So sprach der arglistige Michel, und die anderen waren es zufrieden;

die einen, weil sie gern nach Holland gezogen wären, es zu sehen, die

andern des Geldes wegen. Nur ein einziger war redlich und mahnte sie

ab, das Gut ihres Herrn der Gefahr auszusetzen oder ihn um den höheren

Preis zu betrügen, aber sie hörten nicht auf ihn und vergaßen seine

Worte, aber der Holländer Michel vergaß sie nicht. Sie fuhren auch

mit dem Holz den Rhein hinab, Michel leitete den Floß und brachte

sie schnell bis nach Rotterdam. Dort bot man ihnen das Vierfache von

dem früheren Preis, und besonders die ungeheuren Balken des Michel

wurden mit schwerem Geld bezahlt. Als die Schwarzwälder so viel Geld

sahen, wußten sie sich vor Freude nicht zu fassen. Michel teilte ab,

einen Teil dem Holzherrn, die drei andern unter die Männer. Und nun

setzten sie sich mit Matrosen und anderem schlechten Gesindel in die

Wirtshäuser, verschlemmten und verspielten ihr Geld, den braven Mann

aber, der ihnen abgeraten, verkaufte der Holländer Michel an einen

Seelenverkäufer, und man hat nichts mehr von ihm gehört. Von da an war

den Burschen im Schwarzwald Holland das Paradies, und Holländer Michel

ihr König; die Holzherren erfuhren lange nichts von dem Handel, und

unvermerkt kamen Geld, Flüche, schlechte Sitten, Trunk und Spiel aus

Holland herauf.

Der Holländer Michel war aber, als die Geschichte herauskam, nirgends

zu finden, aber tot ist er auch nicht; seit hundert Jahren treibt er

seinen Spuk im Wald, und man sagt, daß er schon vielen behilflich

gewesen sei, reich zu werden, aber -- auf Kosten ihrer armen Seele, und

mehr will ich nicht sagen. Aber so viel ist gewiß, daß er noch jetzt in

solchen Sturmnächten im Tannenbühl, wo man nicht hauen soll, überall

die schönsten Tannen aussucht, und mein Vater hat ihn eine vier Schuh

dicke umbrechen sehen wie ein Rohr. Mit diesen beschenkt er die, welche

sich vom Rechten abwenden und zu ihm gehen; um Mitternacht bringen sie

dann die G'stair ins Wasser, und er rudert mit ihnen nach Holland. Aber

wäre ich Herr und König in Holland, ich ließe ihn mit Kartätschen in

den Boden schmettern, denn alle Schiffe, die von dem Holländer Michel

auch nur _einen_ Balken haben, müssen untergehen. Daher kommt es, daß

man von so viel Schiffbrüchen hört; wie könnte denn sonst ein schönes,

starkes Schiff, so groß als eine Kirche, zu Grunde gehen auf dem

Wasser? Aber so oft Holländer Michel in einer Sturmnacht im Schwarzwald

eine Tanne fällt, springt eine seiner alten aus den Fugen des Schiffes;

das Wasser dringt ein, und das Schiff ist mit Mann und Maus verloren.

Das ist die Sage vom Holländer Michel, und wahr ist es, alles Böse im

Schwarzwald schreibt sich von ihm her. Oh! er kann einen reich machen!«

setzte der Greis geheimnisvoll hinzu, »aber ich möchte nichts von ihm

haben; ich möchte um keinen Preis in der Haut des dicken Ezechiel und

des langen Schlurkers stecken; auch der Tanzbodenkönig soll sich ihm

ergeben haben!«

Der Sturm hatte sich während der Erzählung des Alten gelegt; die

Mädchen zündeten schüchtern die Lampen an und gingen weg; die Männer

aber legten Peter Munk einen Sack voll Laub als Kopfkissen auf die

Ofenbank und wünschten ihm gute Nacht.

