Leute, »worin der Reiz solcher Geschichten eigentlich liegt. Aber mir
geht es wie Euch. Schon als Kind konnte man mich, wenn ich ungeduldig
war, durch eine Geschichte zum Schweigen bringen. Es war mir anfangs
gleichgültig, von was es handelte, wenn es nur erzählt war, wenn nur
etwas geschah; wie oft habe ich, ohne zu ermüden, jene Fabeln angehört,
die weise Männer erfunden, und in welche sie einen Kern ihrer Weisheit
gelegt haben, vom Fuchs und vom törichten Raben, vom Fuchs und vom
Wolf, viele Dutzend Geschichten vom Löwen und den übrigen Tieren. Als
ich älter wurde und mehr unter die Menschen kam, genügten mir jene
kurzen Geschichten nicht mehr; sie mußten schon länger sein, mußten von
Menschen und ihren wunderbaren Schicksalen handeln.«
»Ja, ich entsinne mich noch wohl dieser Zeit,« unterbrach ihn einer
seiner Freunde. »Du warst es, der uns diesen Drang nach Erzählungen
aller Art beibrachte. Einer Eurer Sklaven wußte so viel zu erzählen,
als ein Kameltreiber von Mekka nach Medina spricht; wenn er fertig war
mit seiner Arbeit, mußte er sich zu uns setzen auf den Grasboden vor
dem Hause, und da baten wir solange; bis er zu erzählen anfing, und das
ging fort und fort, bis die Nacht heraufkam.«
»Und erschloß sich uns,« entgegnete der Schreiber, »erschloß sich
uns da nicht ein neues, nie gekanntes Reich, das Land der Genien und
Feen, bebaut mit allen Wundern der Pflanzenwelt, mit reichen Palästen
von Smaragden und Rubinen, mit riesenhaften Sklaven bevölkert,
die erschienen, wenn man einen Ring hin und wiederdreht oder die
Wunderlampe reibt oder das Wort Salomons ausspricht, und in goldenen
Schalen herrliche Speisen bringen. Wir fühlten uns unwillkürlich
in jenes Land versetzt, wir machten mit Sindbad seine wunderbaren
Fahrten, wir gingen mit Harun Al-Raschid, dem weisen Beherrscher der
Gläubigen, abends spazieren, wir kannten Giaffar, seinen Vezier, so gut
als uns selbst, kurz, wir lebten in jenen Geschichten, wie man nachts
in Träumen lebt, und es gab keine schönere Tageszeit für uns als den
Abend, wo wir uns einfanden auf dem Rasenplatz, und der alte Sklave uns
erzählte. Aber sage uns, Alter, worin liegt es denn eigentlich, daß
wir damals so gerne erzählen hörten, daß es noch jetzt für uns keine
angenehmere Unterhaltung gibt?«
Die Bewegung, die im Zimmer entstand, und die Aufforderung zur
Aufmerksamkeit, die der Sklavenaufseher gab, verhinderte den Alten, zu
antworten. Die jungen Leute wußten nicht, ob sie sich freuen sollten,
daß sie eine neue Geschichte anhören durften, oder ungehalten sein
darüber, daß ihr anziehendes Gespräch mit dem Alten unterbrochen worden
war; aber ein zweiter Sklave erhob sich bereits und begann:
Abner, der Jude, der nichts gesehen hat.
Herr, ich bin aus Mogador, am Strande des großen Meers, und, als der
großmächtigste Kaiser Muley Ismael über Fes und Marokko herrschte, hat
sich die Geschichte zugetragen, die du vielleicht nicht ungerne hören
wirst. Es ist die Geschichte von Abner, dem Juden, der nichts gesehen
hat.
Juden, wie du weißt, gibt es überall, und sie sind überall Juden:
pfiffig, mit Falkenaugen für den kleinsten Vorteil begabt,
verschlagen, desto verschlagener, je mehr sie mißhandelt werden, ihrer
Verschlagenheit sich bewußt und sich etwas darauf einbildend. Daß aber
doch zuweilen ein Jude durch seine Pfiffe zu Schaden kommt, bewies
Abner, als er eines Abends zum Tore von Marokko hinaus spazieren ging.
