finster, »ich will nicht hoffen, daß man dich mit hinwegschleppte.«
»Ach, freilich,« antwortete Almansor; »an jenem Tag, wo eure Soldaten
sich einschifften, sah ich mein Vaterland zum letztenmal; sie nahmen
mich mit sich hinweg, und ein Hauptmann, den mein Elend rührte, zahlt
ein Kostgeld für mich bei einem verwünschten Doktor, der mich schlägt
und halb Hungers sterben läßt. Aber höre, Petit-Caporal,« fuhr er ganz
treuherzig fort, »es ist gut, daß ich dich hier traf, du mußt mir
helfen.«
Der Mann, zu welchem er dies sprach, lächelte und fragte, auf welche
Weise er denn helfen sollte.
»Siehe,« sagte Almansor, »es wäre unbillig, wollte ich von dir etwas
verlangen; du warst von jeher so gütig gegen mich, aber ich weiß, du
bist auch ein armer Mensch, und wenn du auch Feldherr warst, gingst
du nie so schön gekleidet wie die andern; auch jetzt mußt du, nach
deinem Rock und Hut zu urteilen, nicht in den besten Umständen sein.
Aber da haben ja die Franken letzthin einen Sultan gewählt, und ohne
Zweifel kennst du Leute, die sich ihm nahen dürfen, etwa seinen
Janitscharen-Aga oder den Reis-Effendi oder seinen Kapudan-Pascha;
nicht?«
»Nun ja,« antwortete der Mann, »aber wie weiter?«
»Bei diesen könntest du ein gutes Wort für mich einlegen,
Petit-Caporal, daß sie den Sultan der Franken bitten, er möchte mich
freilassen; dann brauche ich auch etwas Geld zur Reise übers Meer,
vor allem aber mußt du mir versprechen, weder dem Doktor noch dem
arabischen Professor etwas davon zu sagen.«
»Wer ist denn der arabische Professor?« fragte jener.
»Ach, das ist ein sonderbarer Mann; doch von diesem erzähle ich dir
ein andermal. Wenn es die beiden hörten, dürfte ich nicht mehr aus
Frankistan weg. Aber willst du für mich sprechen bei den Agas? Sage es
mir aufrichtig!«
»Komm mit mir,« sagte der Mann, »vielleicht kann ich dir jetzt gleich
nützlich sein.«
»Jetzt?« rief der Jüngling mit Schrecken. »Jetzt um keinen Preis, da
würde mich der Doktor prügeln; ich muß eilen, daß ich nach Hause komme.«
»Was trägst du denn in diesem Korb?« fragte jener, indem er ihn
zurückhielt. Almansor errötete und wollte es anfangs nicht zeigen,
endlich aber sagte er: »Siehe, Petit-Caporal, ich muß hier Dienste tun
wie der geringste Sklave meines Vaters. Der Doktor ist ein geiziger
Mann und schickt mich alle Tage von unserm Hause eine Stunde weit auf
den Gemüse- und Fischmarkt; da muß ich dann unter den schmutzigen
Marktweibern einkaufen, weil es dort um einige Kupfermünzen wohlfeiler
ist als in unserm Stadtteil. Siehe, wegen dieses schlechten Herings,
wegen dieser Handvoll Salat, wegen dieses Stückchens Butter muß ich
alle Tage zwei Stunden gehen. Ach, wenn es mein Vater wüßte!«
Der Mann, zu welchem Almansor dies sprach, war gerührt über die Not des
Knaben und antwortete: »Komm nur mit mir und sei getrost; der Doktor
soll dir nichts anhaben dürfen, wenn er auch heute weder Hering noch
Salat verspeist. Sei getrosten Mutes und komm.« Er nahm bei diesen
Worten Almansor bei der Hand und führte ihn mit sich, und obgleich
diesem das Herz pochte, wenn er an den Doktor dachte, so lag doch so
viele Zuversicht in den Worten und Mienen des Mannes, daß er sich
entschloß, ihm zu folgen. Er ging also, sein Körbchen am Arm, neben dem
Soldaten viele Straßen durch, und wunderbar wollte es ihm bedünken, daß
alle Leute die Hüte vor ihnen abnahmen und stehen blieben und ihnen
nachschauten. Er äußerte dies auch gegen seinen Begleiter; dieser aber
lachte und sagte nichts darüber.
