den Menschen,« antwortete dieser. »Es ging mir gerade wie Euch. Ich
lebte so in den Tag hinein, hörte viel Schlimmes von den Menschen,
mußte selbst an mir viel Schlechtes erfahren und fing an, die Menschen
alle für schlechte Geschöpfe zu halten. Doch, da fiel mir bei, daß
Allah, der so gerecht ist als weise, nicht dulden könnte, daß ein so
verworfenes Geschlecht auf dieser schönen Erde hause. Ich dachte nach
über das, was ich gesehen, was ich erlebt hatte, und siehe -- ich hatte
nur das Böse gezählt und das Gute vergessen. Ich hatte nicht acht
gegeben, wenn einer eine Handlung der Barmherzigkeit übte, ich hatte es
natürlich gefunden, wenn ganze Familien tugendhaft lebten und gerecht
waren. So oft ich aber Böses, Schlechtes hörte, hatte ich es wohl
angemerkt in meinem Gedächtnis. Da fing ich an, mit ganz andern Augen
um mich zu schauen. Es freute mich, wenn ich das Gute nicht so sparsam
keimen sah, wie ich anfangs dachte, ich bemerkte das Böse weniger, oder
es fiel mir nicht so sehr auf, und so lernte ich die Menschen lieben,
lernte Gutes von Ihnen denken und habe mich in langen Jahren seltener
geirrt, wenn ich von einem Gutes sprach, als wenn ich ihn für geizig
oder gemein oder gottlos hielt.«
Der Alte wurde bei diesen Worten von dem Aufseher der Sklaven
unterbrochen, der zu ihm trat und sprach: »Mein Herr, der Scheik von
Alessandria, Ali Banu, hat Euch mit Wohlgefallen in seinem Saale
bemerkt und ladet Euch ein, zu ihm zu treten und Euch neben ihn zu
setzen.«
Die jungen Leute waren nicht wenig erstaunt über die Ehre, die dem
Alten widerfahren sollte, den sie für einen Bettler gehalten, und als
dieser hingegangen war, sich zu dem Scheik zu setzen, hielten sie den
Sklavenaufseher zurück, und der Schreiber fragte ihn: »Beim Bart des
Propheten beschwöre ich dich, sage uns, wer ist dieser alte Mann, mit
dem wir sprachen, und den der Scheik also ehrt?«
»Wie!« rief der Aufseher der Sklaven und schlug vor Verwunderung die
Hände zusammen, »diesen Mann kennet ihr nicht?«
»Nein, wir wissen nicht, wer er ist.«
»Aber ich sah euch doch schon einigemal mit ihm auf der Straße
sprechen, und mein Herr, der Scheik, hat dies auch bemerkt und erst
letzthin gesagt: ›Das müssen wackere junge Leute sein, die dieser Mann
eines Gespräches würdigt.‹«
»Aber so sage doch, wer es ist!« rief der junge Kaufmann in höchster
Ungeduld.
»Gehet, ihr wollet mich nur zum Narren haben,« antwortete der
Sklavenaufseher. »In diesen Saal kommt sonst niemand, wer nicht
ausdrücklich eingeladen ist, und heute ließ der Alte dem Scheik sagen,
er werde einige junge Männer in seinen Saal mitbringen, wenn es ihm
nicht ungelegen sei, und Ali Banu ließ ihm sagen, er habe über sein
Haus zu gebieten!«
»Lasse uns nicht länger in Ungewißheit. So wahr ich lebe, ich weiß
nicht, wer dieser Mann ist, wir lernten ihn zufällig kennen und
sprachen mit ihm.«
»Nun, dann dürfet ihr euch glücklich preisen; denn ihr habt mit einem
gelehrten, berühmten Mann gesprochen, und alle Anwesenden ehren und
bewundern euch deshalb. Es ist niemand anders als Mustapha, der
gelehrte Derwisch.«
»Mustapha! der weise Mustapha, der den Sohn des Scheiks erzogen hat,
der viele gelehrte Bücher schrieb, der große Reisen machte in alle
Weltteile? Mit Mustapha haben wir gesprochen? Und gesprochen, als wär'
er unsereiner, so ganz ohne alle Ehrerbietung?«
* * * * *
Noch waren die jungen Männer im Gespräch über diese Märchen und über
den Alten, den Derwisch Mustapha. Sie fühlten sich nicht wenig geehrt,
daß ein so alter und berühmter Mann sie seiner Aufmerksamkeit gewürdigt
und sogar öfters mit ihnen gesprochen und gestritten hatte. Da kam
plötzlich der Aufseher der Sklaven zu ihnen und lud sie ein, ihm zum
Scheik zu folgen, der sie sprechen wolle. Den Jünglingen pochte das
Herz. Noch nie hatten sie mit einem so vornehmen Mann gesprochen, nicht
einmal allein, viel weniger in so großer Gesellschaft. Doch, sie faßten
sich, um nicht als Toren zu erscheinen, und folgten dem Aufseher der
Sklaven zum Scheik. Ali Banu saß auf einem reichen Polster und nahm
Sorbett zu sich. Zu seiner Rechten saß der Alte, sein dürftiges Kleid
ruhte auf herrlichen Polstern, seine ärmlichen Sandalen hatte er auf
einen reichen Teppich von persischer Arbeit gestellt, aber sein schöner
Kopf, sein Auge voll Würde und Weisheit zeigten an, daß er würdig sei,
neben einem Mann wie der Scheik zu sitzen.