Er schreitet einher, mit der spitzigen Mütze auf dem Kopf, in den
bescheidenen, nicht übermäßig reinlichen Mantel gehüllt, nimmt von
Zeit zu Zeit eine verstohlene Prise aus der goldenen Dose, die er
nicht gerne sehen läßt, streichelt sich den Knebelbart, und trotz
der umherrollenden Augen, welche ewige Furcht und Besorgnis und die
Begierde, etwas zu erspähen, womit etwas zu machen wäre, keinen
Augenblick ruhen läßt, leuchtet Zufriedenheit aus seiner beweglichen
Miene; er muß diesen Tag gute Geschäfte gemacht haben; und so ist es
auch. Er ist Arzt, ist Kaufmann, ist alles, was Geld einträgt; er hat
heute einen Sklaven mit einem heimlichen Fehler verkauft, wohlfeil eine
Kamelladung Gummi gekauft und einem reichen kranken Mann den letzten
Trank, nicht vor seiner Genesung, sondern vor seinem Hintritt bereitet.
Eben war er auf einem Spaziergang aus einem kleinen Gehölz von Palmen
und Datteln getreten, da hörte er lautes Geschrei herbeilaufender
Menschen hinter sich; es war ein Haufe kaiserlicher Stallknechte, den
Oberstallmeister an der Spitze, die nach allen Seiten unruhige Blicke
umherwarfen, wie Menschen, die etwas Verlorenes eifrig suchen.
»Philister,« rief ihm keuchend der Oberstallmeister zu, »hast du nicht
ein kaiserlich Pferd mit Sattel und Zeug vorüberrennen sehen?«
Abner antwortete: »Der beste Galoppläufer, den es gibt; zierlich
klein ist sein Huf, seine Hufeisen sind von vierzehnlötigem Silber,
sein Haar leuchtet golden, gleich dem großen Sabbatleuchter in der
Schule, fünfzehn Fäuste ist er hoch, sein Schweif ist drei und
einen halben Fuß lang, und die Stangen seines Gebisses sind von
dreiundzwanzigkarätigem Golde.«
»Er ist's!« rief der Oberstallmeister. »Er ist's!« rief der Chor der
Stallknechte! »Es ist der Emir,« rief ein alter Bereiter, »ich habe
es dem Prinzen Abdallah zehnmal gesagt, er solle den Emir in der
Trense reiten, ich kenne den Emir, ich habe es vorausgesagt, daß er
ihn abwerfen würde, und sollte ich seine Rückenschmerzen mit dem Kopfe
bezahlen müssen, ich habe es vorausgesagt. -- Aber schnell, wohinzu ist
er gelaufen?«
»Habe ich doch gar kein Pferd gesehen,« erwiderte Abner lächelnd, »wie
kann ich sagen, wohin es gelaufen ist, des Kaisers Pferd?«
Erstaunt über diesen Widerspruch, wollten die Herren vom Stalle eben
weiter in Abner dringen, da kam ein anderes Ereignis dazwischen.
Durch einen sonderbaren Zufall, wie es deren so viele gibt, war gerade
zu dieser Zeit auch der Leibschoßhund der Kaiserin entlaufen. Ein Haufe
schwarzer Sklaven kam herbeigerannt, und sie schrien schon von weitem:
»Habt Ihr den Schoßhund der Kaiserin nicht gesehen?«
»Es ist kein Hund, den ihr suchet, meine Herren,« sagte Abner, »es ist
eine Hündin.«
»Allerdings,« rief der erste Eunuch hocherfreut, »Aline, wo bist du?«
»Ein kleiner Wachtelhund,« fuhr Abner fort, »der vor kurzem Junge
geworfen, langes Behänge, Federschwanz, hinkt auf dem rechten vordern
Bein.«
»Sie ist's, wie sie leibt und lebt!« rief der Chor der Schwarzen. »Es
ist Aline; die Kaiserin ist in Krämpfe verfallen, sobald sie vermißt
wurde; Aline, wo bist du? Was soll aus uns werden, wenn wir ohne dich
ins Harem zurückkehren? Sprich geschwind, wohin hast du sie laufen
sehen?«
»Ich habe gar keinen Hund gesehen, weiß ich doch nicht einmal, daß
meine Kaiserin, welche Gott erhalte, einen Wachtelhund besitzt.«
Da ergrimmten die Leute vom Stalle und vom Harem über Abners
Unverschämtheit, wie sie es nannten, über kaiserliches Eigentum
seinen Scherz zu treiben, und zweifelten keinen Augenblick, so
unwahrscheinlich dies auch war, daß er Hund und Pferd gestohlen habe.