Kohlenmunkpeter hatte noch nie so schwere Träume gehabt wie in dieser

Nacht; bald glaubte er, der finstere riesige Holländer Michel reiße

die Stubenfenster auf und reiche mit seinem ungeheuer langen Arm einen

Beutel voll Goldstücke herein, die er untereinanderschüttelte, daß es

hell und lieblich klang; bald sah er wieder das kleine, freundliche

Glasmännlein auf einer ungeheuren grünen Flasche im Zimmer umherreiten,

und er meinte, das heisere Lachen wieder zu hören, wie im Tannenbühl;

dann brummte es ihm wieder ins linke Ohr:

»In Holland gibt's Gold,

Könnt's haben, wenn Ihr wollt

Um geringen Sold,

Gold, Gold!«

Dann hörte er wieder in sein rechtes Ohr das Liedchen vom Schatzhauser

im grünen Tannenwald, und eine zarte Stimme flüsterte: »Dummer

Kohlenpeter, dummer Peter Munk, kannst kein Sprüchlein reimen auf

_stehen_, und bist doch am Sonntag geboren Schlag zwölf Uhr. Reime,

dummer Peter, reime!«

Er ächzte, er stöhnte im Schlaf, er mühte sich ab, einen Reim zu

finden, aber da er in seinem Leben noch keinen gemacht hatte, war

seine Mühe im Traume vergebens. Als er aber mit dem ersten Frührot

erwachte, kam ihm doch sein Traum sonderbar vor; er setzte sich

mit verschränkten Armen hinter den Tisch und dachte über die

Einflüsterungen nach, die ihm noch immer im Ohr lagen; »reime, dummer

Kohlenmunkpeter, reime,« sprach er zu sich und pochte mit dem Finger

an seine Stirne, aber es wollte kein Reim hervorkommen. Als er noch so

dasaß, trübe vor sich hinschaute und an den Reim auf stehen dachte, da

zogen drei Bursche vor dem Haus vorbei in den Wald, und einer sang im

Vorübergehen:

»Am Berge tat ich stehen

Und schaute in das Tal,

Da hab' ich sie gesehen

Zum allerletztenmal.«

Das fuhr wie ein leuchtender Blitz durch Peters Ohr, und hastig raffte

er sich auf, stürzte aus dem Haus, weil er meinte, nicht recht gehört

zu haben, sprang den drei Burschen nach und packte den Sänger hastig

und unsanft beim Arm. »Halt, Freund,« rief er, »was habt Ihr da auf

_stehen_ gereimt? Tut mir die Liebe und sprecht, was Ihr gesungen.«

»Was ficht's dich an, Bursche?« entgegnete der Schwarzwälder. »Ich kann

singen, was ich will, und laß gleich meinen Arm los, oder --«

»Nein, sagen sollst du, was du gesungen hast!« schrie Peter beinahe

außer sich und packte ihn noch fester an; die zwei andern aber, als sie

dies sahen, zögerten nicht lange, sondern fielen mit derben Fäusten

über den armen Peter her und walkten ihn derb, bis er vor Schmerzen das

Gewand des dritten ließ und erschöpft in die Kniee sank. »Jetzt hast du

dein Teil,« sprachen sie lachend, »und merk' dir, toller Bursche, daß

du Leute, wie wir sind, nimmer anfällst auf offenem Wege.«

»Ach, ich will mir es gewißlich merken!« erwiderte Kohlenpeter

seufzend. »Aber so ich die Schläge habe, seid so gut und saget

deutlich, was jener gesungen.«

Da lachten sie aufs neue und spotteten ihn aus; aber der das Lied

gesungen, sagte es ihm vor, und lachend und singend zogen sie weiter.

»Also _sehen_;« sprach der arme Geschlagene, indem er sich mühsam

aufrichtete, »_sehen_ auf _stehen_, jetzt, Glasmännlein, wollen wir

wieder ein Wort zusammen sprechen.« Er ging in die Hütte, holte seinen

Hut und den langen Stock, nahm Abschied von den Bewohnern der Hütte

und trat seinen Rückweg nach dem Tannenbühl an. Er ging langsam und

sinnend seine Straße, denn er mußte ja einen Vers ersinnen; endlich,

als er schon in dem Bereich des Tannenbühls ging und die Tannen höher

und dichter wurden, hatte er auch seinen Vers gefunden und machte vor

Freuden einen Sprung in die Höhe. Da trat ein riesengroßer Mann in

Flößerkleidung, und eine Stange, so lang wie ein Mastbaum in der Hand,

hinter den Tannen hervor. Peter Munk sank beinahe in die Kniee, als

er jenen langsamen Schrittes neben sich wandeln sah; denn er dachte,

das ist der Holländer Michel und kein anderer. Noch immer schwieg die

furchtbare Gestalt, und Peter schielte zuweilen furchtsam nach ihm

hin. Er war wohl einen Kopf größer als der längste Mann, den Peter

je gesehen, sein Gesicht war nicht mehr jung, doch auch nicht alt,

aber voll Furchen und Falten; er trug ein Wams von Leinwand, und die

ungeheuren Stiefel, über die Lederbeinkleider heraufgezogen, waren

Peter aus der Sage wohl bekannt.

