erzählte mir von dem _kleinen_ Muck:
Der Vater des kleinen Muck, der eigentlich Mukrah heißt, war ein
angesehener, aber armer Mann, hier in Nicea. Er lebte beinahe so
einsiedlerisch als jetzt sein Sohn. Diesen konnte er nicht wohl leiden,
weil er sich seiner Zwerggestalt schämte und ließ ihn daher auch in
Unwissenheit aufwachsen. Der kleine Muck war noch in seinem sechzehnten
Jahr ein lustiges Kind, und der Vater, ein ernster Mann, tadelte ihn
immer, daß er, der schon längst die _Kinderschuhe zertreten_ haben
sollte, noch so dumm und läppisch sei.
Der Alte tat aber einmal einen bösen Fall, an welchem er auch starb und
den kleinen Muck arm und unwissend zurückließ. Die harten Verwandten,
denen der Verstorbene mehr schuldig war, als er bezahlen konnte,
jagten den armen Kleinen aus dem Hause und rieten ihm, in die Welt
hinauszugehen und sein Glück zu suchen. Der kleine Muck antwortete, er
sei schon reisefertig, bat sich aber nur noch den Anzug seines Vaters
aus, und dieser wurde ihm auch bewilligt. Sein Vater war ein großer,
starker Mann gewesen, daher paßten die Kleider nicht. Muck aber wußte
bald Rat; er schnitt ab, was zu lang war, und zog dann die Kleider
an. Er schien aber vergessen zu haben, daß er auch in der Weite davon
schneiden müsse, daher sein sonderbarer Aufzug, wie er noch heute zu
sehen ist; der große Turban, der breite Gürtel, die weiten Hosen,
das blaue Mäntelein, alles dies sind Erbstücke seines Vaters, die
er seitdem getragen; den langen Damascener-Dolch seines Vaters aber
steckte er in den Gürtel, ergriff ein Stöcklein und wanderte zum Tore
hinaus.
Fröhlich wanderte er den ganzen Tag, denn er war ja ausgezogen, um sein
Glück zu suchen; wenn er einen Scherben auf der Erde im Sonnenschein
glänzen sah, so steckte er ihn gewiß zu sich, im Glauben, daß er sich
in den schönsten Diamanten verwandeln werde; sah er in der Ferne die
Kuppel einer Moschee wie Feuer strahlen, sah er einen See wie einen
Spiegel blinken, so eilte er voll Freude darauf zu; denn er dachte
in einem Zauberland angekommen zu sein. Aber ach! Jene Trugbilder
verschwanden in der Nähe, und nur allzubald erinnerte ihn seine
Müdigkeit und sein vor Hunger knurrender Magen, daß er noch im Lande
der Sterblichen sich befinde. So war er zwei Tage gereist unter Hunger
und Kummer und verzweifelte, sein Glück zu finden; die Früchte des
Feldes waren seine einzige Nahrung, die harte Erde sein Nachtlager.
Am Morgen des dritten Tages erblickte er von einer Anhöhe eine große
Stadt. Hell leuchtete der Halbmond auf ihren Zinnen, bunte Fahnen
schimmerten auf den Dächern und schienen den kleinen Muck zu sich
herzuwinken. Ueberrascht stand er stille und betrachtete Stadt und
Gegend. »Ja, dort wird Klein-Muck sein Glück finden,« sprach er zu
sich und machte trotz seiner Müdigkeit einen Luftsprung, »_dort_ oder
_nirgends_.« Er raffte alle seine Kräfte zusammen und schritt auf
die Stadt zu. Aber obgleich sie ganz nahe schien, konnte er sie doch
erst gegen Mittag erreichen, denn seine kleinen Glieder versagten ihm
beinahe gänzlich ihren Dienst, und er mußte sich oft in den Schatten
einer Palme setzen, um auszuruhen. Endlich war er an dem Tor der Stadt
angelangt. Er legte sein Mäntelein zurecht, band den Turban schöner um,
zog den Gürtel noch breiter an und steckte den langen Dolch schiefer;
dann wischte er den Staub von den Schuhen, ergriff sein Stöcklein und
ging mutig zum Tor hinein.