Während die anderen ihre Nachforschungen fortsetzten, packten der
Stallmeister und der erste Eunuch den Juden und führten den halb
pfiffig, halb ängstlich Lächelnden vor das Angesicht des Kaisers.
Aufgebracht berief Muley Ismael, als er den Hergang vernommen, den
gewöhnlichen Rat des Palastes und führte, in Betracht der Wichtigkeit
des Gegenstandes, selbst den Vorsitz. Zur Eröffnung der Sache wurde
dem Angeschuldigten ein halbes Hundert Streiche auf die Fußsohlen
zuerkannt. Abner mochte schreien oder winseln, seine Unschuld beteuern
oder versprechen, alles zu erzählen, wie es sich zugetragen, Sprüche
aus der Schrift oder dem Talmud anführen, mochte rufen: »Die Ungnade
des Königs ist wie das Brüllen eines jungen Löwen, aber seine Gnade ist
Tau auf dem Grase!« oder: »Laß nicht zuschlagen deine Hand, wenn dir
Augen und Ohren verschlossen sind« -- Muley Ismael winkte und schwur
bei des Propheten Bart und seinem eigenen, der Philister solle die
Schmerzen des Prinzen Abdallah und die Krämpfe der Kaiserin mit dem
Kopfe bezahlen, wenn die Flüchtigen nicht wieder beigebracht würden.
Noch erschallte der Palast des Kaisers von Marokko von dem
Schmerzgeschrei des Patienten, als die Nachricht einlief, Hund und
Pferd seien wiedergefunden. Alinen überraschte man in der Gesellschaft
einiger Möpse, sehr anständiger Leute, die sich aber für sie, als
Hofdame, durchaus nicht schickte, und Emir hatte, nachdem er sich
müde gelaufen, das duftende Gras auf den grünen Wiesen am Bache Tara
wohlschmeckender gefunden als den kaiserlichen Hafer; gleich dem
ermüdeten fürstlichen Jäger, der, auf der Parforcejagd verirrt, über
dem schwarzen Brot und der Butter in der Hütte des Landmanns aller
Leckereien seiner Tafel vergißt.
Muley Ismael verlangte nun von Abner eine Erklärung seines Betragens,
und dieser sah sich nun, wiewohl etwas spät, imstande, sich zu
verantworten, was er, nachdem er vor Seiner Hoheit Thron dreimal die
Erde mit der Stirne berührte, in folgenden Worten tat:
»Großmächtigster Kaiser, König der Könige, Herr des Westens, Stern
der Gerechtigkeit, Spiegel der Wahrheit, Abgrund der Weisheit, der du
so glänzend bist wie Gold, so strahlend wie der Diamant, so hart wie
das Eisen, höre mich, weil es deinem Sklaven vergönnt ist, vor deinem
strahlenden Angesichte seine Stimme zu erheben. Ich schwöre bei dem
Gott meiner Väter, bei Moses und den Propheten, daß ich dein heiliges
Pferd und meiner gnädigen Kaiserin liebenswürdigen Hund mit meines
Leibes Augen nicht gesehen habe. Höre aber, wie sich die Sache begeben.
Ich spazierte, um mich von des Tages Last und Arbeit zu erholen,
nichts denkend in dem kleinen Gehölze, wo ich die Ehre gehabt habe,
Seiner Herrlichkeit, dem Oberstallmeister, und Seiner Wachsamkeit, dem
schwarzen Aufseher deines gesegneten Harems zu begegnen; da gewahrte
ich im feinen Sande zwischen den Palmen die Spuren eines Tieres;
ich, dem die Spuren der Tiere überaus gut bekannt sind, erkenne sie
alsbald für die Fußstapfen eines kleinen Hundes; feine, langgezogene
Furchen liefen über die kleinen Unebenheiten des Sandbodens zwischen
diesen Spuren hin; es ist eine Hündin, sprach ich zu mir selbst,
und sie hat hängende Zitzen und hat Junge geworfen vor so und so
langer Zeit; andere Spuren neben den Vordertatzen, wo der Sand leicht
weggefegt zu sein schien, sagten mir, daß das Tier mit schönen, weit
herabhängenden Ohren begabt sei; und da ich bemerkt, wie in längeren
Zwischenräumen der Sand bedeutender aufgewühlt war, dachte ich: einen
schönen langbehaarten Schwanz hat die Kleine, und er muß anzusehen
sein als ein Federbusch, und es hat ihr beliebt, zuweilen den Sand
damit zu peitschen, auch entging mir nicht, daß eine Pfote sich
beständig weniger tief in den Sand eindrückte; leider konnte mir da
nicht verborgen bleiben, daß die Hündin meiner gnädigsten Frau, wenn es
erlaubt ist, es auszusprechen, etwas hinke.
