strömte ihnen ein ganzer Schwall von Kindern und Weibern entgegen, aber
kaum hatten diese einige Worte mit den Räubern gewechselt, als sie in
ein schreckliches Geheul ausbrachen und alle nach Said hinblickten, die
Arme gegen ihn aufhoben und Verwünschungen ausstießen. »Jener ist es,«
schrien sie, »der den großen Almansor erschlagen hat, den tapfersten
aller Männer; er muß sterben, wir wollen sein Fleisch dem Schakal der
Wüste zur Beute geben.« Dann drangen sie mit Holzstücken, Erdschollen
und was sie zur Hand hatten, so furchtbar auf Said ein, daß sich
die Räuber selbst ins Mittel legen mußten. »Hinweg, ihr Unmündigen,
fort, ihr Weiber!« riefen sie, und trieben die Menge mit den Lanzen
auseinander; »er hat den großen Almansor erschlagen im Gefecht, und er
muß sterben, aber nicht von der Hand eines Weibes, sondern vom Schwert
der Tapfern.«
Als sie unter den Zelten auf einem freien Platz angelangt
waren, machten sie Halt; die Gefangenen wurden je zwei und zwei
zusammengebunden, die Beute in die Zelte gebracht, Said aber wurde
einzeln gefesselt und in ein großes Zelt geführt. Dort saß ein alter,
prachtvoll gekleideter Mann, dessen ernste, stolze Miene verkündete,
daß er das Oberhaupt dieser Horde sei. Die Männer, welche Said führten,
traten traurig und mit gesenktem Haupt vor ihn hin. »Das Geheul der
Weiber sagt mir, was geschehen ist,« sprach der majestätische Mann,
indem er die Räuber der Reihe nach anblickte; »eure Mienen bestätigen
es -- Almansor ist gefallen.«
»Almansor ist gefallen,« antworteten die Männer, »aber hier, Selim,
Beherrscher der Wüste, ist sein Mörder, und wir bringen ihn, damit
du ihn richtest; welche Todesart soll er sterben? Sollen wir ihn aus
der Ferne mit Pfeilen erschießen, sollen wir ihn durch eine Gasse von
Lanzen jagen, oder willst du, daß er an einem Strick aufgehängt oder
von Pferden zerrissen werde?«
»Wer bist du?« fragte Selim, düster auf den Gefangenen blickend, der
zum Tode bereit, aber mutig vor ihm stand.
Said beantwortete seine Frage kurz und offen.
»Hast du meinen Sohn meuchlings umgebracht? Hast du ihn von hinten mit
einem Pfeil oder einer Lanze durchbohrt?«
»Nein, Herr!« antwortete Said. »Ich habe ihn in offenem Kampf beim
Angriff auf unsere Reihen von vorne getötet, weil er schon acht meiner
Genossen vor meinen Augen erschlagen hatte.«
»Ist es also, wie er sprach?« fragte Selim die Männer, die ihn gefangen
hatten.
»Ja, Herr, er hat Almansor in offenem Kampf getötet,« sprach einer von
den Gefragten.
»Dann hat er nicht mehr und nicht minder getan, als wir selbst getan
haben würden,« versetzte Selim, »er hat seinen Feind, der ihm Freiheit
und Leben rauben wollte, bekämpft und erschlagen; drum löset schnell
seine Bande!«
Die Männer sahen ihn staunend an und gingen nur zaudernd und mit
Widerwillen ans Werk. »So soll der Mörder deines Sohnes, des tapfern
Almansor, nicht sterben?« fragte einer, indem er wütende Blicke auf
Said warf. »Hätten wir ihn lieber gleich umgebracht!«
»Er soll nicht sterben!« rief Selim, »und ich nehme ihn sogar in mein
eigenes Zelt auf, ich nehme ihn als meinen gerechten Anteil an der
Beute, er sei mein Diener.«
Said fand keine Worte, dem Alten zu danken; die Männer aber verließen
murrend das Zelt, und als sie den Weibern und Kindern, die draußen
versammelt waren und auf Saids Hinrichtung warteten, den Entschluß
des alten Selim mitteilten, erhoben sie ein schreckliches Geheul und
Geschrei und riefen, sie werden Almansors Tod an seinem Mörder rächen,
weil sein eigener Vater die Blutrache nicht üben wolle.