Der Scheik war sehr ernst, und der Alte schien ihm Trost und
Mut zuzusprechen. Die Jünglinge glaubten auch in ihrem Ruf vor
das Angesicht des Scheiks eine List des Alten zu entdecken, der
wahrscheinlich den trauernden Vater durch ein Gespräch mit ihnen
zerstreuen wollte.
»Willkommen, ihr jungen Männer,« sprach der Scheik, »willkommen in dem
Hause Ali Banus. Mein alter Freund hier hat sich meinen Dank verdient,
daß er euch hier einführte; doch zürne ich ihm ein wenig, daß er mich
nicht früher mit euch bekannt machte. Wer von euch ist denn der junge
Schreiber?«
»Ich, o Herr! und zu Euren Diensten!« sprach der junge Schreiber, indem
er die Arme über der Brust kreuzte und sich tief verbeugte.
»Ihr hört also sehr gerne Geschichten und leset gerne Bücher mit
schönen Versen und Denksprüchen?«
Der junge Mann erschrak und errötete; denn ihm fiel bei, wie er damals
den Scheik bei dem Alten getadelt und gesagt hatte, an seiner Stelle
würde er sich erzählen oder aus Büchern vorlesen lassen. Er war dem
schwatzhaften Alten, der dem Scheik gewiß alles verraten hatte, in
diesem Augenblick recht gram, warf ihm einen bösen Blick zu und sprach
dann: »O Herr! allerdings kenne ich für meinen Teil keine angenehmere
Beschäftigung, als mit dergleichen den Tag zuzubringen. Es bildet den
Geist und vertreibt die Zeit. Aber jeder nach seiner Weise, ich tadle
darum gewiß keinen, der nicht --«
»Schon gut, schon gut,« unterbrach ihn der Scheik lachend und winkte
den zweiten herbei. »Wer bist denn du?« fragte er ihn.
»Herr, ich bin meines Amtes der Gehilfe eines Arztes und habe selbst
schon einige Kranke geheilt.«
»Richtig,« erwiderte der Scheik, »und Ihr seid es auch, der das
Wohlleben liebet; Ihr möchtet gerne mit guten Freunden hie und da
tafeln und guter Dinge sein? Nicht wahr, ich habe es erraten?«
Der junge Mann war beschämt; er fühlte, daß er verraten war, und daß
der Alte auch von ihm dem Scheik gebeichtet haben mußte. Er faßte sich
aber ein Herz und antwortete: »O ja, Herr, ich rechne es unter des
Lebens Glückseligkeiten, hie und da mit guten Freunden fröhlich sein zu
können. Mein Beutel reicht nun zwar nicht weiter hin, als meine Freunde
mit Wassermelonen oder dergleichen wohlfeilen Sachen zu bewirten; doch
sind wir auch dabei fröhlich, und es läßt sich denken, daß wir es noch
um ein gutes Teil mehr wären, wenn ich mehr Geld hätte.«
Dem Scheik gefiel diese beherzte Antwort, und er konnte sich nicht
enthalten, darüber zu lachen. »Welcher ist denn der junge Kaufmann?«
fragte er weiter.
