»Das hättet Ihr alles auch vorher abmachen können,« sagte die Wirtin

mürrisch. »Fassan, daher! schließ die Hoftüre zu Jakob, und leuchte

dem Mann an seinen Karren.« Der Hund zog seine greuliche Schnauze und

seine Tatzen von der Schulter des Fuhrmanns zurück und lagerte sich

wieder quer über die Treppe, der Hausknecht aber hatte das Hoftor

zugeschlossen und leuchtete dem Fuhrmann. An ein Entkommen war nicht

zu denken. Aber als er nachsann, was er denn eigentlich aus dem Karren

holen sollte, fiel ihm ein Pfund Wachslichter ein, die er in die

nächste Stadt überbringen sollte; »das Stümpchen Licht oben kann kaum

noch eine Viertelstunde dauern,« sagte er zu sich; »und Licht müssen

wir dennoch haben!« Er nahm also zwei Wachskerzen aus dem Wagen,

verbarg sie in dem Aermel und holte dann zum Schein seinen Mantel aus

dem Karren, womit er sich, wie er dem Hausknecht sagte, heute nacht

bedecken wolle.

Glücklich kam er wieder auf dem Zimmer an. Er erzählte von dem großen

Hund, der als Wache an der Treppe liege, von den Männern, die er

flüchtig gesehen, von allen Anstalten, die man gemacht, um sich ihrer

zu versichern, und schloß damit, daß er seufzend sagte: »Wir werden

diese Nacht nicht überleben.«

»Das glaube ich nicht,« erwiderte der Student; »für so töricht kann

ich diese Leute nicht halten, daß sie wegen des geringen Vorteils,

den sie von uns hätten, vier Menschen ans Leben gehen sollten. Aber

verteidigen dürfen wir uns nicht. Ich für meinen Teil werde wohl am

meisten verlieren; mein Pferd ist schon in ihren Händen, es kostete

mich fünfzig Dukaten noch vor vier Wochen; meine Börse, meine Kleider

gebe ich willig hin; denn mein Leben ist mir am Ende doch lieber als

alles dies.«

»Ihr habt gut reden,« erwiderte der Fuhrmann; »solche Sachen, wie Ihr

sie verlieren könnt, ersetzt Ihr Euch leicht wieder; aber ich bin der

Bote von Aschaffenburg und habe allerlei Güter auf meinem Karren und im

Stall zwei schöne Rosse, meinen einzigen Reichtum.«

»Ich kann unmöglich glauben, daß sie _Euch_ ein Leides tun werden,«

bemerkte der Goldschmied; »einen Boten zu berauben, würde schon viel

Geschrei und Lärmen ins Land machen. Aber dafür bin ich auch, was der

Herr dort sagt; lieber will ich gleich alles hergeben, was ich habe,

und mit einem Eid versprechen, nichts zu sagen, ja, niemals zu klagen,

als mich gegen Leute, die Büchsen und Pistolen haben, um meine geringe

Habe wehren.«

Der Fuhrmann hatte während dieser Reden seine Wachskerzen

hervorgezogen. Er klebte sie auf den Tisch und zündete sie an. »So laßt

uns in Gottes Namen erwarten, was über uns kommen wird,« sprach er;

»wir wollen uns wieder zusammen niedersetzen und durch Sprechen den

Schlaf abhalten.«

»Das wollen wir,« antwortete der Student; »und weil vorhin die Reihe an

mir stehen geblieben war, will ich euch etwas erzählen.«

Das kalte Herz.

Ein Märchen.

Erste Abteilung.

