Da lag er auf dem Sofa des alten Weibes und blickte verwundert umher.

»Nein, wie man aber so lebhaft träumen kann!« sprach er zu sich. »Hätte

ich jetzt doch schwören wollen, daß ich ein schnödes Eichhörnchen,

ein Kamerade von Meerschweinen und anderem Ungeziefer, dabei aber ein

großer Koch geworden sei. Wie wird die Mutter lachen, wenn ich ihr

alles erzähle! Aber wird sie nicht auch schmälen, daß ich in einem

fremden Hause einschlafe, statt ihr zu helfen auf dem Markte?« Mit

diesen Gedanken raffte er sich auf, um hinwegzugehen; noch waren seine

Glieder vom Schlafe ganz steif, besonders sein Nacken, denn er konnte

den Kopf nicht recht hin und her bewegen; er mußte auch selbst über

sich lächeln, daß er so schlaftrunken war, denn alle Augenblicke,

ehe er es sich versah, stieß er mit der Nase an einen Schrank oder

an die Wand oder schlug sie, wenn er sich schnell umwandte, an einen

Türpfosten. Die Eichhörnchen und Meerschweinchen liefen winselnd um ihn

her, als wollten sie ihn begleiten, er lud sie auch wirklich ein, als

er auf der Schwelle war, denn es waren niedliche Tierchen, aber sie

fuhren auf ihren Nußschalen schnell ins Haus zurück, und er hörte sie

nur noch in der Ferne heulen.

Es war ein ziemlich entlegener Teil der Stadt, wohin ihn die

Alte geführt hatte, und er konnte sich kaum aus den engen Gassen

herausfinden, auch war dort ein großes Gedränge; denn es mußte sich,

wie ihm dünkte, gerade in der Nähe ein Zwerg sehen lassen; überall

hörte er rufen: »Ei, seht den häßlichen Zwerg! Wo kommt der Zwerg her?

Ei, was hat er doch für eine lange Nase, und wie ihm der Kopf in den

Schultern steckt, und die braunen, häßlichen Hände!« Zu einer andern

Zeit wäre er wohl auch nachgelaufen, denn er sah für sein Leben gern

Riesen oder Zwerge oder seltsame fremde Trachten, aber so mußte er sich

sputen, um zur Mutter zu kommen.

Es war ihm ganz ängstlich zu Mut, als er auf den Markt kam. Die Mutter

saß noch da und hatte noch ziemlich viele Früchte im Korb, lange konnte

er also nicht geschlafen haben, aber doch kam es ihm von weitem schon

vor, als sei sie sehr traurig; denn sie rief die Vorübergehenden nicht

an, einzukaufen, sondern hatte den Kopf in die Hand gestützt, und als

er näher kam, glaubte er auch, sie sei bleicher als sonst. Er zauderte,

was er tun sollte; endlich faßte er sich ein Herz, schlich sich

hinter sie hin, legte traulich seine Hand auf ihren Arm und sprach:

»Mütterchen, was fehlt dir? Bist du böse auf mich?«

Die Frau wandte sich um nach ihm, fuhr aber mit einem Schrei des

Entsetzens zurück: »Was willst du von mir, häßlicher Zwerg!« rief sie.

»Fort, fort! Ich kann dergleichen Possenspiele nicht leiden.«

»Aber Mutter, was hast du denn?« fragte Jakob ganz erschrocken; »dir

ist gewiß nicht wohl; warum willst du denn deinen Sohn von dir jagen?«

»Ich habe dir schon gesagt, gehe deines Weges!« entgegnete Frau Hanne

zürnend. »Bei mir verdienst du kein Geld durch deine Gaukeleien,

häßliche Mißgeburt.«

»Wahrhaftig, Gott hat ihr das Licht des Verstandes geraubt!« sprach der

Kleine bekümmert zu sich; »was fange ich nur an, um sie nach Haus zu

bringen? Lieb Mütterchen, sei doch nur vernünftig; sieh mich doch nur

recht an; ich bin ja dein Sohn, dein Jakob.«

»Nein, jetzt wird mir der Spaß zu unverschämt,« rief Hanne ihrer

Nachbarin zu; »seht nur den häßlichen Zwerg da, da steht er und

vertreibt mir gewiß alle Käufer, und mit meinem Unglück wagt er zu

spotten. Spricht zu mir: ich bin ja dein Sohn, dein Jakob -- der

Unverschämte!«

Da erhoben sich die Nachbarinnen und fingen an zu schimpfen, so arg sie

konnten, und Marktweiber, wisset ihr wohl, verstehen es, und schalten

ihn, daß er des Unglückes der armen Hanne spotte, der vor sieben Jahren

ihr bildschöner Knabe gestohlen worden sei, und drohten insgesamt, über

ihn herzufallen und ihn zu zerkratzen, wenn er nicht alsobald ginge.