Der junge Kaufmann verbeugte sich mit freiem Anstand vor dem Scheik;
denn er war ein Mensch von guter Erziehung; der Scheik aber sprach:
»Und Ihr? Ihr habt Freude an Musik und Tanz? Ihr höret es gerne,
wenn gute Künstler etwas spielen und singen, und sehet gerne Tänzer
künstliche Tänze ausführen?«
Der junge Kaufmann antwortete: »Ich sehe wohl, o Herr, daß jener alte
Mann, um Euch zu belustigen, unsere Torheiten insgesamt verraten hat.
Wenn es ihm gelang, Euch dadurch aufzuheitern, so habe ich gerne zu
Eurem Scherze gedient. Was aber Musik und Tanz betrifft, so gestehe
ich, es gibt nicht leicht etwas, was mein Herz also vergnügt. Doch
glaubet nicht, daß ich deswegen Euch tadle, o Herr, wenn Ihr nicht
ebenfalls --«
»Genug, nicht weiter!« rief der Scheik, lächelnd mit der Hand
abwehrend. »Jeder nach seiner Weise, wollet Ihr sagen; aber dort steht
ja noch einer; das ist wohl der, welcher so gerne reisen möchte? Wer
seid denn Ihr, junger Herr?«
»Ich bin ein Maler, o Herr,« antwortete der junge Mann; »ich male
Landschaften teils an die Wände der Säle, teils auf Leinwand. Fremde
Länder zu sehen, ist allerdings mein Wunsch, denn man sieht dort
allerlei schöne Gegenden, die man wieder anbringen kann; und was man
sieht und abzeichnet, ist doch in der Regel immer schöner, als was man
nur so selbst erfindet.«
Der Scheik betrachtete jetzt die schönen, jungen Leute, und sein Blick
wurde ernst und düster. »Ich hatte einst auch einen lieben Sohn,«
sagte er, »und er müßte nun auch so herangewachsen sein wie ihr. Da
solltet ihr seine Genossen und Begleiter sein, und jeder eurer Wünsche
würde von selbst befriedigt werden. Mit jenem würde er lesen, mit
diesem Musik hören, mit dem andern würde er gute Freunde einladen
und fröhlich und guter Dinge sein, und mit dem Maler ließe ich ihn
ausziehen in schöne Gegenden und wäre dann gewiß, daß er immer wieder
zu mir zurückkehrte. So hat es aber Allah nicht gewollt, und ich füge
mich seinem Willen ohne Murren. Doch, es steht in meiner Macht, eure
Wünsche dennoch zu erfüllen, und ihr sollet freudigen Herzens von Ali
Banu gehen. Ihr, mein gelehrter Freund,« fuhr er fort, indem er sich zu
dem Schreiber wandte, »wohnt von jetzt an in meinem Hause und seid über
meine Bücher gesetzt. Ihr könnet noch dazu anschaffen, was Ihr wollet
und für gut haltet, und Euer einziges Geschäft sei, mir, wenn Ihr etwas
recht Schönes gelesen habt, zu erzählen. Ihr, der Ihr eine gute Tafel
unter Freunden liebt, Ihr sollt der Aufseher über meine Vergnügungen
sein. Ich selbst zwar lebe einsam und ohne Freude, aber es ist meine
Pflicht, und mein Amt bringt es mit sich, hie und da viele Gäste
einzuladen. Dort sollet Ihr an meiner Stelle alles besorgen und könnet
von Euren Freunden dazu einladen, wen Ihr nur wollet; versteht sich,
auf etwas Besseres als Wassermelonen. Den jungen Kaufmann da darf ich
freilich seinem Geschäft nicht entziehen, das ihm Geld und Ehre bringt;
aber alle Abende stehen Euch, mein junger Freund, Tänzer, Sänger und
Musikanten zu Dienste, so viel Ihr wollet. Lasset Euch aufspielen
und tanzen nach Herzenslust. Und Ihr,« sprach er zu dem Maler, »Ihr
sollet fremde Länder sehen und das Auge durch Erfahrung schärfen. Mein
Schatzmeister wird Euch zu der ersten Reise, die Ihr morgen antreten
könnet, tausend Goldstücke reichen, nebst zwei Pferden und einem
Sklaven. Reiset, wohin Euch das Herz treibt, und wenn Ihr etwas Schönes
sehet, so malet es für mich.«
Die jungen Leute waren außer sich vor Erstaunen, sprachlos vor Freude
und Dank. Sie wollten den Boden vor den Füßen des gütigen Mannes
küssen, aber er ließ es nicht zu. »Wenn ihr einem zu danken habt,«
sprach er, »so ist es diesem weisen Mann hier, der mir von euch
erzählte. Auch mir hat er dadurch Vergnügen gemacht, vier so muntere
junge Leute eurer Art kennen zu lernen.«
Der Derwisch Mustapha aber wehrte den Dank der Jünglinge ab. »Sehet,«
sprach er, »wie man nie voreilig urteilen muß; habe ich euch zuviel von
diesem edlen Mann gesagt?«
»Lasset uns nun noch den letzten meiner Sklaven, die heute frei sind,
erzählen hören,« unterbrach ihn Ali Banu, und die Jünglinge begaben
sich an ihre Plätze.
