Als Kalum-Bek dies hörte, schwur er und rief: »Bestohlen hat er mich

und sich dafür gekleidet. O, ich geschlagener Mann!« Dann lief er zum

Aufseher der Polizei, und da man wußte, daß er ein Verwandter von

Messour, dem Oberkämmerling, sei, so wurde es ihm nicht schwer, einige

Polizeidiener von ihm zu erlangen, um Said zu verhaften. Said saß vor

einer Karawanserei und besprach sich ganz ruhig mit einem Kaufmann,

den er da gefunden, über eine Reise nach Balsora, seiner Vaterstadt;

da fielen plötzlich einige Männer über ihn her und banden ihm, trotz

seiner Gegenwehr, die Hände auf den Rücken. Er fragte sie, was sie

zu dieser Gewalttat berechtige, und sie antworteten, es geschehe im

Namen der Polizei und seines rechtmäßigen Gebieters Kalum-Bek. Zugleich

trat der kleine, häßliche Mann herzu, verhöhnte und verspottete Said,

griff in seine Tasche und zog zum Staunen der Umstehenden und mit

Triumphgeschrei einen großen Beutel mit Gold heraus.

»Sehet! Das alles hat er mir nach und nach gestohlen, der schlechte

Mensch!« rief er, und die Leute sahen mit Abscheu auf den Gefangenen

und riefen: »Wie! Noch so jung, so schön, und doch so schlecht! Zum

Gericht, zum Gericht, damit er die Bastonnade erhalte.« So schleppten

sie ihn fort, und ein ungeheurer Zug Menschen aus allen Ständen schloß

sich an, sie riefen: »Sehet, das ist der schöne Ladendiener vom Bazar;

er hat seinen Herrn bestohlen und ist entflohen; zweihundert Goldstücke

hat er gestohlen.«

Der Aufseher der Polizei empfing den Gefangenen mit finsterer Miene;

Said wollte sprechen, aber der Beamte gebot ihm zu schweigen und

verhörte nur den kleinen Kaufmann. Er zeigte ihm den Beutel und fragte

ihn, ob ihm dieses Geld gestohlen worden sei; Kalum-Bek beschwor es;

aber sein Meineid verhalf ihm zwar zu dem Gold, doch nicht zu dem

schönen Ladendiener, der ihm tausend Goldstücke wert war, denn der

Richter sprach: »Nach einem Gesetz, das mein großmächtigster Herr, der

Kalif, erst vor wenigen Tagen geschärft hat, wird jeder Diebstahl, der

hundert Goldstücke übersteigt und auf dem Bazar begangen wird, mit

ewiger Verbannung auf eine wüste Insel bestraft. Dieser Dieb kommt

gerade zu rechter Zeit, er macht die Zahl von zwanzig solcher Bursche

voll; morgen werden sie auf eine Barke gepackt und in die See geführt.«

Said war in Verzweiflung; er beschwor den Beamten, ihn anzuhören, ihn

nur ein Wort mit dem Kalifen sprechen zu lassen; aber er fand keine

Gnade. Kalum-Bek, der jetzt seinen Schwur bereute, sprach ebenfalls

für ihn, aber der Richter antwortete: »Du hast dein Gold und kannst

zufrieden sein, gehe nach Hause und verhalte dich ruhig, sonst strafe

ich dich für jeden Widerspruch um zehn Goldstücke.« Kalum schwieg

bestürzt, der Richter aber winkte, und der unglückliche Said wurde

abgeführt.

Man brachte ihn in ein finsteres und feuchtes Gefängnis; neunzehn

elende Menschen lagen dort auf Stroh umher und empfingen ihn als ihren

Leidensgefährten mit rohem Gelächter und Verwünschungen gegen den

Richter und den Kalifen. So schrecklich sein Schicksal vor ihm lag, so

fürchterlich der Gedanke war, auf eine wüste Insel verbannt zu werden,

so fand er doch noch einigen Trost darin, schon am folgenden Tag aus

diesem schrecklichen Gefängnis erlöst zu werden. Aber er täuschte sich

sehr, als er glaubte, sein Zustand auf dem Schiff werde besser sein.

In den untersten Raum, wo man nicht aufrecht stehen konnte, wurden die

zwanzig Verbrecher hinabgeworfen, und dort stießen und schlugen sie

sich um die besten Plätze.

