Mit Sonnenaufgang brach die Karawane auf und gelangte bald nach Birket

el Had, oder dem Pilgrimsbrunnen, von wo es nur noch drei Stunden

Weges nach Kairo war. Man hatte um diese Zeit die Karawane erwartet,

und bald hatten die Kaufleute die Freude, ihre Freunde aus Kairo ihnen

entgegenkommen zu sehen. Sie zogen in die Stadt durch das Tor Bebel

Falch, denn es wird für eine glückliche Vorbedeutung gehalten, wenn

man von Mekka kommt, durch dieses Tor einzuziehen, weil der Prophet

hindurchgezogen ist.

Auf dem Markt verabschiedeten sich die vier türkischen Kaufleute von

dem Fremden und dem griechischen Kaufmann Zaleukos und gingen mit

ihren Freunden nach Haus. Zaleukos aber zeigte dem Fremden eine gute

Karawanserei und lud ihn ein, mit ihm das Mittagsmahl zu nehmen. Der

Fremde sagte zu und versprach, wenn er nur vorher noch sich umgekleidet

habe, zu erscheinen.

Der Grieche hatte alle Anstalten getroffen, den Fremden, welchen er auf

der Reise liebgewonnen hatte, gut zu bewirten, und als die Speisen und

Getränke in gehöriger Ordnung aufgestellt waren, setzte er sich, seinen

Gast zu erwarten.

Langsamen und schweren Schrittes hörte er ihn den Gang, der zu

seinem Gemach führte, heraufkommen. Er erhob sich, um ihm freundlich

entgegenzugehen und ihn an der Schwelle zu bewillkommnen; aber

voll Entsetzen fuhr er zurück, als er die Tür öffnete, denn jener

schreckliche Rotmantel trat ihm entgegen; er warf noch einen Blick auf

ihn, es war keine Täuschung; dieselbe hohe, gebietende Gestalt, die

Larve, aus welcher ihn die dunklen Augen anblitzten, der rote Mantel

mit der goldenen Stickerei waren ihm nur allzuwohl bekannt aus den

schrecklichsten Stunden seines Lebens.

Widerstreitende Gefühle wogten in Zaleukos' Brust; er hatte sich mit

diesem Bild seiner Erinnerung längst ausgesöhnt und ihm vergeben,

und doch riß sein Anblick alle seine Wunden wieder auf; alle jene

qualvollen Stunden der Todesangst, jener Gram, der die Blüte seines

Lebens vergiftete, zogen im Flug eines Augenblicks an seiner Seele

vorüber.

»Was willst du, Schrecklicher?« rief der Grieche aus, als die

Erscheinung noch immer regungslos auf der Schwelle stand. »Weiche

schnell von hinnen, daß ich dir nicht fluche!«

»Zaleukos!« sprach eine bekannte Stimme unter der Larve hervor,

»Zaleukos! So empfängst du deinen Gastfreund?« Der Sprechende nahm die

Larve ab, schlug den Mantel zurück; es war Selim Baruch, der Fremde.

Aber Zaleukos schien noch nicht beruhigt; ihm graute vor dem Fremden;

denn nur zu deutlich hatte er in ihm den Unbekannten von der ~Ponte

vecchio~ erkannt; aber die alte Gewohnheit der Gastfreundschaft siegte;

er winkte schweigend dem Fremden, sich zu ihm ans Mahl zu setzen.

»Ich errate deine Gedanken,« nahm dieser das Wort, als sie sich gesetzt

hatten; »deine Augen sehen fragend auf mich; -- ich hätte schweigen

und mich deinen Blicken nie mehr zeigen können, aber ich bin dir

Rechenschaft schuldig, und darum wagte ich es, auch auf die Gefahr hin,

daß du mir fluchest, vor dir in meiner alten Gestalt zu erscheinen. Du

sagtest einst zu mir: _Der Glaube meiner Väter befiehlt mir, ihn zu

lieben, auch ist er wohl unglücklicher als ich_; glaube dieses, mein

Freund, und höre meine Rechtfertigung.