Er war schon einige Straßen durchwandert, aber nirgends öffnete sich
eine Türe, nirgends rief man, wie er sich vorgestellt hatte: »Kleiner
Muck, komm herein und iß und trink und laß deine Füßlein ausruhen.«
Er schaute gerade auch wieder recht sehnsüchtig an einem großen Haus
hinauf, da öffnete sich ein Fenster, eine alte Frau schaute heraus und
rief mit singender Stimme:
»Herbei, herbei,
Gekocht ist der Brei,
Den Tisch ließ ich decken,
Drum laßt es euch schmecken;
Ihr Nachbarn, herbei,
Gekocht ist der Brei.«
Die Türe des Hauses öffnete sich, und Muck sah viele Hunde und Katzen
hineingehen. Er stand einige Augenblicke in Zweifel, ob er der
Einladung folgen solle, endlich aber faßte er sich ein Herz und ging in
das Haus. Vor ihm her gingen ein paar junge Kätzlein, und er beschloß,
ihnen zu folgen, weil sie vielleicht die Küche besser wüßten als er.
Als Muck die Treppe hinaufgestiegen war, begegnete er jener alten
Frau, die zum Fenster herausgeschaut hatte. Sie sah ihn mürrisch an
und fragte nach seinem Begehr. »Du hast ja jedermann zu deinem Brei
eingeladen,« antwortete der kleine Muck, »und weil ich gar so hungrig
bin, bin ich auch gekommen.« Die Alte lachte laut und sprach: »Woher
kommst du denn, wunderlicher Gesell? Die ganze Stadt weiß, daß ich
für niemand koche als für meine lieben Katzen, und hie und da lade
ich ihnen Gesellschaft aus der Nachbarschaft ein, wie du siehst.« Der
kleine Muck erzählte der alten Frau, wie es ihm nach seines Vaters Tod
so hart ergangen sei und bat sie, ihn heute mit ihren Katzen speisen
zu lassen. Die Frau, welcher die treuherzige Erzählung des Kleinen
wohlgefiel, erlaubte ihm, ihr Gast zu sein und gab ihm reichlich zu
essen und zu trinken. Als er gesättigt und gestärkt war, betrachtete
ihn die Frau lange und sagte dann: »Kleiner Muck, bleibe bei mir in
meinem Dienste, du hast geringe Mühe und sollst gut gehalten sein.«
Der kleine Muck, dem der Katzenbrei geschmeckt hatte, willigte ein und
wurde also der Bediente der Frau Ahavzi. Er hatte einen leichten, aber
sonderbaren Dienst. Frau Ahavzi hatte nämlich zwei Kater und vier
Katzen, diesen mußte der kleine Muck alle Morgen den Pelz kämmen und
mit köstlichen Salben einreiben; wenn die Frau ausging, mußte er auf
die Katzen Achtung geben, wenn sie aßen, mußte er ihnen die Schüsseln
vorlegen, und nachts mußte er sie auf seidene Polster legen und sie mit
samtenen Decken einhüllen. Auch waren noch einige kleine Hunde im Haus,
die er bedienen mußte, doch wurden mit diesen nicht so viele Umstände
gemacht wie mit den Katzen, welche Frau Ahavzi wie ihre eigenen Kinder
hielt. Uebrigens führte Muck ein so einsames Leben wie in seines Vaters
Haus, denn außer der Frau sah er den ganzen Tag nur Hunde und Katzen.
Eine Zeitlang ging es dem kleinen Muck ganz gut, er hatte immer zu
essen und wenig zu arbeiten, und die alte Frau schien recht zufrieden
mit ihm zu sein; aber nach und nach wurden die Katzen unartig: wenn die
Alte ausgegangen war, sprangen sie wie besessen in den Zimmern umher,
warfen alles durcheinander und zerbrachen manches schöne Geschirr, das
ihnen im Wege stand. Wenn sie aber die Frau die Treppe heraufkommen
hörten, verkrochen sie sich auf ihre Polster und wedelten ihr mit den
Schwänzen entgegen, wie wenn nichts geschehen wäre. Die Frau Ahavzi
geriet dann in Zorn, wenn sie ihre Zimmer so verwüstet sah und schob
alles auf Muck; er mochte seine Unschuld beteuern, wie er wollte, sie
glaubte ihren Katzen, die so unschuldig aussahen, mehr als ihrem Diener.