Sie gelangten endlich an ein prachtvolles Schloß, auf welches der Mann
zuging. »Wohnst du hier, Petit-Caporal?« fragte Almansor.
»Hier ist meine Wohnung,« entgegnete jener, »und ich will dich zu
meiner Frau führen.«
»Ei, da wohnst du schön!« fuhr Almansor fort, »gewiß hat dir der Sultan
hier freie Wohnung gegeben?«
»Diese Wohnung habe ich vom Kaiser, du hast recht;« antwortete sein
Begleiter und führte ihn in das Schloß. Dort stiegen sie eine breite
Treppe hinan, und in einem schönen Saal hieß er ihn seinen Korb
absetzen und trat dann mit ihm in ein prachtvolles Gemach, wo eine
Frau auf einem Diwan saß. Der Mann sprach mit ihr in einer fremden
Sprache, worauf sie beide nicht wenig lachten, und die Frau fragte dann
Almansor in fränkischer Sprache vieles über Aegypten. Endlich sagte
Petit-Caporal zu dem Jüngling: »Weißt du, was das beste ist? Ich will
dich gleich selbst zum Kaiser führen und bei ihm für dich sprechen.«
Almansor erschrak sehr, aber er gedachte an sein Elend und seine
Heimat. »Dem Unglücklichen,« sprach er zu den beiden, »dem
Unglücklichen verleiht Allah einen hohen Mut in der Stunde der Not, er
wird auch mich armen Knaben nicht verlassen. Ich will es tun, ich will
zu ihm gehen. Aber sage, Caporal, muß ich vor ihm niederfallen, muß ich
die Stirne mit dem Boden berühren, was muß ich tun?«
Die beiden lachten von neuem und versicherten, dies alles sei nicht
nötig.
»Sieht er schrecklich und majestätisch aus, der Sultan?« fragte er
weiter, »hat er einen langen Bart? Macht er feurige Augen? Sage, wie
sieht er aus?«
Sein Begleiter lachte von neuem und sprach dann: »Ich will dir ihn
lieber gar nicht beschreiben, Almansor, du selbst sollst erraten,
welcher es ist. Nur das will ich dir als Kennzeichen angeben: Alle im
Saal des Kaisers werden, wenn er da ist, die Hüte ehrerbietig abnehmen,
der, welcher den Hut auf dem Kopf behält, der ist der Kaiser.« Bei
diesen Worten nahm er ihn bei der Hand und ging mit ihm nach dem Saal
des Kaisers. Je näher er kam, desto lauter pochte ihm das Herz, und
die Kniee fingen ihm an zu zittern, als sie sich der Türe näherten.
Ein Bedienter öffnete die Türe, und da standen in einem Halbkreis
wenigstens dreißig Männer, alle prächtig gekleidet und mit Gold und
Sternen überdeckt, wie es Sitte ist im Lande der Franken bei den
vornehmsten Agas und Bassas der Könige; und Almansor dachte, sein
Begleiter, der so unscheinbar gekleidet war, müsse der Geringsten einer
sein unter diesen. Sie hatten alle das Haupt entblößt, und Almansor
fing nun an, nach dem zu suchen, der den Hut auf dem Kopf hätte; denn
dieser mußte der Kaiser sein. Aber vergebens war sein Suchen. Alle
hatten den Hut in der Hand, und der Kaiser mußte also nicht unter ihnen
sein; da fiel sein Blick zufällig auf seinen Begleiter, und siehe --
dieser hatte den Hut auf dem Kopfe sitzen!
Der Jüngling war erstaunt, betroffen. Er sah seinen Begleiter lange an
und sagte dann, indem er selbst seinen Hut abnahm: »~Salem aleikum~,
Petit-Caporal! Soviel ich weiß, bin ich selbst nicht der Sultan der
Franken, also kommt es mir nicht zu, mein Haupt zu bedecken; doch, du
bist der, der den Hut trägt -- Petit-Caporal, bist denn du der Kaiser?«
»Du hast's erraten,« antwortete jener, »und überdies bin ich dein
Freund. Schreibe dein Unglück nicht mir, sondern einer unglücklichen
Verwirrung der Umstände zu und sei versichert, daß du mit dem ersten
Schiff in dein Vaterland zurücksegelst. Gehe jetzt wieder hinein zu
meiner Frau, erzähle ihr vom arabischen Professor, und was du weißt.
