Die Männer lachten über diese Geschichten, aber der Student fuhr fort:

»Ich war zu jung, als daß ich hätte einsehen können, dies alles sei

unwahr und erfunden. Ich fürchtete mich nicht vor dem größten Jagdhund,

warf jeden meiner Gespielen in den Sand; aber wenn ich ins Dunkle kam,

drückte ich vor Angst die Augen zu, denn ich glaubte, jetzt werde der

tote Mann heranschleichen. Es ging so weit, daß ich nicht mehr allein

und ohne Licht aus der Türe gehen wollte, wenn es dunkel war, und wie

manchmal hat mich mein Vater nachher gezüchtigt, als er diese Unart

bemerkte! Aber lange Zeit konnte ich diese kindische Furcht nicht los

werden, und allein meine törichte Amme trug die Schuld.«

»Ja, das ist ein großer Fehler,« bemerkte der Jäger, »wenn man die

kindlichen Gedanken mit solchem Aberwitz füllt. Ich kann Ihnen

versichern, daß ich brave, beherzte Männer gekannt habe, Jäger, die

sich sonst vor drei Feinden nicht fürchteten -- wenn sie nachts im

Wald aufs Wild lauern sollten oder auf Wilddiebe, da gebrach es ihnen

oft plötzlich an Mut; denn sie sahen einen Baum für ein schreckliches

Gespenst, einen Busch für eine Hexe und ein paar Glühwürmer für die

Augen eines Ungetüms an, das im Dunkeln auf sie laure.«

»Und nicht nur für Kinder,« entgegnete der Student, »halte ich

Unterhaltung dieser Art für höchst schädlich und töricht, sondern

auch für jeden; denn welcher vernünftige Mensch wird sich über das

Treiben und Wesen von Dingen unterhalten, die eigentlich nur im Hirn

eines Toren wirklich sind? Dort spukt es, sonst nirgends. Doch am

allerschädlichsten sind diese Geschichten unter dem Landvolk. Dort

glaubt man fest und unabweichlich an Torheiten dieser Art, und dieser

Glaube wird in den Spinnstuben und in der Schenke genährt, wo sie sich

enge zusammensetzen und mit furchtsamer Stimme die allergreulichsten

Geschichten erzählen.«

»Ja, Herr!« erwiderte der Fuhrmann, »Ihr möget nicht unrecht haben;

schon manches Unglück ist durch solche Geschichten entstanden, ist

ja doch sogar meine eigene Schwester dadurch elendiglich ums Leben

gekommen.«

»Wie das? An solchen Geschichten?« riefen die Männer erstaunt.

»Jawohl, an solchen Geschichten;« sprach jener weiter. »In dem Dorf, wo

unser Vater wohnte, ist auch die Sitte, daß die Frauen und Mädchen in

den Winterabenden zum Spinnen sich zusammensetzen. Die jungen Bursche

kommen dann auch und erzählen mancherlei. So kam es eines Abends, daß

man von Gespenstern und Erscheinungen sprach, und die jungen Bursche

erzählten von einem alten Krämer, der schon vor zehn Jahren gestorben

sei, aber im Grab keine Ruhe finde. Jede Nacht werfe er die Erde von

sich ab, steige aus dem Grab, schleiche langsam und hustend, wie er

im Leben getan, nach seinem Laden und wäge dort Zucker und Kaffee ab,

indem er vor sich hinmurmele:

