reichen, spülte ihn im Bach und überreichte ihn dem Oberküchenmeister;
dieser trat mit feierlicher Miene an den Herd, nahm von den Speisen,
kostete, drückte die Augen zu, schnalzte vor Vergnügen mit der Zunge
und sprach dann: »Köstlich, bei des Herzogs Leben, köstlich! Wollet
Ihr nicht auch ein Löfflein zu Euch nehmen, Aufseher des Palastes?«
Dieser verbeugte sich, nahm den Löffel, versuchte und war vor Vergnügen
und Lust außer sich. »Eure Kunst in Ehren, lieber Frühstückmacher, Ihr
seid ein erfahrener Koch, aber so herrlich habt Ihr weder die Suppe
noch die Hamburger Klöße machen können!« Auch der Koch versuchte jetzt,
schüttelte dann dem Zwerg ehrfurchtsvoll die Hand und sagte: »Kleiner!
Du bist Meister in der Kunst, ja, das Kräutlein Magentrost, das gibt
allem einen ganz eigenen Reiz.«
In diesem Augenblick kam der Kammerdiener des Herzogs in die Küche
und berichtete, daß der Herr das Frühstück verlange. Die Speisen
wurden nun auf silberne Platten gelegt und dem Herzog zugeschickt; der
Oberküchenmeister aber nahm den Kleinen in sein Zimmer und unterhielt
sich mit ihm. Kaum waren sie aber halb so lange da, als man ein
Paternoster spricht (es ist dies das Gebet der Franken, o Herr, und
dauert nicht halb so lange als das Gebet der Gläubigen), so kam schon
ein Bote und rief den Oberküchenmeister zum Herrn. Er kleidete sich
schnell in sein Festkleid und folgte dem Boten.
Der Herzog sah sehr vergnügt aus. Er hatte alles aufgezehrt, was auf
den silbernen Platten gewesen war und wischte sich eben den Bart ab,
als der Oberküchenmeister zu ihm eintrat. »Höre, Küchenmeister,« sprach
er, »ich bin mit deinen Köchen bisher immer sehr zufrieden gewesen;
aber sage mir, wer hat heute mein Frühstück bereitet? So köstlich war
es nie, seit ich auf dem Thron meiner Väter sitze; sage an, wie er
heißt, der Koch, daß Wir ihm einige Dukaten zum Geschenk schicken.«
»Herr! Das ist eine wunderbare Geschichte,« antwortete der
Oberküchenmeister und erzählte, wie man ihm heute früh einen Zwerg
gebracht, der durchaus Koch werden wollte, und wie sich dies alles
begeben. Der Herzog verwunderte sich höchlich, ließ den Zwerg vor sich
rufen und fragte ihn aus, wer er sei und woher er komme. Da konnte nun
der arme Jakob freilich nicht sagen, daß er verzaubert worden sei und
früher als Eichhörnchen gedient habe. Doch blieb er bei der Wahrheit,
indem er erzählte, er sei jetzt ohne Vater und Mutter und habe bei
einer alten Frau kochen gelernt. Der Herzog fragte nicht weiter,
sondern ergötzte sich an der sonderbaren Gestalt seines neuen Kochs.
»Willst du bei mir bleiben,« sprach er, »so will ich dir jährlich
fünfzig Dukaten, ein Festkleid und noch überdies zwei Paar Beinkleider
reichen lassen. Dafür mußt du aber täglich mein Frühstück selbst
bereiten, mußt angeben, wie das Mittagessen gemacht werden soll, und
überhaupt dich meiner Küche annehmen. Da jeder in meinem Palast seinen
eigenen Namen von mir empfängt, so sollst du ›Nase‹ heißen und die
Würde eines Unterküchenmeisters bekleiden.«
Der Zwerg Nase fiel nieder vor dem mächtigen Herzog in Frankenland,
küßte ihm die Füße und versprach, ihm treu zu dienen.
