Beben nicht zu antworten, sie fürchtete,
sich durch ihre zarte Stimme zu verraten. Der Zirkelschmied merkte es,
nahm seinen Gefährten unter den Arm, sagte der Wirtin Ade und stimmte
ein lustiges Lied an, während er dem Walde zuschritt.
»Jetzt erst bin ich in Sicherheit!« rief die Gräfin, als sie etwa
hundert Schritte entfernt waren. »Noch immer glaubte ich, die Frau
werde mich erkennen und durch ihre Knechte festnehmen. O, wie will ich
euch allen danken! Kommet auch Ihr auf mein Schloß, Ihr müßt doch Euren
Reisegenossen bei mir wieder abholen.«
Der Zirkelschmied sagte zu, und während sie noch sprachen, kam der
Wagen der Gräfin ihnen nachgefahren; schnell wurde die Türe geöffnet,
die Dame schlüpfte hinein, grüßte den jungen Handwerksburschen noch
einmal, und der Wagen fuhr weiter.
Um dieselbe Zeit hatten die Räuber und ihre Gefangenen den Lagerplatz
der Bande erreicht. Sie waren durch eine ungebahnte Waldstraße im
schnellsten Trab weggeritten; mit ihren Gefangenen wechselten sie
kein Wort, auch unter sich flüsterten sie nur zuweilen, wenn die
Richtung des Weges sich veränderte. Vor einer tiefen Waldschlucht
machte man endlich Halt. Die Räuber saßen ab, und ihr Anführer hob den
Goldarbeiter vom Pferd, indem er sich über den harten und eiligen Ritt
entschuldigte und fragte, ob doch die gnädige Frau nicht gar zu sehr
angegriffen sei.
Felix antwortete ihm so zierlich als möglich, daß er sich nach Ruhe
sehne, und der Hauptmann bot ihm den Arm, ihn in die Schlucht zu
führen. -- Es ging einen steilen Abhang hinab; der Fußpfad, welcher
hinabführte, war so schmal und abschüssig, daß der Anführer oft seine
Dame unterstützen mußte, um sie vor der Gefahr, hinabzustürzen,
zu bewahren. Endlich langte man unten an. Felix sah vor sich beim
matten Schein des anbrechenden Morgens ein enges, kleines Tal von
höchstens hundert Schritten im Umfang, das tief in einem Kessel hoch
hinanstrebender Felsen lag. Etwa sechs bis acht kleine Hütten waren
in dieser Schlucht aus Brettern und abgehauenen Bäumen aufgebaut.
Einige schmutzige Weiber schauten neugierig aus diesen Höhlen hervor,
und ein Rudel von zwölf großen Hunden und ihren unzähligen Jungen
umsprang heulend und bellend die Angekommenen. Der Hauptmann führte die
vermeintliche Gräfin in die beste dieser Hütten und sagte ihr, diese
sei ausschließlich zu ihrem Gebrauch bestimmt; auch erlaubte er auf
Felix' Verlangen, daß der Jäger und der Student zu ihm gelassen wurden.
Die Hütte war mit Rehfellen und Matten ausgelegt, die zugleich zum
Fußboden und Sitze dienen mußten. Einige Krüge und Schüsseln aus Holz
geschnitzt, eine alte Jagdflinte, und in der hintersten Ecke ein Lager,
aus ein paar Brettern gezimmert und mit wollenen Decken bekleidet,
welchem man den Namen eines Bettes nicht geben konnte, waren die
einzigen Geräte dieses gräflichen Palastes. Jetzt erst, allein gelassen
in dieser elenden Hütte, hatten die drei Gefangenen Zeit, über ihre
sonderbare Lage nachzudenken. Felix, der zwar seine edelmütige Handlung
keinen Augenblick bereute, aber doch für seine Zukunft im Fall einer
Entdeckung bange war, wollte sich in lauten Klagen Luft machen; der
Jäger aber rückte ihm schnell näher und flüsterte ihm zu: »Sei um
Gottes willen stille, lieber Junge; glaubst du denn nicht, daß man uns
behorcht?« -- »Aus jedem Wort, aus dem Ton deiner Sprache könnten sie
Verdacht schöpfen,« setzte der Student hinzu. Dem armen Felix blieb
nichts übrig, als stille zu weinen.