»Drei Vierling, drei Vierling um Mitternacht

Haben bei Tag ein Pfund gemacht.«

Viele behaupteten, ihn gesehen zu haben, und die Mädchen und Weiber

fingen an, sich zu fürchten. Meine Schwester aber, ein Mädchen von

sechzehn Jahren, wollte klüger sein als die andern, und sagte: ›Das

glaube ich alles nicht; wer einmal tot ist, kommt nicht wieder!‹ Sie

sagte es, aber leider ohne Ueberzeugung, denn sie hatte sich oft

schon gefürchtet. Da sagte einer von den jungen Leuten: ›Wenn du dies

glaubst, so wirst du dich auch nicht vor ihm fürchten; sein Grab ist

nur zwei Schritte von Käthchens, die letzthin gestorben. Wage es

einmal, gehe hin auf den Kirchhof, brich von Käthchens Grab eine Blume

und bringe sie uns, so wollen wir glauben, daß du dich vor dem Krämer

nicht fürchtest!‹

Meine Schwester schämte sich, von den andern verlacht zu werden, darum

sagte sie: ›O! das ist mir ein leichtes; was wollt ihr denn für eine

Blume?‹

›Es blüht im ganzen Dorf keine weiße Rose wie dort; drum bring' uns

einen Strauß von diesen,‹ antwortete eine ihrer Freundinnen. Sie

stand auf und ging, und alle Männer lobten ihren Mut, aber die Frauen

schüttelten den Kopf und sagten: ›Wenn es nur gut abläuft!‹ Meine

Schwester ging dem Kirchhof zu: der Mond schien hell, und sie fing

an zu schaudern, als es zwölf Uhr schlug und sie die Kirchhofpforte

öffnete.

Sie stieg über manchen Grabhügel weg, den sie kannte, und ihr Herz

wurde bange und immer banger, je näher sie zu Käthchens weißen Rosen

und zum Grab des gespenstigen Krämers kam.

Jetzt war sie da; zitternd kniete sie nieder und knickte die Blumen

ab. Da glaubte sie ganz in der Nähe ein Geräusch zu vernehmen; sie sah

sich um: zwei Schritte Von ihr flog die Erde von einem Grab hinweg,

und langsam richtete sich eine Gestalt daraus empor. Es war ein

alter, bleicher Mann mit einer weißen Schlafmütze auf dem Kopf. Meine

Schwester erschrak; sie schaute noch einmal hin, um sich zu überzeugen,

ob sie recht gesehen; als aber der im Grabe mit näselnder Stimme anfing

zu sprechen: ›Guten Abend, Jungfer; woher so spät?‹ da erfaßte sie ein

Grauen des Todes; sie raffte sich auf, sprang über die Gräber hin nach

jenem Hause, erzählte beinahe atemlos, was sie gesehen, und wurde so

schwach, daß man sie nach Hause tragen mußte. Was nützte es uns, daß

wir am andern Tage erfuhren, daß es der Totengräber gewesen sei, der

dort ein Grab gemacht und zu meiner armen Schwester gesprochen habe?

Sie verfiel, noch ehe sie dies erfahren konnte, in ein hitziges Fieber,

an welchem sie nach drei Tagen starb. Die Rosen zu ihrem Totenkranz

hatte sie sich selbst gebrochen.«

Der Fuhrmann schwieg, und eine Träne hing in seinen Augen, die andern

aber sahen teilnehmend auf ihn.

»So hat das arme Kind auch an diesem Köhlerglauben sterben müssen,«

sagte der junge Goldarbeiter; »mir fällt da eine Sage bei, die ich

euch wohl erzählen möchte, und die leider mit einem solchen Trauerfall

zusammenhängt.«

Die Höhle von Steenfoll.

Eine schottländische Sage.

Auf einer der Felseninseln Schottlands lebten vor vielen Jahren zwei

Fischer in glücklicher Eintracht. Sie waren beide unverheiratet, hatten

auch sonst keine Angehörigen, und ihre gemeinsame Arbeit, obgleich

verschieden angewendet, nährte sie beide. Im Alter kamen sie einander

ziemlich nahe, aber von Person und an Gemütsart glichen sie einander

nicht mehr als ein Adler und ein Seekalb.