Die Heringe und den Salat will ich dem Doktor schicken, du aber
bleibst für deinen Aufenthalt in meinem Palast.«
So sprach der Mann, der Kaiser war; Almansor aber fiel vor ihm nieder
küßte seine Hand und bat ihn um Verzeihung, daß er ihn nicht erkannt
habe, er habe es ihm gewiß nicht angesehen, daß er Kaiser sei.
»Du hast recht,« erwiderte jener lachend, »wenn man nur wenige Tage
Kaiser ist, kann man es nicht an der Stirne geschrieben haben.« So
sprach er und winkte ihm, sich zu entfernen.
Seit diesem Tage lebte Almansor glücklich und in Freuden. Den
arabischen Professor, von welchem er dem Kaiser erzählte, durfte er
noch einigemal besuchen, den Doktor aber sah er nicht mehr. Nach
einigen Wochen ließ ihn der Kaiser zu sich rufen und kündigte ihm an,
daß ein Schiff vor Anker liege, mit dem er ihn nach Aegypten senden
wolle. Almansor war außer sich vor Freude; wenige Tage reichten hin, um
ihn auszurüsten, und mit einem Herzen voll Dankes und mit Schätzen und
Geschenken reich beladen, reiste er vom Kaiser ab ans Meer und schiffte
sich ein.
Aber Allah wollte ihn noch länger prüfen, wollte seinen Mut im Unglück
noch länger stählen, und ließ ihn die Küste seiner Heimat noch nicht
sehen. Ein anderes fränkisches Volk, die Engländer, führten damals
Krieg mit dem Kaiser auf der See. Sie nahmen ihm alle Schiffe weg, die
sie besiegen konnten, und so kam es, daß am sechsten Tage der Reise
das Schiff, auf welchem sich Almansor befand, von englischen Schiffen
umgeben und beschossen wurde; es mußte sich ergeben, und die ganze
Mannschaft wurde auf ein kleineres Schiff gebracht, das mit den andern
weiter segelte. Doch, auf der See ist es nicht weniger unsicher als
in der Wüste, wo unversehens die Räuber auf die Karawanen fallen und
totschlagen und plündern. Ein Kaper von Tunis überfiel das kleine
Schiff, das der Sturm von den größeren Schiffen getrennt hatte, und --
es wurde genommen, und alle Mannschaft nach Algier geführt und verkauft.
Almansor kam zwar nicht in so harte Sklaverei als die Christen, weil
er ein rechtgläubiger Muselmann war, aber dennoch war jetzt wieder
alle Hoffnung verschwunden, die Heimat und den Vater wiederzusehen.
Dort lebte er bei einem reichen Mann fünf Jahre und mußte die Blumen
begießen und den Garten bauen. Da starb der reiche Mann ohne nahe
Erben, seine Besitzungen wurden zerrissen, seine Sklaven geteilt,
und Almansor fiel in die Hände eines Sklavenmäklers. Dieser rüstete
um diese Zeit ein Schiff aus, um seine Sklaven anderwärts teurer zu
verkaufen. Der Zufall wollte, daß ich selbst ein Sklave dieses Händlers
war und auf dasselbe Schiff kam, wo auch Almansor sich befand. Dort
lernten wir uns kennen, und dort erzählte er mir seine wunderbaren
Schicksale. Doch -- als wir landeten, war ich Zeuge der wunderbarsten
Fügung Allahs; es war die Küste seines Vaterlandes, an welche wir aus
dem Boot stiegen, es war der Markt seiner Vaterstadt, wo wir öffentlich
ausgeboten wurden, und, o Herr! daß ich es kurz sage, es war sein
eigener, sein teurer Vater, der ihn kaufte!«
* * * * *
Der Scheik Ali Banu war in tiefes Nachdenken versunken über diese
Erzählung; sie hatte ihn unwillkürlich mit sich fortgerissen, seine
Brust hob sich, sein Auge glühte, und er war oft nahe daran, seinen
jungen Sklaven zu unterbrechen; aber das Ende der Erzählung schien ihn
nicht zu befriedigen.