»Peter Munk, was tust du im Tannenbühl?« fragte der Waldkönig endlich

mit tiefer, dröhnender Stimme.

»Guten Morgen, Landsmann,« antwortete Peter, indem er sich

unerschrocken zeigen wollte, aber heftig zitterte. »Ich will durch den

Tannenbühl nach Haus zurück.«

»Peter Munk,« erwiderte jener und warf einen stechenden, furchtbaren

Blick nach ihm herüber, »dein Weg geht nicht durch diesen Hain.«

»Nun, so gerade just nicht,« sagte jener; »aber es macht heute warm, da

dachte ich, es wird hier kühler sein.«

»Lüge nicht, du Kohlenpeter!« rief Holländer Michel mit donnernder

Stimme, »oder ich schlag' dich mit der Stange zu Boden; meinst, ich

hab' dich nicht betteln sehen bei dem Kleinen?« setzte er sanft hinzu.

»Geh, geh, das war ein dummer Streich, und gut ist es, daß du das

Sprüchlein nicht wußtest; er ist ein Knauser, der kleine Kerl, und gibt

nicht viel, und wem er gibt, der wird seines Lebens nicht froh. --

Peter, du bist ein armer Tropf und dauerst mich in der Seele; so ein

munterer, schöner Bursche, der in der Welt was anfangen könnte, und

sollst Kohlen brennen! Wenn andere große Taler oder Dukaten aus dem

Aermel schütteln, kannst du kaum ein paar Sechser aufwenden; 's ist ein

ärmlich Leben.«

»Wahr ist's, und recht habt Ihr: ein elendes Leben.«

»Na, mir soll's nicht darauf ankommen,« fuhr der schreckliche Michel

fort: »hab' schon manchem braven Kerl aus der Not geholfen, und du

wärest nicht der erste. Sag' einmal, wieviel hundert Taler brauchst du

fürs erste?«

Bei diesen Worten schüttelte er das Geld in seiner ungeheuren Tasche

untereinander, und es klang wieder wie diese Nacht im Traum. Aber

Peters Herz zuckte ängstlich und schmerzhaft bei diesen Worten, es

wurde ihm kalt und warm, und der Holländer Michel sah nicht aus, wie

wenn er aus Mitleid Geld wegschenkte, ohne etwas dafür zu verlangen. Es

fielen ihm die geheimnisvollen Worte des alten Mannes über die reichen

Menschen ein, und von unerklärlicher Angst und Bangigkeit gejagt, rief

er: »Schön Dank, Herr! Aber mit Euch will ich nichts zu schaffen haben,

und ich kenn' Euch schon,« und lief, was er laufen konnte. -- Aber der

Waldgeist schritt mit ungeheuren Schritten neben ihm her und murmelte

dumpf und drohend: »Wirst's noch bereuen, Peter, wirst noch zu mir

kommen; auf deiner Stirne steht's geschrieben, in deinem Auge ist's zu

lesen; du entgehst mir nicht. -- Lauf nicht so schnell, höre nur noch

ein vernünftig Wort, dort ist schon meine Grenze.« Aber als Peter dies

hörte und unweit vor ihm einen kleinen Graben sah, beeilte er sich nur

noch mehr, über die Grenze zu kommen, so daß Michel am Ende schneller

laufen mußte und unter Flüchen und Drohungen ihn verfolgte. Der junge

Mann setzte mit einem verzweifelten Sprung über den Graben, denn er

sah, wie der Waldgeist mit seiner Stange ausholte und sie auf ihn

niederschmettern lassen wollte; er kam glücklich jenseits an, und die

Stange zersplitterte in der Luft, wie an einer unsichtbaren Mauer, und

ein langes Stück fiel zu Peter herüber.

