trägt sich mit wunderlichen Reden. Von seinem Sohn wurde dabei nichts
erwähnt, wohl aber sagte man, er sei ein sonderbarer Mann und ganz
besonders erpicht auf Erzählungen. Da soll er jedes Jahr unter seinen
Sklaven einen Wettstreit anstellen, und wer am besten erzählt, den gibt
er frei.«
»Verlasset euch nicht auf das Gerede der Leute,« sagte der alte Mann;
»es ist so, wie ich es sage, und ich weiß es genau; möglich ist, daß
er sich an diesem schweren Tage aufheitern will und sich Geschichten
erzählen läßt; doch gibt er sie frei um seines Sohnes willen. Doch der
Abend wird kühl und ich muß weitergehen. ~Salem aleikum~, Friede sei
mit euch, ihr jungen Herren, und denket in Zukunft besser von dem guten
Scheik.«
Die jungen Leute dankten dem Alten für seine Nachrichten, schauten noch
einmal nach dem trauernden Vater und gingen die Straße hinab, indem sie
zueinander sprachen: »Ich möchte doch nicht der Scheik Ali Banu sein.«
* * * * *
Nicht lange Zeit, nachdem diese jungen Leute mit dem alten Mann über
den Scheik Ali Banu gesprochen hatten, traf es sich, daß sie um die
Zeit des Morgengebets wieder diese Straße gingen. Da fiel ihnen der
alte Mann und seine Erzählung ein, und sie beklagten zusammen den
Scheik und blickten nach seinem Hause. Aber wie staunten sie, als sie
dort alles aufs herrlichste ausgeschmückt fanden! Von dem Dache, wo
geputzte Sklavinnen spazieren gingen, wehten Wimpel und Fahnen, die
Halle des Hauses war mit köstlichen Teppichen belegt, Seidenstoff
schloß sich an diese an, der über die breiten Stufen der Treppe
gelegt war, und selbst auf der Straße war noch schönes, feines Tuch
ausgebreitet, wovon sich mancher wünschen mochte zu einem Festkleid
oder zu einer Decke für die Füße.
»Ei, wie hat sich doch der Scheik geändert in den wenigen Tagen!«
sprach der junge Schreiber; »will er ein Fest geben? will er seine
Sänger und Tänzer anstrengen? Seht mir diese Teppiche! hat sie einer
so schön in ganz Alessandria! Und dieses Tuch auf dem gemeinen Boden,
wahrlich, es ist schade dafür!«
»Weißt du, was ich denke?« sprach ein anderer. »Er empfängt sicherlich
einen hohen Gast; denn das sind Zubereitungen, wie man sie macht, wenn
ein Herrscher von großen Ländern oder ein Effendi des Großherrn ein
Haus mit seinem Besuche segnet. Wer mag wohl heute hierher kommen?«
»Siehe da, geht dort unten nicht unser Alter von letzthin? Ei, der weiß
ja alles und muß auch darüber Aufschluß geben können. Heda! Alter Herr!
Wollet Ihr nicht ein wenig zu uns treten?« So riefen sie, der alte Mann
aber bemerkte ihre Winke und kam zu ihnen; denn er erkannte sie als die
jungen Leute, mit welchen er vor einigen Tagen gesprochen. Sie machten
ihn aufmerksam auf die Zurüstungen im Hause des Scheik und fragten ihn,
ob er nicht wisse, welch hoher Gast wohl erwartet werde?
»Ihr glaubt wohl,« erwiderte er, »Ali Banu feiere ein großes
Freudenfest, oder ein Besuch eines großen Mannes beehre sein Haus? Dem
ist nicht also; aber heute ist der zwölfte Tag des Monats Ramadan, wie
ihr wisset, und an diesem Tag wurde sein Sohn ins Lager geführt.«
»Aber beim Bart des Propheten!« rief einer der jungen Leute, »das sieht
ja alles aus wie Hochzeit und Festlichkeiten, und doch ist es sein
berühmter Trauertag, wie reimt Ihr das zusammen? Gesteht, der Scheik
ist denn doch etwas zerrüttet im Verstand.«
»Urteilet Ihr noch immer so schnell, mein junger Freund?« fragte der
Alte lächelnd. »Auch diesmal war Euer Pfeil wohl spitzig und scharf,
die Sehne Eures Bogens straff angezogen, und doch habt Ihr weitab vom
Ziele geschossen. Wisset, daß heute der Scheik seinen Sohn erwartet.«
»So ist er gefunden?« riefen die Jünglinge und freuten sich.
