Handlung, und Falke starrte seinen Freund mit den Augen an, womit
ein Mann ein Kind anstaunen würde, das sich das zu tun getraut, was
er selbst nicht gewagt. Strumpf schien aber weder von dem Donner
erschreckt, noch durch das starre Erstaunen seines Gefährten außer
Fassung gebracht, sondern fiel, ohne ein Wort zu reden, über die Kuh
her und fing an, ihr die Haut abzuziehen. Als Wilm sich ein wenig
erholt hatte, half er ihm in diesem Geschäfte, aber mit so sichtbarem
Widerwillen, als er vorher begierig gewesen war, das Opfer vollendet zu
sehen. Während dieser Arbeit hatte sich das Gewitter zusammengezogen,
der Donner brüllte laut im Gebirge, und furchtbare Blitze schlängelten
sich um den Stein und über das Moos der Schlucht hin, während der Wind,
welcher diese Höhe noch nicht erreicht hatte, die untern Täler und das
Gestade mit wildem Heulen erfüllte. Und als die Haut endlich abgezogen
war, fanden beide Fischer sich schon bis auf die Haut durchnäßt. Sie
breiteten jene auf dem Boden aus, und Kaspar wickelte und band Falken,
so wie dieser es ihn geheißen, in derselben fest ein. Dann erst, als
dies geschehen war, brach der arme Mensch das lange Stillschweigen, und
indem er mitleidig auf seinen betörten Freund hinabblickte, fragte er
mit zitternder Stimme: »Kann ich noch etwas für dich tun, Wilm?«
»Nichts mehr,« erwiderte der andere, »lebe wohl!«
»Leb' wohl,« erwiderte Kaspar, »Gott sei mit dir und vergebe dir, wie
ich es tue!«
Dies waren die letzten Worte, welche Wilm von ihm hörte, denn im
nächsten Augenblick war er in der immer zunehmenden Dunkelheit
verschwunden. Und in demselben Augenblick brach auch einer der
fürchterlichsten Gewitterstürme, die Wilm nur je gehört hatte, aus.
Er fing an mit einem Blitz, welcher Falken nicht nur die Berge und
Felsen in seiner unmittelbaren Nähe, sondern auch das Tal unter ihm,
mit dem schäumenden Meere und den in der Bucht zerstreut liegenden
Felseninseln zeigte, zwischen welchen er die Erscheinung eines großen
fremdartigen und entmasteten Schiffes zu erblicken glaubte, welches
auch im Augenblick wieder in der schwärzesten Dunkelheit verschwand.
Die Donnerschläge wurden ganz betäubend. Eine Masse Felsenstücke
rollte vom Gebirge herab und drohte ihn zu erschlagen. Der Regen ergoß
sich in solcher Menge, daß er in einem Augenblick das enge Sumpftal
mit einer hohen Flut überströmte, welche bald bis zu Wilms Schultern
hinaufreichte, denn glücklicherweise hatte ihn Kaspar mit dem oberen
Teile des Körpers auf eine Erhöhung gelegt, sonst hätte er auf einmal
ertrinken müssen. Das Wasser stieg immer höher, und je mehr Wilm sich
anstrengte, sich aus seiner gefahrvollen Lage zu befreien, desto fester
umgab ihn die Haut. Umsonst rief er nach Kaspar. Kaspar war weit
weg. Gott in seiner Not anzurufen, wagte er nicht, und ein Schauder
ergriff ihn, wenn er die Mächte anflehen wollte, deren Gewalt er sich
hingegeben fühlte.