»Er könnte jetzt einundzwanzig Jahre haben, sagst du?« so fing er an zu
fragen.
»Herr, er ist in meinem Alter, ein- bis zweiundzwanzig Jahre.«
»Und welche Stadt nannte er seine Geburtsstadt? das hast du uns noch
nicht gesagt.«
»Wenn ich nicht irre,« antwortete jener, »so war es Alessandria!«
»Alessandria!!« rief der Scheik; »es ist mein Sohn; wo ist er, wo ist
er geblieben? Sagtest du nicht, daß er Kairam hieß? Hat er dunkle Augen
und braunes Haar?«
»Er hat es, und in traulichen Stunden nannte er sich Kairam und nicht
Almansor.«
»Aber, Allah! Allah! sage mir doch: sein Vater hätte ihn vor deinen
Augen gekauft, sagst du; sagte er, es sei sein Vater? Also ist er doch
nicht mein Sohn!«
Der Sklave antwortete: »Er sprach zu mir: ›Allah sei gepriesen nach so
langem Unglück; das ist der Marktplatz meiner Vaterstadt.‹ Nach einer
Weile aber kam ein vornehmer Mann um die Ecke, da rief er: ›O, was für
ein teures Geschenk des Himmels sind die Augen! Ich sehe noch einmal
meinen ehrwürdigen Vater!‹ Der Mann aber trat zu uns, betrachtet diesen
und jenen und kauft endlich den, dem dies alles begegnet ist; da rief
er Allah an, sprach ein heißes Dankgebet und flüsterte mir zu: ›Jetzt
gehe ich wieder ein in die Hallen meines Glückes; es ist mein eigener
Vater, der mich gekauft hat.‹«
»Es ist also doch nicht mein Sohn, mein Kairam!« sagte der Scheik, von
Schmerz bewegt.
Da konnte sich der Jüngling nicht mehr zurückhalten, Tränen der Freude
entstürzten seinen Augen, er warf sich nieder vor dem Scheik und rief:
»Und dennoch ist es Euer Sohn, Kairam Almansor; denn Ihr seid es, der
ihn gekauft hat.«
»Allah, Allah! Ein Wunder, ein großes Wunder!« riefen die Anwesenden
und drängten sich herbei; der Scheik aber stand sprachlos und staunte
den Jüngling an, der sein schönes Antlitz zu ihm aufhob. »Mein Freund
Mustapha!« sprach er zu dem alten Derwisch, »vor meinen Augen hängt
ein Schleier von Tränen, daß ich nicht sehen kann, ob die Züge seiner
Mutter, die mein Kairam trug, auf seinem Gesicht eingegraben sind,
trete du her und schaue ihn an.«
Der Alte trat herzu, sah ihn lange an, legte seine Hand auf die Stirne
des jungen Mannes und sprach: »Kairam! wie hieß der Spruch, den ich dir
am Tage des Unglücks mitgab ins Lager der Franken?«
»Mein teurer Lehrer!« antwortete der Jüngling, indem er die Hand des
Alten an seine Lippen zog, »er hieß: ›_So einer Allah liebt und ein gut
Gewissen hat, ist er auch in der Wüste des Elends nicht allein; denn er
hat zwei Gefährten, die ihm tröstend zur Seite gehen._‹«
Da hob der Alte seine Augen dankend auf zum Himmel, zog den Jüngling
herauf an seine Brust und gab ihn dem Scheik und sprach: »Nimm ihn hin;
so gewiß du zehn Jahre um ihn trauertest, so gewiß ist es dein Sohn
Kairam.«
Der Scheik war außer sich vor Freude und Entzücken; er betrachtete
immer von neuem wieder die Züge des Wiedergefundenen, und unleugbar
fand er das Bild seines Sohnes wieder, wie er ihn verloren hatte. Und
alle Anwesenden teilten seine Freude; denn sie liebten den Scheik, und
jedem unter ihnen war es, als wäre ihm heute ein Sohn geschenkt worden.
