»Was Verstand und Klugheit!« rief jener, »ich bin ein so kluger Bursche

als irgend einer und will es dir zeigen, Glasmännlein,« und bei diesen

Worten faßte er das Männlein unsanft am Kragen und schrie: »Hab' ich

dich jetzt, Schatzhauser im grünen Tannenwald? Und den dritten Wunsch

will ich jetzt tun, den sollst du mir gewähren. Und so will ich hier

auf der Stelle zweimalhunderttausend harte Taler, und ein Haus und

-- o weh!« schrie er und schüttelte die Hand, denn das Waldmännlein

hatte sich in glühendes Glas verwandelt und brannte in seiner Hand wie

sprühendes Feuer. Aber von dem Männlein war nichts mehr zu sehen.

Mehrere Tage lang erinnerte ihn seine geschwollene Hand an seine

Undankbarkeit und Torheit. Dann aber übertäubte er sein Gewissen und

sprach: »Und wenn sie mir die Glashütte und alles verkaufen, so bleibt

mir doch immer der dicke Ezechiel. Solange der Geld hat am Sonntag,

kann es mir nicht fehlen.«

Ja, Peter! Aber wenn er keines hat? Und so geschah es eines Tages,

und war ein wunderliches Rechenexempel. Denn eines Sonntags kam er

angefahren ans Wirtshaus, und die Leute streckten die Köpfe durch die

Fenster, und der eine sagte: »Da kommt der Spielpeter,« und der andere:

»Ja, der Tanzkaiser, der reiche Glasmann,« und ein dritter schüttelte

den Kopf und sprach: »Mit dem Reichtum kann man es machen, man sagt

allerlei von seinen Schulden, und in der Stadt hat einer gesagt, der

Amtmann würde nicht mehr lange säumen zum Auspfänden.« Indessen grüßte

der reiche Peter die Gäste am Fenster vornehm und gravitätisch, stieg

vom Wagen und schrie: »Sonnenwirt, guten Abend, ist der dicke Ezechiel

schon da?« Und eine tiefe Stimme rief: »Nur herein, Peter! Dein Platz

ist dir aufbehalten, wir sind schon da und bei den Karten.« So trat

Peter Munk in die Wirtsstube, fuhr gleich in die Tasche und merkte,

daß Ezechiel gut versehen sein müsse, denn seine Tasche war bis obenan

gefüllt.

Er setzte sich hinter den Tisch zu den andern und spielte und gewann

und verlor hin und her, und so spielten sie, bis andere ehrliche Leute,

als es Abend wurde, nach Hause gingen, und spielten bei Licht, bis

zwei andere Spieler sagten: »Jetzt ist's genug, und wir müssen heim zu

Frau und Kind.« Aber Spielpeter forderte den dicken Ezechiel auf zu

bleiben. Dieser wollte lange nicht, endlich aber rief er: »Gut, jetzt

will ich mein Geld zählen, und dann wollen wir knöcheln, den Satz um

fünf Gulden, denn niederer ist es doch nur Kinderspiel.« Er zog den

Beutel und zählte und fand hundert Gulden bar, und Spielpeter wußte

nun, wieviel er selbst habe, und brauchte es nicht erst zu zählen. Aber

hatte Ezechiel vorher gewonnen, so verlor er jetzt Satz für Satz und

fluchte greulich dabei. Warf er einen Pasch, gleich warf Spielpeter

auch einen, und immer zwei Augen höher. Da setzte er endlich die

letzten fünf Gulden auf den Tisch und rief: »Noch einmal, und wenn ich

auch den noch verliere, so höre ich doch nicht auf, dann leihst du mir

von deinem Gewinn, Peter, ein ehrlicher Kerl hilft dem andern!«

»Soviel du willst, und wenn es hundert Gulden sein sollten,« sprach

der Tanzkaiser, fröhlich über seinen Gewinn, und der dicke Ezechiel

schüttelte die Würfel und warf fünfzehn. »Pasch!« rief er, »jetzt

wollen wir sehen!« Peter aber warf achtzehn, und eine heisere bekannte

Stimme hinter ihm sprach: »So, das war der _letzte_.«

Er sah sich um, und riesengroß stand der Holländer Michel hinter ihm.