Der arme Jakob wußte nicht, was er von diesem allem denken sollte. War

er doch, wie er glaubte, heute früh, wie gewöhnlich, mit der Mutter

auf den Markt gegangen, hatte ihr die Früchte aufstellen helfen, war

nachher mit dem alten Weib in ihr Haus gekommen, hatte ein Süppchen

verzehrt, ein kleines Schläfchen gemacht und war jetzt wieder da;

und doch sprachen die Mutter und die Nachbarinnen von sieben Jahren!

Und sie nannten ihn einen garstigen Zwerg! Was war denn nun mit ihm

vorgegangen? -- Als er sah, daß die Mutter gar nichts mehr von ihm

hören wollte, traten ihm die Tränen in die Augen, und er ging trauernd

die Straße hinab nach der Bude, wo sein Vater den Tag über Schuhe

flickte. »Ich will doch sehen,« dachte er bei sich, »ob er mich auch

nicht kennen will; unter die Türe will ich mich stellen und mit ihm

sprechen.« Als er an der Bude des Schusters angekommen war, stellte er

sich unter die Türe und schaute hinein. Der Meister war so emsig mit

seiner Arbeit beschäftigt, daß er ihn gar nicht sah; als er aber einmal

zufällig einen Blick nach der Türe warf, ließ er Schuhe, Draht und

Pfriem auf die Erde fallen und rief mit Entsetzen: »Um Gottes willen,

was ist das, was ist das!«

»Guten Abend, Meister!« sprach der Kleine, indem er vollends in den

Laden trat, »wie geht es Euch?«

»Schlecht, schlecht, kleiner Herr!« antwortete der Vater, zu Jakobs

großer Verwunderung; denn er schien ihn auch nicht zu kennen. »Das

Geschäft will mir nicht recht von der Hand. Bin so allein und werde

jetzt alt, und doch ist mir ein Geselle zu teuer.«

»Aber habt Ihr denn kein Söhnlein, das Euch nach und nach an die Hand

gehen könnte bei der Arbeit?« forschte der Kleine weiter.

»Ich hatte einen, er hieß Jakob, und müßte jetzt ein schlanker,

gewandter Bursche von zwanzig Jahren sein, der mir tüchtig unter die

Arme greifen könnte. Ha! das müßte ein Leben sein; schon als er zwölf

Jahre alt war, zeigte er sich so anstellig und geschickt und verstand

schon manches vom Handwerk, und hübsch und angenehm war er auch; der

hätte mir eine Kundschaft hergelockt, daß ich bald nicht mehr geflickt,

sondern nichts als Neues geliefert hätte! Aber so geht's in der Welt!«

»Wo ist denn aber Euer Sohn?« fragte Jakob mit zitternder Stimme seinen

Vater.

»Das weiß Gott,« antwortete er; »vor sieben Jahren, ja, so lange ist's

jetzt her, wurde er uns vom Markt weggestohlen.«

»Vor _sieben Jahren_?!« rief Jakob mit Entsetzen.

»Ja, kleiner Herr, vor sieben Jahren; ich weiß noch wie heute, wie mein

Weib nach Hause kam, heulend und schreiend, das Kind sei den ganzen

Tag nicht zurückgekommen, sie habe überall geforscht und gesucht und es

nicht gefunden. Ich habe es immer gedacht und gesagt, daß es so kommen

würde; der Jakob war ein schönes Kind, das muß man sagen, da war nun

meine Frau stolz auf ihn und sah es gerne, wenn ihn die Leute lobten,

und schickte ihn oft mit Gemüse und dergleichen in vornehme Häuser.