»Glaubt mir, Herr Jäger,« sagte er, »ich weine nicht aus Angst vor
diesen Räubern, oder aus Furcht vor dieser elenden Hütte, nein, es ist
ein ganz anderer Kummer, der mich drückt! Wie leicht kann die Gräfin
vergessen, was ich ihr schnell noch sagte, und dann hält man mich für
einen Dieb, und ich bin elend auf immer!«
»Aber was ist es denn, das dich so ängstigt?« fragte der Jäger,
verwundert über das Benehmen des jungen Menschen, der sich bisher so
mutig und stark betragen hatte.
»Höret zu, und Ihr werdet mir recht geben,« antwortete Felix. »Mein
Vater war ein geschickter Goldarbeiter in Nürnberg, und meine Mutter
hatte früher bei einer vornehmen Frau gedient als Kammerfrau, und
als sie meinen Vater heiratete, wurde sie von der Gräfin, welcher
sie gedient hatte, trefflich ausgestattet. Diese blieb meinen Eltern
immer gewogen, und als ich auf die Welt kam, wurde sie meine Pate und
beschenkte mich reichlich. Aber als meine Eltern bald nacheinander
an einer Seuche starben, und ich ganz allein und verlassen in der
Welt stand und ins Waisenhaus gebracht werden sollte, da vernahm die
Frau Pate unser Unglück, nahm sich meiner an und gab mich in ein
Erziehungshaus; und als ich alt genug war, schrieb sie mir, ob ich
nicht des Vaters Gewerbe lernen wollte. Ich war froh darüber und sagte
zu, und so gab sie mich meinem Meister in Würzburg in die Lehre. Ich
hatte Geschick zur Arbeit und brachte es bald so weit, daß mir der
Lehrbrief ausgestellt wurde und ich auf die Wanderschaft mich rüsten
konnte. Dies schrieb ich der Frau Pate, und flugs antwortete sie, daß
sie das Geld zur Wanderschaft gebe. Dabei schickte sie prachtvolle
Steine mit und verlangte, ich solle sie fassen zu einem schönen
Geschmeide, ich solle dann solches als Probe meiner Geschicklichkeit
selbst überbringen und das Reisegeld in Empfang nehmen. Meine Frau Pate
habe ich in meinem Leben nicht gesehen, und Ihr könnet denken, wie ich
mich auf sie freute. Tag und Nacht arbeitete ich an dem Schmuck, er
wurde so schön und zierlich, daß selbst der Meister darüber erstaunte.
Als er fertig war, packte ich alles sorgfältig auf den Boden meines
Ränzels, nahm Abschied vom Meister und wanderte meine Straße nach dem
Schlosse der Frau Pate. Da kamen,« fuhr er, in Tränen ausbrechend
fort, »diese schändlichen Menschen und zerstörten all meine Hoffnung.
Denn wenn Eure Frau Gräfin den Schmuck verliert oder vergißt, was ich
ihr sagte, und das schlechte Ränzchen wegwirft, wie soll ich dann
vor meine gnädige Frau Pate treten? Mit was soll ich mich ausweisen?
Woher die Steine ersetzen? Und das Reisegeld ist dann auch verloren,
und ich erscheine als ein undankbarer Mensch, der anvertrautes Gut so
leichtsinnig weggegeben. Und am Ende -- wird man mir glauben, wenn ich
den wunderbaren Vorfall erzähle?«
»Ueber das letztere seid getrost!« erwiderte der Jäger. »Ich glaube
nicht, daß bei der Gräfin Euer Schmuck verloren gehen kann; und wenn
auch, so wird sie sicherlich ihn ihrem Retter wiedererstatten und ein
Zeugnis über diese Vorfälle ausstellen. -- Wir verlassen Euch jetzt
auf einige Stunden, denn wahrhaftig, wir brauchen Schlaf, und nach den
Anstrengungen dieser Nacht werdet Ihr ihn auch nötig haben. Nachher
laßt uns im Gespräch unser Unglück auf Augenblicke vergessen oder,
besser noch, auf unsre Flucht denken.«
Sie gingen; Felix blieb allein zurück und versuchte, dem Rat des Jägers
zu folgen.
