Staunen. »Freilich, da werden sie uns hart zusetzen. Doch wir haben
geübtes Volk, und des Herzogs Augen sind schärfer als irgend eines im
Bundesheere, selbst als Frondsbergs. Glaubt Ihr nicht auch, daß wir sie
schlagen werden?«
»Nein.«
»Nun, ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ein großer Vorteil für uns
liegt schon darin, daß wir für das Land fechten, die Bündischen aber
dagegen; das macht unseren Truppen Mut; die Württemberger kämpfen für
ihr Vaterland.«
»Gerade darauf traue ich nicht,« sprach Lichtenstein; »ja, wenn
der Herzog sich anders hätte huldigen lassen, so aber -- hat er das
Landvolk nicht für sich; sie streiten, weil sie müssen, und ich
fürchte, sie halten nicht lange aus.«
»Das wäre freilich schlimm,« erwiderte Georg; »doch die Schwaben sind
ein biederes, ehrliches Volk, sie werden den Herzog nicht in der Not
verlassen. Wo glaubt Ihr, daß wir dem Feind begegnen? Wo werden wir uns
stellen?«
»Zwischen Eßlingen und Kannstatt, bei Untertürkheim haben die
Landsknechte einige Schanzen aufgeworfen und stehen dort zu
dritthalbtausend Mann; wir werden uns noch in dieser Nacht an sie
anschließen.«
Der Alte schwieg, und sie ritten wieder eine geraume Zeit stille
nebeneinander hin. »Höre, Georg!« hub er nach einer Weile an; »ich
habe schon oft dem Tod Aug' in Auge gesehen und bin alt genug, mich
nicht vor ihm zu fürchten; es kann jedem etwas Menschliches begegnen --
tröste dann mein liebes Kind, Marie.«
»Vater!« rief Georg und reichte ihm die Hand hinüber; »denket nicht
solches! Ihr werdet noch lange und glücklich mit uns leben.«
»Vielleicht,« entgegnete der alte Mann mit fester Stimme, »vielleicht
auch nicht. Es wäre töricht von mir, dich aufzufordern, du sollst dich
im Gefecht schonen. Du würdest es doch nicht tun. Doch bitte ich, denk'
an dein junges Weib und begib dich nicht blindlings und unüberlegt in
Gefahr. Versprich mir dies.«
»Gut, hier habt Ihr meine Hand; was ich tun muß, werde ich nicht
ablehnen, leichtsinnig will ich mich nicht aussetzen; aber auch Ihr,
Vater, könntet dies geloben.«
»Schon gut, laß das jetzt. Wenn ich etwa morgen totgeschossen werden
sollte, so gilt mein letzter Wille, den ich beim Herzog niedergelegt
habe: Lichtenstein geht auf dich über, du wirst damit belehnt werden.
Mein Name stirbt hier zu Land mit mir, möge der deinige desto länger
tönen.«
Der junge Mann war von diesen Reden schmerzlich bewegt; er wollte
antworten, als eine bekannte Stimme seinen Namen rief. Es war der
Herzog, der nach ihm verlangte. Er drückte Mariens Vater die Hand und
ritt dann schnell zu Ulrich von Württemberg.
»Guten Morgen, Sturmfeder!« sprach dieser, indem seine Stirne sich
etwas aufheiterte. »Ich sag' guten Morgen, denn die Hähne krähen dort
unten in dem Dorf. Was macht dein Weib? Hat sie gejammert, als du
wegrittst?«
»Sie hat geweint,« antwortete Georg; »aber sie hat nicht mit einem Wort
geklagt.«
»Das sieht ihr gleich; bei Sankt Hubertus! Wir haben selten eine
mutigere Frau gesehen. Wenn nur die Nacht nicht so finster wäre, daß
ich recht in deine Augen sehen könnte, ob du zum Kampf gestimmt bist
und Lust hast, mit den Bündlern anzubinden?«
»Sprecht, wohin ich reiten soll; mitten drauf soll es gehen im Galopp.