»Nein, und er wird sich wohl lange nicht finden; aber wisset: vor acht
oder zehn Jahren, als der Scheik auch einmal mit Trauern und Klagen
diesen Tag beging, auch Sklaven freigab und viele Arme speisete und
tränkte, da traf es sich, daß er auch einem Derwisch, der müde und
matt im Schatten jenes Hauses lag, Speise und Trank reichen ließ. Der
Derwisch aber war ein heiliger Mann und erfahren in Prophezeiungen und
im Sterndeuten. Der trat, als er gestärkt war durch die milde Hand des
Scheiks, zu ihm und sprach: ›Ich kenne die Ursache deines Kummers;
ist nicht heute der zwölfte Ramadan, und hast du nicht an diesem Tage
deinen Sohn verloren? Aber sei getrost, dieser Tag der Trauer wird
dir zum Festtag werden, denn wisse, an diesem Tage wird einst dein
Sohn zurückkehren.‹ So sprach der Derwisch. Es wäre Sünde für jeden
Muselmann, an der Rede eines solchen Mannes zu zweifeln; der Gram Alis
wurde zwar dadurch nicht gemildert, aber doch harrt er an diesem Tage
immer auf die Rückkehr seines Sohnes und schmückt sein Haus und seine
Halle und die Treppen, als könne jener zu jeder Stunde anlangen.«
»Wunderbar!« erwiderte der Schreiber. »Aber zusehen möchte ich
doch, wie alles so herrlich bereitet ist, wie er selbst in dieser
Herrlichkeit trauert, und hauptsächlich möchte ich zuhören, wie er sich
von seinen Sklaven erzählen läßt.«
»Nichts leichter als dies,« antwortete der Alte. »Der Aufseher der
Sklaven jenes Hauses ist mein Freund seit langen Jahren und gönnt mir
an diesem Tage immer ein Plätzchen in dem Saal, wo man unter der Menge
der Diener und Freunde des Scheiks den einzelnen nicht bemerkt. Ich
will mit ihm reden, daß er euch einläßt; ihr seid ja nur zu vier, und
da kann es schon gehen; kommet um die neunte Stunde auf diesen Platz,
und ich will euch Antwort geben.«
So sprach der Alte; die jungen Leute aber dankten ihm und entfernten
sich, voll Begierde, zu sehen, wie sich dies alles begeben würde.
Sie kamen zur bestimmten Stunde auf den Platz vor dem Hause des Scheik
und trafen da den Alten, der ihnen sagte, daß der Aufseher der Sklaven
erlaubt habe, sie einzuführen. Er ging voran, doch nicht durch die
reichgeschmückten Treppen und Tore, sondern durch ein Seitenpförtchen,
das er sorgfältig wieder verschloß. Dann führte er sie durch mehrere
Gänge, bis sie in den großen Saal kamen. Hier war ein großes Gedränge
von allen Seiten; da waren reichgekleidete Männer, angesehene Herren
der Stadt und Freunde des Scheik, die gekommen waren, ihn in seinem
Schmerz zu trösten. Da waren Sklaven aller Art und aller Nationen.
