nicht so ganz verwerfen, was er gesagt. Erinnert Euch an die Gerüchte
von jenen Leuten, die in diesem Wald auf einmal spurlos verschwunden
sind. Mehrere davon hatten vorher gesagt, sie werden in diesem
Wirtshaus übernachten, und als man nach zwei oder drei Wochen nichts
von ihnen vernahm, ihrem Weg nachforschte und auch hier im Wirtshause
nachfragte, da soll nun keiner gesehen worden sein; verdächtig ist es
doch.«
»Weiß Gott!« rief der Zirkelschmied, »da handelten wir ja vernünftiger,
wenn wir unter dem nächsten besten Baum unser Nachtlager nähmen, als
hier in diesen vier Wänden, wo an kein Entspringen zu denken ist, wenn
sie einmal die Türe besetzt haben; denn die Fenster sind vergittert.«
Sie waren alle durch diese Reden nachdenklich geworden. Es schien gar
nicht unwahrscheinlich, daß die Schenke im Wald, sei es gezwungen
oder freiwillig, im Einverständnis mit den Räubern war. Die Nacht
schien ihnen daher gefährlich; denn wie manche Sage hatten sie gehört
von Wanderern, die man im Schlaf überfallen und gemordet hatte; und
sollte es auch nicht an ihr Leben gehen, so war doch ein Teil der
Gäste in der Waldschenke von so beschränkten Mitteln, daß ihnen ein
Raub an einem Teile ihrer Habe sehr empfindlich gewesen wäre. Sie
schauten verdrießlich und düster in ihre Gläser. Der junge Herr
wünschte auf seinem Roß durch ein sicheres, offenes Tal zu traben, der
Zirkelschmied wünschte sich zwölf seiner handfesten Kameraden, mit
Knütteln bewaffnet, als Leibgarde; Felix, der Goldarbeiter, trug Bange,
mehr um den Schmuck seiner Wohltäterin als um sein Leben; der Fuhrmann
aber, der einigemal den Rauch seiner Pfeife nachdenklich vor sich
hingeblasen, sprach leise: »Ihr Herren, im Schlaf wenigstens sollen sie
uns nicht überfallen. Ich für meinen Teil will, wenn nur noch einer mit
mir hält, die ganze Nacht wach bleiben.«
»Das will ich auch« -- »ich auch,« riefen die drei übrigen; »schlafen
könnte ich doch nicht,« setzte der junge Herr hinzu.
»Nun, so wollen wir etwas treiben, daß wir wach bleiben,« sagte der
Fuhrmann; »ich denke, weil wir doch gerade zu vier sind, könnten wir
Karten spielen, das hält wach und vertreibt die Zeit.«
»Ich spiele niemals Karten,« erwiderte der junge Herr, »darum kann ich
wenigstens nicht mithalten.«
»Und ich kenne die Karten gar nicht,« setzte Felix hinzu.
»Was können wir denn aber anfangen, wenn wir nicht spielen?« sprach
der Zirkelschmied. »Singen? Das geht nicht und würde nur das Gesindel
herbeilocken; einander Rätsel und Sprüche aufgeben zum Erraten? Das
dauert auch nicht lange. Wißt ihr was? Wie wäre es, wenn wir uns etwas
erzählten? Lustig oder ernsthaft, wahr oder erdacht, es hält doch wach
und vertreibt die Zeit so gut wie Kartenspiel.«
»Ich bin's zufrieden, wenn Ihr anfangen wollt,« sagte der junge Herr
lächelnd. »Ihr Herren vom Handwerk kommet in allen Ländern herum und
könnet schon etwas erzählen; hat doch jede Stadt ihre eigenen Sagen und
Geschichten.«
»Ja, ja, man hört manches,« erwiderte der Zirkelschmied, »dafür
studieren Herren wie Ihr fleißig in den Büchern, wo gar wundervolle
Sachen geschrieben stehen; da wüßtet Ihr noch Klügeres und Schöneres zu
erzählen als ein schlichter Handwerksbursche wie unsereiner. Mich müßte
alles trügen, oder Ihr seid ein Student, ein Gelehrter.«
»Ein Gelehrter nicht,« lächelte der junge Herr, »wohl aber ein Student,