Der kleine Muck war sehr traurig, daß er also auch hier sein Glück
nicht gefunden habe und beschloß bei sich, den Dienst der Frau Ahavzi
zu verlassen. Da er aber auf seiner ersten Reise erfahren hatte, wie
schlecht man ohne Geld lebt, so beschloß er, den Lohn, den ihm seine
Gebieterin immer versprochen, aber nie gegeben hatte, sich auf irgend
eine Art zu verschaffen. Es befand sich in dem Hause der Frau Ahavzi
ein Zimmer, das immer verschlossen war, und dessen Inneres er nie
gesehen hatte. Doch hatte er die Frau oft darin rumoren gehört, und er
hätte oft für sein Leben gern gewußt, was sie dort versteckt habe. Als
er nun an sein Reisegeld dachte, fiel ihm ein, daß dort die Schätze der
Frau versteckt sein könnten. Aber immer war die Türe fest verschlossen,
und er konnte daher den Schätzen nie beikommen.
Eines Morgens, als die Frau Ahavzi ausgegangen war, zupfte ihn eines
der Hündlein, welches von der Frau immer sehr stiefmütterlich behandelt
wurde, dessen Gunst er sich aber durch allerlei Liebesdienste im hohen
Grade erworben hatte, an seinen weiten Beinkleidern und gebärdete sich
dabei, wie wenn Muck ihm folgen sollte. Muck, welcher gern mit den
Hunden spielte, folgte ihm, und siehe da, das Hündlein führte ihn in
die Schlafkammer der Frau Ahavzi vor eine kleine Türe, die er nie zuvor
dort bemerkt hatte. Die Türe war halb offen. Das Hündlein ging hinein,
und Muck folgte ihm, und wie freudig war er überrascht, als er sah, daß
er sich in dem Gemach befinde, das schon lange das Ziel seiner Wünsche
war. Er spähte überall umher, ob er kein Geld finden könnte, fand aber
nichts. Nur alte Kleider und wunderlich geformte Geschirre standen
umher. Eines dieser Geschirre zog seine besondere Aufmerksamkeit
auf sich. Es war von Kristall, und schöne Figuren waren darauf
ausgeschnitten. Er hob es auf und drehte es nach allen Seiten. Aber o
Schrecken! Er hatte nicht bemerkt, daß es einen Deckel hatte, der nur
leicht darauf hingesetzt war. Der Deckel fiel herab und zerbrach in
tausend Stücken.
Lange stand der kleine Muck vor Schrecken leblos. Jetzt war sein
Schicksal entschieden, jetzt mußte er entfliehen, sonst schlug ihn
die Alte tot. Sogleich war auch seine Reise beschlossen, und nur noch
einmal wollte er sich umschauen, ob er nichts von den Habseligkeiten
der Frau Ahavzi zu seinem Marsch brauchen könnte. Da fielen ihm ein
Paar mächtig große Pantoffeln ins Auge, sie waren zwar nicht schön,
aber seine eigenen konnten keine Reise mehr mitmachen, auch zogen ihn
jene wegen ihrer Größe an, denn hatte er diese am Fuß, so mußten ihm
hoffentlich alle Leute ansehen, daß er die Kinderschuhe vertreten habe.
Er zog also schnell seine Töffelein aus und fuhr in die großen hinein.
Ein Spazierstöcklein mit einem schön geschnittenen Löwenkopf schien ihm
auch hier allzu müßig in der Ecke zu stehen, er nahm es also mit und
eilte zum Zimmer hinaus. Schnell ging er jetzt auf seine Kammer, zog
sein Mäntelein an, setzte den väterlichen Turban auf, steckte den Dolch
in den Gürtel und lief, so schnell ihn seine Füße trugen, zum Haus und
zur Stadt hinaus. Vor der Stadt lief er, aus Angst vor der Alten, immer
weiter fort, bis er vor Müdigkeit beinahe nicht mehr konnte. So schnell
war er in seinem ganzen Leben nicht gegangen, ja es schien ihm, als
könne er gar nicht aufhören zu rennen, denn eine unsichtbare Gewalt
schien ihn fortzureißen. Endlich bemerkte er, daß es mit den Pantoffeln
eine eigene Bewandtnis haben müsse, denn diese schossen immer fort und
führten ihn mit sich. Er versuchte auf allerlei Weise, stillzustehen,
aber es wollte nicht gelingen; da rief er in der höchsten Not, wie man
den Pferden zuruft, sich selbst zu: »Oh -- oh, halt, oh!« Da hielten
die Pantoffeln, und Muck warf sich erschöpft auf die Erde nieder.