Kaspar Strumpf war ein kurzer, dicker Mensch mit einem breiten

fetten Vollmondsgesicht und gutmütig lachenden Augen, denen Gram und

Sorge fremd zu sein schienen. Er war nicht nur fett, sondern auch

schläfrig und faul, und ihm fielen daher die Arbeiten des Hauses,

Kochen und Backen, das Stricken der Netze zum eigenen Fischfang und

zum Verkauf, auch ein großer Teil der Bestellung ihres kleinen Feldes

anheim. Ganz das Gegenteil war sein Gefährte; lang und hager, mit

kühner Habichtsnase und scharfen Augen, war er als der tätigste und

glücklichste Fischer, der unternehmendste Kletterer nach Vögeln und

Daunen, der fleißigste Feldarbeiter auf den Inseln und dabei als

der geldgierigste Händler auf dem Markte zu Kirchwall bekannt; aber

da seine Waren gut und sein Wandel frei von Betrug war, so handelte

jeder gern mit ihm, und Wilm Falke (so nannten ihn seine Landsleute)

und Kaspar Strumpf, mit welchem ersterer trotz seiner Habsucht gerne

seinen schwer errungenen Gewinn teilte, hatten nicht nur eine gute

Nahrung, sondern waren auch auf gutem Wege, einen gewissen Grad von

Wohlhabenheit zu erlangen. Aber Wohlhabenheit allein war es nicht,

was Falkes habsüchtigem Gemüte zusagte; er wollte reich, _sehr_ reich

werden, und da er bald einsehen lernte, daß auf dem gewöhnlichen Wege

des Fleißes das Reichwerden nicht sehr schnell vor sich ging, so

verfiel er zuletzt auf den Gedanken, er müßte seinen Reichtum durch

irgend einen außerordentlichen Glückszufall erlangen, und da nun dieser

Gedanke einmal von seinem heftig wallenden Geiste Besitz genommen, fand

er für nichts anderes Raum darin, und er fing an, mit Kaspar Strumpf

davon, als von einer gewissen Sache, zu reden. Dieser, dem alles, was

Falke sagte, für Evangelium galt, erzählte es seinen Nachbarn, und bald

verbreitete sich das Gerücht, Wilm Falke hätte sich entweder wirklich

dem Bösen für Gold verschrieben, oder hätte doch ein Anerbieten dazu

von dem Fürsten der Unterwelt bekommen.

Anfangs zwar verlachte Falke diese Gerüchte, aber allmählich gefiel

er sich in dem Gedanken, daß irgend ein Geist ihm einmal einen Schatz

verraten könne, und er widersprach nicht länger, wenn ihn seine

Landsleute damit aufzogen. Er trieb zwar noch immer sein Geschäft fort,

aber mit weniger Eifer, und verlor oft einen großen Teil der Zeit, die

er sonst mit Fischfang oder andern nützlichen Arbeiten zuzubringen

pflegte, in zwecklosem Suchen irgend eines Abenteuers, wodurch er

plötzlich reich werden sollte. Auch wollte es sein Unglück, daß, als

er eines Tages am einsamen Ufer stand und in unbestimmter Hoffnung auf

das bewegte Meer hinausblickte, als solle ihm von dorther sein großes

Glück kommen, eine große Welle unter einer Menge losgerissenen Mooses

und Gesteins eine gelbe Kugel -- eine Kugel von Gold -- zu seinen Füßen

rollte.

