»Ja,« setzte der kleine Schalk hinzu, »der Vater würde noch in der

Gruft sagen: weiß schon, dummes Zeug!«

»Wahrhaftig! da kommt er mit dem alten Mann und schämt sich nicht, ihn

selbst unter dem Arm zu führen,« rief die Frau Gräfin mit Entsetzen,

»kommt, ich will ihm nicht mehr begegnen.«

Sie entfernten sich, und Kuno geleitete seinen alten Lehrer bis an die

Brücke und half ihm selbst in die Sänfte; unten aber am Berg hielt er

vor der Hütte der Frau Feldheimerin und fand sie schon fertig, mit

einem Bündel voll Gläschen und Töpfchen und Tränklein und anderem

Geräte nebst ihrem Buchsbaumstöcklein einzusteigen. --

Es kam übrigens nicht also, wie die Frau Gräfin von Zollern in ihrem

bösen Sinn hatte voraussehen wollen. In der ganzen Umgegend wunderte

man sich nicht über den Ritter Kuno. Man fand es schön und löblich,

daß er die letzten Tage der alten Frau Feldheimerin aufheitern wollte,

man pries ihn als einen frommen Herrn, weil er den alten Pater Joseph

in sein Schloß aufgenommen hatte. Die einzigen, die ihm gram waren

und auf ihn schmähten, waren seine Brüder und die Gräfin. Aber nur

zu ihrem eigenen Schaden, denn man nahm allgemein ein Aergernis an

so unnatürlichen Brüdern, und zur Wiedervergeltung ging die Sage,

daß sie mit ihrer Mutter schlecht und in beständigem Hader lebten

und unter sich selbst sich alles mögliche zuleide tun. Graf Kuno von

Zollern-Hirschberg machte mehrere Versuche, seine Brüder mit sich

auszusöhnen; denn es war ihm unerträglich, wenn sie oft an seiner Feste

vorbeiritten, aber nie einsprachen, wenn sie ihm in Wald und Feld

begegneten und ihn kälter begrüßten als einen Landfremden. Aber seine

Versuche schlugen meistens fehl, und er wurde noch überdies von ihnen

verhöhnt. Eines Tages fiel ihm noch ein Mittel ein, wie er vielleicht

ihre Herzen gewinnen könnte, denn er wußte, sie waren geizig und

habgierig. Es lag ein Teich zwischen den drei Schlössern beinahe in der

Mitte, jedoch so, daß er noch in Kunos Revier gehörte. In diesem Teich

befanden sich aber die besten Hechte und Karpfen der ganzen Umgegend,

und es war für die Brüder, die gerne fischten, ein nicht geringer

Verdruß, daß ihr Vater vergessen hatte, den Teich auf ihr Teil zu

schreiben. Sie waren zu stolz, um ohne Vorwissen ihres Bruders dort zu

fischen, und doch mochten sie ihm auch kein gutes Wort geben, daß er es

ihnen erlauben möchte. Nun kannte er aber seine Brüder, daß ihnen der

Teich am Herzen liege, er lud sie daher eines Tages ein, mit ihm dort

zusammenzukommen.

Es war ein schöner Frühlingsmorgen, als beinahe in demselben

Augenblick die drei Brüder von den drei Burgen dort zusammenkamen. »Ei!

sieh da,« rief der kleine Schalk, »das trifft sich ordentlich! ich bin

mit Schlag sieben Uhr in Schalksberg weggeritten.«

»Ich auch« -- »und ich« antworteten die Brüder vom Hirschberg und von

Zollern.

