überraschend; weil es dem gewöhnlichen Leben fremd ist, wird es oft in
fremde Länder oder in ferne, längst vergangene Zeiten verschoben. Jedes
Land, jedes Volk hat solche Märchen, die Türken so gut wie die Perser,
die Chinesen wie die Mongolen; selbst in Frankenland soll es viele
geben, wenigstens erzählte mir einst ein gelehrter Giaur davon; doch
sind sie nicht so schön als die unsrigen; denn statt schöner Feien, die
in prachtvollen Palästen wohnen, haben sie zauberhafte Weiber, die sie
Hexen nennen, heimtückisches, häßliches Volk, das in elenden Hütten
wohnt, und statt in einem Muschelwagen, von Greifen gezogen, durch die
blauen Lüfte zu fahren, reiten sie auf einem Besen durch den Nebel. Sie
haben auch Gnomen und Erdgeister, das sind kleine verwachsene Kerlchen,
die allerlei Spuk machen. Das sind nun die Märchen; ganz anders ist es
aber mit den Erzählungen, die man gemeinhin Geschichten nennt. Diese
bleiben ganz ordentlich auf der Erde, tragen sich im gewöhnlichen
Leben zu, und wunderbar ist an ihnen meistens nur die Verkettung der
Schicksale eines Menschen, der nicht durch Zauber, Verwünschung oder
Feenspuk, wie im Märchen, sondern durch sich selbst oder die sonderbare
Fügung der Umstände reich oder arm, glücklich oder unglücklich wird.«
»Richtig!« erwiderte einer der jungen Leute. »Solche reine Geschichten
finden sich auch in den herrlichen Erzählungen der Scheherezade,
die man Tausend und eine Nacht nennt. Die meisten Begebenheiten des
Königs Harun Al-Raschid und seines Veziers sind dieser Art. Sie gehen
verkleidet aus und sehen diesen oder jenen höchst sonderbaren Vorfall,
der sich nachher ganz natürlich auflöst.«
»Und dennoch werdet ihr gestehen müssen,« fuhr der Alte fort, »daß
jene Geschichten nicht der schlechteste Teil der Tausend und eine
Nacht sind. Und doch, wie verschieden sind sie in ihren Ursachen,
in ihrem Gang, in ihrem ganzen Wesen von den Märchen eines Prinzen
Biribinker oder der drei Derwische mit einem Auge oder des Fischers,
der den Kasten, verschlossen mit dem Siegel Salomos, aus dem Meer
zieht! Aber am Ende ist es dennoch eine Grundursache, die beiden ihren
eigentümlichen Reiz gibt, nämlich das, daß wir etwas Auffallendes,
Außergewöhnliches mit erleben. Bei dem Märchen liegt dieses
Außergewöhnliche in jener Einmischung eines fabelhaften Zaubers in das
gewöhnliche Menschenleben, bei den Geschichten geschieht etwas zwar
nach natürlichen Gesetzen, aber auf überraschende ungewöhnliche Weise.«
»Sonderbar!« rief der Schreiber, »sonderbar, daß uns dann dieser
natürliche Gang der Dinge ebenso anzieht wie der übernatürliche im
Märchen. Worin mag dies doch liegen?«
»Das liegt in der Schilderung des einzelnen Menschen,« antwortete
der Alte. »Im Märchen häuft sich das Wunderbare so sehr, der Mensch
handelt so wenig mehr aus eigenem Trieb, daß die einzelnen Figuren und
ihr Charakter nur flüchtig gezeichnet werden können. Anders bei der
gewöhnlichen Erzählung, wo die Art, wie jeder seinem Charakter gemäß
spricht und handelt, die Hauptsache und das Anziehende ist.«
»Wahrlich, Ihr habt recht!« erwiderte der junge Kaufmann. »Ich habe mir
nie Zeit genommen, so recht darüber nachzudenken, habe alles nur so
gesehen und an mir vorübergehen lassen, habe mich an dem einen ergötzt,
das andere langweilig gefunden, ohne gerade zu wissen, warum. Aber
Ihr gebt uns da einen Schlüssel, der uns das Geheimnis öffnet; einen
Probierstein, worauf wir die Probe machen und richtig urteilen können.«
»Tuet das immer,« antwortete der Alte, »und Euer Genuß wird sich
vergrößern, wenn Ihr nachdenken lernet über das, was Ihr gehört. Doch
siehe, dort erhebt sich wieder ein Neuer, um zu erzählen.«
So war es, und ein anderer begann:
Der Affe als Mensch.