Wilm stand wie bezaubert; so waren denn seine Hoffnungen nicht

leere Träume gewesen, das Meer hatte ihm Gold, schönes, reines Gold

geschenkt, wahrscheinlich die Ueberreste einer schweren Barre, welche

die Wellen auf dem Meeresgrund bis zur Größe einer Flintenkugel

abgerieben. Und nun stand es klar vor seiner Seele, daß einmal irgendwo

an dieser Küste ein reichbeladenes Schiff gescheitert sein müsse, und

daß er dazu ersehen sei, die im Schoße des Meeres begrabenen Schätze

zu heben. Dies ward von nun an sein einziges Streben; seinen Fund

sorgfältig, selbst vor seinen Freunden verbergend, damit nicht auch

andere seiner Entdeckung auf die Spur kämen, versäumte er alles andere

und brachte Tage und Nächte an dieser Küste zu, wo er nicht sein Netz

nach Fischen, sondern eine eigens dazu verfertigte Schaufel -- nach

Gold auswarf. Aber er fand nichts als Armut; denn er selbst verdiente

nichts mehr, und Kaspars schläfrige Bemühungen reichten nicht hin, sie

beide zu ernähren. Im Suchen größerer Schätze verschwand nicht nur

das gefundene Gold, sondern allmählich auch das ganze Eigentum der

Junggesellen. Aber so wie Strumpf früher stillschweigend von Falke den

besten Teil seiner Nahrung hatte erwerben lassen, so ertrug er es auch

jetzt schweigend und ohne Murren, daß die zwecklose Tätigkeit desselben

sie ihm jetzt entzog; und gerade dieses sanftmütige Dulden seines

Freundes war es, was jenen nur noch mehr anspornte, sein rastloses

Suchen nach Reichtum weiter fortzusetzen. Was ihn aber noch tätiger

machte, war, daß, so oft er sich zur Ruhe niederlegte und seine Augen

sich zum Schlummer schlossen, etwas ihm ein Wort ins Ohr raunte, das er

zwar sehr deutlich zu vernehmen glaubte, und das ihm jedesmal dasselbe

schien, das er aber niemals behalten konnte. Zwar wußte er nicht, was

dieser Umstand, so sonderbar er auch war, mit seinem jetzigen Streben

zu tun haben könne; aber auf ein Gemüt, wie Wilm Falkes, mußte alles

wirken, und auch dieses geheimnisvolle Flüstern half ihn in dem Glauben

bestärken, daß ihm ein großes Glück bestimmt sei, das er nur in einem

Goldhaufen zu finden hoffte.

Eines Tages überraschte ihn ein Sturm am Ufer, wo er die Goldkugel

gefunden hatte, und die Heftigkeit desselben trieb ihn an, in einer

nahen Höhle Zuflucht zu suchen. Diese Höhle, welche die Einwohner die

Höhle von Steenfoll nennen, besteht aus einem langen unterirdischen

Gange, welcher sich mit zwei Mündungen gegen das Meer öffnet und den

Wellen einen freien Durchgang läßt, die sich beständig mit lautem

Brüllen schäumend durch denselben hinarbeiten. Diese Höhle war nur

an _einer_ Stelle zugänglich, und zwar durch eine Spalte von oben

her, welche aber selten von jemand anderem, als mutwilligen Knaben,

betreten ward, indem zu den eigenen Gefahren des Ortes sich noch der

Ruf eines Geisterspuks gesellte. Mit Mühe ließ Wilm sich in denselben

hinab und nahm ungefähr zwölf Fuß tief von der Oberfläche auf einem

vorspringenden Stein und unter einem überhängenden Felsenstück Platz,

wo er mit den brausenden Wellen unter seinen Füßen und dem wütenden

Sturm über seinem Haupte in seinen gewöhnlichen Gedankenzug verfiel,

nämlich von dem gescheiterten Schiff, und was für ein Schiff es wohl

gewesen sein möchte; denn trotz allen seinen Erkundigungen hatte

er selbst von den ältesten Einwohnern von keinem an dieser Stelle

gescheiterten Fahrzeuge Nachricht erhalten können. Wie lange er so

gesessen, wußte er selber nicht; als er aber endlich aus seinen

Träumereien erwachte, entdeckte er, daß der Sturm vorüber war; und er

wollte eben wieder emporsteigen, als eine Stimme sich aus der Tiefe

vernehmen ließ, und das Wort _Car-mil-han_ ganz deutlich in sein Ohr

drang. Erschrocken fuhr er in die Höhe und blickte in den leeren

Abgrund hinab. »Großer Gott!« schrie er, »das ist das Wort, das mich

in meinem Schlafe verfolgt! Was, ums Himmels willen, mag es bedeuten?«

-- »Carmilhan!« seufzte es noch einmal aus der Höhle herauf, als er

schon mit einem Fuß die Spalte verlassen hatte, und er floh wie ein

gescheuchtes Reh seiner Hütte zu.

Wilm war indessen keine Memme; die Sache war ihm nur unerwartet

gekommen, und sein Geldgeiz war auch überdies zu mächtig in ihm, als

daß ihn irgend ein Anschein von Gefahr hätte abschrecken können, auf

seinem gefahrvollen Pfade fortzuwandern. Einst, als er spät in der

Nacht beim Mondschein der Höhle von Steenfoll gegenüber mit seiner

Schaufel nach Schätzen fischte, blieb dieselbe auf einmal an etwas

hängen. Er zog aus Leibeskräften, aber die Masse blieb unbeweglich.