Das war schon recht; er wurde allemal reichlich beschenkt; aber, sagte

ich, gib acht! die Stadt ist groß; viele schlechte Leute wohnen da, gib

mir auf den Jakob acht! Und so war es, wie ich sagte. Kommt einmal ein

altes, häßliches Weib auf den Markt, feilscht um Früchte und Gemüse und

kauft am Ende so viel, daß sie es nicht selbst tragen kann. Mein Weib,

die mitleidige Seele, gibt ihr den Jungen mit und -- hat ihn zur Stunde

nicht mehr gesehen.«

»Und das ist jetzt sieben Jahre, sagt Ihr?«

»Sieben Jahre wird es im Frühling. Wir ließen ihn ausrufen, wir gingen

von Haus zu Haus und fragten; manche hatten den hübschen Jungen gekannt

und liebgewonnen und suchten jetzt mit uns, alles vergeblich. Auch die

Frau, welche das Gemüse gekauft hatte, wollte niemand kennen; aber ein

steinaltes Weib, die schon neunzig Jahre gelebt hatte, sagte, es könne

wohl die böse Fee Kräuterweis gewesen sein, die alle fünfzig Jahre

einmal in die Stadt komme, um sich allerlei einzukaufen.«

So sprach Jakobs Vater und klopfte dabei seine Schuhe weidlich und

zog den Draht mit beiden Fäusten weit hinaus. Dem Kleinen aber wurde

es nach und nach klar, was mit ihm vorgegangen, daß er nämlich

nicht geträumt, sondern daß er sieben Jahre bei der bösen Fee als

Eichhörnchen gedient habe. Zorn und Gram erfüllten sein Herz so

sehr, daß es beinahe zersprengen wollte. Sieben Jahre seiner Jugend

hatte ihm die Alte gestohlen, und was hatte er für Ersatz dafür? Daß

er Pantoffeln von Kokosnüssen blank putzen, daß er ein Zimmer mit

gläsernem Fußboden rein machen konnte? Daß er von den Meerschweinchen

alle Geheimnisse der Küche gelernt hatte? Er stand eine gute Weile so

da und dachte über sein Schicksal nach, da fragte ihn endlich sein

Vater: »Ist Euch vielleicht etwas von meiner Arbeit gefällig, junger

Herr? etwa ein Paar neue Pantoffeln, oder,« setzte er lächelnd hinzu,

»vielleicht ein Futteral für Eure Nase?«

»Was wollt Ihr nur mit meiner Nase?« sagte Jakob, »warum sollte ich

denn ein Futteral dazu brauchen?«

»Nun,« entgegnete der Schuster, »jeder nach seinem Geschmack; aber das

muß ich Euch sagen, hätte ich diese schreckliche Nase, ein Futteral

ließ' ich mir darüber machen von rosenfarbigem Glanzleder. Schaut, da

habe ich ein schönes Stückchen zur Hand; freilich würde man eine Elle

wenigstens dazu brauchen. Aber wie gut wäret Ihr verwahrt, kleiner

Herr; so, weiß ich gewiß, stoßt Ihr Euch an jedem Türpfosten, an jedem

Wagen, dem Ihr ausweichen wollet.«

Der Kleine stand stumm vor Schrecken; er betastete seine Nase, sie

war dick und wohl zwei Hände lang! So hatte also die Alte auch seine

Gestalt verwandelt; darum kannte ihn also die Mutter nicht, darum

schalt man ihn einen häßlichen Zwerg! »Meister!« sprach er halb weinend

zu dem Schuster, »habt Ihr keinen Spiegel bei der Hand, worin ich mich

beschauen könnte?«

»Junger Herr,« erwiderte der Vater mit Ernst, »Ihr habt nicht gerade

eine Gestalt empfangen, die Euch eitel machen könnte, und Ihr habt

nicht Ursache, alle Stunden in den Spiegel zu gucken. Gewöhnt es Euch

ab, es ist besonders bei Euch eine lächerliche Gewohnheit.«

»Ach, so laßt mich doch in den Spiegel schauen,« rief der Kleine,

»gewiß, es ist nicht aus Eitelkeit!«

»Lasset mich in Ruhe, ich hab' keinen im Vermögen; meine Frau hat ein

Spiegelchen, ich weiß aber nicht, wo sie es verborgen. Müßt Ihr aber

durchaus in den Spiegel gucken, nun, über der Straße hin wohnt Urban,

der Barbier, der hat einen Spiegel, zweimal so groß als Euer Kopf;