Erschrocken ließ er das Geld fallen, das er schon eingezogen hatte.

Aber der dicke Ezechiel sah den Waldmann nicht, sondern verlangte, der

Spielpeter solle ihm zehn Gulden vorstrecken zum Spiel. Halb im Traum

fuhr dieser mit der Hand in die Tasche, aber da war kein Geld, er

suchte in der andern Tasche, aber auch da fand sich nichts, er kehrte

den Rock um, aber es fiel kein roter Heller heraus, und jetzt erst

gedachte er seines eigenen ersten Wunsches, immer so viel Geld zu haben

als der dicke Ezechiel. Wie Rauch war alles verschwunden.

Der Wirt und Ezechiel sahen ihn staunend an, als er immer suchte und

sein Geld nicht finden konnte; sie wollten ihm nicht glauben, daß

er keines mehr habe; aber als sie endlich selbst in seinen Taschen

suchten, wurden sie zornig und schwuren, der Spielpeter sei ein böser

Zauberer und habe all das gewonnene Geld und sein eigenes nach Hause

gewünscht. Peter verteidigte sich standhaft, aber der Schein war gegen

ihn. Ezechiel sagte, er wolle die schreckliche Geschichte allen Leuten

im Schwarzwald erzählen, und der Wirt versprach ihm, morgen mit dem

frühesten in die Stadt zu gehen und Peter Munk als Zauberer anzuklagen,

und er wolle es erleben, setzte er hinzu, daß man ihn verbrenne. Dann

fielen sie wütend über ihn her, rissen ihm das Wams vom Leib und warfen

ihn zur Tür hinaus.

Kein Stern schien am Himmel, als Peter trübselig seiner Wohnung

zuschlich, aber dennoch konnte er eine dunkle Gestalt erkennen, die

neben ihm herschritt und endlich sprach: »Mit dir ist's aus, Peter

Munk, all deine Herrlichkeit ist zu Ende, und das hätt' ich dir schon

damals sagen können, als du nichts von mir hören wolltest und zu dem

dummen Glaszwerg liefst. Da siehst du jetzt, was man davon hat, wenn

man meinen Rat verachtet. Aber versuch' es einmal mit mir, ich habe

Mitleiden mit deinem Schicksal. Noch keinen hat es gereut, der sich

an mich wandte, und wenn du den Weg nicht scheust, morgen den ganzen

Tag bin ich am Tannenbühl zu sprechen, wenn du mich rufst.« Peter

merkte wohl, wer so zu ihm spreche, aber es kam ihm ein Grauen an. Er

antwortete nichts, sondern lief seinem Haus zu.

* * * * *

Bei diesen Worten wurde der Erzähler durch ein Geräusch vor der Schenke

unterbrochen. Man hörte einen Wagen anfahren, mehrere Stimmen riefen

nach Licht, es wurde heftig an das Hoftor gepocht, und dazwischen

heulten mehrere Hunde. Die Kammer, die man dem Fuhrmann und den

Handwerksburschen angewiesen hatte, ging nach der Straße hinaus;

die vier Gäste sprangen auf und liefen dorthin, um zu sehen, was

vorgefallen sei. Soviel sie bei dem Schein einer Laterne sehen konnten,

stand ein großer Reisewagen vor der Schenke; soeben war ein großer Mann

beschäftigt, zwei verschleierte Frauen aus dem Wagen zu heben, und

einen Kutscher in Livree sah man die Pferde abspannen, ein Bedienter

aber schnallte den Koffer los. »Diesen sei Gott gnädig,« seufzte der

Fuhrmann. »Wenn diese mit heiler Haut aus dieser Schenke kommen, so ist

mir für meinen Karren auch nicht mehr bange.«

»Stille!« flüsterte der Student. »Mir ahnet, daß man eigentlich nicht

uns, sondern diesen Damen auflauert. Wahrscheinlich waren sie unten

schon von ihrer Reise unterrichtet. Wenn man sie nur warnen könnte!

