dennoch nichts zu sagen wagten, weil der junge Engländer allgemein als
ein Muster von Bildung und Verstand galt. Der alte Herr pflegte nämlich
mit seinem Neffen auch abends in den goldenen Hirsch, das Wirtshaus
des Städtchens, zu kommen. Obgleich der Neffe noch ein ganz junger
Mensch war, tat er doch schon ganz wie ein Alter, setzte sich hinter
sein Glas, tat eine ungeheure Brille auf, zog eine gewaltige Pfeife
heraus, zündete sie an und dampfte unter allen am ärgsten. Wurde nun
über die Zeitungen, über Krieg und Frieden gesprochen, gab der Doktor
die Meinung, der Bürgermeister jene, waren die anderen Herren ganz
erstaunt über so tiefe politische Kenntnisse, so konnte es dem Neffen
plötzlich einfallen, ganz anderer Meinung zu sein; er schlug dann mit
der Hand, von welcher er nie die Handschuhe ablegte, auf den Tisch und
gab dem Bürgermeister und dem Doktor nicht undeutlich zu verstehen,
daß sie von diesem allen nichts genau wüßten, daß er diese Sachen ganz
anders gehört habe und tiefere Einsicht besitze. Er gab dann in einem
sonderbar gebrochenen Deutsch seine Meinung preis, die alle, zum großen
Aergernis des Bürgermeisters, ganz trefflich fanden; denn er mußte als
Engländer natürlich alles besser wissen.
Setzten sich dann der Bürgermeister und der Doktor in ihrem Zorn, den
sie nicht laut werden lassen durften, zu einer Partie Schach, so
rückte der Neffe hinzu, schaute dem Bürgermeister mit seiner großen
Brille über die Schultern herein und tadelte diesen oder jenen Zug,
sagte dem Doktor, so und so müsse er ziehen, so daß beide Männer
heimlich ganz grimmig wurden. Bot ihm dann der Bürgermeister ärgerlich
eine Partie an, um ihn gehörig matt zu machen, denn er hielt sich für
einen zweiten Philidor, so schnallte der alte Herr dem Neffen die
Halsbinde fester zu, worauf dieser ganz artig und manierlich wurde und
den Bürgermeister matt machte.
Man hatte bisher in Grünwiesel beinahe jeden Abend Karten gespielt,
die Partie um einen halben Kreuzer; das fand nun der Neffe erbärmlich,
setzte Kronentaler und Dukaten, behauptete, kein einziger spiele so
fein wie er, söhnte aber die beleidigten Herren gewöhnlich dadurch
wieder aus, daß er ungeheure Summen an sie verlor. Sie machten sich
auch gar kein Gewissen daraus, ihm recht viel Geld abzunehmen; denn »er
ist ja ein Engländer, also von Hause aus reich,« sagten sie und schoben
die Dukaten in die Tasche.
So kam der Neffe des fremden Herrn in kurzer Zeit bei Stadt und
Umgegend in ungemeines Ansehen. Man konnte sich seit Menschengedenken
nicht erinnern, einen jungen Mann dieser Art in Grünwiesel gesehen zu
haben, und es war die sonderbarste Erscheinung, die man je bemerkt.
Man konnte nicht sagen, daß der Neffe irgend etwas gelernt hätte, als
etwas tanzen. Latein und Griechisch waren ihm, wie man zu sagen pflegt,
böhmische Dörfer. Bei einem Gesellschaftsspiel in Bürgermeisters Haus
sollte er etwas schreiben, und es fand sich, daß er nicht einmal seinen
Namen schreiben konnte; in der Geographie machte er die auffallendsten
Schnitzer; denn es kam ihm nicht darauf an, eine deutsche Stadt nach
Frankreich oder eine dänische nach Polen zu versetzen; er hatte
nichts gelesen, nichts studiert, und der Oberpfarrer schüttelte oft
bedenklich den Kopf über die rohe Unwissenheit des jungen Mannes; aber
dennoch fand man alles trefflich, was er tat oder sagte; denn er war
so unverschämt, immer recht haben zu wollen, und das Ende jeder seiner
Reden war: »Ich verstehe das besser!«
So kam der Winter heran, und jetzt erst trat der Neffe mit noch
größerer Glorie auf. Man fand jede Gesellschaft langweilig, wo er
nicht zugegen war, man gähnte, wenn ein vernünftiger Mann etwas sagte;
wenn aber der Neffe selbst das törichtste Zeug in schlechtem Deutsch
vorbrachte, war alles Ohr. Es fand sich jetzt, daß der treffliche junge
Mann auch ein Dichter war; denn nicht leicht verging ein Abend, an
welchem er nicht einiges Papier aus der Tasche zog und der Gesellschaft
einige Sonette vorlas. Es gab zwar einige Leute, die von dem einen Teil
dieser Dichtungen behaupteten, sie seien schlecht und ohne Sinn, einen
andern Teil wollten sie schon irgendwo gedruckt gelesen haben; aber der
Neffe ließ sich nicht irre machen, er las und las, machte dann auf die
Schönheiten seiner Verse aufmerksam, und jedesmal erfolgte rauschender
Beifall.
