Blicken um sich her, als sei er durch einen Zauber in diese Erdschlucht
versetzt und sehe jetzt erst diese Felsen und Bäume, das spärliche
Feuer und die von den Flammen beschienenen Männer, seine Begleiter; er
bedeckte seine Augen mit der Hand, doch er sah wieder auf, als prüfe
er, ob diese Erscheinungen bleiben; -- sie blieben, und schmerzlich
sah er bald den einen, bald den andern an. »Ich habe heute ein Land
verloren,« sprach er, »es hat mich nicht so geschmerzt als dieses
Erwachen, denn ich habe es im Traume wieder und noch viel schöner
besessen.«
»Seid nicht ungerecht, Herr,« sagte Marx Stumpf von Schweinsberg,
indem er sich aus seiner gebückten Stellung aufrichtete; »seid nicht
ungerecht gegen diese Wohltat der Natur. Wie unglücklich wäret
Ihr, wenn Ihr auch im Schlummer, der Eure Kräfte für das schwere
Unglück stärken soll, Euren Verlust noch fühltet, auch da noch so
düster darüber gebrütet hättet. Ihr seid finster und verschlossen
eingeschlummert, jetzt sind Eure Züge freundlicher und milder;
verdanken wir dies nicht Eurem Traum?«
»So hätte ich mögen nie erwachen; o daß ich Jahrhunderte fortgeträumt
hätte und dann erwacht wäre; es war so schön, so tröstlich, was ich
träumte!«
Er stützte die Stirne in die Hand und schien schmerzlich bewegt. Der
alte Herr von Lichtenstein war von den Stimmen der Sprechenden erweckt
worden; er kannte Ulrich und wußte, daß man ihn nicht über seinen
schmerzlichen Verlust brüten lassen dürfe; er rückte ihm daher näher
und sprach:
»Nun, und wollt Ihr uns nicht auch sagen, was Ihr geträumt habt?
Vielleicht liegt auch für uns ein Trost darin, denn wisset, ich glaube
an Träume, wenn sie in einer wichtigen, verhängnisvollen Stunde in
unsere Seele einziehen, und ich glaube, sie kommen von oben, um uns zu
trösten.«
Der Herzog schwieg noch eine Weile, er schien über die Worte des
Ritters nachzusinnen; dann fing er an zu erzählen: »Mein Schwager,
Wilhelm von Bayern, hat mir heute zur Probe seiner Freundschaft die
Burg meiner Ahnen niedergebrannt. Dort hausten seit undenklichen Zeiten
die Württemberger, und das Land, das Wir besitzen, trägt von diesem
Schloß den Namen. Es scheint, als habe er damit Uns eine Todesfackel
anzünden und mit diesen Flammen Unser Wappen und Gedächtnis und selbst
den Namen Württemberg vertilgen wollen. Und fast könnte er recht haben;
denn mein einziges Söhnlein, Christoph, ist in fernen Landen, mein
Bruder Georg hat noch keine Kinder, und ich -- bin geschlagen, verjagt;
sie haben wiederum mein Land besetzt und wo ist Hoffnung, daß ich's
wieder einmal erlange? -- -- Wie ich nun so ganz verlassen und elend
hier am Feuer saß, wie ich nachdachte über mein kurzes Glück, und wie
ich vielleicht mein Unglück selbst verschuldet habe; wie ich bedachte,
auf welch schwachen Stützen meine Hoffnung beruhe, und wie selbst der
Name Württemberg auslöschen könne, gleich den letzten Funken in der
Asche meiner Stammburg, da übermannte mich der Jammer, und bitterer
als je fühlte ich die Schläge meines Schicksals. Unter diesen Gedanken
entschlief ich. Doch wie im Wachen meine Seele mit Sehnsucht und Trauer
auf den Höhen des roten Berges und um die rauchenden Trümmer von
Württemberg schwebte, so erging sich mein Geist auch im Traume dort.«
Ulrich hielt inne; es war, als fülle ein Bild seine Seele, das zu
schön, zu groß sei, um es mit sterblichen Lippen zu beschreiben; ein
milder Friede lag auf den Zügen des unglücklichen Fürsten, und ein
wunderbarer Glanz drang aus seinen aufwärts gerichteten Augen. Die
Männer umher blickten ihn staunend an; sie hingen an seinen Lippen und
lauschten auf seine Rede, die ihnen so Wichtiges zu verkünden schien.