Doch halt! Es ist im ganzen Wirtshaus kein anständiges Zimmer für die

Damen, als das neben dem meinigen. Dorthin wird man sie führen. Bleibet

ihr ruhig in dieser Kammer, ich will die Bedienten zu unterrichten

suchen.«

Der junge Mann schlich sich auf sein Zimmer, löschte die Kerzen aus und

ließ nur das Licht brennen, das ihm die Wirtin gegeben. Dann lauschte

er an der Türe.

Bald kam die Wirtin mit den Damen die Treppe herauf und führte sie mit

freundlichen, sanften Worten in das Zimmer nebenan. Sie redete ihren

Gästen zu, sich bald niederzulegen, weil sie von der Reise erschöpft

sein werden. Dann ging sie wieder hinab. Bald darauf hörte der Student

schwere männliche Tritte die Treppe heraufkommen. Er öffnete behutsam

die Türe und erblickte durch eine kleine Spalte den großen Mann,

welcher die Damen aus dem Wagen gehoben. Er trug ein Jagdkleid, hatte

einen Hirschfänger an der Seite und war wohl der Reisestallmeister

oder Begleiter der fremden Damen. Als der Student bemerkte, daß dieser

allein heraufgekommen war, öffnete er schnell die Türe und winkte dem

Mann, zu ihm einzutreten. Verwundert trat dieser näher, und ehe er noch

fragen konnte, was man von ihm wolle, flüsterte ihm jener zu: »Mein

Herr! Sie sind heute nacht in eine Räuberschenke geraten.«

Der Mann erschrak. Der Student zog ihn aber vollends in seine Türe und

erzählte ihm, wie verdächtig es in diesem Hause aussehe.

Der Jäger wurde sehr besorgt, als er dies hörte. Er belehrte den jungen

Mann, daß die Damen, eine Gräfin und die Kammerfrau, anfänglich die

ganze Nacht durch haben fahren wollen; aber etwa eine halbe Stunde

vor dieser Schenke sei ihnen ein Reiter begegnet, der sie angerufen

und gefragt habe, wohin sie reisen wollten. Als er vernommen, daß sie

gesonnen seien, die ganze Nacht durch den Spessart zu reisen, habe er

ihnen abgeraten, indem es gegenwärtig sehr unsicher sei. »Wenn Ihnen

am Rate eines redlichen Mannes etwas liegt,« habe er hinzugesetzt, »so

stehen Sie ab von diesem Gedanken; es liegt nicht weit von hier eine

Schenke; so schlecht und unbequem sie sein mag, so übernachten Sie

lieber daselbst, als daß Sie sich in dieser dunklen Nacht unnötig der

Gefahr preisgeben.« Der Mann, der ihnen dies geraten, habe sehr ehrlich

und rechtlich ausgesehen, und die Gräfin habe in der Angst vor einem

Räuberanfall befohlen, an dieser Schenke stillezuhalten.

Der Jäger hielt es für seine Pflicht, die Damen von der Gefahr, worin

sie schwebten, zu unterrichten. Er ging in das andere Zimmer, und bald

darauf öffnete er die Türe, welche von dem Zimmer der Gräfin in das

des Studenten führte. Die Gräfin, eine Dame von etwa vierzig Jahren,

trat vor Schrecken bleich zu dem Studenten heraus und ließ sich alles

noch einmal von ihm wiederholen. Dann beriet man sich, was in dieser

mißlichen Lage zu tun sei, und beschloß, so behutsam wie möglich die

zwei Bedienten, den Fuhrmann und die Handwerksbursche herbeizuholen, um

im Fall eines Angriffs wenigstens gemeinsame Sache machen zu können.

Als dieses bald darauf geschehen war, wurde das Zimmer der Gräfin gegen

die Hausflur hin verschlossen und mit Kommoden und Stühlen verrammelt.

Sie setzte sich mit ihrer Kammerfrau aufs Bette, und die zwei Bedienten

hielten bei ihr Wache. Die früheren Gäste aber und der Jäger setzten

sich im Zimmer des Studenten um den Tisch und beschlossen, die Gefahr

zu erwarten. Es mochte jetzt etwa zehn Uhr sein, im Hause war alles

ruhig und still, und noch machte man keine Miene, die Gäste zu stören.