Die Anker wurden gelichtet, und Said weinte bittere Tränen, als das

Schiff, das ihn von seinem Vaterland entführen sollte, sich zu bewegen

anfing. Nur einmal des Tages teilte man ihnen ein wenig Brot und

Früchte und einen Trunk süßen Wassers aus, und so dunkel war es in

dem Schiffsraum, daß man immer Lichter herabbringen mußte, wenn die

Gefangenen speisen sollten. Beinahe alle zwei, drei Tage fand man einen

Toten unter ihnen, so ungesund war die Luft in diesem Wasserkerker, und

Said wurde nur durch seine Jugend und seine feste Gesundheit erhalten.

Vierzehn Tage waren sie schon auf dem Wasser, als eines Tages die

Wellen heftiger rauschten, und ein ungewöhnliches Treiben und Rennen

auf dem Schiffe entstand.

Said ahnte, daß ein Sturm im Anzug sei; es war ihm sogar angenehm, denn

er hoffte, dann zu sterben.

Heftiger wurde das Schiff hin und her geworfen, und endlich saß es

mit schrecklichem Krachen fest. Geschrei und Geheul scholl von dem

Verdeck herab und mischte sich mit dem Brausen des Sturmes. Endlich

wurde es wieder stille, aber zu gleicher Zeit entdeckte auch einer

der Gefangenen, daß das Wasser in das Schiff eindringe. Sie pochten

an der Falltür nach oben, aber man antwortete ihnen nicht. Als daher

das Wasser immer heftiger eindrang, drängten sie sich mit vereinigten

Kräften gegen die Türe und sprengten sie auf.

Sie stiegen die Treppe hinan, aber oben fanden sie keinen Menschen

mehr. Die ganze Schiffsmannschaft hatte sich in Booten gerettet.

Jetzt gerieten die meisten Gefangenen in Verzweiflung; denn der Sturm

wütete immer heftiger, das Schiff krachte und senkte sich. Noch einige

Stunden saßen sie auf dem Verdeck und hielten ihre letzte Mahlzeit

von den Vorräten, die sie im Schiff gefunden, dann erneuerte sich auf

einmal der Sturm, das Schiff wurde von der Klippe, worauf es festsaß,

hinweggerissen und brach zusammen.

Said hatte sich am Mast angeklammert und hielt ihn, als das Schiff

geborsten war, noch immer fest. Die Wellen warfen ihn hin und her,

aber er hielt sich, mit den Füßen rudernd, immer wieder oben. So

schwamm er in immerwährender Todesgefahr eine halbe Stunde, da fiel

die Kette mit dem Pfeifchen wieder aus seinem Kleid, und noch einmal

wollte er versuchen, ob es nicht töne. Mit der einen Hand klammerte

er sich fest, mit der andern setzte er es an seinen Mund, blies, ein

heller, klarer Ton erscholl, und augenblicklich legte sich der Sturm,

und die Wellen glätteten sich, als hätte man Oel darauf gegossen. Kaum

hatte er sich mit leichterem Atem umgesehen, ob er nicht irgendwo

Land erspähen könnte, als der Mast unter ihm sich auf eine sonderbare

Weise auszudehnen und zu bewegen anfing, und zu seinem nicht geringen

Schrecken nahm er wahr, daß er nicht mehr auf Holz, sondern auf einem

ungeheuren Delphin reite; nach einigen Augenblicken aber kehrte seine

Fassung zurück, und da er sah, daß der Delphin zwar schnell, aber ruhig

und gelassen seine Bahn fortschwimme, schrieb er seine wunderbare

Rettung dem silbernen Pfeifchen und der gütigen Fee zu und rief seinen

feurigsten Dank in die Lüfte.

Pfeilschnell trug ihn sein wunderbares Pferd durch die Wogen, und

noch ehe es Abend wurde, sah er Land und erkannte einen breiten Fluß,

in welchen der Delphin auch sogleich einbog. Stromaufwärts ging es

langsamer, und um nicht verschmachten zu müssen, nahm Said, der sich

aus alten Zaubergeschichten erinnerte, wie man zaubern müsse, das

Pfeifchen heraus, pfiff laut und herzhaft und wünschte sich dann ein

gutes Mahl. Sogleich hielt der Fisch stille, und hervor aus dem Wasser

tauchte ein Tisch, so wenig naß, als ob er acht Tage an der Sonne

gestanden wäre, und reich besetzt mit köstlichen Speisen. Said griff

weidlich zu, denn seine Kost während seiner Gefangenschaft war schmal

und elend gewesen, und als er sich hinlänglich gesättigt hatte, sagte

er Dank; der Tisch tauchte nieder, er aber stauchte den Delphin in die

Seite, und sogleich schwamm dieser weiter den Fluß hinauf.