»Nun, da muß der Teich hier gerade in der Mitte liegen,« fuhr der

Kleine fort. »Es ist ein schönes Wasser.«

»Ja, und ebendarum habe ich euch hierher beschieden. Ich weiß, ihr

seid beide große Freunde vom Fischen, und ob ich gleich auch zuweilen

gerne die Angel auswerfe, so hat doch der Weiher Fische genug für drei

Schlösser, und an seinen Ufern ist Platz genug für unserer drei, selbst

wenn wir alle auf einmal zu angeln kämen. Darum will ich von heute

an, daß dieses Wasser Gemeingut für uns sei, und jeder von euch soll

gleiche Rechte daran haben wie ich.«

»Ei, der Herr Bruder ist ja gewaltig gnädig gesinnt,« sprach der kleine

Schalk mit höhnischem Lächeln, »gibt uns wahrhaftig sechs Morgen Wasser

und ein paar hundert Fischlein! Nu -- und was werden wir dagegen geben

müssen? Denn umsonst ist der Tod!«

»Umsonst sollt ihr ihn haben,« sagte Kuno gerührt, »ach! ich möchte

euch ja nur zuweilen an diesem Teich sehen und sprechen. Sind wir doch

_eines_ Vaters Söhne.«

»Nein!« erwiderte der vom Schalksberg, »das ginge schon nicht, denn es

ist nichts Einfältigeres, als in Gesellschaft zu fischen, es verjagt

immer einer dem andern die Fische. Wollen wir aber Tage ausmachen, etwa

Montag und Donnerstag du, Kuno, Dienstag und Freitag Wolf, Mittwoch und

Sonnabend ich -- so ist es mir ganz recht.«

»Mir nicht einmal dann,« rief der finstere Wolf. »Geschenkt will ich

nichts haben und will auch mit niemand teilen. Du hast recht, Kuno,

daß du uns den Weiher anbietest, denn wir haben eigentlich alle drei

gleichen Anteil daran, aber lasset uns darum würfeln, wer ihn in

Zukunft besitzen soll; werde ich glücklicher sein als ihr, so könnt ihr

immer bei mir anfragen, ob ihr fischen dürfet.«

»Ich würfle nie,« entgegnete Kuno, traurig über die Verstocktheit

seiner Brüder.

