bedaure, die dich nach Bagdad führten, so war doch dies der einzige,
vom Schicksal bestimmte Ort, wo sich, wenn du vor dem zwanzigsten Jahr
dein Vaterhaus verließest, dein Schicksal lösen würde. Said, hast du
noch dein Pfeifchen?«
»Wohl hab' ich es noch,« rief er freudig, indem er die goldne Kette
hervorzog; »und Ihr seid vielleicht die gütige Fee, die mir dieses
Angebinde gab, als ich geboren wurde?«
»Ich war die Freundin deiner Mutter,« antwortete die Fee, »und bin
auch deine Freundin, solange du gut bleibst. Ach! daß dein Vater, der
leichtsinnige Mann, meinen Rat befolgt hätte! Du würdest vielen Leiden
entgangen sein.«
»Nun, es hat wohl so kommen müssen!« erwiderte Said. »Aber, gnädigste
Fee, lasset einen tüchtigen Nordostwind an Euren Wolkenwagen spannen,
nehmet mich auf und führet mich in ein paar Minuten nach Balsora zu
meinem Vater; ich will dann die sechs Monate bis zu meinem zwanzigsten
Jahre geduldig dort ausharren.«
Die Fee lächelte. »Du hast eine gute Weise, mit uns zu sprechen,«
antwortete sie, »aber, armer Said! es ist nicht möglich; ich vermag
jetzt, wo du außer deinem Vaterhause bist, nichts Wunderbares für dich
zu tun. Nicht einmal aus der Gewalt des elenden Kalum-Bek vermag ich
dich zu befreien! Er steht unter dem Schutz deiner mächtigen Feindin.«
»Also nicht nur eine gütige Freundin habe ich?« fragte Said, »auch eine
Feindin? Nun, ich glaube ihren Einfluß schon öfter erfahren zu haben.
Aber mit Rat dürfet Ihr mich doch unterstützen? Soll ich nicht zum
Kalifen gehen und ihn um Schutz bitten? Er ist ein weiser Mann, er wird
mich gegen Kalum-Bek beschützen.«
»Ja, Harun ist ein weiser Mann!« erwiderte die Fee. »Aber leider ist
er auch nur ein Mensch. Er traut seinem Großkämmerer Messour so viel
als sich selbst, und er hat recht, denn er hat Messour erprobt und
treu gefunden. Messour aber traut deinem Freund Kalum-Bek auch wie
sich selbst, und darin hat er unrecht, denn Kalum ist ein schlechter
Mensch, wenn er schon Messours Verwandter ist. Kalum ist zugleich ein
verschlagener Kopf und hat, sobald er hierher kam, seinem Vetter
Großkämmerer eine Fabel über dich erdichtet und angeheftet, und dieser
hat sie wieder dem Kalifen erzählt, so daß du, kämest du auch jetzt
gleich in den Palast Haruns, schlecht empfangen werden würdest, denn
er traute dir nicht. Aber es gibt andere Mittel und Wege, sich ihm zu
nahen, und es steht in den Sternen geschrieben, daß du seine Gnade
erwerben sollst.«
»Das ist freilich schlimm,« sagte Said wehmütig. »Da werde ich schon
noch einige Zeit der Ladenhüter des elenden Kalum-Bek sein müssen.
Aber eine Gnade, verehrte Frau, könnet Ihr mir doch gewähren. Ich bin
zum Waffenwerk erzogen, und meine höchste Freude ist ein Kampfspiel,
wo recht tüchtig gefochten wird mit Lanze, Bogen und stumpfem Schwert.