Aber alle sahen kummervoll aus, denn sie liebten ihren Herrn und
trauerten mit ihm. Am Ende des Saales, auf einem reichen Diwan, saßen
die vornehmsten Freunde Alis und wurden von den Sklaven bedient. Neben
ihnen auf dem Boden saß der Scheik; denn die Trauer um seinen Sohn
erlaubte ihm nicht, auf dem Teppich der Freude zu sitzen. Er hatte
sein Haupt in die Hand gestützt und schien wenig auf die Tröstungen
zu hören, die ihm seine Freunde zuflüsterten. Ihm gegenüber saßen
einige alte und junge Männer in Sklaventracht. Der Alte belehrte seine
jungen Freunde, daß dies die Sklaven seien, die Ali Banu an diesem Tage
freigebe. Es waren unter ihnen auch einige Franken, und der Alte machte
besonders auf einen von ihnen aufmerksam, der von ausgezeichneter
Schönheit und noch sehr jung war. Der Scheik hatte ihn erst einige Tage
zuvor einem Sklavenhändler von Tunis um eine große Summe abgekauft und
gab ihn dennoch jetzt schon frei, weil er glaubte, je mehr Franken er
in ihr Vaterland zurückschicke, desto früher werde der Prophet seinen
Sohn erlösen.
Nachdem man überall Erfrischungen umhergereicht hatte, gab der Scheik
dem Aufseher der Sklaven ein Zeichen. Dieser stand auf, und es ward
tiefe Stille im Saal. Er trat vor die Sklaven, welche freigelassen
werden sollten, und sprach mit vernehmlicher Stimme: »Ihr Männer, die
ihr heute frei sein werdet durch die Gnade meines Herrn Ali Banu, des
Scheik von Alessandria, tut nun, wie es Sitte ist an diesem Tag in
seinem Hause, und hebet an zu erzählen.« Sie flüsterten untereinander.
Dann aber nahm ein alter Sklave das Wort und fing an zu erzählen:
Der Zwerg Nase.
Herr! Diejenigen tun sehr unrecht, welche glauben, es habe nur zuzeiten
Haruns Al-Raschid, des Beherrschers von Bagdad, Feen und Zauberer
gegeben, oder die gar behaupten, jene Berichte von dem Treiben der
Genien und ihrer Fürsten, welche man von den Erzählern auf den Märkten
der Stadt hört, seien unwahr. Noch heute gibt es Feen, und es ist nicht
so lange her, daß ich selbst Zeuge einer Begebenheit war, wo offenbar
die Genien im Spiel waren, wie ich Euch berichten werde.
In einer bedeutenden Stadt meines lieben Vaterlandes, Deutschlands,
lebte vor vielen Jahren ein Schuster mit seiner Frau schlicht und
recht. Er saß bei Tag an der Ecke der Straße und flickte Schuhe und
Pantoffeln und machte wohl auch neue, wenn ihm einer welche anvertrauen
mochte; doch mußte er dann das Leder erst einkaufen, denn er war arm
und hatte keine Vorräte. Seine Frau verkaufte Gemüse und Früchte, die
sie in einem kleinen Gärtchen vor dem Tore pflanzte, und viele Leute
kauften gern bei ihr, weil sie reinlich und sauber gekleidet war und
ihr Gemüse auf gefällige Art auszubreiten und zu legen wußte.
Die beiden Leutchen hatten einen schönen Knaben, angenehm von Gesicht,
wohlgestaltet und für das Alter von acht Jahren schon ziemlich groß.
Er pflegte gewöhnlich bei der Mutter auf dem Gemüsemarkt zu sitzen,
und den Weibern oder Köchen, die viel bei der Schustersfrau eingekauft
hatten, trug er wohl auch einen Teil der Früchte nach Hause, und selten
kam er von einem solchen Gang zurück ohne eine schöne Blume oder ein
Stückchen Geld oder Kuchen; denn die Herrschaften dieser Köche sahen
es gern, wenn man den schönen Knaben mit nach Hause brachte, und
beschenkten ihn immer reichlich.
Eines Tages saß die Frau des Schusters wieder wie gewöhnlich auf dem
Markte; sie hatte vor sich einige Körbe mit Kohl und anderem Gemüse,
allerlei Kräuter und Sämereien, auch in einem kleineren Körbchen frühe
Birnen, Aepfel und Aprikosen. Der kleine Jakob, so hieß der Knabe,
saß neben ihr und rief mit heller Stimme die Waren aus: »Hierher, ihr
Herren, seht, welch schöner Kohl, wie wohlriechend diese Kräuter; frühe
Birnen, ihr Frauen, frühe Aepfel und Aprikosen, wer kauft? Meine Mutter
gibt es wohlfeil.« So rief der Knabe. Da kam ein altes Weib über den
Markt her; sie sah etwas zerrissen und zerlumpt aus, hatte ein kleines
spitziges Gesicht, vom Alter ganz eingefurcht, rote Augen und eine
spitzige, gebogene Nase, die gegen das Kinn hinabstrebte; sie ging an
einem langen Stock, und doch konnte man nicht sagen, wie sie ging; denn
sie hinkte und rutschte und wankte, es war, als habe sie Räder in den
Beinen und könne alle Augenblicke umstülpen und mit der spitzigen Nase
aufs Pflaster fallen.