Wer durch Schwaben reist, der sollte nie vergessen, auch ein wenig in

den Schwarzwald hineinzuschauen; nicht der Bäume wegen, obgleich man

nicht überall solch unermeßliche Menge herrlich aufgeschossener Tannen

findet, sondern wegen der Leute, die sich von den andern Menschen

ringsumher merkwürdig unterscheiden. Sie sind größer als gewöhnliche

Menschen, breitschultrig, von starken Gliedern, und es ist, als ob der

stärkende Duft, der morgens durch die Tannen strömt, ihnen von Jugend

auf einen freieren Atem, ein klareres Auge und einen festeren, wenn

auch rauheren Mut als den Bewohnern der Stromtäler und Ebenen gegeben

hätte. Und nicht nur durch Haltung und Wuchs, auch durch ihre Sitten

und Trachten sondern sie sich von den Leuten, die außerhalb des Waldes

wohnen, streng ab. Am schönsten kleiden sich die Bewohner des badischen

Schwarzwaldes; die Männer lassen den Bart wachsen, wie er von Natur

dem Mann ums Kinn gegeben ist, ihre schwarzen Wämser, ihre ungeheuren,

enggefalteten Pluderhosen, ihre roten Strümpfe und die spitzen Hüte,

von einer weiten Scheibe umgeben, verleihen ihnen etwas Fremdartiges,

aber etwas Ernstes, Ehrwürdiges. Dort beschäftigen sich die Leute

gewöhnlich mit Glasmachen; auch verfertigen sie Uhren und tragen sie in

der halben Welt umher.

Auf der andern Seite des Waldes wohnt ein Teil desselben Stammes, aber

ihre Arbeiten haben ihnen andere Sitten und Gewohnheiten gegeben als

den Glasmachern. Sie handeln mit ihrem Wald; sie fällen und behauen

ihre Tannen, flößen sie durch die Nagold in den Neckar, und von dem

obern Neckar den Rhein hinab, bis weit hinein nach Holland, und am

Meer kennt man die Schwarzwälder und ihre langen Flöße; sie halten an

jeder Stadt, die am Strom liegt, an und erwarten stolz, ob man ihnen

Balken und Bretter abkaufen werde, ihre stärksten und längsten Balken

aber verhandeln sie um schweres Geld an die Mynheers, welche Schiffe

daraus bauen. Diese Menschen nun sind an ein rauhes, wanderndes Leben

gewöhnt. Ihre Freude ist, auf ihrem Holz die Ströme hinabzufahren, ihr

Leid, am Ufer wieder heraufzuwandeln. Darum ist auch ihr Prachtanzug so

verschieden von dem der Glasmänner im andern Teil des Schwarzwaldes.

Sie tragen Wämser von dunkler Leinwand, einen handbreiten, grünen

Hosenträger über die breite Brust, Beinkleider von schwarzem Leder,

aus deren Tasche ein Zollstab von Messing wie ein Ehrenzeichen

hervorschaut; ihr Stolz und ihre Freude aber sind ihre Stiefel, die

größten wahrscheinlich, welche auf irgend einem Teil der Erde Mode

sind; denn sie können zwei Spannen weit über das Knie hinaufgezogen

werden, und die »Flößer« können damit in drei Schuh tiefem Wasser

umherwandeln, ohne sich die Füße naß zu machen.

Noch vor kurzer Zeit glaubten die Bewohner dieses Waldes an

Waldgeister, und erst in neuerer Zeit hat man ihnen diesen törichten

Aberglauben benehmen können. Sonderbar ist es aber, daß auch die

Waldgeister, die der Sage nach im Schwarzwalde hausen, in diese

verschiedenen Trachten sich geteilt haben. So hat man versichert, daß

das Glasmännlein, ein gutes Geistchen von dreieinhalb Fuß Höhe, sich

nie anders zeige als in einem spitzen Hütlein mit großem Rand, mit Wams

und Pluderhöschen und roten Strümpfchen. Der Holländer Michel aber,

der auf der anderen Seite des Waldes umgeht, soll ein riesengroßer,

breitschultriger Kerl in der Kleidung der Flößer sein, und mehrere,

die ihn gesehen haben, wollen versichern, daß sie die Kälber nicht

aus ihrem Beutel bezahlen möchten, deren Felle man zu seinen Stiefeln

brauchen würde. »So groß, daß ein gewöhnlicher Mann bis an den Hals

hineinstehen könnte,« sagten sie, und wollten nichts übertrieben haben.