Sein Triumph waren aber die Grünwieseler Bälle. Es konnte niemand
anhaltender, schneller tanzen als er, keiner machte so kühne und
ungemein zierliche Sprünge wie er. Dabei kleidete ihn sein Onkel immer
aufs prächtigste nach dem neuesten Geschmack, und obgleich ihm die
Kleider nicht recht am Leib sitzen wollten, fand man dennoch, daß ihn
alles allerliebst kleide. Die Männer fanden sich zwar bei diesen Tänzen
etwas beleidigt durch die neue Art, womit er auftrat. Sonst hatte immer
der Bürgermeister in eigener Person den Ball eröffnet, die vornehmsten
jungen Leute hatten das Recht, die übrigen Tänze anzuordnen, aber
seit der fremde junge Herr erschien, war dies alles ganz anders. Ohne
viel zu fragen, nahm er die nächste beste Dame bei der Hand, stellte
sich mit ihr obenan, machte alles, wie es ihm gefiel, und war Herr
und Meister und Ballkönig. Weil aber die Frauen diese Manieren ganz
trefflich und angenehm fanden, so durften die Männer nichts dagegen
einwenden, und der Neffe blieb bei seiner selbstgewählten Würde.
Das größte Vergnügen schien ein solcher Ball dem alten Herrn zu
gewähren; er verwandte kein Auge von seinem Neffen, lächelte immer
in sich hinein, und wenn alle Welt herbeiströmte, um ihm über den
anständigen wohlerzogenen Jüngling Lobsprüche zu erteilen, so konnte
er sich vor Freude gar nicht fassen, er brach dann in ein lustiges
Gelächter aus und bezeigte sich wie närrisch; die Grünwieseler
schrieben diese sonderbaren Ausbrüche der Freude seiner großen Liebe
zu dem Neffen zu und fanden es ganz in der Ordnung. Doch hie und da
mußte er auch sein väterliches Ansehen gegen den Neffen anwenden; denn
mitten in den zierlichsten Tänzen konnte es dem jungen Mann einfallen,
mit einem kühnen Sprung auf die Tribüne, wo die Stadtmusikanten
saßen, zu setzen, dem Organisten den Konterbaß aus der Hand zu reißen
und schrecklich darauf umherzukratzen; oder er wechselte auf einmal
und tanzte auf den Händen, Indem er die Beine in die Höhe streckte.
Dann pflegte ihn der Onkel auf die Seite zu nehmen, machte ihm dort
ernstliche Vorwürfe und zog ihm die Halsbinde fester an, daß er wieder
ganz gesittet wurde.