So war nun der Kleine fürs erste versorgt, und er machte seinem Amt
Ehre. Denn man kann sagen, daß der Herzog ein ganz anderer Mann war,
während der Zwerg Nase sich in seinem Hause aufhielt. Sonst hatte es
ihm oft beliebt, die Schüsseln oder Platten, die man ihm auftrug, den
Köchen an den Kopf zu werfen; ja, dem Oberküchenmeister selbst warf
er im Zorn einmal einen gebackenen Kalbsfuß, der nicht weich genug
geworden war, so heftig an die Stirne, daß er umfiel und drei Tage
zu Bett liegen mußte. Der Herzog machte zwar, was er im Zorn getan,
durch einige Hände voll Dukaten wieder gut, aber dennoch war nie ein
Koch ohne Zittern und Zagen mit den Speisen zu ihm gekommen. Seit der
Zwerg im Hause war, schien alles wie durch Zauber umgewandelt. Der
Herr aß jetzt statt dreimal des Tages fünfmal, um sich an der Kunst
seines kleinen Dieners recht zu laben, und dennoch verzog er nie eine
Miene zum Unmut. Nein, er fand alles neu, trefflich, war leutselig und
angenehm und wurde von Tag zu Tag fetter.
Oft ließ er mitten unter der Tafel den Küchenmeister und den Zwerg Nase
rufen, setzte den einen rechts, den andern links zu sich und schob
ihnen mit seinen eigenen Fingern einige Bissen der köstlichsten Speisen
in den Mund, eine Gnade, welche sie beide wohl zu schätzen wußten.
Der Zwerg war das Wunder der Stadt. Man erbat sich flehentlich
Erlaubnis vom Oberküchenmeister, den Zwerg kochen zu sehen, und einige
der vornehmsten Männer hatten es so weit gebracht beim Herzog, daß ihre
Diener in der Küche beim Zwerg Unterrichtsstunden genießen durften,
was nicht wenig Geld eintrug; denn jeder zahlte täglich einen halben
Dukaten. Und um die übrigen Köche bei guter Laune zu erhalten und sie
nicht neidisch auf ihn zu machen, überließ ihnen Nase dieses Geld, das
die Herren für den Unterricht ihrer Köche zahlen mußten.
So lebte Nase beinahe zwei Jahre in äußerlichem Wohlleben und Ehre, und
nur der Gedanke an seine Eltern betrübte ihn. So lebte er, ohne etwas
Merkwürdiges zu erfahren, bis sich folgender Vorfall ereignete. Der
Zwerg Nase war besonders geschickt und glücklich in seinen Einkäufen.
Daher ging er, so oft es ihm die Zeit erlaubte, immer selbst auf den
Markt, um Geflügel und Früchte einzukaufen. Eines Morgens ging er auch
auf den Gänsemarkt und forschte nach schweren fetten Gänsen, wie sie
der Herr liebte. Er war musternd schon einigemal auf und ab gegangen.
Seine Gestalt, weit entfernt, hier Lachen und Spott zu erregen, gebot
Ehrfurcht. Denn man erkannte ihn als den berühmten Mundkoch des
Herzogs, und jede Gänsefrau fühlte sich glücklich, wenn er ihr die Nase
zuwandte.
Da sah er ganz am Ende einer Reihe in einer Ecke eine Frau sitzen, die
auch Gänse feil hatte, aber nicht wie die übrigen ihre Ware anpries und
nach Käufern schrie. Zu dieser trat er und maß und wog ihre Gänse. Sie
waren, wie er sie wünschte, und er kaufte drei samt dem Käfig, lud
sie auf seine breiten Schultern und trat den Rückweg an. Da kam es ihm
sonderbar vor, daß nur zwei von diesen Gänsen schnatterten und schrien,
wie rechte Gänse zu tun pflegen, die dritte aber ganz still und in sich
gekehrt dasaß und Seufzer ausstieß und ächzte wie ein Mensch. »Die
ist halb krank,« sprach er vor sich hin, »ich muß eilen, daß ich sie
umbringe und zurichte.« Aber die Gans antwortete ganz deutlich und laut:
»Stichst du mich,
So beiß' ich dich.
