Mustapha wollte von Anfang sich gleich wieder zu Pferd setzen, um dem

Thiuli-Kos, der kaum einen Tag Vorsprung haben konnte, nachzueilen. Als

er aber bedachte, daß er als einzelner Mann dem mächtigen Reisenden

doch nichts anhaben, noch weniger seine Beute ihm abjagen konnte,

sann er auf einen andern Plan und hatte ihn auch bald gefunden. Die

Verwechselung mit dem Bassa von Sulieika, die ihm beinahe so gefährlich

geworden wäre, brachte ihn auf den Gedanken, unter diesem Namen in

das Haus des Thiuli-Kos zu gehen und so einen Versuch zur Rettung

der beiden unglücklichen Mädchen zu wagen. Er mietete daher einige

Diener und Pferde, wobei ihm Orbasans Geld trefflich zu statten kam,

schaffte sich und seinen Dienern prächtige Kleider an und machte sich

auf den Weg nach dem Schlosse Thiulis. Nach fünf Tagen war er in die

Nähe dieses Schlosses gekommen. Es lag in einer schönen Ebene und war

rings von hohen Mauern umschlossen, die nur ganz wenig von den Gebäuden

überragt wurden. Als Mustapha dort angekommen war, färbte er Haar

und Bart schwarz, sein Gesicht aber bestrich er mit dem Saft einer

Pflanze, der ihm eine bräunliche Farbe gab, ganz, wie sie jener Bassa

gehabt hatte. Er schickte hierauf einen seiner Diener in das Schloß

und ließ, im Namen des Bassa von Sulieika, um ein Nachtlager bitten.

Der Diener kam bald wieder, und mit ihm vier schön gekleidete Sklaven,

die Mustaphas Pferd am Zügel nahmen und in den Schloßhof führten. Dort

halfen sie ihm selbst vom Pferd, und vier andere geleiteten ihn eine

breite Marmortreppe hinauf zu Thiuli.

Dieser, ein alter lustiger Geselle, empfing meinen Bruder ehrerbietig

und ließ ihm das beste, was sein Koch zubereiten konnte, aufsetzen.

Nach Tisch brachte Mustapha das Gespräch nach und nach auf die neuen

Sklavinnen, und Thiuli rühmte ihre Schönheit und beklagte nur, daß sie

immer so traurig seien, doch er glaubte, dieses würde sich bald geben.

Mein Bruder war sehr vergnügt über diesen Empfang und legte sich mit

den schönsten Hoffnungen zur Ruhe nieder.

Er mochte ungefähr eine Stunde geschlafen haben, da weckte ihn der

Schein einer Lampe, der blendend auf sein Auge fiel. Als er sich

aufrichtete, glaubte er noch zu träumen, denn vor ihm stand jener

kleine, schwarzbraune Kerl aus Orbasans Zelt, eine Lampe in der Hand,

sein breites Maul zu einem widrigen Lächeln verzogen. Mustapha zwickte

sich in den Arm, zupfte sich an der Nase, um sich zu überzeugen, ob er

denn wache, aber die Erscheinung blieb wie zuvor. »Was willst du an

meinem Bette?« rief Mustapha, als er sich von seinem Erstaunen erholt

hatte. »Bemühet Euch doch nicht so, Herr!« sprach der Kleine; »ich habe

wohl erraten, weswegen Ihr hierher kommt. Auch war mir Euer wertes

Gesicht noch erinnerlich, doch wahrlich, wenn ich nicht den Bassa mit

eigener Hand hätte erhängen helfen, so hättet Ihr mich vielleicht

getäuscht. Jetzt aber bin ich da, um eine Frage zu machen.«

»Vor allem sage, wie du hierher kommst?« entgegnete ihm Mustapha voll

Wut, daß er verraten war. »Das will ich Euch sagen,« antwortete jener;

