»O Herr,« entgegnete einer der Knechte, »da kommt Ihr zu spät; es ist

drei Stunden jetzt, daß wir von der Brücke abzogen, der hat einen guten

Vorsprung und kennt das Land wohl besser als alle Reiter!«

»Kerl, willst du mich noch höhnen? Ihr habt ihn entkommen lassen, an

euch halte ich mich, man rufe die Wache; ich laß euch aufhängen.«

»Mäßigt Euch,« sagte Frondsberg; »die armen Bursche trifft der Fehler

nicht; sie hätten sich gerne das Gold verdient, das auf den Herzog

gesetzt war. Der Doktor hat gefehlt, und Ihr hört, daß er es mit dem

Leben zahlte.«

»Also Ihr habt heute den Herzog vorgestellt?« wandte sich Waldburg zu

Georg, der still dieser Szene zugesehen hatte. »Müßt Ihr mir überall in

den Weg laufen mit Eurem Milchgesicht? Ueberall hat Euch der Teufel, wo

man Euch nicht braucht. Es ist nicht das erste Mal, daß Ihr meine Plane

durchkreuzet --«

»Wenn Ihr es gewesen seid, Herr Truchseß,« antwortete Georg, »der

bei Neuffen den Herzog meuchlings überfallen lassen wollte, so bin

ich Euch leider in den Weg gekommen, denn Eure Knechte haben _mich_

niedergeworfen.«

Die Ritter erstaunten über diese Rede und sahen den Truchseß fragend

an. Er errötete, man wußte nicht aus Zorn oder Beschämung, und

entgegnete: »Was schwatzt Ihr da von Neuffen? Ich weiß von nichts;

doch wenn man Euch dort niedergeworfen hat, so wünsche ich, Ihr wäret

nimmer aufgestanden, um mir heute vor Augen zu kommen. Doch es ist auch

so gut; Ihr habt Euch als einen erbitterten Feind des Bundes bewiesen,

habt heimlich und offen für den geächteten Herzog gehandelt, teilet

also seine Schuld gegen den Bund und das ganze Reich, seid überdies

heute mit den Waffen in der Hand gefangen worden -- Euch trifft die

Strafe des Hochverrats an dem allerdurchlauchtigsten Bund des Schwaben-

und Frankenlandes.«

»Dies dünkt mir eine lächerliche Beschuldigung,« erwiderte Georg mit

mutigem Tone; »Ihr wisset wohl, wann und wo ich mich von dem Bunde

losgesagt habe; Ihr habt mich auf vierzehn Tage Urfehde schwören

lassen; so wahr Gott über mir ist, ich habe sie gehalten. Was ich

nachher getan, davon habt Ihr nicht Rechenschaft zu fordern, weil

ich Euch nicht mehr verpflichtet war, und was meine Gefangennehmung

mit den Waffen in der Hand betrifft, so frage ich euch, edle Herren,

welcher Ritter wird, wenn er von sechs oder acht angegriffen wird, sich

nicht seines Lebens wehren? Ich verlange von euch ritterliche Haft und

erbiete mich, Urfehde zu schwören auf sechs Wochen; mehr könnet ihr

nicht von mir verlangen.«

»Wollt Ihr uns Gesetze vorschreiben? Ihr habt gut gelernt bei dem

übermütigen Herzog; ich höre ihn aus Euch sprechen; doch keinen Schritt

sollt Ihr zu Eurer Sippschaft tun, bis Ihr gesteht, wo der alte Fuchs,

Euer Schwiegervater, sich aufhält, und welchen Weg der Herzog genommen

hat.«

»Der Ritter von Lichtenstein wurde von Euern Reitern gefangen genommen;

welchen Weg der Herzog nahm, weiß ich nicht und kann es mit meinem Wort

bekräftigen.«

»Ritterliche Haft?« rief der Truchseß bitter lachend, »da irrt Ihr Euch

gewaltig; zeiget vorher, wo Ihr die goldenen Sporen verdient habt!

