Stuttgart ersparten ihnen die Mühe, denn mit gewaltigen Streichen
hieben sie Helme und Köpfe durch, daß von der Bedeckung bald wenige
mehr übrig waren. Georg warf einen frohlockenden Blick auf die Ebene
hinab seinem Herzog zu; er hörte das Freudengeschrei der Württemberger
aus vielen tausend Kehlen aufsteigen, er sah, wie sie frischer
vordrangen, denn ihre Hauptfeinde, die Feldstücke auf dem Hügel, waren
jetzt zum Schweigen gebracht.
Aber in diesem Augenblicke der Siegesfreude gewahrte er auch, daß
jetzt der zweite und schwerere Teil seiner schnellen Operation, _der
Rückzug_, gekommen sei; denn auch die Bündischen hatten bemerkt, wie
ihr Geschütz plötzlich verstummt sei, und ihre Obersten hatten alsobald
eine Reiterschar gegen den Hügel aufbrechen lassen. Es war keine Zeit
mehr, die schweren erbeuteten Feldstücke wegzuführen; darum befahl
Georg, mit Erde und Steinen ihre Mündungen zu verstopfen und sie auf
diese Weise unbrauchbar zu machen. Dann warf er einen Blick auf den
Rückweg; zwischen ihm und den Seinigen lag der Wald auf der einen,
das feindliche Heer auf der andern Seite. Wurde er nur von Reiterei
angegriffen, so war der Rückweg durch den Wald möglich, weil dann
der Feind dieselben Schwierigkeiten zu überwinden hatte wie er. Aber
seinem scharfen Auge entging nicht, daß ein großer Haufe bündischen
Fußvolkes in den Wald ziehe, um ihm den Rückweg abzuschneiden, und so
sah er sich von dem Walde ausgeschlossen. Das große Heer des Bundes zu
durchbrechen, sich mit hundertundsechzig Pferden durch zwanzigtausend
durchzuschlagen, wäre Tollkühnheit gewesen. Es blieb nur _ein_ Weg, und
auch auf diesem war der Tod gewisser als die Rettung. Zur Linken des
feindlichen Heeres floß der Neckar. Am andern Ufer war kein Mann von
bündischer Seite; konnte er dieses Ufer gewinnen, so war es möglich,
sich zum Herzog zu schlagen. Schon waren die Reiter des Bundes, wohl
fünfhundert stark, am Fuß des Hügels angelangt; er glaubte an ihrer
Spitze den Truchseß von Waldburg zu erblicken; jedem andern, selbst dem
Tod wollte er sich lieber ergeben als diesem.
Drum winkte er den tapfern Württembergern nach der steilern Seite des
Hügels hin, die zum Neckar führte. Sie stutzten; es war zu erwarten,
daß unter zehn immer acht stürzen würden, so jähe war diese Seite, und
unten stand zwischen dem Hügel und dem Fluß ein Haufen Fußvolk, das sie
zu erwarten schien. Aber ihr junger, ritterlicher Führer schlug das
Visier auf und zeigte ihnen sein schönes Antlitz, aus welchem der Mut
der Begeisterung sie anwehte; sie hatten ihn ja noch vor wenigen Wochen
eine holde Jungfrau zur Kirche führen sehen, durften sie an Weib und
Kinder denken, da _er_ diesen Gedanken weit hinter sich geworfen hatte?
»Drauf, wir wollen sie schlachten!« riefen die Fleischer, »drauf, wir
wollen sie hämmern!« riefen die Schmiede, »immer drauf, wir wollen
sie lederweich klopfen!« riefen ihnen die Sattler nach; »drauf, mit
Gott, Ulrich für immer!« rief der hochherzige Jüngling, drückte seinem
Roß die Sporen ein und flog ihnen voran, den steilen Hügel hinab.