Die Pantoffeln freuten ihn ungemein. So hatte er sich denn doch durch
seine Dienste etwas erworben, das ihm in der Welt, auf seinem Weg das
Glück zu suchen, forthelfen konnte. Er schlief trotz seiner Freude vor
Erschöpfung ein, denn das Körperlein des kleinen Muck, das einen so
schweren Kopf zu tragen hatte, konnte nicht viel aushalten. Im Traum
erschien ihm das Hündlein, welches ihm im Hause der Frau Ahavzi zu
den Pantoffeln verholfen hatte, und sprach zu ihm: »Lieber Muck, du
verstehst den Gebrauch der Pantoffeln noch nicht recht: wisse, daß
wenn du dich in ihnen dreimal auf dem Absatz herumdrehst, so kannst
du hinfliegen, wohin du nur willst, und mit dem Stöcklein kannst du
Schätze finden; denn wo Gold vergraben ist, da wird es dreimal auf die
Erde schlagen, bei Silber zweimal.« So träumte der kleine Muck. Als er
aber aufwachte, dachte er über den wunderbaren Traum nach und beschloß,
alsbald einen Versuch zu machen. Er zog die Pantoffeln an, lupfte einen
Fuß, und begann sich auf dem Absatz umzudrehen. Wer es aber jemals
versucht hat, in einem ungeheuer weiten Pantoffel dieses Kunststück
dreimal hintereinander zu machen, der wird sich nicht wundern, wenn es
dem kleinen Muck nicht gleich glückte, besonders wenn man bedenkt, daß
ihn sein schwerer Kopf bald auf diese, bald auf jene Seite hinüberzog.
Der arme Kleine fiel einigemal tüchtig auf die Nase, doch ließ er sich
nicht abschrecken, den Versuch zu wiederholen, und endlich glückte
es. Wie ein Rad fuhr er auf seinem Absatz herum, wünschte sich in
die nächste große Stadt, und -- die Pantoffeln ruderten hinauf in
die Lüfte, liefen mit Windeseile durch die Wolken, und ehe sich der
kleine Muck noch besinnen konnte, wie ihm geschah, befand er sich
schon auf einem großen Marktplatz, wo viele Buden aufgeschlagen waren
und unzählige Menschen geschäftig hin und her liefen. Er ging unter
den Leuten hin und her, hielt es aber bald für ratsamer, sich in eine
einsamere Straße zu begeben, denn auf dem Markt trat ihm bald da einer
auf die Pantoffeln, daß er beinahe umfiel, bald stieß er mit seinem
weit hinausstehenden Dolch einen oder den andern an, daß er mit Mühe
den Schlägen entging.
Der kleine Muck bedachte nun ernstlich, was er wohl anfangen könnte,
um sich ein Stück Geld zu verdienen. Er hatte zwar ein Stäblein, das
ihm verborgene Schätze anzeigte, aber wo sollte er gleich einen Platz
finden, wo Gold oder Silber vergraben wäre? Auch hätte er sich zur
Not für Geld sehen lassen können, aber dazu war er doch zu stolz.