Da sprach der Zirkelschmied: »Um wach zu bleiben, wäre es wohl das

beste, wir machten es wieder wie zuvor. Wir erzählen nämlich, was wir

von allerlei Geschichten wissen, und wenn der Herr Jäger nichts dagegen

hat, so könnten wir weiter fortfahren.« Der Jäger aber hatte nicht

nur nichts dagegen einzuwenden, sondern um seine Bereitwilligkeit zu

zeigen, versprach er, selbst etwas zu erzählen. Er hub an:

Saids Schicksale.

Zur Zeit Harun Al-Raschids, des Beherrschers von Bagdad, lebte ein Mann

in Balsora, mit Namen Benezar. Er hatte gerade so viel Vermögen, um für

sich bequem und ruhig leben zu können, ohne ein Geschäft oder einen

Handel zu treiben. Auch als ihm ein Sohn geboren wurde, ging er von

dieser Weise nicht ab. »Warum soll ich in meinem Alter noch schachern

und handeln,« sprach er zu seinen Nachbarn, »um vielleicht Said, meinem

Sohn, tausend Goldstücke mehr hinterlassen zu können, wenn es gut geht,

und geht es schlecht, tausend weniger? Wo zwei speisen, wird auch ein

dritter satt, sagt das Sprichwort, und wenn er nur sonst ein guter

Junge wird, soll es ihm an nichts fehlen.« So sprach Benezar und hielt

Wort. Denn er ließ auch seinen Sohn nicht zum Handeln oder einem Gewerbe

erziehen; doch unterließ er nicht, die Bücher der Weisheit mit ihm zu

lesen, und da nach seiner Ansicht einen jungen Mann außer Gelehrsamkeit

und Ehrfurcht vor dem Alter nichts mehr zierte als ein gewandter Arm

und Mut, so ließ er ihn frühe in den Waffen unterweisen, und Said galt

bald unter seinen Altersgenossen, ja, selbst unter älteren Jünglingen,

für einen gewaltigen Kämpfer, und im Reiten und Schwimmen tat es ihm

keiner zuvor.

Als er achtzehn Jahre alt war, schickte ihn sein Vater nach Mekka

zum Grab des Propheten, um an Ort und Stelle sein Gebet und seine

religiösen Uebungen zu verrichten, wie es Sitte und Gebot erforderten.

Ehe er abreiste, ließ ihn sein Vater noch einmal vor sich kommen, lobte

seine Aufführung, gab ihm gute Lehren, versah ihn mit Geld und sprach

dann: »Noch etwas, mein Sohn Said! Ich bin ein Mann, der über die

Vorurteile des Pöbels erhaben ist. Ich höre zwar gerne Geschichten von

Feien und Zauberern erzählen, weil mir die Zeit dabei angenehm vergeht;

doch bin ich weit entfernt, daran zu glauben, wie so viele unwissende

Menschen tun, daß diese Genien, oder wer sie sonst sein mögen, Einfluß

auf das Leben und Treiben der Menschen haben. Deine Mutter aber, sie

ist jetzt zwölf Jahre tot, deine Mutter glaubte so fest daran als an

den Koran; ja, sie hat mir in einer einsamen Stunde, nachdem ich ihr

geschworen, es niemand als ihrem Kinde zu entdecken, vertraut, daß

sie selbst von ihrer Geburt an mit einer Fee in Berührung gestanden

habe. Ich habe sie deswegen ausgelacht, und doch muß ich gestehen,

daß bei deiner Geburt, Said, einige Dinge vorfielen, die mich selbst

in Erstaunen setzten. Es hatte den ganzen Tag geregnet und gedonnert,

und der Himmel war so schwarz, daß man nichts lesen konnte ohne

Licht. Aber um vier Uhr nachmittags sagte man mir an, es sei mir ein

Knäblein geboren. Ich eilte nach den Gemächern deiner Mutter, um meinen

Erstgeborenen zu sehen und zu segnen, aber alle ihre Zofen standen vor

der Türe, und auf meine Fragen antworteten sie, daß jetzt niemand in

das Zimmer treten dürfe; Zemira, deine Mutter, habe alle hinausgehen

heißen, weil sie allein sein wolle. Ich pochte an die Türe, aber

umsonst, sie blieb verschlossen.