und will in den Ferien nach der Heimat reisen; doch was in unsern
Büchern steht, eignet sich weniger zum Erzählen, als was Ihr hie und
dort gehört. Darum hebet immer an, wenn anders diese da gerne zuhören.«
»Noch höher als Kartenspiel,« erwiderte der Fuhrmann, »gilt bei mir,
wenn einer eine schöne Geschichte erzählt. Oft fahre ich auf der
Landstraße lieber im elendsten Schritt und horche einem zu, der neben
hergeht und etwas Schönes erzählt; manchen habe ich schon im schlechten
Wetter auf den Karren genommen, unter der Bedingung, daß er etwas
erzähle, und einen Kameraden von mir habe ich, glaube ich, nur deswegen
so lieb, weil er Geschichten weiß, die sieben Stunden lang und länger
dauern.«
»So geht es auch mir,« setzte der junge Goldarbeiter hinzu, »erzählen
höre ich für mein Leben gern, und mein Meister in Würzburg mußte mir
die Bücher ordentlich verbieten, daß ich nicht zu viel Geschichten las
und die Arbeit darüber vernachlässigte. Drum gib nur etwas Schönes
preis, Zirkelschmied, ich weiß, du könntest erzählen von jetzt an, bis
es Tag wird, ehe dein Vorrat ausginge.«
Der Zirkelschmied trank, um sich zu seinem Vortrag zu stärken, und hub
alsdann also an:
Die Sage vom Hirschgulden.
In Oberschwaben stehen noch heutzutage die Mauern einer Burg, die
einst die stattlichste der Gegend war, Hohenzollern. Sie erhebt sich
auf einem runden, steilen Berg, und von ihrer schroffen Höhe sieht
man weit und frei ins Land. So weit und noch viel weiter, als man
diese Burg im Land umher sehen kann, ward das tapfere Geschlecht der
Zollern gefürchtet, und ihren Namen kannte und ehrte man in allen
deutschen Landen. Nun lebte vor vielen hundert Jahren, ich glaube,
das Schießpulver war noch nicht einmal erfunden, auf dieser Feste ein
Zollern, der von Natur ein sonderbarer Mensch war. Man konnte nicht
sagen, daß er seine Untertanen hart gedrückt oder mit seinen Nachbarn
in Fehde gelebt hätte, aber dennoch traute ihm niemand über den Weg ob
seinem finsteren Auge, seiner krausen Stirne und seinem einsilbigen,
mürrischen Wesen. Es gab wenige Leute außer dem Schloßgesinde, die ihn
je hatten ordentlich sprechen hören wie andere Menschen; denn wenn er
durch das Tal ritt, einer ihm begegnete und schnell die Mütze abnahm,
sich hinstellte und sagte: »Guten Abend, Herr Graf, heute ist es schön
Wetter,« so antwortete er: »Dummes Zeug,« oder »Weiß schon.« Hatte aber
einer etwas nicht recht gemacht für ihn oder seine Rosse, begegnete ihm
ein Bauer im Hohlweg mit dem Karren, daß er auf seinem Rappen nicht
schnell genug vorüberkommen konnte, so entlud sich sein Ingrimm in
einem Donner von Flüchen; doch hatte man nie gehört, daß er bei solchen
Gelegenheiten einen Bauern geschlagen hätte. In der Gegend aber hieß
man ihn »das böse Wetter von Zollern«.
Das böse Wetter von Zollern hatte eine Frau, die der Widerpart von ihm
und so mild und freundlich war wie ein Maitag. Oft hatte sie Leute, die
ihr Eheherr durch harte Reden beleidigt hatte, durch freundliche Worte
und ihre gütigen Blicke wieder mit ihm ausgesöhnt; den Armen aber tat
sie Gutes, wo sie konnte, und ließ es sich nicht verdrießen, sogar im
heißen Sommer oder im schrecklichsten Schneegestöber den steilen Berg
herabzugehen, um arme Leute oder kranke Kinder zu besuchen. Begegnete
ihr auf solchen Wegen der Graf, so sagte er mürrisch: »Weiß schon,
dummes Zeug,« und ritt weiter.