Was das Roß deiner Hoheit betrifft, so wisse, daß ich, als ich in
einem Gange des Gehölzes zwischen Gebüschen hinwandelte, auf die
Spuren eines Pferdes aufmerksam wurde. Kaum hatte ich den edeln,
kleinen Huf, den feinen und doch starken Strahl bemerkt, so sagte ich
in meinem Herzen: Da ist gewesen ein Roß von der Rasse Tschenner, die
da ist die vornehmste von allen. Ist es ja noch nicht vier Monate,
hat mein gnädigster Kaiser einem Fürsten in Frankenland eine ganze
Koppel von dieser Rasse verkauft, und mein Bruder Ruben ist dabei
gewesen, wie sie sind handelseinig geworden, und mein gnädigster
Kaiser hat dabei gewonnen so und so viel. Als ich sah, wie die Spuren
so weit und so gleichmäßig voneinander entfernt waren, mußte ich
denken: das galoppiert schön, vornehm, und ist bloß mein Kaiser wert,
solch ein Tier zu besitzen, und ich gedachte des Streitrosses, von
dem geschrieben steht bei Hiob: ›Es strampfet auf den Boden und ist
freudig mit Kraft und zeucht aus den Geharnischten entgegen; es spottet
der Furcht und erschricket nicht und fleucht vor dem Schwert nicht,
wenn gleich wider es klinget der Köcher, und glänzen beide, Spieß und
Lanzen.‹ Und ich bückte mich, da ich etwas glänzen sah auf dem Boden,
wie ich immer tue, und siehe, es war ein Marmelstein, darauf hatte das
Hufeisen des eilenden Rosses einen Strich gezogen, und ich erkannte,
daß es Hufeisen haben mußte von vierzehnlötigem Silber; muß ich doch
den Strich kennen von jeglichem Metall, es sei echt oder unecht. Der
Baumgang, in dem ich spazierte, war sieben Fuß weit, und hie und da sah
ich den Staub von den Palmen gestreift; der Gaul hat mit dem Schweif
gefochten, sprach ich, und er ist lang drei und einen halben Fuß; unter
Bäumen, deren Krone etwa fünf Fuß vom Boden anfing, sah ich frisch
abgestreifte Blätter; Seiner Schnelligkeit Rücken mußte sie abgestreift
haben; da haben wir ein Pferd von fünfzehn Fäusten; siehe da, unter
denselben Bäumen kleine Büschel goldglänzender Haare, und siehe da, es
ist ein Goldfuchs! Eben trat ich aus dem Gebüsche, da fiel an einer
Felswand ein Goldstrich in mein Auge; diesen Strich solltest du kennen,
sprach ich, und was war's? Ein Probierstein war eingesprengt in dem
Gestein und ein haarfeiner Goldstrich darauf, wie ihn das Männchen mit
dem Pfeilbündel auf den Füchsen der sieben vereinigten Provinzen von
Holland nicht feiner, nicht reiner ziehen kann. Der Strich mußte von
den Gebißstangen des flüchtigen Rosses rühren, die es im Vorbeispringen
gegen dieses Gestein gerieben. Kennt man ja doch deine erhabene
Prachtliebe, König der Könige, weiß man ja doch, daß sich das geringste
deiner Rosse schämen würde, auf einen andern als einen goldenen Zaum zu
beißen. Also hat es sich begeben, und wenn --«
»Nun, bei Mekka und Medina!« rief Muley Ismael, »das heiße ich Augen;
solche Augen könnten dir nicht schaden, Oberjägermeister, sie würden
dir eine Koppel Schweißhunde ersparen; du, Polizeiminister, könntest
damit weiter sehen als alle deine Schergen und Aufpasser. Nun,
Philister, Wir wollen dich in Betracht deines ungemeinen Scharfsinns,
der Uns wohlgefallen hat, gnädig behandeln; die fünfzig Prügel, die du
richtig erhalten hast, sind fünfzig Zechinen wert, sie ersparen dir
fünfzig, denn du zahlst jetzt bloß noch fünfzig bar; zieh deinen Beutel
und enthalte dich für die Zukunft, Unseres kaiserlichen Eigentums zu
spotten; Wir bleiben dir übrigens in Gnaden gewogen.«
Der ganze Hof bewunderte Abners Scharfsinn, denn Seine Majestät hatte
geschworen, er sei ein geschickter Bursche; aber dies bezahlte ihm
seine Schmerzen nicht, tröstete ihn nicht für seine teuren Zechinen.