Inzwischen erhob sich der Wind, dunkle Wolken überzogen den Himmel,

heftig schaukelte das Boot und drohte umzuschlagen; aber Wilm ließ

sich nicht irre machen; er zog und zog, bis der Widerstand aufhörte,

und da er kein Gewicht fühlte, glaubte er, sein Seil wäre gebrochen.

Aber gerade, als die Wolken sich über dem Monde zusammenziehen wollten,

erschien eine runde, schwarze Masse auf der Oberfläche, und es erklang

das ihn verfolgende Wort Carmilhan! Hastig wollte er nach ihr greifen,

aber ebenso schnell, als er den Arm danach ausstreckte, verschwand sie

in der Dunkelheit der Nacht, und der eben losbrechende Sturm zwang

ihn, unter den nahen Felsen Zuflucht zu suchen. Hier schlief er vor

Ermüdung ein, um im Schlafe, von einer ungezügelten Einbildungskraft

gepeinigt, aufs neue die Qualen zu erdulden, die ihn sein rastloses

Streben nach Reichtum am Tage erleiden ließ. Die ersten Strahlen der

aufgehenden Sonne fielen auf den jetzt ruhigen Spiegel des Meeres, als

Falke erwachte. Eben wollte er wieder hinaus an die gewohnte Arbeit,

als er von ferne etwas auf sich zukommen sah. Er erkannte es bald für

ein Boot, und in demselben eine menschliche Gestalt; was aber sein

größtes Erstaunen erregte, war, daß das Fahrzeug sich ohne Segel oder

Ruder fortbewegte, und zwar mit dem Schnabel gegen das Ufer gekehrt,

und ohne daß die darin sitzende Gestalt sich im geringsten um das

Steuer zu bekümmern schien, wenn es ja eines hatte. Das Boot kam immer

näher und hielt endlich neben Wilms Fahrzeug stille. Die Person in

demselben zeigte sich jetzt als ein kleines, verschrumpftes, altes

Männchen, das, in gelbe Leinewand gekleidet und mit roter, in die Höhe

stehender Nachtmütze, mit geschlossenen Augen und unbeweglich wie ein

getrockneter Leichnam dasaß. Nachdem er es vergebens angerufen und

gestoßen hatte, wollte er eben einen Strick an dem Boote befestigen und

es wegführen, als das Männchen die Augen aufschlug und sich zu bewegen

anfing, auf eine Weise, welche selbst den kühnen Fischer mit Grausen

erfüllte.

»Wo bin ich?« fragte es nach einem tiefen Seufzer auf holländisch.

Falke, welcher von den holländischen Heringsfängern etwas von ihrer

Sprache gelernt hatte, nannte ihm den Namen der Insel und fragte, wer

er denn sei und was ihn hierher gebracht.

»Ich komme, um nach dem Carmilhan zu sehen.«

»Dem Carmilhan? Um Gottes willen! Was ist das?« rief der begierige

Fischer.

»Ich gebe keine Antwort auf Fragen, die man mir auf diese Weise tut,«

erwiderte das Männchen mit sichtbarer Angst.