Als nach einigen Stunden der Jäger mit dem Studenten zurückkam, fand
er seinen jungen Freund gestärkter und munterer als zuvor. Er erzählte
dem Goldschmied, daß ihm der Hauptmann alle Sorgfalt für die Dame
empfohlen habe, und in wenigen Minuten werde eins der Weiber, die sie
unter den Hütten gesehen hatten, der gnädigen Gräfin Kaffee bringen und
ihre Dienste zur Aufwartung anbieten. Sie beschlossen, um ungestört
zu sein, diese Gefälligkeit nicht anzunehmen, und als das alte,
häßliche Zigeunerweib kam, das Frühstück vorsetzte und mit grinsender
Freundlichkeit fragte, ob sie nicht sonst noch zu Diensten sein könnte,
winkte ihr Felix zu gehen, und als sie noch zauderte, scheuchte sie
der Jäger aus der Hütte. Der Student erzählte dann weiter, was sie
sonst noch von dem Lager der Räuber gesehen. »Die Hütte, die Ihr
bewohnt, schönste Frau Gräfin,« sprach er, »scheint ursprünglich für
den Hauptmann bestimmt. Sie ist nicht so geräumig, aber schöner als die
übrigen. Außer dieser sind noch sechs andere da, in welchen die Weiber
und Kinder wohnen, denn von den Räubern sind selten mehr als sechs zu
Hause. Einer steht nicht weit von dieser Hütte Wache, der andere unten
am Weg in der Höhe, und ein dritter hat den Lauerposten oben am Eingang
in die Schlucht. Von zwei Stunden zu zwei Stunden werden sie von den
übrigen abgelöst. Jeder hat überdies zwei große Hunde neben sich
liegen, und sie alle sind so wachsam, daß man keinen Fuß aus der Hütte
setzen kann, ohne daß sie anschlagen. Ich habe keine Hoffnung, daß wir
uns durchstehlen können.«
»Machet mich nicht traurig, ich bin nach dem Schlummer mutiger
geworden,« entgegnete Felix, »gebet nicht alle Hoffnung auf, und
fürchtet Ihr Verrat, so lasset uns lieber jetzt von etwas anderem reden
und nicht lange voraus schon kummervoll sein. Herr Student, in der
Schenke habt Ihr angefangen, etwas zu erzählen, fahrt jetzt fort, denn
wir haben Zeit zum Plaudern.«
»Kann ich mich doch kaum erinnern, was es war,« antwortete der junge
Mann.
»Ihr erzähltet die Sage von dem _kalten Herzen_ und seid stehen
geblieben, wie der Wirt und der andere Spieler den Kohlenpeter aus der
Türe warfen.«
»Gut, jetzt entsinne ich mich wieder,« entgegnete er, »nun, wenn Ihr
weiter hören wollet, will ich fortfahren.«
Das kalte Herz.
Zweite Abteilung.
Als Peter am Montag morgen in seine Glashütte ging, da waren nicht
nur seine Arbeiter da, sondern auch andere Leute, die man nicht gerne
sieht, nämlich der Amtmann und drei Gerichtsdiener. Der Amtmann
wünschte Petern einen guten Morgen, fragte, wie er geschlafen, und zog
dann ein langes Register heraus, und darauf waren Peters Gläubiger
verzeichnet. »Könnt Ihr zahlen oder nicht?« fragte der Amtmann mit
strengem Blick. »Und macht es nur kurz, denn ich habe nicht viel
Zeit zu versäumen, und in den Turm ist es drei gute Stunden.« Da
verzagte Peter, gestand, daß er nichts mehr habe, und überließ es dem
Amtmann, Haus und Hof, Hütte und Stall, Wagen und Pferde zu schätzen;
und als die Gerichtsdiener und der Amtmann umhergingen und prüften
und schätzten, dachte er, bis zum Tannenbühl ist's nicht weit; hat
mir der _Kleine_ nichts geholfen, so will ich es einmal mit dem
_Großen_ versuchen. Er lief dem Tannenbühl zu, so schnell, als ob die
Gerichtsdiener ihm auf den Fersen wären; es war ihm, als er an dem
Platz vorbeirannte, wo er das Glasmännlein zuerst gesprochen, als halte
ihn eine unsichtbare Hand auf, aber er riß sich los und lief weiter,
bis an die Grenze, die er sich früher wohl gemerkt hatte, und kaum
hatte er, beinahe atemlos: »Holländer Michel! Herr Holländer Michel!«
gerufen, als auch schon der riesengroße Flößer mit seiner Stange vor
ihm stand.