»Höret weiter,« fuhr er fort: »ich sah herab auf das schöne Neckartal;
der Fluß zog wie sonst in schönen blauen Bogen hin, aber das Tal und
die Berge schienen mir lieblicher, glänzender, die Wälder auf den Höhen
waren verschwunden, die Wiesen waren nicht mehr, sondern von Berg zu
Berg zog sich _ein_ großer Garten voll grüner Reben und im Tal sah man
Obstbäume und schöne blühende Gärten ohne Zahl. Ich stand entzückt
und schaute und schaute immer wieder hin, denn die Sonne erschien
freundlicher, der Himmel blauer und reiner, das Grün der Reben und
Bäume glänzender als jetzt. Und als ich mein trunkenes Auge erhob und
hinüberschaute über den Neckar, da gewahrte ich auf einem Hügel am Fluß
ein freundliches Schloß, das im Glanz der Morgensonne sich spiegelte;
es lag so friedlich da, daß sein Anblick meiner Seele wohl tat, denn
keine Gräben und hohe Mauern, keine Türme und Zinnen, kein Fallgatter,
keine Zugbrücke erinnerten an den Zwist der Völker und das unsichere,
wechselnde Geschick der Sterblichen.
»Und als ich verwundert über den tiefen Frieden des Tales und jenes
unbewachten Schlosses mich umsah, waren auch die Mauern _meiner_ Burg
verschwunden; doch hier wenigstens log mir der Traum nicht, denn ich
sah ja gestern die Zinnen stürzen und den Wartturm sinken, von welchem
sonst mein Panier in den Lüften wehte. Kein Stein von Württemberg war
mehr zu sehen, aber ein Tempel stand dort mit Säulen und Kuppel, wie
man sie in Rom und Griechenland findet. Ich dachte nach, wie dies alles
auf einmal so habe kommen können, da gewahrte ich Männer in fremder
Kleidung, die nicht weit von mir standen und auf das Land hinabschauten.
»Der eine dieser Männer zog vor den übrigen meine Aufmerksamkeit auf
sich; er hatte einen schönen Knaben an der Hand, dem er das Tal zu
seinen Füßen und die Berge umher, und den Fluß und die Städte und
Dörfer in der Nähe und Ferne zeigte. Ich betrachtete den Mann, er trug
die Züge meines Bruders Georg,[45] und es war mir, als müsse er zum
Stamm meiner Ahnen gehören und ein Württemberg sein; er stieg mit dem
Knaben den Berg hinab ins Tal, und die andern Männer folgten ihm in
ehrerbietiger Entfernung; den letzten hielt ich auf und fragte ihn: wer
jener gewesen sei, der dem Knaben das Land gezeigt habe? ›Das war der
König,‹ sagte er und stieg den Berg hinab.«
Der Herzog schwieg und sah die Ritter forschend an, als wollte er
ihre Meinung hören; sie schwiegen lange, endlich nahm der Ritter von
Lichtenstein das Wort und sprach: »Ich bin fünfundsechzig Jahre alt
und habe vieles gesehen und gehört auf Erden und manches, worüber der
menschliche Geist erstaunte, und wo ein frommer Sinn den Finger der
Gottheit sah. Glaubet mir, auch die Träume kommen von Gott, denn nichts
geschieht auf Erden ohne Ursache. Es hat in alten Zeiten Seher und
Propheten gegeben, warum sollte nicht auch in unsern Tagen der Herr
seiner Heiligen einen herabsenden, daß er einem Unglücklichen im Traume
die dunkeln Pforten der Zukunft öffne und ihn einen Blick in künftige
schönere Tage tun lasse? Drum seid getrosten Mutes, Herr! Eure Feste
hat der Feind verbrannt, ihr habt an einem Tage ein Herzogtum verloren,
aber dennoch wird Euer Name nicht verlöschen, und Euer Gedächtnis wird
nicht verloren sein in Württemberg.«
»Ein König --« sprach der Herzog sinnend, »ist es nicht vermessen,
jetzt, wo ich hinaus muß ins Elend, jetzt an einen König meines Stammes
zu denken? Kann nicht auch die Hölle solche Träume vorspiegeln, um uns