Glauben Euer Durchlaucht, ich habe in meinem kurzen Ehestand so ganz
vergessen, was ich von Euch erlernte, daß man in Glück und Unglück den
Mut nicht sinken lassen dürfe?«
»Hast recht: ~Impavidum ferient ruinae.~ Wir haben es auch gar nicht
anders von Unserem getreuen Bannerträger erwartet. Heute trägt meine
Fahne ein anderer, denn dich habe ich zu etwas Wichtigerem bestimmt. Du
nimmst diese hundertundsechzig Reiter, die hier zunächst ziehen, läßt
dir von einem den Weg zeigen und reitest Trab gerade auf Untertürkheim
zu. Es ist möglich, daß der Weg nicht ganz frei ist, daß vielleicht die
von Eßlingen schon herabgezogen sind, uns den Paß zu versperren; was
willst du tun, wenn es sich so verhält?«
»Nun, ich werfe mich in Gottes Namen mit meinen hundertundsechzig
Pferden auf sie und hau' mich durch, wenn es kein Heer ist. Sind sie zu
stark, so decke ich den Weg, bis Ihr mit dem Zug heran seid.«
»Recht gut gesagt, gesprochen wie ein tapferer Degen, und haust du so
gut auf sie wie auf _mich_ bei Lichtenstein, so schlägst du dich durch
sechshundert Bündler durch. Die Leute, die ich dir gebe, sind gut. Es
sind die Fleischer, Sattler und Waffenschmiede von Stuttgart und den
andern Städten. Ich kenne sie aus manchem Kampf, sie sind wacker und
hauen einen Schädel bis aufs Brustbein durch. Das Schwert in der Faust,
reiten sie dir in die Hölle, wenn sie dir einmal zugetan sind, und wen
sie einmal ans Hirn getroffen haben, der braucht keinen Arzt mehr auf
dieser Welt. Das sind die echten Schwabenstreiche.«
»Und bei Untertürkheim soll ich mich aufstellen?«
»Dort triffst du auf einer Anhöhe die Landsknechte unter Georg von
Hewen und Schweinsberg. Die Losung ist: »Ulericus für immer.« Den
beiden Herren sagst du, sie sollen sich halten bis fünf Uhr; ehe der
Tag aufgeht, sei ich mit sechstausend Mann bei ihnen, und dann wollen
wir den Bund erwarten. Gehab' dich wohl, Georg!«
Der junge Mann erwiderte den Gruß, indem er sich ehrerbietig neigte;
er ritt an der Spitze der tapferen Reiter und trabte mit ihnen das
Tal hinauf. Es waren kräftige Gestalten, mit breiten Schultern und
starken Armen; unter den Sturmhauben hervor blickten ihn mutige Augen
und breite ehrliche Gesichter freundlich an; er fühlte sich ehrenvoll
ausgezeichnet, eine solche Schar zu führen. Man näherte sich dem Fuß
des Rotenberges, auf dessen Gipfel das Stammschloß von Württemberg
weit über das schöne Neckartal hinsah. Es war vom Sternenschimmer matt
erhellt, und Georg konnte seine Formen nicht deutlich unterscheiden,
aber dennoch blickte er immer wieder nach diesen Türmen und Mauern
hinauf; er erinnerte sich jener Nacht, wo Ulrich in der Höhle mit
Wehmut von der Burg seiner Väter sprach, von welcher er sonst auf ein
schönes Land voll Obst, Wein und Frucht hinabgeschaut und dies alles
_sein_ genannt hatte. Er versank in Gedanken über das unglückliche
Schicksal dieses Fürsten, das ihm aufs neue den Besitz des schönen
Landes streitig zu machen schien; er dachte nach über die sonderbare
Mischung seines Charakters, wie hier wahrhafte Größe oft durch Zorn,
Trotz und unbeugsamen Stolz entweiht sei.
»Was Ihr dort unten unterscheiden könnet zwischen den beiden Bäumen,«
unterbrach ihn der Reiter, welcher ihm den Weg zeigte, »ist die
Turmspitze von Untertürkheim. Es geht jetzt wieder etwas ebener, und
wenn wir Trab reiten, können wir bald dort sein.«
Der junge Mann trieb sein Pferd an, der ganze Zug folgte seinem
Beispiel, und bald waren sie im Angesicht dieses Dorfes. Hier war eine
doppelte Linie von Landsknechten aufgestellt, welche ihnen drohend die
Hellebarden entgegenstreckten. An vielen Punkten sah man den rötlichen
Schimmer glühender Lunten, die wie Scheinwürmchen durch die Nacht
funkelten.