Die Sonne fing schon an zu sinken, als Said in dunkler Ferne eine

große Stadt erblickte, deren Minaretts ihm Aehnlichkeit mit denen von

Bagdad zu haben schienen. Der Gedanke an Bagdad war ihm nicht sehr

angenehm, aber sein Vertrauen auf die gütige Fee war so groß, daß er

fest glaubte, sie werde ihn nicht wieder in die Hände des schändlichen

Kalum-Bek fallen lassen. Zur Seite, etwa eine Meile von der Stadt und

nahe am Fluß erblickte er ein prachtvolles Landhaus, und zu seiner

großen Verwunderung lenkte der Fisch nach diesem Hause hin.

Auf dem Dach des Hauses standen mehrere schön gekleidete Männer, und am

Ufer sah Said eine große Menge Diener, und alle schauten nach ihm und

schlugen vor Verwunderung die Hände zusammen. An einer Marmortreppe,

die vom Wasser nach dem Lustschloß hinaufführte, hielt der Delphin

an, und kaum hatte Said einen Fuß auf die Treppe gesetzt, so war auch

schon der Fisch spurlos verschwunden. Zugleich eilten einige Diener die

Treppe herab und baten im Namen ihres Herrn, zu ihm hinaufzukommen, und

boten ihm trockene Kleider an. Er kleidete sich schnell um und folgte

dann den Dienern auf das Dach, wo er drei Männer fand, von welchen der

größte und schönste ihm freundlich und huldreich entgegenkam. »Wer bist

du, wunderbarer Fremdling,« sprach er, »der du die Fische des Meeres

zähmst und sie links und rechts leitest, wie der beste Reiter sein

Streitroß? Bist du ein Zauberer oder ein Mensch wie wir?«

»Herr!« antwortete Said, »mir ist es in den letzten Wochen schlecht

ergangen, wenn Ihr aber Vergnügen daran findet, so will ich Euch

erzählen.« Und nun hub er an und erzählte den drei Männern seine

Geschichte von dem Augenblick an, wo er seines Vaters Haus verlassen

hatte, bis zu seiner wunderbaren Rettung. Oft wurde er von ihnen mit

Zeichen des Staunens und der Verwunderung unterbrochen; aber als er

geendet hatte, sprach der Herr des Hauses, der ihn so freundlich

empfangen hatte: »Ich traue deinen Worten, Said! Aber du erzähltest

uns, daß du im Wettkampfe eine Kette gewonnen, und daß dir der Kalif

einen Ring geschenkt; kannst du wohl diese uns zeigen?«

»Hier auf meinem Herzen habe ich beide verwahrt,« sprach der Jüngling,

»und nur mit meinem Leben hätte ich so teure Geschenke hergegeben, denn

ich achte es für die ruhmvollste und schönste Tat, daß ich den großen

Kalifen aus den Händen seiner Mörder befreite.« Zugleich zog er Kette

und Ring hervor und übergab beides den Männern.

»Beim Bart des Propheten, er ist's, es ist _mein_ Ring!« rief der hohe,

schöne Mann. »Großvezier, laß uns ihn umarmen, denn hier steht unser

Retter.« Said war es wie ein Traum, als diese zwei ihn umschlangen,

aber alsobald warf er sich nieder und sprach: »Verzeihe, Beherrscher

der Gläubigen, daß ich so vor dir gesprochen habe, denn du bist kein

anderer als Harun Al-Raschid, der große Kalif von Bagdad.«

»Der bin ich, und dein Freund!« antwortete Harun, »und von dieser

Stunde an sollen sich alle deine trüben Schicksale wenden. Folge

mir nach Bagdad, bleibe in meiner Umgebung und sei einer meiner

vertrautesten Beamten, denn wahrlich, du hast in jener Nacht gezeigt,

daß dir Harun nicht gleichgültig sei, und nicht jeden meiner treuesten

Diener möchte ich auf gleiche Probe stellen!«

Said dankte dem Kalifen; er versprach ihm, auf immer bei ihm zu

bleiben, wenn er zuvor eine Reise zu seinem Vater, der in großen

Sorgen um ihn sein müsse, gemacht haben werde, und der Kalif fand dies

gerecht und billig. Sie setzten sich bald zu Pferd und kamen noch vor

Sonnenuntergang in Bagdad an. Der Kalif ließ Said eine lange Reihe

prachtvoll geschmückter Zimmer in seinem Palast anweisen und versprach

ihm noch überdies, ein eigenes Haus für ihn erbauen zu lassen.