Die feindlichen Reiter trauten ihren Augen nicht, als sie den Hügel
heraufkamen, die verwegene Schar gefangen zu nehmen, und sie schon
unten, mitten unter dem Fußvolk erblickten. Wohl hatte mancher den
kühnen Ritt mit dem Leben bezahlt, mancher war mit dem Roß gestürzt und
in Feindes Hand gefallen, aber die meisten sah man unten tapfer auf
das Fußvolk einhauen, und der Helmbusch ihres Anführers wehte hoch und
mitten im Gedränge. Jetzt waren die Reihen des Fußvolkes gebrochen,
jetzt drängten sich die Reiter nach dem Neckar -- jetzt -- setzte ihr
Führer an und war der erste im Fluß. Sein Pferd war stark, und doch
vermochte es nicht mit der Last seines gewappneten Reiters gegen die
Gewalt des vom Regen angeschwellten Stromes anzukämpfen, es sank, und
Georg von Sturmfeder rief den Männern zu, nicht auf ihn zu achten,
sondern sich zum Herzog zu schlagen und ihm seinen letzten Gruß zu
bringen. Aber in demselben Augenblick hatten zwei Waffenschmiede sich
von ihren Rossen in den Fluß geworfen; der eine faßte den jungen Ritter
am Arm, der andere ergriff die Zügel seines Pferdes, und so brachten
sie ihn glücklich ans Land heraus.
Die Bündischen hatten ihnen manche Kugel nachgesandt, aber keine
hatte Schaden getan, und im Angesicht beider Heere, durch den Fluß von
ihnen getrennt, setzte die kühne Schar ihren Weg zum Herzog fort. Es
war unweit seiner Stellung eine Furt, wo sie ohne Gefahr übersetzen
konnten, und mit Jubel und Freudengeschrei wurden sie wieder von den
Ihrigen empfangen.
Ein Teil des feindlichen Geschützes war zwar durch diesen ebenso
schnellen als verwegenen Zug Georgs von Sturmfeder zum Schweigen
gebracht worden, aber das Verhängnis Ulrichs von Württemberg wollte,
daß ihm diese kühne Waffentat zu nichts mehr nützen sollte; die
Kräfte seiner Völker waren durch die immer erneuerten Angriffe des
an Zahl weit überlegenen Feindes endlich völlig erschöpft worden;
die Landsknechte hielten zwar mit ihrem gewöhnlichen kriegerischen
Feuer aus, aber ihre Anführer hatten sich schon genötigt gesehen,
sie in Kreise zu stellen, um den Andrang der feindlichen Kavallerie
abzuwehren; dadurch war die Linie hin und wieder unterbrochen, und
das Landvolk, das man durch eilige Bewaffnung nicht zu Kriegern
hatte machen können, füllte nur schlecht diese Lücken aus. In diesem
Augenblick wurde dem Herzog gemeldet, daß der Herzog von Bayern
Stuttgart plötzlich überfallen und eingenommen habe, daß ein neues
feindliches Heer in seinem Rücken am Fluß heraufziehe und kaum noch
eine Viertelstunde entfernt sei. Da merkte er, daß er an diesem Tage
sein Reich zum zweitenmal verloren habe, daß ihm nichts mehr übrig
bleibe als Flucht oder Tod, um nicht in die Hände seiner Feinde
zu fallen. Seine Begleiter rieten ihm, sich in sein Stammschloß
Württemberg zu werfen und sich dort zu halten, bis er Gelegenheit
fände, heimlich zu entrinnen; er schaute hinauf nach dieser Burg, die,
von dem Glanz des Tages bestrahlt, ernst auf jenes Tal herabblickte,
wo der Enkel ihrer Erbauer den letzten verzweifelten Kampf um sein
Herzogtum kämpfte. Aber er erbleichte und deutete sprachlos hinauf,
denn auf den Türmen und Mauern dieser Burg erschienen rote, glänzende
Fähnlein, die im Morgenwind spielten; die Ritter blickten schärfer
hin, sie sahen, wie die Fähnlein wuchsen und größer wurden, und ein
schwärzlicher Rauch, der jetzt an vielen Stellen aufstieg, zeigte
ihnen, daß es die Flamme sei, welche ihre glühenden Paniere siegend auf
den Zinnen aufgesteckt hatte. Württemberg brannte an allen Ecken, und
sein unglücklicher Herr sah mit dem greulichen Lachen der Verzweiflung
diesem Schauspiel zu. Jetzt bemerkten auch die Heere die brennende
Burg. Die Bündischen begrüßten diese Flammen mit einem Freudengeschrei,
den Württembergern entsank der Mut, es war ihnen, als sei dies ein
Zeichen, daß das Glück ihres Herzogs ein Ende habe.
