»Wohl gab es in früherer Zeit Stunden,« antwortete der Grieche, »in

denen mein Herz ihn vor Gott angeklagt, daß er diesen Kummer über mich

gebracht und mein Leben vergiftet habe, aber ich fand Trost in dem

Glauben meiner Väter, und dieser befiehlt mir, meine Feinde zu lieben;

auch ist _er_ wohl noch unglücklicher als ich.«

»Ihr seid ein edler Mann!« rief der Fremde und drückte gerührt dem

Griechen die Hand.

Der Anführer der Wache unterbrach sie aber in ihrem Gespräch. Er trat

mit besorgter Miene in das Zelt und berichtete, daß man sich nicht

der Ruhe überlassen dürfe, denn hier sei die Stelle, wo gewöhnlich

die Karawanen angegriffen werden, auch glauben seine Wachen in der

Entfernung mehrere Reiter zu sehen.

Die Kaufleute waren sehr bestürzt über diese Nachricht; Selim, der

Fremde, aber wunderte sich über die Bestürzung und meinte, daß sie so

gut geschützt wären, daß sie einen Trupp räuberischer Araber nicht zu

fürchten brauchen.

»Ja, Herr!« entgegnete ihm der Anführer der Wache, »wenn es nur solches

Gesindel wäre, könnte man sich ohne Sorge zur Ruhe legen, aber seit

einiger Zeit zeigt sich der furchtbare Orbasan wieder, und da gilt es,

auf seiner Hut zu sein.«

Der Fremde fragte, wer denn dieser Orbasan sei, und Achmet, der alte

Kaufmann, antwortete ihm: »Es gehen allerlei Sagen unter dem Volk über

diesen wunderbaren Mann. Die einen halten ihn für ein übermenschliches

Wesen, weil er oft mit fünf bis sechs Männern zumal einen Kampf

besteht, andere halten ihn für einen tapferen Franken, den das Unglück

in diese Gegend verschlagen habe; von allem aber ist nur so viel gewiß,

daß er ein verruchter Räuber und Dieb ist.«

»Das könnt Ihr aber doch nicht behaupten,« entgegnete ihm Lezah, einer

der Kaufleute. »Wenn er auch ein Räuber ist, so ist er doch ein edler

Mann, und als solcher hat er sich an meinem Bruder bewiesen, wie ich

Euch ein Beispiel erzählen könnte. Er hat seinen ganzen Stamm zu

geordneten Menschen gemacht, und solange er die Wüste durchstreift,

darf kein anderer Stamm es wagen, sich sehen zu lassen. Auch raubt

er nicht wie andere, sondern er erhebt nur ein Schutzgeld von den

Karawanen, und wer ihm dieses willig bezahlt, der ziehet ungefährdet

weiter, denn Orbasan ist der Herr der Wüste.«

Also sprachen unter sich die Reisenden im Zelte; die Wachen aber,

die um den Lagerplatz ausgestellt waren, begannen unruhig zu werden.

Ein ziemlich bedeutender Haufe bewaffneter Reiter zeigte sich in der

Entfernung einer halben Stunde; sie schienen gerade auf das Lager

zuzureiten. Einer der Männer von der Wache ging daher in das Zelt, um

zu verkünden, daß sie wahrscheinlich angegriffen würden. Die Kaufleute

berieten sich untereinander, was zu tun sei, ob man ihnen entgegengehen

oder den Angriff abwarten solle. Achmet und die zwei älteren Kaufleute

wollten das letztere, der feurige Muley aber und Zaleukos verlangten

das erstere und riefen den Fremden zu ihrem Beistand auf. Dieser aber

zog ruhig ein kleines blaues Tuch mit roten Sternen aus seinem Gürtel

hervor, band es an eine Lanze und befahl einem der Sklaven, es auf das

Zelt zu stecken; er setze sein Leben zum Pfand, sagte er, die Reiter

werden, wenn sie dieses Zeichen sehen, ruhig vorüberziehen. Muley

glaubte nicht an den Erfolg, der Sklave aber steckte die Lanze auf

das Zelt. Inzwischen hatten alle, die im Lager waren, zu den Waffen

gegriffen und sahen in gespannter Erwartung den Reitern entgegen. Doch

diese schienen das Zeichen auf dem Zelte erblickt zu haben, sie beugten

plötzlich von ihrer Richtung auf das Lager ab und zogen in einem großen

Bogen auf der Seite hin.