Jetzt füllte wieder Gesang und Jubel diese Halle, wie in den Tagen
des Glückes und der Freude. Noch einmal mußte der Jüngling, und
noch ausführlicher, seine Geschichte erzählen, und alle priesen den
arabischen Professor und den Kaiser und jeden, der sich Kairams
angenommen hatte. Man war beisammen bis in die Nacht, und als man
aufbrach, beschenkte der Scheik jeden seiner Freunde reichlich, auf daß
er immer dieses Freudentages gedenke.
Die vier jungen Männer aber stellte er seinem Sohne vor und lud sie
ein, ihn immer zu besuchen, und es war ausgemachte Sache, daß er
mit dem Schreiber lesen, mit dem Maler kleine Reisen machen sollte,
daß der Kaufmann Gesang und Tanz mit ihm teile, und der andere alle
Vergnügungen für sie bereiten solle. Auch sie wurden reich beschenkt
und traten freudig aus dem Hause des Scheiks.
»Wem haben wir dies alles zu verdanken,« sprachen sie untereinander,
»wem anders als dem Alten? Wer hätte dies damals gedacht, als wir vor
diesem Hause standen und über den Scheik loszogen?«
»Und wie leicht hätte es uns einfallen können, die Lehren des alten
Mannes zu überhören,« sagte ein anderer, »oder ihn gar zu verspotten!
Denn er sah doch recht zerrissen und ärmlich aus, und wer konnte
denken, daß dies der weise Mustapha sei?«
»Und wunderbar! war es nicht hier, wo wir unsere Wünsche laut werden
ließen?« sprach der Schreiber. »Da wollte der eine reisen, der andere
singen und tanzen, der dritte gute Gesellschaft haben und ich --
Geschichten lesen und hören, und sind nicht alle unsere Wünsche in
Erfüllung gegangen? Darf ich nicht alle Bücher des Scheiks lesen und
kaufen, was ich will?«
»Und darf ich nicht seine Tafel zurichten und seine schönsten
Vergnügungen anordnen, und selbst dabei sein?« sagte der andere.
»Und ich? so oft mich mein Herz gelüstet, Gesang und Saitenspiel zu
hören, oder einen Tanz zu sehen, darf ich nicht hingehen und mir seine
Sklaven ausbitten?«
»Und ich!« rief der Maler; »vor diesem Tage war ich arm und konnte
keinen Fuß aus dieser Stadt setzen, und jetzt kann ich reisen, wohin
ich will!«
»Ja,« sprachen sie alle, »es war doch gut, daß wir dem Alten folgten;
wer weiß, was aus uns geworden wäre?«
So sprachen sie und gingen freudig und glücklich nach Hause.
Das Wirtshaus im Spessart.
Vor vielen Jahren, als im Spessart die Wege noch schlecht und nicht
so häufig als jetzt befahren waren, zogen zwei junge Bursche durch
diesen Wald. Der eine mochte achtzehn Jahre alt sein und war ein
Zirkelschmied, der andere, ein Goldarbeiter, konnte nach seinem
Aussehen kaum sechzehn Jahre haben und tat wohl jetzt eben seine erste
Reise in die Welt. Der Abend war schon heraufgekommen, und die Schatten
der riesengroßen Fichten und Buchen verfinsterten den schmalen Weg, auf
dem die beiden wanderten. Der Zirkelschmied schritt wacker vorwärts
und pfiff ein Lied, schwatzte auch zuweilen mit Munter, seinem Hund,
und schien sich nicht viel darum zu kümmern, daß die Nacht nicht
mehr fern, desto ferner aber die nächste Herberge sei. Aber Felix,
der Goldarbeiter, sah sich oft ängstlich um. Wenn der Wind durch die
Bäume rauschte, so war es ihm, als höre er Tritte hinter sich. Wenn
das Gesträuch am Wege hin und her wankte und sich teilte, glaubte er
Gesichter hinter den Büschen lauern zu sehen.