Ich muß weit ausholen, um mich dir ganz verständlich zu machen. Ich

bin in Alessandria von christlichen Eltern geboren. Mein Vater, der

jüngere Sohn eines alten berühmten französischen Hauses, war Konsul

seines Landes in Alessandria. Ich wurde von meinem zehnten Jahr an

in Frankreich bei einem Bruder meiner Mutter erzogen und verließ erst

einige Jahre nach dem Ausbruch der Revolution mein Vaterland, um mit

meinem Oheim, der in dem Lande seiner Ahnen nicht mehr sicher war, über

dem Meere bei meinen Eltern eine Zuflucht zu suchen. Voll Hoffnung, die

Ruhe und den Frieden, den uns das empörte Volk der Franzosen entrissen,

im elterlichen Hause wiederzufinden, landeten wir. Aber, ach! ich fand

nicht alles in meines Vaters Hause, wie es sein sollte; die äußeren

Stürme der bewegten Zeit waren zwar noch nicht bis hierher gelangt,

desto unerwarteter hatte das Unglück mein Haus im innersten Herzen

heimgesucht. Mein Bruder, ein junger hoffnungsvoller Mann, erster

Sekretär meines Vaters, hatte sich erst seit kurzem mit einem jungen

Mädchen, der Tochter eines florentinischen Edelmanns, der in unserer

Nachbarschaft wohnte, verheiratet; zwei Tage vor unserer Ankunft war

diese auf einmal verschwunden, ohne daß weder unsere Familie noch

ihr Vater die geringste Spur von ihr auffinden konnten. Man glaubte

endlich, sie habe sich auf einem Spaziergang zu weit gewagt und sei

in Räuberhände gefallen. Beinahe tröstlicher wäre dieser Gedanke für

meinen armen Bruder gewesen als die Wahrheit, die uns nur zu bald kund

wurde. Die Treulose hatte sich mit einem jungen Neapolitaner, den sie

im Hause ihres Vaters kennen gelernt hatte, -- eingeschifft. Mein

Bruder, aufs äußerste empört über diesen Schritt, bot alles auf, die

Schuldige zur Strafe zu ziehen, doch vergebens; seine Versuche, die in

Neapel und Florenz Aufsehen erregt hatten, dienten nur dazu, sein und

unser aller Unglück zu vollenden. Der florentinische Edelmann reiste

in sein Vaterland zurück, zwar mit dem Vorgeben, meinem Bruder Recht

zu verschaffen, der Tat nach aber, um uns zu verderben. Er schlug in

Florenz alle jene Untersuchungen, welche mein Bruder angeknüpft hatte,

nieder und wußte seinen Einfluß, den er auf alle Art sich verschafft

hatte, so gut zu benützen, daß mein Vater und mein Bruder ihrer

Regierung verdächtig gemacht und, durch die schändlichsten Mittel

gefangen, nach Frankreich geführt und dort vom Beil des Henkers getötet

wurden. Meine arme Mutter verfiel in Wahnsinn, und erst nach zehn

langen Monaten erlöste sie der Tod von ihrem schrecklichen Zustand,

der aber in den letzten Tagen zu vollem, klarem Bewußtsein geworden

war. So stand ich jetzt ganz allein in der Welt, aber nur _ein_ Gedanke

beschäftigte meine Seele, nur _ein_ Gedanke ließ mich meine Trauer

vergessen, es war jene mächtige Flamme, die meine Mutter in ihrer

letzten Stunde in mir angefacht hatte.

In den letzten Stunden war, wie ich dir sagte, ihr Bewußtsein

zurückgekehrt; sie ließ mich rufen und sprach mit Ruhe von unserem

Schicksal und ihrem Ende. Dann aber ließ sie alle aus dem Zimmer gehen,

richtete sich mit feierlicher Miene von ihrem ärmlichen Lager auf und

sagte, ich könne mir ihren Segen erwerben, wenn ich ihr schwöre, etwas

auszuführen, das sie mir auftragen würde. Ergriffen von den Worten der

sterbenden Mutter, gelobte ich mit einem Eide, zu tun, wie sie mir

sagen werde. Sie brach nun in Verwünschungen gegen den Florentiner und

seine Tochter aus und legte mir mit den fürchterlichsten Drohungen

ihres Fluches auf, mein unglückliches Haus an ihm zu rächen. Sie starb

in meinen Armen. Jener Gedanke der Rache hatte schon lange in meiner

Seele geschlummert; jetzt erwachte er mit aller Macht. Ich sammelte den

Rest meines väterlichen Vermögens und schwur mir, alles an meine Rache

zu setzen oder selbst mit unterzugehen.