»ich konnte mich mit dem Starken nicht länger vertragen, deswegen floh

ich; aber du, Mustapha, warst eigentlich die Ursache unseres Streites,

und dafür mußt du mir deine Schwester zur Frau geben, und ich will euch

zur Flucht behilflich sein; gibst du sie nicht, so gehe ich zu meinem

neuen Herrn und erzähle ihm etwas von dem _neuen Bassa_.«

Mustapha war vor Schrecken und Wut außer sich: jetzt, wo er sich am

sicheren Ziel seiner Wünsche glaubte, sollte dieser Elende kommen und

sie vereiteln; es war nur ein Mittel, das seinen Plan retten konnte,

er mußte das kleine Ungetüm töten; mit _einem_ Sprung fuhr er daher

aus dem Bett auf den Kleinen zu, doch dieser, der etwas solches geahnt

haben mochte, ließ die Lampe fallen, daß sie verlöschte, und entsprang

im Dunkeln, indem er mörderisch um Hilfe schrie.

Jetzt war guter Rat teuer; die Mädchen mußte er für den Augenblick

aufgeben und nur auf die eigene Rettung denken; daher ging er an das

Fenster, um zu sehen, ob er nicht entspringen könnte. Es war eine

ziemliche Tiefe bis zum Boden, und auf der andern Seite stand eine

hohe Mauer, die zu übersteigen war. Sinnend stand er an dem Fenster,

da hörte er viele Stimmen sich seinem Zimmer nähern; schon waren sie

an der Türe, da faßte er verzweiflungsvoll seinen Dolch und seine

Kleider und schwang sich zum Fenster hinaus. Der Fall war hart, aber

er fühlte, daß er kein Glied gebrochen hatte; drum sprang er auf und

lief der Mauer zu, die den Hof umschloß, stieg, zum Erstaunen seiner

Verfolger, hinauf und befand sich bald im Freien. Er floh, bis er an

einen kleinen Wald kam, wo er sich erschöpft niederwarf. Hier überlegte

er, was zu tun sei. Seine Pferde und seine Diener hatte er müssen im

Stiche lassen, aber sein Geld, das er in dem Gürtel trug, hatte er

gerettet.

Sein erfinderischer Kopf zeigte ihm bald einen andern Weg zur Rettung.

Er ging in dem Wald weiter, bis er an ein Dorf kam, wo er um geringen

Preis ein Pferd kaufte, das ihn in Bälde in eine Stadt trug. Dort

forschte er nach einem Arzt, und man riet ihm einen alten, erfahrenen

Mann. Diesen bewog er durch einige Goldstücke, daß er ihm eine Arznei

mitteilte, die einen totähnlichen Schlaf herbeiführte, der durch ein

anderes Mittel augenblicklich wieder gehoben werden könnte. Als er

im Besitz dieses Mittels war, kaufte er sich einen langen falschen

Bart, einen schwarzen Talar und allerlei Büchsen und Kolben, so daß er

füglich einen reisenden Arzt vorstellen konnte, lud seine Sachen auf

einen Esel und reiste in das Schloß des Thiuli-Kos zurück. Er durfte

gewiß sein, diesmal nicht erkannt zu werden, denn der Bart entstellte

ihn so, daß er sich selbst kaum mehr kannte. Bei Thiuli angekommen,

ließ er sich als den Arzt Chakamankabudibaba anmelden, und wie er

es sich gedacht hatte, geschah es; der prachtvolle Name empfahl ihn

bei dem alten Narren ungemein, so daß er ihn gleich zu Tafel einlud.

Chakamankabudibaba erschien vor Thiuli, und als sie sich kaum eine

Stunde besprochen hatten, beschloß der Alte, alle seine Sklavinnen der

Kur des weisen Arztes zu unterwerfen. Dieser konnte seine Freude kaum

verbergen, daß er jetzt seine geliebte Schwester wiedersehen solle,

und folgte mit klopfendem Herzen Thiuli, der ihn ins Serail führte.