Nein, solches Gelichter wird bei uns ins tiefste Verließ geworfen, und

mit Euch will ich den Anfang machen.«

»Ich denke, dies ist unnötig,« fiel ihm Frondsberg ins Wort; »ich weiß,

daß Georg von Sturmfeder zum Ritter geschlagen wurde; überdies hat er

einem bündischen Edlen das Leben gerettet; Ihr werdet Euch wohl an die

Aussage des Dietrich von Kraft erinnern. Auf Verwenden dieses Ritters

wurde er von einem schmählichen Tod befreit und sogar in Freiheit

gesetzt. Er kann dieselbe Behandlung von uns verlangen.«

»Ich weiß, daß Ihr ihm immer das Wort geredet, daß er Euer Schoßkind

war; aber diesmal hilft es ihm nicht, er muß nach Eßlingen in den Turm,

und jetzt den Augenblick --«

»Ich leiste Bürgschaft für ihn,« rief Frondsberg, »und habe hier so gut

mitzusprechen wie Ihr. Wir wollen abstimmen über den Gefangenen, man

führe ihn einstweilen in mein Zelt.«

Einen Blick des Dankes warf Georg auf die ehrwürdigen Züge des

Mannes, der ihn auch jetzt wieder aus der drohenden Gefahr rettete.

Der Truchseß aber winkte mürrisch den Knechten, dem Befehl des

Oberfeldhauptmanns zu folgen, und Georg folgte ihnen durch die Straßen

des Lagers nach Frondsbergs Zelt.

Nicht lange nachher stand der Mann vor ihm, dem er so unendlich viel zu

danken hatte. Er wollte ihm danken, er wußte nicht, wie er ihm seine

Ehrfurcht bezeigen sollte; doch Frondsberg sah ihn lächelnd an und zog

ihn in seine Arme. »Keinen Dank, keine Entschuldigung!« sprach er;

»sah ich doch alles dies voraus, als ich in Ulm von dir Abschied nahm;

doch du wolltest es nicht glauben, wolltest dich vergraben in die Burg

deiner Väter. Ich kann dich nicht schelten; glaube mir, das Feldlager

und die Stürme so vieler Kriege haben mein Herz nicht so verhärtet, daß

ich vergessen könnte, wie mächtig die Liebe zieht!«

»Mein Freund, mein Vater!« rief Georg, indem er freudig errötete.

»Ja, das bin ich; der Freund deines Vaters, dein Vater; drum war ich

oft stolz auf dich, wenn du auch in den feindlichen Reihen standest;

dein Name wurde, so jung du bist, mit Ehrfurcht genannt, denn Treue

und Mut ehrt ein Mann auch an dem Feinde. Und glaube mir, es kam den

meisten von uns erwünscht, daß der Herzog entkam; was konnten wir mit

ihm beginnen? Der Truchseß hätte vielleicht einen übereilten Streich

gemacht, den wir alle zu büßen gehabt hätten.«

»Und was wird mein Schicksal sein?« fragte Georg. »Werde ich lange in

Haft gehalten werden? Wo ist der Ritter von Lichtenstein? O mein Weib!

darf sie mich nicht besuchen?«

Frondsberg lächelte geheimnisvoll. »Das wird schwer halten,« sagte er,

»du wirst unter sicherer Bedeckung auf eine Feste geführt und einem

Wächter übergeben werden, der dich streng bewachen und nicht so bald

entlassen wird. Doch sei nicht ängstlich, der Ritter von Lichtenstein

wird mit dir dorthin abgeführt werden, und ihr beide müsset auf ein

Jahr Urfehde schwören.«

Frondsberg wurde hier durch drei Männer unterbrochen, die in das Zelt

stürmten; es war der Feldhauptmann von Breitenstein und Dietrich von

Kraft, die den Ritter von Lichtenstein in ihrer Mitte führten.

»Hab' ich dich wieder, wackerer Junge!« rief Breitenstein, indem er

Georgs Hand drückte. »Du machst mir schöne Streiche; dein alter Oheim

hat dich mir auf die Seele gebunden, ich solle einen tüchtigen Kämpen

aus dir ziehen, der dem Bunde Ehre mache, und nun läufst du zu dem

Feind und haust und stichst auf uns, und hättest gestern beinahe die

Schlacht gewonnen durch dein tollkühnes Stückchen auf unsere Geschütze.«

»Jeder nach seiner Art,« entgegnete Frondsberg; »er hat uns aber auch

in Feindes Reihen Ehre gemacht.«

Der Ritter von Lichtenstein umarmte seinen Sohn. »Er ist in

Sicherheit,« flüsterte er ihm zu, und beider Augen glänzten von Freude,

zu der Rettung des unglücklichen Fürsten beigetragen zu haben. Da

fielen die Blicke des alten Ritters auf den grünen Mantel, der noch

immer um Georgs Schultern hing; er erstaunte, er sah ihn näher an. »Ha!