Endlich fiel ihm die Schnelligkeit seiner Füße ein. Vielleicht, dachte
er, können mir meine Pantoffeln Unterhalt gewähren, und er beschloß,
sich als Schnellläufer zu verdingen. Da er aber hoffen durfte, daß
der König dieser Stadt solche Dienste am besten bezahle, so erfragte
er den Palast. Unter dem Tor des Palastes stand eine Wache, die ihn
fragte, was er hier zu suchen habe? Auf seine Antwort, daß er einen
Dienst suche, wies man ihn zum Aufseher der Sklaven. Diesem trug er
sein Anliegen vor und bat ihn, ihm einen Dienst unter den königlichen
Boten zu besorgen. Der Aufseher maß ihn mit seinen Augen von Kopf bis
zu den Füßen und sprach: »Wie, mit deinen Füßlein, die kaum so lang
als eine Spanne sind, willst du königlicher Schnellläufer werden? Hebe
dich weg, ich bin nicht dazu da, mit jedem Narren Kurzweil zu machen.«
Der kleine Muck versicherte ihm aber, daß es ihm vollkommen ernst sei
mit seinem Antrag, und daß er es mit dem Schnellsten auf eine Wette
ankommen lassen wollte. Dem Aufseher kam die Sache gar lächerlich
vor. Er befahl ihm, sich bis auf den Abend zu einem Wettlauf bereit
zu halten, führte ihn in die Küche und sorgte dafür, daß ihm gehörig
Speise und Trank gereicht wurde. Er selbst aber begab sich zum König
und erzählte ihm vom kleinen Muck und seinem Anerbieten. Der König
war ein lustiger Herr, daher gefiel es ihm wohl, daß der Aufseher der
Sklaven den kleinen Menschen zu einem Spaß behalten habe. Er befahl
ihm, auf einer großen Wiese hinter dem Schloß Anstalten zu treffen, daß
das Wettlaufen mit Bequemlichkeit von seinem ganzen Hofstaat könnte
gesehen werden, und empfahl ihm nochmals, große Sorgfalt für den Zwerg
zu haben. Der König erzählte seinen Prinzen und Prinzessinnen, was
sie diesen Abend für ein Schauspiel haben würden. Diese erzählten es
wieder ihren Dienern, und als der Abend herankam, war man in gespannter
Erwartung, und alles, was Füße hatte, strömte hinaus auf die Wiese, wo
Gerüste aufgeschlagen waren, um den großsprecherischen Zwerg laufen zu
sehen.
Als der König und seine Söhne und Töchter auf dem Gerüste Platz
genommen hatten, trat der kleine Muck heraus auf die Wiese und machte
vor den hohen Herrschaften eine überaus zierliche Verbeugung. Ein
allgemeines Freudengeschrei ertönte, als man des Kleinen ansichtig
wurde; eine solche Figur hatte man dort noch nie gesehen. Das
Körperlein mit dem mächtigen Kopf, das Mäntelein und die weiten
Beinkleider, der lange Dolch in dem breiten Gürtel, die kleinen
Füßlein in den weiten Pantoffeln -- nein! es war zu drollig anzusehen,
als daß man nicht hätte laut lachen sollen. Der kleine Muck ließ sich
aber durch das Gelächter nicht irre machen. Er stellte sich stolz, auf
sein Stöcklein gestützt, hin und erwartete seinen Gegner. Der Aufseher
der Sklaven hatte, nach Mucks eigenem Wunsche, den besten Läufer
ausgesucht. Dieser trat nun heraus, stellte sich neben den Kleinen,
und beide harrten auf das Zeichen. Da winkte Prinzessin Amarza, wie es
ausgemacht war, mit ihrem Schleier, und wie zwei Pfeile, auf dasselbe
Ziel abgeschossen, flogen die beiden Wettläufer über die Wiese hin.
Von Anfang hatte Mucks Gegner einen bedeutenden Vorsprung, aber dieser
jagte ihm auf seinem Pantoffelfuhrwerk nach, holte ihn ein, überfing
ihn und stand längst am Ziele, als jener noch, nach Luft schnappend,
daherlief. Verwunderung und Staunen fesselten einige Augenblicke
die Zuschauer, als aber der König zuerst in die Hände klatschte, da
jauchzte die Menge und alle riefen: »Hoch lebe der kleine Muck, der
Sieger im Wettlauf!«
Man hatte indes den kleinen Muck herbeigebracht; er warf sich vor dem
König nieder und sprach: »Großmächtigster König, ich habe dir hier nur
eine kleine Probe meiner Kunst gegeben, wolle nun gestatten, daß man
mir eine Stelle unter deinen Läufern gebe.« Der König aber antwortete
ihm: »Nein, du sollst mein Leibläufer und immer um meine Person sein,
lieber Muck, jährlich sollst du hundert Goldstücke erhalten als Lohn,
und an der Tafel meiner ersten Diener sollst du speisen.«
So glaubte denn Muck, endlich das Glück gefunden zu haben, das er
so lange suchte, und war fröhlich und wohlgemut in seinem Herzen.