»Halt, wer da?« rief eine tiefe Stimme aus ihren Reihen. »Gebt die
Losung!«
»Ulericus für immer!« rief Georg von Sturmfeder. »Wer seid Ihr?«
-- »Gut Freund!« rief Marx Stumpf von Schweinsberg, indem er aus
den Reihen der Landsknechte heraus und auf den jungen Mann zuritt.
»Guten Morgen, Georg! Ihr habt lange auf Euch warten lassen, schon
die ganze Nacht sind wir auf den Beinen und harren sehnlich auf
Verstärkung, denn dort drüben im Wald sieht es nicht geheuer aus, und
wenn Frondsberg den Vorteil verstanden hätte, wären wir schon längst
übermannt.«
»Der Herzog zieht mit sechstausend Mann heran,« erwiderte Sturmfeder,
»längstens in zwei Stunden muß er da sein.«
»Sechstausend, sagst du? Bei Sankt Nepomuk, das ist nicht genug; wir
sind zu dritthalbtausend, das macht zusammen gegen neuntausend. Weißt
du, daß sie über zwanzigtausend stark sind, die Bündischen? Wieviel
Geschütz bringt er mit?«
»Ich weiß nicht; es wurde erst nachgeführt, als wir ausritten.«
»Komm, laß die Reiter absitzen und ruhen,« sagte Marx Stumpf; »sie
werden heute Arbeit genug bekommen.«
Die Reiter saßen ab und lagerten sich; auch die Landsknechte lösten
ihre Reihen auf und stellten nur starke Posten auf den Anhöhen und am
Neckar auf. Marx Stumpf besichtigte alle Anstalten, und Georg legte
sich, in seinen Mantel gehüllt, nieder, um noch einige Stunden zu
ruhen. Die Stille der Nacht, nur durch den eintönigen Ruf der Wachen
unterbrochen, senkte ihn bald in einen Schlummer, der seine Seele weit
hinweg über Krieg und Schlachten in die Arme seines Weibes entführte.
34.
In schwarzen Pulverdämpfen
Verbirgt sich Mann und Roß;
Ihr schlagt euch immer kecker
Bergunter alle zumal;
Jetzt sprengt ihr durch den Necker,
Jetzt fechtet ihr im Tal.
_G. Schwab._
Georg erwachte am Wirbeln der Trommeln, die das kleine Heer unter die
Waffen riefen. Ein schmaler Saum war am Horizont helle, der Morgen kam,
die Truppen des Herzogs sah man in der Ferne daherziehen. Der junge
Mann setzte den Helm auf, ließ sich den Brustharnisch wieder anlegen
und stieg zu Pferd, den Herzog an der Spitze seiner Mannschaft zu
empfangen. Aus Ulrichs Zügen war zwar nicht der Ernst, wohl aber alle
Düsterkeit verschwunden. Sein Auge sprühte von einem kriegerischen
Feuer, und aus seinen Mienen sprach Mut und Entschlossenheit. Er war
ganz in Stahl gekleidet und trug über seinem schweren Eisenkleid einen
grünen Mantel mit Gold verbrämt. Die Farben seines Hauses wehten in
seinem großen wallenden Helmbusch. Sonst unterschied er sich in nichts
von den übrigen Rittern und Edeln, die, ebenfalls in blankes Eisen »bis
an die Zähne« gekleidet, den Herzog in einem großen Kreis umgaben. Er
begrüßte freundlich Hewen, Schweinsberg und Georg von Sturmfeder und
ließ sich von ihnen über die Stellung des Feindes berichten.[44]
Noch war von diesem nichts zu sehen; nur an dem Saume des Waldes gegen
Eßlingen hin sah man hin und wieder seine Posten stehen. Der Herzog
beschloß, den Hügel, den die Landsknechte besetzt gehalten hatten, zu
verlassen und sich in die Ebene hinabzuziehen. Er hatte wenig Reiterei,
der Bund aber, so berichteten Ueberläufer, zählte dreitausend Pferde.
Im Tal hatte er auf einer Seite den Neckar, auf der andern einen Wald,
und so war er wenigstens auf den Flanken vor einem Reiterangriff sicher.