»Ja freilich,« lachte der kleine Schalk, »er ist ja gar fromm und

gottesfürchtig, der Herr Bruder, und hält das Würfelspiel für eine

Todsünde. Aber ich will euch was anderes vorschlagen, woran sich der

frömmste Klausner nicht schämen dürfte. Wir wollen uns Angelschnüre und

Haken holen, und wer diesen Morgen, bis die Glocke in Zollern zwölf Uhr

schlägt, die meisten Fische angelt, soll den Weiher eigen haben.«

»Ich bin eigentlich ein Tor,« sagte Kuno, »um das noch zu kämpfen, was

mir mit Recht als Erbe zugehört. Aber damit ihr sehet, daß es mir mit

der Teilung Ernst war, will ich mein Fischgeräte holen.«

Sie ritten heim, jeder nach seinem Schloß. Die Zwillinge schickten

in aller Eile ihre Diener aus, ließen alle alten Steine aufheben, um

Würmer zur Lockspeise für die Fische im Teich zu finden. Kuno aber

nahm sein gewöhnliches Angelzeug und die Speise, die ihn einst Frau

Feldheimerin zubereiten gelehrt, und war der erste, der wieder auf dem

Platz erschien. Er ließ, als die beiden Zwillinge kamen, diese die

besten und bequemsten Stellen auswählen und warf dann selbst seine

Angel aus. Da war es, als ob die Fische in ihm den Herrn dieses Teiches

erkannt hätten. Ganze Züge von Karpfen und Hechten zogen heran und

wimmelten um seine Angel. Die ältesten und größten drängten die kleinen

weg, jeden Augenblick zog er einen heraus, und wenn er die Angel wieder

ins Wasser warf, sperrten schon zwanzig, dreißig die Mäuler auf, um

an den spitzigen Haken anzubeißen. Es hatte noch nicht zwei Stunden

gedauert, so lag der Boden um ihn her voll der schönsten Fische. Da

hörte er auf zu fischen und ging zu seinen Brüdern, um zu sehen, was

für Geschäfte sie machten. Der kleine Schalk hatte einen kleinen

Karpfen und zwei elende Weißfische; Wolf drei Barben und zwei kleine

Gründlinge, und beide schauten trübselig in den Teich, denn sie konnten

die ungeheure Menge, die Kuno gefangen, gar wohl von ihrem Platz aus

bemerken. Als Kuno an seinen Bruder Wolf herankam, sprang dieser

halb wütend auf, zerriß die Angelschnur, brach die Rute in Stücke

und warf sie in den Teich. »Ich wollte, es wären tausend Haken, die

ich hineinwerfe, statt dem einen, und an jedem müßte eine von diesen

Kreaturen zappeln,« rief er, »aber mit rechten Dingen geht es nimmer

zu, es ist Zauberspiel und Hexenwerk, wie solltest du denn, dummer

Kuno, mehr Fische fangen in einer Stunde als ich in einem Jahr?«

»Ja, ja, jetzt erinnere ich mich,« fuhr der kleine Schalk fort, »bei

der Frau Feldheimerin, bei der schnöden Hexe, hat er das Fischen

gelernt, und wir waren Toren, mit ihm zu fischen; er wird doch bald

Hexenmeister werden.«

»Ihr schlechten Menschen!« entgegnete Kuno unmutig. »Diesen Morgen

habe ich hinlänglich Zeit gehabt, euren Geiz, eure Unverschämtheit und

eure Roheit einzusehen. Gehet jetzt und kommet nie wieder hierher, und

glaubt mir, es wäre für eure Seelen besser, wenn ihr nur halb so fromm

und gut wäret als jene Frau, die ihr eine Hexe scheltet.«

»Nein, eine eigentliche Hexe ist sie nicht!« sagte der Schalk spöttisch

lachend. »Solche Weiber können wahrsagen, aber Frau Feldheimerin ist so

wenig eine Wahrsagerin, als eine Gans ein Schwan werden kann. Hat sie

doch dem Vater gesagt, von seinem Erbe werde man einen guten Teil um

einen Hirschgulden kaufen können, das heißt, er werde ganz verlumpen,

und doch hat bei seinem Tod alles sein gehört, so weit man von der

Zinne von Zollern sehen kann! Geh, geh, Frau Feldheimerin ist nichts

als ein törichtes, altes Weib, und du -- der dumme Kuno.«

Nach diesen Worten entfernte sich der Kleine eilig, denn er fürchtete

den starken Arm seines Bruders, und Wolf folgte ihm, indem er alle

Flüche hersagte, die er von seinem Vater gelernt hatte.

In tiefster Seele betrübt, ging Kuno nach Hause, denn er sah jetzt

deutlich, daß seine Brüder nie mehr mit ihm sich vertragen wollten. Er

nahm sich auch ihre harten Worte so sehr zu Herzen, daß er des andern

Tages sehr krank wurde, und nur der Trost des würdigen Pater Joseph und

die kräftigen Tränklein der Frau Feldheimerin retteten ihn vom Tode.

Als aber seine Brüder erfuhren, daß ihr Bruder Kuno schwer

daniederliege, hielten sie ein fröhliches Bankett, und im Weinmut

sagten sie sich zu, wenn der dumme Kuno sterbe, so solle der, welcher

es zuerst erfahre, alle Kanonen lösen, um es dem andern anzuzeigen, und

wer zuerst kanoniere, solle das beste Faß Wein aus Kunos Keller vorweg

nehmen dürfen. Wolf ließ nun von da an immer einen Diener in der Nähe

von Hirschberg Wache halten, und der kleine Schalk bestach sogar einen

Diener Kunos mit vielem Geld, damit er es ihm schnell anzeige, wenn

sein Herr in den letzten Zügen liege.

Dieser Knecht aber war seinem milden und frommen Herrn mehr zugetan

als dem bösen Grafen von Schalksberg. Er fragte also eines Abends

Frau Feldheimerin teilnehmend nach dem Befinden seines Herrn, und

als diese sagte, daß es ganz gut mit ihm stehe, erzählte er ihr den

Anschlag der beiden Brüder, und daß sie Freudenschüsse tun wollten auf

des Grafen Kuno Tod. Darüber ergrimmte die Alte sehr. Sie erzählte es

flugs wieder dem Grafen, und als dieser an eine so große Lieblosigkeit

der Brüder nicht glauben wollte, so riet sie ihm, er solle die Probe

machen und aussprengen lassen, er sei tot, so werde man bald hören, ob

sie kanonieren, ob nicht. Der Graf ließ den Diener, den sein Bruder

bestochen, vor sich kommen, befragte ihn nochmals und befahl ihm, nach

Schalksberg zu reiten und sein nahes Ende zu verkünden.