Während ich so halb unwillig unter den Zofen vor der Türe stand, klärte

sich der Himmel so plötzlich auf, wie ich es nie gesehen hatte, und

das wunderbarste war, daß nur über unserer lieben Stadt Balsora eine

reine, blaue Himmelswölbung erschien, ringsum aber lagen die Wolken

schwarz aufgerollt, und Blitze zuckten und schlängelten sich in diesem

Umkreis. Während ich noch dieses Schauspiel neugierig betrachtete, flog

die Tür meiner Gattin auf; ich aber ließ die Mägde noch außen harren

und trat allein in das Gemach, deine Mutter zu fragen, warum sie sich

eingeschlossen habe. Als ich eintrat, quoll mir ein so betäubender

Geruch von Rosen, Nelken und Hyazinthen entgegen, daß ich beinahe

verwirrt wurde. Deine Mutter brachte mir dich dar und deutete zugleich

auf ein silbernes Pfeifchen, das du um den Hals an einer goldenen

Kette, so fein wie Seide, trugst. ›Die gütige Frau, von welcher ich

dir einst erzählte, ist da gewesen,‹ sprach deine Mutter, ›sie hat

deinem Knaben dieses Angebinde gegeben.‹ -- ›Das war also die Hexe, die

das Wetter schön machte und diesen Rosen- und Nelkenduft hinterließ?‹

sprach ich lachend und ungläubig. ›Aber sie hätte etwas Besseres

bescheren können als dieses Pfeifchen; etwa einen Beutel voll Gold, ein

Pferd oder dergleichen.‹ Deine Mutter beschwur mich, nicht zu spotten,

weil die Feen, leicht erzürnt, ihren Segen in Unsegen verwandeln.

Ich tat es ihr zu Gefallen und schwieg, weil sie krank war, wir

sprachen auch nicht mehr von dem sonderbaren Vorfall, bis sechs Jahre

nachher, als sie fühlte, daß sie, so jung sie noch war, sterben müsse.

Da gab sie mir das Pfeifchen, trug mir auf, es einst, wenn du zwanzig

Jahre alt seiest, dir zu geben, denn keine Stunde zuvor dürfe ich dich

von mir lassen. Sie starb. Hier ist nun das Geschenk,« fuhr Benezar

fort, indem er ein silbernes Pfeifchen an einer langen goldenen Kette

aus einem Kästchen hervorsuchte, »und ich gebe es dir in deinem

achtzehnten, statt in deinem zwanzigsten Jahr, weil du abreisest und

ich vielleicht, ehe du heimkehrst, zu meinen Vätern versammelt werde.

Ich sehe keinen vernünftigen Grund ein, warum du noch zwei Jahre

hierbleiben sollst, wie es deine besorgte Mutter wünschte. Du bist ein

guter und gescheiter Junge, führst die Waffen so gut als einer von

vierundzwanzig Jahren, daher kann ich dich heute ebensogut für mündig

erklären, als wärest du schon zwanzig. Und nun ziehe in Frieden und

denke in Glück und Unglück, vor welchem der Himmel dich bewahren wolle,

an deinen Vater.«

So sprach Benezar von Balsora, als er seinen Sohn entließ. Said nahm

bewegt von ihm Abschied, hing die Kette um den Hals, steckte das

Pfeifchen in den Gürtel, schwang sich aufs Pferd und ritt nach dem

Ort, wo sich die Karawane nach Mekka versammelte. In kurzer Zeit waren

an achtzig Kamele und viele hundert Reiter beisammen; die Karawane

setzte sich in Marsch, und Said ritt aus dem Tor von Balsora, seiner

Vaterstadt, die er in langer Zeit nicht mehr sehen sollte.