So betrug sich nun der Neffe in Gesellschaft und auf Bällen. Wie es
aber mit den Sitten zu geschehen pflegt, die schlechten verbreiten
sich immer leichter als die guten, und eine neue, auffallende Mode,
wenn sie auch höchst lächerlich sein sollte, hat etwas Ansteckendes
an sich für junge Leute, die noch nicht über sich selbst und die Welt
nachgedacht haben. So war es auch in Grünwiesel mit dem Neffen und
seinen sonderbaren Sitten. Als nämlich die junge Welt sah, wie derselbe
mit seinem linkischen Wesen, mit seinem rohen Lachen und Schwatzen,
mit seinen groben Antworten gegen Aeltere eher geschätzt als getadelt
werde, daß man dies alles sogar sehr geistreich finde, so dachten
sie bei sich: »Es ist mir ein leichtes, auch solch ein geistreicher
Schlingel zu werden.« Sie waren sonst fleißige, geschickte junge Leute
gewesen; jetzt dachten sie: »Zu was hilft Gelehrsamkeit, wenn man
mit Unwissenheit besser fortkommt;« sie ließen die Bücher liegen und
trieben sich überall umher auf Plätzen und Straßen. Sonst waren sie
artig gewesen und höflich gegen jedermann, hatten gewartet, bis man
sie fragte und anständig und bescheiden geantwortet; jetzt standen sie
in die Reihen der Männer, schwatzten mit, gaben ihre Meinung preis und
lachten selbst dem Bürgermeister unter die Nase, wenn er etwas sagte,
und behaupteten, alles viel besser zu wissen.
Sonst hatten die jungen Grünwieseler Abscheu gehegt gegen rohes und
gemeines Wesen. Jetzt sangen sie allerlei schlechte Lieder, rauchten
aus ungeheuren Pfeifen Tabak und trieben sich in gemeinen Kneipen
umher; auch kauften sie sich, obgleich sie ganz gut sahen, große
Brillen, setzten solche auf die Nase und glaubten nun, gemachte Leute
zu sein; denn sie sahen ja aus wie der berühmte Neffe. Zu Hause oder
wenn sie auf Besuch waren, lagen sie mit Stiefeln und Sporen aufs
Kanapee, schaukelten sich auf dem Stuhl in guter Gesellschaft oder
stützten die Wangen in beide Fäuste, die Ellbogen aber auf den Tisch,
was nun überaus reizend anzusehen war. Umsonst sagten ihnen ihre Mütter
und Freunde, wie töricht, wie unschicklich dies alles sei, sie beriefen
sich auf das glänzende Beispiel des Neffen. Umsonst stellte man ihnen
vor, daß man dem Neffen, als einem jungen Engländer, eine gewisse
Nationalroheit verzeihen müsse, die jungen Grünwieseler behaupteten,
ebensogut als der beste Engländer das Recht zu haben, auf geistreiche
Weise ungezogen zu sein; kurz, es war ein Jammer, wie durch das böse
Beispiel des Neffen die Sitten und guten Gewohnheiten in Grünwiesel
völlig untergingen.
Aber die Freude der jungen Leute in ihrem rohen, ungebundenen
Leben dauerte nicht lange; denn folgender Vorfall veränderte auf
einmal die ganze Szene. Die Wintervergnügungen sollte ein großes
Konzert beschließen, das teils von den Stadtmusikanten, teils von
geschickten Musikfreunden in Grünwiesel aufgeführt werden sollte.
Der Bürgermeister spielte das Violoncell, der Doktor das Fagott
ganz vortrefflich, der Apotheker, obgleich er keinen rechten Ansatz
hatte, blies die Flöte, einige Jungfrauen aus Grünwiesel hatten
Arien einstudiert, und alles war trefflich vorbereitet. Da äußerte
der alte Fremde, daß zwar das Konzert auf diese Art trefflich werden
müsse, es fehle aber offenbar an einem Duett, und ein Duett müsse in
jedem ordentlichen Konzert notwendigerweise vorkommen. Man war etwas
betreten über diese Aeußerung; die Tochter des Bürgermeisters sang
zwar wie eine Nachtigall, aber wo einen Herrn herbekommen, der mit ihr
ein Duett singen könnte? Man wollte endlich auf den alten Organisten
verfallen, der einst einen trefflichen Baß gesungen hatte; der Fremde
aber behauptete, dies alles sei nicht nötig, indem sein Neffe ganz
ausgezeichnet singe. Man war nicht wenig erstaunt über diese neue
treffliche Eigenschaft des jungen Mannes, er mußte zur Probe etwas
singen, und einige sonderbare Manieren abgerechnet, die man für
englisch hielt, sang er wie ein Engel. Man studierte also in aller Eile
das Duett ein, und der Abend erschien endlich, an welchem die Ohren der
Grünwieseler durch das Konzert erquickt werden sollten.
