Schon auf dem Wege in die Kirche hatte er die holden Züge des Mädchens

von Hardt, die er nicht aus seinem Gedächtnis verloren, zu bemerken

geglaubt; aber wichtigere Gedanken und die Heiligkeit des Sakramentes,

die seine ganze Seele füllten, hatten diese flüchtige Erscheinung

verdrängt. Er belehrte die Gesellschaft, wer die Nahenden seien, und

mit großem Interesse blickten sie alle auf das Kind jenes Mannes,

dessen wunderbares Eingreifen in das Schicksal des Herzogs ihnen oft

so unbegreiflich gewesen war, dessen Treue so erhaben, dessen Hilfe in

der Not so willkommen erschienen war. Das Mädchen hatte die blonden

Haare, die offene Stirne, die Züge ihres Vaters; nur die List, die aus

seinen Augen, die Kühnheit und Kraft, die aus seinem Wesen sprach, war

bei ihr, wenn sie nicht schüchtern und blöde war, in eine neckende

Freundlichkeit und in rüstiges, behendes Wesen übergegangen. So hatte

sie Georg erkannt, als er im Hause des Pfeifers wohnte; doch heute

schien sie vor den vielen vornehmen Leuten etwas schüchtern, ja,

es wollte ihm sogar scheinen, als sei ein neuer Zug in ihr Gesicht

gekommen, den er früher nicht an ihr bemerkt hatte, eine gewisse Wehmut

und Trauer, die sich um ihren Mund und in ihren Augen aussprach.

Die Pfeifersfrau wußte, was Lebensart sei, sie verbeugte sich daher

von der Türe der Tyrnitz in einem fort, bis sie zum Stuhl des Herzogs

kam. Frau Rosel hatte noch die Röte des Zornes auf ihren magern Wangen,

denn die Landsknechte, namentlich der Magdeburger und Kaspar Staberl,

hatten sie höchlich beleidigt und sie eine dürre Stange geheißen. Ehe

sie noch sich sammeln und den Herrschaften geziemend die Familie ihres

Bruders vorstellen konnte, hatte die runde Frau schon einen Zipfel von

des Herzogs Mantel gefaßt und ihn an die Lippen gedrückt. »Gueten Obed,

Herr Herzich,« sprach sie dazu mit tiefen Knicksen; »wie got Uich's,

seit Er wieder in Schtuagert send; mei Ma loßt Eich schö grüaßa; mer

komme aber et zum Herr Herzich, noi, zu dem Herra dort drübe welle mer.

Mer hent a Hochzeitschenke für sei Frau. Do siezt se jo, gang, Bärbele,

lang's aus em Krättle.«

»Ach, du lieber Gott!« fiel Frau Rosel ihrer Schwägerin ins Wort;

»bitt' untertänigst um Verzeihung, Euer Durchlaucht, daß ich die Leut'

'reingebracht habe; 's ist Frau und Kind vom Pfeifer von Hardt. Ach, du

Herr Gott! nehmet doch nichts übel, Herr Herzog; die Frau meint's g'wiß

gut.«

Der Herzog lachte mehr über diese Entschuldigung der Frau Rosel als

über die Reden ihrer Schwägerin: »Was macht denn dein Mann, der

Pfeifer? Wird er uns bald besuchen? Warum kam er nicht mit euch?«

»Sell hot sein' Grund, Herr!« erwiderte die runde Frau; »wenn's Krieg

geit, bleibt er g'wiß et aus; do ka mer'n brauche; aber im Frieda? Noi,

do denkt er, mit grauße Herra ist's et guet Kirsche fressa.«

Frau Rosel wollte beinahe verzweifeln über die Naivität der runden

Frau, sie zog sie am Rock und am langen Zopfband, es half nichts, die

Frau des Pfeifers sprach zu großer Ergötzung des Herzogs und seiner

Gäste immer weiter, und das unauslöschliche Gelächter, das ihre

Antworten erregten, schien ihr Freude zu machen. Bärbele hatte indessen

mit dem Deckel des Körbchens gespielt, sie hatte einigemal gewagt, ihre

Blicke zu erheben, um jenes Gesicht wiederzusehen, das im Fieber der

Krankheit so oft an ihrem Busen geruht und in ihren treuen Armen Ruhe

und Schlummer gefunden hatte, jenen Mund wiederzusehen, den sie so oft

heimlicherweise mit ihren Lippen berührt hatte, und jene Augen, deren

klarer, freundlicher Strahl ewig in ihrem Gedächtnis fortglühte. Sie

erhob ihre Blicke immer wieder von neuem, doch, wenn sie bis an seinen

Mund gekommen war, schlug sie sie wieder -- aus Furcht, seinem Auge zu

begegnen -- herab.

»Siehe, Marie,« hörte sie ihn sagen, »das ist das gute Kind, das mich

pflegte, als ich krank in ihres Vaters Hütte lag, das mir den Weg nach

Lichtenstein zeigte.«

Marie wandte sich um und ergriff gütig ihre Hand; das Mädchen zitterte,

und ihre Wangen färbte ein dunkles Rot; sie öffnete ihr Körbchen und

überreichte ein Stück schöner Leinwand und einige Bündel Flachs, so

fein und zart wie Seide. Sie versuchte zu sprechen, aber umsonst, sie

küßte die Hand der jungen Frau, und eine Träne fiel herab auf ihren

Ehering.