Während er stöhnend und seufzend eine nach der andern aus dem Beutel
führte, jede noch zum Abschiede auf der Fingerspitze wog, höhnte ihn
noch Schnuri, der kaiserliche Spaßmacher, fragte ihn, ob seine Zechinen
alle auf dem Steine sich bewährten, auf dem der Goldfuchs des Prinzen
Abdallah sein Gebiß probiert habe. »Deine Weisheit hat heute Ruhm
geerntet,« sprach er, »ich wollte aber noch fünfzig Zechinen wetten, es
wäre dir lieber, du hättest geschwiegen. Aber wie spricht der Prophet?
›Ein entschlüpftes Wort holt kein Wagen ein, und wenn er mit vier
flüchtigen Rossen bespannt wäre.‹ Auch kein Windspiel holt es ein, Herr
Abner, auch wenn es nicht hinkt.«
Nicht lange nach diesem für Abner schmerzlichen Ereignis ging er wieder
einmal in einem der grünen Täler zwischen den Vorbergen des Atlas
spazieren. Da wurde er, gerade wie damals, von einem einherstürmenden
Haufen Gewaffneter eingeholt, und der Anführer schrie ihn an:
»He! guter Freund, hast du nicht Goro, den schwarzen Leibschützen
des Kaisers, vorbeilaufen sehen? Er ist entflohen, er muß diesen Weg
genommen haben ins Gebirg.«
»Kann nicht dienen, Herr General,« antwortete Abner.
»Ach! bist du nicht der pfiffige Jude, der den Fuchsen und den Hund
nicht gesehen hat? Mach' nur keine Umstände; hier muß der Sklave
vorbeigekommen sein; riechst du vielleicht noch den Duft seines
Schweißes in der Luft? siehst du noch die Spuren seines flüchtigen
Fußes im hohen Grase? Sprich, der Sklave muß herbei; er ist einzig
im Sperlingschießen mit dem Blaserohr, und dies ist Seiner Majestät
Lieblings-Zeitvertreib. Sprich! oder ich lasse dich sogleich krumm
fesseln.«
»Kann ich doch nicht sagen, ich habe gesehen, was ich doch nicht hab'
gesehen.«
»Jude, zum letzten Male: wohin ist der Sklave gelaufen? denk' an deine
Fußsohlen, denk' an deine Zechinen!«
»O weh geschrien! Nun, wenn Ihr absolut haben wollt, daß ich soll
gesehen haben den Sperlingschützen, so lauft dorthin; ist er dort
nicht, so ist er anderswo.«
»Du hast ihn also gesehen?« brüllte ihn der Soldat an.
»Ja denn, Herr Offizier, weil Ihr es so haben wollt.«
Die Soldaten verfolgten eilig die angewiesene Richtung. Abner aber
ging, innerlich über seine List zufrieden, nach Hause. Kaum aber war
er vierundzwanzig Stunden älter geworden, so drang ein Haufe von der
Wache des Palastes in sein Haus und verunreinigte es, denn es war
Sabbat, und schleppte ihn vor das Angesicht des Kaisers von Marokko.