Jener junge Sklave, der die Aufmerksamkeit aller durch seinen Wuchs,
durch seine Schönheit und seinen mutigen Blick in so hohem Grade auf
sich gezogen hatte, stand jetzt auf, verbeugte sich vor dem Scheik und
fing mit wohltönender Stimme also zu sprechen an:
Die Geschichte Almansors.
»O Herr! die Männer, die vor mir gesprochen haben, erzählten mancherlei
wunderbare Geschichten, die sie gehört hatten in fremden Ländern; ich
muß mit Beschämung gestehen, daß ich keine einzige Erzählung weiß, die
Eurer Aufmerksamkeit würdig wäre. Doch, wenn es Euch nicht langweilt,
will ich Euch die wunderbaren Schicksale eines meiner Freunde vortragen.
Auf jenem algerischen Kaperschiff, von welchem mich Eure milde Hand
befreit hat, war ein junger Mann in meinem Alter, der mir nicht für das
Sklavenkleid geboren schien, das er trug. Die übrigen Unglücklichen
auf dem Schiffe waren entweder rohe Menschen, mit denen ich nicht
leben mochte, oder Leute, deren Sprache ich nicht verstand; darum fand
ich mich zu der Zeit, wo wir ein Stündchen frei hatten, gerne zu dem
jungen Mann. Er nannte sich Almansor und war seiner Aussprache nach ein
Aegypter. Wir unterhielten uns recht angenehm miteinander und kamen
eines Tages auch darauf, uns unsere Geschichte zu erzählen, da dann die
meines Freundes allerdings bei weitem merkwürdiger war als die meinige.
Almansors Vater war ein vornehmer Mann in einer ägyptischen Stadt,
deren Namen er mir nicht nannte. Er lebte die Tage seiner Kindheit
vergnügt und froh, und umgeben von allem Glanz und Bequemlichkeit der
Erde. Aber er wurde dabei doch nicht weichlich erzogen, und sein Geist
wurde frühzeitig ausgebildet; denn sein Vater war ein weiser Mann,
der ihm Lehren der Tugend gab, und überdies hatte er zum Lehrer einen
berühmten Gelehrten, der ihn in allem unterrichtete, was ein junger
Mensch wissen muß. Almansor war etwa zehn Jahre alt, als die Franken
über das Meer her in das Land kamen und Krieg mit seinem Volke führten.
Der Vater des Knaben mußte aber den Franken nicht sehr günstig gewesen
sein; denn eines Tages, als er eben zum Morgengebet gehen wollte,
kamen sie und verlangten zuerst seine Frau als Geisel seiner treuen
Gesinnungen gegen das Frankenvolk, und als er sie nicht geben wollte,
schleppten sie seinen Sohn mit Gewalt ins Lager.«
Als der junge Sklave also erzählte, verhüllte der Scheik sein
Angesicht, und es entstand ein Murren des Unwillens im Saal. »Wie,«
riefen die Freunde des Scheiks, »wie kann der junge Mann dort so
töricht handeln und durch solche Geschichten die Wunden Ali Banus
aufreißen, statt sie zu mildern, wie kann er ihm seinen Schmerz
erneuern, statt ihn zu zerstreuen?« Der Sklavenaufseher selbst war
voll Zorn über den unverschämten Jüngling, und gebot ihm zu schweigen.