Lichtenstein und mehrere andere widerrieten zwar diese Stellung im
Tal, weil man vom Hügel zu nahe beschossen werden könne; doch Ulrich
folgte seinem Sinn und ließ das Heer hinabsteigen. Er stellte zunächst
vor Türkheim die Schlachtordnung auf und erwartete seinen Feind. Georg
von Sturmfeder wurde beordert, in seiner Nähe mit den Reitern, die er
ihm anvertraut hatte, zu halten; sie sollten gleichsam seine Leibwache
bilden; zu diesen berittenen Bürgern gesellten sich noch Lichtenstein
und vierundzwanzig andere Ritter, um bei einem Reiterangriff den Stoß
zu verstärken. In jenen Tagen war ein Treffen oft in viele kleine
Zweikämpfe zerstreut, die Ritter, die einem Heere folgten, fochten
selten in geschlossenen Massen, sondern suchten mit schnellem Blicke
einen Gegner unter den Reihen des Feindes, den sie dann mit Schwert und
Lanze bekämpften. Eine solche Schar war es, die bei Georgs Reiterhaufen
stand, und den Herzog selbst gelüstete es, seine ungeheure Kraft,
seine weitberühmte Fertigkeit in einem solchen Zweikampf zu erproben,
und nur die inständigen Bitten der Ritter hielten ihn ab, diese
romantische Idee auszuführen. Neben dem Herzog hielt eine sonderbare
Figur, beinahe wie eine Schildkröte, die zu Pferde sitzt, anzusehen.
Ein Helm mit großen Federn saß auf einem kleinen Körper, der auf dem
Rücken mit einem gewölbten Panzer versehen war; der kleine Reiter hatte
die Kniee weit heraufgezogen und hielt sich fest am Sattelknopf. Das
herabgeschlagene Visier verhinderte Georg, zu erkennen, wer dieser
lächerliche Kämpfer sei; er ritt daher näher an den Herzog heran und
sagte:
»Wahrhaftig, Euer Durchlaucht haben sich da einen überaus mächtigen
Kämpen zum Begleiter ausersehen. Sehet nur die dürren Beine, die
zitternden Arme, den mächtigen Helm zwischen den kleinen Schultern --
wer ist denn dieser Riese?«
»Kennst du den Höcker so schlecht?« fragte der Herzog lachend. »Sieh
nur, er hat einen ganz absonderlichen Panzer an, der wie eine große
Nußschale anzusehen, um seinen teuern Rücken zu verwahren, wenn es etwa
zur Flucht käme. Es ist mein getreuer Kanzler, Ambrosius Volland.«
»Bei der heiligen Jungfrau! Dem habe ich bitter unrecht getan,«
entgegnete Georg; »ich dachte, er werde nie ein Schwert ziehen und ein
Roß besteigen, und da sitzt er auf einem Tier, so hoch wie ein Elefant,
und trägt ein Schwert, so groß als er selbst ist. Diesen kriegerischen
Geist hätte ich ihm nimmer zugetraut.«
»Meinst du, er reite aus eigenem Entschluß zu Felde? Nein, ich habe ihn
mit Gewalt dazu genötigt. Er hat mir zu manchem geraten, was mir nicht
frommte, und ich fürchte, er hat mich mit böslicher Absicht aufs Eis
geführt; drum mag er auch die Suppe mit verzehren, die er eingebrockt
hat. Er hat geweint, wie ich ihn dazu zwang, er sprach viel vom
Zipperlein und von seiner Natur, die nicht kriegerisch sei; aber ich
ließ ihn in seinen Harnisch schnüren und zu Pferd heben; er reitet den
feurigsten Renner aus meinem Stall.«
Während dies der Herzog sprach, schlug der Ritter vom Höcker das
Visier auf und zeigte ein bleiches, kummervolles Gesicht. Das ewig
stehende Lächeln war verschwunden, seine stechenden Aeuglein waren groß
und starr geworden und drehten sich langsam und schüchtern nach der
Seite; der Angstschweiß stand ihm auf der Stirne, und seine Stimme war
zum zitternden Flüstern geworden: »Um Gottes Barmherzigkeit willen,
wertgeschätzter Herr von Sturmfeder, viellieber Freund und Gönner,
leget ein gutes Wort ein beim gestrengen Herrn, daß er mich aus diesem
Fastnachtspiel entläßt. Es ist des allerhöchsten Scherzes jetzt genug.