Auch erfreute er sich der besonderen Gnade des Königs, denn dieser
gebrauchte ihn zu seinen schnellsten und geheimsten Sendungen, die
er dann mit der größten Genauigkeit und mit unbegreiflicher Schnelle
besorgte.
Aber die übrigen Diener des Königs waren ihm gar nicht zugetan,
weil sie sich ungern durch einen Zwerg, der nichts verstand, als
schnell zu laufen, in der Gunst ihres Herrn zurückgesetzt sahen. Sie
veranstalteten daher manche Verschwörung gegen ihn, um ihn zu stürzen,
aber alle schlugen fehl an dem großen Zutrauen, das der König in seinen
geheimen Oberleibläufer (denn zu dieser Würde hatte er es in so kurzer
Zeit gebracht) setzte.
Muck, dem diese Bewegungen gegen ihn nicht entgingen, sann nicht
auf Rache, dazu hatte er ein zu gutes Herz, nein, auf Mittel dachte
er, sich bei seinen Feinden notwendig und beliebt zu machen. Da
fiel ihm sein Stäblein, das er in seinem Glück außer acht gelassen
hatte, ein; wenn er Schätze finde, dachte er, werden ihm die Herren
schon geneigter werden. Er hatte schon oft gehört, daß der Vater des
jetzigen Königs viele seiner Schätze vergraben habe, als der Feind
sein Land überfallen; man sagte auch, er sei darüber gestorben,
ohne daß er sein Geheimnis habe seinem Sohne mitteilen können. Von
nun an nahm Muck immer sein Stöcklein mit, in der Hoffnung, einmal
an einem Ort vorüberzugehen, wo das Geld des alten Königs vergraben
sei. Eines Abends führte ihn der Zufall in einen entlegenen Teil des
Schloßgartens, den er wenig besuchte, und plötzlich fühlte er das
Stöcklein in seiner Hand zucken. Und dreimal schlug es gegen den Boden.
Nun wußte er schon, was dies zu bedeuten hatte. Er zog daher seinen
Dolch heraus, machte Zeichen in die umstehenden Bäume und schlich sich
wieder in das Schloß; dort verschaffte er sich einen Spaten und wartete
die Nacht zu seinem Unternehmen ab.
Das Schatzgraben selbst machte übrigens dem kleinen Muck mehr zu
schaffen, als er geglaubt hatte. Seine Arme waren gar zu schwach, sein
Spaten aber groß und schwer; und er mochte wohl schon zwei Stunden
gearbeitet haben, ehe er ein paar Fuß tief gegraben hatte. Endlich
stieß er auf etwas Hartes, das wie Eisen klang. Er grub jetzt emsiger,
und bald hatte er einen großen eisernen Deckel zu Tage gefördert;
er stieg selbst in die Grube hinab, um nachzuspähen, was wohl der
Deckel könnte bedeckt haben, und fand richtig einen großen Topf mit
Goldstücken angefüllt. Aber seine schwachen Kräfte reichten nicht hin,
den Topf zu heben, daher steckte er in seine Beinkleider und seinen
Gürtel, so viel er zu tragen vermochte, und auch sein Mäntelein füllte
er damit, bedeckte das übrige wieder sorgfältig und lud es auf den
Rücken. Aber wahrlich, wenn er die Pantoffeln nicht an den Füßen gehabt
hätte, er wäre nicht vom Fleck gekommen, so zog ihn die Last des Goldes
nieder. Doch unbemerkt kam er auf sein Zimmer und verwahrte dort sein
Gold unter den Polstern seines Sofas.