Die Frau des Schusters betrachtete dieses Weib aufmerksam. Es waren
jetzt doch schon sechzehn Jahre, daß sie täglich auf dem Markte saß,
und nie hatte sie diese sonderbare Gestalt bemerkt. Aber sie erschrak
unwillkürlich, als die Alte auf sie zuhinkte und an ihren Körben stille
stand.
»Seid Ihr Hanne, die Gemüsehändlerin?« fragte das alte Weib mit
unangenehmer, krächzender Stimme, indem sie beständig den Kopf hin und
her schüttelte.
»Ja, die bin ich,« antwortete die Schustersfrau; »ist Euch etwas
gefällig?«
»Wollen sehen, wollen sehen! Kräutlein schauen, Kräutlein schauen; ob
du hast, was ich brauche?« antwortete die Alte, beugte sich nieder vor
den Körben und fuhr mit ein Paar dunkelbraunen, häßlichen Händen in den
Kräuterkorb hinein, packte die Kräutlein, die so schön und zierlich
ausgebreitet waren, mit ihren langen Spinnenfingern, brachte sie dann
eines um das andere hinauf an die lange Nase und beroch sie hin und
her. Der Frau des Schusters wollte es fast das Herz abdrücken, wie sie
das alte Weib also mit ihren seltenen Kräutern hantieren sah; aber sie
wagte nichts zu sagen; denn es war das Recht des Käufers, die Ware
zu prüfen, und überdies empfand sie ein sonderbares Grauen vor dem
Weibe. Als jene den ganzen Korb durchgemustert hatte, murmelte sie:
»Schlechtes Zeug, schlechtes Kraut, nichts von allem, was ich will, war
viel besser vor fünfzig Jahren; schlechtes Zeug, schlechtes Zeug!«
Solche Reden verdrossen nun den kleinen Jakob. »Höre, du bist ein
unverschämtes altes Weib,« rief er unmutig; »erst fährst du mit deinen
garstigen braunen Fingern in die schönen Kräuter hinein und drückst
sie zusammen, dann hältst du sie an deine lange Nase, daß sie niemand
mehr kaufen mag, wer zugesehen, und jetzt schimpfst du noch unsere Ware
schlechtes Zeug, und doch kauft selbst der Koch des Herzogs alles bei
uns!«
Das alte Weib schielte den mutigen Knaben an, lachte widerlich und
sprach mit heiserer Stimme: »Söhnchen, Söhnchen! Also gefällt dir
meine Nase, meine schöne, lange Nase? Sollst auch eine haben mitten
im Gesicht bis übers Kinn herab.« Während sie so sprach, rutschte
sie an den anderen Korb, in welchem Kohl ausgelegt war. Sie nahm die
herrlichsten weißen Kohlhäupter in die Hand, drückte sie zusammen, daß
sie ächzten, warf sie dann wieder unordentlich in den Korb und sprach
auch hier: »Schlechte Ware, schlechter Kohl!«
»Wackle nur nicht so garstig mit dem Kopf hin und her,« rief der Kleine
ängstlich, »dein Hals ist ja so dünn wie ein Kohlstengel, der könnte
leicht abbrechen und dann fiele dein Kopf in den Korb hinein; wer
wollte dann noch kaufen?«
»Gefallen sie dir nicht, die dünnen Hälse?« murmelte die Alte lachend.