Als nun der Knecht eilends von Hirschberg herabritt, sah ihn der Diener

des Grafen Wolf von Zollern, hielt ihn an und fragte, wohin er so

eilends zu reiten willens sei. »Ach,« sagte dieser, »mein armer Herr

wird diesen Abend nicht überleben, sie haben ihn alle aufgegeben.«

»So? ist's um diese Zeit?« rief jener, lief nach seinem Pferd, schwang

sich auf und jagte so eilends nach Zollern und den Schloßberg hinan,

daß sein Pferd am Tore niederfiel und er selbst nur noch »Graf Kuno

stirbt!« rufen konnte, ehe er ohnmächtig wurde. Da donnerten die

Kanonen von Hohenzollern herab, Graf Wolf freute sich mit seiner Mutter

über das gute Faß Wein und das Erbe, den Teich, über den Schmuck

und den starken Widerhall, den seine Kanonen gaben. Aber was er für

Widerhall gehalten, waren die Kanonen von Schalksberg, und Wolf sagte

lächelnd zu seiner Mutter: »So hat der Kleine auch einen Spion gehabt,

und wir müssen auch den Wein gleich teilen wie das übrige Erbe.« Dann

aber saß er zu Pferd, denn er argwöhnte, der kleine Schalk möchte

ihm zuvorkommen und vielleicht einige Kostbarkeiten des Verstorbenen

wegnehmen, ehe er käme.

Aber am Fischteich begegneten sich die beiden Brüder, und jeder

errötete vor dem andern, weil beide zuerst nach Hirschberg hatten

kommen wollen. Von Kuno sprachen sie kein Wort, als sie zusammen ihren

Weg fortsetzten, sondern sie berieten sich brüderlich, wie man es

in Zukunft halten wolle, und wem Hirschberg gehören solle. Wie sie

aber über die Zugbrücke und in den Schloßhof ritten, da schaute ihr

Bruder wohlbehalten und gesund zum Fenster heraus; aber Zorn und Unmut

sprühten aus seinen Blicken. Die Brüder erschraken sehr, als sie ihn

sahen, hielten ihn anfänglich für ein Gespenst und bekreuzten sich; als

sie aber sahen, daß er noch Fleisch und Blut habe, rief Wolf: »Ei, so

wollt' ich doch! Dummes Zeug, ich glaubte, du wärest gestorben.«

»Nun, aufgeschoben ist nicht aufgehoben,« sagte der Kleine, der mit

giftigen Blicken nach seinem Bruder hinaufschaute.

Dieser aber sprach mit donnernder Stimme: »Von dieser Stunde an sind

alle Bande der Verwandtschaft zwischen uns los und ledig. Ich habe

eure Freudenschüsse wohl vernommen; aber sehet zu, auch ich habe fünf

Feldschlangen hier auf dem Hof stehen, und habe sie euch zu Ehren

scharf laden lassen. Machet, daß ihr aus dem Bereich meiner Kugeln

kommt, oder ihr sollt erfahren, wie man auf Hirschberg schießt.« Sie

ließen es sich nicht zweimal sagen, denn sie sahen ihm an, wie ernst

es ihm war; sie gaben also ihren Pferden die Sporen und hielten einen

Wettlauf den Berg hinunter, und ihr Bruder schoß eine Stückkugel hinter

ihnen her, die über ihren Köpfen wegsauste, daß sie beide zugleich eine

tiefe und höfliche Verbeugung machten; er wollte sie aber nur schrecken

und nicht verwunden. »Warum hast du denn geschossen?« fragte der kleine

Schalk unmutig, »du Tor, ich schoß nur, weil ich dich hörte.«

»Im Gegenteil, frag' nur die Mutter!« erwiderte Wolf. »Du warst es,

der zuerst schoß, und du hast diese Schande über uns gebracht, kleiner

Dachs.«

Der Kleine blieb ihm keinen Ehrentitel schuldig, und als sie am

Fischteich angekommen waren, gaben sie sich gegenseitig noch die vom

alten Wetter von Zollern geerbten Flüche zum besten und trennten sich

in Haß und Unlust.