Der Ritt in den schweren Waffen hat mich grausam angegriffen, der Helm
drückt mich aufs Hirn, daß meine Gedanken im Kreise tanzen, und meine
Kniee sind vom Zipperlein gekrümmt: bitte, bitte! leget ein gutes Wort
ein für Euren demütigen Knecht Ambrosius Volland; will's gewißlich
vergelten.«
Der junge Mann wandte sich mit Abscheu von dem grauen, feigen Sünder.
»Herr Herzog,« sagte er, indem ein edler Zorn seine Wangen rötete,
»vergönnt ihm, daß er sich entferne. Die Ritter haben ihre Schwerter
gelüftet und die Helme fester in die Stirne gedrückt, das Volk
schüttelt die Speere und erwartet mutig das Zeichen zum Angriff, warum
soll ein Feigling in den Reihen von Männern streiten?«
»Er bleibt, sage ich,« entgegnete der Herzog mit fester Stimme; »bei
dem ersten Schritt rückwärts hau' ich ihn selbst vom Gaul herunter.
Der Teufel saß auf deinen blauen Lippen, Ambrosius Volland, als du Uns
geraten, unser Volk zu verachten und das Alte umzustoßen. Heute, wenn
die Kugeln sausen und die Schwerter rasseln, magst du schauen, ob dein
Rat Uns frommte.«
Des Kanzlers Augen glühten vor Wut, seine Lippen zitterten, und seine
Mienen verzerrten sich greulich. »Ich habe Euch nur geraten; warum habt
Ihr es getan?« sagte er. »Ihr seid Herzog, Ihr habt befohlen und Euch
huldigen lassen; was kann denn _ich_ dafür?«
Der Herzog riß sein Pferd so schnell um, daß der Kanzler bis auf die
Mähnen seines Elefanten niedertauchte, als erwarte er den Todesstreich.
»Bei Unserer fürstlichen Ehre,« rief er mit schrecklicher Stimme,
indem seine Augen blitzten, »Wir bewundern Unsere eigene Langmut. Du
hast Unseren ersten Zorn benützt, du hast dich in Unser Vertrauen
einzuschwatzen gewußt; hätten Wir dir nicht gefolgt, du Schlange,
so stünden heute zwanzigtausend Württemberger hier, und ihre Herzen
wären eine feste Mauer für ihren Fürsten. O, mein Württemberg! mein
Württemberg! Daß ich deinem Rat gefolgt wäre, alter Freund; ja, es
heißt was, von seinem Volk geliebt zu sein!«
»Entfernet diese Gedanken vor einer Schlacht,« sagte der alte Herr von
Lichtenstein; »noch ist es Zeit, das Versäumte einzuholen. Noch stehen
sechstausend Württemberger um Euch, und bei Gott, sie werden mit Euch
siegen, wenn Ihr mit Vertrauen sie in den Feind führet. O Herr! Hier
sind lauter Freunde, vergebet Euren Feinden, entlaßt den Kanzler, der
nicht fechten kann!«
»Nein! her zu mir, Schildkröte! An meine Seite her, Hund von einem
Schreiber! Wie er zu Rosse sitzt, als hätte ihn unser Herrgott
hinaufgeschneit, den Schneemann! Du hast mein Volk verachtet in
deiner Kanzlei und ihnen Gesetze gegeben mit deiner Schwanenfeder,
jetzt sollst du sehen, wie sie streiten; jetzt sollst du sehen, wie
Württemberg siegt oder untergeht. Ha! seht Ihr sie dort auf dem Hügel?