Der alte Fremde konnte leider dem Triumph seines Neffen nicht
beiwohnen, weil er krank war; er gab aber dem Bürgermeister, der ihn
eine Stunde zuvor noch besuchte, einige Maßregeln über seinen Neffen
auf. »Es ist eine gute Seele, mein Neffe,« sagte er, »aber hie und da
verfällt er in allerlei sonderbare Gedanken und fängt dann tolles Zeug
an; es ist mir ebendeswegen leid, daß ich dem Konzert nicht beiwohnen
kann; denn vor mir nimmt er sich gewaltig in acht, er weiß wohl warum!
Ich muß übrigens zu seiner Ehre sagen, daß dies nicht geistiger
Mutwille ist, sondern es ist körperlich, es liegt in seiner ganzen
Natur; wollten Sie nun, Herr Bürgermeister, wenn er etwa in solche
Gedanken verfiele, daß er sich auf ein Notenpult setzte, oder daß er
durchaus den Konterbaß streichen wollte oder dergleichen, wollten Sie
ihm dann nur seine hohe Halsbinde etwas lockerer machen oder, wenn es
auch dann nicht besser wird, ihm solche ganz ausziehen, Sie werden
sehen, wie artig und manierlich er dann wird.«
Der Bürgermeister dankte dem Kranken für sein Zutrauen und versprach im
Fall der Not also zu tun, wie er ihm geraten.
Der Konzertsaal war gedrängt voll; denn ganz Grünwiesel und die
Umgegend hatten sich eingefunden. Alle Jäger, Pfarrer, Amtleute,
Landwirte und dergleichen aus dem Umkreis von drei Stunden waren mit
zahlreicher Familie herbeigeströmt, um den seltenen Genuß mit den
Grünwieselern zu teilen. Die Stadtmusikanten hielten sich vortrefflich,
nach ihnen trat der Bürgermeister auf, der das Violoncell spielte,
begleitet vom Apotheker, der die Flöte blies; nach diesem sang der
Organist eine Baßarie mit allgemeinem Beifall, und auch der Doktor
wurde nicht wenig beklatscht, als er auf dem Fagott sich hören ließ.
Die erste Abteilung des Konzerts war vorbei, und jedermann war nun auf
die zweite gespannt, in welcher der junge Fremde mit des Bürgermeisters
Tochter ein Duett vortragen sollte. Der Neffe war in einem glänzenden
Anzug erschienen und hatte schon längst die Aufmerksamkeit aller
Anwesenden auf sich gezogen. Er hatte sich nämlich, ohne viel zu
fragen, in den prächtigen Lehnstuhl gelegt, der für eine Gräfin aus
der Nachbarschaft hergesetzt worden war; er streckte die Beine weit
von sich, schaute jedermann durch ein ungeheures Perspektiv an, das
er noch außer seiner großen Brille gebrauchte, und spielte mit einem
großen Fleischerhund, den er, trotz des Verbots, Hunde mitzunehmen, in
die Gesellschaft eingeführt hatte. Die Gräfin, für welche der Lehnstuhl
bereitet war, erschien, aber wer keine Miene machte, aufzustehen und
ihr den Platz einzuräumen, war der Neffe; er setzte sich im Gegenteil
noch bequemer hinein, und niemand wagte es, dem jungen Mann etwas
darüber zu sagen; die vornehme Dame aber mußte auf einem ganz gemeinen
Strohsessel mitten unter den übrigen Frauen des Städtchens sitzen und
soll sich nicht wenig geärgert haben.
Während des herrlichen Spiels des Bürgermeisters, während des
Organisten trefflicher Baßarie, ja sogar während der Doktor auf dem
Fagott phantasierte und alles den Atem anhielt und lauschte, ließ der
Neffe den Hund das Schnupftuch apportieren oder schwatzte ganz laut
mit seinen Nachbarn, so daß jedermann, der ihn nicht kannte, über die
absonderlichen Sitten des jungen Herrn sich wunderte.