Sie waren in ein Zimmer gekommen, das schön ausgeschmückt war, worin

sich aber niemand befand. »Chambaba oder wie du heißt, lieber Arzt,«

sprach Thiuli-Kos, »betrachte einmal jenes Loch dort in der Mauer,

dort wird jede meiner Sklavinnen einen Arm herausstrecken, und du

kannst dann untersuchen, ob der Puls krank oder gesund ist.« Mustapha

mochte einwenden, was er wollte, zu sehen bekam er sie nicht; doch

willigte Thiuli ein, daß er ihm allemal sagen wolle, wie sie sich

sonst gewöhnlich befänden. Thiuli zog nun einen langen Zettel aus dem

Gürtel und begann mit lauter Stimme seine Sklavinnen einzeln beim

Namen zu rufen, worauf allemal eine Hand aus der Mauer kam und der

Arzt den Puls untersuchte. Sechs waren schon abgelesen und sämtlich

für gesund erklärt, da las Thiuli als die siebente »Fatme« ab, und

eine kleine weiße Hand schlüpfte aus der Mauer. Zitternd vor Freude

ergreift Mustapha diese Hand und erklärt sie mit wichtiger Miene für

bedeutend krank. Thiuli ward sehr besorgt und befahl seinem weisen

Chakamankabudibaba, schnell eine Arznei für sie zu bereiten. Der Arzt

ging hinaus, schrieb auf einen kleinen Zettel: »_Fatme! Ich will dich

retten, wenn du dich entschließen kannst, eine Arznei zu nehmen, die

dich auf zwei Tage tot macht! doch ich besitze das Mittel, dich wieder

zum Leben zu bringen. Willst du, so sage nur, dieser Trank habe nicht

geholfen, und es wird mir ein Zeichen sein, daß du einwilligst._«

Bald kam er in das Zimmer zurück, wo Thiuli seiner harrte. Er brachte

ein unschädliches Tränklein mit, fühlte der kranken Fatme noch einmal

den Puls und schob ihr zugleich den Zettel unter ihr Armband, das

Tränklein aber reichte er ihr durch die Oeffnung in der Mauer. Thiuli

schien in großen Sorgen wegen Fatme zu sein und schob die Untersuchung

der übrigen bis auf eine gelegenere Zeit auf. Als er mit Mustapha das

Zimmer verlassen hatte, sprach er mit traurigem Ton: »Chadibaba, sage

aufrichtig, was hältst du von Fatmes Krankheit?« Chakamankabudibaba

antwortete mit einem tiefen Seufzer: »Ach, Herr! möge der Prophet dir

Trost verleihen, sie hat ein schleichendes Fieber, das ihr wohl den

Garaus machen kann.« Da entbrannte der Zorn Thiulis: »Was sagst du,

verfluchter Hund von einem Arzt? Sie, um die ich zweitausend Goldstücke

gab, soll mir sterben wie eine Kuh? Wisse, daß wenn du sie nicht

rettest, so hau' ich dir den Kopf ab!« Da merkte mein Bruder, daß er

einen dummen Streich gemacht habe und gab Thiuli wieder Hoffnung. Als

sie noch so sprachen, kam ein schwarzer Sklave aus dem Serail, dem

Arzt zu sagen, _daß das Tränklein nicht geholfen habe_. »Biete deine

ganze Kunst auf, Chakamdababelba, oder wie du dich schreibst, ich

zahl' dir, was du willst,« schrie Thiuli-Kos, fast heulend vor Angst,

so vieles Gold an den Tod zu verlieren. »Ich will ihr ein Säftlein

geben, das sie von aller Not befreit,« antwortete der Arzt. »Ja! ja!

gib ihr ein Säftlein,« schluchzte der alte Thiuli. Frohen Mutes ging

Mustapha, seinen Schlaftrunk zu holen und als er ihn dem schwarzen

Sklaven gegeben und gezeigt hatte, wieviel man auf einmal nehmen müsse,

ging er zu Thiuli und sagte, er müsse noch einige heilsame Kräuter am

See holen, und eilte zum Tor hinaus. An dem See, der nicht weit von

dem Schloß entfernt war, zog er seine falschen Kleider aus und warf

sie ins Wasser, daß sie lustig umherschwammen, er selbst aber verbarg

sich im Gesträuch, wartete die Nacht ab und schlich sich dann in den

Begräbnisplatz an dem Schlosse Thiulis.