Tags darauf aber machte Kuno sein Testament, und Frau Feldheimerin

sagte zum Pater: »Ich wollte was wetten, er hat keinen guten Brief für

die Kanoniere geschrieben.« Aber so neugierig sie war, und so oft sie

in ihren Liebling drang, er sagte ihr nicht, was im Testament stehe,

und sie erfuhr es auch nimmer, denn ein Jahr nachher verschied die gute

Frau, und ihre Salben und Tränklein halfen ihr nichts; denn sie starb

an keiner Krankheit, sondern am achtundneunzigsten Jahr, das auch einen

ganz gesunden Menschen endlich unter den Boden bringen kann. Graf Kuno

ließ sie bestatten, als ob sie nicht eine arme Frau, sondern seine

Mutter gewesen wäre, und es kam ihm nachher noch viel einsamer vor auf

seinem Schloß, besonders da der Pater Joseph der Frau Feldheimerin bald

folgte.

Doch diese Einsamkeit fühlte er nicht sehr lange; der gute Kuno starb

schon in seinem achtundzwanzigsten Jahr, und böse Leute behaupten an

Gift, das ihm der kleine Schalk beigebracht hatte.

Wie dem aber auch sei, einige Stunden nach seinem Tod vernahm man

wieder den Donner der Kanonen, und in Zollern und Schalksberg tat man

fünfundzwanzig Schüsse. »Diesmal hat er doch daran glauben müssen,«

sagte der Schalk, als sie unterwegs zusammentrafen.

»Ja,« antwortete Wolf, »und wenn er noch einmal aufersteht und zum

Fenster herausschimpft wie damals, so hab' ich eine Büchse bei mir, die

ihn höflich und stumm machen soll.«

Als sie den Schloßberg hinanritten, gesellte sich ein Reiter mit

Gefolge zu ihnen, den sie nicht kannten. Sie glaubten, er sei

vielleicht ein Freund ihres Bruders und komme, um ihn beisetzen zu

helfen. Daher gebärdeten sie sich kläglich, priesen vor ihm den

Verstorbenen, beklagten sein frühes Hinscheiden, und der kleine Schalk

preßte sich sogar einige Krokodilstränen aus. Der Ritter antwortete

ihnen aber nicht, sondern ritt still und stumm an ihrer Seite den

Hirschberg hinauf. »So, jetzt wollen wir es uns bequem machen, und

Wein herbei, Kellermeister, vom besten!« rief Wolf, als er abstieg.

Sie gingen die Wendeltreppen hinauf und in den Saal, auch dahin folgte

ihnen der stumme Reiter, und als sich die Zwillinge ganz breit an den

Tisch gesetzt hatten, zog jener ein Silberstück aus dem Wams, warf es

auf den Schiefertisch, daß es umherrollte und klingelte, und sprach:

»So, und da habt ihr jetzt euer Erbe, und es wird just recht sein, ein

Hirschgulden.« Da sahen sich die beiden Brüder verwundert an, lachten

und fragten ihn, was er damit sagen wolle.

Der Ritter aber zog ein Pergament hervor, mit hinlänglichen Siegeln;

darin hatte der dumme Kuno alle Feindseligkeiten aufgezeichnet, die

ihm die Brüder bei seinen Lebzeiten bewiesen, und am Ende hatte er

verordnet und bekannt, daß sein ganzes Erbe, Hab und Gut, außer dem

Schmuck seiner seligen Frau Mutter, auf den Fall seines Todes an

Württemberg verkauft sei, und zwar _um einen elenden Hirschgulden_! Um

den Schmuck aber solle man in der Stadt Balingen ein Armenhaus erbauen.

Da erstaunten nun die beiden Brüder abermals, lachten aber nicht dazu,

sondern bissen die Zähne zusammen, denn sie konnten gegen Württemberg

nichts ausrichten, und so hatten sie das schöne Gut, Wald, Feld, die

Stadt Balingen und selbst -- den Fischteich verloren, und nichts geerbt

als einen schlechten Hirschgulden. Den steckte Wolf trotzig in sein

Wams, sagte nicht ja und nicht nein, warf sein Barett auf den Kopf und

ging ohne Gruß an dem württembergischen Kommissär vorbei, schwang sich

auf sein Roß und ritt nach Zollern.

Als ihn aber am andern Morgen seine Mutter mit Vorwürfen plagte, daß

sie Gut und Schmuck verscherzt haben, ritt er hinüber zum Schalk auf

der Schalksburg: »Wollen wir unser Erbe verspielen oder vertrinken?«

fragte er ihn.