jetzt erst verstehe ich ganz, wie alles so kommen konnte,« sprach er

bewegt, und eine Träne der Freude hing in seinen grauen Wimpern; »sie

nahmen _dich_ für ihn; was wäre aus ihm geworden, wenn dich der Mut nur

einen Augenblick verlassen hätte? Du hast mehr getan als wir alle, du

hast gesiegt, wenn wir jetzt auch Besiegte heißen; komm an mein Herz,

du würdiger Sohn.«

»Und Marx Stumpf von Schweinsberg?« fragte Georg; »auch er gefangen?«

»Er hat sich durchgehauen, wer vermöchte auch seinen Hieben zu

widerstehen? Meine alten Knochen sind mürbe, an mir liegt nichts mehr,

aber er ist dem Herzog nachgezogen und wird ihm eine bessere Hilfe sein

als fünfzig Reiter. Doch den Pfeifer sah ich nicht; sage, wie ist er

entkommen aus dem Streit?«

»Als ein Held,« erwiderte der junge Mann, von der Wehmut der Erinnerung

bewegt; »er liegt erstochen an der Brücke.«

»Tot?« rief Lichtenstein, und seine Stimme zitterte. »Die treue Seele!

Doch wohl ihm, er hat getan wie ein Edler, und ist gestorben, treu, wie

es Männern ziemt!«

Frondsberg näherte sich ihnen und unterbrach ihre Reden. »Ihr scheint

mir so niedergeschlagen,« sagte er; »seid mutig und getrost, alter

Herr! Das Kriegsglück ist wandelbar, und Euer Herzog wird wohl auch

wieder zu seinem Lande kommen; wer weiß, ob es nicht besser ist, daß

wir ihn noch auf einige Zeit in die Fremde schickten. Leget Helm und

Panzer ab; das Gefecht zum Frühstück wird euch die Lust zum Mittagessen

nicht verdorben haben. Setzet euch zu uns. Ich erwarte gegen Mittag den

Wächter, unter dessen Obhut ihr auf eine Burg gebracht werden sollet.

Bis dahin lasset uns noch zusammen fröhlich sein!«

»Das ist ein Vorschlag, der sich hören läßt,« rief Breitenstein.

»Zu Tisch, ihr Herren; wahrlich, Georg, mit dir habe ich nicht mehr

gespeist seit dem Imbiß im Ulmer Rathaussaal. Komm, wir wollen redlich

nachholen, was wir versäumten.«

Hans von Breitenstein zog Georg zu sich nieder, die anderen folgten

seinem Beispiel, die Knechte trugen auf, und der edle Wein machte den

Ritter von Lichtenstein und seinen Sohn vergessen, daß sie in mißlichen

Verhältnissen, im feindlichen Lager seien, daß sie vielleicht einem

ungewissen Geschick, und wenn sie die Reden Frondsbergs recht deuteten,

einer recht langen Gefangenschaft entgegengehen. Gegen das Ende der

Tafel wurde Frondsberg hinausgerufen; bald kam er zurück und sprach mit

ernster Miene: »So gerne ich noch länger eure Gesellschaft genossen

hätte, liebe Freunde, so tut es jetzt not, aufzubrechen. Der Wächter

ist da, dem ich euch übergeben muß, und ihr müßt euch sputen, wollet

ihr heute noch die Feste erreichen.«

»Ist er ein Ritter dieser Wächter?« fragte Lichtenstein, indem sich

seine Stirne in finstere Falten zog. »Ich hoffe, man wird auf unseren

Stand Rücksicht genommen haben und uns ein anständiges Geleite geben?«

»Ein Ritter ist er nicht,« antwortete Frondsberg lächelnd, »doch ist

er ein anständiges Geleite; ihr werdet euch selbst davon überzeugen.«

Er lüftete bei diesen Worten den Vorhang des Zeltes, und es erschienen

die holden Züge _Mariens_; mit dem Weinen der Freude stürzte sie an die

Brust ihres Gatten, und der alte Vater stand stumm vor Ueberraschung

und Rührung, küßte sein Kind auf die schöne Stirne und drückte die Hand

des biedern Frondsberg.