Die übrigen Gefangenen wurden an die Horden verteilt, einige entließ
man, um Lösegeld für die Reicheren einzutreiben, andere wurden zu den
Herden als Hirten geschickt, und manche, die vorher von zehn Sklaven
sich bedienen ließen, mußten die niedrigsten Dienste in diesem Lager
versehen. Nicht so Said. War es sein mutiges, heldenmäßiges Aussehen
oder der geheimnisvolle Zauber einer gütigen Fee, was den alten
Selim für den Jüngling einnahm? Man wußte es nicht zu sagen, aber
Said lebte in seinem Zelt mehr als Sohn denn als Diener. Aber die
unbegreifliche Zuneigung des alten Mannes zog ihm die Feindschaft der
übrigen Diener zu. Er begegnete überall nur feindlichen Blicken, und
wenn er allein durchs Lager ging, so hörte er ringsumher Schimpfworte
und Verwünschungen ausstoßen, ja, einigemale flogen Pfeile an seiner
Brust vorüber, die offenbar ihm gegolten hatten, und daß sie ihn
nicht trafen, schrieb er nur dem Pfeifchen zu, das er noch immer auf
der Brust trug, und welchem er diesen Schutz zuschrieb. Oft beklagte
er sich bei Selim über diese Angriffe auf sein Leben, aber vergebens
suchte dieser die Meuchelmörder ausfindig zu machen, denn die ganze
Horde schien gegen den begünstigten Fremdling verbunden zu sein. Da
sprach eines Tages Selim zu ihm: »Ich hatte gehofft, du werdest mir
vielleicht den Sohn ersetzen, der durch deine Hand umgekommen ist; an
dir und mir liegt nicht die Schuld, daß es nicht sein konnte; alle
sind gegen dich erbittert, und ich selbst kann dich in Zukunft nicht
mehr schützen, denn was hilft es dir oder mir, wenn sie dich heimlich
getötet haben, den Schuldigen zur Strafe zu ziehen? Darum, wenn die
Männer von ihrem Streifzug heimkehren, werde ich sagen, dein Vater habe
mir Lösegeld geschickt, und ich werde dich durch einige treue Männer
durch die Wüste geleiten lassen.«
»Aber kann ich irgend einem außer dir trauen?« fragte Said bestürzt.
»Werden sie mich nicht unterwegs töten?«
»Davor schützt dich der Eid, den sie mir schwören müssen, und den noch
keiner gebrochen hat,« erwiderte Selim mit großer Ruhe. Einige Tage
nachher kehrten die Männer ins Lager zurück, und Selim hielt sein
Versprechen. Er schenkte dem Jüngling Waffen, Kleider und ein Pferd,
versammelte die streitbaren Männer, wählte fünf zur Begleitung Saids
aus, ließ sie einen furchtbaren Eid ablegen, daß sie ihn nicht töten
wollen, und entließ ihn dann mit Tränen.
Die fünf Männer ritten finster und schweigend mit Said durch die Wüste;
der Jüngling sah, wie ungern sie den Auftrag erfüllten, und es machte
ihm nicht wenig Besorgnis, daß zwei von ihnen bei jenem Kampf zugegen
waren, wo er Almansor tötete. Als sie etwa acht Stunden zurückgelegt
hatten, hörte Said, daß sie untereinander flüsterten, und bemerkte,
daß ihre Mienen noch düsterer wurden als vorher. Er strengte sich an,
aufzuhorchen, und vernahm, daß sie sich in einer Sprache unterhielten,
die nur von dieser Horde, und immer nur bei geheimnisvollen oder
gefährlichen Unternehmungen, gesprochen wurde; Selim, der den Plan
gehabt hatte, den jungen Mann auf immer in seinem Zelt zu behalten,
hatte sich manche Stunde damit abgegeben, ihn diese geheimnisvollen
Worte zu lehren; aber es war nichts Erfreuliches, was er jetzt vernahm.