gucket dort hinein, und indessen guten Morgen!«

Mit diesen Worten schob ihn der Vater ganz gelinde zur Bude hinaus,

schloß die Türe hinter ihm zu und setzte sich wieder zur Arbeit. Der

Kleine aber ging sehr niedergeschlagen über die Straße zu Urban, dem

Barbier, den er noch aus früheren Zeiten wohl kannte. »Guten Morgen,

Urban,« sprach er zu ihm, »ich komme, Euch um eine Gefälligkeit zu

bitten, seid so gut und lasset mich ein wenig in Euren Spiegel schauen.«

»Mit Vergnügen, dort steht er,« rief der Barbier lachend, und seine

Kunden, denen er den Bart scheren sollte, lachten weidlich mit. »Ihr

seid ein hübsches Bürschchen, schlank und fein, ein Hälschen wie ein

Schwan, Händchen wie eine Königin, und ein Stumpfnäschen, man kann es

nicht schöner sehen. Ein wenig eitel seid Ihr darauf, das ist wahr;

aber beschauet Euch immer, man soll nicht von mir sagen, ich habe Euch

aus Neid nicht in meinen Spiegel schauen lassen.«

So sprach der Barbier, und wieherndes Gelächter füllte die Baderstube.

Der Kleine aber war indes vor den Spiegel getreten und hatte sich

beschaut. Tränen traten ihm in die Augen. »Ja, so konntest du freilich

deinen Jakob nicht wiedererkennen, liebe Mutter,« sprach er zu sich,

»so war er nicht anzuschauen in den Tagen der Freude, wo du gerne mit

ihm prangtest vor den Leuten!« Seine Augen waren klein geworden, wie

die der Schweine, seine Nase war ungeheuer und hing über Mund und

Kinn herunter, der Hals schien gänzlich weggenommen worden zu sein,

denn sein Kopf stak tief in den Schultern, und nur mit den größten

Schmerzen konnte er ihn rechts und links bewegen; sein Körper war noch

so groß als vor sieben Jahren, da er zwölf Jahre alt war, aber wenn

andere vom zwölften bis ins zwanzigste in die Höhe wachsen, so wuchs

er in die Breite, der Rücken und die Brust waren weit ausgebogen und

waren anzusehen wie ein kleiner, aber sehr dick gefüllter Sack; dieser

dicke Oberleib saß auf kleinen, schwachen Beinchen, die dieser Last

nicht gewachsen schienen, aber um so größer waren die Arme, die ihm am

Leib herabhingen, sie hatten die Größe wie die eines wohlgewachsenen

Mannes, seine Hände waren grob und braungelb, seine Finger lang und

spinnenartig, und wenn er sie recht ausstreckte, konnte er damit auf

den Boden reichen, ohne daß er sich bückte. So sah er aus, der kleine

Jakob, zum mißgestalteten Zwerg war er geworden.

Jetzt gedachte er auch jenes Morgens, an welchem das alte Weib an

die Körbe seiner Mutter getreten war. Alles, was er damals an ihr

getadelt hatte, die lange Nase, die häßlichen Finger, alles hatte sie

ihm angetan, und nur den langen, zitternden Hals hatte sie gänzlich

weggelassen.

»Nun, habt Ihr Euch jetzt genug beschaut, mein Prinz?« sagte der

Barbier, indem er zu ihm trat und ihn lachend betrachtete. »Wahrlich,

wenn man sich dergleichen träumen lassen wollte, so komisch könnte es

einem im Traum nicht vorkommen. Doch ich will Euch einen Vorschlag

machen, kleiner Mann. Mein Barbierzimmer ist zwar sehr besucht, aber

doch seit neuerer Zeit nicht so, wie ich wünsche. Das kommt daher, weil

mein Nachbar, der Barbier Schaum, irgendwo einen Riesen aufgefunden

hat, der ihm die Kunden ins Haus lockt. Nun, ein Riese zu werden, ist

gerade keine Kunst, aber so ein Männchen wie Ihr, ja, das ist schon ein

ander Ding. Tretet bei mir in Dienste, kleiner Mann, Ihr sollt Wohnung,

Essen, Trinken, Kleider, alles sollt Ihr haben; dafür stellt Ihr Euch

morgens unter meine Türe und ladet die Leute ein, hereinzukommen; Ihr

schlaget den Seifenschaum, reichet den Kunden das Handtuch, und seid

versichert, wir stehen uns beide gut dabei; ich bekomme mehr Kunden als

jener mit dem Riesen, und jeder gibt Euch gerne noch ein Trinkgeld.«

Der Kleine war in seinem Innern empört über den Vorschlag, als

Lockvogel für einen Barbier zu dienen. Aber mußte er sich nicht diesen

Schimpf geduldig gefallen lassen? Er sagte dem Barbier daher ganz

ruhig, daß er nicht Zeit habe zu dergleichen Diensten, und ging weiter.