Bald war ich in Florenz, wo ich mich so geheim als möglich aufhielt;

mein Plan war aber um viel erschwert worden durch die Lage, in welcher

sich meine Feinde befanden. Der alte Florentiner war Gouverneur

geworden und hatte so alle Mittel in der Hand, sobald er das geringste

ahnte, mich zu verderben. Ein Zufall kam mir zu Hilfe. Eines Abends sah

ich einen Menschen in bekannter Livree durch die Straßen gehen; sein

unsicherer Gang, sein finsterer Blick und das halblaut herausgestoßene

~Santo sacramento~ und ~Maledetto diavolo~ ließen mich den alten Pietro,

einen Diener des Florentiners, den ich schon in Alessandria gekannt

hatte, erkennen. Ich war nicht im Zweifel, daß er über seinen Herrn in

Zorn geraten sei, und beschloß, seine Stimmung zu benützen. Er schien

sehr überrascht, mich hier zu sehen, klagte mir sein Leiden, daß er

seinem Herrn, seit er Gouverneur geworden, nichts mehr recht machen

könne, und mein Gold, unterstützt von seinem Zorn, brachte ihn bald

auf meine Seite. Das schwierigste war jetzt beseitigt; ich hatte einen

Mann in meinem Solde, der mir zu jeder Stunde die Türe meines Feindes

öffnete, und nun reifte mein Racheplan immer schneller heran. Das

Leben des alten Florentiners schien mir ein zu geringes Gewicht, dem

Untergang meines Hauses gegenüber, zu haben. Sein Liebstes mußte er

gemordet sehen, und dies war Bianka, seine Tochter. Hatte ja sie so

schändlich an meinem Bruder gefrevelt, war ja sie doch die Hauptursache

unseres Unglücks. Gar erwünscht kam sogar meinem rachedürstenden

Herzen die Nachricht, daß gerade in dieser Zeit Bianka zum zweiten Mal

sich vermählen wollte; es war beschlossen, sie _mußte_ sterben. Aber

mir selbst graute vor der Tat, und auch Pietro traute ich zu wenig

Kraft zu; darum spähten wir umher nach einem Mann, der das Geschäft

vollbringen könnte. Unter den Florentinern wagte ich keinen zu dingen,

denn gegen den Gouverneur würde keiner etwas solches unternommen

haben. Da fiel Pietro der Plan ein, den ich nachher ausgeführt habe,

zugleich schlug er dich als Fremden und Arzt als den tauglichsten vor.

Den Verlauf der Sache weißt du. Nur an deiner übergroßen Vorsicht und

Ehrlichkeit schien mein Unternehmen zu scheitern. Daher der Zufall mit

dem Mantel.

Pietro öffnete uns das Pförtchen an dem Palast des Gouverneurs, er

hätte uns auch ebenso heimlich wieder hinausgeleitet, wenn wir nicht

durch den schrecklichen Anblick, der sich uns durch die Türspalte

darbot, erschreckt, entflohen wären. Von Schrecken und Reue gejagt, war

ich über zweihundert Schritte fortgerannt, bis ich auf den Stufen einer

Kirche niedersank. Dort erst sammelte ich mich wieder, und mein erster

Gedanke warst du und dein schreckliches Schicksal, wenn man dich in dem

Hause fände.

Ich schlich an den Palast, aber weder von Pietro noch von dir konnte

ich eine Spur entdecken; das Pförtchen aber war offen, so konnte ich

wenigstens hoffen, daß du die Gelegenheit zur Flucht benutzt haben

könntest.

Als aber der Tag anbrach, ließ mich die Angst vor der Entdeckung und

ein unabweisbares Gefühl von Reue nicht mehr in den Mauern von Florenz.