Seht Ihr die Fahnen mit dem roten Kreuz? Seht Ihr das Banner von
Bayern? Wie ihre Waffen blitzen im Morgenrot, wie ihre Glieder von
tausend Lanzen starren, wie der Wind in ihren Helmbüschen spielt! --
Guten Tag, ihr Herren vom Schwabenbund! Jetzt geht mir das Herz auf,
das ist ein Anblick für einen Württemberg.«
»Schaut, sie richten schon die Geschütze,« unterbrach ihn
Lichtenstein; »zurück von diesem Platz, Herr! Hier ist Euer Leben in
augenscheinlicher Gefahr; zurück, zurück, _wir_ halten hier; schickt
uns Eure Befehle von dort zu, wo Ihr sicher seid!«
Der Herzog sah ihn groß an. »Wo hast du gehört,« sagte er, »daß ein
Württemberg gewichen sei, wenn der Feind zum Angriff blasen ließ? Meine
Ahnen kannten keine Furcht, und meine Enkel werden noch aushalten
wie sie, _furchtlos und treu_! Sieh, wie der Berg sich dunkler und
dunkler füllt von ihren Scharen. Siehst du jene weißen Wolken am Berg,
Schildkröte? Hörst du sie krachen? Das ist der Donner der Geschütze,
der in unsere Reihen schlägt. Jetzt, wenn du ein gutes Gewissen hast,
wirst du leichter Atem holen, denn um dein Leben gibt dir keiner einen
Pfennig.«
»Lasset uns beten,« sagte Marx von Schweinsberg, »und dann drauf in
Gottes Namen!«
Der Herzog faltete andächtig die Hände, seine Begleiter folgten seinem
Beispiel und beteten zum Anfang der Schlacht, wie es Sitte war in den
alten Tagen. Der Donner der feindlichen Geschütze tönte schauerlich in
diese tiefe Stille, in welcher man jeden Atemzug, jedes leise Flüstern
der Betenden hörte. Auch der Kanzler faltete die Hände, aber seine
Augen richteten sich nicht gläubig auf zum Himmel, sie irrten zagend
an den Bergen umher, und das Beben seines Körpers, so oft Blitz und
Rauch aus den Feldstücken des Feindes fuhr, zeigte, daß seine Seele
nicht zu dem sich aufzuschwingen vermöge, der aus den Strahlen seiner
Morgensonne über Freunde und Feinde herabblickte.
Ulrich von Württemberg hatte gebetet und zog sein Schwert aus der
Scheide. Die Ritter und Reisigen folgten ihm, und in einem Augenblick
blitzten tausend Schwerter um ihn her. »Die Landsknechte sind schon im
Gefecht,« sagte er, indem sein Adlerauge schnell das Tal überschaute.
»Georg von Hewen, Ihr rückt ihnen mit tausend zu Fuß nach. Schweinsberg
lehne sich mit achthundert an den Wald und warte bis auf weiteres.
Reinhardt von Gemmingen, wollet mit den Eurigen geradeaus ziehen
und den mittleren Raum zwischen dem Wald und dem Neckar einnehmen.
Sturmfeder, du bleibst mit deiner Abteilung Reiter; doch bist du jeden
Augenblick bereit, vorzubrechen. Gott befohlen, ihr Herren; sollten wir
uns hier unten nicht wieder sehen, so grüßen wir uns desto freudiger
oben.« Er grüßte sie, indem er sein großes Schwert gegen sie neigte.
Die Ritter erwiderten den Gruß und zogen mit ihren Scharen dem Feinde
zu, und ein tausendstimmiges »Ulrich für immer!« ertönte aus ihren
Reihen.
Das bündische Heer, das auf dem Hügel, den die Herzoglichen früher
besetzt gehalten hatten, angekommen war, begrüßte seinen Feind aus
vielen Feldschlangen und Kartaunen; dann zogen sie sich allmählich
herab ins Tal. Sie schienen durch ihre ungeheure Anzahl das kleine Heer
des Herzogs erdrücken zu wollen. In dem Augenblick, als die letzten
Glieder den Hügel verlassen wollten, wandte sich der Herzog zu Georg
von Sturmfeder. »Siehst du ihre Feldstücke auf dem Hügel?« fragte er.
»Wohl; sie sind nur durch wenige Mannschaft bedeckt.«
»Frondsberg glaubt, weil wir nicht über ihn wegfliegen können, sei
es unmöglich, sein Geschütz zu nehmen. Aber dort am Wald biegt ein
Weg links ein und führt in ein Feld. Das Feld stößt an jenen Hügel.
Kannst du mit deinen Reitern ungehindert bis in jenes Feld vordringen,
so bist du beinahe schon im Rücken der Bündischen. Dort läßt du die
Pferde verschnauben, legst dann an und im Galopp den Hügel hinauf; die
Geschütze müssen unser sein!«
Georg verbeugte sich zum Abschied, aber der Herzog bot ihm die Hand.