Der junge Goldschmied war sonst nicht abergläubisch oder mutlos. In
Würzburg, wo er gelernt hatte, galt er unter seinen Kameraden für
einen unerschrockenen Burschen, dem das Herz am rechten Fleck sitze;
aber heute war ihm doch sonderbar zu Mut. Man hatte ihm vom Spessart
so mancherlei erzählt. Eine große Räuberbande sollte dort ihr Wesen
treiben, viele Reisende waren in den letzten Wochen geplündert worden,
ja, man sprach sogar von einigen greulichen Mordgeschichten, die vor
nicht langer Zeit dort vorgefallen seien. Da war ihm nun doch etwas
bange für sein Leben, denn sie waren ja nur zu zwei und konnten gegen
bewaffnete Räuber gar wenig ausrichten. Oft gereute es ihn, daß er dem
Zirkelschmied gefolgt war, noch eine Station zu gehen, statt am Eingang
des Waldes über Nacht zu bleiben.
»Und wenn ich heute nacht totgeschlagen werde und ums Leben und alles
komme, was ich bei mir habe, so ist's nur deine Schuld, Zirkelschmied,
denn du hast mich in den schrecklichen Wald hereingeschwatzt.«
»Sei kein Hasenfuß,« erwiderte der andere, »ein rechter
Handwerksbursche soll eigentlich sich gar nicht fürchten. Und was
meinst du denn? Meinst du, die Herren Räuber im Spessart werden uns die
Ehre antun, uns zu überfallen und totzuschlagen? Warum sollten sie sich
diese Mühe geben? Etwa wegen meines Sonntagsrocks, den ich im Ranzen
habe oder wegen des Zehrpfennigs von einem Taler? Da muß man schon mit
vieren fahren, in Gold und Seide gekleidet sein, wenn sie es der Mühe
wert finden, einen totzuschlagen.«
»Halt! hörst du nicht etwas pfeifen im Wald?« rief Felix ängstlich.
»Das war der Wind, der um die Bäume pfeift: geh nur rasch vorwärts,
lange kann es nicht mehr dauern.«
»Ja, du hast gut reden wegen des Totschlagens,« fuhr der Goldarbeiter
fort. »Dich fragen sie, was du hast, durchsuchen dich und nehmen dir
allenfalls den Sonntagsrock und den Gulden und dreißig Kreuzer. Aber
mich, mich schlagen sie gleich anfangs tot, nur weil ich Gold und
Geschmeide mit mir führe.«
»Ei, warum sollten sie dich totschlagen deswegen? Kämen jetzt vier
oder fünf dort aus dem Busch, mit geladenen Büchsen, die sie auf uns
anlegen, und fragten ganz höflich: ›Ihr Herren, was habt ihr bei euch‹?
und ›machet es euch bequem, wir wollen's euch tragen helfen,‹ und was
dergleichen anmutige Redensarten sind, da wärest du wohl kein Tor,
machtest dein Ränzchen auf und legtest die gelbe Weste, den blauen
Rock, zwei Hemden und alle Halsbänder und Armbänder und Kämme, und
was du sonst noch hast, höflich auf die Erde und bedanktest dich fürs
Leben, das sie dir schenkten?«
»So? meinst du,« entgegnete Felix sehr eifrig, »den Schmuck für
meine Frau Pate, die vornehme Gräfin, soll ich hergeben? Eher mein
Leben; eher laß ich mich in kleine Stücke zerschneiden. Hat sie nicht
Mutterstelle an mir vertreten und seit meinem zehnten Jahre mich
aufziehen lassen? Hat sie nicht die Lehre für mich bezahlt und Kleider
und alles? Und jetzt, da ich sie besuchen darf und etwas mitbringe von
meiner eigenen Arbeit, das sie beim Meister bestellt hat, jetzt, da
ich ihr an dem schönen Geschmeide zeigen könnte, was ich gelernt habe,
jetzt soll ich das alles hergeben und die gelbe Weste dazu, die ich
auch von ihr habe? Nein, lieber sterben, als daß ich den schlechten
Menschen meiner Frau Pate Geschmeide gebe!«
»Sei kein Narr!« rief der Zirkelschmied. »Wenn sie dich totschlagen,
bekommt die Frau Gräfin den Schmuck dennoch nicht. Drum ist es besser,
du gibst ihn her und erhältst dein Leben.«
Felix antwortete nicht. Die Nacht war jetzt ganz heraufgekommen,
und bei dem ungewissen Schein des Neumonds konnte man kaum auf fünf
Schritte vor sich sehen. Er wurde immer ängstlicher, hielt sich näher
an seinen Kameraden und war mit sich uneinig, ob er seine Reden und
Beweise billigen sollte oder nicht. Noch eine Stunde beinahe waren sie
so fortgegangen, da erblickten sie in der Ferne ein Licht. Der junge
Goldschmied meinte aber, man dürfe nicht trauen, vielleicht könnte
es ein Räuberhaus sein, aber der Zirkelschmied belehrte ihn, daß die
Räuber ihre Häuser oder Höhlen unter der Erde haben, und dies müsse das
Wirtshaus sein, das ihnen ein Mann am Eingang des Waldes beschrieben.