Ich eilte nach Rom. Aber denke dir meine Bestürzung, als man dort nach

einigen Tagen überall diese Geschichte erzählte, mit dem Beisatz, man

habe den Mörder, einen griechischen Arzt, gefangen. Ich kehrte in

banger Besorgnis nach Florenz zurück; denn schien mir meine Rache schon

vorher zu stark, so verfluchte ich sie jetzt, denn sie war mir durch

dein Leben allzu teuer erkauft. Ich kam an demselben Tage an, der dich

der Hand beraubte. Ich schweige von dem, was ich fühlte, als ich dich

das Schafott besteigen und so heldenmütig leiden sah. Aber damals, als

dein Blut in Strömen aufspritzte, war der Entschluß fest in mir, dir

deine übrigen Lebenstage zu versüßen. Was weiter geschehen ist, weißt

du, nur das bleibt mir noch zu sagen übrig, warum ich diese Reise mit

dir machte.

Als eine schwere Last drückte mich der Gedanke, daß du mir noch immer

nicht vergeben habest; darum entschloß ich mich, viele Tage mit dir zu

leben und dir endlich Rechenschaft abzulegen von dem, was ich mit dir

getan.«

Schweigend hatte der Grieche seinen Gast angehört; mit sanftem Blick

bot er ihm, als er geendet hatte, seine Rechte. »Ich wußte wohl, daß du

unglücklicher sein müßtest als ich, denn jene grausame Tat wird, wie

eine dunkle Wolke, ewig deine Tage verfinstern; ich vergebe dir von

Herzen. Aber erlaube mir noch eine Frage: wie kommst du unter dieser

Gestalt in die Wüste? Was fingst du an, nachdem du in Konstantinopel

mir das Haus gekauft hattest?«

»Ich ging nach Alessandria zurück,« antwortete der Gefragte; »Haß gegen

alle Menschen tobte in meiner Brust; brennender Haß besonders gegen

jene Nationen, die man die gebildeten nennt. Glaube mir, unter meinen

Moslemiten war mir wohler! Kaum war ich einige Monate in Alessandria,

als jene Landung meiner Landsleute erfolgte.

Ich sah in ihnen nur die Henker meines Vaters und meines Bruders; darum

sammelte ich einige gleichgesinnte junge Leute meiner Bekanntschaft und

schloß mich jenen tapfern Mamelucken an, die so oft der Schrecken des

französischen Heeres wurden. Als der Feldzug beendigt war, konnte ich

mich nicht entschließen, zu den Künsten des Friedens zurückzukehren.

Ich lebte mit meiner kleinen Anzahl gleichdenkender Freunde ein

unstätes, flüchtiges, dem Kampf und der Jagd geweihtes Leben; ich lebe

zufrieden unter diesen Leuten, die mich wie ihren Fürsten ehren, denn

wenn meine Asiaten auch nicht so gebildet sind wie eure Europäer, so

sind sie doch weit entfernt von Neid und Verleumdung, von Selbstsucht

und Ehrgeiz.«

Zaleukos dankte dem Fremden für seine Mitteilung, aber er verbarg ihm

nicht, daß er es für seinen Stand, für seine Bildung angemessener

fände, wenn er in christlichen, in europäischen Ländern leben und

wirken würde. Er faßte seine Hand und bat ihn, mit ihm zu ziehen, bei

ihm zu leben und zu sterben.

Gerührt sah ihn der Gastfreund an. »Daraus erkenne ich,« sagte er, »daß

du mir ganz vergeben hast, daß du mich liebst. Nimm meinen innigsten

Dank dafür.« Er sprang auf und stand in seiner ganzen Größe vor dem

Griechen, dem vor dem kriegerischen Anstand, den dunkelblitzenden

Augen, der tiefen, geheimnisvollen Stimme seines Gastes beinahe graute.

»Dein Vorschlag ist schön,« sprach jener weiter, »er möchte für jeden

andern lockend sein, -- ich kann ihn nicht benützen. Schon steht mein

Roß gesattelt, schon erwarten mich meine Diener; lebe wohl, Zaleukos!«

Die Freunde, die das Schicksal so wunderbar zusammengeführt, umarmten

sich zum Abschied. »Und wie nenne ich dich? Wie heißt mein Gastfreund,

der auf ewig in meinem Gedächtnis leben wird?« fragte der Grieche.

Der Fremde sah ihn lange an, drückte ihm noch einmal die Hand und

sprach: »Man nennt mich den Herrn der Wüste; ich bin _der Räuber

Orbasan_.«

Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven.