Der junge Sklave aber war sehr erstaunt über dies alles und fragte den
Scheik, ob denn in seiner Erzählung etwas liege, das sein Mißfallen
erregt habe? Der Scheik richtete sich bei diesen Worten auf und sprach:
»Seid doch ruhig, ihr Freunde; wie kann denn dieser Jüngling etwas
von meinem betrübten Schicksal wissen, da er nur kaum drei Tage unter
diesem Dache ist! Kann es denn bei den Greueln, die diese Franken
verübten, nicht ein ähnliches Geschick wie das meine geben, kann nicht
vielleicht selbst jener Almansor -- doch, erzähle immer weiter, mein
junger Freund!« Der junge Sklave verbeugte sich und fuhr fort:
»Der junge Almansor wurde also in das fränkische Lager geführt. Es
erging ihm dort im ganzen gut; denn einer der Feldherren ließ ihn in
sein Zelt kommen und hatte seine Freude an den Antworten des Knaben,
die ihm ein Dragoman übersetzen mußte, er sorgte für ihn, daß ihm an
Speise und Kleidung nichts abginge; aber die Sehnsucht nach Vater und
Mutter machte dennoch den Knaben höchst unglücklich. Er weinte viele
Tage lang, aber seine Tränen rührten diese Männer nicht. Das Lager
wurde abgebrochen, und Almansor glaubte, jetzt wieder zurückkehren zu
dürfen; aber es war nicht so; das Heer zog hin und her, führte Krieg
mit den Mamelucken, und den jungen Almansor schleppten sie immer mit
sich. Wenn er dann die Hauptleute und Feldherren anflehte, ihn doch
wieder heimkehren zu lassen, so verweigerten sie es und sagten, er
müsse ein Unterpfand von seines Vaters Treue sein. So war er viele Tage
lang auf dem Marsch.
Aber auf einmal entstand eine Bewegung im Heer, die dem Knaben nicht
entging; man sprach von Einpacken, von Zurückziehen, vom Einschiffen,
und Almansor war außer sich vor Freude; denn jetzt, wenn die Franken
in ihr Land zurückkehrten, jetzt mußte er ja frei werden. Man zog mit
Roß und Wagen rückwärts gegen die Küste, und endlich war man so weit,
daß man die Schiffe vor Anker liegen sah. Die Soldaten schifften sich
ein, aber es wurde Nacht, bis nur ein kleiner Teil eingeschifft war. So
gerne Almansor gewacht hätte, weil er jede Stunde glaubte freigelassen
zu werden, so verfiel er doch endlich in einen tiefen Schlaf, und er
glaubte, die Franken haben ihm etwas unter das Wasser gemischt, um ihn
einzuschläfern. Denn als er aufwachte, schien der helle Tag in eine
kleine Kammer, worin er nicht gewesen war, als er einschlief. Er sprang
auf von seinem Lager, aber als er auf den Boden kam, fiel er um; denn
der Boden schwankte hin und wieder, und es schien alles sich zu bewegen
und im Kreis um ihn her zu tanzen. Er raffte sich wieder auf, hielt
sich an den Wänden fest, um aus dem Gemach zu kommen, worin er sich
befand.
Ein sonderbares Brausen und Zischen war um ihn her; er wußte nicht,
ob er träume oder wache; denn er hatte nie Aehnliches gesehen oder
gehört. Endlich erreichte er eine kleine Treppe, mit Mühe stieg er
hinauf, und welcher Schrecken befiel ihn! Ringsumher war nichts als
Himmel und Meer, er befand sich auf einem Schiffe. Da fing er kläglich
an zu weinen. Er wollte zurückgebracht werden, er wollte ins Meer sich
stürzen und hinüberschwimmen nach seiner Heimat; aber die Franken
hielten ihn fest, und einer der Befehlshaber ließ ihn zu sich kommen,
versprach ihm, wenn er gehorsam sei, solle er bald wieder in seine
Heimat kommen, und stellte ihm vor, daß es nicht mehr möglich gewesen
wäre, ihn vom Lande aus nach Hause zu bringen, dort aber hätte er, wenn
man ihn zurückgelassen, elendiglich umkommen müssen.
Wer aber nicht Wort hielt, waren die Franken; denn das Schiff segelte
viele Tage lang weiter, und als es endlich landete, war man nicht an
Aegyptens Küste, sondern in Frankistan! Almansor hatte während der
langen Fahrt und schon im Lager einiges von der Sprache der Franken
verstehen und sprechen gelernt, was ihm in diesem Lande, wo niemand
seine Sprache kannte, sehr gut zu statten kam. Er wurde viele Tage lang
durch das Land in das Innere geführt, und überall strömte das Volk
zusammen, um ihn zu sehen; denn seine Begleiter sagten aus, er wäre
der Sohn des Königs von Aegypten, der ihn zu seiner Ausbildung nach
Frankistan schicke.