Auf die erste Kunde von diesem Ereignis eilten die alten Waffenbrüder

Saids, der Bruder des Kalifen und der Sohn des Großveziers herbei.

Sie umarmten ihn als Retter dieser teuren Männer und baten ihn, er

möchte ihr Freund werden. Aber sprachlos wurden sie vor Erstaunen, als

er sagte: »Euer Freund bin ich längst,« als er die Kette, die er als

Kampfpreis erhalten, hervorzog und sie an dieses und jenes erinnerte.

Sie hatten ihn immer nur schwärzlichbraun und mit langem Bart gesehen,

und erst als er erzählte, wie und warum er sich entstellt habe, als er

zu seiner Rechtfertigung stumpfe Waffen herbeibringen ließ, mit ihnen

focht und den Beweis gab, daß er Almansor der Tapfere sei, erst dann

umarmten sie ihn mit Jubel von neuem und priesen sich glücklich, einen

solchen Freund zu haben.

Den folgenden Tag, als eben Said mit dem Großvezier bei Harun saß,

trat Messour, der Oberkämmerer, herein und sprach: »Beherrscher der

Gläubigen, so es anders sein kann, möchte ich dich um eine Gnade

bitten.«

»Ich will zuvor hören,« antwortete Harun.

»Draußen steht mein lieber, leiblicher Vetter Kalum-Bek, ein berühmter

Kaufmann auf dem Bazar,« sprach er, »der hat einen sonderbaren Handel

mit einem Mann aus Balsora, dessen Sohn bei Kalum-Bek diente, nachher

gestohlen hat, dann entlaufen ist, und niemand weiß wohin. Nun will

aber der Vater seinen Sohn von Kalum haben, und dieser hat ihn doch

nicht. Er wünscht daher und bittet um die Gnade, du möchtest kraft

deiner großen Erleuchtung und Weisheit sprechen zwischen dem Mann aus

Balsora und ihm.«

»Ich will richten!« erwiderte der Kalif. »In einer halben Stunde möge

dein Herr Vetter mit seinem Gegner in den Gerichtssaal treten.«

Als Messour dankend gegangen war, sprach Harun: »Das ist niemand

anders als dein Vater, Said, und da ich nun glücklicherweise alles,

wie es ist, erfahren habe, will ich richten wie Salomo. Du, Said,

verbirgst dich hinter dem Vorhang meines Thrones, bis ich dich rufe,

und du, Großvezier, läßt mir sogleich den schlechten und voreiligen

Polizeirichter holen. Ich werde ihn im Verhör brauchen.«

Sie taten beide, wie er befohlen. Saids Herz pochte stärker, als er

seinen Vater, bleich und abgehärmt, mit wankenden Schritten in den

Gerichtssaal treten sah, und Kalum-Beks feines, zuversichtliches

Lächeln, womit er zu seinem Vetter Oberkämmerer flüsterte, machte ihn

so grimmig, daß er gerne hinter dem Vorhang hervor auf ihn losgestürzt

wäre. Denn seine größten Leiden und Kümmernisse hatte er diesem

schlechten Menschen zu danken.

Es waren viele Menschen im Saal, die den Kalifen Recht sprechen hören

wollten. Der Großvezier gebot, nachdem der Herrscher von Bagdad auf

seinem Thron Platz genommen hatte, Stille und fragte, wer hier als

Kläger vor seinem Herrn erscheine.