Mit diesen Waldgeistern soll einmal ein junger Schwarzwälder eine

sonderbare Geschichte gehabt haben, die ich erzählen will. Es lebte

nämlich im Schwarzwald eine Witwe, Frau Barbara Munkin; ihr Gatte

war Kohlenbrenner gewesen, und nach seinem Tod hielt sie ihren

sechzehnjährigen Knaben nach und nach zu demselben Geschäft an. Der

junge Peter Munk, ein schlanker Bursche, ließ es sich gefallen, weil

er es bei seinem Vater auch nicht anders gesehen hatte, die ganze

Woche über am rauchenden Meiler zu sitzen, oder schwarz und berußt und

den Leuten ein Abscheu hinab in die Städte zu fahren und seine Kohlen

zu verkaufen. Aber ein Köhler hat viel Zeit zum Nachdenken über sich

und andere, und wenn Peter Munk an seinem Meiler saß, stimmten die

dunkeln Bäume umher und die tiefe Waldesstille sein Herz zu Tränen und

unbewußter Sehnsucht. Es betrübte ihn etwas, es ärgerte ihn etwas, er

wußte nicht recht was. Endlich merkte er sich ab, was ihn ärgerte, und

das war -- sein Stand. »Ein schwarzer, einsamer Kohlenbrenner!« sagte

er sich. »Es ist ein elend Leben. Wie angesehen sind die Glasmänner,

die Uhrmacher, selbst die Musikanten am Sonntag abends! Und wenn Peter

Munk, rein gewaschen und geputzt, in des Vaters Ehrenwams mit silbernen

Knöpfen und mit nagelneuen, roten Strümpfen erscheint, und wenn dann

einer hinter mir hergeht und denkt: wer ist wohl der schlanke Bursche?

und lobt bei sich die Strümpfe und meinen stattlichen Gang -- sieh,

wenn er vorübergeht und schaut sich um, sagt er gewiß: _ach, es ist nur

der Kohlenmunkpeter_.«

Auch die Flößer auf der andern Seite waren ein Gegenstand seines

Neides. Wenn diese Waldriesen herüberkamen, mit stattlichen Kleidern,

und an Knöpfen, Schnallen und Ketten einen halben Zentner Silber auf

dem Leib trugen, wenn sie mit ausgespreizten Beinen und vornehmen

Gesichtern dem Tanz zuschauten, holländisch fluchten und wie die

vornehmsten Mynheers aus ellenlangen kölnischen Pfeifen rauchten, da

stellte er sich als das vollendetste Bild eines glücklichen Menschen

solch einen Flößer vor. Und wenn diese Glücklichen dann erst in die

Taschen fuhren, ganze Hände voll großer Taler herauslangten und um

Sechsbätzner würfelten, fünf Gulden hin, zehn her, so wollten ihm

die Sinne vergehen, und er schlich trübselig nach seiner Hütte;

denn an manchem Feiertagabend hatte er einen oder den andern dieser

»Holzherren« mehr verspielen sehen, als der arme Vater Munk in einem

Jahr verdiente. Es waren vorzüglich drei dieser Männer, von welchen

er nicht wußte, welchen er am meisten bewundern sollte. Der eine war

ein dicker, großer Mann mit rotem Gesicht und galt für den reichsten

Mann in der Runde. Man hieß ihn den dicken Ezechiel. Er reiste alle

Jahre zweimal mit Bauholz nach Amsterdam und hatte das Glück, es immer

um so viel teurer als andere zu verkaufen, daß er, wenn die übrigen

zu Fuß heimgingen, stattlich herauffahren konnte. Der andere war

der längste und magerste Mensch im ganzen Wald, man nannte ihn den

langen Schlurker, und diesen beneidete Munk wegen seiner ausnehmenden

Kühnheit; er widersprach den angesehensten Leuten, brauchte, wenn man

noch so gedrängt im Wirtshaus saß, mehr Platz als vier der Dicksten,

denn er stützte entweder beide Ellbogen auf den Tisch oder zog eines

seiner langen Beine zu sich auf die Bank, und doch wagte ihm keiner zu

widersprechen, denn er hatte unmenschlich viel Geld. Der dritte aber

war ein schöner, junger Mann, der am besten tanzte weit und breit und

daher den Namen Tanzbodenkönig hatte. Er war ein armer Mensch gewesen

und hatte bei einem Holzherrn als Knecht gedient; da wurde er auf

einmal steinreich; die einen sagten, er habe unter einer alten Tanne

einen Topf voll Geld gefunden, die anderen behaupteten, er habe unweit

Bingen im Rhein mit der Stechstange, womit die Flößer zuweilen nach den

Fischen stechen, einen Pack mit Goldstücken heraufgefischt, und der

Pack gehöre zu dem großen Nibelungenhort, der dort vergraben liegt;

kurz, er war auf einmal reich geworden und wurde von jung und alt

angesehen wie ein Prinz.