nachher desto bitterer zu täuschen?«
»Was zweifelt Ihr an der Zukunft?« sagte Schweinsberg lächelnd. »Hätte
einer Eurer ritterlichen Ahnen, die auf Württemberg hausten, hätte
einer wissen können, daß seine Enkel Herzoge sein, daß das weite schöne
Land ihren Namen Württemberg tragen werde? Nehmet Euren Traum als den
Wink des Schicksals hin, daß Euer Name in ferner, ferner Zeit auf
diesem Lande bleiben, daß die spätern Fürsten Württembergs die Züge
Eures Stammes tragen werden.«
»Wohlan, so will ich hoffen,« erwiderte Ulrich von Württemberg, »will
hoffen, daß Uns das Land verbleibe, wie dunkel auch jetzt Unsere Lose
seien. Mögen Unsere Enkel nie so harte Zeiten sehen wie Wir; möge man
auch von Euch sagen, sie sind -- _furchtlos_!«
»_Und treu!_« sprach der Bauer mit Nachdruck und stand auf. »Doch ist
es Zeit, Herr Herzog, daß Ihr aufbrechet. Das Morgenrot ist nicht mehr
fern, und über den Neckar wenigstens müssen wir kommen, solange es noch
dunkel ist.«
Sie standen auf und waffneten sich; die Pferde wurden herbeigeführt,
sie saßen auf, und der Pfeifer ging voran, den Weg aus der Schlucht
zu zeigen. Die Reise des Herzogs zum Land hinaus war mit großer
Gefahr verbunden, denn der Bund suchte seiner mit aller Mühe habhaft
zu werden. Um auf einen Weg zu gelangen, wo er sicher seinen Feinden
entgehen könnte, war der Herzog genötigt, noch einmal über den
Neckar zu gehen. Dieser Uebergang war nicht ohne Gefahr. Ein starker
Gewitterregen hatte den Fluß angeschwellt, so daß es nicht möglich
schien, ihn mit den Pferden zu durchschwimmen. Die Brücken aber waren
zum größten Teil von dem Bunde besetzt worden; doch auch hier wußte
Hans guten Rat, denn er hatte durch treue Leute ausgespäht, daß die
Brücke von Köngen noch frei sei. Man hatte sich wohl nicht die Mühe
genommen, sie zu besetzen, weil sie Eßlingen und dem feindlichen Lager
allzunahe war, als daß man hätte glauben können, der Herzog werde dort
vorüberkommen. Dieser Weg schien wegen seiner großen Gefahr die meiste
Sicherheit zu gewähren. Ihn wählte Ulrich, und so zogen sie stille und
vorsichtig dem Neckar zu.
Als sie aus dem Wald ins Feld herauskamen, säumte schon das Morgenrot
den Horizont. Sie ritten jetzt auf besserem Wege schärfer zu, und bald
sahen sie den Neckar schimmern, und die hochgewölbte Brücke lag nicht
ferne mehr von ihnen. In diesem Augenblicke sah sich Georg um und
gewahrte eine bedeutende Anzahl Reiter, die von der Seite her hinter
ihnen zogen. Er machte seine Begleiter darauf aufmerksam. Sie sahen
sich besorgt um und musterten den Zug, der wohl fünfundzwanzig Pferde
betragen mochte. Es schienen bündische Reiter zu sein, denn des Herzogs
Völker waren gesprengt und zogen nicht mehr in so geordneten Scharen
wie diese.
Noch zogen jene ruhig ihren Weg und schienen die kleine Gesellschaft
nicht zu bemerken, aber dennoch schien es ratsam, die Brücke zu
gewinnen, wo sich drei Wege schieden, ehe man von ihnen angerufen
und befragt würde. Der Pfeifer lief voran, so schnell er konnte, der
Herzog und die Ritter folgten ihm in gestrecktem Trab, und je weiter
sie sich von den Bündischen entfernten, desto leichter wurde ihnen ums
Herz, denn alle bangten nicht für ihr eigenes Leben, wohl aber für die
Freiheit Ulrichs.
Sie hatten die Brücke erreicht, sie zogen hinauf, aber in demselben
Augenblick, wo sie oben auf der Mitte der hohen Wölbung angekommen
waren, sprangen zwölf Männer, mit Spießen, Schwertern und Büchsen
bewaffnet, hinter der Brücke hervor und besetzten den Ausgang.