»Hier ist die Stelle,« sprach einer; »hier griffen wir die Karawane an,
und hier fiel der tapferste Mann von der Hand eines Knaben.«
»Der Wind hat die Spuren seines Pferdes verweht,« fuhr ein anderer
fort, »aber ich habe sie nicht vergessen.«
»Und zu unserer Schande soll der noch leben und frei sein, der Hand
an ihn legte? Wann hat man je gehört, daß ein Vater den Tod seines
einzigen Sohnes nicht rächte? Aber Selim wird alt und kindisch.«
»Und wenn es der Vater unterläßt,« sagte ein vierter, »so ist es
Freundespflicht, den gefallenen Freund zu rächen. Hier an dieser
Stelle sollten wir ihn niederhauen. So ist es Recht und Brauch seit den
ältesten Zeiten.«
»Aber wir haben dem Alten geschworen,« rief ein fünfter, »wir dürfen
ihn nicht töten, unser Eid darf nicht gebrochen werden.«
»Es ist wahr,« sprachen die andern, »wir haben geschworen, und der
Mörder darf frei ausgehen aus den Händen seiner Feinde.«
»Halt!« rief einer, der finsterste unter allen. »Der alte Selim ist
ein kluger Kopf, aber doch nicht so klug, als man glaubt; haben wir
ihm geschworen, diesen Burschen da- oder dorthin zu bringen? Nein, er
nahm uns nur den Schwur auf sein Leben ab, und dieses wollen wir ihm
schenken. Aber die brennende Sonne und die scharfen Zähne des Schakals
werden unsere Rache übernehmen. Hier an dieser Stelle wollen wir
ihn gebunden liegen lassen.« So sprach der Räuber, aber schon seit
einigen Minuten hatte sich Said auf das Aeußerste gefaßt gemacht, und
indem jener noch die letzten Worte sprach, riß er sein Pferd auf die
Seite, trieb es mit einem tüchtigen Hieb an und flog wie ein Vogel
über die Ebene hin. Die fünf Männer staunten einen Augenblick, aber
wohlbewandert in solchen Verfolgungen, teilten sie sich, jagten rechts
und links nach, und weil sie die Art und Weise, wie man in der Wüste
reiten muß, besser kannten, hatten zwei von ihnen den Flüchtling bald
überholt, wandten sich gegen ihn um, und als er auf die Seite floh,
fand er auch dort zwei Gegner, und den fünften in seinem Rücken. Der
Eid, ihn nicht zu töten, hielt sie ab, ihre Waffen zu gebrauchen; sie
warfen ihm auch jetzt wieder von hinten eine Schlinge über den Kopf,
zogen ihn vom Pferd, schlugen unbarmherzig auf ihn los, banden ihn dann
an Händen und Füßen und legten ihn in den glühenden Sand der Wüste.
Said flehte sie um Barmherzigkeit an, er versprach ihnen schreiend
ein großes Lösegeld, aber lachend schwangen sie sich auf und jagten
davon. Noch einige Augenblicke lauschte er auf die leichten Tritte
ihrer Rosse, dann aber gab er sich verloren. Er dachte an seinen Vater,
an den Gram des alten Mannes, wenn sein Sohn nicht mehr heimkehre;
er dachte an sein eigenes Elend, daß er so frühe sterben müsse; denn
nichts war ihm gewisser, als daß er in dem heißen Sand den martervollen
Tod des Verschmachtens sterben müsse oder daß er von einem Schakal
zerrissen werde. Die Sonne stieg immer höher und brannte glühend auf
seiner Stirne; mit unendlicher Mühe gelang es ihm, sich aufzuwälzen;
aber es gab ihm wenig Erleichterung. Das Pfeifchen an der Kette war
durch diese Anstrengung aus seinem Kleid gefallen. Er mühte sich so
lange, bis er es mit dem Mund erfassen konnte; endlich berührte es
seine Lippen, er versuchte zu blasen, aber auch in dieser schrecklichen
Not versagte es den Dienst. Verzweiflungsvoll ließ er den Kopf
zurücksinken, und endlich beraubte ihn die stechende Sonne der Sinne;
er fiel in eine tiefe Betäubung.
Nach vielen Stunden erwachte Said an einem Geräusch in seiner Nähe,
er fühlte zugleich, daß seine Schulter gepackt wurde, und er stieß
einen Schrei des Entsetzens aus, denn er glaubte nicht anders, als ein
Schakal sei herangekommen, ihn zu zerreißen. Jetzt wurde er auch an
den Beinen angefaßt, aber er fühlte, daß es nicht die Krallen eines
Raubtiers seien, die ihn faßten, sondern die Hände eines Mannes, der
sich sorgsam mit ihm beschäftigte und mit zwei oder drei andern sprach.