Manch andere Frau hätte dieses mürrische Wesen abgeschreckt oder
eingeschüchtert; die eine hätte gedacht: was gehen mich die armen
Leute an, wenn mein Herr sie für dummes Zeug hält; die andere hätte
vielleicht aus Stolz oder Unmut ihre Liebe gegen einen so mürrischen
Gemahl erkalten lassen; doch nicht also Frau Hedwig von Zollern; die
liebte ihn nach wie vor, suchte mit ihrer schönen weißen Hand die
Falten von seiner braunen Stirne zu streichen, und liebte und ehrte
ihn. Als aber nach Jahr und Tag der Himmel ein junges Gräflein zum
Angebinde bescherte, liebte sie ihren Gatten nicht minder, indem sie
ihrem Söhnlein dennoch alle Pflichten einer zärtlichen Mutter erzeigte.
Drei Jahre lang vergingen, und der Graf von Zollern sah seinen Sohn nur
alle Sonntage nach Tische, wo er ihm von der Amme dargereicht wurde. Er
blickte ihn dann unverwandt an, brummte etwas in den Bart und gab ihn
der Amme zurück. Als jedoch der Kleine »Vater« sagen konnte, schenkte
der Graf der Amme einen Gulden -- dem Kind machte er kein fröhliches
Gesicht.
An seinem dritten Geburtstag aber ließ der Graf seinem Sohn die
ersten Höslein anziehen und kleidete ihn prächtig in Samt und Seide;
dann befahl er, seinen Rappen und ein andres schönes Roß vorzuführen,
nahm den Kleinen auf den Arm und fing an, mit klirrenden Sporen die
Wendeltreppe hinabzusteigen. Frau Hedwig erstaunte, als sie dies sah.
Sie war sonst gewohnt nicht zu fragen, wo aus und wann heim? wenn
er ausritt, aber diesmal öffnete die Sorge um ihr Kind ihre Lippen.
»Wollet Ihr ausreiten, Herr Graf?« -- sprach sie; er gab keine Antwort.
-- »Wozu denn den Kleinen?« fragte sie weiter, »Kuno wird mit mir
spazieren gehen.«
»Weiß schon,« entgegnete das böse Wetter von Zollern und ging weiter;
und als er im Hof stand, nahm er den Knaben bei einem Füßlein, hob
ihn schnell in den Sattel, band ihn mit einem Tuch fest, schwang sich
selbst auf den Rappen und trabte zum Burgtore hinaus, indem er den
Zügel vom Rosse seines Söhnleins in die Hand nahm.
Dem Kleinen schien es anfangs großes Vergnügen zu gewähren, mit dem
Vater den Berg hinabzureiten. Er klopfte in die Hände, er lachte und
schüttelte sein Rößlein an den Mähnen, damit es schneller laufen
sollte, und der Graf hatte seine Freude daran, rief auch einigemal:
»Kannst ein wackerer Bursche werden.«
Als sie aber in der Ebene angekommen waren, und der Graf statt Schritt
Trab anschlug, da vergingen dem Kleinen die Sinne; er bat anfangs ganz
bescheiden, sein Vater möchte langsamer reiten, als es aber immer
schneller ging, und der heftige Wind dem armen Kuno beinahe den Atem
nahm, da fing er an, still zu weinen, wurde immer ungeduldiger und
schrie am Ende aus Leibeskräften.
»Weiß schon, dummes Zeug,« fing jetzt sein Vater an. »Heult der Junge
beim ersten Ritt; schweig oder -- -- --« Doch den Augenblick, als er
mit einem Fluche sein Söhnlein aufmuntern wollte, bäumte sich sein Roß;
der Zügel des andern entfiel seiner Hand, er arbeitete sich ab, Meister
seines Tieres zu werden, und als er es zur Ruhe gebracht hatte und sich
ängstlich nach seinem Kinde umsah, erblickte er dessen Pferd, wie es
ledig und ohne den kleinen Reiter der Burg zulief.
So ein harter, finsterer Mann der Graf von Zollern sonst war, so
überwand doch dieser Anblick sein Herz; er glaubte nicht anders, als
sein Kind liege zerschmettert am Wege; er raufte sich den Bart und
jammerte. Aber nirgends, so weit er zurückritt, sah er eine Spur von
dem Knaben; schon stellte er sich vor, das scheugewordene Roß habe ihn
in einen Wassergraben geschleudert, der neben dem Wege lag. Da hörte er
von einer Kinderstimme hinter sich seinen Namen rufen, und als er sich
flugs umwandte -- sieh! da saß ein altes Weib unweit der Straße unter
einem Baum und wiegte den Kleinen auf ihren Knieen.