Hatte das böse alte Weib seine Gestalt unterdrückt, so hatte sie

doch seinem Geist nichts anhaben können, das fühlte er wohl; denn er

dachte und fühlte nicht mehr, wie er vor sieben Jahren getan, nein, er

glaubte, in diesem Zeitraum weiser, verständiger geworden zu sein; er

trauerte nicht um seine verlorene Schönheit, nicht über diese häßliche

Gestalt, sondern nur darüber, daß er wie ein Hund von der Türe seines

Vaters gejagt werde. Darum beschloß er, noch einen Versuch bei seiner

Mutter zu machen.

Er trat zu ihr auf den Markt und bat sie, ihm ruhig zuzuhören. Er

erinnerte sie an jenen Tag, an welchem er mit dem alten Weib gegangen,

er erinnerte sie an alle einzelnen Vorfälle seiner Kindheit, erzählte

ihr dann, wie er sieben Jahre als Eichhörnchen gedient habe bei der

Fee, und wie sie ihn verwandelte, weil er sie damals getadelt. Die

Frau des Schusters wußte nicht, was sie denken sollte. Alles traf zu,

was er ihr von seiner Kindheit erzählte, aber wenn er davon sprach,

daß er sieben Jahre lang ein Eichhörnchen gewesen sei, da sagte sie:

»Es ist unmöglich, und es gibt keine Feen,« und wenn sie ihn ansah,

so verabscheute sie den häßlichen Zwerg und glaubte nicht, daß dies

ihr Sohn sein könne. Endlich hielt sie es fürs beste, mit ihrem Manne

darüber zu sprechen. Sie raffte also ihre Körbe zusammen und hieß ihn

mitgehen. So kamen sie zu der Bude des Schusters.

»Sieh einmal,« sprach sie zu diesem, »der Mensch da will unser

verlorener Jakob sein. Er hat mir alles erzählt, wie er uns vor sieben

Jahren gestohlen wurde, und wie er von einer Fee bezaubert worden sei.«

»So?« unterbrach sie der Schuster mit Zorn, »hat er dir dies erzählt?

Warte, du Range! Ich habe ihm alles erzählt noch vor einer Stunde, und

jetzt geht er hin, dich so zu foppen! Bezaubert bist du worden, mein

Söhnchen? Warte doch, ich will dich wieder entzaubern.« Dabei nahm er

einen Bündel Riemen, die er eben zugeschnitten hatte, sprang auf den

Kleinen zu und schlug ihn auf den hohen Rücken und auf die langen Arme,

daß der Kleine vor Schmerz aufschrie und weinend davonlief.

In jener Stadt gibt es, wie überall, wenige mitleidige Seelen, die

einen Unglücklichen, der zugleich etwas Lächerliches an sich trägt,

unterstützten. Daher kam es, daß der unglückliche Zwerg den ganzen Tag

ohne Speise und Trank blieb und abends die Treppen einer Kirche, so

hart und kalt sie waren, zum Nachtlager wählen mußte.

Als ihn aber am nächsten Morgen die ersten Strahlen der Sonne

erweckten, da dachte er ernstlich darüber nach, wie er sein Leben

fristen könne, da ihn Vater und Mutter verstoßen. Er fühlte sich zu

stolz, um als Aushängeschild eines Barbiers zu dienen, er wollte

nicht zu einem Possenreißer sich verdingen und sich um Geld sehen

lassen; was sollte er anfangen? Da fiel ihm mit einemmal bei, daß er

als Eichhörnchen große Fortschritte in der Kochkunst gemacht habe; er

glaubte nicht mit Unrecht, hoffen zu dürfen, daß er es mit manchem Koch

aufnehmen könne; er beschloß, seine Kunst zu benützen.