Das Neue einer solchen Reise und die mancherlei niegesehenen

Gegenstände, die sich ihm aufdrängten, zerstreuten ihn anfangs; als

man sich aber der Wüste näherte und die Gegend immer öder und einsamer

wurde, da fing er an, über manches nachzudenken, und unter anderem auch

über die Worte, womit ihn Benezar, sein Vater, entlassen hatte.

Er zog das Pfeifchen hervor, beschaute es hin und her und setzte es

endlich an den Mund, um einen Versuch zu machen, ob es vielleicht einen

recht hellen und schönen Ton von sich gäbe; aber siehe, es tönte nicht;

er blähte die Backen auf und blies aus Leibeskräften, aber er konnte

keinen Ton hervorbringen, und, unwillig über das nutzlose Geschenk,

steckte er das Pfeifchen wieder in den Gürtel. Aber bald richteten sich

alle seine Gedanken wieder auf die geheimnisvollen Worte seiner Mutter;

er hatte von Feen manches gehört, aber nie hatte er erfahren, daß

dieser oder jener Nachbar in Balsora mit einem übernatürlichen Genius

in Verbindung gestanden sei, sondern man hatte die Sagen von diesen

Geistern immer in weit entfernte Länder und alte Zeiten versetzt, und

so glaubte er, es gäbe heutzutage keine solche Erscheinungen mehr,

oder die Feen haben aufgehört, die Menschen zu besuchen und an ihren

Schicksalen teilzunehmen. Obgleich er aber also dachte, so war er

doch immer wieder von neuem versucht, an irgend etwas Geheimnisvolles

und Uebernatürliches zu glauben, was mit seiner Mutter vorgegangen

sein könnte, und so kam es, daß er beinahe einen ganzen Tag wie ein

Träumender zu Pferde saß und weder an den Gesprächen der Reisenden

teilnahm, noch auf ihren Gesang oder ihr Gelächter achtete.

Said war ein sehr schöner Jüngling; sein Auge war mutig und kühn,

sein Mund voll Anmut, und so jung er war, so hatte er doch in seinem

ganzen Wesen schon eine gewisse Würde, die man in diesem Alter nicht

so oft trifft, und der Anstand, womit er, leicht aber sicher, und in

vollem kriegerischen Schmuck zu Pferde saß, zog die Blicke manches der

Reisenden auf sich. Ein alter Mann, der an seiner Seite ritt, fand

Wohlgefallen an ihm und versuchte, durch manche Fragen auch seinen

Geist zu prüfen. Said, welchem Ehrfurcht gegen das Alter eingeprägt

worden war, antwortete bescheiden, aber klug und umsichtig, so daß

der Alte eine große Freude an ihm hatte. Da aber der Geist des jungen

Mannes schon den ganzen Tag nur mit _einem_ Gegenstand beschäftigt

war, so geschah es, daß man bald auf das geheimnisvolle Reich der Feen

zu sprechen kam, und endlich fragte Said den Alten geradezu, ob er

glaube, daß es Feen, gute oder böse Geister geben könne, welche den

Menschen beschützen oder verfolgen.

Der alte Mann strich sich den Bart, neigte seinen Kopf hin und her und

sprach dann: »Leugnen läßt es sich nicht, daß es solche Geschichten

gegeben hat, obgleich ich bis heute weder einen Geisterzwerg noch

einen Genius als Riesen, weder einen Zauberer noch eine Fee gesehen

habe.« Der Alte hub dann an und erzählte dem jungen Mann so viele

und wunderbare Geschichten, daß ihm der Kopf schwindelte und er

nicht anders dachte, als alles, was bei seiner Geburt vorgegangen,

die Aenderung des Wetters, der süße Rosen- und Hyazinthenduft, sei

von großer und göttlicher Vorbedeutung, er selbst stehe unter dem

besonderen Schutz einer mächtigen, gütigen Fee, und das Pfeifchen sei

zu nichts Geringerem ihm geschenkt worden, als der Fee im Fall der Not

zu pfeifen. Er träumte die ganze Nacht von Schlössern, Zauberpferden,

Genien und dergleichen und lebte in einem wahren Feenreich.