Nun halten die edelsten Jünglinge dieser Stadt alle Wochen ein solches
Kampfspiel. Aber nur Leute im höchsten Schmuck, und überdies nur
_freie_ Männer, dürfen in die Schranken reiten, namentlich aber kein
Diener aus dem Bazar. Wenn Ihr nun bewirken könntet, daß ich alle
Wochen ein Pferd, Kleider, Waffen haben könnte, und daß man mein
Gesicht nicht so leicht erkennte --«
»Das ist ein Wunsch, wie ihn ein edler junger Mann wohl wagen darf,«
sprach die Fee; »der Vater deiner Mutter war der tapferste Mann in
Syrien, und sein Geist scheint sich auf dich vererbt zu haben. Merke
dir dies Haus; du sollst jede Woche hier ein Pferd und zwei berittene
Knappen, ferner Waffen und Kleider finden und ein Waschwasser für
dein Gesicht, das dich für alle Augen unkenntlich machen soll. Und
nun, Said, lebe wohl! Harre aus und sei klug und tugendhaft! In sechs
Monaten wird dein Pfeifchen tönen, und Zulimas Ohr wird für seine Töne
offen sein.«
Der Jüngling schied von seiner wunderbaren Beschützerin mit Dank und
Verehrung; er merkte sich das Haus und die Straße genau und ging dann
nach dem Bazar zurück.
Als Said in den Bazar zurückkehrte, kam er gerade noch zu rechter Zeit,
um seinen Herrn und Meister Kalum-Bek zu unterstützen und zu retten.
Ein großes Gedränge war um den Laden, Knaben tanzten um den Kaufmann
her und verhöhnten ihn, und die Alten lachten. Er selbst stand vor Wut
zitternd und in großer Verlegenheit vor dem Laden, in der einen Hand
einen Schal, in der andern den Schleier. Diese sonderbare Szene kam
aber von einem Vorfall her, der sich nach Saids Abwesenheit ereignet
hatte. Kalum hatte sich statt seines schönen Dieners unter die Türe
gestellt und ausgerufen, aber niemand mochte bei dem alten, häßlichen
Burschen kaufen. Da gingen zwei Männer den Bazar herab und wollten für
ihre Frauen Geschenke kaufen. Sie waren suchend schon einigemal auf und
nieder gegangen, und eben jetzt sah man sie mit umherirrenden Blicken
wieder herabgehen.
Kalum-Bek, der dies bemerkte, wollte es sich zu nutze machen und rief:
»Hier, meine Herren, hier! Was suchet ihr? Schöne Schleier, schöne
Ware?«
»Guter Alter,« erwiderte einer, »deine Waren mögen recht gut sein, aber
unsere Frauen sind wunderlich, und es ist Sitte in der Stadt geworden,
die Schleier bei niemand zu kaufen als bei dem schönen Ladendiener
Said; wir gehen schon eine halbe Stunde umher, ihn zu suchen, und
finden ihn nicht; aber kannst du uns sagen, wo wir ihn etwa treffen, so
kaufen wir dir ein andermal ab.«
»Allahit Allah!« rief Kalum-Bek freundlich grinsend. »Euch hat der
Prophet vor die rechte Türe geführt. Zum schönen Ladendiener wollet
ihr, um Schleier zu kaufen? Nun, tretet nur ein, hier ist sein Gewölbe.«
Der eine dieser Männer lachte über Kalums kleine und häßliche Gestalt
und seine Behauptung, daß er der schöne Ladendiener sei; der andere
aber glaubte, Kalum wolle sich über ihn lustig machen, blieb ihm nichts
schuldig, sondern schimpfte ihn weidlich. Dadurch kam Kalum-Bek außer
sich; er rief seine Nachbarn zu Zeugen auf, daß man keinen andern Laden
als den seinigen das Gewölbe des schönen Ladendieners nenne; aber die
Nachbarn, welche ihn wegen des Zulaufs, den er seit einiger Zeit hatte,
beneideten, wollten hiervon nichts wissen, und die beiden Männer gingen
nun dem alten Lügner, wie sie ihn nannten, ernstlich zu Leib. Kalum
verteidigte sich mehr durch Geschrei und Schimpfworte als durch seine
Faust, und so lockte er eine Menge Menschen vor sein Gewölbe; die halbe
Stadt kannte ihn als einen geizigen, gemeinen Filz, alle Umstehenden
gönnten ihm die Püffe, die er bekam, und schon packte ihn einer der
beiden Männer am Bart, als ebendieser am Arm gefaßt und mit einem
einzigen Ruck zu Boden geworfen wurde, so daß sein Turban herabfiel und
seine Pantoffeln weit hinwegflogen.