Der Scheik von Alessandria, Ali Banu, war ein sonderbarer Mann. Wenn er

morgens durch die Straßen der Stadt ging, angetan mit einem Turban aus

den köstlichsten Kaschmirs gewunden, mit dem Festkleide und dem reichen

Gürtel, der fünfzig Kamele wert war, wenn er einherging, langsamen,

gravitätischen Schrittes, seine Stirne in finstere Falten gelegt, seine

Augenbrauen zusammengezogen, die Augen niedergeschlagen und alle fünf

Schritte gedankenvoll seinen langen schwarzen Bart streichend; wenn

er so hinging nach der Moschee, um, wie es seine Würde forderte, den

Gläubigen Vorlesungen über den Koran zu halten, da blieben die Leute

auf der Straße stehen, schauten ihm nach und sprachen zu einander: Es

ist doch ein schöner, stattlicher Mann -- und reich; ein reicher Herr,

setzte wohl ein anderer hinzu; sehr reich; hat er nicht ein Schloß am

Hafen von Stambul? hat er nicht Güter und Felder und viele tausend

Stück Vieh und viele Sklaven? Ja, sprach ein dritter, und der Tatar,

der letzthin von Stambul her, vom Großherrn selbst, den der Prophet

segnen möge, an ihn geschickt kam, der sagte mir, daß unser Scheik

sehr in Ansehen stehe beim Reis-Effendi, beim Kapidschi-Baschi, bei

allen, ja beim Sultan selbst. Ja, rief ein vierter, seine Schritte sind

gesegnet. Er ist ein reicher, vornehmer Herr, aber -- aber -- ihr wißt,

was ich meine! -- Ja, ja! murmelten dann die andern dazwischen, es ist

wahr, er hat auch sein Teil zu tragen, möchten nicht mit ihm tauschen;

ist ein reicher, vornehmer Herr; aber, aber! --

Ali Banu hatte ein herrliches Haus auf dem schönsten Platz von

Alessandria. Vor dem Hause war eine weite Terrasse mit Marmor

ummauert, beschattet von Palmbäumen. Dort saß er oft abends und

rauchte seine Wasserpfeife. In ehrerbietiger Entfernung harrten dann

zwölf reichgekleidete Sklaven seines Winkes, der eine trug seinen

Betel, der andere hielt seinen Sonnenschirm, ein dritter hatte Gefäße

von gediegenem Golde mit köstlichem Sorbett angefüllt, ein vierter

trug einen Wedel von Pfauenfedern, um die Fliegen aus der Nähe des

Herrn zu verscheuchen, andere waren Sänger und trugen Lauten und

Blasinstrumente, um ihn zu ergötzen mit Musik, wenn er es verlangte,

und der Gelehrteste von allen trug mehrere Rollen, um ihm vorzulesen.

Aber sie harrten vergeblich auf seinen Wink, er verlangte nicht Musik

noch Gesang, er wollte keine Sprüche oder Gedichte weiser Dichter der

Vorzeit hören, er wollte keinen Sorbett zu sich nehmen noch Betel

kauen, ja selbst der mit dem Fächer aus Pfauenfedern hatte vergebliche

Arbeit; denn der Herr bemerkte es nicht, wenn ihn eine Fliege summend

umschwärmte.

Da blieben oft die Vorübergehenden stehen, staunten über die

Pracht des Hauses, über die reich gekleideten Sklaven und über die

Bequemlichkeiten, womit alles versehen war; aber wenn sie dann den

Scheik ansahen, wie er so ernst und düster unter den Palmen saß,

sein Auge nirgends hinwandte als auf die bläulichen Wölkchen seiner

Wasserpfeife, da schüttelten sie die Köpfe und sprachen: »Wahrlich, der

reiche Mann ist ein armer Mann. Er, der viel hat, ist ärmer, als der

nichts hat. Denn der Prophet hat ihm den Verstand nicht gegeben, es zu

genießen.« So sprachen die Leute, lachten über ihn und gingen weiter.

Eines Abends, als der Scheik wiederum vor der Türe seines Hauses unter

den Palmen saß, umgeben von allem Glanz der Erde, und traurig und

einsam seine Wasserpfeife rauchte, standen nicht ferne davon einige

junge Leute, betrachteten ihn und lachten.