»Hund von einem Juden,« schnaubte ihn der Kaiser an, »du wagst es,
kaiserliche Bediente, die einen flüchtigen Sklaven verfolgen, auf
falsche Spur ins Gebirge zu schicken, während der Flüchtling der
Meeresküste zueilt und beinahe auf einem spanischen Schiffe entkommen
wäre? Greift ihn, Soldaten! Hundert auf die Sohlen! hundert Zechinen
aus dem Beutel! Um wieviel die Sohlen schwellen unter den Hieben, um so
viel soll der Beutel einschnurren!«
Du weißt es, o Herr, im Reiche Fes und Marokko liebt man schnelle
Gerechtigkeit, und so wurde der arme Abner geprügelt und besteuert,
ohne daß man ihn zuvor um seine Einwilligung befragt hatte. Er aber
verfluchte sein Geschick, das ihn dazu verdammte, daß seine Sohlen
und sein Beutel es hart empfinden sollten, so oft Seine Majestät
geruhten, etwas zu verlieren. Als er aber brummend und seufzend unter
dem Gelächter des rohen Hofvolks aus dem Saale hinkte, sprach zu ihm
Schnuri, der Spaßmacher: »Gib dich zufrieden, Abner, undankbarer Abner;
ist es nicht Ehre genug für dich, daß jeder Verlust, den unser gnädiger
Kaiser, den Gott erhalte, erleidet, auch dir empfindlichen Kummer
verursachen muß? Versprichst du mir aber ein gut Trinkgeld, so komme
ich jedesmal eine Stunde, bevor der Herr des Westens etwas verliert, an
deine Bude in der Judengasse und spreche: ›Gehe nicht aus deiner Hütte,
Abner, du weißt schon warum; schließe dich ein in dein Kämmerlein bis
zu Sonnenuntergang, beides unter Schloß und Riegel.‹«
Dies, o Herr, ist die Geschichte von Abner, der nichts gesehen hat.
* * * * *
Als der Sklave geendet hatte und es wieder stille im Saale geworden
war, erinnerte der junge Schreiber den Alten, daß sie den Faden ihrer
Unterhaltung abgebrochen hatten, und bat, ihnen nun zu erklären, worin
denn eigentlich der mächtige Reiz des Märchens liege.
»Das will ich Euch jetzt sagen,« erwiderte der Alte; »der menschliche
Geist ist noch leichter und beweglicher als das Wasser, das doch
in alle Formen sich schmiegt und nach und nach auch die dichtesten
Gegenstände durchdringt. Er ist leicht und frei wie die Luft und
wird, wie diese, je höher er sich von der Erde hebt, desto leichter
und reiner. Daher ist ein Drang in jedem Menschen, sich hinauf über
das Gewöhnliche zu erheben und sich in höheren Räumen leichter und
freier zu bewegen, sei es auch nur in Träumen. Ihr selbst, mein
junger Freund, sagtet: ›Wir lebten in jenen Geschichten, wir dachten
und fühlten mit jenen Menschen,‹ und daher kommt der Reiz, den sie
für Euch hatten. Indem Ihr den Erzählungen des Sklaven zuhörtet, die
nur Dichtungen waren, die einst ein anderer erfand, habt Ihr selbst
auch _mitgedichtet_. Ihr bliebet nicht stehen bei den Gegenständen
um Euch, bei Euren gewöhnlichen Gedanken, nein, Ihr erlebtet alles
mit, Ihr waret es selbst, dem dies und jenes Wunderbare begegnete, so
sehr nahmet Ihr teil an dem Mann, von dem man Euch erzählte. So erhob
sich Euer Geist am Faden einer solchen Geschichte über die Gegenwart,
die Euch nicht so schön, nicht so anziehend dünkte; so bewegte sich
dieser Geist in fremden, höheren Räumen freier und ungebundener, das
Märchen wurde Euch zur Wirklichkeit, oder, wenn Ihr lieber wollet, die
Wirklichkeit wurde zum Märchen, weil Euer Dichten und Sein im Märchen
lebte.«
»Ganz verstehe ich Euch nicht,« erwiderte der junge Kaufmann: »aber
Ihr habt recht mit dem, was Ihr saget, wir lebten im Märchen oder das
Märchen in uns. Sie ist mir noch wohl erinnerlich, jene schöne Zeit;