»Sollst gar keinen haben, Kopf muß in den Schultern stecken, daß er
nicht herabfällt vom kleinen Körperlein!«
»Schwatzt doch nicht so unnützes Zeug mit dem Kleinen da,« sagte
endlich die Frau des Schusters im Unmut über das lange Prüfen, Mustern
und Beriechen, »wenn Ihr etwas kaufen wollt, so sputet Euch, Ihr
verscheucht mir ja die andern Kunden.«
»Gut, es sei, wie du sagst,« rief die Alte mit grimmigem Blick, »ich
will dir diese sechs Kohlhäupter abkaufen; aber siehe, ich muß mich auf
den Stab stützen und kann nichts tragen; erlaube deinem Söhnlein, daß
es mir die Ware nach Hause bringt, ich will es dafür belohnen.«
Der Kleine wollte nicht mitgehen und weinte, denn ihm graute vor der
häßlichen Frau, aber die Mutter befahl es ihm ernstlich, weil sie es
doch für eine Sünde hielt, der alten, schwächlichen Frau diese Last
allein aufzubürden; halb weinend tat er, wie sie befohlen, raffte die
Kohlhäupter in ein Tuch zusammen und folgte dem alten Weib über den
Markt hin.
Es ging nicht sehr schnell bei ihr, und sie brauchte beinahe drei
Viertelstunden, bis sie in einen ganz entlegenen Teil der Stadt kam
und endlich vor einem kleinen, baufälligen Hause stillhielt. Dort zog
sie einen alten, rostigen Haken aus der Tasche, fuhr damit geschickt
in ein kleines Loch in der Türe, und plötzlich sprang diese krachend
auf. Aber wie war der kleine Jakob überrascht, als er eintrat! Das
Innere des Hauses war prachtvoll ausgeschmückt, von Marmor waren die
Decke und die Wände, die Gerätschaften vom schönsten Ebenholz, mit
Gold und geschliffenen Steinen eingelegt, der Boden aber war von Glas
und so glatt, daß der Kleine einigemal ausgleitete und umfiel. Die
Alte aber zog ein silbernes Pfeifchen aus der Tasche und pfiff eine
Weise darauf, die gellend durch das Haus tönte. Da kamen sogleich
einige Meerschweinchen die Treppe herab; dem Jakob wollte es aber ganz
sonderbar dünken, daß sie aufrecht auf zwei Beinen gingen, Nußschalen
statt Schuhen an den Pfoten trugen, menschliche Kleider angelegt und
sogar Hüte nach der neuesten Mode auf die Köpfe gesetzt hatten. »Wo
habt ihr meine Pantoffeln, schlechtes Gesindel?« rief die Alte und
schlug mit dem Stock nach ihnen, daß sie jammernd in die Höhe sprangen,
»wie lange soll ich noch so dastehen?«
Sie sprangen schnell die Treppe hinauf und kamen wieder mit ein Paar
Schalen von Kokosnuß, mit Leder gefüttert, welche sie der Alten
geschickt an die Füße steckten.
Jetzt war alles Hinken und Rutschen vorbei. Sie warf den Stab von sich
und gleitete mit großer Schnelligkeit über den Glasboden hin, indem sie
den kleinen Jakob an der Hand mit fortzog. Endlich hielt sie in einem
Zimmer stille, das mit allerlei Gerätschaften ausgeputzt, beinahe einer
Küche glich, obgleich die Tische von Mahagoniholz, und die Sofas, mit
reichen Teppichen behängt, mehr zu einem Prunkgemach paßten. »Setze
dich, Söhnchen,« sagte die Alte recht freundlich, indem sie ihn in die
Ecke eines Sofas drückte und einen Tisch also vor ihn hinstellte, daß
er nicht mehr hervorkommen konnte. »Setze dich, du hast gar schwer zu
tragen gehabt, die Menschenköpfe sind nicht so leicht, nicht so leicht.«
»Aber Frau, was sprecht Ihr so wunderlich?« rief der Kleine, »müde bin
ich zwar, aber es waren ja Kohlköpfe, die ich getragen; Ihr habt sie
meiner Mutter abgekauft.«
»Ei, das weißt du falsch,« lachte das Weib, deckte den Deckel des
Korbes auf und brachte einen Menschenkopf hervor, den sie am Schopf
gefaßt hatte. Der Kleine war vor Schrecken außer sich; er konnte nicht
fassen, wie dies alles zuging, aber er dachte an seine Mutter; wenn
jemand von diesen Menschenköpfen etwas erfahren würde, dachte er bei
sich, da würde man gewiß meine Mutter dafür anklagen.