So sagten aber diese Soldaten nur, um das Volk glauben zu machen, sie
haben Aegypten besiegt und stehen in tiefem Frieden mit diesem Land.
Nachdem die Reise zu Land mehrere Tage gedauert hatte, kamen sie in
eine große Stadt, dem Ziel ihrer Reise. Dort wurde er einem Arzt
übergeben, der ihn in sein Haus nahm und in allen Sitten und Gebräuchen
von Frankistan unterwies.
Er mußte vor allem fränkische Kleider anlegen, die sehr enge und knapp
waren, und bei weitem nicht so schön, wie seine ägyptischen. Dann
durfte er nicht mehr seine Verbeugung mit gekreuzten Armen machen,
sondern wollte er jemand seine Ehrerbietung bezeigen, so mußte er
mit der einen Hand die ungeheure Mütze von schwarzem Filz, die alle
Männer trugen und die man auch ihm aufgesetzt hatte, vom Kopf reißen,
und mit der andern Hand mußte er auf die Seite fahren und mit dem
rechten Fuße auskratzen. Er durfte auch nicht mehr mit übergeschlagenen
Beinen sitzen, wie es angenehme Sitte ist im Morgenland, sondern auf
hochbeinige Stühle mußte er sich setzen und die Füße herabhängen lassen
auf den Boden. Das Essen machte ihm auch nicht geringe Schwierigkeit;
denn alles, was er zum Mund bringen wollte, mußte er zuvor auf eine
Gabel von Eisen stecken.
Der Doktor aber war ein strenger, böser Mann, der den Knaben plagte;
denn, wenn er sich jemals vergaß und zu einem Besuch sagte: »~Salem
aleikum!~« so schlug er ihn mit dem Stock; denn er sollte sagen:
»~votre serviteur~.« Er durfte auch nicht mehr in seiner Sprache denken
oder sprechen oder schreiben, höchstens durfte er darin träumen, und er
hätte vielleicht seine Sprache gänzlich verlernt, wenn nicht ein Mann
in jener Stadt gelebt hätte, der ihm von großem Nutzen war.
Es war dies ein alter, aber sehr gelehrter Mann, der viele
morgenländische Sprachen verstand, Arabisch, Persisch, Koptisch, sogar
Chinesisch, von jedem etwas; er galt in jenem Land für ein Wunder von
Gelehrsamkeit, und man gab ihm viel Geld, daß er diese Sprachen andere
Leute lehrte. Dieser Mann ließ nun den jungen Almansor alle Wochen
einigemal zu sich kommen, bewirtete ihn mit seltenen Früchten und
dergleichen, und dem Jüngling war es dann, als wäre er zu Hause. Denn
der alte Herr war gar ein sonderbarer Mann. Er hatte Almansor Kleider
machen lassen, wie sie vornehme Leute in Aegypten tragen. Diese Kleider
bewahrte er in seinem Hause in einem besonderen Zimmer auf. Kam nun
Almansor, so schickte er ihn mit einem Bedienten in jenes Zimmer und
ließ ihn ganz nach seiner Landessitte ankleiden. Von da an ging es dann
nach »Klein-Arabien«; so nannte man einen Saal im Hause des Gelehrten.
Dieser Saal war mit allerlei künstlich aufgezogenen Bäumen, als
Palmen, Bambus, jungen Zedern und dergleichen, und mit Blumen
ausgeschmückt, die nur im Morgenland wachsen. Persische Teppiche lagen
auf dem Fußboden, und an den Wänden waren Polster, nirgends aber ein
fränkischer Stuhl oder Tisch. Auf einem dieser Polster saß der alte
Professor; er sah aber ganz anders aus als gewöhnlich; um den Kopf
hatte er einen feinen türkischen Schal als Turban gewunden, er hatte
einen grauen Bart umgeknüpft, der ihm bis zum Gürtel reichte und
aussah wie ein natürlicher, ehrwürdiger Bart eines gewichtigen Mannes.
Dazu trug er einen Talar, den er aus einem brokatnen Schlafrock hatte
machen lassen, weite türkische Beinkleider, gelbe Pantoffeln, und,
so friedlich er sonst war, an diesen Tagen hatte er einen türkischen
Säbel umgeschnallt, und im Gürtel stak ein Dolch mit falschen Steinen
besetzt. Dazu rauchte er aus einer zwei Ellen langen Pfeife und ließ
sich von seinen Leuten bedienen, die ebenfalls persisch gekleidet
waren, und wovon die Hälfte Gesicht und Hände schwarz gefärbt hatte.