Kalum-Bek trat mit frecher Stirne vor und sprach: »Vor einigen Tagen

stand ich unter der Türe meines Gewölbes im Bazar, als ein Ausrufer,

einen Beutel in der Hand, und diesen Mann hier neben sich, durch die

Buden schritt und rief: ›Einen Beutel Gold dem, der Auskunft geben kann

von Said aus Balsora.‹ Dieser Said war in meinen Diensten gewesen,

und ich rief daher: ›Hierher, Freund! ich kann den Beutel verdienen.‹

Dieser Mann, der jetzt so feindlich gegen mich ist, kam freundlich und

fragte, was ich wüßte. Ich antwortete: ›Ihr seid wohl Benezar, sein

Vater?‹ und als er dies freudig bejahte, erzählte ich ihm, wie ich den

jungen Menschen in der Wüste gefunden, gerettet und gepflegt und nach

Bagdad gebracht habe. In der Freude seines Herzens schenkte er mir den

Beutel. Aber hört diesen unsinnigen Menschen! Wie ich ihm nun weiter

erzählte, daß sein Sohn bei mir gedient habe, daß er schlechte Streiche

gemacht, gestohlen habe und davongegangen sei, will er es nicht

glauben, hadert schon seit einigen Tagen mit mir, fordert seinen Sohn

und sein Geld zurück, und beides kann ich nicht geben, denn das Geld

gebührt mir für die Nachricht, die ich ihm gab, und seinen ungeratenen

Burschen kann ich nicht herbeischaffen.«

Jetzt sprach auch Benezar. Er schilderte seinen Sohn, wie edel und

tugendhaft er sei, und daß er nie habe so schlecht sein können, zu

stehlen. Er forderte den Kalifen auf, streng zu untersuchen.

»Ich hoffe,« sprach Harun, »du hast, wie es Pflicht ist, den Diebstahl

angezeigt, Kalum-Bek?«

»Ei freilich!« rief jener lächelnd. »Vor den Polizeirichter habe ich

ihn geführt.«

»Man bringe den Polizeirichter!« befahl der Kalif.

Zum allgemeinen Erstaunen erschien dieser sogleich, wie durch Zauberei

herbeigebracht. Der Kalif fragte ihn, ob er sich dieses Handels

erinnere, und dieser gestand den Fall zu.

»Hast du den jungen Mann verhört, hat er den Diebstahl eingestanden?«

fragte Harun.

»Nein, er war sogar so verstockt, daß er niemand als Euch selbst

gestehen wollte!« erwiderte der Richter.

»Aber ich erinnere mich nicht, ihn gesehen zu haben,« sagte der Kalif.

»Ei, warum auch! da müßte ich alle Tage einen ganzen Pack solches

Gesindel zu Euch schicken, die Euch sprechen wollen.«

»Du weißt, daß mein Ohr für jeden offen ist,« antwortete Harun, »aber

wahrscheinlich waren die Beweise über den Diebstahl so klar, daß es

nicht nötig war, den jungen Menschen vor mein Angesicht zu bringen.

Du hattest wohl Zeugen, daß das Geld, das dir gestohlen wurde, dein

gehörte, Kalum?«

»Zeugen?« fragte dieser erbleichend. »Nein, Zeugen hatte ich nicht, und

Ihr wisset ja, Beherrscher der Gläubigen, daß ein Goldstück aussieht

wie das andere. Woher konnte ich denn Zeugen nehmen, daß diese hundert

Stücke in meiner Kasse fehlen?«

»An was erkanntest du denn, daß jene Summe gerade dir gehöre?« fragte

der Kalif.

»An dem Beutel, in welchem sie war,« erwiderte Kalum.

»Hast du den Beutel hier?« forschte jener weiter.

»Hier ist er,« sprach der Kaufmann, zog einen Beutel hervor und reichte

ihn dem Großvezier, damit er ihn dem Kalifen gebe.

Doch dieser rief mit verstelltem Erstaunen: »Beim Bart des Propheten!

der Beutel soll dein sein, du Hund? Mein gehörte dieser Beutel, und ich

gab ihn, mit hundert Goldstücken gefüllt, einem braven jungen Mann, der

mich aus einer großen Gefahr befreite.«

»Kannst du darauf schwören?« fragte der Kalif.

»So gewiß, als ich einst ins Paradies kommen will,« antwortete der

Vezier, »denn meine Tochter hat ihn selbst verfertigt.«

»Ei! ei!« rief Harun, »so wurdest du also falsch berichtet,

Polizeirichter? Warum hast du denn geglaubt, daß der Beutel diesem

Kaufmann gehöre?«

»Er hat geschworen,« antwortete der Polizeirichter furchtsam.

»So hast du falsch geschworen?« donnerte der Kalif den Kaufmann an, der

erbleichend und zitternd vor ihm stand.