Schon drang ihm das Wasser in die Ohren, schon berührte es den Rand
der Lippen. »Gott, ich bin verloren!« schrie er, indem er einen Strom
über sein Gesicht hinstürzen fühlte -- aber in demselben Augenblicke
drang ein Schall, wie von einem nahen Wasserfall, schwach in sein
Gehör, und sogleich war auch sein Mund wieder unbedeckt. Die Flut
hatte sich durch das Gestein Bahn gebrochen. Und da auch zu gleicher
Zeit der Regen etwas nachließ, und das tiefe Dunkel des Himmels sich
etwas verzog, so ließ auch seine Verzweiflung nach, und es schien ihm
ein Strahl der Hoffnung zurückzukehren. Aber obgleich er sich wie
von einem Todeskampfe erschöpft fühlte und sehnlich wünschte, aus
seiner Gefangenschaft erlöst zu sein, so war doch der Zweck seines
verzweifelten Strebens noch nicht erreicht, und mit der verschwundenen
unmittelbaren Lebensgefahr kam auch die Habsucht mit all ihren Furien
in seine Brust zurück. Aber überzeugt, daß er in seiner Lage ausharren
müsse, um sein Ziel zu erreichen, hielt er sich ruhig und fiel vor
Kälte und Ermüdung in einen festen Schlaf.
Er mochte ungefähr zwei Stunden geschlafen haben, als ihn ein
kalter Wind, der ihm übers Gesicht fuhr, und ein Rauschen, wie von
herannahenden Meereswogen, aus seiner glücklichen Selbstvergessenheit
aufrüttelten. Der Himmel hatte sich aufs neue verfinstert. Ein Blitz,
wie der, welcher den ersten Sturm herbeigeführt, erhellte noch einmal
die Gegend umher, und er glaubte abermals das fremde Schiff zu
erblicken, das jetzt dicht vor der Steenfollklippe auf einer hohen
Welle zu hängen und dann jählings in den Abgrund zu schießen schien.
Er starrte noch immer nach dem Phantom, denn ein unaufhörliches
Blitzen hielt jetzt das Meer erleuchtet, als sich auf einmal eine
berghohe Wasserhose aus dem Tale erhob und ihn mit solcher Gewalt gegen
einen Felsen schleuderte, daß ihm alle Sinne vergingen. Als er wieder
zu sich selbst kam, hatte sich das Wetter verzogen, der Himmel war
heiter, aber das Wetterleuchten dauerte noch immer fort. Er lag dicht
am Fuße des Gebirges, welches dieses Tal umschloß, und er fühlte sich
so zerschlagen, daß er sich kaum zu rühren vermochte. Er hörte das
stillere Brausen der Brandung und mitten drinnen eine feierliche Musik
wie Kirchengesang. Diese Töne waren anfangs so schwach, daß er sie für
Täuschung hielt. Aber sie ließen sich immer wieder aufs neue vernehmen,
und jedesmal deutlicher und näher, und es schien ihm zuletzt, als könne
er darin die Melodie eines Psalmes unterscheiden, die er im vorigen
Sommer an Bord eines holländischen Heringsfängers gehört hatte.
Endlich unterschied er sogar Stimmen, und es deuchte ihm, als vernehme
er sogar die Worte jenes Liedes. Die Stimmen waren jetzt in dem
Tale, und als er sich mit Mühe zu einem Stein hingeschoben, auf den
er den Kopf legte, erblickte er wirklich einen Zug von menschlichen
Gestalten, von welchen diese Musik ausging, und der sich gerade auf
ihn zu bewegte. Kummer und Angst lagen auf den Gesichtern der Leute,
deren Kleider von Wasser zu triefen schienen. Jetzt waren sie dicht bei
ihm, und ihr Gesang schwieg. An ihrer Spitze waren mehrere Musikanten,
dann mehrere Seeleute, und hinter diesen kam ein großer, starker Mann
in altväterlicher, reich mit Gold besetzter Tracht, mit einem Schwert
an der Seite und einem langen, dicken spanischen Rohr mit goldenem
Knopf in der Hand. Ihm zur Linken ging ein Negerknabe, welcher seinem
Herrn von Zeit zu Zeit eine lange Pfeife reichte, aus der er einige
feierliche Züge tat, und dann weiterschritt. Er blieb kerzengerade vor
Wilm stehen, und ihm zu beiden Seiten stellten sich andere, minder
prächtig gekleidete Männer, welche alle Pfeifen in den Händen hatten,
die aber nicht so kostbar schienen als die Pfeife, welche dem dicken
Manne nachgetragen wurde. Hinter diesen traten andere Personen auf,
worunter mehrere Frauenspersonen, von denen einige Kinder in den Armen
oder an der Hand hatten, alle in kostbarer, aber fremdartiger Kleidung.