»Wahrlich,« sprach der eine, »das ist ein törichter Mann, der Scheik

Ali Banu. Hätte ich seine Schätze, ich wollte sie anders anwenden. Alle

Tage wollte ich leben herrlich und in Freuden. Meine Freunde müßten bei

mir speisen in den großen Gemächern des Hauses, und Jubel und Lachen

müßten diese traurigen Hallen füllen.«

»Ja,« erwiderte ein anderer, »das wäre nicht so übel, aber viele

Freunde zehren ein Gut auf, und wäre es so groß als das des Sultans,

den der Prophet segne. Aber säße ich abends so unter den Palmen auf

dem schönen Platze hier, da müßten mir die Sklaven dort singen und

musizieren, meine Tänzer müßten kommen und tanzen und springen und

allerlei wunderliche Stücke aufführen. Dazu rauchte ich recht vornehm

die Wasserpfeife, ließe mir den köstlichen Sorbett reichen und

ergötzte mich an all diesem wie ein König von Bagdad.«

»Der Scheik,« sprach ein dritter dieser jungen Leute, der ein Schreiber

war, »der Scheik soll ein gelehrter und weiser Mann sein, und wirklich,

seine Vorlesungen über den Koran zeugen von Belesenheit in allen

Dichtern und Schriften der Weisheit. Aber ist auch sein Leben so

eingerichtet, wie es einem vernünftigen Manne geziemt? Dort steht ein

Sklave mit einem ganzen Arm voll Rollen, ich gäbe mein Festkleid dafür,

nur eine davon lesen zu dürfen, denn es sind gewiß seltene Sachen. Aber

er! Er sitzt und raucht und läßt Bücher -- Bücher sein. Wäre ich der

Scheik Ali Banu, der Kerl müßte mir vorlesen, bis er keinen Atem mehr

hätte oder bis die Nacht heraufkäme. Und auch dann noch müßte er mir

lesen, bis ich entschlummert wäre.«

»Ha! Ihr wüßt mir recht, wie man sich ein köstliches Leben einrichtet,«

lachte der vierte. »Essen und trinken, singen und tanzen, Sprüche lesen

und Gedichte hören von armseligen Dichtern! Nein, ich würde es ganz

anders machen. Er hat die herrlichsten Pferde und Kamele und Geld die

Menge. Da würde ich an seiner Stelle reisen, reisen bis an der Welt

Ende, und selbst zu den Moskowitern, selbst zu den Franken. Kein Weg

wäre mir zu weit, um die Herrlichkeiten der Welt zu sehen. So würde ich

tun, wäre ich jener Mann dort.«

»Die Jugend ist eine schöne Zeit und das Alter, wo man fröhlich ist,«

sprach ein alter Mann von unscheinbarem Aussehen, der neben ihnen stand

und ihre Reden gehört hatte. »Aber erlaubet mir, daß ich es sage, die

Jugend ist auch töricht und schwatzt hie und da in den Tag hinein, ohne

zu wissen, was sie tut.«

»Was wollt Ihr damit sagen, Alter?« fragten verwundert die jungen

Leute. »Meinet Ihr uns damit? Was geht es Euch an, daß wir die

Lebensart des Scheik tadeln?«

»Wenn einer etwas besser weiß als der andere, so berichtige er seinen

Irrtum, so will es der Prophet,« erwiderte der alte Mann. »Der Scheik,

es ist wahr, ist gesegnet mit Schätzen und hat alles, wonach das Herz

verlangt, aber er hat Ursache, ernst und traurig zu sein. Meinet ihr,

er sei immer so gewesen? Nein, ich habe ihn noch vor fünfzehn Jahren

gesehen, da war er munter und rüstig wie die Gazelle und lebte fröhlich

und genoß sein Leben. Damals hatte er einen Sohn, die Freude seiner

Tage, schön und gebildet, und wer ihn sah und sprechen hörte, mußte

den Scheik beneiden um diesen Schatz, denn er war erst zehn Jahre alt,

und doch war er schon so gelehrt wie ein anderer kaum im achtzehnten.«

»Und der ist ihm gestorben? Der arme Scheik!« rief der junge Schreiber.

»Es wäre tröstlich für ihn, zu wissen, daß er heimgegangen in die

Wohnungen des Propheten, wo er besser lebte als hier in Alessandria.