Triumphierend hob er es auf, um es dem groben Holländer Michel

zuzuwerfen; aber in diesem Augenblick fühlte er das Stück Holz in

seiner Hand sich bewegen, und zu seinem Entsetzen sah er, daß es eine

ungeheure Schlange sei, was er in der Hand hielt, die sich schon mit

geifernder Zunge und mit blitzenden Augen an ihm hinaufbäumte. Er ließ

sie los, aber sie hatte sich schon fest um seinen Arm gewickelt und

kam mit schwankendem Kopf seinem Gesicht immer näher; da rauschte auf

einmal ein ungeheurer Auerhahn nieder, packte den Kopf der Schlange mit

dem Schnabel, erhob sich mit ihr in die Lüfte, und Holländer Michel,

der dies alles von dem Graben aus gesehen hatte, heulte und schrie und

raste, als die Schlange von einem Gewaltigern entführt ward.

Erschöpft und zitternd, setzte Peter seinen Weg fort; der Pfad wurde

steiler, die Gegend wilder, und bald fand er sich an der ungeheuren

Tanne. Er machte wieder wie gestern seine Verbeugungen gegen das

unsichtbare Glasmännlein und hub dann an:

»Schatzhauser im grünen Tannenwald,

Bist schon viel hundert Jahre alt.

Dein ist all Land, wo Tannen stehn,

Läßt dich nur Sonntagskindern sehn.«

»Hast's zwar nicht ganz getroffen, aber weil du es bist,

Kohlenmunkpeter, so soll es so hingehen,« sprach eine zarte, feine

Stimme neben ihm. Erstaunt sah er sich um, und unter einer schönen

Tanne saß ein kleines, altes Männlein, in schwarzem Wams und roten

Strümpfen und den großen Hut auf dem Kopf. Er hatte ein feines,

freundliches Gesichtchen und ein Bärtchen, so zart wie aus Spinnweben;

er rauchte, was sonderbar anzusehen war, aus einer Pfeife von blauem

Glas, und als Peter näher trat, sah er zu seinem Erstaunen, daß auch

Kleider, Schuhe und Hut des Kleinen aus gefärbtem Glas bestanden; aber

es war geschmeidig, als ob es noch heiß wäre, denn es schmiegte sich

wie ein Tuch nach jeder Bewegung des Männleins.

»Du bist dem Flegel begegnet, dem Holländer Michel?« sagte der Kleine,

indem er zwischen jedem Worte sonderbar hüstelte. »Er hat dich recht

ängstigen wollen, aber seinen Kunstprügel habe ich ihm abgejagt, den

soll er nimmer wiederkriegen.«

»Ja, Herr Schatzhauser,« erwiderte Peter mit einer tiefen Verbeugung,

»es war mir recht bange. Aber Ihr seid wohl der Herr Auerhahn gewesen,

der die Schlange tot gebissen; da bedanke ich mich schönstens. -- Ich

komme aber, um mir Rats zu erholen bei Euch; es geht mir gar schlecht

und hinderlich; ein Kohlenbrenner bringt es nicht weit; und da ich noch

jung bin, dächte ich doch, es könnte noch was Besseres aus mir werden;

und wenn ich oft andere sehe, wie weit die es in kurzer Zeit gebracht

haben: wenn ich nur den Ezechiel nehme und den Tanzbodenkönig; die

haben Geld wie Heu.«

»Peter,« sagte der Kleine sehr ernst und blies den Rauch aus seiner

Pfeife weit hinweg; »Peter, sag' mir nichts von _diesen_. Was haben

sie davon, wenn sie hier ein paar Jahre dem Schein nach glücklich und

dann nachher desto unglücklicher sind? Du mußt dein Handwerk nicht

verachten; dein Vater und Großvater waren Ehrenleute und haben es

auch getrieben, Peter Munk! Ich will nicht hoffen, daß es Liebe zum

Müßiggang ist, was dich zu mir führt.«

Peter erschrak vor dem Ernst des Männleins und errötete. »Nein,« sagte

er, »Müßiggang, weiß ich wohl, Herr Schatzhauser im Tannenwald,

Müßiggang ist aller Laster Anfang, aber das könnet Ihr mir nicht

übelnehmen, wenn mir ein anderer Stand besser gefällt als der meinige.