»Muß dir nun auch etwas geben zum Lohn, daß du so artig bist,«
murmelte die Alte, »gedulde dich nur ein Weilchen, will dir ein
Süppchen einbrocken, an das du dein Leben lang denken wirst.« So
sprach sie und pfiff wieder. Da kamen zuerst viele Meerschweinchen
in menschlichen Kleidern; sie hatten Küchenschürzen umgebunden und
im Gürtel Rührlöffel und Tranchiermesser; nach diesen kam eine Menge
Eichhörnchen hereingehüpft; sie hatten weite türkische Beinkleider
an, gingen aufrecht, und auf dem Kopf trugen sie grüne Mützchen von
Samt. Diese schienen die Küchenjungen zu sein; denn sie kletterten
mit großer Geschwindigkeit an den Wänden hinauf und brachten Pfannen
und Schüsseln, Eier und Butter, Kräuter und Mehl herab und trugen es
auf den Herd; dort aber fuhr die alte Frau auf ihren Pantoffeln von
Kokosschalen beständig hin und her, und der Kleine sah, daß sie es sich
recht angelegen sein lasse, ihm etwas Gutes zu kochen. Jetzt knisterte
das Feuer höher empor, jetzt rauchte und sott es in der Pfanne, ein
angenehmer Geruch verbreitete sich im Zimmer, die Alte aber rannte auf
und ab, die Eichhörnchen und Meerschweine ihr nach, und so oft sie am
Herde vorbeikam, guckte sie mit ihrer langen Nase in den Topf. Endlich
fing es an zu sprudeln und zu zischen, Dampf stieg aus dem Topf hervor,
und der Schaum floß herab ins Feuer. Da nahm sie ihn weg, goß davon in
eine silberne Schale und setzte sie dem kleinen Jakob vor.
»So, Söhnchen, so,« sprach sie, »iß nur dieses Süppchen, dann hast du
alles, was dir an mir so gefallen. Sollst auch ein geschickter Koch
werden, daß du doch etwas bist, aber Kräutlein, nein, das Kräutlein
sollst du nimmer finden, warum hat es deine Mutter nicht in ihrem
Korb gehabt?« Der Kleine verstand nicht recht, was sie sprach, desto
aufmerksamer behandelte er die Suppe, die ihm ganz trefflich schmeckte.
Seine Mutter hatte ihm manche schmackhafte Speise bereitet, aber so gut
war ihm noch nichts geworden. Der Duft von feinen Kräutern und Gewürzen
stieg aus der Suppe auf, dabei war sie süß und säuerlich zugleich und
sehr stark. Während er noch die letzten Tropfen der köstlichen Speise
austrank, zündeten die Meerschweinchen arabischen Weihrauch an, der in
bläulichen Wolken durch das Zimmer schwebte, dichter und immer dichter
wurden diese Wolken und sanken herab, der Geruch des Weihrauches wirkte
betäubend auf den Kleinen, er mochte sich zurufen, so oft er wollte,
daß er zu seiner Mutter zurückkehren müsse; wenn er sich ermannte, sank
er immer wieder von neuem in den Schlummer zurück und schlief endlich
wirklich auf dem Sofa des alten Weibes ein.
Sonderbare Träume kamen über ihn. Es war ihm, als ziehe ihm die Alte
seine Kleider aus und umhülle ihn dafür mit einem Eichhörnchenbalg.