Die Menge, welche es wahrscheinlich gerne gesehen hätte, wenn
Kalum-Bek mißhandelt worden wäre, murrte laut, der Gefährte des
Niedergeworfenen sah sich nach dem um, der es gewagt hatte, seinen
Freund niederzuwerfen; als er aber einen hohen, kräftigen Jüngling mit
blitzenden Augen und mutiger Miene vor sich stehen sah, wagte er es
nicht, ihn anzugreifen, da überdies Kalum, dem seine Rettung wie ein
Wunder erschien, auf den jungen Mann deutete und schrie: »Nun, was
wollt ihr denn mehr? Da steht er ja, ihr Herren, das ist Said, der
schöne Ladendiener.« Die Leute umher lachten, weil sie wußten, daß
Kalum-Bek vorhin unrecht geschehen war. Der niedergeworfene Mann stand
beschämt auf und hinkte mit seinem Genossen weiter, ohne weder Schal
noch Schleier zu kaufen.
»O du Stern aller Ladendiener, du Krone des Bazars!« rief Kalum, als er
seinen Diener in den Laden führte: »Wahrlich, das heiße ich zu rechter
Zeit kommen, das nenne ich die Hand ins Mittel legen; lag doch der
Bursche auf dem Boden, als ob er nie auf den Beinen gestanden wäre, und
ich -- ich hätte keinen Barbier mehr gebraucht, um mir den Bart kämmen
und salben zu lassen, wenn du nur zwei Minuten später kamst; womit kann
ich es dir vergelten?«
Es war nur das schnelle Gefühl des Mitleids gewesen, was Saids Hand
und Herz regiert hatte; jetzt, als dieses Gefühl sich legte, reute es
ihn fast, daß er die gute Züchtigung dem bösen Mann erspart hatte; ein
Dutzend Barthaare weniger, dachte er, hätten ihn auf zwölf Tage sanft
und geschmeidig gemacht; er suchte aber dennoch die günstige Stimmung
des Kaufmanns zu benutzen und erbat sich von ihm zum Dank die Gunst,
alle Wochen einmal einen Abend für sich benützen zu dürfen zu einem
Spaziergang, oder zu was es auch sei; Kalum gab es zu, denn er wußte
wohl, daß sein gezwungener Diener zu vernünftig sei, um ohne Geld und
gute Kleider zu entfliehen.
Bald hatte Said erreicht, was er wollte. Am nächsten Mittwoch, dem
Tag, wo sich die jungen Leute aus den vornehmsten Ständen auf einem
öffentlichen Platz der Stadt versammelten, um ihre kriegerischen
Uebungen zu halten, sagte er zu Kalum, er wolle diesen Abend für sich
benützen, und als dieser es erlaubt hatte, ging er in die Straße, wo
die Fee wohnte, pochte an, und sogleich sprang die Pforte auf. Die
Diener schienen auf seine Ankunft schon vorbereitet gewesen zu sein,
denn ohne ihn erst nach seinem Begehren zu fragen, führten sie ihn
die Treppe hinan in ein schönes Gemach; dort reichten sie ihm zuerst
das Waschwasser, das ihn unkenntlich machen sollte. Er benetzte sein
Gesicht damit, schaute dann in einen Metallspiegel und kannte sich
beinahe selbst nicht mehr, denn er war jetzt von der Sonne gebräunt,
trug einen schönen, schwarzen Bart und sah zum mindesten zehn Jahre
älter aus, als er in der Tat zählte.