»Das ist euer Wächter,« sprach dieser, »und der Lichtenstein die Feste,

wo sie euch gefangen halten soll. Ich sehe es ihren Augen an, sie

wird den jungen Herrn nicht zu strenge halten, und der Alte wird sich

nicht über sie beklagen können; doch rate ich Euch, Töchterchen, habet

ein wachsames Auge auf die Gefangenen, lasset sie nicht wieder von der

Burg, gestattet nicht, daß sie wieder Verbindungen mit gewissen Leuten

anknüpfen; Ihr haftet mit Eurem Kopf dafür!«

»Aber, lieber Herr,« entgegnete Marie, indem sie den Geliebten inniger

an sich drückte und lächelnd zu dem strengen Herrn aufblickte:

»bedenket, _er_ ist ja mein Haupt, wie kann ich ihm etwas befehlen?«

»Eben deswegen hütet Euch, daß Ihr dieses Haupt nicht wieder verlieret;

bindet ihn mit einem Liebesknoten recht fest, daß er Euch nicht

entlaufe, er ändert nur gar zu leicht die Farbe; wir haben Beispiele!«

»Ich trug nur _eine_ Farbe, mein väterlicher Freund!« entgegnete der

junge Mann, indem er in die Augen seiner schönen Frau und auf die

Feldbinde niedersah, die seine Brust umzog; nur _eine_, und dieser

blieb ich treu.«

»Wohlan! So halte ferner nur zu ihr,« sagte Frondsberg und reichte ihm

die Hand zum Abschied. »Lebe wohl! Die Pferde harren vor dem Zelt!

bringet Eure Gefangenen sicher auf die Feste, schöne Frau, und gedenket

huldreich des alten Frondsberg.«

Marie schied von diesem Edlen mit Tränen in den Augen; auch die Männer

nahmen bewegt seine Hand, denn sie wußten wohl, daß ohne seine Hilfe

ihr Geschick sich nicht so freundlich gewendet hätte. Noch lange sah

ihnen Georg von Frondsberg nach, bis sie an der äußersten Zeltgasse

um die Ecke bogen. »Er ist in guten Händen,« sagte er dann, indem

er sich zu Breitenstein wandte, »wahrlich, der Segen seines Vaters

ruht auf ihm. Ein gutes schönes Weib und ein Erbe, wie wenige sind im

Schwabenland.«

»Ja, ja!« erwiderte Hans von Breitenstein, »seiner Klugheit und

Vorsicht hat er es nicht zu danken; doch wer das Glück hat, führt

die Braut heim; ich bin fünfzig alt geworden und gehe noch auf

Freiersfüßen; Ihr auch, Herr Dietrich von Kraft, nicht wahr?«

»Mit nichten und im Gegenteil,« sagte dieser, wie aus einem Traum

erwachend, »wenn man ein solches Paar sieht, weiß man, was man zu tun

hat. In dieser Stunde noch setze ich mich in meine Sänfte, reise nach

Ulm und führe meine Base heim; lebet wohl, ihr Herren!«

Als der schwäbische Bund Württemberg wiedererobert hatte, richtete

er seine Regierung wieder ein und beherrschte das Land wieder wie im

Sommer 1519. Die Anhänger des vertriebenen Herzogs mußten Urfehde

schwören und wurden auf ihre Burgen verwiesen. Georg von Sturmfeder und

seine Lieben, die dieses Schicksal mit betraf, lebten zurückgezogen

auf Lichtenstein, und Marien und ihrem Gatten ging in ihrem stillen

häuslichen Glück ein neues Leben auf.