Schon tönten die Trommeln des im Rücken heranziehenden Heeres
vernehmlicher, schon wich an vielen Orten das Landvolk, da sprach
Ulrich: »Wer es noch redlich mit Uns meint, folge nach! Wir wollen
uns durchschlagen durch ihre Tausende oder zu Grunde gehen. Nimm mein
Banner in die Hand, tapferer Sturmfeder, und reite mutig mit uns in den
Feind!« Georg ergriff das Panier von Württemberg, der Herzog stellte
sich neben ihn, die Ritter und die Bürger zu Pferd umgaben sie und
waren bereit, ihrem Herzog Bahn zu brechen. Der Herzog deutete auf eine
Stelle, wo die Feinde dünner standen, dort müsse man durchkommen, oder
alles sei verloren. Noch fehlte es an einem Anführer, und Georg wollte
sich an die Spitze stellen, da winkte ihm der Ritter von Lichtenstein,
seinen Platz an der Seite des Herzogs nicht zu verlassen, und stellte
sich vor die Reiter; noch einmal wandte er die ehrwürdigen Züge dem
Herzog und seinem Sohne zu, dann schloß er das Visier und rief:
»Vorwärts, hie gut Württemberg alleweg!«
Dieser Reiterzug war wohl zweihundert Pferde stark und bewegte sich
in Form eines Keiles im Trab vorwärts. Der Kanzler Ambrosius Volland
sah sie mit leichtem Herzen abziehen, denn der Herzog schien ihn ganz
vergessen zu haben, und er hielt jetzt mit sich Rat, wie er ohne
Gefahr von seinem hochbeinigen Tier herabkommen sollte. Doch der edle
Renner des Herzogs hatte mit klugen Augen den Reitern nachgeschaut;
solange sie sich im Trab fortbewegten, stand er stille und regungslos,
jetzt aber ertönten die Trompeten zum Angriff, man sah das Panier von
Württemberg hoch in den Lüften wehen und die tapfere Reiterschar im
Galopp auf den Feind ansprengen. Auf diesen Moment schien der Renner
gewartet zu haben; mit der Schnelligkeit eines Vogels strich er jetzt
über die Ebene hin, den Reitern nach; dem Kanzler vergingen die Sinne,
er hielt sich krampfhaft am Sattelknopf, er wollte schreien, aber die
Blitzesschnelle, womit sein Roß die Luft teilte, unterdrückte seine
Stimme; in einem Augenblick hatte er den Zug eingeholt; so schnell sie
ihre Rosse auslaufen ließen, er überholte sie, und so hatte es der
Kanzler in kurzer Zeit bis zum Anführer der Reiter gebracht. Der Feind
stutzte über die sonderbare Gestalt, die mehr einem geharnischten Affen
als einem Krieger glich; noch ehe sie sich recht besinnen konnten,
war der fürchterliche Mann mitten in ihren Reihen, die Württemberger
brachen, trotz des entscheidenden Augenblickes, in ein lustiges
Gelächter aus, und auch dieses mochte beitragen, die tapfern Truppen
von Ulm, Gmünd, Aalen, Nürnberg und noch zehn andern Reichsstädten,
welche dieser unerwartete Angriff traf, zu verwirren; sie zerstiebten
vor der ungeheuren Wucht der zweihundert Pferde, und die ganze Schar
war im Rücken des Feindes. Sie setzte eilig ihren Marsch fort, und ehe
noch die bündische Reiterei zum Nachsetzen herbeigerufen werden konnte,
hatte der Herzog mit wenigen Begleitern sich zur Seite geschlagen; er
gewann einen großen Vorsprung, denn die Reiterei des Bundes erreichte
die berittene Schar der Bürger erst vor den Toren von Stuttgart, und es
fand sich unter ihnen weder der Herzog noch einer seiner wichtigeren
Anhänger, außer dem Kanzler Ambrosius Volland, den man halbtot vom
Pferde hob. Die bündischen Kriegsleute behandelten ihn, nachdem man
ihm die gewölbte Rüstung vom Leib geschält hatte, sehr übel, denn
nur seiner fürchterlichen, alle Begriffe übersteigenden Tapferkeit
schrieben sie es zu, daß ihnen der Herzog und mit ihm eine Belohnung
von tausend Goldgulden entgangen war. So geschah es, daß dieser tapfere
Kanzler, nicht wie sein Herzog _in_ der Schlacht, sondern _nach_ der
Schlacht _geschlagen_ wurde.