Als der kleine Muck sich im Besitz so vielen Goldes sah, glaubte er,
das Blatt werde sich jetzt wenden, und er werde sich unter seinen
Feinden am Hofe viele Gönner und warme Anhänger erwerben. Aber schon
daran konnte man erkennen, daß der gute Muck keine gar zu sorgfältige
Erziehung genossen haben mußte, sonst hätte er sich wohl nicht
einbilden können, durch Gold wahre Freunde zu gewinnen. Ach! daß er
damals seine Pantoffeln geschmiert und sich mit seinem Mäntelein voll
Gold aus dem Staub gemacht hätte!
Das Gold, das der kleine Muck von jetzt an mit vollen Händen austeilte,
erweckte den Neid der übrigen Hofbedienten. Der Küchenmeister Ahuli
sagte: »Er ist ein Falschmünzer.« Der Sklavenaufseher Achmet sagte: »Er
hat's dem König abgeschwatzt.« Archaz, der Schatzmeister aber, sein
ärgster Feind, der selbst hie und da einen Griff in des Königs Kasse
tun möchte, sagte geradezu: »Er hat's gestohlen.« Um nun ihrer Sache
gewiß zu sein, verabredeten sie sich, und der Obermundschenk Korchuz
stellte sich eines Tages recht traurig und niedergeschlagen vor den
Augen des Königs. Er machte seine traurigen Gebärden so auffallend, daß
ihn der König fragte, was ihm fehle. »Ach!« antwortete er, »ich bin
traurig, daß ich die Gnade meines Herrn verloren habe.« -- »Was fabelst
du, Freund Korchuz?« entgegnete ihm der König, »seit wann hätte ich die
Sonne meiner Gnade nicht über dich leuchten lassen?« Der Obermundschenk
antwortete ihm, daß er ja den geheimen Oberleibläufer mit Gold belade,
seinen armen treuen Dienern aber nichts gebe.
Der König war sehr erstaunt über diese Nachricht, ließ sich die
Goldausteilungen des kleinen Muck erzählen, und die Verschworenen
brachten ihm leicht den Verdacht bei, daß Muck auf irgend eine Art das
Geld aus der Schatzkammer gestohlen habe. Sehr lieb war diese Wendung
der Sache dem Schatzmeister, der ohnehin nicht gern Rechnung ablegte.
Der König gab daher den Befehl, heimlich auf alle Schritte des kleinen
Muck acht zu geben, um ihn womöglich auf der Tat zu ertappen. Als nun
in der Nacht, die auf diesen Unglückstag folgte, der kleine Muck, da er
durch seine Freigebigkeit seine Kasse sehr erschöpft sah, den Spaten
nahm und in den Schloßgarten schlich, um dort von seinem geheimen
Schatze neuen Vorrat zu holen, folgten ihm von weitem die Wachen, von
dem Küchenmeister Ahuli und Archaz, dem Schatzmeister, angeführt, und
in dem Augenblick, da er das Gold aus dem Topf in sein Mäntelein legen
wollte, fielen sie über ihn her, banden ihn und führten ihn sogleich
vor den König. Dieser, den ohnehin die Unterbrechung seines Schlafes
mürrisch gemacht hatte, empfing seinen armen geheimen Oberleibläufer
sehr ungnädig und stellte sogleich das Verhör über ihn an. Man hatte
den Topf vollends aus der Erde gegraben und mit dem Spaten und mit dem
Mäntelein voll Gold vor die Füße des Königs gesetzt. Der Schatzmeister
sagte aus, daß er mit seinen Wachen den Muck überrascht habe, wie er
diesen Topf mit Gold gerade in die Erde gegraben habe.
Der König befragte hierauf den Angeklagten, ob es wahr sei, und woher
er das Gold, das er vergraben, bekommen habe?
Der kleine Muck, im Gefühle seiner Unschuld, sagte aus, daß er diesen
Topf im Garten entdeckt habe, daß er ihn habe nicht ein- sondern
_aus_graben wollen.
Alle Anwesenden lachten laut über diese Entschuldigung, der König aber,
aufs höchste erzürnt über die vermeintliche Frechheit des Kleinen,
rief aus: »Wie, Elender! du willst deinen König so dumm und schändlich
belügen, nachdem du ihn bestohlen hast? Schatzmeister Archaz! Ich
fordere dich auf, zu sagen, ob du diese Summe Goldes für die nämliche
erkennst, die in meinem Schatze fehlt?«