»Er lebt,« flüsterten sie, »aber er hält uns für Feinde.«
Endlich schlug Said die Augen auf und erblickte über sich das Gesicht
eines kleinen, dicken Mannes mit kleinen Augen und langem Bart. Dieser
sprach ihm freundlich zu, half ihm, sich aufzurichten, reichte ihm
Speise und Trank und erzählte ihm, während er sich stärkte, er sei ein
Kaufmann aus Bagdad, heiße Kalum-Bek und handle mit Schals und feinen
Schleiern für die Frauen. Er habe eine Handelsreise gemacht, sei jetzt
auf der Rückkehr nach Hause begriffen und, habe ihn elend und halbtot
im Sand liegen sehen. Sein prachtvoller Anzug und die blitzenden Steine
seines Dolches haben ihn aufmerksam gemacht; er habe alles angewandt,
ihn zu beleben, und es sei ihm also gelungen. Der Jüngling dankte ihm
für sein Leben, denn er sah wohl ein, daß er ohne die Dazwischenkunft
dieses Mannes elend hätte sterben müssen; und da er weder Mittel hatte,
sich selbst fortzuhelfen, noch willens war, zu Fuß und allein durch die
Wüste zu wandern, so nahm er dankbar einen Sitz auf einem der schwer
beladenen Kamele des Kaufmanns an und beschloß fürs erste, mit nach
Bagdad zu ziehen, vielleicht könnte er dort sich an eine Gesellschaft,
die nach Balsora reiste, anschließen.
Unterwegs erzählte der Kaufmann seinem Reisegefährten manches von dem
trefflichen Beherrscher der Gläubigen, Harun Al-Raschid. Er erzählte
ihm von seiner Gerechtigkeitsliebe und seinem Scharfsinn, wie er die
wunderbarsten Prozesse auf einfache und bewundernswürdige Weise zu
schlichten weiß; unter anderem führte er die Geschichte von dem Seiler,
die Geschichte von dem Topf mit Oliven an, Geschichten, die jedes Kind
weiß, die aber Said sehr bewunderte. »Unser Herr, der Beherrscher der
Gläubigen,« fuhr der Kaufmann fort, »unser Herr ist ein wunderbarer
Mann. Wenn Ihr meinet, er schlafe wie andere gemeine Leute, so täuscht
Ihr Euch sehr. Zwei, drei Stunden in der Morgendämmerung ist alles. Ich
muß das wissen, denn Messour, sein erster Kämmerer, ist mein Vetter,
und obgleich er so verschwiegen ist wie das Grab, was die Geheimnisse
seines Herrn anbelangt, so läßt er doch der guten Verwandtschaft
zulieb hin und wieder einen Wink fallen, wenn er sieht, daß einer aus
Neugierde beinahe vom Verstand kommen könnte. Statt nun wie andere
Menschen zu schlafen, schleicht der Kalif nachts durch die Straßen
von Bagdad, und selten verstreicht eine Woche, worin er nicht auf ein
Abenteuer stößt; denn Ihr müßt wissen, wie ja auch aus der Geschichte
mit dem Oliventopf erhellt, die so wahr ist als das Wort des Propheten,
daß er nicht mit der Wache und zu Pferd in vollem Putz und mit hundert
Fackelträgern seine Runde macht, wie er wohl tun könnte, wenn er
wollte; sondern angezogen, bald als Kaufmann, bald als Schiffer, bald
als Soldat, bald als Mufti, geht er umher und schaut, ob alles recht
und in Ordnung sei.
Daher kommt es aber auch, daß man in keiner Stadt nachts so höflich
gegen jeden Narren ist, auf den man stößt, wie in Bagdad; denn es
könnte ebensogut der Kalif wie ein schmutziger Araber aus der Wüste
sein, und es wächst Holz genug, um allen Menschen in und um Bagdad die
Bastonnade zu geben.«
So sprach der Kaufmann, und Said, so sehr ihn hin und wieder die
Sehnsucht nach seinem Vater quälte, freute sich doch, Bagdad und den
berühmten Harun Al-Raschid zu sehen.