Hierauf führten sie ihn in ein zweites Gemach, wo er eine vollständige
und prachtvolle Kleidung fand, in welcher sich der Kalif von Bagdad
selbst nicht hätte schämen dürfen an dem Tag, wo er im vollen Glanze
seiner Herrlichkeit sein Heer musterte. Außer einem Turban vom feinsten
Gewebe mit einer Agraffe von Diamanten und hohen Reiherfedern, einem
Kleid von schwerem, rotem Seidenzeug, mit silbernen Blumen durchwirkt,
fand Said einen Brustpanzer von silbernen Ringen, der so fein
gearbeitet war, daß er sich nach jeder Bewegung des Körpers schmiegte,
und doch zugleich so fest, daß ihn weder die Lanze noch das Schwert
durchdringen konnten. Eine Damaszener Klinge in reich verzierter
Scheide, mit einem Griff, dessen Steine Said unschätzbar deuchten,
vollendete seinen kriegerischen Schmuck. Als er völlig gerüstet wieder
aus der Türe trat, überreichte ihm einer der Diener ein seidenes Tuch
und sagte ihm, daß die Gebieterin des Hauses ihm dieses Tuch schicke;
wenn er damit sein Gesicht abwische, so werde der Bart und die braune
Farbe verschwinden.
In dem Hof des Hauses standen drei schöne Pferde; das schönste bestieg
Said, die beiden andern seine Diener, und dann trabte er freudig dem
Platze zu, wo die Kampfspiele gehalten werden sollten. Durch den Glanz
seiner Kleider und die Pracht seiner Waffen zog er aller Augen auf
sich, und ein allgemeines Geflüster des Staunens entstand, als er in
den Ring, welchen die Menge umgab, einritt. Es war eine glänzende
Versammlung der tapfersten und edelsten Jünglinge Bagdads, selbst die
Brüder des Kalifen sah man ihre Rosse tummeln und die Lanzen schwingen.
Als Said heranritt und niemand ihn zu kennen schien, ritt der Sohn des
Großveziers mit einigen Freunden auf ihn zu, grüßte ihn ehrerbietig,
lud ihn ein, an ihren Spielen teilzunehmen, und fragte ihn nach seinem
Namen und seinem Vaterland. Said gab vor, er heiße Almansor und komme
von Kairo, sei auf einer Reise begriffen und habe von der Tapferkeit
und Geschicklichkeit der jungen Edeln von Bagdad so vieles gehört, daß
er nicht gesäumt habe, sie zu sehen und kennen zu lernen. Den jungen
Leuten gefielen der Anstand und das mutige Wesen Said-Almansors; sie
ließen ihm eine Lanze reichen und seine Partei wählen, denn die ganze
Gesellschaft hatte sich in zwei Parteien geteilt, um einzeln und in
Scharen gegeneinander zu fechten.
Aber hatte schon Saids Aeußeres die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt, so
staunte man jetzt noch mehr über seine ungewöhnliche Geschicklichkeit
und Behendigkeit. Sein Pferd war schneller als ein Vogel, und sein
Schwert schwirrte noch behender umher. Er warf die Lanze so leicht,
weit und sicher, als wäre sie ein Pfeil, den er von einem sicheren
Bogen abgeschnellt hätte. Die Tapfersten seiner Gegenpartei besiegte
er, und am Schluß der Spiele war er so allgemein als Sieger anerkannt,
daß einer der Brüder des Kalifen und der Sohn des Großveziers, die auf
Saids Seite gekämpft hatten, ihn baten, auch mit ihnen zu streiten.
Ali, der Bruder des Kalifen, wurde von ihm besiegt, aber der Sohn des
Großveziers widerstand ihm so tapfer, daß sie es nach langem Kampf für
besser hielten, die Entscheidung für das nächste Mal aufzusparen.
Den Tag nach diesen Spielen sprach man in ganz Bagdad von nichts als
dem schönen, reichen und tapfern Fremdling; alle, die ihn gesehen
hatten, ja selbst, die von ihm besiegt waren, waren entzückt von seinen
edlen Sitten, und sogar vor seinen eignen Ohren im Gewölbe Kalum-Beks
wurde über ihn gesprochen; und man beklagte nur, daß niemand wisse, wo
er wohne. Das nächste Mal fand er im Hause der Fee ein noch schöneres
Kleid und noch köstlicheren Waffenschmuck. Diesmal hatte sich halb
Bagdad zugedrängt, selbst der Kalif sah von einem Balkon herab dem
Schauspiel zu; auch er bewunderte den Fremdling Almansor und hing ihm,
als die Spiele geendet hatten, eine große Denkmünze von Gold an einer
goldnen Kette um den Hals, um ihm seine Bewunderung zu bezeigen. Es
konnte nicht anders kommen, als daß dieser zweite, noch glänzendere
Sieg den Neid der jungen Leute von Bagdad aufregte. »Ein Fremdling,«
sprachen sie untereinander, »soll hierher kommen nach Bagdad, uns Ruhm,
Ehre und Sieg zu entreißen? Er soll sich an andern Orten damit brüsten
können, daß unter der Blüte von Bagdads Jünglingen keiner gewesen
sei, der es entfernt hätte mit ihm aufnehmen können?« So sprachen sie
und beschlossen, beim nächsten Kampfspiel, als wäre es aus Zufall
geschehen, zu fünf oder sechs über ihn herzufallen.