»Nun,« schrie Falke, »was ist der Carmilhan?« --

»Der Carmilhan ist jetzt nichts, aber einst war es ein schönes Schiff,

mit mehr Gold beladen, als je ein anderes Fahrzeug getragen.«

»Wo ging es zugrunde, und wann?«

»Es war vor hundert Jahren; wo, weiß ich nicht genau; ich komme, um die

Stelle aufzusuchen und das verlorene Gold aufzufischen; willst du mir

helfen, so wollen wir den Fund miteinander teilen.«

»Mit ganzem Herzen; sag' mir nur, was muß ich tun?«

»Was du tun mußt, erfordert Mut; du mußt dich gerade vor Mitternacht in

die wildeste und einsamste Gegend auf der Insel begeben, begleitet von

einer Kuh, die du dort schlachten und dich von jemand in ihre frische

Haut wickeln lassen mußt. Dein Begleiter muß dich dann niederlegen und

allein lassen, und ehe es ein Uhr schlägt, weißt du, wo die Schätze des

Carmilhan liegen.«

»Auf diese Weise fiel des alten Engrol Sohn mit Leib und Seele ins

Verderben!« rief Wilm mit Entsetzen. »Du bist der böse Geist,« fuhr er

fort, indem er hastig davonruderte, »geh zur Hölle! Ich mag nichts mit

dir zu tun haben.«

Das Männchen knirschte, schimpfte und fluchte ihm nach; aber der

Fischer, welcher zu beiden Rudern gegriffen hatte, war ihm bald

außer Gehör und, nachdem er um einen Felsen gebogen, auch aus dem

Gesichte. Aber die Entdeckung, daß der böse Geist sich seinen Geiz

zu nutze zu machen und mit Gold in seine Schlingen zu locken suchte,

heilte den verblendeten Fischer nicht, im Gegenteil, er meinte die

Mitteilung des gelben Männchens benutzen zu können, ohne sich dem

Bösen zu überliefern; und indem er fortfuhr, an der öden Küste nach

Gold zu fischen, vernachlässigte er den Wohlstand, den ihm die reichen

Fischzüge in andern Gegenden des Meeres darboten, so wie alle andern

Mittel, auf die er ehemals seinen Fleiß verwendet, und versank von

Tag zu Tag nebst seinem Gefährten in tiefere Armut, bis es endlich

an den notwendigsten Lebensbedürfnissen zu fehlen anfing. Aber

obgleich dieser Verfall gänzlich Falkes Halsstarrigkeit und falscher

Begierde zugeschrieben werden mußte, und die Ernährung beider jetzt

Kaspar Strumpf allein anheimfiel, so machte ihm doch dieser niemals

den geringsten Vorwurf; ja, er bezeigte ihm immer noch dieselbe

Unterwürfigkeit, dasselbe Vertrauen in seinen bessern Verstand, als

zur Zeit, wo ihm seine Unternehmungen allezeit geglückt waren; dieser

Umstand vermehrte Falkes Leiden um ein großes, aber trieb ihn, noch

mehr nach Gold zu suchen, weil er dadurch hoffte, auch seinen Freund

für sein gegenwärtiges Entbehren schadlos halten zu können. Dabei

verfolgte ihn das teuflische Geflüster des Wortes Carmilhan noch immer

in seinem Schlummer; kurz, Not, getäuschte Erwartung und Geiz trieben

ihn zuletzt zu einer Art von Wahnsinn, so daß er wirklich beschloß, das

zu tun, was ihm das Männchen angeraten, obgleich er, nach der alten

Sage, wohl wußte, daß er sich damit den Mächten der Finsternis übergab.