Verwundert standen einige Augenblicke die Reisenden und sahen bald auf

die Reiter, bald auf den Fremden. Dieser stand ganz gleichgültig, wie

wenn nichts vorgefallen wäre, vor dem Zelte und blickte über die Ebene

hin. Endlich brach Muley das Stillschweigen: »Wer bist du, mächtiger

Fremdling,« rief er aus, »der du die wilden Horden der Wüste durch

einen Wink bezähmest?« -- »Ihr schlagt meine Kunst höher an, als sie

ist,« antwortete Selim Baruch. »Ich habe mich mit diesem Zeichen

versehen, als ich der Gefangenschaft entfloh; was es zu bedeuten hat,

weiß ich selbst nicht, nur soviel weiß ich, daß, wer mit diesem Zeichen

reiset, unter mächtigem Schutze steht.«

Die Kaufleute dankten dem Fremden und nannten ihn ihren Erretter.

Wirklich war auch die Anzahl der Reiter so groß gewesen, daß wohl die

Karawane nicht lange hätte Widerstand leisten können.

Mit leichterem Herzen begab man sich jetzt zur Ruhe, und als die Sonne

zu sinken begann und der Abendwind über die Sandebene hinstrich,

brachen sie auf und zogen weiter.

Am nächsten Tage lagerten sie ungefähr nur noch eine Tagreise von dem

Ausgang der Wüste entfernt. Als sich die Reisenden wieder in dem großen

Zelt versammelt hatten, nahm Lezah, der Kaufmann, das Wort:

»Ich habe euch gestern gesagt, daß der gefürchtete Orbasan ein edler

Mann sei; erlaubt mir, daß ich es euch heute durch die Erzählung der

Schicksale meines Bruders beweise. -- Mein Vater war Kadi in Acara. Er

hatte drei Kinder. Ich war der älteste, ein Bruder und eine Schwester

waren bei weitem jünger als ich. Als ich zwanzig Jahre alt war, rief

mich ein Bruder meines Vaters zu sich. Er setzte mich zum Erben seiner

Güter ein, mit der Bedingung, daß ich bis zu seinem Tode bei ihm

bleibe. Aber er erreichte ein hohes Alter, so daß ich erst vor zwei

Jahren in meine Heimat zurückkehrte und nichts davon wußte, welch

schreckliches Schicksal indes mein Haus betroffen, und wie gütig Allah

es gewendet hatte.«

Die Errettung Fatmes.