Ein Kohlenbrenner ist halt so gar etwas Geringes auf der Welt, und die

Glasleute und Flößer und Uhrmacher und alle sind angesehener.«

»Hochmut kommt oft vor dem Fall,« erwiderte der kleine Herr vom

Tannenwald etwas freundlicher. »Ihr seid ein sonderbar Geschlecht, ihr

Menschen! Selten ist einer mit dem Stand ganz zufrieden, in dem er

geboren und erzogen ist; und was gilt's, wenn du ein Glasmann wärest,

möchtest du gern ein Holzherr sein, und wärest du Holzherr, so stünde

dir des Försters Dienst oder des Amtmanns Wohnung an? Aber es sei; wenn

du versprichst, brav zu arbeiten, so will ich dir zu etwas Besserem

verhelfen, Peter. Ich pflege jedem Sonntagskind, das sich zu mir zu

finden weiß, drei Wünsche zu gewähren. Die ersten zwei sind frei. Den

dritten kann ich verweigern, wenn er töricht ist. So wünsche dir also

jetzt etwas; aber -- Peter, etwas Gutes und Nützliches.«

»Heisa! Ihr seid ein treffliches Glasmännlein, und mit Recht nennt man

Euch Schatzhauser, denn bei Euch sind die Schätze zu Hause. Nu -- und

also darf ich wünschen, wonach mein Herz begehrt, so will ich denn fürs

erste, daß ich noch besser tanzen könne als der Tanzbodenkönig, und

immer so viel Geld in der Tasche habe als der dicke Ezechiel.«

»Du Tor!« erwiderte der Kleine zürnend. »Welch ein erbärmlicher Wunsch

ist dies, gut tanzen zu können und Geld zum Spiel zu haben! Schämst du

dich nicht, dummer Peter, dich selbst so um dein Glück zu betrügen? Was

nützt es dir und deiner armen Mutter, wenn du tanzen kannst? Was nützt

dir dein Geld, das nach deinem Wunsch nur für das Wirtshaus ist und wie

das des elenden Tanzbodenkönigs dort bleibt? Dann hast du wieder die

ganze Woche nichts und darbst wie zuvor. Noch einen Wunsch gebe ich dir

frei, aber sieh dich vor, daß du vernünftiger wünschest.«

Peter kratzte sich hinter den Ohren und sprach nach einigem Zögern:

»Nun, so wünsche ich mir die schönste und reichste Glashütte im ganzen

Schwarzwald mit allem Zugehör und Geld, sie zu leiten.«

»Sonst nichts?« fragte der Kleine mit besorglicher Miene, »Peter, sonst

nichts?«

»Nun -- Ihr könnet noch ein Pferd dazutun, und ein Wägelchen --«

»O, du dummer Kohlenmunkpeter!« rief der Kleine und warf seine gläserne

Pfeife im Unmut an eine dicke Tanne, daß sie in hundert Stücke sprang;

»Pferde? Wägelchen? Verstand, sag' ich dir, Verstand, gesunden

Menschenverstand und Einsicht hättest du dir wünschen sollen, aber

nicht Pferdchen und Wägelchen. Nun, werde nur nicht so traurig, wir

wollen sehen, daß es auch so nicht zu deinem Schaden ist; denn der

zweite Wunsch war im ganzen nicht töricht. Eine gute Glashütte nährt

auch ihren Mann und Meister, nur hättest du Einsicht und Verstand dazu

mitnehmen können, Wagen und Pferde wären dann wohl von selbst gekommen.«

»Aber, Herr Schatzhauser,« erwiderte Peter, »ich habe ja noch einen

Wunsch übrig. Da könnte ich ja Verstand wünschen, wenn er mir so

überaus nötig ist, wie Ihr meinet.«

»Nichts da. Du wirst noch in manche Verlegenheit kommen, wo du froh

sein wirst, wenn du noch einen Wunsch frei hast. Und nun mache dich auf

den Weg nach Hause. Hier sind,« sprach der kleine Tannengeist, indem

er ein kleines Beutelein aus der Tasche zog, »hier sind zweitausend

Gulden, und damit genug, und komm mir nicht wieder, um Geld zu fordern,

denn dann müßte ich dich an die höchste Tanne aufhängen. So hab' ich's

gehalten, seit ich in dem Wald wohne. Vor drei Tagen aber ist der alte

Winkfritz gestorben, der die große Glashütte gehabt hat im Unterwald.