»Lebe wohl, lieber Junge!« sagte er. »Es ist hart von uns, einen jungen
Ehemann auf so gefährliche Reise zu schicken, aber Wir wußten keinen
Rascheren und Besseren als dich.«
Die Wangen des jungen Mannes glühten, als er diese Worte hörte, und
seine Augen blinkten mutig. »Ich danke Euch, Herr, für diesen neuen
Beweis Eurer Gnade,« rief er, »Ihr belohnt mich schöner, als wenn Ihr
mir die schönste Burg geschenkt hättet. -- Lebt wohl, Vater, und grüßt
mein Weibchen.«
»So ist's nicht gemeint!« entgegnete lächelnd der alte Lichtenstein;
»ich reite mit dir unter deiner Führung --«
»Nein, Ihr bleibet bei mir, alter Freund,« bat der Herzog, »soll mir
denn der Kanzler hier im Felde raten? Da könnte ich so übel fahren,
wie mit seinen anderen Ratschlüssen. Bleibet mir zur Seite; machet den
Abschied kurz, Alter! Euer Sohn muß weiter!«
Der Alte drückte Georgs Hand. Lächelnd und mit freudigem Mute erwiderte
dieser den Abschiedsgruß, schwenkte mit seinen Reitern ab, und »Ulrich
für immer!« riefen die Stuttgarter Bürger zu Pferd, welche er in dieser
entscheidenden Stunde gegen den Feind führte. Georg betrachtete, als
er an dem Waldsaum hinritt, sinnend die Schlacht. Die Württemberger
hatten eine gute Stellung, denn der Wald und der Neckar deckte sie, und
ihre Flügel und das Zentrum waren stark genug, um auch einen mächtigen
Stoß von Reiterei auszuhalten. Er konnte sich aber nicht verhehlen,
daß, wenn sie sich aus dieser Stellung herauslocken ließen, sie alle
diese Vorteile verlieren würden, weil sie dann entweder zwischen dem
Wald und dem linken Flügel einen bedeutenden Zwischenraum lassen oder,
um diesen auszufüllen, ihre Schlachtlinie so weit ausdehnen müßten,
daß sie an innerer Stärke verlieren würden und leichter durchbrochen
werden könnten. Ein großer Nachteil für die Württemberger war auch ihre
geringe Anzahl, denn der Feind zählte zwei Dritteile mehr. Er konnte
zwar in dem engen Tal seine Streitkräfte nicht entwickeln und nur
wenige Mannschaft auf einmal ins Treffen führen, doch war dies immer
genug, um die Herzoglichen unausgesetzt zu beschäftigen; der Feind
behielt dadurch immer frische Leute, und es war zu befürchten, daß die
sechstausend Württemberger, wenn sie auch noch so tapfer standhalten
sollten, endlich aus Ermattung werden unterliegen müssen.
Der Wald nahm jetzt Georg und seine Schar auf; sie rückten still
und vorsichtig weiter, denn Georg wußte wohl, wie schwierig es für
einen Reiterzug sei, im Wald von Fußvolk angegriffen zu werden. Doch
ungefährdet kamen sie bis auf das Feld heraus, das ihnen der Herzog
bezeichnet hatte. Rechts über dem Wald hin wütete die Schlacht.
Das Geschrei der Angreifenden, das Schießen aus Donnerbüchsen und
Feldstücken, das Wirbeln der Trommeln hallte schrecklich herüber.
Vor ihnen lag der Hügel, von dessen Gipfel eine gute Anzahl Kartaunen
in die Reihen der Württemberger spielte; dieser Hügel erhob sich von
der Seite des Wäldchens allmählich, und Georg bewunderte den schnellen
Blick des Herzogs, der diese Seite sogleich erspäht hatte, denn von
jeder andern Seite wäre, wenigstens für Reiter, der Angriff unmöglich
gewesen. Das Geschütz wurde, soviel man von unten sehen konnte, nur
durch eine schwache Mannschaft bedeckt, und als daher die Pferde ein
wenig geruht hatten, ordnete Georg seine Schar und brach im Galopp an
der Spitze der Reiter vor. In einem Augenblick waren sie auf dem Gipfel
des Hügels angekommen, und Georg rief den bündischen Soldaten zu, sich
zu ergeben.