Mein Bruder Mustapha und meine Schwester Fatme waren beinahe in

gleichem Alter. Jener hatte höchstens zwei Jahre voraus. Sie liebten

einander innig und trugen vereint alles bei, was unserem kränklichen

Vater die Last seines Alters erleichtern konnte. An Fatmes sechzehntem

Geburtstage veranstaltete der Bruder ein Fest. Er ließ alle ihre

Gespielinnen einladen, setzte ihnen in dem Garten des Vaters

ausgesuchte Speisen vor, und als es Abend wurde, lud er sie ein, auf

einer Barke, die er gemietet und festlich geschmückt hatte, ein wenig

in die See hinaus zu fahren. Fatme und ihre Gespielinnen willigten mit

Freuden ein; denn der Abend war schön, und die Stadt gewährte besonders

abends, von dem Meere aus betrachtet, einen herrlichen Anblick. Den

Mädchen aber gefiel es so gut auf der Barke, daß sie meinen Bruder

bewogen, immer weiter in die See hinaus zu fahren. Mustapha gab aber

ungern nach, weil sich vor einigen Tagen ein Korsar hatte sehen

lassen. Nicht weit von der Stadt zieht sich ein Vorgebirge in das

Meer. Dorthin wollten noch die Mädchen, um von da die Sonne in das

Meer sinken zu sehen. Als sie um das Vorgebirg herumruderten, sahen

sie in geringer Entfernung eine Barke, die mit Bewaffneten besetzt

war. Nichts Gutes ahnend, befahl mein Bruder den Ruderern, sein Schiff

zu drehen und dem Lande zuzurudern. Wirklich schien sich auch seine

Besorgnis zu bestätigen, denn jene Barke kam jener meines Bruders

schnell nach, überholte sie, da sie mehr Ruder hatte, und hielt sich

immer zwischen dem Land und unserer Barke. Die Mädchen aber, als sie

die Gefahr erkannten, in der sie schwebten, sprangen auf und schrieen

und klagten; umsonst suchte sie Mustapha zu beruhigen, umsonst stellte

er ihnen vor, ruhig zu bleiben, weil sie durch ihr Hin- und Herrennen

die Barke in Gefahr brächten, umzuschlagen. Es half nichts, und da sie

sich endlich bei Annäherung des andern Bootes alle auf die hintere

Seite der Barke stürzten, schlug diese um. Indessen aber hatte man

vom Land aus die Bewegungen des fremden Bootes beobachtet, und da

man schon seit einiger Zeit Besorgnisse wegen Korsaren hegte, hatte

dieses Boot Verdacht erregt, und mehrere Barken stießen vom Lande, um

der unsrigen beizustehen. Aber sie kamen nur noch zu rechter Zeit, um

die Untersinkenden aufzunehmen. In der Verwirrung war das feindliche

Boot entwischt, auf den beiden Barken aber, welche die Geretteten

aufgenommen hatten, war man ungewiß, ob alle gerettet seien. Man

näherte sich gegenseitig, und ach! es fand sich, daß meine Schwester

und eine ihrer Gespielinnen fehlten; zugleich entdeckte man aber einen

Fremden in einer der Barken, den niemand kannte. Auf die Drohungen

Mustaphas gestand er, daß er zu dem feindlichen Schiff, das zwei Meilen

ostwärts vor Anker liege, gehöre, und daß ihn seine Gefährten auf ihrer

eiligen Flucht im Stich gelassen haben, indem er im Begriff gewesen

sei, die Mädchen auffischen zu helfen; auch sagte er aus, daß er

gesehen habe, wie man zwei derselben in das Schiff gezogen.

Der Schmerz meines alten Vaters war grenzenlos, aber auch Mustapha

war bis zum Tod betrübt; denn nicht nur, daß seine geliebte Schwester

verloren war, und daß er sich anklagte, an ihrem Unglück schuld zu sein

-- jene Freundin Fatmes, die ihr Unglück teilte, war von ihren Eltern

ihm zur Gattin zugesagt gewesen, und nur unserem Vater hatte er es

noch nicht zu gestehen gewagt, weil ihre Eltern arm und von geringer

Abkunft waren. Mein Vater aber war ein strenger Mann. Als sein Schmerz

sich ein wenig gelegt hatte, ließ er Mustapha vor sich kommen und

sprach zu ihm: »Deine Torheit hat mir den Trost meines Alters und die

Freude meiner Augen geraubt. Geh hin, ich verbanne dich auf ewig von

meinem Angesicht, ich fluche dir und deinen Nachkommen, und nur wenn du

mir Fatme wiederbringst, soll dein Haupt rein sein von dem Fluche des

Vaters.«

Dies hatte mein armer Bruder nicht erwartet; schon vorher hatte er sich

entschlossen gehabt, seine Schwester und ihre Freundin aufzusuchen,

und wollte sich nur noch den Segen des Vaters dazu erbitten, und jetzt

schickte er ihn mit dem Fluch beladen in die Welt. Aber hatte ihn jener

Jammer vorher gebeugt, so stählte jetzt die Fülle des Unglücks, das er

nicht verdient hatte, seinen Mut.