Ein Haufen holländischer Matrosen schloß den Zug, deren jeder den Mund
voll Tabak und zwischen den Zähnen ein braunes Pfeifchen hatte, das sie
in düsterer Stille rauchten.
Der Fischer blickte mit Grausen auf diese sonderbare Versammlung; aber
die Erwartung dessen, das da kommen werde, hielt seinen Mut aufrecht.
Lange standen sie so um ihn her, und der Rauch ihrer Pfeifen erhob
sich wie eine Wolke über sie, zwischen welcher die Sterne hindurch
blinkten. Der Kreis zog sich immer enger um Wilm her, das Rauchen
ward immer heftiger, und dicker die Wolke, die aus Mund und Pfeifen
hervorstieg. Falke war ein kühner, verwegener Mann, er hatte sich auf
Außerordentliches vorbereitet; aber als er diese unbegreifliche Menge
immer näher auf sich eindringen sah, als wolle sie ihn mit ihrer Masse
erdrücken, da entsank ihm der Mut, dicker Schweiß trat ihm vor die
Stirne, und er glaubte, vor Angst vergehen zu müssen. Aber man denke
sich erst seinen Schrecken, als er von ungefähr die Augen wandte und
dicht an seinem Kopf das gelbe Männchen steif und aufrecht sitzen
sah, wie er es zum erstenmal erblickt, nur daß es jetzt, als wie zum
Spotte der ganzen Versammlung, auch eine Pfeife im Munde hatte. In der
Todesangst, die ihn jetzt ergriff, rief er zu der Hauptperson gewendet:
»Im Namen dessen, dem Ihr dienet, wer seid Ihr? Und was verlangt Ihr
von mir?« Der große Mann rauchte drei Züge, feierlicher als je, gab
dann die Pfeife seinem Diener und antwortete mit schreckhafter Kälte:
»Ich bin Aldret Franz van der Swelder, Befehlshaber des Schiffes
_Carmilhan_ von Amsterdam, welches auf dem Heimwege von Batavia mit
Mann und Maus an dieser Felsenküste zu Grunde ging; dies sind meine
Offiziere, dies meine Passagiere, und jenes meine braven Seeleute,
welche alle mit mir ertranken. Warum hast du uns aus unsern tiefen
Wohnungen im Meere hervorgerufen? Warum störtest du unsere Ruhe?«
»Ich möchte wissen, wo die Schätze des Carmilhan liegen.«
»Am Boden des Meeres.«
»Wo?«
»In der Höhle von Steenfoll.«
»Wie soll ich sie bekommen?«
»Eine Gans taucht in den Schlund nach einem Hering; sind die Schätze
des Carmilhan nicht ebensoviel wert?«
»Wie viel davon werd' ich bekommen?«
»Mehr als du je verzehren wirst.« Das gelbe Männchen grinste, und
die ganze Versammlung lachte laut auf. »Bist du zu Ende?« fragte der
Hauptmann weiter.
»Ich bin's. Gehab' dich wohl!«
»Leb' wohl bis aufs Wiedersehen!« erwiderte der Holländer und wandte
sich zum Gehen, die Musikanten traten aufs neue an die Spitze, und der
ganze Zug entfernte sich in derselben Ordnung, in welcher er gekommen
war, und mit demselben feierlichen Gesang, welcher mit der Entfernung
immer leiser und undeutlicher wurde, bis er sich nach einiger Zeit
gänzlich im Geräusche der Brandung verlor. Jetzt strengte Wilm seine
letzten Kräfte an, sich aus seinen Banden zu befreien, und es gelang
ihm endlich, einen Arm los zu bekommen, womit er die ihn umwindenden
Stricke löste und sich endlich ganz aus der Haut wickelte. Ohne sich
umzusehen, eilte er nach seiner Hütte und fand den armen Kaspar
Strumpf in starrer Bewußtlosigkeit am Boden liegen. Mit Mühe brachte
er ihn wieder zu sich selbst, und der gute Mensch weinte vor Freude,
als er den verloren geglaubten Jugendfreund wieder vor sich sah. Aber
dieser beglückende Strahl verschwand schnell wieder, als er von diesem
vernahm, welch verzweifeltes Unternehmen er jetzt vorhatte.