Herr! ich bin ein Deutscher von Geburt und habe mich in Euren Landen
zu kurz aufgehalten, als daß ich ein persisches Märchen oder eine
ergötzliche Geschichte von Sultanen und Vezieren erzählen könnte. Ihr
müßt mir daher schon erlauben, daß ich etwas aus meinem Vaterlande
erzähle, was Euch vielleicht auch einigen Spaß macht. Leider sind
unsere Geschichten nicht immer so vornehm wie die Euren, das heißt, sie
handeln nicht von Sultanen oder unseren Königen, nicht von Vezieren und
Paschas, was man bei uns Justiz- und Finanzminister, auch Geheimeräte
und dergleichen nennt, sondern sie leben, wenn sie nicht von Soldaten
handeln, gewöhnlich ganz bescheiden und unter den Bürgern.
Im südlichen Teil von Deutschland liegt das Städtchen Grünwiesel,
wo ich geboren und erzogen bin. Es ist ein Städtchen, wie sie alle
sind. In der Mitte ein kleiner Marktplatz mit einem Brunnen, an der
Seite ein kleines, altes Rathaus, umher auf dem Markte das Haus des
Friedensrichters und der angesehensten Kaufleute, und in ein paar
engen Straßen wohnen die übrigen Menschen. Alles kennt sich, jedermann
weiß, wie es da und dort zugeht, und wenn der Oberpfarrer oder der
Bürgermeister oder der Arzt ein Gericht mehr auf der Tafel hat, so weiß
es schon am Mittagessen die ganze Stadt. Nachmittags kommen dann die
Frauen zu einander in die Visite, wie man es nennt, besprechen sich
bei starkem Kaffee und süßem Kuchen über diese große Begebenheit, und
der Schluß ist, daß der Oberpfarrer wahrscheinlich in die Lotterie
gesetzt und unchristlich viel gewonnen habe, daß der Bürgermeister sich
»schmieren« lasse, oder daß der Doktor vom Apotheker einige Goldstücke
bekommen habe, um recht teure Rezepte zu verschreiben. Ihr könnet Euch
denken, Herr, wie unangenehm es für eine so wohleingerichtete Stadt,
wie Grünwiesel, sein mußte, als ein Mann dorthin zog, von dem niemand
wußte, woher er kam, was er wollte, von was er lebte. Der Bürgermeister
hatte zwar seinen Paß gesehen, ein Papier, das bei uns jedermann haben
muß --
»Ist es denn so unsicher auf den Straßen,« unterbrach den Sklaven der
Scheik, »daß ihr einen Ferman eures Sultans haben müsset, um die Räuber
in Respekt zu setzen?«
»Nein, Herr,« entgegnete jener, »diese Papiere halten keinen Dieb
von uns ab, sondern es ist nur der Ordnung wegen, daß man überall
weiß, wen man vor sich hat.« -- Nun, der Bürgermeister hatte den Paß
untersucht und in einer Kaffeegesellschaft bei Doktors geäußert, der
Paß sei zwar ganz richtig visiert von Berlin bis nach Grünwiesel, aber
es stecke doch was dahinter. Denn der Mann sehe etwas verdächtig aus.
Der Bürgermeister hatte das größte Ansehen in der Stadt, kein Wunder,
daß von da an der Fremde als eine verdächtige Person angesehen wurde.