Er ging zu dem gefangenen Seeräuber und befragte ihn, wohin die Fahrt

seines Schiffes ginge, und erfuhr, daß sie Sklavenhandel trieben und

gewöhnlich in Balsora großen Markt hielten.

Als er wieder nach Hause kam, um sich zur Reise anzuschicken, schien

sich der Zorn des Vaters ein wenig gelegt zu haben, denn er sandte ihm

einen Beutel mit Gold zur Unterstützung auf der Reise. Mustapha aber

nahm weinend von den Eltern Zoraidens, so hieß seine geraubte Braut,

Abschied und machte sich auf den Weg nach Balsora.

Mustapha machte die Reise zu Land, weil von unserer kleinen Stadt aus

nicht gerade ein Schiff nach Balsora ging. Er mußte daher sehr starke

Tagereisen machen, um nicht zu lange nach den Seeräubern nach Balsora

zu kommen. Doch da er ein gutes Roß und kein Gepäck hatte, konnte er

hoffen, diese Stadt am Ende des sechsten Tages zu erreichen. Aber am

Abend des vierten Tages, als er ganz allein seines Weges ritt, fielen

ihn plötzlich drei Männer an. Da er merkte, daß sie gut bewaffnet

und stark seien, und daß es weniger auf sein Geld und sein Roß als

auf sein Leben abgesehen war, so rief er ihnen zu, daß er sich ihnen

ergeben wolle. Sie stiegen von ihren Pferden ab und banden ihm die Füße

unter dem Bauch seines Tieres zusammen, ihn selbst aber nahmen sie in

die Mitte und trabten, indem einer den Zügel seines Pferdes ergriff,

schnell mit ihm davon, ohne jedoch ein Wort zu sprechen.

Mustapha gab sich einer dumpfen Verzweiflung hin; der Fluch seines

Vaters schien schon jetzt an dem Unglücklichen in Erfüllung zu gehen,

und wie konnte er hoffen, seine Schwester und Zoraiden retten zu

können, wenn er, aller Mittel beraubt, nur sein ärmliches Leben zu

ihrer Befreiung aufwenden könnte. Mustapha und seine stummen Begleiter

mochten wohl eine Stunde geritten sein, als sie in ein kleines

Seitental einbogen. Das Tälchen war von hohen Bäumen eingefaßt, ein

weicher, dunkelgrüner Rasen, ein Bach, der schnell durch seine Mitte

hinrollte, luden zur Ruhe ein. Wirklich sah er auch fünfzehn bis

zwanzig Zelte dort aufgeschlagen; an den Pflöcken der Zelte waren

Kamele und schöne Pferde angebunden, aus einem Zelte hervor tönte die

lustige Weise einer Zither und zweier schöner Männerstimmen. Meinem

Bruder schien es, als ob Leute, die ein so fröhliches Lagerplätzchen

sich erwählt hatten, nichts Böses gegen ihn im Sinn haben könnten, und

er folgte also ohne Bangigkeit dem Ruf seiner Führer, die, als sie

seine Bande gelöst hatten, ihm winkten, abzusteigen. Man führte ihn

in ein Zelt, das größer als die übrigen und im Inneren hübsch, fast

zierlich aufgeputzt war. Prächtige goldgestickte Polster, gewirkte

Fußteppiche, übergoldete Rauchpfannen hätten anderswo Reichtum und

Wohlleben verraten, hier schienen sie nur kühner Raub. Auf einem der

Polster saß ein alter, kleiner Mann; sein Gesicht war häßlich, seine

Haut schwarzbraun und glänzend, und ein widriger Zug von tückischer

Schlauheit um Augen und Mund machte seinen Anblick verhaßt. Obgleich

sich dieser Mann einiges Ansehen zu geben suchte, so merkte doch

Mustapha bald, daß nicht für ihn das Zelt so reich geschmückt sei, und

die Unterredung seiner Führer schien seine Bemerkung zu bestätigen.