»Ich wollte mich lieber in die Hölle stürzen, als diese nackten Wände
und dieses Elend länger ansehen. -- Folge mir oder nicht, ich gehe.«
Mit diesen Worten faßte Wilm eine Fackel, ein Feuerzeug und ein Seil
und eilte davon. Kaspar eilte ihm nach, so schnell er's vermochte,
und fand ihn schon auf dem Felsstück stehen, auf welchem er vormals
gegen den Sturm Schutz gefunden, und bereit, sich an dem Stricke in
den schwarzen, brausenden Schlund hinabzulassen. Als er fand, daß alle
seine Vorstellungen nichts über den rasenden Menschen vermochten,
bereitete er sich, ihm nachzusteigen, aber Falke befahl ihm, zu bleiben
und den Strick zu halten. Mit furchtbarer Anstrengung, wozu nur die
blindeste Habsucht den Mut und die Stärke geben konnte, kletterte
Falke in die Höhle hinab und kam endlich auf ein vorspringendes
Felsenstück zu stehen, unter welchem die Wogen schwarz und mit weißem
Schaume bekräuselt brausend dahineilten. Er blickte begierig umher
und sah endlich etwas gerade unter ihm im Wasser schimmern. Er legte
die Fackel nieder, stürzte sich hinab und erfaßte etwas Schweres,
das er auch heraufbrachte. Es war ein eisernes Kästchen voller
Goldstücke. Er verkündigte seinem Gefährten, was er gefunden, wollte
aber durchaus nicht auf sein Flehen hören, sich damit zu begnügen und
wieder heraufzusteigen. Falke meinte, dies wäre nur die erste Frucht
seiner langen Bemühungen. Er stürzte sich noch einmal hinab -- es
erscholl ein lautes Gelächter aus dem Meere, und Wilm Falke ward nie
wieder gesehen. Kaspar ging allein nach Hause, aber als ein anderer
Mensch. Die seltsamen Erschütterungen, die sein schwacher Kopf und
sein empfindsames Herz erlitten, zerrütteten ihm die Sinne. Er ließ
alles um sich her verfallen und wanderte Tag und Nacht gedankenlos
vor sich starrend umher, von allen seinen vorigen Bekannten bedauert
und gemieden. Ein Fischer will Wilm Falke in einer stürmischen Nacht
mitten unter der Mannschaft des Carmilhan am Ufer erkannt haben, und in
derselben Nacht verschwand auch Kaspar Strumpf.
Man suchte ihn allenthalben, allein nirgends hat man eine Spur von ihm
finden können. Aber die Sage geht, daß er oft nebst Falke mitten unter
der Mannschaft des Zauberschiffes gesehen worden sei, welches seitdem
zu regelmäßigen Zeiten an der Höhle von Steenfoll erschien.
* * * * *
»Mitternacht ist längst vorüber,« sagte der Student, als der junge
Goldarbeiter seine Erzählung geendigt hatte, »jetzt hat es wohl keine
Gefahr mehr, und ich für meinen Teil bin so schläfrig, daß ich allen
raten möchte, niederzuliegen und getrost einzuschlafen.«
»Vor zwei Uhr morgens möcht' ich doch nicht trauen,« entgegnete der
Jäger; »das Sprichwort sagt: von elf bis zwei Uhr ist Diebes Zeit.«
»Das glaube ich auch,« bemerkte der Zirkelschmied; »denn wenn man
uns etwas anhaben will, ist wohl keine Zeit gelegener als die nach
Mitternacht. Drum meine ich, der Studiosus könnte in seiner Erzählung
fortfahren, die er noch nicht ganz vollendet hat.«
»Ich sträube mich nicht,« sagte dieser, »obgleich unser Nachbar, der
Herr Jäger, den Anfang nicht gehört hat.«
»Ich muß ihn mir hinzudenken, fanget nur an;« rief der Jäger.