35.
Wohl wieget _eines_ viele Taten auf --
Sie achten drauf --
Das ist um deines Vaterlandes Not
Der Heldentod.
Sieh hin, die Feinde fliehen, blick' hinan,
Der Himmel glänzt, dahin ist unsre Bahn.
_L. Uhland._
Die Nacht, welche diesem entscheidenden Tage folgte, brachten Herzog
Ulrich und seine Begleiter in einer engen Waldschlucht zu, die durch
Felsen und Gesträuche einen sicheren Versteck gewährte und noch heute
bei dem Landvolk die »Ulrichshöhle« genannt wird. Es war der Pfeifer
von Hardt, der ihnen auf ihrer Flucht als ein Retter in der Not
erschienen war und sie in diese Bucht führte, die nur den Bauern und
Hirten der Gegend bekannt war. Der Herzog hatte beschlossen, hier zu
rasten, um dann, sobald der Tag graute, seine Flucht nach der Schweiz
fortzusetzen. Wohl wäre ihm hiezu die Nacht günstiger gewesen, denn
die Bundestruppen hatten schon das Land besetzt, und es war wenig
Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß er sie täuschen und ungehindert
entkommen werde; aber die Pferde waren von dem heißen Schlachttag
ermüdet, und es war unmöglich, den Herzog und seine notwendige
Begleitung von neuem beritten zu machen, ohne die Nachforschung des
Feindes nach diesem Schlupfwinkel zu leiten.
Die Männer hatten sich um ein spärliches Feuer gelagert. Der Herzog
war längst dem Schlummer in die Arme gesunken und vergaß vielleicht
in seinen Träumen, daß er ein Herzogtum verloren habe; auch der alte
Herr von Lichtenstein schlief, und Marx Stumpf von Schweinsberg
hatte seine mächtigen Arme auf die Kniee gestützt, sein Gesicht in
die Hände verborgen, und man war ungewiß, ob er schlafe oder, in
Kummer versunken, über das Schicksal des Herzogs nachdachte, das sich
mit einem Schlag so furchtbar gewendet hatte. Georg von Sturmfeder
besiegte die Macht des Schlummers, der sich immer wieder über ihn
lagern wollte; er war der jüngste unter allen und hatte freiwillig in
dieser Nacht die Wache übernommen. Neben ihm saß Hans, der Pfeifer
von Hardt; er sah unverwandt ins Feuer, und seine Gedanken schienen
sich in einem Liedchen zu sammeln, dessen melancholische Weise er mit
leiser, unterdrückter Stimme vor sich hin sang. Wenn das Feuer heller
aufflackerte, schaute er mit einem trüben Blick nach dem Herzog, und
wenn er sah, daß jener noch immer schlafe, versank er wieder in den
flüsternden, traurigen Gesang.