Es war ein langes, aber niedriges Haus, ein Karren stand davor, und
nebenan im Stalle hörte man Pferde wiehern. Der Zirkelschmied winkte
seinen Gesellen an ein Fenster, dessen Laden geöffnet waren. Sie
konnten, wenn sie sich auf die Zehen stellten, die Stube übersehen.
Am Ofen in einem Armstuhl schlief ein Mann, der seiner Kleidung nach
ein Fuhrmann und wohl auch der Herr des Karrens vor der Türe sein
konnte. An der andern Seite des Ofens saßen ein Weib und ein Mädchen
und spannen. Hinter dem Tisch an der Wand saß ein Mensch, der, ein Glas
Wein vor sich, den Kopf in die Hände gestützt hatte, so daß sie sein
Gesicht nicht sehen konnten. Der Zirkelschmied aber wollte aus seiner
Kleidung bemerken, daß er ein vornehmer Herr sein müsse.
Als sie so noch auf der Lauer standen, schlug ein Hund im Hause an.
Munter, des Zirkelschmieds Hund, antwortete, und eine Magd erschien in
der Türe und schaute nach den Fremden heraus.
Man versprach, ihnen Nachtessen und Betten geben zu können. Sie traten
ein und legten die schweren Bündel, Stock und Hut in die Ecken und
setzten sich zu dem Herrn am Tische. Dieser richtete sich bei ihrem
Gruße auf, und sie erblickten einen feinen jungen Mann, der ihnen
freundlich für ihren Gruß dankte.
»Ihr seid spät auf der Bahn,« sagte er. »Habt ihr euch nicht
gefürchtet, in so dunkler Nacht durch den Spessart zu reisen? Ich für
meinen Teil habe lieber mein Pferd in dieser Schenke eingestellt, als
daß ich nur noch eine Stunde weiter geritten wäre.«
»Da habt Ihr allerdings recht gehabt, Herr!« erwiderte der
Zirkelschmied. »Der Hufschlag eines schönen Pferdes ist Musik in den
Ohren dieses Gesindels und lockt sie auf eine Stunde weit. Aber wenn
ein paar arme Bursche wie wir durch den Wald schleichen, Leute, welchen
die Räuber eher selbst etwas schenken könnten, da heben sie keinen Fuß
auf!«
»Das ist wohl wahr,« entgegnete der Fuhrmann, der, durch die Ankunft
der Fremden erweckt, auch an den Tisch getreten war; »einem armen
Mann können sie nicht viel anhaben seines Geldes willen. Aber man hat
Beispiele, daß sie arme Leute nur aus Mordlust niederstießen oder sie
zwangen, unter die Bande zu treten und als Räuber zu dienen.«
»Nun, wenn es so aussieht mit diesen Leuten im Wald,« bemerkte der
junge Goldschmied, »so wird uns wahrhaftig auch dieses Haus wenig
Schutz gewähren. Wir sind nur zu vier, und mit dem Hausknecht fünf;
wenn es ihnen einfällt, zu zehn uns zu überfallen, was können wir gegen
sie? und überdies,« setzte er leise flüsternd hinzu, »wer steht uns
dafür, daß diese Wirtsleute ehrlich sind?«
»Da hat es gute Wege,« erwiderte der Fuhrmann. »Ich kenne diese
Wirtschaft seit mehr als zehn Jahren und habe nie etwas Unrechtes darin
verspürt. Der Mann ist selten zu Hause, man sagt, er treibe Weinhandel;
die Frau aber ist eine stille Frau, die niemand Böses will; nein,
dieser tut Ihr unrecht, Herr!«