Noch oft, wenn sie am Fenster des Schlosses standen und hinabschauten

auf Württembergs schöne Fluren, gedachten sie des unglücklichen

Fürsten, der einst hier mit ihnen auf sein Land hinabgeblickt hatte;

und dann dachten sie nach über die Verkettung seiner Schicksale, und

wie durch eine sonderbare Fügung auch ihr eigenes Geschick mit dem

seinigen verbunden war; und wenn sie sich auch gestanden, daß ihr Glück

vielleicht nicht so frühe, nicht so schön aufgeblüht wäre ohne diese

Verknüpfung, so wurde doch ihre Freude durch den Gedanken getrübt, daß

der Stifter ihres Glückes noch immer ferne von seinem Lande, im Elend

der Verbannung lebe. Erst viele Jahre nachher gelang es dem Herzog,

Württemberg wiederzuerobern. Doch als er, geläutert durch Unglück,

als ein weiser Fürst zurückkehrte, als er die alten Rechte ehrte

und die Herzen seiner Bürger für sich gewann, als er jene heiligen

Lehren, die er in fernem Lande gehört, die so oft sein Trost in einem

langen Unglück geworden waren, seinem Volke predigen ließ und einen

geläuterten Glauben mit den Grundgesetzen seines Reiches verband, da

erkannten Georg und Marie den Finger einer gütigen Gottheit in den

Schicksalen Ulrichs von Württemberg, und sie segneten den, der dem Auge

des Sterblichen die Zukunft verhüllt und auch hier wie immer durch

Nacht zum Lichte führte.

Der Name der Lichtenstein im Württemberger Land ging mit dem alten

Ritter zu Grabe; doch erlebte er noch im hohen Alter die Freude, seine

blühenden Enkel waffenfähig zu sehen. So geht Geschlecht um Geschlecht

über die Erde hin, das Neue verdrängt das Alte, und nach dem kurzen

Zeitraum von fünfzig oder hundert Jahren sind biedere Männer, treue

Herzen vergessen; ihr Gedächtnis übertönt der rauschende Strom der

Zeiten, und nur wenige glänzende Namen tauchen auf aus diesen Fluten

des Lethe und spielen in ihrem ungewissen Schimmer auf den Wellen. Doch

wohl dem, dessen Taten jene stille Größe in sich tragen, die den Lohn

in sich selbst findet und ohne Dank bei der Mitwelt, ohne Ansprüche

auf die Nachwelt entsteht, ins Leben tritt -- verschwindet. So ist auch

der Name des Spielmanns von Hardt verklungen, und nur leise Nachklänge

von seinem Wirken wehen uns an, wenn die Hirten der Gegend die

Ulrichshöhle zeigen und von dem Mann sprechen, der seinen unglücklichen

Herzog hier verbarg; so sind selbst jene romantischen Züge aus Ulrichs

Leben zur Fabel geworden, der Geschichtschreiber verschmäht sie als

unwesentliche Außendinge, und sie erscheinen uns nur, wenn man auf den

Höhen von Lichtenstein von dem Herzog erzählt, der allnächtlich vor

das Schloß kam, und wenn man uns auf der Brücke von Köngen die Stelle

zeigt, wo jener Unerschrockene den Sprung auf Leben und Tod in die

Tiefe wagte.

Und sie erscheinen uns da, diese Sagen, wie ungewisse Schatten, die

eine große Gestalt vom Berge in die Nebel des Tales wirft, und der

kältere Beobachter lächelt, wenn man ihnen wirkliches Leben und jene

Farben verleihen will, die ihr unsicheres Grau zu einem Bild des Lebens

umwandeln. Auch Lichtensteins alte Feste ist längst zerfallen, und

auf den Grundmauern der Burg erhebt sich ein freundliches Jägerhaus,

fast so luftig und leicht wie jene spanischen Schlösser, die man in

unsern Tagen auf die Grundpfeiler des Altertums erbaut. Noch immer

breiten sich Württembergs Gefilde so reich und blühend wie damals vor

dem entzückten Auge aus, als Marie an des Geliebten Seite hinabsah

und der unglücklichste seiner Herzoge den letzten Scheideblick

von Lichtensteins Fenstern auf sein Land warf. Noch prangen jene

unterirdischen Gemächer, die den Geächteten aufnahmen, in ihrer alten

Pracht und Herrlichkeit, und die murmelnden Wasser, die sich in eine

geheimnisvolle Tiefe stürzen, scheinen längst verklungene Sagen noch

einmal wiedererzählen zu wollen.