Dorthin gehe morgen frühe, und mach' ein Bot auf das Gewerbe, wie es

recht ist. Halt dich wohl, sei fleißig, und ich will dich zuweilen

besuchen und dir mit Rat und Tat an die Hand gehen, weil du dir doch

keinen Verstand erbeten. Aber, und das sag' ich dir ernstlich, dein

erster Wunsch war böse. Nimm dich in acht vor dem Wirtshauslaufen,

Peter! 's hat noch bei keinem lange gut getan.« Das Männlein hatte,

während er dies sprach, eine neue Pfeife vom schönsten Beinglas

hervorgezogen, sie mit gedörrten Tannenzapfen gestopft und in den

kleinen, zahnlosen Mund gesteckt. Dann zog er ein ungeheures Brennglas

hervor, trat in die Sonne und zündete seine Pfeife an. Als er damit

fertig war, bot er dem Peter freundlich die Hand, gab ihm noch ein

paar gute Lehren auf den Weg, rauchte und blies immer schneller und

verschwand endlich in einer Rauchwolke, die nach echtem holländischen

Tabak roch und langsam sich kräuselnd in den Tannenwipfeln verschwebte.

Als Peter nach Haus kam, fand er seine Mutter sehr in Sorgen um

ihn, denn die gute Frau glaubte nicht anders, als ihr Sohn sei zum

Soldaten ausgehoben worden. Er aber war fröhlich und guter Dinge und

erzählte ihr, wie er im Wald einen guten Freund getroffen, der ihm

Geld vorgeschossen habe, um ein anderes Geschäft als Kohlenbrennen

anzufangen. Obgleich seine Mutter schon seit dreißig Jahren in der

Köhlerhütte wohnte und an den Anblick berußter Leute so gewöhnt war als

jede Müllerin an das Mehlgesicht ihres Mannes, so war sie doch eitel

genug, sobald ihr Peter ein glänzenderes Los zeigte, ihren früheren

Stand zu verachten, und sprach: »Ja, als Mutter eines Mannes, der

eine Glashütte besitzt, bin ich doch was anderes als Nachbarin Grete

und Bete, und setze mich in Zukunft vornehm in der Kirche, wo rechte

Leute sitzen.« Ihr Sohn aber wurde mit den Erben der Glashütte bald

handelseinig. Er behielt die Arbeiter, die er vorfand, bei sich und

ließ nun Tag und Nacht Glas machen. Anfangs gefiel ihm das Handwerk

wohl. Er pflegte gemächlich in die Glashütte hinabzusteigen, ging dort

mit vornehmen Schritten, die Hände in die Taschen gesteckt, hin und

her, guckte dahin, guckte dorthin, sprach dies und jenes, worüber seine

Arbeiter oft nicht wenig lachten, und seine größte Freude war, das Glas

blasen zu sehen, und oft machte er sich selbst an die Arbeit und formte

aus der noch weichen Masse die sonderbarsten Figuren. Bald aber war ihm

die Arbeit entleidet, und er kam zuerst nur noch eine Stunde des Tages

in die Hütte, dann nur alle zwei Tage, endlich die Woche nur einmal,

und seine Gesellen machten, was sie wollten. Das alles kam aber nur vom

Wirtshauslaufen. Den Sonntag, nachdem er vom Tannenbühl zurückgekommen

war, ging er ins Wirtshaus, und wer schon auf dem Tanzboden sprang, war

der Tanzbodenkönig, und der dicke Ezechiel saß auch schon hinter der

Maßkanne und knöchelte um Kronentaler. Da fuhr Peter schnell in die

Tasche, zu sehen, ob ihm das Glasmännlein Wort gehalten, und siehe,

seine Tasche strotzte von Silber und Gold. Auch in seinen Beinen zuckte

und drückte es, wie wenn sie tanzen und springen wollten, und als der

erste Tanz zu Ende war, stellte er sich mit seiner Tänzerin obenan

neben den Tanzbodenkönig, und sprang dieser drei Schuh hoch, so flog

Peter vier, und machte dieser wunderliche und zierliche Schritte, so