»Nun denn,« wollte eben der Student beginnen, als sie durch das
Anschlagen eines Hundes unterbrochen wurden; alle hielten den Atem an
und horchten; zugleich stürzte einer der Bedienten aus dem Zimmer der
Gräfin und rief, daß wohl zehn bis zwölf bewaffnete Männer von der
Seite her auf die Schenke zukommen.
Der Jäger griff nach seiner Büchse, der Student nach seinem Pistol, die
Handwerksburschen nach ihren Stöcken, und der Fuhrmann zog ein langes
Messer aus der Tasche. So standen sie und sahen ratlos einander an.
»Laßt uns an die Treppe gehen!« rief der Student, »zwei oder drei
dieser Schurken sollen doch zuvor ihren Tod finden, ehe wir überwältigt
werden.« Zugleich gab er dem Zirkelschmied sein zweites Pistol und
riet, daß sie nur einer nach dem andern schießen wollten. Sie stellten
sich an die Treppe; der Student und der Jäger nahmen gerade ihre ganze
Breite ein; seitwärts neben dem Jäger stand der mutige Zirkelschmied
und beugte sich über das Geländer, indem er die Mündung seines Pistols
auf die Mitte der Treppe hielt. Der Goldarbeiter und der Fuhrmann
standen hinter ihnen, bereit, wenn es zu einem Kampf Mann gegen Mann
kommen sollte, das Ihrige zu tun. So standen sie einige Minuten in
stummer Erwartung; endlich hörte man die Haustüre aufgehen, sie
glaubten auch das Flüstern mehrerer Stimmen zu vernehmen.
Jetzt hörte man Tritte vieler Menschen der Treppe nahen, man kam die
Treppe herauf, und auf der ersten Hälfte zeigten sich drei Männer, die
wohl nicht auf den Empfang gefaßt waren, der ihnen bereitet war. Denn
als sie sich um die Pfeiler der Treppe wandten, schrie der Jäger mit
starker Stimme: »Halt! Noch einen Schritt weiter, und ihr seid des
Todes. Spannet die Hähne, Freunde, und gut gezielt!«
Die Räuber erschraken, zogen sich eilig zurück und berieten sich mit
den übrigen. Nach einer Weile kam einer davon zurück und sprach: »Ihr
Herren! Es wäre Torheit von euch, umsonst euer Leben aufopfern zu
wollen, denn wir sind unser genug, um euch völlig aufzureiben; aber
ziehet euch zurück, es soll keinem das Geringste zuleide geschehen; wir
wollen keines Groschen Wert von euch nehmen.«
»Was wollt ihr denn sonst?« rief der Student. »Meint ihr, wir werden
solchem Gesindel trauen? Nimmermehr! Wollt ihr etwas holen, in Gottes
Namen! so kommet, aber den ersten, der sich um die Ecke wagt, brenne
ich auf die Stirne, daß er auf ewig keine Kopfschmerzen mehr haben
soll!«
»Gebt uns die Dame heraus, gutwillig;« antwortete der Räuber. »Es soll
ihr nichts geschehen, wir wollen sie an einen sichern und bequemen Ort
führen, ihre Leute können zurückreiten und den Herrn Grafen bitten, er
möge sie mit zwanzigtausend Gulden auslösen.«
»Solche Vorschläge sollen wir uns machen lassen?« entgegnete der Jäger,
knirschend vor Wut, und spannte den Hahn. »Ich zähle drei, und wenn
du da unten nicht bei drei hinweg bist, so drücke ich los. -- Eins!
Zwei! --«
»Halt!« schrie der Räuber mit donnernder Stimme. »Ist das Sitte, auf
einen wehrlosen Mann zu schießen, der mit euch friedlich unterhandelt?