»Vertrinken ist besser,« sagte der Schalk, »dann haben wir beide

gewonnen. Wir wollen nach Balingen reiten und uns den Leuten zum Trotz

dort sehen lassen, wenn wir auch gleich das Städtlein schmählich

verloren.«

»Und im Lamm schenkt man Roten, der Kaiser trinkt ihn nicht besser,«

setzte Wolf hinzu.

So ritten sie miteinander nach Balingen ins Lamm und fragten, was die

Maß Roter koste, und tranken sich zu, bis der Hirschgulden voll war. Da

stand Wolf auf, zog das Silberstück mit dem springenden Hirsch aus dem

Wams, warf es auf den Tisch und sprach: »Da habt Ihr Euren Gulden, so

wird's richtig sein.«

Der Wirt aber nahm den Gulden, besah ihn links, besah ihn rechts und

sagte lächelnd: »Ja, wenn es kein Hirschgulden wär', aber gestern nacht

kam der Bote von Stuttgart, und heute früh hat man es ausgetrommelt im

Namen des Grafen von Württemberg, dem jetzt das Städtlein eigen; die

sind abgeschätzt, und gebt mir nur anderes Geld.«

Da sahen sich die beiden Brüder erbleichend an. »Zahl' aus,« sagte der

eine; »hast du keine Münze?« sagte der andere, und kurz, sie mußten den

Gulden schuldig bleiben im Lamm in Balingen. Sie zogen schweigend und

nachdenkend ihren Weg; als sie aber an den Kreuzweg kamen, wo es rechts

nach Zollern, und links nach Schalksburg ging, da sagte der Schalk:

»Wie nun? Jetzt haben wir sogar weniger geerbt als gar nichts, und der

Wein war überdies schlecht.«

»Jawohl,« erwiderte sein Bruder. »Aber was die Feldheimerin sagte, ist

doch eingetroffen: Seht zu, wieviel von seinem Erbe übrig bleiben wird

um einen Hirschgulden! Jetzt haben wir nicht einmal ein Maß Wein dafür

kaufen können.«

»Weiß schon!« antwortete der von der Schalksburg.

»Dummes Zeug!« sagte der Zollern und ritt, zerfallen mit sich und der

Welt, seinem Schloß zu.

Das ist die Sage von dem Hirschgulden, endete der Zirkelschmied, und

wahr soll sie sein. Der Wirt in Dürrwangen, das nicht weit von den

drei Schlössern liegt, hat sie meinem guten Freund erzählt, der oft

als Wegweiser über die schwäbische Alb ging und immer in Dürrwangen

einkehrte.

* * * * *

Die Gäste gaben dem Zirkelschmied Beifall. »Was man doch nicht alles

hört in der Welt,« rief der Fuhrmann. »Wahrhaftig, jetzt erst freut es

mich, daß wir die Zeit nicht mit Kartenspielen verderbten, so ist es

wahrlich besser, und gemerkt habe ich mir die Geschichte, daß ich sie

morgen meinen Kameraden erzählen kann, ohne ein Wort zu fehlen.«

»Mir fiel da, während Ihr so erzähltet, etwas ein,« sagte der Student.

»O erzählet, erzählet!« baten der Zirkelschmied und Felix.

»Gut,« antwortete jener, »ob die Reihe jetzt an mich kommt oder später,

ist gleichviel; ich muß ja doch heimgeben, was ich gehört. Das, was ich

erzählen will, soll sich wirklich einmal begeben haben.«

Er setzte sich zurecht und wollte eben anheben zu erzählen, als die

Wirtin den Spinnrocken beiseite setzte und zu den Gästen an den Tisch

trat. »Jetzt, ihr Herren, ist es Zeit, zu Bette zu gehen,« sagte sie,

»es hat neun Uhr geschlagen, und morgen ist auch ein Tag.«

»Ei, so gehe zu Bette;« rief der Student, »setze noch eine Flasche Wein

für uns hierher, und dann wollen wir dich nicht länger abhalten.«

»Mit nichten,« entgegnete sie grämlich, »solange noch Gäste in der

Wirtsstube sitzen, können Wirtin und Dienstboten nicht weggehen. Und

kurz und gut, ihr Herren, machet, daß ihr auf eure Kammern kommet, mir

wird die Zeit lange, und länger als neun Uhr darf in meinem Hause nicht

gezecht werden.«

»Was fällt Euch ein, Frau Wirtin?« sprach der Zirkelschmied staunend.