Und sein Lebenswandel konnte meine Landsleute nicht von dieser Meinung
abbringen. Der fremde Mann mietete sich für einige Goldstücke ein
ganzes Haus, das bisher öde gestanden, ließ einen ganzen Wagen voll
sonderbarer Gerätschaften, als Oefen, Kunstherde, große Tiegel und
dergleichen, hineinschaffen und lebte von da an ganz für sich allein.
Ja, er kochte sich sogar selbst, und es kam keine menschliche Seele in
sein Haus als ein alter Mann aus Grünwiesel, der ihm seine Einkäufe
in Brot, Fleisch und Gemüse besorgen mußte. Doch, auch dieser durfte
nur in die Flur des Hauses kommen, und dort nahm der fremde Mann das
Gekaufte in Empfang.
Ich war ein Knabe von zehn Jahren, als der Mann in meiner Vaterstadt
einzog, und ich kann mir noch heute, als wäre es gestern geschehen,
die Unruhe denken, die dieser Mann im Städtchen verursachte. Er kam
nachmittags nicht, wie andere Männer, auf die Kegelbahn, er kam abends
nicht ins Wirtshaus, um, wie die übrigen, bei einer Pfeife Tabak
über die Zeitung zu sprechen. Umsonst luden ihn nach der Reihe der
Bürgermeister, der Friedensrichter, der Doktor und der Oberpfarrer zum
Essen oder Kaffee ein, er ließ sich immer entschuldigen. Daher hielten
ihn einige für verrückt, andere für einen Juden, eine dritte Partei
behauptete steif und fest, er sei ein Zauberer oder Hexenmeister. Ich
wurde achtzehn, zwanzig Jahre alt, und noch immer hieß der Mann in der
Stadt der fremde Herr.
Es begab sich aber eines Tages, daß Leute mit fremden Tieren in die
Stadt kamen. Es ist dies hergelaufenes Gesindel, das ein Kamel hat,
welches sich verbeugen kann, einen Bären, der tanzt, einige Hunde und
Affen, die in menschlichen Kleidern komisch genug aussehen und allerlei
Künste machen. Diese Leute durchziehen gewöhnlich die Stadt, halten
an den Kreuzstraßen und Plätzen, machen mit einer kleinen Trommel und
einer Pfeife eine übeltönende Musik, lassen ihre Truppe tanzen und
springen, und sammeln dann in den Häusern Geld ein. Die Truppe aber,
die sich diesmal in Grünwiesel sehen ließ, zeichnete sich durch einen
ungeheuren Orang-Utang aus, der beinahe Menschengröße hatte, auf zwei
Beinen ging und allerlei artige Künste zu machen verstand. Diese Hunds-
und Affenkomödie kam auch vor das Haus des fremden Herrn. Er erschien,
als die Trommel und Pfeife ertönte, von Anfang ganz unwillig hinter
den dunkeln, vom Alter angelaufenen Fenstern. Bald aber wurde er
freundlicher, schaute zu jedermanns Verwundern zum Fenster heraus und
lachte herzlich über die Künste des Orang-Utangs. Ja, er gab für den
Spaß ein so großes Silberstück, daß die ganze Stadt davon sprach.
Am andern Morgen zog die Tierbande weiter. Das Kamel mußte viele
Körbe tragen, in welchen die Hunde und Affen ganz bequem saßen, die
Tiertreiber aber und der große Affe gingen hinter dem Kamel. Kaum aber
waren sie einige Stunden zum Tore hinaus, so schickte der fremde Herr
auf die Post, verlangte zu großer Verwunderung des Postmeisters einen
Wagen und Extrapost und fuhr zu demselben Tor hinaus, den Weg hin,
den die Tiere genommen hatten. Das ganze Städtchen ärgerte sich, daß
man nicht erfahren konnte, wohin er gereist sei. Es war schon Nacht,
als der fremde Herr wieder im Wagen vor dem Tor ankam. Es saß aber
noch eine Person im Wagen, die den Hut tief ins Gesicht gedrückt und
um Mund und Ohren ein seidenes Tuch gebunden hatte. Der Torschreiber
hielt es für seine Pflicht, den andern Fremden anzureden und um seinen
Paß zu bitten; er antwortete aber sehr grob, indem er in einer ganz
unverständlichen Sprache brummte.