Kein Wunder daher, daß alles sehr begierig war, wie er sein Duett
vortragen würde. Die zweite Abteilung begann; die Stadtmusikanten
hatten etwas weniges aufgespielt, und nun trat der Bürgermeister mit
seiner Tochter zu dem jungen Mann, überreichte ihm ein Notenblatt und
sprach: »Mosjöh! wäre es Ihnen jetzt gefällig, das Duetto zu singen?«
Der junge Mann lachte, fletschte mit den Zähnen, sprang auf, und die
beiden andern folgten ihm an das Notenpult, und die ganze Gesellschaft
war voll Erwartung. Der Organist schlug den Takt und winkte dem Neffen,
anzufangen. Dieser schaute durch seine großen Brillengläser in die
Noten und stieß greuliche, jämmerliche Töne aus. Der Organist aber
schrie ihm zu: »Zwei Töne tiefer, Wertester, ~C~ müssen Sie singen,
~C~!«
Statt aber ~C~ zu singen, zog der Neffe einen seiner Schuhe ab und
warf ihn dem Organisten an den Kopf, daß der Puder weit umherflog.
Als dies der Bürgermeister sah, dachte er: »Ha! jetzt hat er wieder
seine körperlichen Zufälle,« sprang hinzu, packte ihn am Hals und band
ihm das Tuch etwas leichter; aber dadurch wurde es nur noch schlimmer
mit dem jungen Mann. Er sprach nicht mehr Deutsch, sondern eine ganz
sonderbare Sprache, die niemand verstand, und machte große Sprünge. Der
Bürgermeister war in Verzweiflung über diese unangenehme Störung, er
faßte daher den Entschluß, dem jungen Mann, dem etwas ganz Besonderes
zugestoßen sein mußte, das Halstuch vollends abzulösen. Aber kaum hatte
er dies getan, so blieb er vor Schrecken wie erstarrt stehen, denn
statt menschlicher Haut und Farbe umgab den Hals des jungen Menschen
ein dunkelbraunes Fell, und alsobald setzte derselbe auch seine
Sprünge noch höher und sonderbarer fort, fuhr sich mit den glacierten
Handschuhen in die Haare, zog diese ab, und, o Wunder! diese schönen
Haare waren eine Perücke, die er dem Bürgermeister ins Gesicht warf,
und sein Kopf erschien mit demselben braunen Fell bewachsen.
Er setzte über Tische und Bänke, warf die Notenpulte um, zertrat
Geigen und Klarinette und erschien wie ein Rasender. »Fangt ihn, fangt
ihn,« rief der Bürgermeister ganz außer sich, »er ist von Sinnen,
fangt ihn!« Das war aber eine schwierige Sache. Denn er hatte die
Handschuhe abgezogen und zeigte Nägel an den Händen, mit welchen er
den Leuten ins Gesicht fuhr und sie jämmerlich kratzte. Endlich gelang
es einem mutigen Jäger, seiner habhaft zu werden; er preßte ihm die
langen Arme zusammen, daß er nur noch mit den Füßen zappelte und mit
heiserer Stimme lachte und schrie. Die Leute sammelten sich umher und
betrachteten den sonderbaren jungen Herrn, der jetzt gar nicht mehr
aussah wie ein Mensch. Aber ein gelehrter Herr aus der Nachbarschaft,
der ein großes Naturalienkabinett und allerlei ausgestopfte Tiere
besaß, trat näher, betrachtete ihn genau und rief dann voll
Verwunderung: »Mein Gott, verehrte Herren und Damen, wie bringen Sie
nur dies Tier in honette Gesellschaft? Das ist ja ein Affe, der ~Homo
Troglodytes Linnaei~, ich gebe sogleich sechs Taler für ihn, wenn Sie
mir ihn ablassen, und bälge ihn aus für mein Kabinett.«
Wer beschreibt das Erstaunen der Grünwieseler, als sie dies hörten!
»Was, ein Affe, ein Orang-Utang in unserer Gesellschaft? Der junge
Fremde ein ganz gewöhnlicher Affe?« riefen sie und sahen einander ganz
dumm vor Verwunderung an. Man wollte nicht glauben, man traute seinen
Ohren nicht, die Männer untersuchten das Tier genauer, aber es war und
blieb ein ganz natürlicher Affe.