wenn wir Muße dazu hatten, träumten wir wachend; wir stellten uns vor,
an wüste, unwirtbare Inseln verschlagen zu sein, wir berieten uns,
was wir beginnen sollten, um unser Leben zu fristen, und oft haben
wir im dichten Weidengebüsch uns Hütten gebaut, haben von elenden
Früchten ein kärgliches Mahl gehalten, obgleich wir hundert Schritte
weit zu Haus das beste hätten haben können; ja, es gab Zeiten, wo wir
auf die Erscheinung einer gütigen Fee oder eines wunderbaren Zwerges
warteten, die zu uns treten und sagen würden: ›Die Erde wird sich
alsobald auftun, wollt dann nur gefälligst herabsteigen in meinen
Palast von Bergkristall und Euch belieben lassen, was meine Diener, die
Meerkatzen, Euch auftischen?‹«
Die jungen Leute lachten, gaben aber ihrem Freunde zu, daß er wahr
gesprochen habe. »Noch jetzt,« fuhr ein anderer fort, »noch jetzt
beschleicht mich hie und da dieser Zauber; ich würde mich zum Beispiel
nicht wenig ärgern über die dumme Fabel, wenn mein Bruder zur Türe
hereingestürzt käme und sagte: ›Weißt du schon das Unglück von unserem
Nachbar, dem dicken Bäcker? Er hat Händel gehabt mit einem Zauberer,
und dieser hat ihn aus Rache in einen Bären verwandelt, und jetzt liegt
er in seiner Kammer und heult entsetzlich;‹ ich würde mich ärgern und
ihn einen Lügner schelten. Aber wie anders, wenn mir erzählt würde, der
dicke Nachbar hab' eine weite Reise in ein fernes, unbekanntes Land
unternommen, sei dort einem Zauberer in die Hände gefallen, der ihn in
einen Bären verwandelte. Ich würde mich nach und nach in die Geschichte
versetzt fühlen, würde mit dem dicken Nachbar reisen, Wunderbares
erleben, und es würde mich nicht sehr überraschen, wenn er in ein Fell
gesteckt würde und auf allen vieren gehen müßte.«
»Und doch,« sprach der Alte lächelnd, »gibt es eine sehr ergötzliche
Art von Erzählungen, wo weder Fee noch Zauberer erscheint, kein Schloß
von Kristall, keine Genien, die wunderbare Speisen bringen, kein
Vogel Rock, noch ein Zauberpferd: eine andere Art als die, welche man
gewöhnlich _Märchen_ nennt.«
»Wie versteht Ihr dies? Erklärt uns deutlicher, was Ihr meinet. Eine
andere Art als das Märchen?« sprachen die Jünglinge.
»Ich denke, man muß einen gewissen Unterschied machen zwischen
_Märchen_ und Erzählungen, die man im gemeinen Leben _Geschichten_
nennt. Wenn ich euch sage, ich will euch ein _Märchen_ erzählen, so
werdet ihr zum voraus darauf rechnen, daß es eine Begebenheit ist,
die von dem gewöhnlichen Gang des Lebens abschweift und sich in einem
Gebiet bewegt, das nicht mehr durchaus irdischer Natur ist. Oder um
deutlicher zu sein, ihr werdet bei dem Märchen auf die Erscheinung
anderer Wesen, als allein sterblicher Menschen, rechnen können; es
greifen in das Schicksal der Person, von welcher das Märchen handelt,
fremde Mächte, wie Feen und Zauberer, Genien und Geisterfürsten, ein;
die ganze Erzählung nimmt eine außergewöhnliche, wunderbare Gestalt an
und ist ungefähr anzuschauen wie die Gewebe unserer Teppiche oder viele
Gemälde unserer besten Meister, welche die Franken Arabesken nennen. Es
ist dem echten Muselmann verboten, den Menschen, das Geschöpf Allahs,
sündigerweise wiederzuschöpfen in Farben und Gemälden, daher sieht
man auf jenen Geweben wunderbar verschlungene Bäume und Zweige mit
Menschenköpfen, Menschen, die in einen Fisch oder Strauch ausgehen,
kurz Figuren, die an das gewöhnliche Leben erinnern und dennoch
ungewöhnlich sind; ihr versteht mich doch?«
»Ich glaube, Eure Meinung zu erraten,« sagte der Schreiber, »doch
fahret weiter fort.«