Nach zehn Tagen kamen sie in Bagdad an, und Said staunte und bewunderte
die Herrlichkeiten dieser Stadt, die damals gerade in ihrem höchsten
Glanz war. Der Kaufmann lud ihn ein, mit in sein Haus zu kommen, und
Said nahm es gerne an; denn jetzt erst unter dem Gewühl der Menschen
fiel es ihm ein, daß hier wahrscheinlich außer der Luft und dem Wasser
des Tigris und einem Nachtlager auf den Stufen einer Moschee nichts
umsonst zu haben sein werde.
Den Tag nach seiner Ankunft, als er sich eben angekleidet hatte und
sich gestand, daß er in diesem prachtvollen kriegerischen Aufzug sich
in Bagdad wohl sehen lassen könne und vielleicht manchen Blick auf sich
ziehe, trat der Kaufmann in sein Zimmer. Er betrachtete den schönen
Jüngling mit schelmischem Lächeln, strich sich den Bart und sprach
dann: »Das ist alles recht schön, junger Herr! Aber was soll denn nun
aus Euch werden? Ihr seid, kommt es mir vor, ein großer Träumer und
denket nicht an den folgenden Tag; oder habt Ihr so viel Geld bei Euch,
um dem Kleid gemäß zu leben, das Ihr traget?«
»Lieber Herr Kalum-Bek,« sprach der Jüngling verlegen und errötend,
»Geld habe ich freilich nicht, aber vielleicht strecket Ihr mir etwas
vor, womit ich heimreisen kann! mein Vater wird es gewiß richtig
erstatten.«
»Dein Vater, Bursche?« rief der Kaufmann laut lachend. »Ich glaube,
die Sonne hat dir das Hirn verbrannt. Meinst du, ich glaube dir so
aufs Wort das ganze Märchen, das du mir in der Wüste erzähltest, daß
dein Vater ein reicher Mann in Balsora sei, du sein einziger Sohn,
und den Anfall der Araber, und dein Leben in ihrer Horde und dies und
jenes. Schon damals ärgerte ich mich über deine frechen Lügen und deine
Unverschämtheit. Ich weiß, daß in Balsora alle reichen Leute Kaufleute
sind, habe schon mit allen gehandelt und müßte von einem Benezar gehört
haben, und wenn er nur sechstausend Tomans im Vermögen hätte. Es ist
also entweder erlogen, daß du aus Balsora bist, oder dein Vater ist
ein armer Schlucker, dessen hergelaufenem Jungen ich keine Kupfermünze
leihen mag. Sodann der Ueberfall in der Wüste! Wann hat man gehört,
seit der weise Kalif Harun die Handelswege durch die Wüste gesichert
hat, daß es Räuber gewagt haben, eine Karawane zu plündern und sogar
Menschen hinwegzuführen? Auch müßte es bekannt geworden sein, aber
auf meinem ganzen Weg und auch hier in Bagdad, wo Menschen aus allen
Gegenden der Welt zusammenkommen, hat man nichts davon gesprochen. Das
ist die zweite Lüge, junger, unverschämter Mensch!«
Bleich vor Zorn und Unmut wollte Said dem kleinen bösen Mann in die
Rede fallen, jener aber schrie stärker als er und focht dazu mit den
Armen. »Und die dritte Lüge, du frecher Lügner, ist die Geschichte im
Lager Selims. Selims Name ist wohlbekannt unter allen, die jemals einen
Araber gesehen haben, aber Selim ist bekannt als der schrecklichste
und grausamste Räuber, und du wagst zu erzählen, du habest seinen Sohn
getötet und seiest nicht sogleich in Stücke gehauen worden; ja, du
treibst die Frechheit so weit, daß du das Unglaubliche sagst, Selim
habe dich gegen seine Horde beschützt, in sein eigenes Zelt aufgenommen
und ohne Lösegeld entlassen, statt daß er dich aufgehängt hätte an
den nächsten besten Baum, er, der oft Reisende gehängt hat, nur um
zu sehen, welche Gesichter sie machen, wenn sie aufgehängt sind. O du
abscheulicher Lügner!«
»Und ich kann nichts weiter sagen,« rief der Jüngling, »als daß alles
wahr ist bei meiner Seele und beim Bart des Propheten!«
»Was! bei deiner Seele willst du schwören?« schrie der Kaufmann, »bei
deiner schwarzen, lügenhaften Seele? Wer soll da glauben? Und beim Bart
des Propheten, du, der du selbst keinen Bart hast? Wer soll da trauen?«
»Ich habe freilich keine Zeugen,« fuhr Said fort, »aber habt Ihr mich