Doch leider mußte er schon am folgenden Tage die Erfahrung machen,

wie nichtig all seine Träume im Schlafen oder Wachen seien. Die

Karawane war schon den größten Teil des Tages im gemächlichen Schritt

fortgezogen, Said immer an der Seite seines alten Gefährten, als man

dunkle Schatten am fernsten Ende der Wüste bemerkte; die einen hielten

sie für Sandhügel, die andern für Wolken, wieder andere für eine neue

Karawane; aber der Alte, der schon mehrere Reisen gemacht hatte, rief

mit lauter Stimme, sich vorzusehen, denn es sei eine Horde räuberischer

Araber im Anzug. Die Männer griffen zu den Waffen, die Weiber und die

Waren wurden in die Mitte genommen, und alles war auf einen Angriff

gefaßt. Die dunkle Masse bewegte sich langsam über die Ebene her und

war anzusehen wie eine große Schar Störche, wenn sie in ferne Länder

ausziehen. Nach und nach kamen sie schneller heran, und kaum hatte man

Männer und Lanzen unterschieden, als sie auch schon mit Windeseile

herangekommen waren und auf die Karawane einstürmten.

Die Männer wehrten sich tapfer, aber die Räuber waren über vierhundert

Mann stark, umschwärmten sie von allen Seiten, töteten viele aus der

Ferne her und machten dann einen Angriff mit der Lanze. In diesem

furchtbaren Augenblick fiel Said, der immer unter den Vordersten

wacker gestritten hatte, sein Pfeifchen ein, er zog es schnell hervor,

setzte es an den Mund, blies und -- ließ es schmerzlich wieder sinken,

denn es gab auch nicht den leisesten Ton von sich. Wütend über diese

grausame Enttäuschung zielte er und schoß einen Araber, der sich durch

seine prachtvolle Kleidung auszeichnete, durch die Brust; jener wankte

und fiel vom Pferd.

»Allah! was habt Ihr gemacht, junger Mensch!« rief der Alte an seiner

Seite. »Jetzt sind wir alle verloren.« Und so schien es auch; denn

kaum sahen die Räuber diesen Mann fallen, als sie ein schreckliches

Geschrei erhuben und mit solcher Wut eindrangen, daß die wenigen noch

unverwundeten Männer bald zersprengt wurden. Said sah sich in einem

Augenblick von fünf oder sechs umschwärmt. Er führte seine Lanze so

gewandt, daß keiner sich heranzunahen wagte; endlich hielt einer an,

legte einen Pfeil auf, zielte und wollte eben die Sehne schnellen

lassen, als ihm ein anderer winkte. Der junge Mann machte sich auf

einen neuen Angriff gefaßt, aber ehe er sich dessen versah, hatte ihm

einer der Araber eine Schlinge über den Kopf geworfen, und so sehr

er sich mühte, das Seil zu zerreißen, so war doch alles umsonst, die

Schlinge wurde fester und immer fester angezogen, und Said war gefangen.

Die Karawane war endlich entweder ganz aufgerieben oder gefangen

worden, und die Araber, welche nicht zu _einem_ Stamm gehörten, teilten

jetzt die Gefangenen und die übrige Beute und zogen dann, der eine Teil

nach Süden, der andere nach Osten. Neben Said ritten vier Bewaffnete,

welche ihn oft mit bitterem Grimm anschauten und Verwünschungen über

ihn ausstießen; er merkte, daß es ein vornehmer Mann, vielleicht

sogar ein Prinz gewesen sei, welchen er getötet hatte. Die Sklaverei,

welcher er entgegensah, war noch härter als der Tod, darum wünschte

er sich im stillen Glück, den Grimm der ganzen Horde auf sich gezogen

zu haben, denn er glaubte nicht anders, als in ihrem Lager getötet zu

werden. Die Bewaffneten bewachten alle seine Bewegungen, und so oft er

sich umschaute, drohten sie ihm mit ihren Spießen; einmal aber, als

das Pferd des einen strauchelte, wandte er den Kopf schnell um und

erblickte zu seiner Freude den Alten, seinen Reisegefährten, welchen er

unter den Toten geglaubt hatte.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 6 · 第 22 / 31 段