»Es ist mein Neffe,« sagte der fremde Mann freundlich zum Torschreiber,
indem er ihm einige Silbermünzen in die Hand drückte; »es ist mein
Neffe und versteht bis dato noch wenig Deutsch. Er hat soeben in seiner
Mundart ein wenig geflucht, daß wir hier aufgehalten werden.«
»Ei, wenn es Dero Neffe ist,« antwortete der Torschreiber, »so kann er
wohl ohne Paß hereinkommen. Er wird wohl ohne Zweifel bei Ihnen wohnen?«
»Allerdings,« sagte der Fremde, »und hält sich wahrscheinlich längere
Zeit hier auf.«
Der Torschreiber hatte keine weitere Einwendung mehr, und der fremde
Herr und sein Neffe fuhren ins Städtchen. Der Bürgermeister und die
ganze Stadt waren übrigens nicht sehr zufrieden mit dem Torschreiber.
Er hätte doch wenigstens einige Worte von der Sprache des Neffen sich
merken sollen. Daraus hätte man dann leicht erfahren, was für ein
Landeskind er und der Onkel wäre. Der Torschreiber versicherte aber,
daß es weder Französisch noch Italienisch sei, wohl aber habe es so
breit geklungen wie Englisch, und wenn er nicht irre, so habe der junge
Herr gesagt: »~Goddam!~« So half der Torschreiber sich selbst aus der
Not und dem jungen Mann zu einem Namen. Denn man sprach jetzt nur von
dem jungen Engländer im Städtchen. --
Aber auch der junge Engländer wurde nicht sichtbar, weder auf der
Kegelbahn noch im Bierkeller; wohl aber gab er den Leuten auf andere
Weise viel zu schaffen. -- Es begab sich nämlich oft, daß von dem sonst
so stillen Hause des Fremden ein schreckliches Geschrei und ein Lärm
ausging, daß die Leute haufenweise vor dem Hause stehen blieben und
hinaufsahen. Man sah dann den jungen Engländer, angetan mit einem roten
Frack und grünen Beinkleidern, mit struppigem Haar und schrecklicher
Miene unglaublich schnell an den Fenstern hin und her durch alle
Zimmer laufen; der alte Fremde lief ihm in einem roten Schlafrock,
eine Hetzpeitsche in der Hand, nach, verfehlte ihn oft, aber einigemal
kam es doch der Menge auf der Straße vor, als müsse er den Jungen
erreicht haben; denn man hörte klägliche Angsttöne und klatschende
Peitschenhiebe die Menge. An dieser grausamen Behandlung des fremden
jungen Mannes nahmen die Frauen des Städtchens so lebhaften Anteil,
daß sie endlich den Bürgermeister bewogen, einen Schritt in der Sache
zu tun. Er schrieb dem fremden Herrn ein Billett, worin er ihm die
unglimpfliche Behandlung seines Neffen in ziemlich derben Ausdrücken
vorwarf und ihm drohte, wenn noch ferner solche Szenen vorfielen, den
jungen Mann unter seinen besonderen Schutz zu nehmen.