nicht gefesselt und elend gefunden?«
»Das beweist mir gar nichts,« sprach jener, »du bist gekleidet wie ein
stattlicher Räuber, und leicht hast du einen angefallen, der stärker
war als du, dich überwand und band.«
»Den einzelnen oder sogar zwei möchte ich sehen,« entgegnete Said, »die
mich niederstrecken und binden, wenn sie mir nicht von hinten eine
Schlinge über den Kopf werfen. Ihr mögt in Eurem Bazar freilich nicht
wissen, was ein einzelner vermag, wenn er in den Waffen geübt ist. Aber
Ihr habt mir das Leben gerettet, und ich danke Euch. Was wollt Ihr denn
aber jetzt mit mir beginnen? Wenn Ihr mich nicht unterstützet, so muß
ich betteln, und ich mag keinen meinesgleichen um eine Gnade anflehen;
an den Kalifen will ich mich wenden.«
»So?« sprach der Kaufmann höhnisch lächelnd. »An niemand anders wollt
Ihr Euch wenden als an unsern allergnädigsten Herrn? Das heiße ich
vornehm betteln! Ei, ei! Bedenket aber, junger, vornehmer Herr, daß
der Weg zum Kalifen an meinem Vetter Messour vorbeigeht, und daß es
mich ein Wort kostet, den Oberkämmerer darauf aufmerksam zu machen, wie
trefflich Ihr lügen könnet. -- Aber mich dauert deine Jugend, Said.
Du kannst dich bessern, es kann noch etwas aus dir werden. Ich will
dich in mein Gewölbe im Bazar nehmen, dort sollst du mir ein Jahr lang
dienen, und ist dies vorbei, und willst du nicht bei mir bleiben, so
zahle ich dir deinen Lohn aus und lasse dich gehen, wohin du willst,
nach Aleppo oder Medina, nach Stambul oder nach Balsora, meinetwegen zu
den Ungläubigen. Bis Mittag gebe ich dir Bedenkzeit; willst du, so ist
es gut, willst du nicht, so berechne ich dir nach billigem Anschlag die
Reisekosten, die du mir machtest, und den Platz auf dem Kamel, mache
mich mit deinen Kleidern und allem, was du hast, bezahlt und werfe dich
auf die Straße; dann kannst du beim Kalifen oder beim Mufti an der
Moschee oder im Bazar betteln.«
Mit diesen Worten verließ der böse Mann den unglücklichen Jüngling.
Said blickte ihm voll Verachtung nach. Er war so empört über die
Schlechtigkeit dieses Menschen, der ihn absichtlich mitgenommen und
in sein Haus gelockt hatte, damit er ihn in seine Gewalt bekäme.
Er versuchte, ob er nicht entfliehen könnte, aber sein Zimmer war
vergittert und die Türe verschlossen. Endlich, nachdem sein Sinn sich
lange dagegen gesträubt hatte, beschloß er fürs erste den Vorschlag des
Kaufmanns anzunehmen und ihm in seinem Gewölbe zu dienen. Er sah ein,
daß ihm nichts Besseres zu tun übrig bleibe; denn wenn er auch entfloh,
so konnte er ohne Geld doch nicht bis Balsora kommen. Aber er nahm sich
vor, so bald als möglich den Kalifen selbst um Schutz anzuflehen.
Den folgenden Tag führte Kalum-Bek seinen neuen Diener in sein Gewölbe
im Bazar. Er zeigte Said alle Schals und Schleier und andere Waren,
womit er handelte, und wies ihm seinen besonderen Dienst an. Dieser
bestand darin, daß Said angekleidet wie ein Kaufmannsdiener, und nicht
mehr im kriegerischen Schmuck, in der einen Hand einen Schal, in der
andern einen prachtvollen Schleier, unter der Türe des Gewölbes stand,
die vorübergehenden Männer oder Frauen anrief, seine Waren vorzeigte,
ihren Preis nannte und die Leute zum Kaufen einlud; und jetzt konnte
sich Said auch erklären, warum ihn Kalum-Bek zu diesem Geschäft
bestimmt habe. Er war ein kleiner, häßlicher Alter, und wenn er selbst
unter dem Laden stand und anrief, so sagte mancher Nachbar oder auch
einer der Vorübergehenden ein witziges Wort über ihn, oder die Knaben
spotteten seiner; und die Frauen nannten ihn eine Vogelscheuche; aber
jedermann sah gerne den jungen, schlanken Said, der mit Anstand die
Kunden anrief und Schal und Schleier geschickt und zierlich zu halten
wußte.