»Wie kommst du zu dem Knaben, alte Hexe?« schrie der Graf in großem
Zorn; »sogleich bringe ihn heran zu mir!«
»Nicht so rasch, nicht so rasch, Euer Gnaden!« lachte die alte,
häßliche Frau, »könntet sonst auch ein Unglück nehmen auf Eurem stolzen
Roß! Wie ich zu dem Junkerlein kam, fraget Ihr? Nun, sein Pferd ging
durch, und er hing nur noch mit einem Füßchen angebunden, und das Haar
streifte fast am Boden, da habe ich ihn aufgefangen in meiner Schürze.«
»Weiß schon!« rief der Herr von Zollern unmutig, »gib ihn jetzt
her; ich kann nicht wohl absteigen, das Roß ist wild und könnte ihn
schlagen.«
»Schenket mir einen Hirschgulden!« erwiderte die Frau demütig bittend.
»Dummes Zeug!« schrie der Graf und warf ihr einige Pfennige unter den
Baum.
»Nein! einen Hirschgulden könnte ich gut brauchen,« fuhr sie fort.
»Was Hirschgulden! bist selbst keinen Hirschgulden wert!« eiferte der
Graf. »Schnell das Kind her, oder ich hetze die Hunde auf dich.«
»So? Bin ich keinen Hirschgulden wert?« antwortete jene mit
höhnischem Lächeln. »Na! man wird ja sehen, _was von Eurem Erbe einen
Hirschgulden_ wert ist; aber da, die Pfennige behaltet für Euch.« Indem
sie dies sagte, warf sie die drei kleinen Kupferstücke dem Grafen zu,
und so gut konnte die Alte werfen, daß alle drei ganz gerade in den
kleinen Lederbeutel fielen, den der Graf noch in der Hand hielt.
Der Graf wußte einige Minuten vor Staunen über diese wunderbare
Geschicklichkeit kein Wort hervorzubringen, endlich aber löste sich
sein Staunen in Wut auf. Er faßte seine Büchse, spannte den Hahn und
zielte dann auf die Alte. Diese herzte und küßte ganz ruhig den kleinen
Grafen, indem sie ihn so vor sich hin hielt, daß ihn die Kugel zuerst
hätte treffen müssen. »Bist ein guter frommer Junge,« sprach sie,
»bleibe nur so, und es wird dir nicht fehlen.« Dann ließ sie ihn los,
dräute dem Grafen mit dem Finger: »Zollern, Zollern, den Hirschgulden
bleibt Ihr mir noch schuldig,« rief sie und schlich, unbekümmert um
die Schimpfworte des Grafen, an einem Buchsbaumstäbchen in den Wald.
Konrad, der Knappe, aber stieg zitternd von seinem Roß, hob das
Herrlein in den Sattel, schwang sich hinter ihm auf und ritt seinem
Gebieter nach, den Schloßberg hinauf.
Es war dies das erste und letzte Mal gewesen, daß das böse Wetter von
Zollern sein Söhnlein mitnahm zum Spazierenreiten; denn er hielt ihn,
weil er geweint und geschrieen, als die Pferde im Trab gingen, für
einen weichlichen Jungen, aus dem nicht viel Gutes zu machen sei, sah
ihn nur mit Unlust an, und so oft der Knabe, der seinen Vater herzlich
liebte, schmeichelnd und freundlich zu seinen Knieen kam, winkte er ihm
fortzugehen und rief: »Weiß schon! Dummes Zeug!« Frau Hedwig hatte alle
bösen Launen ihres Gemahls gerne getragen, aber dieses unfreundliche
Benehmen gegen das unschuldige Kind kränkte sie tief: sie erkrankte
mehreremal aus Schrecken, wenn der finstere Graf den Kleinen wegen
irgend eines geringen Fehlers hart abgestraft hatte, und starb endlich
in ihren besten Jahren, von ihrem Gesinde und der ganzen Umgegend, am
schmerzlichsten aber von ihrem Sohne beweint.
Von jetzt an wandte sich der Sinn des Grafen nur noch mehr von dem
Kleinen ab: er gab ihn seiner Amme und dem Hauskaplan zur Erziehung
und sah nicht viel nach ihm um, besonders da er bald darauf wieder ein
reiches Fräulein heiratete, die ihm nach Jahresfrist Zwillinge, zwei
junge Gräflein, schenkte.