Der Herzog sah, daß er entdeckt war, und winkte seinen Begleitern
rückwärts. Lichtenstein und Schweinsberg, die letzten, wandten ihre
Rosse, aber schon war es zu spät, denn die bündischen Reiter, die ihnen
im Rücken nachgezogen waren, hatten sich in Galopp gesetzt und den
Eingang der Brücke in diesem Augenblick erreicht und besetzt.
Noch war es zu dunkel, als daß man den Feind genau hätte unterscheiden
können, doch nur zu bald zeigten sich seine feindlichen Absichten.
»Ergebet Euch, Herzog von Württemberg,« rief eine Stimme, die den
Rittern nicht unbekannt schien, »Ihr sehet, es ist kein Ausweg da zur
Flucht!«
»Wer bist du, daß Württemberg sich dir ergeben soll?« antwortete Ulrich
mit grimmigem Lachen, indem er sein Schwert zog, »du sitzest ja nicht
einmal zu Roß; bist du ein Ritter?«
»Ich bin der Doktor Calmus,« entgegnete jener, »und bin bereit, die
vielen Liebesdienste zu vergelten, die Ihr mir erwiesen habt. Ein
Ritter bin ich, denn Ihr habt mich ja zum Ritter vom Esel gemacht; aber
ich will Euch dafür zum Ritter ohne Roß machen. Abgestiegen, sag' ich,
im Namen des durchlauchtigsten Bundes!«
»Gib Raum, Hans,« flüsterte der Herzog mit unterdrückter Stimme dem
Spielmann zu, der mit gehobener Axt zwischen ihm und dem Doktor stand;
»geh, tritt auf die Seite! Ihr Freunde, schließt euch an, wir wollen
plötzlich auf sie einfallen, vielleicht gelingt es, durchzubrechen!«
Doch nur Georg vernahm diesen Befehl des Herzogs, denn die zwei andern
Ritter hielten wohl zehn Schritte hinter ihnen den Eingang besetzt und
waren schon mit den bündischen Reitern im Gefecht, die umsonst dieses
ritterliche Paar zu durchbrechen und zu dem Herzog durchzudringen
versuchten. Georg schloß sich an Ulrich an und wollte mit ihm auf den
Doktor und die Knechte einsprengen, aber diesem war das Flüstern des
Herzogs nicht entgangen. »Drauf, ihr Männer! der im grünen Mantel
ist's; lebendig oder tot!« rief er, drang mit seinen Knechten vor und
griff zuerst an. Sein langer Arm führte einen fünf Ellen langen Spieß.
Er zückte ihn nach Ulrich, und es wäre vielleicht um ihn geschehen
gewesen, da er ihn in der Dunkelheit nicht gleich bemerkte, doch Hans
kam ihm zuvor, und indem der berühmte Doktor Kahlmäuser nach der Brust
seines Herrn stieß, war ihm die Axt des Pfeifers tief in die Stirne
gedrungen. Er fiel, so lang er war, mit Gebrüll auf die Knechte zurück.
Sie stutzten, der Bauersmann schien ein schrecklicher Kämpfer, denn
seine Axt schwirrte immer noch in den Lüften, er bewegte sie wie eine
Feder hin und her; sie zogen sich sogar einige Schritte zurück. Diesen
Augenblick benützte Georg, riß dem Herzog den grünen Mantel ab, hing
ihn sich selbst um und flüsterte ihm zu, sein Pferd zu spornen und sich
über die Brüstung der Brücke hinabzustürzen. Der Herzog warf einen
Blick auf die hochgehenden Wellen des Neckars und hinauf zum Himmel. Es
schien keine andere Rettung möglich, und er wollte lieber auf Leben und
Tod den Sprung wagen, als seinen Feinden in die Hände fallen. Doch der
Anblick, der sich ihm in diesem schrecklichen Moment darbot, zog ihn
noch einmal zurück.