Es ist eine schöne Sitte, daß die Bewohner dieses Landes, auch aus

entfernteren Gegenden, um die Zeit des Pfingstfestes sich aufmachen,

um Lichtenstein und die Höhle zu besuchen. Viele hundert schöne

Schwabenkinder und holde Frauen, begleitet von Jünglingen und Männern,

ziehen herauf in diese Berge; sie steigen nieder in den Schoß der

Erde, der an seinen kristallenen Wänden den Schein der Lichter

tausendfach wiedergibt, sie füllen die Höhle mit Gesang und lauschen

auf ihr Echo, welches die murmelnden Bäche der Tiefe melodisch

begleiten, sie bewundern die Werke der Natur, die sich auch ohne das

milde Licht der Sonne, ohne das fröhliche Grün der Felder so herrlich

zeigt. Dann steigen sie herauf zum Lichte, und die Erde will ihnen

noch schöner bedünken als zuvor; ihr Weg führt immer aufwärts zu den

Höhen von Lichtenstein, und wenn dort die Männer im Kreise schöner

Frauen, die Becher in der Hand, auf die weiten Fluren hinabschauen,

wie sie bestrahlt von einer milden Sonne im lieblichsten Schmelz der

Farben sich ausbreiten, dann preisen sie diese lichten Höhen, dann

preisen sie ihr gesegnetes Vaterland. Dann kehrt, wie in den alten

Tagen, Gesang und Jubel und der fröhliche Klang der Pokale auf den

Lichtenstein zurück und weckt das Echo seiner Felsen und weckt mit ihm

die Geister dieser Burg, daß sie die fröhlichen Gäste umschweben und

mit ihnen hinabschauen auf das alte Württemberg. Ob auch das holde

Fräulein von Lichtenstein, ob Georg und der alte Ritter mit ihnen

heraufschwebt, ob jener treue Spielmann in den Tagen des Frühlings

seinem Grab entsteigt und, wie er im Leben zu tun pflegte, hinaufzieht

nach der Burg, das Fest mit Gesang und Spiel zu schmücken? Wir wissen

es nicht; doch wenn wir im Abendschein, auf den Felsen gelagert, die

Landschaft überschauten, wenn wir von den alten guten Zeiten und

ihren Sagen sprechen, wenn sich die Sonne allmählich senkte und nur

das Schlößchen noch selig und freundlich in seiner Einsamkeit, von

den letzten Strahlen mit einem rötlichen Schein umgossen, auf seinem

Felsen ruhte -- da glaubten wir im Wehen der Nachtluft, im Rauschen der

Bäume, im Säuseln der Blätter bekannte Stimmen zu vernehmen, es war

uns, als flüsterten sie uns ihre Grüße zu, als erzählten sie uns alte

Sagen von ihrem Leben und Treiben. Manches haben wir an solchen Abenden

erfahren, manches Bild stieg in uns auf und schien sich vor unseren

Blicken zu verwirklichen, und die es uns woben und malten, die uns ihre

romantischen Sagen zuflüsterten, wir glauben, es waren -- _die Geister

von Lichtenstein_.

Anmerkungen.

[1] _Ulrich von Württemberg_, geb. 1487, wurde 1498 in seinem elften

Jahre als Herzog belehnt mit einer Mitregentschaft, welche in seinem

sechzehnten Jahr aufgehoben wurde, worauf Ulrich von 1503 an allein

regierte. Er starb im Jahre 1550.

[2] Es ist hier Eberhardt im Bart gemeint, der, geb. 1445, gest.

1496, sehr weise regierte. Er war der erste Herzog von Württemberg.

Christoph, geb. 1515, gest. 1568, ein Fürst, dessen Andenken nicht nur

in Württemberg, sondern in ganz Deutschland gesegnet wird. Er ist der

Stifter der württembergischen Konstitution.

[3] ~Christ. Tubingii Chron. Blabur., ad annum 1516; Maximilianus

Caesar ex suggestione ducis Bavariae et sororis uxoris Udalrici

aliorumque non multum Udalrico deinceps favere cepit.~

[4] Das Nähere über diese Einnahme ist in der trefflichen Geschichte

Württembergs von C. Pfaff I. 291, und Sattler, Geschichte der Herzoge

von Württemberg II. 5, hauptsächlich aber bei Pedius Thetinger in

~Comment. de reb. würtemb. sub. Ulrico Lib. I. in fine~, und ~Schradii

script. rerum germ. Tom. II. p. 885~ zu lesen.