Kunos liebster Spaziergang war zu dem alten Weiblein, die ihm einst
das Leben gerettet hatte. Sie erzählte ihm immer vieles von seiner
verstorbenen Mutter, und wieviel Gutes diese an ihr getan hatte. Die
Knechte und Mägde warnten ihn oft, er solle nicht so viel zu der Frau
Feldheimerin, so hieß die Alte, gehen, weil sie nichts mehr und nichts
weniger als eine Hexe sei; aber der Kleine fürchtete sich nicht, denn
der Schloßkaplan hatte ihn gelehrt, daß es keine Hexen gebe, und daß
die Sage, daß gewisse Frauen zaubern können und auf der Ofengabel durch
die Luft und auf den Brocken reiten, erlogen sei. Zwar sah er bei
der Frau Feldheimerin allerlei Dinge, die er nicht begreifen konnte;
des Kunststückchens mit den drei Pfennigen, die sie seinem Vater so
geschickt in den Beutel geworfen, erinnerte er sich noch ganz wohl,
auch konnte sie allerlei künstliche Salben und Tränklein bereiten,
womit sie Menschen und Vieh heilte; aber das war nicht wahr, was man
ihr nachsagte, daß sie eine Wetterpfanne habe, und wenn sie diese
über das Feuer hänge, komme ein schreckliches Donnerwetter. Sie lehrte
den kleinen Grafen mancherlei, was ihm nützlich war, zum Beispiel
allerlei Mittel für kranke Pferde, einen Trank gegen die Hundswut,
eine Lockspeise für Fische und viele andere nützliche Sachen. Die Frau
Feldheimerin war auch bald seine einzige Gesellschaft, denn seine Amme
starb, und seine Stiefmutter kümmerte sich nicht um ihn.
Als seine Brüder nach und nach heranwuchsen, hatte Kuno ein noch
traurigeres Leben als zuvor, sie hatten das Glück, beim ersten Ritt
nicht vom Pferde zu stürzen, und das böse Wetter von Zollern hielt
sie daher für ganz vernünftige und taugliche Jungen, liebte sie
ausschließlich, ritt alle Tage mit ihnen aus und lehrte sie alles, was
er selbst verstand. Da lernten sie aber nicht viel Gutes; lesen und
schreiben konnte er selbst nicht, und seine beiden trefflichen Söhne
sollten sich auch nicht die Zeit damit verderben; aber schon in ihrem
zehnten Jahre konnten sie so gräßlich fluchen als ihr Vater, fingen
mit jedem Händel an, vertrugen sich unter sich selbst so schlecht wie
ein Hund und Kater, und nur wenn sie gegen Kuno einen Streich verüben
wollten, verbanden sie sich und wurden Freunde.
Ihrer Mutter machte dies nicht viel Kummer, denn sie hielt es für
gesund und kräftig, wenn sich die Jungen balgten; aber dem alten Grafen
sagte es eines Tages ein Diener, und er antwortete zwar: »Weiß schon,
dummes Zeug,« nahm sich aber dennoch vor, für die Zukunft auf ein
Mittel zu sinnen, daß sich seine Söhne nicht gegenseitig totschlügen;
denn die Drohung der Frau Feldheimerin, die er in seinem Herzen für
eine ausgemachte Hexe hielt: »Na, man wird ja sehen, was von Eurem Erbe
einen Hirschgulden wert ist,« -- lag ihm noch immer in seinem Sinn.
Eines Tages, da er in der Umgegend seines Schlosses jagte, fielen ihm
zwei Berge ins Auge, die ihrer Form wegen wie zu Schlössern geschaffen
schienen, und sogleich beschloß er auch, dort zu bauen. Er baute
auf dem einen das Schloß Schalksberg, das er nach dem kleinern der
Zwillinge so nannte, weil dieser wegen allerlei böser Streiche längst
von ihm den Namen »kleiner Schalk« erhalten hatte; das andere Schloß,
das er baute, wollte er anfänglich Hirschguldenberg nennen, um die Hexe
zu verhöhnen, weil sie sein Erbe nicht einmal eines Hirschguldens wert
achtete, er ließ es aber bei dem einfacheren Hirschberg bewenden, und
so heißen die beiden Berge bis auf den heutigen Tag, und wer die Alb
bereist, kann sie sich zeigen lassen.