Drückst du mir die Kehle ab,
Bring' ich dich ins frühe Grab.«
Ganz erschrocken setzte der Zwerg Nase seinen Käfig nieder, und
die Gans sah ihn mit schönen, klugen Augen an und seufzte. »Ei der
Tausend!« rief Nase. »Sie kann sprechen, Jungfer Gans? Das hätte ich
nicht gedacht. Na, sei Sie nur nicht ängstlich! Man weiß zu leben und
wird einem so seltenen Vogel nicht zu Leibe gehen. Aber ich wollte
wetten, Sie ist nicht von jeher in diesen Federn gewesen. War ich ja
selbst einmal ein schnödes Eichhörnchen.«
»Du hast recht,« erwiderte die Gans, »wenn du sagst, ich sei nicht in
dieser schmachvollen Hülle geboren worden. Ach, an meiner Wiege wurde
es mir nicht gesungen, daß Mimi, des großen Wetterbocks Tochter, in der
Küche eines Herzogs getötet werden soll!«
»Sei Sie doch ruhig, liebe Jungfer Mimi,« tröstete der Zwerg. »So
wahr ich ein ehrlicher Kerl und Unterküchenmeister Seiner Durchlaucht
bin, es soll Ihr keiner an die Kehle. Ich will Ihr in meinen eigenen
Gemächern einen Stall anweisen, Futter soll Sie genug haben, und
meine freie Zeit werde ich Ihrer Unterhaltung widmen, den übrigen
Küchenmenschen werde ich sagen, daß ich eine Gans mit allerlei
besondern Kräutern für den Herzog mäste, und sobald sich Gelegenheit
findet, setze ich Sie in Freiheit.«
Die Gans dankte ihm mit Tränen, der Zwerg aber tat, wie er versprochen,
schlachtete die zwei andern Gänse, für Mimi aber baute er einen
eigenen Stall unter dem Vorwande, sie für den Herzog ganz besonders
zuzurichten. Er gab ihr auch kein gewöhnliches Gänsefutter, sondern
versah sie mit Backwerk und süßen Speisen. So oft er freie Zeit hatte,
ging er hin, sich mit Ihr zu unterhalten und sie zu trösten. Sie
erzählten sich auch gegenseitig ihre Geschichten, und Nase erfuhr auf
diesem Wege, daß die Gans eine Tochter des Zauberers Wetterbock sei,
der auf der Insel Gotland lebe. Er sei in Streit geraten mit einer
alten Fee, die ihn durch Ränke und List überwunden und sie zur Rache
in eine Gans verwandelt und weit hinweg bis hierher gebracht habe. Als
der Zwerg Nase ihr seine Geschichte ebenfalls erzählt hatte, sprach
sie: »Ich bin nicht unerfahren in diesen Sachen. Mein Vater hat mir und
meinen Schwestern einige Anleitung gegeben, so viel er nämlich davon
mitteilen durfte. Die Geschichte mit dem Streit am Kräuterkorb, deine
plötzliche Verwandlung, als du an jenem Kräutlein rochst, auch einige
Worte der Alten, die du mir sagtest, beweisen mir, daß du auf Kräuter
bezaubert bist, das heißt: wenn du das Kraut auffindest, das sich die
Fee bei deiner Verzauberung gedacht hat, so kannst du erlöst werden.«
Es war dies ein geringer Trost für den Kleinen; denn wo sollte er das
Kraut auffinden? Doch dankte er ihr und schöpfte einige Hoffnung.
Um diese Zeit bekam der Herzog einen Besuch von einem benachbarten
Fürsten, seinem Freunde. Er ließ daher seinen Zwerg Nase vor sich
kommen und sprach zu ihm: »Jetzt ist die Zeit gekommen, wo du zeigen
mußt, ob du mir treu dienst und Meister deiner Kunst bist. Dieser
Fürst, der bei mir zu Besuch ist, speist bekanntlich außer mir am
besten und ist ein großer Kenner einer feinen Küche und ein weiser
Mann. Sorge nun dafür, daß meine Tafel täglich also besorgt werde, daß
er immer mehr in Erstaunen gerät. Dabei darfst du, bei meiner Ungnade,
solange er da ist, keine Speise zweimal bringen. Dafür kannst du dir
von meinem Schatzmeister alles reichen lassen, was du nur brauchst. Und
wenn du Gold und Diamanten in Schmalz backen mußt, so tu' es. Ich will
lieber ein armer Mann werden, als erröten vor ihm.«
So sprach der Herzog. Der Zwerg aber sagte, indem er sich anständig
verbeugte: »Es sei, wie du sagst, o Herr! so es Gott gefällt, werde ich
alles so machen, daß es diesem Fürsten der Gutschmecker wohlgefällt.«
Der kleine Koch suchte nun seine ganze Kunst hervor. Er schonte die
Schätze seines Herrn nicht, noch weniger aber sich selbst. Denn man
sah ihn den ganzen Tag in eine Wolke von Rauch und Feuer eingehüllt,
und seine Stimme hallte beständig durch das Gewölbe der Küche. Denn er
befahl als Herrscher den Küchenjungen und niederen Köchen. Herr! Ich
könnte es machen, wie die Kameltreiber von Aleppo, wenn sie in ihren
Geschichten, die sie den Reisenden erzählen, die Menschen herrlich
speisen lassen. Sie führen eine ganze Stunde lang all die Gerichte an,
die aufgetragen worden sind, und erwecken dadurch große Sehnsucht und
noch größeren Hunger in ihren Zuhörern, so daß diese unwillkürlich die
Vorräte öffnen und eine Mahlzeit halten und den Kameltreibern reichlich
mitteilen; doch ich nicht also.