Saids scharfen Blicken entgingen diese Zeichen des Unmuts nicht; er
sah, wie sie in der Ecke zusammenstanden, flüsterten und mit bösen
Mienen auf ihn deuteten; er ahnte, daß außer dem Bruder des Kalifen
und dem Sohn des Großveziers keiner sehr freundlich gegen ihn gesinnt
sein möchte, und diese selbst wurden ihm durch ihre Fragen lästig: wo
sie ihn aufsuchen könnten, womit er sich beschäftige, was ihm in Bagdad
wohlgefallen habe, und dergleichen.
Es war ein sonderbarer Zufall, daß derjenige der jungen Männer,
welcher Said-Almansor mit den grimmigsten Blicken betrachtete und
am feindseligsten gegen ihn gesinnt schien, niemand anders war als
der Mann, den er vor einiger Zeit bei Kalum-Beks Bude niedergeworfen
hatte, als er gerade im Begriff war, dem unglücklichen Kaufmann den
Bart auszureißen. Dieser Mann betrachtete ihn immer aufmerksam und
neidisch, Said hatte ihn zwar schon einigemal besiegt, aber dies
war kein hinlänglicher Grund zu solcher Feindseligkeit, und Said
fürchtete schon, jener möchte ihn an seinem Wuchs oder an der Stimme
als Kalum-Beks Ladendiener erkannt haben, eine Entdeckung, die ihn
dem Spott und der Rache dieser Leute aussetzen würde. Der Anschlag,
welchen seine Neider auf ihn gemacht hatten, scheiterte sowohl an
seiner Vorsicht und Tapferkeit, als auch an der Freundschaft, womit ihm
der Bruder des Kalifen und der Sohn des Großveziers zugetan waren. Als
diese sahen, daß er von wenigstens sechs umringt sei, die ihn vom Pferd
zu werfen oder zu entwaffnen suchten, sprengten sie herbei, jagten
den ganzen Trupp auseinander und drohten den jungen Leuten, welche so
verräterisch gehandelt hatten, sie aus der Kampfbahn zu stoßen. Mehr
denn vier Monate hatte Said auf diese Weise zum Erstaunen Bagdads seine
Tapferkeit erprobt, als er eines Abends beim Nachhausegehen von dem
Kampfplatz einige Stimmen vernahm, die ihm bekannt schienen. Vor ihm
gingen vier Männer, die sich langsamen Schrittes über etwas zu beraten
schienen. Als Said leise näher trat, hörte er, daß sie den Dialekt der
Horde Selims in der Wüste sprachen, und ahnte, daß die vier Männer auf
irgend eine Räuberei ausgingen. Sein erstes Gefühl war, sich von diesen
vieren zurückzuziehen; als er aber bedachte, daß er irgend etwas Böses
verhindern könnte, schlich er sich noch näher herzu, diese Männer zu
behorchen.