Das böse Wetter von Zollern hatte anfänglich im Sinn, seinem ältesten
Sohn Zollern, dem kleinen Schalk Schalksberg und dem andern Hirschberg
im Testament zu vermachen; aber seine Frau ruhte nicht eher, bis er
es änderte: »Der dumme Kuno,« so nannte sie den armen Knaben, weil er
nicht so wild und ausgelassen war wie ihre Söhne, »der dumme Kuno ist
ohnedies reich genug durch das, was er von seiner Mutter erbte, und er
soll auch noch das schöne, reiche Zollern haben? Und meine Söhne sollen
nichts bekommen, als jeder eine Burg, zu welcher nichts gehört als
Wald?«
Vergebens stellte ihr der Graf vor, daß man Kuno billigerweise das
Erstgeburtsrecht nicht rauben dürfe, sie weinte und zankte so lange,
bis das böse Wetter, das sonst niemand sich fügte, des lieben Friedens
willen nachgab und im Testament dem kleinen Schalk Schalksberg,
Wolf, dem größeren Zwillingsbruder, Zollern, und Kuno Hirschberg
mit dem Städtchen Balingen verschrieb. Bald darauf, nachdem er also
verfügt hatte, fiel er auch in eine schwere Krankheit. Zu dem Arzt,
der ihm sagte, daß er sterben müsse, sagte er »Ich weiß schon;«
und dem Schloßkaplan, der ihn ermahnte, sich zu einem frommen Ende
vorzubereiten, antwortete er: »Dummes Zeug,« fluchte und raste fort und
starb, wie er gelebt hatte, roh und als ein großer Sünder.
Aber sein Leichnam war noch nicht beigesetzt, so kam die Frau Gräfin
schon mit dem Testament herbei, sagte zu Kuno, ihrem Stiefsohn,
spöttisch, er möchte jetzt seine Gelehrsamkeit beweisen und selbst
nachlesen, was im Testament stehe, nämlich, daß er in Zollern nichts
mehr zu tun habe, und freute sich mit ihren Söhnen über das schöne
Vermögen und die beiden Schlösser, die sie ihm, dem Erstgeborenen,
entrissen hatten.
Kuno fügte sich ohne Murren in den Willen des Verstorbenen; aber mit
Tränen nahm er Abschied von der Burg, wo er geboren worden, wo seine
gute Mutter begraben lag, und wo der gute Schloßkaplan, und nahe dabei
seine einzige alte Freundin, Frau Feldheimerin, wohnte. Das Schloß
Hirschberg war zwar ein schönes, stattliches Gebäude, aber es war ihm
doch zu einsam und öde, und er wäre bald krank vor Sehnsucht nach
Hohenzollern geworden.
Die Gräfin und die Zwillingsbrüder, die jetzt achtzehn Jahre alt waren,
saßen eines Abends auf dem Söller und schauten den Schloßberg hinab; da
gewahrten sie einen stattlichen Ritter, der zu Pferde heraufritt, und
dem eine prachtvolle Sänfte, von zwei Maultieren getragen, und mehrere
Knechte folgten. Sie rieten lange hin und her, wer es wohl sein möchte,
da rief endlich der kleine Schalk: »Ei, das ist ja niemand anders als
unser Herr Bruder von Hirschberg.«
»Der dumme Kuno?« sprach die Gräfin verwundert. »Ei, der wird uns
die Ehre antun, uns zu sich einzuladen, und die schöne Sänfte hat er
für mich mitgebracht, um mich abzuholen nach Hirschberg; nein, so
viel Güte und Lebensart hätte ich meinem Herrn Sohn, dem dummen Kuno,
nicht zugetraut; eine Höflichkeit ist der andern wert, lasset uns
hinabsteigen an das Schloßtor, ihn zu empfangen; macht auch freundliche
Gesichter, vielleicht schenkt er uns in Hirschberg etwas, dir ein
Pferd, und dir einen Harnisch, und den Schmuck seiner Mutter hätte ich
schon lange gerne gehabt.«
»Geschenkt mag ich nichts von dem dummen Kuno,« so antwortete Wolf,
»und ein gutes Gesicht mach' ich ihm auch nicht. Aber unserm seligen
Herrn Vater könnte er meinetwegen bald folgen, dann würden wir
Hirschberg erben und alles, und Euch, Frau Mutter, wollten wir den
Schmuck um billigen Preis ablassen.«
»So, du Range?« eiferte die Mutter, »abkaufen soll ich euch den
Schmuck? Ist das der Dank dafür, daß ich euch Zollern verschafft habe?