Der fremde Fürst war schon vierzehn Tage beim Herzog und lebte herrlich
und in Freuden. Sie speisten des Tages nicht weniger als fünfmal,
und der Herzog war zufrieden mit der Kunst des Zwerges. Denn er sah
Zufriedenheit auf der Stirne seines Gastes. Am fünfzehnten Tage aber
begab es sich, daß der Herzog den Zwerg zur Tafel rufen ließ, ihn
seinem Gast, dem Fürsten, vorstellte und diesen fragte, wie er mit dem
Zwerg zufrieden sei?
»Du bist ein wunderbarer Koch,« antwortete der fremde Fürst, »und
weißt, was anständig essen heißt. Du hast in der ganzen Zeit, daß ich
hier bin, nicht eine einzige Speise wiederholt und alles trefflich
bereitet. Aber sage mir doch, warum bringst du solange nicht die
Königin der Speisen, die Pastete Souzeraine?«
Der Zwerg war sehr erschrocken. Denn er hatte von dieser
Pastetenkönigin nie gehört, doch faßte er sich und antwortete: »O
Herr! noch lange, hoffte ich, sollte dein Angesicht leuchten an diesem
Hoflager, darum wartete ich mit dieser Speise. Denn mit was sollte dich
denn der Koch begrüßen am Tage des Scheidens, als mit der Königin der
Pasteten!«
»So?« entgegnete der Herzog lachend. »Und bei mir wolltest du wohl
warten bis an meinen Tod, um mich dann noch zu begrüßen? Denn auch mir
hast du die Pastete noch nie vorgesetzt. Doch, denke auf einen andern
Scheidegruß, denn morgen mußt du die Pastete auf die Tafel setzen.«
»Es sei, wie du sagst, Herr!« antwortete der Zwerg und ging. Aber er
ging nicht vergnügt. Denn der Tag seiner Schande und seines Unglücks
war gekommen. Er wußte nicht, wie er die Pastete machen sollte. Er ging
daher in seine Kammer und weinte über sein Schicksal. Da trat die Gans
Mimi, die in seinem Gemach umhergehen durfte, zu ihm und fragte ihn
nach der Ursache seines Jammers. »Stille deine Tränen,« antwortete sie,
als sie von der Pastete Souzeraine gehört, »dieses Gericht kam oft auf
meines Vaters Tisch, und ich weiß ungefähr, was man dazu braucht, du
nimmst dies und jenes, so und soviel, und wenn es auch nicht durchaus
alles ist, was eigentlich dazu nötig, die Herren werden keinen so
feinen Geschmack haben.« So sprach Mimi. Der Zwerg aber sprang auf
vor Freuden, segnete den Tag, an welchem er die Gans gekauft hatte,
und schickte sich an, die Königin der Pasteten zuzurichten. Er machte
zuerst einen kleinen Versuch, und siehe, es schmeckte trefflich, und
der Oberküchenmeister, dem er davon zu kosten gab, pries aufs neue
seine ausgebreitete Kunst.