»Allah, Allah!« rief jener. »Ich will gewiß nichts gegen den Herrn

Großvezier sagen, er ist ein glaubwürdiger Mann, aber ach! der Beutel

gehörte doch mein, und der nichtswürdige Said hat ihn gestohlen.

Tausend Tomans wollte ich geben, wenn er jetzt zur Stelle wäre.«

»Was hast du denn mit diesem Said angefangen?« fragte der Kalif. »Sag'

an, wohin man schicken muß, damit er vor mir Bekenntnis ablege!«

»Ich habe ihn auf eine wüste Insel geschickt,« sprach der

Polizeirichter.

»O Said! mein Sohn! mein Sohn!« rief der unglückliche Vater und weinte.

»So hat er also das Verbrechen bekannt?« fragte Harun.

Der Polizeirichter erbleichte. Er rollte seine Augen hin und her, und

endlich sprach er: »Wenn ich mich noch recht erinnern kann -- ja.«

»Du weißt es also nicht gewiß?« fuhr der Kalif mit schrecklicher Stimme

fort; »so wollen wir ihn selbst fragen. Tritt hervor, Said, und du,

Kalum-Bek, zahlst vor allem tausend Goldstücke, weil er jetzt hier zur

Stelle ist.«

Kalum und der Polizeirichter glaubten, ein Gespenst zu sehen; sie

stürzten nieder und riefen: »Gnade! Gnade!« Benezar, vor Freuden halb

ohnmächtig, eilte in die Arme seines verlorenen Sohnes. Aber mit

eiserner Strenge fragte jetzt der Kalif: »Polizeirichter, hier steht

Said, hat er gestanden?«

»Nein, nein!« heulte der Polizeirichter, »ich habe nur Kalums Zeugnis

gehört, weil er ein angesehener Mann ist.«

»Habe ich dich darum als Richter über alle bestellt, daß du nur den

Vornehmen hörest?« rief Harun Al-Raschid mit edlem Zorn. »Auf zehn

Jahre verbanne ich dich auf eine wüste Insel, mitten im Meere, da

kannst du über Gerechtigkeit nachdenken, und du, elender Mensch, der du

Sterbende erweckst, nicht um sie zu retten, sondern um sie zu deinen

Sklaven zu machen, du zahlst, wie schon gesagt, tausend Tomans, weil du

sie versprochen, wenn Said käme, um für dich zu zeugen.«

Kalum freute sich, so wohlfeil aus dem bösen Handel zu kommen, und

wollte eben dem gütigen Kalifen danken. Doch dieser fuhr fort: »Für den

falschen Eid wegen der hundert Goldstücke bekommst du hundert Hiebe auf

die Fußsohlen. Ferner hat Said zu wählen, ob er dein ganzes Gewölbe und

dich als Lastträger nehmen will, oder ob er mit zehn Goldstücken für

jeden Tag, welchen er dir diente, zufrieden ist?«

»Lasset den Elenden laufen, Kalif!« rief der Jüngling, »ich will

nichts, das sein gehörte.«

»Nein,« antwortete Harun, »ich will, daß du entschädigt werdest. Ich

wähle statt deiner die zehn Goldstücke für den Tag, und du magst

berechnen, wie viele Tage du in seinen Klauen warst. Jetzt fort mit

diesen Elenden.«

Sie wurden abgeführt, und der Kalif führte Benezar und Said in einen

andern Saal, dort erzählte er ihm selbst seine wunderbare Rettung durch

Said und wurde nur zuweilen durch das Geheul Kalum-Beks unterbrochen,

dem man soeben im Hof seine hundert vollwichtigen Goldstücke auf die

Fußsohlen zählte.