»_Wo ist der Starke?_« fragten sie den Kleinen. »Er ist auf der kleinen

Jagd,« antwortete jener, »aber er hat mir aufgetragen, seine Stelle zu

versehen.« -- »Das hat er nicht gescheit gemacht,« entgegnete einer der

Räuber, »denn es muß sich bald entscheiden, ob dieser Hund sterben oder

zahlen soll, und das weiß der Starke besser als du.«

Der kleine Mann erhob sich im Gefühl seiner Würde, streckte sich lang

aus, um mit der Spitze seiner Hand das Ohr seines Gegners zu erreichen,

denn er schien Lust zu haben, sich durch einen Schlag zu rächen; als

er aber sah, daß seine Bemühung fruchtlos sei, fing er an zu schimpfen

(und wahrlich! die andern blieben ihm nichts schuldig), daß das Zelt

von ihrem Streit erdröhnte. Da tat sich auf einmal die Türe des Zeltes

auf, und herein trat ein hoher stattlicher Mann, jung und schön wie

ein Perserprinz; seine Kleidung und seine Waffen waren, außer einem

reichbesetzten Dolch und einem glänzenden Säbel, gering und einfach,

aber sein ernstes Auge, sein ganzer Anstand gebot Achtung, ohne Furcht

einzuflößen.

»Wer ist's, der es wagt, in meinem Zelte Streit zu beginnen?« rief er

den Erschrockenen zu. Eine Zeitlang herrschte tiefe Stille, endlich

erzählte einer von denen, die Mustapha hergebracht hatten, wie es

gegangen sei. Da schien sich das Gesicht »des Starken«, wie sie ihn

nannten, vor Zorn zu röten. »Wann hätte ich dich je an meine Stelle

gesetzt, Hassan?« schrie er mit furchtbarer Stimme dem Kleinen zu.

Dieser zog sich vor Furcht in sich selbst zusammen, daß er noch

viel kleiner aussah als zuvor, und schlich sich der Zelttüre zu.

Ein hinlänglicher Tritt des Starken machte, daß er in einem großen,

sonderbaren Sprung zur Zelttüre hinausflog.

Als der Kleine verschwunden war, führten die drei Männer Mustapha vor

den Herrn des Zeltes, der sich indes auf die Polster gelegt hatte.

»Hier bringen wir den, welchen du uns zu fangen befohlen hast.«

Jener blickte den Gefangenen lange an und sprach sodann: »Bassa von

Sulieika! Dein eigenes Gewissen wird dir sagen, warum du vor Orbasan

stehst.« Als mein Bruder dies hörte, warf er sich nieder vor jenem und

antwortete: »O Herr! Du scheinst im Irrtum zu sein, ich bin ein armer

Unglücklicher, aber nicht der Bassa, den du suchst!« Alle im Zelt waren

über diese Rede erstaunt. Der Herr des Zeltes aber sprach: »Es kann dir

wenig helfen, dich zu verstellen, denn ich will dir Leute vorführen,

die dich wohl kennen.« Er befahl, Zuleima vorzuführen. Man brachte ein

altes Weib in das Zelt, das auf die Frage, ob sie in meinem Bruder

nicht den Bassa von Sulieika erkenne, antwortete: jawohl! Und sie

schwöre es beim Grab des Propheten, es sei der Bassa und kein anderer.

»Siehst du, Erbärmlicher! wie deine List zu Wasser geworden ist?«

begann zürnend der Starke. »Du bist mir zu elend, als daß ich meinen

guten Dolch mit deinem Blut besudeln sollte, aber an den Schweif meines

Rosses will ich dich binden, morgen wenn die Sonne aufgeht, und durch

die Wälder will ich mit dir jagen, bis sie scheidet hinter die Hügel

von Sulieika!« Da sank meinem armen Bruder der Mut. »Das ist der Fluch

meines harten Vaters, der mich zum schmachvollen Tode treibt,« rief er

weinend, »und auch du bist verloren, süße Schwester, auch du, Zoraide!«

-- »Deine Verstellung hilft dir nichts,« sprach einer der Räuber, indem

er ihm die Hände auf den Rücken band, »mach', daß du aus dem Zelt

kommst, denn der Starke beißt sich in die Lippen und blickt nach seinem

Dolch. Wenn du noch eine Nacht leben willst, so komm!«

Als die Räuber gerade meinen Bruder aus dem Zelte führen wollten,

begegneten sie drei andern, die einen Gefangenen vor sich hintrieben.