Törichter Bursche, du kannst mich totschießen, und dann hast du erst
keine große Heldentat getan; aber hier stehen zwanzig meiner Kameraden,
die mich rächen werden. Was nützt es dann deiner Frau Gräfin, wenn
ihr tot oder verstümmelt auf der Flur lieget? Glaube mir, wenn sie
freiwillig mitgeht, soll sie mit Achtung behandelt werden, aber wenn
du, bis ich drei zähle, nicht den Hahn in Ruhe setzest, so soll es ihr
übel ergehen. Hahn in Ruh', eins, zwei, drei!«
»Mit diesen Hunden ist nicht zu spaßen,« flüsterte der Jäger, indem er
den Befehl des Räubers befolgte; »wahrhaftig, an meinem Leben liegt
nichts, aber wenn ich einen niederschieße, könnten sie meine Dame um so
härter behandeln. Ich will die Gräfin um Rat fragen. Gebt uns,« fuhr er
mit lauter Stimme fort, »gebt uns eine halbe Stunde Waffenstillstand,
um die Gräfin vorzubereiten, sie würde, wenn sie es so plötzlich
erfährt, den Tod davon haben.«
»Zugestanden,« antwortete der Räuber und ließ zugleich den Ausgang der
Treppe mit sechs Mann besetzen.
Bestürzt und verwirrt folgten die unglücklichen Reisenden dem Jäger
in das Zimmer der Gräfin; es lag dieses so nahe, und so laut hatte
man verhandelt, daß ihr kein Wort entgangen war. Sie war bleich und
zitterte heftig, aber dennoch schien sie fest entschlossen, sich in
ihr Schicksal zu ergeben: »Warum soll ich nutzlos das Leben so vieler
braver Leute aufs Spiel setzen?« sagte sie. »Warum euch zu einer
vergeblichen Verteidigung auffordern, euch, die ihr mich gar nicht
kennet? Nein, ich sehe, daß keine andere Rettung ist, als den Elenden
zu folgen.«
Man war allgemein von dem Mut und dem Unglück der Dame ergriffen; der
Jäger weinte und schwur, daß er diese Schmach nicht überleben könne.
Der Student aber schmähte auf sich und seine Größe von sechs Fuß.
»Wäre ich nur um einen halben Kopf kleiner,« rief er, »und hätte ich
keinen Bart, so wüßte ich wohl, was ich zu tun hätte, ich ließe mir
von der Frau Gräfin Kleider geben und diese Elenden sollten spät genug
erfahren, welchen Mißgriff sie getan.«
Auch auf Felix hatte das Unglück dieser Frau großen Eindruck gemacht.
Ihr ganzes Wesen kam ihm so rührend und bekannt vor, es war ihm,
als sei es seine frühe verstorbene Mutter, die sich in dieser
schrecklichen Lage befände. Er fühlte sich so gehoben, so mutig, daß
er gerne sein Leben für das ihrige gegeben hätte. Doch als der Student
jene Worte sprach, da blitzte auf einmal ein Gedanke in seiner Seele
auf; er vergaß alle Angst, alle Rücksichten, und er dachte nur an die
Rettung dieser Frau. »Ist es nur dies,« sprach er, indem er schüchtern
und errötend hervortrat, »gehört nur ein kleiner Körper, ein bartloses
Kinn und ein mutiges Herz dazu, die gnädige Frau zu retten, so bin ich
vielleicht auch nicht zu schlecht dazu; ziehet in Gottes Namen meinen
Rock an, setzet meinen Hut auf Euer schönes Haar, und nehmet meinen
Bündel auf den Rücken und -- ziehet als Felix, der Goldarbeiter, Eure
Straße.«
Alle waren erstaunt über den Mut des Jünglings, der Jäger aber fiel
ihm freudig um den Hals. »Goldjunge,« rief er, »das wolltest du tun?
Wolltest dich in meiner gnädigen Frau Kleider stecken lassen und sie
retten? Das hat dir Gott eingegeben; aber allein sollst du nicht gehen,
ich will mich mit gefangen geben, will bei dir bleiben an deiner Seite,
als dein bester Freund, und solange _ich_ lebe, sollen sie dir nichts
anhaben dürfen.« -- »Auch ich ziehe mit dir, so wahr ich lebe!« rief
der Student.