Als Mustapha kaum eine Stunde lang aus dem Schloß abwesend sein mochte,

brachte man Thiuli die schreckliche Nachricht, daß seine Sklavin Fatme

im Sterben liege. Er schickte hinaus an den See, um schnell den Arzt

zu holen, aber bald kehrten seine Boten allein zurück und erzählten

ihm, daß der arme Arzt ins Wasser gefallen und ertrunken sei, seinen

schwarzen Talar sehe man mitten im See schwimmen, und hie und da gucke

auch sein stattlicher Bart aus den Wellen hervor. Als Thiuli keine

Rettung mehr sah, verwünschte er sich und die ganze Welt, raufte sich

den Bart aus und rannte mit dem Kopf gegen die Mauer. Aber alles dies

konnte nichts helfen, denn Fatme gab bald unter den Händen der übrigen

Weiber den Geist auf. Als Thiuli die Nachricht ihres Todes hörte,

befahl er schnell einen Sarg zu machen, denn er konnte keinen Toten

im Hause leiden und ließ den Leichnam in das Begräbnishaus tragen.

Die Träger brachten den Sarg dorthin, setzten ihn schnell nieder und

entflohen, denn sie hatten unter den übrigen Särgen stöhnen und seufzen

gehört.

Mustapha, der sich hinter den Särgen verborgen und von dort aus die

Träger des Sarges in die Flucht gejagt hatte, kam hervor und zündete

sich eine Lampe an, die er zu diesem Zweck mitgebracht hatte. Dann zog

er ein Glas hervor, das die erweckende Arznei enthielt, und hob dann

den Deckel von Fatmes Sarg. Aber welches Entsetzen befiel ihn, als

sich ihm beim Scheine der Lampe ganz fremde Züge zeigten! Weder meine

Schwester, noch Zoraide, sondern eine ganz andere lag in dem Sarg. Er

brauchte lange, um sich von dem neuen Schlag des Schicksals zu fassen;

endlich überwog doch Mitleid seinen Zorn. Er öffnete sein Glas und

flößte ihr die Arznei ein. Sie atmete, sie schlug die Augen auf und

schien sich lange zu besinnen, wo sie sei. Endlich erinnerte sie sich

des Vorgefallenen, sie stand auf aus dem Sarg und stürzte zu Mustaphas

Füßen. »Wie kann ich dir danken, gütiges Wesen,« rief sie aus, »daß

du mich aus meiner schrecklichen Gefangenschaft befreitest!« Mustapha

unterbrach ihre Danksagungen mit der Frage: wie es denn geschehen

sei, daß sie und nicht Fatme, seine Schwester, gerettet worden sei?

Jene sah ihn staunend an. »Jetzt wird mir meine Rettung erst klar,

die mir vorher unbegreiflich war,« antwortete sie; »wisse, man hieß

mich in jenem Schlosse Fatme, und mir hast du deinen Zettel und den

Rettungstrank gegeben.« Mein Bruder forderte die Gerettete auf, ihm von

seiner Schwester und Zoraiden Nachricht zu geben und erfuhr, daß sie

sich beide im Schloß befinden, aber nach der Gewohnheit Thiulis andere

Namen bekommen haben; sie heißen jetzt Mirza und Nurmahal.