Aber das, was er erfahren mußte, ist viel schlimmer. Es war damals die

Zeit, wo die Franken wie hungrige Wölfe herüberkamen in unser Land und

Krieg mit uns führten. Sie hatten Alessandria überwältigt und zogen

von da aus weiter und immer weiter und bekriegten die Mamelucken. Der

Scheik war ein kluger Mann und wußte sich gut mit ihnen zu vertragen.

Aber sei es, weil sie lüstern waren nach seinen Schätzen, sei es,

weil er sich seiner gläubigen Brüder annahm, ich weiß es nicht genau;

kurz, sie kamen eines Tages in sein Haus und beschuldigten ihn, die

Mamelucken heimlich mit Waffen, Pferden und Lebensmitteln unterstützt

zu haben. Er mochte seine Unschuld beweisen, wie er wollte, es half

nichts, denn die Franken sind ein rohes, hartherziges Volk, wenn es

darauf ankommt, Geld zu erpressen. Sie nahmen also seinen jungen Sohn,

Kairam geheißen, als Geisel in ihr Lager. Er bot ihnen viel Gold für

ihn, aber sie gaben ihn nicht los und wollten ihn zu noch höherem Gebot

steigern. Da kam ihnen auf einmal von ihrem Bassa oder was er war,

der Befehl, sich einzuschiffen. Niemand in Alessandria wußte ein Wort

davon, und -- plötzlich waren sie auf der hohen See, und den kleinen

Kairam, Ali Banus Sohn, schleppten sie wohl mit sich, denn man hat nie

wieder etwas von ihm gehört.«

»O der arme Mann! wie hat ihn doch Allah geschlagen!« riefen einmütig

die jungen Leute und schauten mitleidig hin nach dem Scheik, der,

umgeben von Herrlichkeit, trauernd und einsam unter den Palmen saß.

»Sein Weib, das er sehr geliebt hat, starb ihm aus Kummer um ihren

Sohn. Er selbst aber kaufte sich ein Schiff, rüstete es aus und bewog

den fränkischen Arzt, der dort unten am Brunnen wohnt, mit ihm nach

Frankistan zu reisen, um den verlorenen Sohn aufzusuchen. Sie schifften

sich ein und waren lange Zeit auf dem Meere und kamen endlich in das

Land jener Giaurs, jener Ungläubigen, die in Alessandria gewesen waren.

Aber dort soll es gerade schrecklich zugegangen sein. Sie hatten ihren

Sultan umgebracht, und die Bassa und die Reichen und Armen schlugen

einander die Köpfe ab, und es war keine Ordnung im Lande. Vergeblich

suchten sie in jeder Stadt nach dem kleinen Kairam, niemand wollte von

ihm wissen, und der fränkische Doktor riet endlich dem Scheik, sich

einzuschiffen, weil sie sonst wohl selbst um ihre Köpfe kommen könnten.

So kamen sie wieder zurück, und seit seiner Ankunft hat der Scheik

gelebt wie an diesem Tage, denn er trauert um seinen Sohn, und er

hat recht. Muß er nicht, wenn er ißt und trinkt, denken: jetzt muß

vielleicht mein armer Kairam hungern und dürsten? Und wenn er sich

bekleidet mit reichen Schals und Festkleidern, wie es sein Amt und

seine Würde will, muß er nicht denken: jetzt hat er wohl nichts,

womit er seine Blöße deckt? Und wenn er umgeben ist von Sängern und

Tänzern und Vorlesern, seinen Sklaven, denkt er da nicht, jetzt muß

wohl mein armer Sohn seinem fränkischen Gebieter Sprünge vormachen und

musizieren, wie er es haben will? Und was ihm den größten Kummer macht,

er glaubt, der kleine Kairam werde, so weit vom Lande seiner Väter und

mitten unter Ungläubigen, die seiner spotten, abtrünnig werden vom

Glauben seiner Väter, und er werde ihn einst nicht umarmen können in

den Gärten des Paradieses!

Darum ist er auch so mild gegen seine Sklaven und gibt große Summen

an die Armen; denn er denkt, Allah werde es vergelten und das Herz

seiner fränkischen Herren rühren, daß sie seinen Sohn mild behandeln.

Auch gibt er jedesmal, wenn der Tag kommt, an welchem ihm sein Sohn

entrissen wurde, zwölf Sklaven frei.«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 6 · 第 9 / 31 段