»Was schadet es denn Euch, ob wir hier sitzen, wenn Ihr auch

längst schlafet? Wir sind rechtliche Leute und werden Euch nichts

hinwegtragen, noch ohne Bezahlung fortgehen. Aber so lasse ich mir in

keinem Wirtshaus ausbieten.«

Die Frau rollte zornig die Augen: »Meint ihr, ich werde wegen jedem

Lumpen von Handwerksburschen, wegen jedem Straßenläufer, der mir zwölf

Kreuzer zu verdienen gibt, meine Hausordnung ändern? Ich sag' euch

jetzt zum letztenmal, daß ich den Unfug nicht leide!«

Noch einmal wollte der Zirkelschmied etwas entgegnen, aber der Student

sah ihn bedeutend an und winkte mit den Augen den übrigen. »Gut,«

sprach er, »wenn es denn die Frau Wirtin nicht haben will, so laßt uns

auf unsere Kammern gehen. Aber Lichter möchten wir gerne haben, um den

Weg zu finden.«

»Damit kann ich nicht dienen;« entgegnete sie finster, »die andern

werden schon den Weg im Dunkeln finden, und für Euch ist dies Stümpchen

hier hinlänglich; mehr habe ich nicht im Hause.«

Schweigend nahm der junge Herr das Licht und stand auf. Die andern

folgten ihm, und die Handwerksburschen nahmen ihre Bündel, um sie in

der Kammer bei sich niederzulegen. Sie gingen dem Studenten nach, der

ihnen die Treppe hinanleuchtete.

Als sie oben angekommen waren, bat sie der Student, leise aufzutreten,

schloß sein Zimmer auf und winkte ihnen herein. »Jetzt ist kein Zweifel

mehr,« sagte er, »sie will uns verraten; habt ihr nicht bemerkt, wie

ängstlich sie uns zu Bette zu bringen suchte, wie sie uns alle Mittel

abschnitt, wach und beisammen zu bleiben? Sie meint wahrscheinlich, wir

werden uns jetzt niederlegen, und dann werde sie um so leichteres Spiel

haben.«

»Aber meint Ihr nicht, wir könnten noch entkommen?« fragte Felix. »Im

Wald kann man doch eher auf Rettung denken als hier im Zimmer.«

»Die Fenster sind auch hier vergittert,« rief der Student, indem er

vergebens versuchte, einen der Eisenstäbe des Gitters loszumachen.

»Uns bleibt nur _ein_ Ausweg, wenn wir entweichen wollen, durch die

Haustüre; aber ich glaube nicht, daß sie uns fortlassen werden.«

»Es käme auf den Versuch an,« sprach der Fuhrmann; »ich will einmal

probieren, ob ich bis in den Hof kommen kann. Ist dies möglich, so

kehre ich zurück und hole euch nach.« Die übrigen billigten diesen

Vorschlag, der Fuhrmann legte die Schuhe ab und schlich sich auf den

Zehen nach der Treppe; ängstlich lauschten seine Genossen oben im

Zimmer, schon war er die eine Hälfte der Treppe glücklich und unbemerkt

hinabgestiegen; aber als er sich dort um einen Pfeiler wandte, richtete

sich plötzlich eine ungeheure Dogge vor ihm in die Höhe, legte ihre

Tatzen auf seine Schultern und wies ihm, gerade seinem Gesicht

gegenüber, zwei Reihen langer, scharfer Zähne. Er wagte weder vor- noch

rückwärts auszuweichen; denn bei der geringsten Bewegung schnappte der

entsetzliche Hund nach seiner Kehle. Zugleich fing er an zu heulen und

zu bellen, und alsobald erschienen der Hausknecht und die Frau mit

Lichtern.

»Wohin? was wollt Ihr?« rief die Frau.

»Ich habe noch etwas in meinem Karren zu holen,« antwortete der

Fuhrmann, am ganzen Leibe zitternd; denn als die Türe aufgegangen war,

hatte er mehrere braune, verdächtige Gesichter, Männer mit Büchsen in

der Hand, im Zimmer bemerkt.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 6 · 第 19 / 31 段