»Kommst du?« sprach dieser lachend. »Haben sie dir die Haut abziehen
und deinen Gläubigern verkaufen wollen? Nu, sei ruhig; dein ganzer
Jammer kommt, wie gesagt, von dem kleinen Glasmännlein, von dem
Separatisten und Frömmler her. Wenn man schenkt, muß man gleich recht
schenken, und nicht wie dieser Knauser. Doch komm,« fuhr er fort und
wandte sich gegen den Wald, »folge mir in mein Haus, dort wollen wir
sehen, ob wir handelseinig werden.«
»Handelseinig?« dachte Peter. »Was kann er denn von mir verlangen, was
kann ich an ihn verhandeln? Soll ich ihm etwa dienen, oder was will
er?« Sie gingen zuerst über einen steilen Waldsteig hinan und standen
dann mit einemmale an einer dunkeln, tiefen, abschüssigen Schlucht;
Holländer Michel sprang den Felsen hinab, wie wenn es eine sanfte
Marmortreppe wäre; aber bald wäre Peter in Ohnmacht gesunken, denn als
jener unten angekommen war, machte er sich so groß wie ein Kirchturm
und reichte ihm einen Arm, so lang als ein Weberbaum, und eine Hand
daran, so breit als der Tisch im Wirtshaus, und rief mit einer Stimme,
die herauf schallte wie eine tiefe Totenglocke: »Setz' dich nur auf
meine Hand und halte dich an den Fingern, so wirst du nicht fallen.«
Peter tat zitternd, wie jener befohlen, nahm Platz auf der Hand und
hielt sich am Daumen des Riesen.
Es ging weit und tief hinab, aber dennoch ward es zu Peters
Verwunderung nicht dunkler; im Gegenteil, die Tageshelle schien sogar
zuzunehmen in der Schlucht, aber er konnte sie lange in den Augen nicht
ertragen. Der Holländer Michel hatte sich, je weiter Peter herabkam,
wieder kleiner gemacht und stand nun in seiner früheren Gestalt
vor einem Haus, so gering oder gut, als es reiche Bauern auf dem
Schwarzwald haben. Die Stube, worein Peter geführt wurde, unterschied
sich durch nichts von den Stuben anderer Leute als dadurch, daß sie
einsam schien.
Die hölzerne Wanduhr, der ungeheure Kachelofen, die breiten Bänke, die
Gerätschaften auf den Gesimsen waren hier wie überall. Michel wies ihm
einen Platz hinter dem großen Tisch an, ging dann hinaus und kam bald
mit einem Krug Wein und Gläsern wieder. Er goß ein, und nun schwatzten
sie, und Holländer Michel erzählte von den Freuden der Welt, von
fremden Ländern, schönen Städten und Flüssen, daß Peter, am Ende große
Sehnsucht danach bekommend, dies auch offen dem Holländer sagte.
»Wenn du im ganzen Körper Mut und Kraft, etwas zu unternehmen, hattest,
da konnten ein paar Schläge des dummen Herzens dich zittern machen;
und dann die Kränkungen der Ehre, das Unglück, für was soll sich
ein vernünftiger Kerl um dergleichen bekümmern? Hast du's im Kopf
empfunden, als dich letzthin einer einen Betrüger und schlechten Kerl
nannte? Hat es dir im Magen wehe getan, als der Amtmann kam, dich aus
dem Hause zu werfen? Was, sag' an, was hat dir wehe getan?«
»Mein Herz,« sprach Peter, indem er die Hand auf die pochende Brust
preßte; denn es war ihm, als ob sein Herz sich ängstlich hin und her
wendete.
»Du hast, nimm mir es nicht übel, du hast viele hundert Gulden an
schlechte Bettler und anderes Gesindel weggeworfen; was hat es
dir genützt? Sie haben dir dafür Segen und einen gesunden Leib
gewünscht; ja, bist du deswegen gesünder geworden? Um die Hälfte des
verschleuderten Geldes hättest du einen Arzt gehalten. Segen, ja, ein
schöner Segen, wenn man ausgepfändet und ausgestoßen wird! Und was war
es, das dich getrieben, in die Tasche zu fahren, so oft ein Bettelmann
seinen zerlumpten Hut hinstreckte? -- Dein Herz, auch wieder dein Herz,
und weder deine Augen, noch deine Zunge, deine Arme, noch deine Beine,
sondern dein Herz; du hast dir es, wie man richtig sagt, zu sehr zu
Herzen genommen.«
»Aber wie kann man sich denn angewöhnen, daß es nicht mehr so ist? Ich
gebe mir jetzt alle Mühe, es zu unterdrücken, und dennoch pocht mein
Herz und tut mir wehe.«