»Du singst eine traurige Weise, Hans!« unterbrach ihn Georg, den die
melancholischen Töne dieses Liedes unheimlich anregten; »es tönt wie
Totengesang und Sterbelieder, ich kann es nicht ohne Schaudern hören.«
»Wir können alle Tage sterben,« sagte der Spielmann, indem er düster in
die Flamme blickte; »drum sing' ich gerne ein solches Lied, es ist mir,
als könnte ich mit solchen Gedanken würdiger sterben.«
»Wie kommst du auf einmal zu diesen Todesgedanken, Hans? Du warst doch
sonst ein fröhlicher Bursche zur Herbstzeit, und deine Zither tönte auf
mancher Kirchweih. Da hast du gewiß keine Totenlieder gesungen.«
»Meine Freude ist aus,« erwiderte er und wies auf den Herzog; »all
meine Mühe, all meine Sorge war vergebens; es ist aus mit dem Herrn,
und ich -- ich bin sein Schatten; auch mit mir ist's aus; hätte ich
nicht Frau und Kind, ich möchte heute nacht noch sterben.«
»Wohl warst du immer sein getreuer Schatten,« sagte der junge Mann
gerührt, »und oft habe ich deine Treue bewundert; höre, Hans! wir sehen
uns vielleicht lange nicht mehr. Jetzt haben wir Zeit zu schwatzen,
erzähle mir, was dich so ausschließlich und enge an den Herzog knüpft,
wenn es etwas ist, das du erzählen kannst.«
Er schwieg einige Augenblicke und schürte das Feuer zurecht; ein
unruhiges Feuer blitzte in seinen Augen, und Georg war ungewiß, ob es
die Flamme oder eine innere Bewegung sei, was seine ausdrucksvollen
Züge mit wechselnder Röte übergoß. »Das hat seine eigene Bewandtnis,«
sagte er endlich, »und ich spreche nicht gerne davon. Doch Ihr habt
recht, Herr, auch mir ist es, als werden wir uns lange nicht mehr
sehen, so will ich Euch denn erzählen. Habt Ihr nie von dem Armen
Konrad gehört?«
»O ja,« erwiderte Georg, »das Gerücht davon kam noch weiter als bis
zu uns nach Franken; war es nicht ein Aufstand der Bauern? Wollte man
nicht sogar dem Herzog ans Leben?«
»Ihr habt ganz recht, der Arme Konrad war ein böses Ding. Es mögen nun
sieben Jahre sein, da gab es unter uns Bauern viele Männer, die mit der
Herrschaft unzufrieden waren; es waren Fehljahre gewesen, den Reicheren
ging das Geld aus, die Armen hatten schon lange keines mehr, und doch
sollten wir zahlen ohne Ende, denn der Herzog brauchte gar viel Geld
für seinen Hof, wo es alle Tage zuging wie im Paradies.«
»Gaben denn eure Landstände nach, wenn der Herr so viel Geld
verlangte?« fragte Georg.
»Sie wagten eben auch nicht immer ›nein‹ zu sagen, des Herzogs Beutel
hatte aber gar ein großes Loch, das wir Bauern mit unserm Schweiß nicht
zuleimen konnten. Da gab es nun viele, die ließen die Arbeit liegen,
weil das Korn, das sie pflanzten, nicht zu ihrem Brot wuchs, und der
Wein, den sie kelterten, nicht für sie in die Fässer floß. Diese, als
sie dachten, daß man ihnen nichts mehr nehmen könne als das arme Leben,
lebten lustig und in Freuden, nannten sich Grafen zu Nirgendsheim,
sprachen viel von ihren Schlössern auf dem Hungerberge und von ihren
bedeutenden Besitzungen in der Fehlhalde und am Bettelrain; und diese
Gesellschaft war der arme Konrad.«
Der Pfeifer legte sinnend seine Stirne in die Hand und schwieg.
»Von _dir_ wolltest du ja erzählen, Hans,« sagte Georg, »von dir und
dem Herzog.« --
»Das hätte ich beinahe vergessen,« antwortete dieser. -- »Nun,« fuhr er
fort, »es kam endlich dahin, daß man Maß und Gewicht geringer machte
und dem Herzog gab, was damit gewonnen wurde. Da ward aus dem Scherz
bitterer Ernst. Es mochte mancher nicht ertragen, daß ringsumher volles
Maß und Gewicht, und nur bei uns kein Recht sei. Im Remstale trug der
Arme Konrad das neue Gewicht hinaus und machte die Wasserprobe.«
»Was ist das?« fragte der junge Mann.