Die Knechte hatten die Speere vorgestreckt und drangen vor. Der Pfeifer
stand noch immer, obgleich aus mehreren Wunden blutend, und schlug mit
der Axt ihre Speere nieder. Seine Augen blitzten, seine kühnen Züge
trugen den Ausdruck von freudiger Begeisterung, und das Lächeln, das
um seinen Mund zog, war nicht das der Verzweiflung, nein, seine mutige
Seele erbebte nicht vor dem nahenden Tod, er blickte ihm mit stolzer
Freude entgegen, als sei _er_ der Kampfpreis, um den er so viele Sorgen
und Gefahren auf sich genommen habe. Noch einen schlug er mit seiner
starken Rechten zu Boden, da stieß ihm einer der Knechte von der Seite
her die Hellebarde in die Brust, in diese treue Brust, die noch im Tod
ein Schild für den unglücklichen Fürsten war, dem nie ein treueres Herz
geschlagen hatte. Er wankte, er sank zusammen, er heftete das brechende
Auge auf seinen Herrn: »Herr Herzog, _wir sind quitt_!« rief er freudig
aus und senkte sein Haupt zum Sterben.
An ihm vorüber ging der Weg der Knechte, die mit Freudengeschrei näher
zudrangen -- da warf sich Georg von Sturmfeder in die Mitte, seine
Klinge schwirrte in der Luft, und so oft sie niederfiel, zuckte einer
der Feinde am Boden. Er war der letzte Schild des Herzogs Ulrich
von Württemberg; sank dieser noch, so war Gefangenschaft oder Tod
unvermeidlich. Drum wandte er sich zum letzten Mittel. Er warf noch
einen tränenschweren Blick auf die Leiche jenes Mannes, der seine Treue
mit dem Tod besiegelt hatte, dann riß er sein mächtiges Streitroß zur
Seite, spornte es, daß es sich hoch aufbäumte, wandte es mit einem
starken Drucke rechts, und -- in einem majestätischen Sprung setzte es
über die Brüstung der Brücke und trug seinen fürstlichen Reiter hinab
in die Wogen des Neckars.
Georg hielt inne mit Fechten, er sah dem Herzog nach. Roß und Reiter
waren niedergetaucht, doch das mächtige Tier kämpfte mit den Wirbeln,
schwamm, arbeitete sich herauf, und wie die beste Barke schwamm es
mit dem Herzog den Strom hinab. Dies alles war das Werk weniger
Augenblicke, einige der Knechte wollten hinabspringen ans Ufer, um sich
des kühnen Reiters zu bemächtigen, doch einer, der Georg am nächsten
war, rief ihnen zu: »Laßt ihn schwimmen, an _dem_ ist nichts gelegen,
das hier ist der grüne Vogel, das ist der grüne Mantel; den laßt uns
fassen.« Georg blickte dankbar auf zum Himmel! Er ließ sein Schwert
sinken und ergab sich den Bündischen. Sie schlossen einen Kreis um ihn
und ließen es willig geschehen, daß er abstieg und zu der Leiche jenes
Mannes trat, der ihnen so schrecklich erschienen war. Georg faßte die
Hand, welche immer noch die blutige Axt festhielt. Sie war kalt. Er
suchte, ob das treue Herz noch schlage, aber der tödliche Stoß der
Lanze hatte es nur zu gut getroffen. Das Auge, das einst so kühn und
mutig blickte, war gebrochen, geschlossen der Mund, der auch in den
trübsten Stunden einen ungebeugten, frohen Sinn verkündete. Seine Züge
waren erstarrt, aber noch schwebte um seine Lippen jenes Lächeln, das
den letzten Gruß, den er seinem Herrn entbot, begleitet hatte. Georgs
Tränen fielen auf ihn herab. Er drückte noch einmal die Hand des
Pfeifers, schloß ihm die Augen zu und schwang sich auf, um den Knechten
in ihr Lager zu folgen.
36.
O schöner Tag, wann endlich der Soldat
Ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit. --
O! glücklich, wem dann auch sich eine Tür',
Sich zarte Arme sanft umschlingend öffnen.
_Schiller._
Nach einem Marsch von beinahe drei Stunden näherte sich der Trupp
der bündischen Knechte, den Gefangenen in ihrer Mitte, dem Lager.