Den andern Tag setzte er die Pastete in größerer Form auf und schickte
sie, warm, wie sie aus dem Ofen kam, nachdem er sie mit Blumenkränzen
geschmückt hatte, auf die Tafel. Er selbst aber zog sein bestes
Festkleid an und ging in den Speisesaal. Als er eintrat, war der
Obervorschneider gerade damit beschäftigt, die Pastete zu zerschneiden
und auf einem silbernen Schäufelein dem Herzog und seinem Gaste
hinzureichen. Der Herzog tat einen tüchtigen Biß hinein, schlug die
Augen auf zur Decke und sprach, nachdem er geschluckt hatte: »Ah! ah!
ah! mit Recht nennt man dies die Königin der Pasteten; aber mein Zwerg
ist auch der König aller Köche, nicht also, lieber Freund?«
Der Gast nahm einige kleine Bissen zu sich, kostete und prüfte
aufmerksam und lächelte dabei höhnisch und geheimnisvoll. »Das Ding ist
recht artig gemacht,« antwortete er, indem er den Teller hinwegrückte,
»aber die Souzeraine ist es denn doch nicht ganz; das habe ich mir wohl
gedacht.«
Da runzelte der Herzog vor Unmut die Stirne und errötete vor
Beschämung: »Hund von einem Zwerg!« rief er. »Wie wagst du es, deinem
Herrn dies anzutun? Soll ich dir deinen großen Kopf abhacken lassen zur
Strafe für deine schlechte Kocherei?«
»Ach Herr! Um des Himmels willen, ich habe das Gericht doch zubereitet
nach den Regeln der Kunst, es kann gewiß nichts fehlen!« so sprach der
Zwerg und zitterte.
»Es ist eine Lüge, du Bube!« erwiderte der Herzog und stieß ihn mit dem
Fuße von sich. »Mein Gast würde sonst nicht sagen, es fehlt etwas. Dich
selbst will ich zerhacken und backen lassen in eine Pastete!«
»Habt Mitleiden!« rief der Kleine und rutschte auf den Knien zu dem
Gast, dessen Füße er umfaßte. »Saget, was fehlt an dieser Speise, daß
sie Eurem Gaumen nicht zusagt? Lasset mich nicht sterben wegen einer
Handvoll Fleisch und Mehl.«
»Das wird dir wenig helfen, mein lieber Nase,« antwortete der
Fremde mit Lachen; »das habe ich mir schon gestern gedacht, daß du
diese Speise nicht machen kannst wie mein Koch. Wisse, es fehlt ein
Kräutlein, das man hierzulande gar nicht kennt, das Kraut Niesmitlust,
ohne dieses bleibt die Pastete ohne Würze, und dein Herr wird sie nie
essen wie ich.«
Da geriet der Herrscher in Frankistan in Wut. »Und doch werde ich sie
essen,« rief er mit funkelnden Augen; »denn ich schwöre auf meine
fürstliche Ehre, entweder zeige ich Euch morgen die Pastete, wie Ihr
sie verlanget -- oder den Kopf dieses Burschen aufgespießt auf dem Tor
meines Palastes. Gehe, du Hund, noch einmal gebe ich dir vierundzwanzig
Stunden Zeit!«
So rief der Herzog; der Zwerg aber ging wieder weinend in sein
Kämmerlein und klagte der Gans sein Schicksal, und daß er sterben
müsse; denn von dem Kraut habe er nie gehört. »Ist es nur dies,« sprach
sie, »dann kann ich dir schon helfen; denn mein Vater lehrte mich alle
Kräuter kennen. Wohl wärest du vielleicht zu einer andern Zeit des
Todes gewesen, aber glücklicherweise ist es gerade Neumond, und um
diese Zeit blüht das Kräutlein. Doch sage an, sind alte Kastanienbäume
in der Nähe des Palastes?«
»O ja!« erwiderte Nase mit leichterem Herzen; »am See, zweihundert
Schritte vom Haus, steht eine ganze Gruppe; doch warum diese?«
»Nur am Fuße alter Kastanien blüht das Kräutlein,« sagte Mimi. »Darum
laß uns keine Zeit versäumen und suchen, was du brauchst; nimm mich auf
deinen Arm und setze mich im Freien nieder; ich will dir suchen.«
Er tat, wie sie gesagt, und ging mit ihr zur Pforte des Palastes. Dort
aber streckte der Türhüter sein Gewehr vor und sprach: »Mein guter
Nase, mit dir ist's vorbei, aus dem Hause darfst du nicht, ich habe den
strengsten Befehl darüber.«
»Aber in den Garten kann ich doch wohl gehen?« erwiderte der Zwerg.