An diese drei Männer dachte Kohlenmunkpeter oft, wenn er einsam im

Tannenwald saß. Zwar hatten alle drei einen Hauptfehler, der sie bei

den Leuten verhaßt machte, es war dies ihr unmenschlicher Geiz, ihre

Gefühllosigkeit gegen Schuldner und Arme, denn die Schwarzwälder sind

ein gutmütiges Völklein; aber man weiß, wie es mit solchen Dingen geht,

waren sie auch wegen ihres Geizes verhaßt, so standen sie doch wegen

ihres Geldes in Ansehen; denn wer konnte Taler wegwerfen wie sie, als

ob man das Geld von den Tannen schüttelte?

»So geht es nicht mehr weiter,« sagte Peter eines Tages schmerzlich

betrübt zu sich; denn tags zuvor war Feiertag gewesen, und alles Volk

in der Schenke; »wenn ich nicht bald auf den grünen Zweig komme, so tu'

ich mir etwas zuleid; wär' ich doch nur so angesehen und reich wie der

dicke Ezechiel oder so kühn und so gewaltig wie der lange Schlurker

oder so berühmt, und könnte den Musikanten Taler statt Kreuzer zuwerfen

wie der Tanzbodenkönig! Wo nur der Bursche das Geld her hat?« Allerlei

Mittel ging er durch, wie man sich Geld erwerben könne, aber keines

wollte ihm gefallen: endlich fielen ihm auch die Sagen von Leuten

bei, die vor alten Zeiten durch den Holländer Michel und durch das

Glasmännlein reich geworden waren. So lang sein Vater noch lebte, kamen

oft andere arme Leute zum Besuch, und da wurde lang und breit von

reichen Menschen gesprochen, und wie sie reich geworden; da spielte nun

oft das Glasmännlein eine Rolle; ja, wenn er recht nachsann, konnte er

sich beinahe noch des Versleins erinnern, das man am Tannenbühl in der

Mitte des Waldes sprechen mußte, wenn es erscheinen sollte. Es fing an:

Schatzhauser im grünen Tannenwald,

Bist schon viel hundert Jahre alt,

Dir gehört all Land, wo Tannen stehn --

Aber er mochte sein Gedächtnis anstrengen, wie er wollte, weiter konnte

er sich keines Verses mehr entsinnen. Er dachte oft, ob er nicht diesen

oder jenen alten Mann fragen sollte, wie das Sprüchlein heiße; aber

immer hielt ihn eine gewisse Scheu, seine Gedanken zu verraten, ab,

auch schloß er, es müsse die Sage vom Glasmännlein nicht sehr bekannt

sein, und den Spruch müßten nur wenige wissen, denn es gab nicht viele

reiche Leute im Wald, und -- warum hatten denn nicht sein Vater und

die andern armen Leute ihr Glück versucht? Er brachte endlich einmal

seine Mutter auf das Männlein zu sprechen, und diese erzählte ihm, was

er schon wußte, kannte auch nur noch die erste Zeile von dem Spruch

und sagte ihm endlich, nur Leuten, die an einem Sonntag zwischen elf

und zwei Uhr geboren seien, zeige sich das Geistchen. Er selbst würde

wohl dazu passen, wenn er nur das Sprüchlein wüßte, denn er sei Sonntag

mittags zwölf Uhr geboren.