Sie traten mit ihm ein. »Hier bringen wir den Bassa, wie du uns

befohlen hast,« sprachen sie und führten den Gefangenen vor das Polster

des Starken. Als der Gefangene dorthin geführt wurde, hatte mein Bruder

Gelegenheit, ihn zu betrachten, und ihm selbst fiel die Aehnlichkeit

auf, die dieser Mann mit ihm hatte, nur war er dunkler im Gesicht und

hatte einen schwärzeren Bart. Der Starke schien sehr erstaunt über

die Erscheinung des zweiten Gefangenen: »Wer von euch ist denn der

rechte?« sprach er, indem er bald meinen Bruder, bald den andern Mann

ansah. »Wenn du den Bassa von Sulieika meinst,« antwortete in stolzem

Ton der Gefangene, »der bin ich!« Der Starke sah ihn lange mit seinem

ernsten, furchtbaren Blicke an, dann winkte er schweigend, den Bassa

wegzuführen. Als dies geschehen war, ging er auf meinen Bruder zu,

zerschnitt seine Bande mit dem Dolch und winkte ihm, sich zu ihm aufs

Polster zu setzen. »Es tut mir leid, Fremdling,« sagte er, »daß ich

dich für jenes Ungeheuer hielt; schreibe es aber einer sonderbaren

Fügung des Himmels zu, die dich gerade in der Stunde, welche dem

Untergang jenes Verruchten geweiht war, in die Hände meiner Brüder

führte.« Mein Bruder bat ihn um die einzige Gunst, ihn gleich wieder

weiterreisen zu lassen, weil jeder Aufschub ihm verderblich werden

könne. Der Starke erkundigte sich nach seinen eiligen Geschäften, und

als ihm Mustapha alles erzählt hatte, überredete ihn jener, diese Nacht

in seinem Zelt zu bleiben, er und sein Roß werden der Ruhe bedürfen;

den folgenden Tag aber wolle er ihm einen Weg zeigen, der ihn in

anderthalb Tagen nach Balsora bringe. Mein Bruder schlug ein, wurde

trefflich bewirtet und schlief sanft bis zum Morgen in dem Zelt des

Räubers.

Als er aufgewacht war, sah er sich ganz allein im Zelte, vor dem

Vorhang des Zeltes aber hörte er mehrere Stimmen zusammen sprechen, die

dem Herrn des Zeltes und dem kleinen, schwarzbraunen Mann anzugehören

schienen. Er lauschte ein wenig und hörte zu seinem Schrecken, daß der

Kleine dringend den andern aufforderte, den Fremden zu töten, weil er,

wenn er freigelassen würde, sie alle verraten könnte.

Mustapha merkte gleich, daß der Kleine ihm gram sei, weil er Ursache

war, daß er gestern so übel behandelt wurde; der Starke schien sich

einige Augenblicke zu besinnen. »Nein,« sprach er, »er ist mein

Gastfreund, und das Gastrecht ist mir heilig, auch sieht er mir nicht

aus, wie wenn er uns verraten wollte.«

Als er so gesprochen, schlug er den Vorhang zurück und trat ein.

»Friede sei mit dir, Mustapha,« sprach er, »laß uns den Morgentrunk

kosten und rüste dich dann zum Aufbruch.« Er reichte meinem Bruder

einen Becher Sorbett, und als sie getrunken hatten, zäumten sie die

Pferde auf, und wahrlich, mit leichterem Herzen, als er gekommen war,

schwang sich Mustapha aufs Pferd. Sie hatten bald die Zelte im Rücken

und schlugen dann einen breiten Pfad ein, der in den Wald führte.