Als Fatme, die gerettete Sklavin, sah, daß mein Bruder durch diesen

Fehlgriff so niedergeschlagen sei, sprach sie ihm Mut ein und

versprach, ihm ein Mittel zu sagen, wie er jene beiden Mädchen dennoch

retten könne. Aufgeweckt durch diesen Gedanken, schöpfte Mustapha von

neuem Hoffnung und bat sie, dieses Mittel ihm zu nennen, und sie sprach:

»Ich bin zwar erst seit fünf Monaten die Sklavin Thiulis, doch habe

ich gleich vom Anfang auf Rettung gesonnen, aber für mich allein war

sie zu schwer. In dem innern Hof des Schlosses wirst du einen Brunnen

bemerkt haben, der aus zehn Röhren Wasser speit; dieser Brunnen fiel

mir auf. Ich erinnerte mich, in dem Hause meines Vaters einen ähnlichen

gesehen zu haben, dessen Wasser durch eine geräumige Wasserleitung

herbeiströmt; um nun zu erfahren, ob dieser Brunnen auch so gebaut sei,

rühmte ich eines Tages vor Thiuli seine Pracht und fragte nach seinem

Baumeister. ›Ich selbst habe ihn gebaut,‹ antwortete er, ›und das, was

du hier siehst, ist noch das geringste: aber das Wasser dazu kommt

wenigstens tausend Schritte weit von einem Bache her und geht durch

eine gewölbte Wasserleitung, die wenigstens mannshoch ist; und alles

dies habe ich selbst angegeben.‹ Als ich dies gehört hatte, wünschte

ich mir oft, nur auf einen Augenblick die Stärke eines Mannes zu haben,

um einen Stein aus der Seite des Brunnens ausheben zu können, dann

könnte ich fliehen, wohin ich wollte. Diese Wasserleitung nun will ich

dir zeigen; durch sie kannst du nachts in das Schloß gelangen und jene

befreien. Aber du mußt wenigstens noch zwei Männer bei dir haben, um

die Sklaven, die das Serail bei Nacht bewachen, zu überwältigen.«

So sprach sie; mein Bruder Mustapha aber, obgleich schon zweimal in

seinen Hoffnungen getäuscht, faßte noch einmal Mut und hoffte mit

Allahs Hilfe den Plan der Sklavin auszuführen. Er versprach ihr,

für ihr weiteres Fortkommen in ihre Heimat zu sorgen, wenn sie ihm

behilflich sein wollte, ins Schloß zu gelangen. Aber ein Gedanke machte

ihm noch Sorge, nämlich der, woher er zwei oder drei Gehilfen bekommen

könnte. Da fiel ihm Orbasans Dolch ein und das Versprechen, das ihm

jener gegeben hatte, ihm, wo er seiner bedürfe, zu Hilfe zu eilen, und

er machte sich daher mit Fatme aus dem Begräbnis auf, um den Räuber

aufzusuchen.