»Der Türsteher hat ausdrücklich gesagt, die Straße rechts vom Bazar,«
sprach der eine, »dort werde und müsse er heute nacht mit dem
Großvezier durchkommen.«
»Gut,« antwortete ein anderer. »Den Großvezier fürchte ich nicht; er
ist alt und wohl kein sonderlicher Held, aber der Kalif soll ein gutes
Schwert führen, und ich traue ihm nicht; es schleichen ihm gewiß zehn
oder zwölf von der Leibwache nach.«
»Keine Seele,« entgegnete ihm ein dritter. »Wenn man ihn je gesehen und
erkannt hat bei Nacht, war er immer nur allein mit dem Vezier oder mit
dem Oberkämmerling. Heute nacht muß er unser sein, aber es darf ihm
kein Leid geschehen.«
»Ich denke, das beste ist,« sprach der erste, »wir werfen ihm eine
Schlinge über den Kopf; töten dürfen wir ihn nicht, denn für seinen
Leichnam würden sie ein geringes Lösegeld geben, und überdies wären wir
nicht sicher, es zu bekommen.«
»Also eine Stunde vor Mitternacht!« sagten sie zusammen und schieden,
der eine hierhin, der andere dorthin.
Said war über diesen Anschlag nicht wenig erschrocken. Er beschloß,
sogleich zum Palast des Kalifen zu eilen und ihn von der Gefahr, die
ihm drohte, zu unterrichten. Aber als er schon durch mehrere Straßen
gelaufen war, fielen ihm die Worte der Fee bei, die ihm gesagt hatte,
wie schlecht er bei dem Kalifen angeschrieben sei: er bedachte, daß
man vielleicht seine Angabe verlachen oder als einen Versuch, bei dem
Beherrscher von Bagdad sich einzuschmeicheln, ansehen könnte, und so
hielt er seine Schritte an und achtete es für das beste, sich auf sein
gutes Schwert zu verlassen und den Kalifen persönlich aus den Händen
der Räuber zu retten.
Er ging daher nicht in Kalum-Beks Haus zurück, sondern setzte sich
auf die Stufen einer Moschee und wartete dort, bis die Nacht völlig
angebrochen war; dann ging er am Bazar vorbei in jene Straße, welche
die Räuber bezeichnet hatten, und verbarg sich hinter dem Vorsprung
eines Hauses. Er mochte ungefähr eine Stunde dort gestanden sein, als
er zwei Männer langsam die Straße herabkommen hörte; anfänglich glaubte
er, es seien der Kalif und der Großvezier, aber einer der Männer
klatschte in die Hände, und sogleich eilten zwei andere sehr leise die
Straße herauf vom Bazar her. Sie flüsterten eine Weile und teilten
sich dann; drei versteckten sich nicht weit von ihm, und einer ging in
der Straße auf und ab. Die Nacht war sehr finster, aber stille, und so
mußte sich Said auf sein scharfes Ohr beinahe ganz allein verlassen.
Wieder war etwa eine halbe Stunde vergangen, als man gegen den Bazar
hin Schritte vernahm. Der Räuber mochte sie auch gehört haben; er
schlich an Said vorüber dem Bazar zu. Die Schritte kamen näher, und
schon konnte Said einige dunkle Gestalten erkennen, als der Räuber in
die Hand klatschte, und in demselben Augenblick stürzten die drei aus
dem Hinterhalt hervor. Die Angegriffenen mußten übrigens bewaffnet
sein, denn er vernahm den Klang von aneinander geschlagenen Schwertern.
Sogleich zog er seine Damaszenerklinge und stürzte sich mit dem Rufe:
»Nieder mit den Feinden des großen Harun!« auf die Räuber, streckte
mit dem ersten Hieb einen zu Boden und drang dann auf zwei andere ein,
die eben im Begriff waren, einen Mann, um welchen sie einen Strick
geworfen hatten, zu entwaffnen. Er hieb blindlings auf den Strick ein,
um ihn zu zerschneiden, aber er traf dabei einen der Räuber so heftig
über den Arm, daß er ihm die Hand abschlug; der Räuber stürzte mit
fürchterlichem Geschrei auf die Kniee. Jetzt wandte sich der vierte,
der mit einem andern Mann gefochten hatte, gegen Said, der noch mit
dem dritten im Kampf war, aber der Mann, um welchen man die Schlinge
geworfen hatte, sah sich nicht sobald frei, als er seinen Dolch zog und
ihn dem Angreifenden von der Seite in die Brust stieß. Als dies der
noch Uebergebliebene sah, warf er seinen Säbel weg und floh.