Der Starke erzählte meinem Bruder, daß jener Bassa, den sie auf der

Jagd gefangen hätten, ihnen versprochen habe, sie ungefährdet in

seinem Gebiete zu dulden; vor einigen Wochen aber habe er einen ihrer

tapfersten Männer aufgefangen und nach den schrecklichsten Martern

aufhängen lassen. Er habe ihm nun so lange auflauern lassen, und

heute noch müsse er sterben. Mustapha wagte es nicht, etwas dagegen

einzuwenden, denn er war froh, selbst mit heiler Haut davongekommen zu

sein.

Am Ausgang des Waldes hielt der Starke sein Pferd an, beschrieb meinem

Bruder den Weg, bot ihm die Hand zum Abschied und sprach: »Mustapha, du

bist auf sonderbare Weise der Gastfreund des Räubers Orbasan geworden;

ich will dich nicht auffordern, nicht zu verraten, was du gesehen

und gehört hast. Du hast ungerechterweise Todesangst ausgestanden,

und ich bin dir Vergütung schuldig. Nimm diesen Dolch als Andenken,

und so du Hilfe brauchst, so sende ihn mir zu, und ich will eilen,

dir beizustehen. Diesen Beutel aber kannst du vielleicht zu deiner

Reise brauchen.« Mein Bruder dankte ihm für seinen Edelmut, er nahm

den Dolch, den Beutel aber schlug er aus. Doch Orbasan drückte ihm

noch einmal die Hand, ließ den Beutel auf die Erde fallen und sprengte

mit Sturmeseile in den Wald. Als Mustapha sah, daß er ihn doch nicht

mehr werde einholen können, stieg er ab, um den Beutel aufzuheben und

erschrak über die Größe von seines Gastfreundes Großmut, denn der

Beutel enthielt eine Menge Goldes. Er dankte Allah für seine Rettung,

empfahl ihm den edlen Räuber in seine Gnade und zog dann heiteren Mutes

weiter auf seinem Wege nach Balsora.

* * * * *

Hier schwieg Lezah und sah Achmet, den alten Kaufmann, fragend an.

»Nein, wenn es so ist,« sprach dieser, »so verbessere ich gern mein

Urteil von Orbasan, denn wahrlich, an deinem Bruder hat er schön

gehandelt.«

»Er hat getan wie ein braver Muselmann,« rief Muley; »aber ich hoffe,

du hast deine Geschichte damit nicht geschlossen, denn wie mir bedünkt,

sind wir alle begierig, weiter zu hören, wie es deinem Bruder erging,

und ob er Fatme, deine Schwester, und die schöne Zoraide befreit hat.«

»Wenn ich euch nicht damit langweile, erzähle ich gern weiter,«

entgegnete Lezah, »denn die Geschichte meines Bruders ist allerdings

abenteuerlich und wundervoll.«

* * * * *

Am Mittag des siebenten Tages nach seiner Abreise zog Mustapha in die

Tore von Balsora ein. Sobald er in einer Karawanserei abgestiegen war,

fragte er, wann der Sklavenmarkt, der alljährlich hier gehalten werde,

anfange. Aber er erhielt die Schreckensantwort, daß er zwei Tage zu

spät komme. Man bedauerte seine Verspätung und erzählte ihm, daß er

viel verloren habe, denn noch an dem letzten Tage des Marktes seien

zwei Sklavinnen angekommen, von so hoher Schönheit, daß sie die Augen

aller Käufer auf sich gezogen hätten. Man habe sich ordentlich um sie

gerissen und geschlagen, und sie seien freilich auch zu einem so hohen

Preis verkauft worden, daß ihn nur ihr jetziger Herr nicht habe scheuen

können. Er erkundigte sich näher nach diesen beiden, und es blieb ihm

kein Zweifel, daß es die Unglücklichen seien, die er suche. Auch erfuhr

er, daß der Mann, der sie beide gekauft habe, vierzig Stunden von

Balsora wohne und Thiuli-Kos heiße, ein vornehmer, reicher, aber schon

ältlicher Mann, der früher Kapudan-Bassa des Großherrn war, jetzt aber

sich mit seinen gesammelten Reichtümern zur Ruhe gesetzt habe.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 6 · 第 4 / 31 段