Der Kalif lud Benezar ein, mit Said bei ihm in Bagdad zu leben. Er

sagte es zu und reiste nur noch einmal nach Hause, um sein großes

Vermögen abzuholen. Said aber lebte in dem Palast, den ihm der dankbare

Kalif erbaut hatte, wie ein Fürst. Der Bruder des Kalifen und der Sohn

des Großveziers waren seine Gesellschafter, und es war in Bagdad zum

Sprichwort geworden: »Ich möchte so gut und so glücklich sein als Said,

der Sohn Benezars.«

* * * * *

»Bei solchen Unterhaltungen käme mir kein Schlaf in die Augen, wenn

ich auch zwei, drei und mehrere Nächte wach bleiben müßte,« sagte

der Zirkelschmied, als der Jäger geendigt hatte. »Und oft schon habe

ich dies bewährt gefunden. So war ich in früherer Zeit als Geselle

bei einem Glockengießer. Der Meister war ein reicher Mann und kein

Geizhals. Aber ebendarum wunderten wir uns nicht wenig, als wir einmal

eine große Arbeit hatten, und er, ganz gegen seine Gewohnheit, so

knickerig als möglich erschien. Es wurde in die neue Kirche eine Glocke

gegossen, und wir Jungen und Gesellen mußten die ganze Nacht am Herd

sitzen und das Feuer hüten. Wir glaubten nicht anders, als der Meister

werde sein Mutterfäßchen anstechen und uns den besten Wein vorsetzen.

Aber nicht also. Er ließ nur alle Stunden einen Umtrunk tun und fing

an, von seiner Wanderschaft, von seinem Leben allerlei Geschichten zu

erzählen, dann kam es an den Obergesellen, und so nach der Reihe, und

keiner von uns wurde schläfrig, denn begierig horchten wir alle zu.

Ehe wir uns dessen versahen, war es Tag. Da erkannten wir die List des

Meisters, daß er uns durch Reden habe wach halten wollen. Denn als die

Glocke fertig war, schonte er seinen Wein nicht und holte ein, was er

weislich in jener Nacht versäumte.«

»Das war ein vernünftiger Mann,« erwiderte der Student. »Für den

Schlaf, das ist gewiß, hilft nichts als Reden. Darum möchte ich diese

Nacht nicht einsam bleiben, weil ich mich gegen elf Uhr hin des

Schlafes nicht erwehren könnte.«

»Das haben auch die Bauersleute wohl bedacht,« sagte der Jäger. »Wenn

die Frauen und Mädchen in den langen Winterabenden bei Licht spinnen,

so bleiben sie nicht einsam zu Hause, weil sie da wohl mitten unter der

Arbeit einschliefen, sondern sie kommen zusammen in den sogenannten

Lichtstuben, setzen sich in großer Gesellschaft zur Arbeit und

erzählen.«

»Ja,« fiel der Fuhrmann ein, »da geht es oft recht greulich zu, daß

man sich ordentlich fürchten möchte, denn sie erzählen von feurigen

Geistern, die auf der Wiese gehen, von Kobolden, die nachts in den

Kammern poltern, und von Gespenstern, die Menschen und Vieh ängstigen.«

»Da haben sie nun freilich nicht die beste Unterhaltung,« entgegnete

der Student. »Mir, ich gestehe es, ist nichts so verhaßt als

Gespenstergeschichten.«

»Ei, da denke ich gerade das Gegenteil,« rief der Zirkelschmied. »Mir

ist es recht behaglich bei einer rechten Schauergeschichte. Es ist

gerade wie beim Regenwetter, wenn man unter dem Dach schläft. Man hört

die Tropfen tick, tack, tick, tack auf die Ziegeln herunterrauschen

und fühlt sich recht warm im Trockenen. So, wenn man bei Licht und in

Gesellschaft von Gespenstern hört, fühlt man sich sicher und behaglich.«

»Aber nachher?« fragte der Student. »Wenn einer zugehört hat, der dem

lächerlichen Glauben an Gespenster ergeben ist, wird er sich nicht

grauen, wenn er allein ist und im Dunkeln? Wird er nicht an alles

das Schauerliche denken, was er gehört? Ich kann mich noch heute

über diese Gespenstergeschichten ärgern, wenn ich an meine Kindheit

denke. Ich war ein munterer, aufgeweckter Junge und mochte vielleicht

etwas unruhiger sein, als meiner Amme lieb war. Da wußte sie nun kein

anderes Mittel, mich zum Schweigen zu bringen, als sie machte mich

fürchten. Sie erzählte mir allerlei schauerliche Geschichten von Hexen

und bösen Geistern, die im Hause spuken sollten, und wenn eine Katze

auf dem Boden ihr Wesen trieb, flüsterte sie mir ängstlich zu: ›Hörst

du, Söhnchen? Jetzt geht er wieder treppauf, treppab, der tote Mann.

Er trägt einen Kopf unter dem Arm, aber seine Augen glänzen doch wie

Laternen, Krallen hat er statt der Finger, und wenn er einen im Dunkeln

erwischt, dreht er ihm den Hals um.‹«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 6 · 第 25 / 31 段