»Aber wie ist dies möglich!« rief die Frau Bürgermeisterin, »hat er
mir nicht oft seine Gedichte vorgelesen? Hat er nicht, wie ein anderer
Mensch, bei mir zu Mittag gespeist?«
»Was?« eiferte die Frau Doktorin. »Wie? Hat er nicht oft und viel den
Kaffee bei mir getrunken und mit meinem Manne gelehrt gesprochen und
geraucht?«
»Wie! ist es möglich!« riefen die Männer. »Hat er nicht mit uns
am Felsenkeller Kegel geschoben und über Politik gestritten wie
unsereiner?«
»Und wie?« klagten sie alle. »Hat er nicht sogar vorgetanzt auf unseren
Bällen? Ein Affe! ein Affe! Es ist ein Wunder, es ist Zauberei!«
»Ja, es ist Zauberei und teuflischer Spuk,« sagte der Bürgermeister,
indem er das Halstuch des Neffen oder Affen herbeibrachte. »Seht!
In diesem Tuch steckt der ganze Zauber, der ihn in unsern Augen
liebenswürdig machte. Da ist ein breiter Streifen elastischen
Pergaments, mit allerlei wunderlichen Zeichen beschrieben. Ich glaube
gar, es ist Lateinisch; kann es niemand lesen?«
Der Oberpfarrer, ein gelehrter Mann, der oft an den Affen eine Partie
Schach verloren hatte, trat hinzu, betrachtete das Pergament und
sprach: »Mit nichten! Es sind nur lateinische Buchstaben, es heißt:
~DER . AFFE . SEHR . POSSIERLICH . IST .
ZUMAL . WENN . ER . VOM . APFEL . FRISST.~
Ja, ja, es ist höllischer Betrug, eine Art von Zauberei,« fuhr er fort,
»und es muß exemplarisch bestraft werden.«
Der Bürgermeister war derselben Meinung und machte sich sogleich
auf den Weg zu dem Fremden, der ein Zauberer sein mußte, und sechs
Stadtsoldaten trugen den Affen, denn der Fremde sollte sogleich ins
Verhör genommen werden.
Sie kamen, umgeben von einer ungeheuren Anzahl Menschen, an das öde
Haus. Denn jedermann wollte sehen, wie sich die Sache weiter begeben
würde. Man pochte an das Haus, man zog die Glocke, aber vergeblich,
es zeigte sich niemand. Da ließ der Bürgermeister in seiner Wut die
Türe einschlagen und begab sich hierauf in die Zimmer des Fremden.
Aber dort war nichts zu sehen als allerlei alter Hausrat. Der fremde
Mann war nicht zu finden. Auf seinem Arbeitstisch aber lag ein großer
versiegelter Brief, an den Bürgermeister überschrieben, den dieser auch
sogleich öffnete. Er las:
»Meine lieben Grünwieseler!
Wenn ihr dies leset, bin ich nicht mehr in eurem Städtchen,
und ihr werdet dann längst erfahren haben, wes Standes und
Vaterlandes mein lieber Neffe ist. Nehmet den Scherz, den ich
mir mit euch erlaubte, als eine gute Lehre auf, einen Fremden,
der für sich leben will, nicht in eure Gesellschaft zu nötigen.
Ich selbst fühlte mich zu gut, um euer ewiges Klatschen, um
eure schlechten Sitten und euer lächerliches Wesen zu teilen.
Darum erzog ich einen jungen Orang-Utang, den ihr, als meinen
Stellvertreter, so lieb gewonnen habt. Lebet wohl und benützet
diese Lehre nach Kräften.«
Die Grünwieseler schämten sich nicht wenig vor dem ganzen Land. Ihr
Trost war, daß dies alles mit unnatürlichen Dingen zugegangen sei. Am
meisten schämten sich aber die jungen Leute in Grünwiesel, weil sie die
schlechten Gewohnheiten und Sitten des Affen nachgeahmt hatten. Sie
stemmten von jetzt an keinen Ellbogen mehr auf, sie schaukelten nicht
mit dem Sessel, sie schwiegen, bis sie gefragt wurden, sie legten die
Brillen ab und waren artig und gesittet wie zuvor, und wenn je einer
wieder in solche schlechte, lächerliche Sitten verfiel, so sagten die
Grünwieseler: »Es ist ein Affe.« Der Affe aber, welcher so lange die
Rolle eines jungen Herrn gespielt hatte, wurde dem gelehrten Mann, der
ein Naturalienkabinett besaß, überantwortet. Dieser läßt ihn in seinem
Hof umhergehen, füttert ihn und zeigt ihn als Seltenheit jedem Fremden,
wo er noch bis auf den heutigen Tag zu sehen ist.