Wer war aber mehr erstaunt als der Bürgermeister, wie er den Fremden
selbst, zum erstenmal seit zehn Jahren, bei sich eintreten sah! Der
alte Herr entschuldigte sein Verfahren mit dem besonderen Auftrag der
Eltern des Jünglings, die ihm solchen zu erziehen gegeben; er sei sonst
ein kluger, anstelliger Junge, äußerte er, aber die Sprache erlerne
er sehr schwer; er wünsche so sehnlich, seinem Neffen das Deutsche
recht geläufig beizubringen, um sich nachher die Freiheit zu nehmen,
ihn in die Gesellschaften von Grünwiesel einzuführen, und dennoch
gehe demselben die Sprache so schwer ein, daß man oft nichts Besseres
tun könne, als ihn gehörig durchzupeitschen. Der Bürgermeister fand
sich durch diese Mitteilung völlig befriedigt, riet dem Alten zur
Mäßigung und erzählte abends im Bierkeller, daß er selten einen so
unterrichteten, artigen Mann gefunden als den Fremden: »Es ist nur
schade,« setzte er hinzu, »daß er so wenig in Gesellschaft kommt; doch
ich denke, wenn der Neffe nur erst ein wenig Deutsch spricht, besucht
er meine Cercles öfter.«
Durch diesen einzigen Vorfall war die Meinung des Städtchens völlig
umgeändert. Man hielt den Fremden für einen artigen Mann, sehnte sich
nach seiner näheren Bekanntschaft und fand es ganz in der Ordnung,
wenn hie und da in dem öden Hause ein gräßliches Geschrei aufging;
»er gibt dem Neffen Unterricht in der deutschen Sprache,« sagten die
Grünwieseler und blieben nicht mehr stehen. Nach einem Vierteljahr
ungefähr schien der Unterricht im Deutschen beendigt; denn der Alte
ging jetzt um eine Stufe weiter vor. Es lebte ein alter gebrechlicher
Franzose in der Stadt, der den jungen Leuten Unterricht im Tanzen gab;
diesen ließ der Fremde zu sich rufen und sagte ihm, daß er seinen
Neffen im Tanzen unterrichten lassen wolle. Er gab ihm zu verstehen,
daß derselbe zwar sehr gelehrig, aber, was das Tanzen betreffe, etwas
eigensinnig sei; er habe nämlich früher bei einem andern Meister
tanzen gelernt, und zwar nach so sonderbaren Touren, daß er sich nicht
füglich in der Gesellschaft produzieren könne; der Neffe halte sich
aber ebendeswegen für einen großen Tänzer, obgleich sein Tanz nicht
die entfernteste Aehnlichkeit mit Walzer oder Galopp (Tänze, die man
in meinem Vaterlande tanzt, o Herr!), nicht einmal Aehnlichkeit mit
Ekossaise oder Française habe. Er versprach übrigens einen Taler
für die Stunde, und der Tanzmeister war mit Vergnügen bereit, den
Unterricht des eigensinnigen Zöglings zu übernehmen.
Es gab, wie der Franzose unter der Hand versicherte, auf der Welt
nichts so Sonderbares als diese Tanzstunden. Der Neffe, ein ziemlich
großer, schlanker, junger Mann, der nur etwas sehr kurze Beine hatte,
erschien in einem roten Frack, schön frisiert, in grünen weiten
Beinkleidern und glacierten Handschuhen. Er sprach wenig und mit
fremdem Accent, war von Anfang ziemlich artig und anstellig; dann
verfiel er aber oft plötzlich in fratzenhafte Sprünge, tanzte die
kühnsten Touren, wobei er Entrechats machte, daß dem Tanzmeister
Hören und Sehen verging; wollte er ihn zurechtweisen, so zog er die
zierlichen Tanzschuhe von den Füßen, warf sie dem Franzosen an den
Kopf und setzte nun auf allen vieren im Zimmer umher. Bei diesem Lärm
fuhr dann der alte Herr plötzlich in einem weiten roten Schlafrock,
eine Mütze von Goldpapier auf dem Kopf, aus seinem Zimmer heraus und
ließ die Hetzpeitsche ziemlich unsanft auf den Rücken des Neffen
niederfallen. Der Neffe fing dann an schrecklich zu heulen, sprang auf
Tische und hohe Kommoden, ja, selbst an den Kreuzstöcken der Fenster
hinauf und sprach eine fremde seltsame Sprache. Der Alte im roten
Schlafrock aber ließ sich nicht irre machen, faßte ihn am Bein, riß
ihn herab, bläute ihn durch und zog ihm mittels einer Schnalle die
Halsbinde fester an, worauf er immer wieder artig und manierlich wurde,
und die Tanzstunde ohne Störung weiter ging.