Von Anfang wollte dies alles dem jungen Almansor gar verwunderlich
bedünken, aber bald sah er ein, daß solche Stunden, wenn er in die
Gedanken des Alten sich fügte, sehr nützlich für ihn seien. Durfte er
beim Doktor kein ägyptisches Wort sprechen, so war hier die fränkische
Sprache sehr verboten. Almansor mußte beim Eintreten den Friedensgruß
sprechen, den der alte Perser sehr feierlich erwiderte: dann winkte er
dem Jüngling, sich neben ihn zu setzen, und begann Persisch, Arabisch,
Koptisch und alle Sprachen untereinander zu sprechen, und nannte
dies eine gelehrte morgenländische Unterhaltung. Neben ihm stand ein
Bedienter, oder, was sie an diesem Tage vorstellten, ein Sklave, der
ein großes Buch hielt; das Buch aber war ein Wörterbuch, und wenn dem
Alten die Worte ausgingen, winkte er dem Sklaven, schlug flugs auf, was
er sagen wollte, und fuhr dann zu sprechen fort.
Die Sklaven aber brachten in türkischem Geschirr Sorbett und
dergleichen, und wollte Almansor dem Alten ein großes Vergnügen machen,
so mußte er sagen, es sei alles bei ihm angeordnet wie im Morgenland.
Almansor las sehr schön Persisch, und das war der Hauptvorteil für den
Alten. Er hatte viele persische Manuskripte, aus diesen ließ er sich
von dem Jüngling vorlesen, las aufmerksam nach und merkte sich auf
diese Art die richtige Aussprache.
Das waren die Freudentage des armen Almansor; denn nie entließ ihn
der alte Professor unbeschenkt, und oft trug er sogar kostbare Gaben
an Geld oder Leinenzeug oder andern notwendigen Dingen davon, die ihm
der Doktor nicht geben wollte. So lebte Almansor einige Jahre in der
Hauptstadt des Frankenlandes, und nie wurde seine Sehnsucht nach der
Heimat geringer. Als er aber etwa fünfzehn Jahre alt war, begab sich
ein Vorfall, der auf sein Schicksal großen Einfluß hatte.
Die Franken nämlich wählten ihren ersten Feldherrn, denselben, mit
welchem Almansor so oft in Aegypten gesprochen hatte, zu ihrem König
und Beherrscher. Almansor wußte zwar und erkannte es an den großen
Festlichkeiten, daß etwas dergleichen in dieser großen Stadt geschehe;
doch konnte er sich nicht denken, daß der König derselbe sei, den er
in Aegypten gesehen; denn jener Feldherr war noch ein sehr junger
Mann. Eines Tages aber ging Almansor über eine jener Brücken, die über
den breiten Fluß führen, der die Stadt durchströmt; da gewahrte er in
dem einfachen Kleid eines Soldaten einen Mann, der am Brückengeländer
lehnte und in die Wellen sah. Die Züge des Mannes fielen ihm auf, und
er erinnerte sich, ihn schon gesehen zu haben. Er ging also schnell die
Kammern seiner Erinnerung durch, und als er an die Pforte der Kammer
von Aegypten kam, da eröffnete sich ihm plötzlich das Verständnis, daß
dieser Mann jener Feldherr der Franken sei, mit welchem er oft im Lager
gesprochen, und der immer gütig für ihn gesorgt hatte; er wußte seinen
rechten Namen nicht genau, er faßte sich daher ein Herz, trat zu ihm,
nannte ihn, wie ihn die Soldaten unter sich nannten, und sprach, indem
er nach seiner Landessitte die Arme über der Brust kreuzte: »~Salem
aleikum~, Petit-Caporal!«
Der Mann sah sich erstaunt um, blickte den jungen Menschen mit scharfen
Augen an, dachte über ihn nach und sagte dann: »Himmel, ist es möglich!
Du hier, Almansor? Was macht dein Vater? Wie geht es in Aegypten? Was
führt dich zu uns hierher?«
Da konnte sich Almansor nicht länger halten, er fing an bitterlich zu
weinen und sagte zu dem Mann: »So weißt du also nicht, was die Hunde,
deine Landsleute, mit mir gemacht haben, Petit-Caporal? Du weißt nicht,
daß ich das Land meiner Väter nicht mehr gesehen habe seit vielen
Jahren?«