Als dies der Kohlenmunkpeter hörte, war er vor Freude und vor

Begierde, dies Abenteuer zu unternehmen, beinahe außer sich. Es

schien ihm hinlänglich, einen Teil des Sprüchleins zu wissen und am

Sonntag geboren zu sein, und Glasmännlein mußte sich ihm zeigen. Als

er daher eines Tages seine Kohlen verkauft hatte, zündete er keinen

neuen Meiler an, sondern zog seines Vaters Staatswams und neue rote

Strümpfe an, setzte den Sonntagshut auf, faßte seinen fünf Fuß hohen

Schwarzdornstock in die Hand und nahm von der Mutter Abschied: »Ich muß

aufs Amt in die Stadt; denn wir werden bald spielen müssen, wer Soldat

wird, und da will ich dem Amtmann nur noch einmal einschärfen, daß

Ihr Witwe seid, und ich Euer einziger Sohn.« Die Mutter lobte seinen

Entschluß, er aber machte sich auf nach dem Tannenbühl. Der Tannenbühl

liegt auf der höchsten Höhe des Schwarzwaldes, und auf zwei Stunden

im Umkreis stand damals kein Dorf, ja, nicht einmal eine Hütte, denn

die abergläubischen Leute meinten, es sei dort unsicher. Man schlug

auch, so hoch und prachtvoll dort die Tannen standen, ungern Holz in

jenem Revier, denn oft waren den Holzhauern, wenn sie dort arbeiteten,

die Aexte vom Stiel gesprungen und in den Fuß gefahren, oder die Bäume

waren schnell umgestürzt und hatten die Männer mit umgerissen und

beschädigt oder gar getötet; auch hätte man die schönsten Bäume von

dorther nur zu Brennholz brauchen können, denn die Floßherren nahmen

nie einen Stamm aus dem Tannenbühl unter ein Floß auf, weil die Sage

ging, daß Mann und Holz verunglücke, wenn ein Tannenbühler mit im

Wasser sei. Daher kam es, daß im Tannenbühl die Bäume so dicht und so

hoch standen, daß es am hellen Tag beinahe Nacht war, und Peter Munk

wurde es ganz schaurig dort zu Mut; denn er hörte keine Stimme, keinen

Tritt als den seinigen, keine Axt; selbst die Vögel schienen diese

dichte Tannennacht zu vermeiden.

Kohlenmunkpeter hatte jetzt den höchsten Punkt des Tannenbühls

erreicht und stand vor einer Tanne von ungeheurem Umfang, um die ein

holländischer Schiffsherr an Ort und Stelle viele hundert Gulden

gegeben hätte. »Hier,« dachte er, »wird wohl der Schatzhauser wohnen,«

zog seinen großen Sonntagshut, machte vor dem Baum eine tiefe

Verbeugung, räusperte sich und sprach mit zitternder Stimme: »Wünsche

glückseligen Abend, Herr Glasmann.« Aber es erfolgte keine Antwort,

und alles umher war so still wie zuvor. »Vielleicht muß ich doch das

Verslein sprechen,« dachte er weiter und murmelte:

Schatzhauser im grünen Tannenwald,

Bist schon viel hundert Jahre alt,

Dir gehört all Land, wo Tannen stehn --

Indem er diese Worte sprach, sah er zu seinem großen Schrecken

eine ganz kleine, sonderbare Gestalt hinter der dicken Tanne

hervorschauen; es war ihm, als habe er das Glasmännlein gesehen, wie

man es beschrieben, das schwarze Wämschen, die roten Strümpfchen,

das Hütchen, alles war so, selbst das blasse, aber feine und kluge

Gesichtchen, wovon man erzählte, glaubte er gesehen zu haben. Aber ach,

so schnell es hervorgeschaut hatte, das Glasmännlein, so schnell war

es auch wieder verschwunden! »Herr Glasmann,« rief nach einigem Zögern

Peter Munk, »seid so gütig und haltet mich nicht für Narren. -- Herr

Glasmann, wenn Ihr meint, ich habe Euch nicht gesehen, so täuschet Ihr

Euch sehr, ich sah Euch wohl hinter dem Baum hervorgucken.« -- Immer

keine Antwort, nur zuweilen glaubte er ein leises, heiseres Kichern

hinter dem Baum zu vernehmen. Endlich überwand seine Ungeduld die

Furcht, die ihn bis jetzt noch abgehalten hatte. »Warte, du kleiner

Bursche,« rief er, »dich will ich bald haben!« sprang mit einem Satz

hinter die Tanne, aber da war kein Schatzhauser im grünen Tannenwald,

und nur ein kleines, zierliches Eichhörnchen jagte an dem Baum hinauf.