verschlang und drehte Peter seine Füße, daß alle Zuschauer vor Lust und

Verwunderung beinahe außer sich kamen. Als man aber auf dem Tanzboden

vernahm, daß Peter eine Glashütte gekauft habe, als man sah, daß er, so

oft er an den Musikanten vorbeitanzte, ihnen einen Sechsbätzner zuwarf,

da war des Staunens kein Ende. Die einen glaubten, er habe einen Schatz

im Walde gefunden, die andern meinten, er habe eine Erbschaft getan,

aber alle verehrten ihn jetzt und hielten ihn für einen gemachten Mann,

nur weil er Geld hatte. Verspielte er doch noch an demselben Abend

zwanzig Gulden, und nichtsdestominder rasselte und klang es in seiner

Tasche, wie wenn noch hundert Taler darin wären.

Als Peter sah, wie angesehen er war, wußte er sich vor Freude und

Stolz nicht zu fassen. Er warf das Geld mit vollen Händen weg und

teilte es den Armen reichlich mit, wußte er doch, wie ihn selbst einst

die Armut gedrückt hatte. Des Tanzbodenkönigs Künste wurden vor den

übernatürlichen Künsten des neuen Tänzers zu schanden, und Peter führte

jetzt den Namen Tanzkaiser. Die unternehmendsten Spieler am Sonntag

wagten nicht so viel wie er, aber sie verloren auch nicht so viel. Und

je mehr er verlor, desto mehr gewann er. Das verhielt sich aber ganz

so, wie er es vom kleinen Glasmännlein verlangt hatte. Er hatte sich

gewünscht, immer so viel Geld in der Tasche zu haben wie der dicke

Ezechiel, und gerade dieser war es, an welchen er sein Geld verspielte.

Und wenn er zwanzig, dreißig Gulden auf einmal verlor, so hatte er

sie alsobald wieder in der Tasche, wenn sie Ezechiel einstrich. Nach

und nach brachte er es aber im Schlemmen und Spielen weiter als die

schlechtesten Gesellen im Schwarzwald, und man nannte ihn öfter

Spielpeter als Tanzkaiser, denn er spielte jetzt auch beinahe an allen

Werktagen. Darüber kam aber seine Glashütte nach und nach in Verfall,

und daran war Peters Unverstand schuld. Glas ließ er machen, so viel

man immer machen konnte, aber er hatte mit der Hütte nicht zugleich das

Geheimnis gekauft, wohin man es am besten verschleißen könne. Er wußte

am Ende mit der Menge Glas nichts anzufangen und verkaufte es um den

halben Preis an herumziehende Händler, nur um seine Arbeiter bezahlen

zu können.

Eines Abends ging er auch wieder vom Wirtshaus heim und dachte trotz

des vielen Weines, den er getrunken, um sich fröhlich zu machen, mit

Schrecken und Gram an den Verfall seines Vermögens. Da bemerkte er auf

einmal, daß jemand neben ihm gehe, er sah sich um, und siehe da -- es

war das Glasmännlein. Da geriet er in Zorn und Eifer, vermaß sich hoch

und teuer und schwur, der Kleine sei an all seinem Unglück schuld. »Was

tu' ich nun mit Pferd und Wägelchen?« rief er, »was nützt mir die Hütte

und all mein Glas? Selbst als ich noch ein elender Köhlersbursch war,

lebte ich froher und hatte keine Sorgen. Jetzt weiß ich nicht, wann der

Amtmann kommt und meine Habe schätzt und mich vergantet der Schulden

wegen!«

»So?« entgegnete das Glasmännlein. »So? Ich also soll schuld daran

sein, wenn du unglücklich bist? Ist dies der Dank für meine Wohltaten?

Wer hieß dich auch so töricht wünschen? Ein Glasmann wolltest du sein

und wußtest nicht, wohin dein Glas verkaufen? Sagte ich dir nicht, du

solltest behutsam wünschen? Verstand, Peter, Klugheit hat dir gefehlt.«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 6 · 第 21 / 31 段