Jetzt konnte er Sprünge machen und klettern wie ein Eichhörnchen; er
ging mit den übrigen Eichhörnchen und Meerschweinen, die sehr artige,
gesittete Leute waren, um und hatte mit ihnen den Dienst bei der alten
Frau. Zuerst wurde er nur zu den Diensten eines Schuhputzers gebraucht,
d. h. er mußte die Kokosnüsse, welche die Frau statt der Pantoffeln
trug, mit Oel salben und durch Reiben glänzend machen. Da er nun in
seines Vaters Hause zu ähnlichen Geschäften oft angehalten worden war,
so ging es ihm flink von der Hand; etwa nach einem Jahre, träumte er
weiter, wurde er zu einem feineren Geschäft gebraucht; er mußte nämlich
mit noch einigen Eichhörnchen Sonnenstäubchen fangen und, wenn sie
genug hatten, solche durch das feinste Haarsieb sieben. Die Frau hielt
nämlich die Sonnenstäubchen für das Allerfeinste, und weil sie nicht
gut beißen konnte, denn sie hatte keinen Zahn mehr, so ließ sie sich
ihr Brot aus Sonnenstäubchen zubereiten.
Wiederum nach einem Jahre wurde er zu den Dienern versetzt, die das
Trinkwasser für die Alte sammelten. Man denke nicht, daß sie sich
hierzu etwa eine Zisterne hätte graben lassen oder ein Faß in den Hof
stellte, um das Regenwasser darin aufzufangen; da ging es viel feiner
zu; die Eichhörnchen, und Jakob mit ihnen, mußten mit Haselnußschalen
den Tau aus den Rosen schöpfen, und das war das Trinkwasser der
Alten. Da sie nun bedeutend viel trank, so hatten die Wasserträger
schwere Arbeit. Nach einem Jahre wurde er zum innern Dienst des Hauses
bestellt; er hatte nämlich das Amt, die Böden rein zu machen; da nun
diese von Glas waren, worin man jeden Hauch sah, war es keine geringe
Arbeit. Sie mußten sie bürsten und altes Tuch an die Füße schnallen
und auf diesem künstlich im Zimmer umherfahren. Im vierten Jahre ward
er endlich zur Küche versetzt. Es war dies ein Ehrenamt, zu welchem
man nur nach langer Prüfung gelangen konnte. Jakob diente dort vom
Küchenjungen aufwärts bis zum ersten Pastetenmacher und erreichte
eine so ungemeine Geschicklichkeit und Erfahrung in allem, was die
Küche betrifft, daß er sich oft über sich selbst wundern mußte;
die schwierigsten Sachen, Pasteten von zweihunderterlei Essenzen,
Kräutersuppen, von allen Kräutlein der Erde zusammengesetzt, alles
lernte er, alles verstand er schnell und kräftig zu machen.
So waren etwa sieben Jahre im Dienste des alten Weibes vergangen, da
befahl sie ihm eines Tages, indem sie die Kokosschuhe auszog, Korb
und Krückenstock zur Hand nahm, um auszugehen, er solle ein Hühnlein
rupfen, mit Kräutern füllen und solches schön bräunlich und gelb
rösten, bis sie wiederkäme. Er tat dies nach den Regeln der Kunst. Er
drehte dem Hühnlein den Kragen um, brühte es in heißem Wasser, zog ihm
geschickt die Federn aus, schabte ihm nachher die Haut, daß sie glatt
und fein wurde, und nahm ihm die Eingeweide heraus. Sodann fing er
an, die Kräuter zu sammeln, womit er das Hühnlein füllen sollte. In
der Kräuterkammer gewahrte er aber diesmal ein Wandschränkchen, dessen
Türe halb geöffnet war, und das er sonst nie bemerkt hatte. Er ging
neugierig näher, um zu sehen, was es enthalte, und siehe da, es standen
viele Körbchen darinnen, von welchen ein starker, angenehmer Geruch
ausging. Er öffnete eines dieser Körbchen und fand darin Kräutlein
von ganz besonderer Gestalt und Farbe. Die Stengel und Blätter waren
blaugrün und trugen oben eine kleine Blume von brennendem Rot mit Gelb
verbrämt; er betrachtete sinnend diese Blume, beroch sie, und sie
strömte denselben starken Geruch aus, von dem einst jene Suppe, die ihm
die Alte gekocht, geduftet hatte. Aber so stark war der Geruch, daß er
zu niesen anfing, immer heftiger niesen mußte und -- am Ende niesend
erwachte.