Peter Munk schüttelte den Kopf; er sah ein, daß er die Beschwörung

bis auf einen gewissen Grad gebracht habe und daß ihm vielleicht nur

noch ein Reim zu dem Sprüchlein fehle, so könne er das Glasmännlein

hervorlocken; aber er sann hin, er sann her und fand nichts. Das

Eichhörnchen zeigte sich an den untersten Aesten der Tanne und schien

ihn aufzumuntern oder zu verspotten. Es putzte sich, es rollte den

schönen Schweif, es schaute ihn mit klugen Augen an, aber endlich

fürchtete er sich doch beinahe, mit diesem Tier allein zu sein;

denn bald schien das Eichhörnchen einen Menschenkopf zu haben und

einen dreispitzigen Hut zu tragen, bald war es ganz wie ein anderes

Eichhörnchen und hatte nur an den Hinterfüßen rote Strümpfe und

schwarze Schuhe. Kurz, es war ein lustiges Tier, aber dennoch graute

Kohlenpeter, denn er meinte, es gehe nicht mit rechten Dingen zu.

Mit schnelleren Schritten, als er gekommen war, zog Peter wieder ab.

Das Dunkel des Tannenwaldes schien immer schwärzer zu werden, die

Bäume standen immer dichter, und ihm fing an zu grauen, daß er im Trab

davonjagte, und erst, als er in der Ferne Hunde bellen hörte und bald

darauf zwischen den Bäumen den Rauch einer Hütte erblickte, wurde er

wieder ruhiger. Aber als er näher kam und die Tracht der Leute in der

Hütte erblickte, fand er, daß er aus Angst gerade die entgegengesetzte

Richtung genommen und statt zu den Glasleuten zu den Flößern gekommen

sei. Die Leute, die in der Hütte wohnten, waren Holzfäller; ein alter

Mann, sein Sohn, der Hauswirt, und einige erwachsene Enkel. Sie nahmen

Kohlenmunkpeter, der um ein Nachtlager bat, gut auf, ohne nach seinem

Namen und Wohnort zu fragen, gaben ihm Apfelwein zu trinken, und abends

wurde ein großer Auerhahn, die beste Schwarzwaldspeise, aufgesetzt.

Nach dem Nachtessen setzten sich die Hausfrau und ihre Töchter

mit ihren Kunkeln um den großen Lichtspan, den die Jungen mit dem

feinsten Tannenharz unterhielten, der Großvater, der Gast und der

Hauswirt rauchten und schauten den Weibern zu, die Bursche aber waren

beschäftigt, Löffel und Gabeln aus Holz zu schnitzeln. Draußen im Wald

heulte der Sturm und raste in den Tannen, man hörte da und dort sehr

heftige Schläge, und es schien oft, als ob ganze Bäume abgeknickt

würden und zusammenkrachten. Die furchtlosen Jungen wollten hinaus in

den Wald laufen und dies furchtbar schöne Schauspiel mitansehen, ihr

Großvater aber hielt sie mit strengem Wort und Blick zurück. »Ich will

keinem raten, daß er jetzt von der Tür geht,« rief er ihnen zu; »bei

Gott, der kommt nimmermehr wieder; denn der Holländer Michel baut sich

heute nacht ein neues G'stair (Floßgelenk) im Wald.«

Die Kleinen staunten ihn an; sie mochten von dem Holländer Michel

schon gehört haben, aber sie baten jetzt den Ehni, einmal recht schön

von jenem zu erzählen. Auch Peter Munk, der vom Holländer Michel auf

der andern Seite des Waldes nur undeutlich hatte sprechen gehört,

stimmte mit ein und fragte den Alten, wer und wo er sei. »Er ist der

Herr dieses Waldes, und nach dem zu schließen, daß Ihr in Eurem Alter

dies noch nicht erfahren, müßt Ihr drüben über dem Tannenbühl oder

wohl gar noch weiter zu Hause sein. Vom Holländer Michel will ich Euch

aber erzählen, was ich weiß, und wie die Sage von ihm geht. Vor etwa

hundert Jahren, so erzählte es wenigstens mein Ehni, war weit und breit

kein ehrlicheres Volk auf Erden als die Schwarzwälder. Jetzt, seit so

viel Geld im Land ist, sind die Menschen unredlich und schlecht. Die

jungen Bursche tanzen und johlen am Sonntag, und fluchen, daß es ein

Schrecken ist; damals war es aber anders, und wenn er jetzt zum Fenster

dort hereinschaute, so sag' ich's und hab' es oft gesagt, der Holländer

Michel ist schuld an all dieser Verderbnis. Es lebte also vor hundert

Jahren und drüber ein reicher Holzherr, der viel Gesinde hatte; er

handelte bis weit in den Rhein hinab, und sein Geschäft war gesegnet,

denn er war ein frommer Mann. Kommt eines Abends ein Mann an seine

Türe, dergleichen er noch nie gesehen. Seine Kleidung war wie die der

Schwarzwälder Bursche, aber er war einen guten Kopf höher als alle, und

man hatte noch nie geglaubt, daß es einen solchen Riesen geben könne.