* * * * *
Es entstand ein Gelächter im Saal, als der Sklave geendet hatte, und
auch die jungen Männer lachten mit. »Es muß doch sonderbare Leute geben
unter diesen Franken, und wahrhaftig, da bin ich lieber beim Scheik
und Mufti in Alessandria als in Gesellschaft des Oberpfarrers, des
Bürgermeisters und ihrer törichten Frauen in Grünwiesel!«
»Du hast gewiß recht gesprochen,« erwiderte der junge Kaufmann. »In
Frankistan möchte ich nicht tot sein. Die Franken sind ein rohes,
wildes, barbarisches Volk, und für einen gebildeten Türken oder Perser
müßte es schrecklich sein, dort zu leben.«
»Das werdet ihr bald hören,« versprach der Alte. »Soviel mir der
Sklavenaufseher sagte, wird der schöne junge Mann dort vieles von
Frankistan erzählen. Denn er war lange dort und ist doch seiner Geburt
nach ein Muselmann.«
»Wie? jener, der zuletzt sitzt in der Reihe? Wahrlich, es ist eine
Sünde, daß der Herr Scheik diesen losgibt! Es ist der schönste Sklave
im ganzen Land. Schaut nur dieses mutige Gesicht, dieses kühne Auge,
diese schöne Gestalt. Er kann ihm ja leichte Geschäfte geben. Er kann
ihn zum Fliegenwedler machen oder zum Pfeifenträger. Es ist ein Spaß,
ein solches Amt zu versehen, und wahrlich, ein solcher Sklave ist die
Zierde von einem ganzen Haus. Und erst drei Tage hat er ihn, und gibt
ihn weg? Es ist Torheit, es ist Sünde!«
»Tadelt ihn doch nicht, ihn, der weiser ist als ganz Aegypten!« sprach
der Alte mit Nachdruck. »Sagte ich euch nicht schon, daß er ihn
losläßt, weil er glaubt, den Segen Allahs dadurch zu verdienen. Ihr
sagt, er ist schön und wohlgebildet, und ihr sprecht die Wahrheit! Aber
der Sohn des Scheiks, den der Prophet in sein Vaterhaus zurückbringen
möge, der Sohn des Scheiks war ein schöner Knabe, und muß jetzt auch
groß sein und wohlgebildet. Soll er also das Gold sparen und einen
wohlfeilen, verwachsenen Sklaven hingeben in der Hoffnung, seinen Sohn
dafür zu bekommen? Wer etwas tun will in der Welt, der tue es lieber
gar nicht oder -- recht!«
»Und sehet, des Scheiks Augen sind immer auf diesen Sklaven geheftet.
Ich bemerkte es schon den ganzen Abend. Während der Erzählungen
streifte oft sein Blick dorthin und verweilte auf den edlen Zügen des
Freigelassenen. Es muß ihn doch ein wenig schmerzen, ihn freizugeben.«
»Denke nicht also von dem Mann! Meinst du, tausend Tomans schmerzten
ihn, der jeden Tag das Dreifache einnimmt?« sagte der alte Mann.
»Aber wenn sein Blick mit Kummer auf dem Jüngling weilt, so denkt er
wohl an seinen Sohn, der in der Fremde schmachtet, er denkt wohl, ob
dort vielleicht ein barmherziger Mann wohne, der ihn loskaufe und
zurückschicke zum Vater.«
»Ihr möget recht haben,« erwiderte der junge Kaufmann, »und ich schäme
mich, daß ich von den Leuten nur immer das Gemeinere und Unedle denke,
während Ihr lieber eine schöne Gesinnung unterlegt. Und doch sind die
Menschen in der Regel schlecht, habt Ihr dies nicht auch gefunden,
Alter?«