Sobald es daher lebhafter wurde auf den Straßen und der Morgen ganz

heraufgekommen war, trat er zuerst in die Kirche und verrichtete sein

Gebet. Dann trat er seinen Weg an. Der Herzog, der Herr des Landes,

o Herr! war ein bekannter Schlemmer und Lecker, der eine gute Tafel

liebte und seine Köche in allen Weltteilen aufsuchte. Zu seinem Palast

begab sich der Kleine. Als er an die äußerste Pforte kam, fragten die

Türhüter nach seinem Begehr und hatten ihren Spott mit ihm; er aber

verlangte nach dem Oberküchenmeister. Sie lachten und führten ihn durch

die Vorhöfe, und wo er hinkam, blieben die Diener stehen, schauten

nach ihm, lachten weidlich und schlossen sich an, so daß nach und nach

ein ungeheurer Zug von Dienern aller Art sich die Treppe des Palastes

hinaufbewegte; die Stallknechte warfen ihre Striegel weg, die Läufer

liefen, was sie konnten, die Teppichbreiter vergaßen die Teppiche

auszuklopfen, alles drängte und trieb sich, es war ein Gewühl, als sei

der Feind vor den Toren, und das Geschrei: »Ein Zwerg, ein Zwerg! Habt

ihr den Zwerg gesehen?« füllte die Lüfte.

Da erschien der Aufseher des Hauses mit grimmigem Gesicht, eine

ungeheure Peitsche in der Hand, in der Türe. »Um des Himmels willen,

ihr Hunde, was macht ihr solchen Lärm! Wisset ihr nicht, daß der Herr

noch schläft?« und dabei schwang er die Geißel und ließ sie unsanft

auf den Rücken einiger Stallknechte und Türhüter niederfallen. »Ach,

Herr!« riefen sie, »seht Ihr denn nicht? Da bringen wir einen Zwerg,

einen Zwerg, wie Ihr noch keinen gesehen.« Der Aufseher des Palastes

zwang sich mit Mühe, nicht laut aufzulachen, als er des Kleinen

ansichtig wurde; denn er fürchtete, durch Lachen seiner Würde zu

schaden. Er trieb daher mit der Peitsche die übrigen hinweg, führte den

Kleinen ins Haus und fragte nach seinem Begehr. Als er hörte, jener

wolle zum Küchenmeister, erwiderte er: »Du irrst dich, mein Söhnchen!

Zu mir, dem Aufseher des Hauses, willst du; du willst Leibzwerg werden

beim Herzog; ist es nicht also?«

»Nein, Herr!« antwortete der Zwerg. »Ich bin ein geschickter

Koch und erfahren in allerlei seltenen Speisen; wollet mich zum

Oberküchenmeister bringen; vielleicht kann er meine Kunst brauchen.«

»Jeder nach seinem Willen, kleiner Mann; übrigens bist du doch ein

unbesonnener Junge. In die Küche? Als Leibzwerg hättest du keine Arbeit

gehabt und Essen und Trinken nach Herzenslust und schöne Kleider. Doch,

wir wollen sehen, deine Kochkunst wird schwerlich so weit reichen, als

ein Mundkoch des Herrn nötig hat, und zum Küchenjungen bist du zu gut.«

Bei diesen Worten nahm ihn der Aufseher des Palastes bei der Hand und

führte ihn in die Gemächer des Oberküchenmeisters.

»Gnädiger Herr!« sprach dort der Zwerg und verbeugte sich so tief,

daß er mit der Nase den Fußteppich berührte, »brauchet ihr keinen

geschickten Koch?«

Der Oberküchenmeister betrachtete ihn vom Kopf bis zu den Füßen,

brach dann in lautes Lachen aus und sprach: »Wie?« rief er, »du ein

Koch? Meinst du, unsere Herde seien so niedrig, daß du nur auf einen

hinaufschauen kannst, wenn du dich auf die Zehen stellst und den Kopf

recht aus den Schultern herausarbeitest? O, lieber Kleiner! Wer dich

zu mir geschickt hat, um dich als Koch zu verdingen, der hat dich zum

Narren gehabt.« So sprach der Oberküchenmeister und lachte weidlich,

und mit ihm lachten der Aufseher des Palastes und alle Diener, die im

Zimmer waren.