Alle Gegenvorstellungen Kaspars waren vergebens. Falke ward nur um so

heftiger, je mehr jener ihn anflehte, von seinem verzweifelten Vorhaben

abzustehen -- und der gute, schwache Mensch willigte endlich ein, ihn

zu begleiten und ihm seinen Plan ausführen zu helfen. Beider Herzen

zogen sich schmerzhaft zusammen, als sie einen Strick um die Hörner

einer schönen Kuh, ihr letztes Eigentum, legten, die sie vom Kalbe

aufgezogen, und die sie sich immer zu verkaufen geweigert hatten, weil

sie's nicht über's Herz bringen konnten, sie in fremden Händen zu

sehen. Aber der böse Geist, welcher sich Wilms bemeisterte, erstickte

jetzt alle besseren Gefühle in ihm, und Kaspar wußte ihm in nichts zu

widerstehen. Es war im September, und die langen Nächte des langen

schottländischen Winters hatten angefangen. Die Nachtwolken wälzten

sich schwer vor dem rauhen Abendwinde und türmten sich wie Eisberge im

Maelstrom, tiefer Schatten füllte die Schluchten zwischen dem Gebirge

und den feuchten Torfsümpfen, und die trüben Betten der Ströme blickten

schwarz und furchtbar wie Höllenschlünde. Falke ging voran und Strumpf

folgte, schaudernd über seine eigene Kühnheit, und Tränen füllten sein

schweres Auge, so oft er das arme Tier ansah, welches so vertrauensvoll

und bewußtlos seinem baldigen Tode entgegenging, der ihm von der

Hand werden sollte, die ihm bisher seine Nahrung gereicht. Mit Mühe

erreichten sie das enge, sumpfige Bergtal, welches, hier und da mit

Moos und Heidekraut bewachsen, mit großen Steinen übersäet war und von

einer wilden Gebirgskette umgeben lag, die sich in grauen Nebel verlor,

und wohin der Fuß eines Menschen sich selten verstieg. Sie näherten

sich auf wankendem Boden einem großen Stein, welcher in der Mitte

stand, und von welchem ein verscheuchter Adler krächzend in die Höhe

flog. Die arme Kuh brüllte dumpf, als erkenne sie die Schrecknisse

des Ortes und ihr bevorstehendes Schicksal, Kaspar wandte sich weg,

um sich die schnellfließenden Tränen abzuwischen. Er blickte hinab

durch die Felsenöffnung, durch welche sie heraufgekommen waren, von wo

aus man die ferne Brandung des Meeres hörte; und dann hinauf nach den

Berggipfeln, auf welche sich ein kohlschwarzes Gewölk gelagert hatte,

aus welchem man von Zeit zu Zeit ein dumpfes Murmeln vernahm. Als er

sich wieder nach Wilm umsah, hatte dieser bereits die arme Kuh an den

Stein gebunden und stand mit aufgehobener Axt im Begriff, das gute Tier

zu fällen.

Dies war zu viel für seinen Entschluß, sich in den Willen seines

Freundes zu fügen. Mit gerungenen Händen stürzte er sich auf die

Kniee. »Um Gottes willen, Wilm Falke!« schrie er mit der Stimme der

Verzweiflung, »schon dich, schone die Kuh! schone dich und mich! schone

deine Seele! -- Schone dein Leben! Und mußt du Gott so versuchen, so

warte bis morgen und opfere lieber ein anderes Tier als unsere liebe

Kuh!«

»Kaspar, bist du toll?« schrie Wilm wie ein Wahnsinniger, indem er noch

immer die Axt in die Höhe geschwungen hielt. »Soll ich die Kuh schonen

und verhungern?«

»Du sollst nicht verhungern,« antwortete Kaspar entschlossen, »solange

ich Hände habe, sollst du nicht verhungern. Ich will vom Morgen bis

in die Nacht für dich arbeiten. Nur bringe dich nicht um deiner Seele

Seligkeit, und laß mir das arme Tier leben!«

»Dann nimm die Axt und spalte mir den Kopf,« schrie Falke mit

verzweifeltem Tone, »ich gehe nicht von diesem Fleck, bis ich habe, was

ich verlange. -- Kannst du die Schätze des Carmilhan für mich heben?

Können deine Hände mehr erwerben als die elendesten Bedürfnisse des

Lebens? -- Aber sie können meinen Jammer enden -- komm, und laß mich

das Opfer sein!«

»Wilm, töte die Kuh, töte mich! Es liegt mir nichts daran, es ist mir

ja nur um deine Seligkeit zu tun. Ach! dies ist ja der Pikten-Altar,

und das Opfer, das du bringen willst, gehört der Finsternis.«

»Ich weiß von nichts dergleichen,« rief Falke, wild lachend, wie einer,

der entschlossen ist, nichts wissen zu wollen, was ihn von seinem

Vorsatz abbringen könnte. »Kaspar, du bist toll und machst mich toll --

aber da,« fuhr er fort, indem er das Beil von sich warf und das Messer

vom Steine aufnahm, wie wenn er sich durchstoßen wollte, »da! behalte

die Kuh statt meiner!«

Kaspar war in einem Augenblick bei ihm, riß ihm das Mordwerkzeug aus

der Hand, erfaßte das Beil, schwang es hoch um den Kopf und ließ es mit

solcher Gewalt auf des geliebten Tieres Kopf fallen, daß es, ohne zu

zucken und tot, zu seines Herrn Füßen niederstürzte.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 6 · 第 26 / 31 段