»Sei so gut und schicke einen deiner Gesellen zum Aufseher des Palastes
und frage, ob ich nicht in den Garten gehen und Kräuter suchen dürfe?«
Der Türhüter tat also, und es wurde erlaubt; denn der Garten hatte
hohe Mauern, und es war an kein Entkommen daraus zu denken. Als aber
Nase mit der Gans Mimi ins Freie gekommen war, setzte er sie behutsam
nieder, und sie ging schnell vor ihm her dem See zu, wo die Kastanien
standen. Er folgte ihr nur mit beklommenem Herzen; denn es war ja seine
letzte, einzige Hoffnung; fand sie das Kräutlein nicht, so stand sein
Entschluß fest, er stürzte sich dann lieber in den See, als daß er sich
köpfen ließ. Die Gans suchte aber vergebens, sie wandelte unter allen
Kastanien, sie wandte mit dem Schnabel jedes Gräschen um, es wollte
sich nichts zeigen, und sie fing aus Mitleid und Angst an zu weinen;
denn schon wurde der Abend dunkler, und die Gegenstände umher schwerer
zu erkennen.
Da fielen die Blicke des Zwerges über den See hin, und plötzlich rief
er: »Siehe, siehe, dort über dem See steht noch ein großer, alter
Baum: laß uns dort hingehen und suchen, vielleicht blüht dort mein
Glück.« Die Gans hüpfte und flog voran, und er lief nach, so schnell
seine kleinen Beine konnten; der Kastanienbaum warf einen großen
Schatten, und es war dunkel umher, fast war nichts mehr zu erkennen;
aber da blieb plötzlich die Gans stillstehen, schlug vor Freuden mit
den Flügeln, fuhr dann schnell mit dem Kopf ins hohe Gras und pflückte
etwas ab, das sie dem erstaunten Nase zierlich mit dem Schnabel
überreichte und sprach: »Das ist das Kräutlein, und hier wächst eine
Menge davon, so daß es dir nie daran fehlen kann.«
Der Zwerg betrachtete das Kraut sinnend; ein süßer Duft strömte ihm
daraus entgegen, der ihn unwillkürlich an die Szene seiner Verwandlung
erinnerte; die Stengel, die Blätter waren bläulichgrün, sie trugen eine
brennend rote Blume mit gelbem Rande.
»Gelobt sei Gott!« rief er endlich aus; »welches Wunder! Wisse, ich
glaube, es ist dies dasselbe Kraut, das mich aus einem Eichhörnchen in
diese schändliche Gestalt umwandelte; soll ich den Versuch machen?«
»Noch nicht,« bat die Gans. »Nimm von diesem Kraut eine Handvoll mit
dir, laß uns auf dein Zimmer gehen und dein Geld, und was du sonst
hast, zusammenraffen, und dann wollen wir die Kraft des Krautes
versuchen.«
Sie taten also und gingen auf seine Kammer zurück, und das Herz des
Zwerges pochte hörbar vor Erwartung. Nachdem er fünfzig oder sechzig
Dukaten, die er erspart hatte, einige Kleider und Schuhe zusammen in
ein Bündel geknüpft hatte, sprach er: »So es Gott gefällig ist, werde
ich diese Bürde los werden,« steckte seine Nase tief in die Kräuter
und zog ihren Duft ein.
Da zog und knackte es in allen seinen Gliedern, er fühlte, wie sich
sein Kopf aus den Schultern hob, er schielte herab auf seine Nase und
sah sie kleiner und kleiner werden, sein Rücken und seine Brust fingen
an sich zu ebnen, und seine Beine wurden länger.
Die Gans sah mit Erstaunen diesem allem zu. »Ha! was du groß, was du
schön bist!« rief sie. »Gott sei gedankt, es ist nichts mehr an dir von
allem, wie du vorher warst!« Da freute sich Jakob sehr, und er faltete
die Hände und betete. Aber seine Freude ließ ihn nicht vergessen,
welchen Dank er der Gans Mimi schuldig sei; zwar drängte ihn sein Herz,
zu seinen Eltern zu gehen, doch besiegte er aus Dankbarkeit diesen
Wunsch und sprach: »Wem anders als dir, habe ich es zu danken, daß ich
mir selbst wiedergeschenkt bin? Ohne dich hätte ich dieses Kraut nimmer
gefunden, hätte also ewig in jener Gestalt bleiben oder vielleicht gar
unter dem Beile des Henkers sterben müssen. Wohlan, ich will es dir
vergelten. Ich will dich zu deinem Vater bringen; er, der so erfahren
ist in jedem Zauber, wird dich leicht entzaubern können.« Die Gans
vergoß Freudentränen und nahm sein Anerbieten an. Jakob kam glücklich
und unerkannt mit der Gans aus dem Palast und machte sich auf den Weg
nach dem Meeresstrand, Mimis Heimat zu.