»Ha!« lachte der Bauer, »das ist eine leichte Probe. Man trug den
Pfundstein mit Trommeln und Pfeifen an die Rems und sagte: ›Schwimmt's
oben, hat der Herzog recht; sinkt's unter, hat der Bauer recht.‹
Der Stein sank unter, und jetzt zog der Arme Konrad Waffen an. Im
Remstal und im Neckartal bis hinauf gegen Tübingen und hinüber an die
Alb standen die Bauern auf und verlangten das alte Recht. Es wurde
gelandtagt und gesprochen, aber es half doch nichts. Die Bauern gingen
nicht auseinander.«
»Aber du, von _dir_ sprichst du ja gar nicht.«
»Daß ich's kurz sage, ich war einer der Aergsten,« antwortete Hans,
»ich war kühn und trotzig, mochte nicht gerne arbeiten und wurde wegen
Jagdfrevel unmenschlich abgestraft; da trat ich in den Armen Konrad,
und bald war ich so arg als der _Gaispeter_ und der _Bregenzer_. Der
Herzog aber, als er sah, daß der Aufruhr gefährlich werden könne, ritt
selbst nach Schorndorf. Man hatte uns zur Huldigung zusammenberufen,
wir erschienen zu vielen Hunderten, aber bewaffnet. Der Herzog
sprach selbst zu uns, aber man hörte ihn nicht an. Da stand der
Reichsmarschall auf, erhob seinen goldenen Stab und sprach: ›Wer es
mit dem Herzog Ulrich von Württemberg hält, trete auf seine Seite!‹
Der Gaispeter aber trat auf einen hohen Stein und rief: ›Wer es mit
dem Armen Konrad vom Hungerberg hält, trete hierher!‹ Siehe, da stand
der Herzog verlassen unter seinen Dienern. Wir andern hielten zu dem
Bettler.«
»O, schändlicher Aufruhr,« rief Georg, vom Gefühl des Unrechts
ergriffen; »schändlich vor allen die, welche es so weit kommen ließen!
Da war gewiß Ambrosius Volland, der Kanzler, an vielem schuld?«
»Ihr könnet recht haben,« erwiderte der Spielmann; »doch höret weiter:
der Herzog, als er sah, daß seine Sache verloren sei, schwang sich
auf sein Roß, wir aber drängten uns um ihn her; doch noch wagte es
keiner, den Fürsten anzutasten, denn er sah gar zu gebietend aus seinen
großen Augen auf uns herab. ›Was wollt Ihr, Lumpen!‹ schrie er und gab
seinem Hengst die Sporen, daß er sich hoch aufbäumte und drei Männer
niederriß. Da erwachte unser Grimm; sie fielen seinem Roß in die Zügel,
sie stachen nach ihm mit Spießen, und ich, ich vergaß mich so, daß ich
ihn am Mantel packte und rief: ›Schießt den Schelmen tot!‹«
»_Das warst du_, Hans?« rief Georg und sah ihn mit scheuen Blicken an.
»_Das war ich_,« sagte dieser langsam und ernst; »aber es ward mir
dafür, was mir gebührte. Der Herzog entkam uns damals und sammelte ein
Heer; wir konnten nicht lange aushalten und ergaben uns auf Gnad' und
Ungnad'. Es wurden zwölf Anführer des Aufruhrs nach Schorndorf geführt
und dort gerichtet; ich war auch unter diesen. Aber als ich so im
Kerker lag und mein Unrecht und den nahen Tod überdachte, da graute mir
vor mir selbst, und ich schämte mich, mit so elenden Gesellen, wie die
elf andern waren, gerichtet zu werden.«
»Und wie wurdest du gerettet?« fragte Georg teilnehmend.
»Wie ich Euch schon in Ulm sagte, durch ein Wunder. Wir zwölf wurden
auf den Markt geführt, es sollte uns dort der Kopf abgehauen werden.