In der nämlichen Stadt, wo er sich zum Arzte umgewandelt hatte, kaufte

er um sein letztes Geld ein Roß und mietete Fatme bei einer armen Frau

in der Vorstadt ein. Er selbst aber eilte dem Gebirge zu, wo er Orbasan

zum erstenmal getroffen hatte, und gelangte in drei Tagen dahin. Er

fand bald wieder jene Zelte und trat unverhofft vor Orbasan, der ihn

freundlich bewillkommnete. Er erzählte ihm seine mißlungenen Versuche,

wobei sich der ernsthafte Orbasan nicht enthalten konnte, hie und da

ein wenig zu lachen, besonders wenn er sich den Arzt Chakamankabudibaba

dachte. Ueber die Verräterei des Kleinen aber war er wütend; er schwur,

ihn mit eigener Hand aufzuhängen, wo er ihn finde. Meinem Bruder aber

versprach er, sogleich zur Hilfe bereit zu sein, wenn er sich vorher

von der Reise gestärkt haben würde. Mustapha blieb daher diese Nacht

wieder in Orbasans Zelt, mit dem ersten Frührot aber brachen sie auf,

und Orbasan nahm drei seiner tapfersten Männer, wohl beritten und

bewaffnet, mit sich. Sie ritten stark zu und kamen nach zwei Tagen

in die kleine Stadt, wo Mustapha die gerettete Fatme zurückgelassen

hatte. Von da aus reisten sie mit dieser weiter bis zu dem kleinen

Wald, von wo aus man das Schloß Thiulis in geringer Entfernung sehen

konnte; dort lagerten sie sich, um die Nacht abzuwarten. Sobald es

dunkel wurde, schlichen sie sich, von Fatme geführt, an den Bach,

wo die Wasserleitung anfing, und fanden diese bald. Dort ließen sie

Fatme und einen Diener mit den Rossen zurück und schickten sich an,

hinabzusteigen; ehe sie aber hinabstiegen, wiederholte ihnen Fatme noch

einmal alles genau, nämlich: daß sie durch den Brunnen in den innern

Schloßhof kämen, dort seien rechts und links in der Ecke zwei Türme, in

der sechsten Türe, vom Turme rechts gerechnet, befinden sich Fatme und

Zoraide, bewacht von zwei schwarzen Sklaven. Mit Waffen und Brecheisen

wohl versehen, stiegen Mustapha, Orbasan und zwei andere Männer hinab

in die Wasserleitung; sie sanken zwar bis an den Gürtel ins Wasser,

aber nichtsdestoweniger gingen sie rüstig vorwärts. Nach einer halben

Stunde kamen sie an den Brunnen selbst und setzten sogleich ihre

Brecheisen an. Die Mauer war dick und fest, aber den vereinten Kräften

der vier Männer konnte sie nicht lange widerstehen, bald hatten sie

eine Oeffnung eingebrochen, groß genug, um bequem durchschlüpfen zu

können. Orbasan schlüpfte zuerst durch und half den andern nach; und

als sie alle im Hof waren, betrachteten sie die Seite des Schlosses,

die vor ihnen lag, um die beschriebene Tür zu erforschen. Aber sie

waren nicht einig, welche es sei, denn als sie von dem rechten Turm

zum linken zählten, fanden sie eine Türe, die zugemauert war, und

wußten nun nicht, ob Fatme diese übersprungen oder mitgezählt habe.

Aber Orbasan besann sich nicht lange. »Mein gutes Schwert wird mir

jede Tür öffnen!« rief er aus, ging auf die sechste zu, und die andern

folgten ihm. Sie öffneten die Tür und fanden sechs schwarze Sklaven auf

dem Boden liegend und schlafend; sie wollten schon wieder leise sich

zurückziehen, weil sie sahen, daß sie die rechte Türe verfehlt hatten,

als eine Gestalt in der Ecke sich aufrichtete und mit wohlbekannter

Stimme um Hilfe rief. Es war der Kleine aus Orbasans Lager. Aber ehe

noch die Schwarzen recht wußten, wie ihnen geschah, stürzte Orbasan auf

den Kleinen zu, riß seinen Gürtel entzwei, verstopfte ihm den Mund und

band ihm die Hände auf den Rücken; dann wandte er sich an die Sklaven,

wovon schon einige von Mustapha und den zwei andern halb gebunden

waren, und half sie vollends überwältigen. Man setzte den Sklaven den

Dolch auf die Brust und fragte sie, wo Nurmahal und Mirza wären, und

sie gestanden, daß sie im Gemach nebenan seien. Mustapha stürzte in das

Gemach und fand Fatme und Zoraiden, die der Lärm erweckt hatte. Schnell

rafften diese ihren Schmuck und ihre Kleider zusammen und folgten

Mustapha; die beiden Räuber schlugen indes Orbasan vor, zu plündern,

was man fände, doch dieser verbot es ihnen und sprach: man solle nicht

von Orbasan sagen können, daß er nachts in die Häuser steige, um Gold

zu stehlen. Mustapha und die Geretteten schlüpften schnell in die

Wasserleitung, wohin ihnen Orbasan sogleich zu folgen versprach. Als

jene in die Wasserleitung hinabgestiegen waren, nahmen Orbasan und

einer der Räuber den Kleinen und führten ihn hinaus in den Hof; dort

banden sie ihm eine seidene Schnur, die sie deshalb mitgenommen hatten,

um den Hals und hingen ihn an der höchsten Spitze des Brunnens auf.