Sie hatten nicht gewagt, sich laut zu unterreden, aber ihre Mienen
verkündeten großen Triumph, und Georgs scharfem Ohr entging es nicht,
wie sie flüsternd den Gewinn berechneten, den sie aus dem Herzog im
grünen Mantel ziehen werden. Ein freudiges Gefühl bewegte seine Brust,
er glaubte hoffen zu dürfen, daß der unglückliche Fürst durch seine
kühne Aufopferung Zeit gewonnen habe, sich zu retten. Nur der Gedanke
an Marie trübte auf Augenblicke seine Freude. Wie groß mußte ihr Kummer
schon gewesen sein, als sie die Nachricht von dem Ausgange der Schlacht
bekam; er hatte ihr zwar durch treue Männer die Nachricht gesandt, daß
er unverletzt aus dem Streit gegangen sei; aber wußte er nicht, daß
die traurige Entscheidung von Württembergs Schicksal ihre Seele tief
betrüben, daß ihre Blicke ängstlich dem Geliebten auf den Gefahren der
Flucht folgen werden, daß ihre Sehnsucht zu jeder Stunde seinen Namen
nenne und ihn zurückrufe?
Und durfte er hoffen, vom Bunde zum zweitenmal so leicht entlassen
zu werden wie damals in Ulm? Gefangen mit den Waffen in der Hand,
bekannt als eifriger Freund des Herzogs -- mußte er nicht fürchten,
einer langen Gefangenschaft, einer grausamen Behandlung entgegen zu
gehen? Die Ankunft an dem äußeren Posten des Lagers unterbrach diese
düstern Gedanken. Die Knechte schickten einen aus ihrer Mitte ab,
um die Bundesobersten von ihrem Fang zu benachrichtigen und Befehle
einzuholen, wohin man ihn führen solle. Es war dies eine peinliche
Viertelstunde für Georg; er wünschte womöglich mit Frondsberg
zusammenzutreffen, er glaubte hoffen zu dürfen, daß dieser edle Freund
seines Vaters ihm seine gütigen Gesinnungen erhalten haben möchte, daß
er ihn zum wenigsten billiger beurteilen werde als Waldburg Truchseß
und so mancher andere, der ihm früher nicht günstig war.
Der Knecht kam zurück; der Gefangene sollte so still als möglich
und ohne Aufsehen in das große Zelt geführt werden, wo die Obersten
gewöhnlich Kriegsrat hielten. Man schlug zu diesem Gang einen
Seitenweg ein, und die Knechte baten Georg, seinen Helm zu schließen,
daß man ihn nicht erkenne, ehe er vor den Rat geführt würde. Gerne
befolgte er diese Bitte, denn es war ihm in einem solchen Falle nichts
unerträglicher, als sich den Blicken neugieriger oder schadenfroher
Menschen aussetzen zu müssen. Sie gelangten endlich an das große
Zelt. Diener aller Art waren hier versammelt, und die verschiedenen
Farben und Binden, mit welchen sie geschmückt waren, ließen auf eine
zahlreiche Versammlung edler Herren und Ritter im Innern des Zeltes
schließen.
Schon mochte die Nachricht unter sie gekommen sein, daß einige Knechte
einen Mann von Bedeutung gefangen haben, denn sie drängten sich nahe
herbei, als Georg sich aus dem Sattel schwang, und ihre neugierigen
Blicke schienen durch die Oeffnungen des Visiers dringen zu wollen,
um die Züge des Gefangenen zu schauen. Ein Edelknabe suchte Raum zu
machen, und er mußte seine Zuflucht zu dem »Namen des Bundesobersten«
nehmen, um diese dichte Masse zu durchbrechen und dem gefangenen Ritter
einen Weg in das Innere des Zeltes zu bahnen. Drei jener Knechte,
die ihn begleitet hatten, durften folgen; sie glühten vor Freude und
glaubten nichts anders, als jene Goldgülden sogleich in Empfang nehmen
zu können, die auf die Person des Herzogs von Württemberg gesetzt waren.