Was soll ich noch weiter erzählen, daß sie ihre Reise glücklich
vollendeten, daß Wetterbock seine Tochter entzauberte und den Jakob,
mit Geschenken beladen, entließ; daß er in seine Vaterstadt zurückkam,
und daß seine Eltern in dem schönen jungen Mann mit Vergnügen ihren
verlorenen Sohn erkannten, daß er von den Geschenken, die er von
Wetterbock mitbrachte, sich einen Laden kaufte und reich und glücklich
wurde?
Nur soviel will ich noch sagen, daß nach seiner Entfernung aus dem
Palast des Herzogs große Unruhe entstand; denn als am andern Tag der
Herzog seinen Schwur erfüllen und dem Zwerg, wenn er die Kräuter nicht
gefunden hätte, den Kopf abschlagen lassen wollte, war er nirgends
zu finden; der Fürst aber behauptete, der Herzog habe ihn heimlich
entkommen lassen, um sich nicht seines besten Kochs zu berauben, und
klagte ihn an, daß er wortbrüchig sei. Dadurch entstand denn ein großer
Krieg zwischen beiden Fürsten, der in der Geschichte unter dem Namen
»Kräuterkrieg« wohl bekannt ist: es wurde manche Schlacht geschlagen,
aber am Ende doch Friede gemacht, und diesen Frieden nennt man bei uns
den »Pastetenfrieden«, weil beim Versöhnungsfest durch den Koch des
Fürsten die Souzeraine, die Königin der Pasteten, zubereitet wurde,
welche sich der Herzog trefflich schmecken ließ.
So führen oft die kleinsten Ursachen zu großen Folgen; und dies, o
Herr, ist die Geschichte des Zwerges Nase.
* * * * *
So erzählte der Sklave aus Frankistan; nachdem er geendet hatte, ließ
der Scheik Ali Banu ihm und den andern Sklaven Früchte reichen, sich zu
erfrischen, und unterhielt sich, während sie aßen, mit seinen Freunden.
Die jungen Männer aber, die der Alte eingeführt hatte, waren voll Lobes
über den Scheik, sein Haus und alle seine Einrichtungen. »Wahrlich,«
sprach der junge Schreiber, »es gibt keinen angenehmeren Zeitvertreib,
als Geschichten anzuhören. Ich könnte tagelang so hinsitzen, die Beine
untergeschlagen, einen Arm aufs Kissen gestützt, die Stirne in die Hand
gelegt, und wenn es ginge, des Scheiks große Wasserpfeife in der Hand,
und Geschichten anhören, -- so ungefähr stelle ich mir das Leben vor in
den Gärten Mahommeds.«
»Solange Ihr jung seid und arbeiten könnt,« sprach der Alte, »kann ein
solcher träger Wunsch nicht Euer Ernst sein. Aber das gebe ich Euch
zu, daß ein eigener Reiz darin liegt, etwas erzählen zu hören. So alt
ich bin, und ich gehe nun ins siebenundsiebzigste Jahr, so viel ich in
meinem Leben schon gehört habe, so verschmähe ich es doch nicht, wenn
an der Ecke ein Geschichtserzähler sitzt und um ihn in großem Kreis die
Zuhörer, mich ebenfalls hinzusetzen und zuzuhören. Man träumt sich ja
in die Begebenheiten hinein, die erzählt werden, man lebt mit diesen
Menschen, mit diesen wundervollen Geistern, mit Feen und dergleichen
Leuten, die uns nicht alle Tage begegnen, und hat nachher, wenn man
einsam ist, Stoff, sich alles zu wiederholen, wie der Wanderer, der
sich gut versehen hat, wenn er durch die Wüste reist.«