Kleiner Schalk, nicht wahr, ich soll den Schmuck umsonst haben?«
»Umsonst ist der Tod, Frau Mutter!« erwiderte der Sohn lachend, »und
wenn es wahr ist, daß der Schmuck so viel wert ist als manches Schloß,
so werden wir wohl nicht die Toren sein, ihn Euch um den Hals zu
hängen. Sobald Kuno die Augen schließt, reiten wir hinunter, teilen ab,
und meinen Part am Schmuck verkaufe ich. Gebt Ihr dann mehr als der
Jude, Frau Mutter, so sollt Ihr ihn haben.«
Sie waren unter diesem Gespräch bis unter das Schloßtor gekommen, und
mit Mühe zwang sich die Frau Gräfin, ihren Grimm über den Schmuck zu
unterdrücken, denn soeben ritt Graf Kuno über die Zugbrücke. Als er
seiner Stiefmutter und seiner Brüder ansichtig wurde, hielt er sein
Pferd an, stieg ab und grüßte sie höflich. Denn, obgleich sie ihm viel
Leids angetan, bedachte er doch, daß es seine Brüder seien, und daß
diese böse Frau sein Vater geliebt hatte.
»Ei, das ist ja schön, daß der Herr Sohn uns auch besucht,« sagte die
Frau Gräfin mit süßer Stimme und huldreichem Lächeln. »Wie geht es denn
auf Hirschberg? Kann man sich dort eingewöhnen? Und gar eine Sänfte
hat man sich angeschafft? Ei, und wie prächtig, es dürfte sich keine
Kaiserin daran schämen; nun wird wohl auch die Hausfrau nicht mehr
lange fehlen, daß sie darin im Lande umherreist.«
»Habe bis jetzt noch nicht daran gedacht, gnädige Frau Mutter,«
erwiderte Kuno, »will mir deswegen andere Gesellschaft zur Unterhaltung
ins Haus nehmen und bin deswegen mit der Sänfte hierher gereist.«
»Ei, Ihr seid gar gütig und besorgt,« unterbrach ihn die Dame, indem
sie sich verneigte und lächelte.
»Denn er kommt doch nicht mehr gut zu Pferde fort,« sprach Kuno ganz
ruhig weiter, »der Pater Joseph nämlich, der Schloßkaplan. Ich will
ihn zu mir nehmen, er ist mein alter Lehrer, und wir haben es so
abgemacht, als ich Zollern verließ. Will auch unten am Berg die alte
Frau Feldheimerin mitnehmen. Lieber Gott! sie ist jetzt steinalt und
hat mir einst das Leben gerettet, als ich zum erstenmal ausritt mit
meinem seligen Vater; habe ja Zimmer genug in Hirschberg, und dort
soll sie absterben.« Er sprach es und ging durch den Hof, um den Pater
Schloßkaplan zu holen.
Aber der Junker Wolf biß vor Grimm die Lippen zusammen, die Frau Gräfin
wurde gelb vor Aerger, und der kleine Schalk lachte laut auf: »Was gebt
Ihr mir für meinen Gaul, den ich von ihm geschenkt kriege?« fragte er;
»Bruder Wolf, gib mir deinen Harnisch, den er dir gegeben, dafür. Ha!
ha! ha! den Pater und die alte Hexe will er zu sich nehmen? Das ist ein
schönes Paar, da kann er nun vormittags Griechisch lernen beim Kaplan
und nachmittags Unterricht im Hexen nehmen bei der Frau Feldheimerin.
Ei! was macht doch der dumme Kuno für Streiche.«
»Er ist ein ganz gemeiner Mensch!« erwiderte die Frau Gräfin, »und du
solltest nicht darüber lachen, kleiner Schalk; das ist eine Schande
für die ganze Familie, und man muß sich ja schämen vor der ganzen
Umgegend, wenn es heißt, der Graf von Zollern hat die alte Hexe, die
Feldheimerin, abgeholt in einer prachtvollen Sänfte und Maulesel dabei,
und läßt sie bei sich wohnen. Das hat er von seiner Mutter, die war
auch immer so gemein mit Kranken und schlechtem Gesindel. Ach, sein
Vater würde sich im Sarg wenden, wüßte er es.«