Nachdem sie so den Verrat des Elenden bestraft hatten, stiegen sie

selbst auch hinab in die Wasserleitung und folgten Mustapha. Mit Tränen

dankten die beiden ihrem edelmütigen Retter Orbasan; doch dieser

trieb sie eilends zur Flucht an, denn es war sehr wahrscheinlich, daß

sie Thiuli-Kos nach allen Seiten verfolgen ließ. Mit tiefer Rührung

trennten sich am andern Tag Mustapha und seine Geretteten von Orbasan;

wahrlich! sie werden ihn nie vergessen. Fatme aber, die befreite

Sklavin, ging verkleidet nach Balsora, um sich dort in ihre Heimat

einzuschiffen.

Nach einer kurzen und vergnügten Reise kamen die Meinigen in die

Heimat. Meinen alten Vater tötete beinahe die Freude des Wiedersehens;

den andern Tag nach ihrer Ankunft veranstaltete er ein großes Fest,

an welchem die ganze Stadt teilnahm. Vor einer großen Versammlung von

Verwandten und Freunden mußte mein Bruder seine Geschichte erzählen,

und einstimmig priesen sie ihn und den edlen Räuber.

Als aber mein Bruder geschlossen hatte, stand mein Vater auf und führte

Zoraiden ihm zu. »So lösche ich denn,« sprach er mit feierlicher

Stimme, »den Fluch von deinem Haupte; nimm diese hin als die Belohnung,

die du dir durch deinen rastlosen Eifer erkämpft hast: nimm meinen

väterlichen Segen, und möge es nie unserer Stadt an Männern fehlen, die

an brüderlicher Liebe, an Klugheit und Eifer dir gleichen.«

* * * * *

Die Karawane hatte das Ende der Wüste erreicht, und fröhlich begrüßten

die Reisenden die grünen Matten und die dichtbelaubten Bäume, deren

lieblichen Anblick sie viele Tage entbehrt hatten. In einem schönen

Tale lag eine Karawanserei, die sie sich zum Nachtlager wählten, und

obgleich sie wenig Bequemlichkeit und Erfrischung darbot, so war doch

die ganze Gesellschaft heiterer und zutraulicher als je; denn der

Gedanke, den Gefahren und Beschwerlichkeiten, die eine Reise durch die

Wüste mit sich bringt, entronnen zu sein, hatte alle Herzen geöffnet

und die Gemüter zu Scherz und Kurzweil gestimmt. Muley, der junge,

lustige Kaufmann, tanzte einen komischen Tanz und sang Lieder dazu, die

selbst dem ernsten Griechen Zaleukos ein Lächeln entlockten. Aber nicht

genug, daß er seine Gefährten durch Tanz und Spiel erheitert hatte, er

gab ihnen auch noch die Geschichte zum besten, die er ihnen versprochen

hatte, und hub, als er von seinen Luftsprüngen sich erholt hatte, also

zu erzählen an:

Die Geschichte von dem kleinen Muck.