Der Herzog saß vor dem Rathaus und ließ uns noch einmal vor sich
führen. Jene elfe stürzten nieder, daß ihre Ketten fürchterlich
rasselten, und schrieen mit jammernder Stimme um Gnade. Er sah sie
lange an und betrachtete dann mich. ›Warum bittest du nicht auch?‹
fragte er. ›Herr,‹ antwortete ich, ›ich weiß, was ich verdient habe,
Gott sei meiner Seele gnädig.‹ Noch einmal sah er auf uns, dann aber
winkte er dem Scharfrichter. Wir wurden nach dem Alter gestellt,
ich als der jüngste war der letzte. Ich weiß wenig mehr von jenen
schrecklichen Augenblicken; aber nie vergesse ich den greulichen Ton,
wenn die Halsknorpel krachten --«
»Um Gottes willen hör' auf,« bat Georg, »oder übergehe das Gräßliche!«
»Neun Köpfe meiner Gesellen staken auf den Spießen, da rief der Herzog:
›Zehn sollen bluten, zwei frei sein. Bringt Würfel her und laßt die
drei dort würfeln!‹ Man brachte Würfel, der Herzog bot sie mir zuerst;
ich aber sagte: ›Ich habe mein Leben verwirkt und würfle nicht mehr
darüber!‹ Da sprach der Herzog: ›Nun, so würfle ich für dich.‹ Er bot
den zwei andern die Würfel hin. Zitternd schüttelten sie in den kalten
Händen die Würfel, zitternd zählten sie die Augen: der eine warf neun,
der andere vierzehn; da nahm der Herzog die Würfel und schüttelte sie.
Er faßte mich scharf ins Auge, ich weiß, daß ich nicht gezittert habe.
Er warf -- und deckte schnell die Hand darauf. ›Bitte um Gnade,‹ sagte
er, ›noch ist es Zeit!‹ -- ›Ich bitte, daß Ihr mir verzeihen möget, was
ich Euch Leids getan,‹ antwortete ich; ›um Gnade aber bitt' ich nicht,
ich habe sie nicht verdient und will sterben.‹ Da deckte er die Hand
auf, und siehe, er hatte achtzehn geworfen. Es war mir sonderbar zu
Mut, es kam mir vor, als habe er gerichtet an Gottes Statt. Ich stürzte
auf meine Kniee nieder und gelobte, fortan in seinem Dienst zu leben
und zu sterben. Der zehnte ward geköpft, wir beide waren frei.«
Mit immer höher steigender Teilnahme hatte Georg der Erzählung des
Pfeifers von Hardt zugehört; aber als er schloß, als sich das sonst
so kühn und listig blickende Auge mit Tränen füllte, da konnte er
sich nicht enthalten, seine Hand zu fassen, sie fest und herzlich zu
drücken. »Es ist wahr,« sagte der junge Mann, »du hast Schweres an
deinem Landesherrn verschuldet, aber du hast auch schrecklich gebüßt,
denn du hast den Tod dennoch erlitten; jenes schnelle Zücken des
Schwertes ist nichts mehr gegen das Gefühl, so viele bekannte Menschen
hinrichten und sich den Tod immer näher kommen zu sehen! Und hast du
nicht durch ein Leben voll Treue, durch Aufopferung und Wagnis aller
Art den Fürsten versöhnt, an den du deine Hand legtest? Wie oft hast du
ihm Freiheit, vielleicht das Leben gerettet! Wahrlich, deine Schuld ist
reichlich abgetragen.«
Der arme Mann hatte, nachdem er seine Erzählung geschlossen, wieder
mit düsterem Sinnen ins Feuer geschaut. Er hätte ganz teilnahmlos
geschienen, wenn nicht unter den Worten Georgs nach und nach ein trübes
Lächeln auf seinen Zügen erschienen wäre. »Meint Ihr,« sagte er,
»ich hätte gebüßt und meine Schuld abgetragen? Nein, solche Schulden
tilgen sich nicht so bald, und ein geschenktes Leben muß für den
ausgesetzt werden, der es uns fristete. Das Umherschleichen in den
Bergen, Kundschaft bringen aus Feindes Lager, Höhlen zeigen, wo man
sich verbergen kann, das ist keine schwere Sache, Herr, und das allein
tut's nicht. Ich weiß, ich werde noch einmal für ihn sterben müssen --
und dann, Herr, nehmt Euch meines Weibes und meiner Tochter an.«
Eine Träne fiel in seinen Bart; doch als schäme er sich, so weich zu
sein, verbarg er sein Gesicht in der Hand und fuhr fort: »Doch dazu
bin ich noch gut genug; wie jeder Kriegsmann, wie jeder im Volk darf
ich für ihn sterben; o, könnte ich durch meinen Tod seine Huldigung
abändern und ihm das Land wieder verschaffen, noch in dieser Stunde
wollte ich sterben!«