Der letzte Vorhang tat sich auf, und Georg trat mutig und festen
Schrittes ein und überschaute die Männer, die über sein Schicksal
entscheiden sollten. Es waren wohlbekannte Gesichter, die ihn so
fragend und durchdringend anschauten. Noch waren die düsteren Blicke
und die feindliche Stirne des Truchseß von Waldburg seinem Gedächtnis
nicht entfallen, und der spöttische, beinahe höhnische Ausdruck in den
Mienen dieses Mannes weissagte ihm nichts Gutes. Sickingen, Alban von
Closen, Hutten -- sie alle saßen wie damals vor ihm, als er dem Bund
auf ewig lebewohl sagte; aber wie vieles hatte sich verändert. Und
eine Träne füllte sein Auge, als es auf jene teure Gestalt, auf jene
ehrwürdigen Züge fiel, die sich tief in sein dankbares Herz gegraben
hatten. Es war nicht Hohn, nicht Schadenfreude, was man in Georg von
Frondsbergs Mienen las, nein, er sah den Nahenden mit jenem Ausdruck
von würdigem Ernst, von Wehmut an, womit ein edler Mann den tapfern,
aber besiegten Feind begrüßt.
Als Georg diesen Männern gegenüberstand, hub der Truchseß von Waldburg
an: »So hat doch endlich der schwäbische Bund einmal die Ehre, den
erlauchten Herzog von Württemberg vor sich zu sehen; freilich war die
Einladung zu uns nicht allzu höflich, doch --«
»Ihr irrt Euch,« rief Georg von Sturmfeder und schlug das Visier seines
Helmes auf. Als sähen sie Minervas Schild und sein Medusenhaupt, so
bebten die Bundesräte vor dem Anblick der schönen Züge des jungen
Ritters. »Ha! Verräter! Ehrlose Buben! Ihr Hunde!« rief Truchseß den
drei Knechten zu. »Was bringt ihr uns diesen Laffen, dessen Anblick
meine Galle aufregt, statt des Herzogs? Geschwind, wo ist er? Sprecht!«
Die Knechte erbleichten. »Ist's nicht dieser?« fragten sie ängstlich.
»Er hat doch den grünen Mantel an.«
Der Truchseß zitterte vor Wut, und seine Augen sprühten Verderben; er
wollte auf die Knechte hinstürzen, er sprach davon, sie zu erwürgen;
aber die Ritter hielten ihn zurück, und Hutten, zornbleich, aber
gefaßter als jener, fragte: »Wo ist der Doktor Calmus, laßt ihn
hereinkommen, er soll Rechenschaft ablegen, er hat den Zug übernommen.«
»Ach Herr,« sagte einer der Knechte, »der legt Euch keine Rechenschaft
mehr ab; er liegt erschlagen auf der Brücke bei Köngen!«
»Erschlagen?« rief Sickingen, »und der Herzog ist entkommen? Erzählet,
ihr Schurken!«
»Wir legten uns, wie uns der Doktor befahl, bei der Brücke in
Hinterhalt. Es war beinahe noch dunkel, als wir den Hufschlag von
vier Rossen hörten, die sich der Brücke näherten, zugleich vernahmen
wir das Zeichen, das uns die Reiter über dem Fluß geben sollten, wenn
die Herzoglichen aus dem Walde kämen. ›Jetzt ist's Zeit,‹ sagte der
Kahlmäuser. Wir standen schnell auf und besetzten den Ausgang der
Brücke. Es waren, soviel wir im Halbdunkel unterscheiden konnten, vier
Reiter und ein Bauersmann; die zwei hintersten wandten sich um und
fochten mit unsern Reitern, die zwei vorderen und der Bauer machten
sich an uns. Doch wir streckten ihnen die Lanzen entgegen, und der
Doktor rief ihnen zu, sich zu ergeben. Da drangen sie wütend auf uns
ein; der Doktor sagte uns, der im grünen Mantel sei der Rechte; und
wir hätten ihn bald gehabt, aber der Bauer, wenn es nicht der Teufel
selbst war, schlug den Doktor und noch zwei von uns nieder. Jetzt stach
ihm einer die Hellebarde in den Leib, daß er fiel, und dann ging es
auf die Reiter. Wir packten allesamt den im grünen Mantel, wie uns der
Kahlmäuser geheißen, der andere aber stürzte sich mit seinem Roß über
die Brücke hinab in den Neckar und schwamm davon. Wir aber ließen ihn
ziehen, weil wir den Grünen hatten, und brachten diesen hierher.«
»Das war Ulrich und kein anderer!« rief Alban von Closen. »Ha! über die
Brücke hinab in den Neckar! Das tut ihm keiner nach!«
»Man muß ihm nachjagen!« fuhr der Truchseß auf; »die ganze Reiterei muß
aufsitzen und hinab am Neckar streifen, ich selbst will hinaus --«