Als Kalum-Bek sah, daß sein Laden im Bazar an Kunden zunahm, seitdem
Said unter der Türe stand, wurde er freundlicher gegen den jungen Mann,
speiste ihn besser als zuvor und war darauf bedacht, ihn in seiner
Kleidung immer schön und stattlich zu halten. Aber Said wurde durch
solche Beweise der milderen Gesinnungen seines Herrn wenig gerührt
und sann den ganzen Tag und selbst in seinen Träumen auf gute Art und
Weise, um in seine Vaterstadt zurückzukehren.
Eines Tages war im Gewölbe vieles gekauft worden, und alle Packknechte,
welche die Waren nach Hause trugen, waren schon versandt, als eine Frau
eintrat und noch einiges kaufte. Sie hatte bald gewählt und verlangte
dann jemand, der ihr gegen ein Trinkgeld die Waren nach Hause trage.
»In einer halben Stunde kann ich Euch alles schicken,« antwortete
Kalum-Bek, »nur so lange müßt Ihr Euch gedulden oder irgend einen
anderen Packer nehmen.«
»Seid Ihr ein Kaufmann und wollet Euren Kunden fremde Packer mitgeben?«
rief die Frau. »Kann nicht ein solcher Bursche im Gedräng mit meinem
Pack davonlaufen? Und an wen soll ich mich dann wenden? Nein, Eure
Pflicht ist es nach Marktrecht, mir meinen Pack nach Hause tragen zu
lassen, und an Euch kann und will ich mich halten.«
»Aber nur eine halbe Stunde wartet, werte Frau!« sprach der Kaufmann,
sich immer ängstlicher drehend. »Alle meine Packknechte sind
verschickt --«
»Das ist ein schlechtes Gewölbe, das nicht immer einige Knechte übrig
hat;« entgegnete das böse Weib. »Aber dort steht ja noch solch ein
junger Müßiggänger; komm, junger Bursche, nimm meinen Pack und trag ihn
mir nach.«
»Halt, halt!« schrie Kalum-Bek. »Das ist mein Aushängeschild, mein
Ausrufer, mein Magnet! Der darf die Schwelle nicht verlassen!«
»Was da!« erwiderte die alte Dame und steckte Said ohne weiteres ihren
Pack unter den Arm. »Das sind ein schlechter Kaufmann und elende Waren,
die sich nicht selbst loben und erst noch solch einen müßigen Bengel
zum Schild brauchen. Geh, geh, Bursche, du sollst heute ein Trinkgeld
verdienen.«
»So lauf im Namen Arimans und aller bösen Geister,« murmelte Kalum-Bek
seinem Magnet zu; »und siehe zu, daß du bald wiederkommst; die alte
Hexe könnte mich ins Geschrei bringen auf dem ganzen Bazar, wollte ich
mich länger weigern.«
Said folgte der Frau, die leichteren Schrittes, als man ihrem Alter
zutrauen sollte, durch den Markt und die Straßen eilte. Sie stand
endlich vor einem prachtvollen Hause still, pochte an, die Flügeltüren
sprangen auf, und sie stieg eine Marmortreppe hinan und winkte Said zu
folgen. Sie gelangten endlich in einen hohen, weiten Saal, der mehr
Pracht und Herrlichkeit enthielt, als Said jemals geschaut hatte. Dort
setzte sich die alte Frau erschöpft auf ein Polster, winkte dem jungen
Mann, seinen Pack niederzulegen, reichte ihm ein kleines Silberstück
und hieß ihn gehen.
Er war schon an der Türe, als eine helle, feine Stimme »Said« rief;
verwundert, daß man ihn hier kenne, schaute er sich um, und eine
wunderschöne Dame, umgeben von vielen Sklaven und Dienerinnen, saß
statt der Alten auf dem Polster. Said, ganz stumm vor Verwunderung,
kreuzte seine Arme und machte eine tiefe Verbeugung.