In Nicea, meiner lieben Vaterstadt, wohnte ein Mann, den man den

kleinen Muck hieß. Ich kann mir ihn, ob ich gleich damals noch sehr

jung war, noch recht wohl denken, besonders weil ich einmal von meinem

Vater wegen seiner halbtot geprügelt wurde. Der kleine Muck nämlich

war schon ein alter Geselle, als ich ihn kannte, doch war er nur drei

bis vier Schuh hoch; dabei hatte er eine sonderbare Gestalt, denn sein

Leib, so klein und zierlich er war, mußte einen Kopf tragen, viel

größer und dicker als der Kopf anderer Leute; er wohnte ganz allein

in einem großen Haus und kochte sich sogar selbst, auch hätte man in

der Stadt nicht gewußt, ob er lebe oder gestorben sei, denn er ging

nur alle vier Wochen einmal aus, wenn nicht um die Mittagsstunde ein

mächtiger Dampf aus dem Hause aufgestiegen wäre; doch sah man ihn oft

abends auf seinem Dache auf und ab gehen, von der Straße aus glaubte

man aber, nur sein großer Kopf allein laufe auf dem Dache umher. Ich

und meine Kameraden waren böse Buben, die jedermann gern neckten und

belachten, daher war es uns allemal ein Festtag, wenn der kleine Muck

ausging; wir versammelten uns an dem bestimmten Tage vor seinem Haus

und warteten, bis er herauskam; wenn dann die Türe aufging und zuerst

der große Kopf mit dem noch größeren Turban herausguckte, wenn dann

das übrige Körperlein nachfolgte, angetan mit einem abgeschabten

Mäntelein, weiten Beinkleidern und einem breiten Gürtel, an welchem

ein langer Dolch hing, so lang, daß man nicht wußte, ob Muck an dem

Dolch oder der Dolch an Muck stak, wenn er so heraustrat, da ertönte

die Luft von unserem Freudengeschrei, wir warfen unsere Mützen in die

Höhe und tanzten wie toll um ihn her. Der kleine Muck aber grüßte uns

mit ernsthaftem Kopfnicken und ging mit langsamen Schritten die Straße

hinab, dabei schlurfte er mit den Füßen, denn er hatte große, weite

Pantoffeln an, wie ich sie noch nie gesehen. Wir Knaben liefen hinter

ihm her und schrieen immer: »Kleiner Muck, kleiner Muck!« Auch hatten

wir ein lustiges Verslein, das wir, ihm zu Ehren, hie und da sangen; es

hieß:

»Kleiner Muck, kleiner Muck,

Wohnst in einem großen Haus,

Gehst nur all' vier Wochen aus,

Bist ein braver, kleiner Zwerg,

Hast ein Köpflein wie ein Berg,

Schau dich einmal um und guck,

Lauf und fang uns, kleiner Muck.«

So hatten wir schon oft unsere Kurzweil getrieben, und zu meiner

Schande muß ich es gestehen, ich trieb's am ärgsten, denn ich zupfte

ihn oft am Mäntelein, und einmal trat ich ihm auch von hinten auf die

großen Pantoffeln, daß er hinfiel. Dies kam mir nun höchst lächerlich

vor, aber das Lachen verging mir, als ich den kleinen Muck auf meines

Vaters Haus zugehen sah. Er ging richtig hinein und blieb einige Zeit

dort. Ich versteckte mich an der Haustüre und sah den Muck wieder

herauskommen, Von meinem Vater begleitet, der ihn ehrerbietig an

der Hand hielt und an der Tür unter vielen Bücklingen sich von ihm

verabschiedete. Mir war gar nicht wohl zumut, ich blieb daher lange

in meinem Versteck; endlich aber trieb mich der Hunger, den ich

ärger fürchtete als Schläge, heraus, und demütig und mit gesenktem

Kopf trat ich vor meinen Vater. »Du hast, wie ich höre, den guten

Muck geschimpft?« sprach er in sehr ernstem Tone. »Ich will dir die

Geschichte dieses Muck erzählen, und du wirst ihn gewiß nicht mehr

auslachen; vor- und nachher aber bekommst du das _Gewöhnliche_.« Das

Gewöhnliche aber waren fünfundzwanzig Hiebe, die er nur allzu richtig

aufzuzählen pflegte. Er nahm daher sein langes Pfeifenrohr, schraubte

die Bernstein-Mundspitze ab und bearbeitete mich ärger als je zuvor.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 6 · 第 5 / 31 段