Der Zwerg aber ließ sich nicht aus der Fassung bringen. »Was liegt

an einem Ei oder zweien, an ein wenig Sirup und Wein, an Mehl und

Gewürze in einem Hause, wo man dessen genug hat?« sprach er. »Gebet

mir irgend eine leckerhafte Speise zu bereiten auf, schaffet mir, was

ich dazu brauche, und sie soll vor Euren Augen schnell bereitet sein,

und Ihr sollet sagen müssen: er ist ein Koch nach Regel und Recht.«

Solche und ähnliche Reden führte der Kleine, und es war wunderlich

anzuschauen, wie es dabei aus seinen kleinen Aeuglein hervorblitzte,

wie seine lange Nase sich hin und her schlängelte und seine dünnen

Spinnenfinger seine Rede begleiteten. »Wohlan!« rief der Küchenmeister

und nahm den Aufseher des Palastes unter dem Arme, »wohlan, es sei

um des Spaßes willen; lasset uns zur Küche gehen.« Sie gingen durch

mehrere Säle und Gänge und kamen endlich in die Küche. Es war dies

ein großes, weitläufiges Gebäude, herrlich eingerichtet; auf zwanzig

Herden brannten beständig Feuer, ein klares Wasser, das zugleich zum

Fischbehälter diente, floß mitten durch sie, in Schränken von Marmor

und köstlichem Holz waren die Vorräte aufgestellt, die man immer

zur Hand haben mußte, und zur Rechten und Linken waren zehn Säle,

in welchen alles aufgespeichert war, was man in allen Ländern von

Frankistan und selbst im Morgenlande Köstliches und Leckeres für den

Gaumen erfunden. Küchenbedienten aller Art liefen umher und rasselten

und hantierten mit Kesseln und Pfannen, mit Gabeln und Schaumlöffeln;

als aber der Oberküchenmeister in die Küche eintrat, blieben sie alle

regungslos stehen, und nur das Feuer hörte man noch knistern und das

Bächlein rieseln.

»Was hat der Herr heute zum Frühstück befohlen?« fragte der Meister den

ersten Frühstückmacher, einen alten Koch.

»Herr! Die dänische Suppe hat er geruht zu befehlen und rote Hamburger

Klößchen.«

»Gut,« sprach der Küchenmeister weiter; »hast du gehört, was der Herr

speisen will? Getraust du dich, diese schwierigen Speisen zu bereiten?

Die Klößchen bringst du auf keinen Fall heraus, das ist ein Geheimnis.«

»Nichts leichter als dies,« erwiderte zu allgemeinem Erstaunen der

Zwerg, denn er hatte diese Speisen als Eichhörnchen oft gemacht,

»nichts leichter, man gebe mir zu der Suppe die und die Kräuter, dies

und jenes Gewürz, Fett von einem wilden Schwein, Wurzeln und Eier; zu

den Klößchen aber,« sprach er leiser, daß es nur der Küchenmeister

und der Frühstückmacher hören konnten, »zu den Klößchen brauche ich

viererlei Fleisch, etwas Wein, Entenschmalz, Ingwer und ein gewisses

Kraut, das man Magentrost heißt.«

»Ha! Bei St. Benedikt! Bei welchem Zauberer hast du gelernt?« rief

der Koch mit Staunen. »Alles bis auf ein Haar hat er gesagt, und das

Kräutlein Magentrost haben wir selbst nicht gewußt; ja, das muß es

noch angenehmer machen. O, du Wunder von einem Koch!«

»Das hätte ich nicht gedacht,« sagte der Oberküchenmeister, »doch

lassen wir ihn die Probe machen; gebt ihm die Sachen, die er verlangt,

Geschirr und alles, und lasset ihn das Frühstück bereiten.«

Man tat, wie er befohlen und rüstete alles auf dem Herde zu; aber

da fand es sich, daß der Zwerg kaum mit der Nase bis an den Herd

reichen konnte. Man setzte daher ein paar Stühle zusammen, legte

eine Marmorplatte darüber und lud den kleinen Wundermann ein, sein

Kunststück zu beginnen. In einem großen Kreise standen die Köche,

Küchenjungen, Diener und allerlei Volk umher und sahen zu und staunten,

wie ihm alles so flink und fertig von der Hand ging, wie er alles so

reinlich und niedlich bereitete. Als er mit der Zubereitung fertig

war, befahl er, beide Schüsseln ans Feuer zu setzen und genau so lange

kochen zu lassen, bis er rufen werde; dann fing er an zu zählen, eins,

zwei, drei und so fort, und gerade, als er fünfhundert gezählt hatte,

rief er: »Halt!« die Töpfe wurden weggesetzt, und der Kleine lud den

Küchenmeister ein, zu kosten.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 6 · 第 11 / 31 段