Said blieb nicht lange in Ungewißheit, wen er gerettet habe; denn der
größere der beiden Männer trat zu ihm und sprach: »Das eine ist so
sonderbar wie das andere, dieser Angriff auf mein Leben oder meine
Freiheit, wie die unbegreifliche Hilfe und Rettung. Wie wußtet Ihr, wer
ich bin? Habt Ihr von dem Anschlag dieser Menschen gewußt?«
»Beherrscher der Gläubigen,« antwortete Said, »denn ich zweifle nicht,
daß du es bist, ich ging heute abend durch die Straße El Malek hinter
einigen Männern, deren fremden und geheimnisvollen Dialekt ich einst
gelernt habe. Sie sprachen davon, dich gefangen zu nehmen und den
würdigen Mann, deinen Vezier, zu töten. Weil es nun zu spät war, dich
zu warnen, beschloß ich, an den Platz zu gehen, wo sie dir auflauern
wollten, um dir beizustehen.«
»Danke dir,« sprach Harun, »an dieser Stätte ist übrigens nicht gut
weilen; nimm diesen Ring und komm damit morgen in meinen Palast; wir
wollen dann mehr über dich und deine Hilfe reden und sehen, wie ich
dich am besten belohnen kann. Komm, Vezier, hier ist nicht gut bleiben,
sie können wieder kommen.«
Er sprach es und wollte den Großvezier fortziehen, nachdem er dem
Jüngling einen Ring an den Finger gesteckt hatte; dieser aber bat
ihn, noch ein wenig zu verweilen, wandte sich um und reichte dem
überraschten Jüngling einen schweren Beutel. »Junger Mann,« sprach er,
»mein Herr, der Kalif, kann dich zu allem machen, wozu er will, selbst
zu meinem Nachfolger, ich selbst kann wenig tun, und was ich tun kann,
geschieht heute besser als morgen; drum nimm diesen Beutel. Das soll
meinen Dank übrigens nicht abkaufen. So oft du irgend einen Wunsch
hast, komm getrost zu mir.«
Ganz trunken vor Glück eilte Said nach Hause. Aber hier wurde er
übel empfangen; Kalum-Bek wurde über sein langes Ausbleiben zuerst
unwillig und dann besorgt, denn er dachte, er könnte leicht das
schöne Aushängeschild seines Gewölbes verlieren. Er empfing ihn mit
Schmähworten und tobte und raste wie ein Wahnsinniger. Aber Said, der
einen Blick in den Beutel getan und gefunden hatte, daß er lauter
Goldstücke enthalte, bedachte, daß er jetzt nach seiner Heimat reisen
könne, auch ohne die Gnade des Kalifen, die gewiß nicht geringer war
als der Dank seines Veziers, und so blieb er ihm kein Wort schuldig,
sondern erklärte ihm rund und deutlich, daß er keine Stunde länger
bei ihm bleiben werde. Von Anfang erschrak Kalum-Bek hierüber sehr,
dann aber lachte er höhnisch und sprach: »Du Lump und Landläufer, du
ärmlicher Wicht! Wohin willst du denn deine Zuflucht nehmen, wenn ich
meine Hand von dir abziehe? Wo willst du ein Mittagessen bekommen, und
wo ein Nachtlager?«
»Das soll Euch nicht kümmern, Herr Kalum-Bek,« antwortete Said trotzig,
»gehabt Euch wohl, mich sehet Ihr nicht wieder!«
Er sprach es und lief zur Türe hinaus, und Kalum-Bek schaute ihm
sprachlos vor Staunen nach. Den andern Morgen aber, nachdem er sich den
Fall recht überlegt hatte, schickte er seine Packknechte aus und ließ
überall nach dem Flüchtling spähen. Lange suchten sie umsonst, endlich
aber kam einer zurück und sagte, er habe Said, den Ladendiener, aus
einer Moschee kommen und in eine Karawanserei gehen sehen. Er sei aber
ganz verändert, trage ein schönes Kleid, einen Dolch und Säbel, und
einen prachtvollen Turban.