Dieser bittet um Arbeit bei dem Holzherrn, und der Holzherr, der ihm

ansah, daß er stark und zu großen Lasten tüchtig sei, rechnet mit ihm

seinen Lohn, und sie schlagen ein. Der Michel war ein Arbeiter, wie

selbiger Holzherr noch keinen gehabt. Beim Baumschlagen galt er für

drei, und wenn sechs am einen End' schleppten, trug er allein das

andre. Als er aber ein halb Jahr Holz geschlagen, trat er eines Tages

vor seinen Herrn und begehrte von ihm: »Hab' jetzt lang genug hier Holz

gehackt, und so möcht' ich auch sehen, wohin meine Stämme kommen, und

wie wär' es, wenn Ihr mich auch mal auf den Floß ließet?«

Der Holzherr antwortete: »Ich will dir nicht im Wege sein, Michel,

wenn du ein wenig hinaus willst in die Welt; zwar beim Holzfällen

brauche ich starke Leute, wie du bist, auf dem Floß aber kommt es auf

Geschicklichkeit an, aber es sei für diesmal.«

Und so war es; der Floß, mit dem er abgehen sollte, hatte acht Glaich

(Glieder), und waren im letzten von den größten Zimmerbalken. Aber

was geschah? Am Abend zuvor bringt der lange Michel noch acht Balken

ans Wasser, so dick und lang, als man keinen je sah, und jeden trug

er so leicht auf der Schulter wie eine Flößerstange, so daß sich

alles entsetzte. Wo er sie gehauen, weiß bis heute noch niemand. Dem

Holzherrn lachte das Herz, als er dies sah, denn er berechnete, was

diese Balken kosten könnten; Michel aber sagte: »So, die sind für mich

zum Fahren, auf den kleinen Spänen dort kann ich nicht fortkommen;«

sein Herr wollte ihm zum Dank ein Paar Flößerstiefel schenken, aber

er warf sie auf die Seite und brachte ein Paar hervor, wie es sonst

noch keine gab; mein Großvater hat versichert, sie haben hundert Pfund

gewogen und seien fünf Fuß lang gewesen.

Der Floß fuhr ab, und hatte der Michel früher die Holzhauer in

Verwunderung gesetzt, so staunten jetzt die Flößer; denn statt daß der

Floß, wie man wegen der ungeheuren Balken geglaubt hatte, langsamer

auf dem Fluß ging, flog er, sobald sie in den Neckar kamen, wie ein

Pfeil; machte der Neckar eine Wendung, und hatten sonst die Flößer Mühe

gehabt, den Floß in der Mitte zu halten und nicht auf Kies oder Sand

zu stoßen, so sprang jetzt Michel allemal ins Wasser, rückte mit einem

Zug den Floß links oder rechts, so daß er ohne Gefahr vorüberglitt,

und kam dann eine gerade Stelle, so lief er aufs erste G'stair vor,

ließ alle ihre Stangen beisetzen, steckte seinen ungeheuren Weberbaum

ins Kies, und mit _einem_ Druck flog der Floß dahin, daß das Land und

Bäume und Dörfer vorbeizujagen schienen. So waren sie in der Hälfte

der Zeit, die man sonst brauchte, nach Köln am Rhein gekommen, wo sie

sonst ihre Ladung verkauft hatten; aber hier sprach Michel: »Ihr seid

mir rechte Kaufleute und versteht euren Nutzen! Meinet ihr denn, die

Kölner brauchen all dies Holz, das aus dem Schwarzwald kommt, für sich?

Nein, um den halben Wert kaufen sie es euch ab und verhandeln es teuer

nach Holland. Lasset uns die kleinen Balken hier verkaufen und mit den

großen nach Holland gehen; was wir über den gewöhnlichen Preis lösen,

ist unser eigener Profit.«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 6 · 第 20 / 31 段