[5] Der Herzog hatte mit Landgraf Philipp von Hessen ein Bündnis

errichtet auf zweihundert Reiter und sechshundert zu Fuß, ebenso mit

Markgraf Ernst von Baden, aber sie entschuldigten sich beide, daß sie

selbst mit einem Einfall bedroht seien.

[6] Georg von Frondsberg, geb. 1475, gest. 1528, einer der berühmtesten

Feldherren seiner Zeit, der in Deutschland, Frankreich, Italien, den

Niederlanden sich mit Ruhm bedeckte. Er ist derselbe, der 1521 zu

Luther, der auf den Reichstag zu Worms geladen war, jene denkwürdigen

Worte sagte: »Munchlein, Munchlein, du gehst jetzt einen gefährlichen

Gang« usw.

[7] So nennt ihn Sattler, Geschichte der Herzoge II. 8.

[8] Ulrich von Hutten, geb. 1488, starb 1523 auf Ufnau im Züricher

See. Er ist berühmt durch eine große Anzahl Schriften und als kühner

Beförderer der Reformation. Er griff Ulrich von Württemberg in

Gedichten, Briefen und Reden an, die der gelehrte Nikolaus Barbatus

zu Marburg in sehr geläufigem Latein mit triftigen Gründen widerlegt.

Vergl. Schradius II. 385. Bekannt ist sein Wahlspruch: »~Jacta alea

esto.~«

[9] Franz von Sickingen, ein berühmter Zeitgenosse des letzteren. Er

wird in diesem Krieg von Sattler als österreichischer Rat aufgeführt.

[10] Götz von Berlichingen erzählt in seinem Leben (Ausgabe von Franck

von Steigerwald, Nürnberg 1731) weitläufig, wie es sich zugetragen,

daß er zum Herzog Ulrich gehalten habe. S. 142 fährt er fort: »Da zog

der Herzog vor Reutlingen und gewann es auch, darum sich auch Ihre

fürstliche Gnaden und mein Unglück anheben tat, daß Ihre fürstliche

Gnaden verjagt worden und ich darob zu Scheitern ging.« Denn der

schwäbische Bund nahm nicht Rücksicht darauf, daß Götz kurz vorher dem

Herzog seine Dienste aufgesagt hatte, sondern belagerte ihn in Möckmühl

und nahm ihn gefangen.

[11] Die Herren von Spät waren der Herzogin auf ihrer Flucht aus dem

Lande behilflich gewesen. Der Herzog hatte bittere Rache an ihren

Gütern genommen.

[12] Siehe C. Pfaffs Geschichte I. 278.

[13] Es sind dies Frondsbergs eigene Worte, die er zu Götz von

Berlichingen sprach, und die dieser in seiner Geschichte, Seite 83,

anführt.

[14] Die Eidgenossen verboten zuerst nur die Werbungen des Herzogs

in ihren Landen, wie aus Sattler, Beilage Nr. 8 zum zweiten Teil der

Herzoge erhellt. Nachher riefen sie ihre Leute ganz zurück, und zwar

auf die Vorstellungen des schwäbischen Bundes.

[15] Ein gedrucktes Schreiben »des Bundes zu Schwaben an gemeine

Landschaft zu Württemberg« dieses Inhaltes vom 24. Mart. 1519 findet

sich in der Beilage Nr. 12 bei Sattler.

[16] Sie zogen den 17. März ab. Der Herzog reiste sogleich nach

Kirchheim, um sie aufzuhalten, allein hier kam eine zweite Ordre, unter

Bedrohung des Verlustes ihrer Güter und der Leib- und Lebensstrafe,

nach Haus zu eilen. Sattler, II. § 6. Thetinger S. 66. ~Interim cum

Helvetiorum primoribus agunt foederati, missis in urbes eorum legatis,

ne Ducis Huldrichi negotio belloque se nunc immisceant, suos abscedere

jubeant.~

[17] Sattler § 6. Ausführlich führt diese Rede an: Thetinger ~comment

de reb. würtemb. p. 66~.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 3 · 第 31 / 32 段