Als aber der Tanzmeister seinen Zögling so weit gebracht hatte, daß man
Musik zu der Stunde nehmen konnte, da war der Neffe wie umgewandelt.
Ein Stadtmusikant wurde gemietet, der im Saal des öden Hauses auf
einen Tisch sich setzen mußte. Der Tanzmeister stellte dann die Dame
vor, indem ihm der alte Herr einen Frauenrock von Seide und einen
ostindischen Schal anziehen ließ; der Neffe forderte ihn auf und fing
nun an mit ihm zu tanzen und zu walzen; er war aber ein unermüdlicher,
rasender Tänzer, er ließ den Meister nicht aus seinen langen Armen,
ob er ächzte und schrie, er mußte tanzen, bis er ermattet umsank oder
bis dem Stadtmusikus der Arm lahm wurde an der Geige. Den Tanzmeister
brachten diese Unterrichtsstunden beinahe unter den Boden, aber der
Taler, den er jedesmal richtig ausbezahlt bekam, der gute Wein, den der
Alte aufwartete, machten, daß er immer wiederkam, wenn er auch den Tag
zuvor sich fest vorgenommen hatte, nicht mehr in das öde Haus zu gehen.
Die Leute in Grünwiesel sahen aber die Sache ganz anders an als
der Franzose. Sie fanden, daß der junge Mann viel Anlage zum
Gesellschaftlichen habe, und die Frauenzimmer im Städtchen freuten
sich, bei dem großen Mangel an Herren, einen so flinken Tänzer für den
nächsten Winter zu bekommen.
Eines Morgens berichteten die Mägde, die vom Markte heimkehrten,
ihren Herrschaften ein wunderbares Ereignis. Vor dem öden Hause sei
ein prächtiger Glaswagen gestanden, mit schönen Pferden bespannt,
und ein Bedienter in reicher Livree habe den Schlag gehalten. Da
sei die Türe des öden Hauses aufgegangen und zwei schön gekleidete
Herren herausgetreten, wovon der eine der alte Fremde und der andere
wahrscheinlich der junge Herr gewesen, der so schwer Deutsch gelernt
und so rasend tanze. Die beiden seien in den Wagen gestiegen, der
Bediente hinten aufs Brett gesprungen, und der Wagen, man stelle sich
vor! sei geradezu auf Bürgermeisters Haus zugefahren.
Als die Frauen solches von ihren Mägden erzählen hörten, rissen sie
eilends die Küchenschürzen und die etwas unsauberen Hauben ab und
versetzten sich in Staat. »Es ist nichts gewisser,« sagten sie zu ihrer
Familie, indem alles umherrannte, um das Besuchzimmer, das zugleich zu
sonstigem Gebrauch diente, aufzuräumen; »es ist nichts gewisser, als
daß der Fremde jetzt seinen Neffen in die Welt einführt. Der alte Narr
war seit zehn Jahren nicht so artig, einen Fuß in unser Haus zu setzen,
aber es sei ihm wegen des Neffen verziehen, der ein scharmanter Mensch
sein soll.« So sprachen sie und ermahnten ihre Söhne und Töchter, recht
manierlich auszusehen, wenn die Fremden kämen, sich gerade zu halten
und sich auch einer besseren Aussprache zu bedienen als gewöhnlich. Und
die klugen Frauen im Städtchen hatten nicht unrecht geraten; denn nach
der Reihe fuhr der alte Herr mit seinem Neffen umher, sich und ihn in
die Gewogenheit der Familien zu empfehlen.
Man war überall ganz erfüllt von den beiden Fremden und bedauerte,
nicht schon früher diese angenehme Bekanntschaft gemacht zu haben.