Es kostete lange Ueberredung, um die Gräfin zu diesem Vorschlag zu
überreden. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, daß ein fremder
Mensch für sie sich aufopfern sollte; sie dachte sich im Fall einer
spätern Entdeckung die Rache der Räuber, die ganz auf den Unglücklichen
fallen würde, schrecklich. Aber endlich siegten teils die Bitten des
jungen Menschen, teils die Ueberzeugung, im Fall sie gerettet würde,
alles aufbieten zu können, um ihren Retter wieder zu befreien. Sie
willigte ein. Der Jäger und die übrigen Reisenden begleiteten Felix
in das Zimmer des Studenten, wo er sich schnell einige Kleider der
Gräfin überwarf. Der Jäger setzte ihm noch zum Ueberfluß einige
falsche Haarlocken der Kammerfrau und einen Damenhut auf, und
alle versicherten, daß man ihn nicht erkennen würde. Selbst der
Zirkelschmied schwur, daß, wenn er ihm auf der Straße begegnete, würde
er flink den Hut abziehen und nicht ahnen, daß er vor seinem mutigen
Kameraden sein Kompliment mache.
Die Gräfin hatte sich indessen mit Hilfe ihrer Kammerfrau aus dem
Ränzchen des jungen Goldarbeiters mit Kleidern versehen. Der Hut, tief
in die Stirn gedrückt, der Reisestock in der Hand, das etwas leichter
gewordene Bündel auf dem Rücken machten sie völlig unkenntlich, und
die Reisenden würden zu jeder andern Zeit über diese komische Maskerade
nicht wenig gelacht haben. Der neue Handwerksbursche dankte Felix mit
Tränen und versprach die schleunigste Hilfe.
»Nur noch _eine_ Bitte habe ich,« antwortete Felix, »in diesem
Ränzchen, das Sie auf dem Rücken tragen, befindet sich eine kleine
Schachtel; verwahren Sie diese sorgfältig, wenn sie verloren
ginge, wäre ich auf immer und ewig unglücklich; ich muß sie meiner
Pflegemutter bringen --«
»Gottfried, der Jäger, weiß mein Schloß,« entgegnete sie, »es soll Euch
alles unbeschädigt wieder zurückgestellt werden; denn ich hoffe, Ihr
kommet dann selbst, edler junger Mann, um den Dank meines Gatten und
den meinigen zu empfangen.«
Ehe noch Felix darauf antworten konnte, ertönten von der Treppe her
die rauhen Stimmen der Räuber; sie riefen, die Frist sei verflossen
und alles zur Abfahrt der Gräfin bereit. Der Jäger ging zu ihnen hinab
und erklärte ihnen, daß er die Dame nicht verlassen werde und lieber
mit ihnen gehe, wohin es auch sei, ehe er ohne seine Gebieterin vor
seinem Herrn erschiene. Auch der Student erklärte, diese Dame begleiten
zu wollen. Sie beratschlagten sich über diesen Fall und gestanden es
endlich zu, unter der Bedingung, daß der Jäger sogleich seine Waffen
abgebe. Zugleich befahlen sie, daß die übrigen Reisenden sich ruhig
verhalten sollen, wenn die Gräfin hinweggeführt werde.
Felix ließ den Schleier nieder, der über seinen Hut gebreitet war,
setzte sich in eine Ecke, die Stirne in die Hand gestützt, und in
dieser Stellung eines tief Betrübten erwartete er die Räuber. Die
Reisenden hatten sich in das andere Zimmer zurückgezogen, doch so,
daß sie, was vorging, überschauen konnten; der Jäger saß anscheinend
traurig, aber auf alles lauernd in der andern Ecke des Zimmers, das
die Gräfin bewohnt hatte. Nachdem sie einige Minuten so gesessen,
ging die Türe auf, und ein schöner, stattlich gekleideter Mann von
etwa sechsunddreißig Jahren trat in das Zimmer. Er trug eine Art von
militärischer Uniform, einen Orden auf der Brust, einen langen Säbel
an der Seite, und in der Hand hielt er einen Hut, von welchem schöne
Federn herabwallten. Zwei seiner Leute hatten gleich nach seinem
Eintritt die Türe besetzt.