Der alte Herr zeigte sich als einen würdigen, sehr vernünftigen Mann,
der zwar bei allem, was er sagte, ein wenig lächelte, so daß man
nicht gewiß war, ob es ihm Ernst sei oder nicht, aber er sprach über
das Wetter, über die Gegend, über das Sommervergnügen auf dem Keller
am Berge so klug und durchdacht, daß jedermann davon bezaubert war.
Aber der Neffe! Er bezauberte alles, er gewann alle Herzen für sich.
Man konnte zwar, was sein Aeußeres betraf, sein Gesicht nicht schön
nennen; der untere Teil, besonders die Kinnlade, stand allzusehr
hervor, und der Teint war sehr bräunlich, auch machte er zuweilen
allerlei sonderbare Grimassen, drückte die Augen zu und fletschte mit
den Zähnen, aber dennoch fand man den Schnitt seiner Züge ungemein
interessant. Es konnte nichts Beweglicheres, Gewandteres geben als
seine Gestalt. Die Kleider hingen ihm zwar etwas sonderbar am Leib,
aber es stand ihm alles trefflich; er fuhr mit großer Lebendigkeit im
Zimmer umher, warf sich hier in ein Sofa, dort in einen Lehnstuhl und
streckte die Beine von sich; aber was man bei einem andern jungen Mann
höchst gemein und unschicklich gefunden hätte, galt bei dem Neffen für
Genialität. »Er ist ein Engländer,« sagte man, »so sind sie alle; ein
Engländer kann sich aufs Kanapee legen und einschlafen, während zehn
Damen keinen Platz haben und umherstehen müssen; einem Engländer kann
man so etwas nicht übelnehmen.« Gegen den alten Herrn, seinen Oheim,
war er sehr fügsam; denn wenn er anfing, im Zimmer umherzuhüpfen oder,
wie er gerne tat, die Füße auf den Sessel hinaufzuziehen, so reichte
ein ernsthafter Blick hin, ihn zur Ordnung zu bringen. Und wie konnte
man ihm so etwas übelnehmen, als vollends der Onkel in jedem Haus zu
der Dame sagte: »Mein Neffe ist noch ein wenig roh und ungebildet,
aber ich verspreche mir viel von der Gesellschaft, die wird ihn
gehörig formen und bilden, und ich empfehle ihn namentlich Ihnen aufs
angelegenste.«
So war der Neffe also in die Welt eingeführt, und ganz Grünwiesel
sprach an diesem und den folgenden Tagen von nichts anderem als von
diesem Ereignis. Der alte Herr blieb aber hierbei nicht stehen;
er schien seine Denk- und Lebensart gänzlich geändert zu haben.
Nachmittags ging er mit dem Neffen hinaus in den Felsenkeller am Berg,
wo die vornehmeren Herren von Grünwiesel Bier tranken und sich am
Kegelschieben ergötzten. Der Neffe zeigte sich dort als einen flinken
Meister im Spiel; denn er warf nie unter fünf oder sechs; hie und da
schien zwar ein sonderbarer Geist über ihn zu kommen; es konnte ihm
einfallen, daß er pfeilschnell mit der Kugel hinaus- und unter die
Kegel hineinfuhr und dort allerhand tollen Rumor anrichtete, oder wenn
er den Kranz oder den König geworfen, stand er plötzlich auf seinem
schön frisierten Haar und streckte die Beine in die Höhe, oder wenn
ein Wagen vorbeifuhr, saß er, ehe man sich dessen versah, oben auf dem
Kutschenhimmel und machte Grimassen herab, fuhr ein Stückchen weit mit
und kam wieder zur Gesellschaft gesprungen.
Der alte Herr pflegte dann bei solchen Szenen den Bürgermeister und die
anderen Männer sehr um Entschuldigung zu bitten wegen der Ungezogenheit
seines Neffen; sie aber lachten, schrieben es seiner Jugend zu,
behaupteten, in diesem Alter selbst so leichtfüßig gewesen zu sein, und
liebten den jungen Springinsfeld, wie sie ihn nannten, ungemein.