»Ei, Bärbele,« schalt Frau Rosel, »sei doch nicht so schüchtern und

ängstlich. Gnädiges Fräulein -- wollte sagen, gnädige Frau, habt

Nachsicht, sie kommt selten zu vornehmen Leuten. Es ist niemand so gut,

er hat zweierlei Mut, heißt es im Sprichwort. Das Mädchen kann sonst

so fröhlich sein wie eine Schwalbe im Frühling. --«

»Ich danke dir, Bärbele!« sagte Marie. »Wie schön deine Leinwand ist!

Die hast du wohl selbst gesponnen?«

Das Mädchen lächelte durch Tränen; sie nickte ein Ja! -- zu sprechen

schien ihr in diesem Augenblick unmöglich zu sein. Der Herzog befreite

sie von dieser Verlegenheit, um sie in eine noch größere zu ziehen.

»Wahrhaftig, ein schönes Kind hat Hans der Spielmann,« rief er aus und

winkte ihr, näher zu treten. »Hoch gewachsen und lieblich anzuschauen!

Schaut nur, Herr Kanzler, was ihr das rote Mieder und das kurze

Röckchen gut ansteht; wie? Ambrosius Volland, meinst du nicht, Wir

könnten durch ein allgemeines Edikt diese niedliche Tracht auch bei

unsern Schönen in Stuttgart einführen?«

Der Kanzler verzog sein Gesicht zu einem greulichen Lächeln; er

beschaute das errötende Mädchen mit seinen Aeuglein vom Kopf bis zu den

Füßen. »Man könnte zum Grund angeben,« sagte er, »daß dadurch eine Elle

in der Länge erspart würde. So gut Euer Durchlaucht vor einigen Jahren

das Maß und Gewicht hat kleiner machen lassen, habt Ihr nach allen

Regeln der Logika auch das Recht, dem Frauenzimmer die Röcklein zu

verkürzen. Wäre aber damit nichts gewonnen, denn -- hi, hi, hi! schaut

nur, was dort wegfiele, müßten dann die hiesigen Schönen oben wieder

ansetzen. Und wer weiß, ob sie sich gerne dazu verstünden? Sie gehören

zum Geschlecht der Pfauen, und Ihr wißt schon, daß diese nicht gerne

auf ihre Beine sehen.«

»Hast recht, Ambrosius,« lachte der Herzog. »Es geht doch nichts über

einen gelehrten Herrn! Aber sag' einmal, Kind, hast du auch schon einen

Schatz? einen Liebsten?«

»Ei was, Euer Durchlaucht!« unterbrach ihn die runde Frau, »wer wird so

ebbes von so ema Kind denka! Se ist a ehrlichs Mädle, Herr Herzich!«

Der Herzog schien nicht auf diese Bemerkung zu hören; er betrachtete

lächelnd die Verlegenheit, die sich auf den reinen Zügen des Mädchens

abspiegelte; sie seufzte leise, sie spielte mit den bunten Bändern

ihrer Zöpfe; sie sandte unwillkürlich einen Blick, aber einen Blick

voll Liebe auf Georg von Sturmfeder und schlug dann errötend wieder

die Augen nieder. Der Herzog, dem dies alles nicht entging, brach in

lautes Lachen aus, in das die übrigen Männer einstimmten. »Junge Frau!«

sagte er zu Marien, »jetzt könnt Ihr billig die Eifersucht Eures Herrn

teilen; wenn Ihr gesehen hättet, was ich sah, könntet Ihr allerlei

deuteln und vermuten.«

Marie lächelte und blickte teilnehmend auf das schöne Mädchen; sie

fühlte, wie wehe ihr der Spott der Männer tun müsse. Sie flüsterte der

Frau Rosel zu, sie und die runde Frau zu entfernen. Auch dies bemerkte

Ulrichs scharfer Blick, und seine heitere Laune schrieb es der schnell

erwachten Eifersucht zu. Marie aber band ein schönes, aus Gold und

roten Steinen gearbeitetes Kreuzchen ab, das sie an einer Schnur um

den Hals getragen, und reichte es dem überraschten Mädchen. »Ich danke

dir,« sagte sie ihr dazu; »grüße deinen Vater und besuche uns recht oft

hier und in Lichtenstein. Wie wäre es, wenn du mir dientest als Zofe?

Du sollst es gut haben und hast ja auch deine Muhme, Frau Rosel, bei

uns.«

Das Mädchen erschrak sichtbar; sie schien mit sich zu kämpfen; oft

schien ein freundliches Lächeln »ja« sagen zu wollen, aber ebenso oft

drängte ein schmerzlicher Zug um den Mund diesen Entschluß zurück. »I

dank' schö, gnädige Frau!« antwortete sie, indem sie Mariens schöne

Hand küßte, »aber i mueß daheim bleibe: d'Mueter wird alt und braucht

me, b'hüt Uich Gott der Herr, älle Heilige walten über Uich, und die

heilige Jungfrau sei Uich gnädig. Lebet g'sund und froh mit Eurem

Herra, es ist a gueter, lieber Herr!« Noch einmal beugte sich Bärbele

herab auf Mariens Hand und entfernte sich dann mit ihrer Mutter und der

Base.

»Hör' einmal,« rief ihr der Herzog nach, »wenn deine Mutter einmal

zugibt, daß du einen Liebsten bekommst, so bring' ihn mir; ich will

dich ausstatten, du hübsches Pfeiferskind!«

Unter diesen Szenen war es vier Uhr geworden, und der Herzog hob die

Tafel auf. Dies war das Zeichen, daß sich jetzt das Volk von den

Galerien entfernen müsse, die sogleich mit Polstern und Teppichen

belegt und zum Empfang der Damen eingerichtet wurden. In dem Parterre

der Tyrnitz wurden schnell die Tafeln weggeräumt, Lanzen, Schwerter,

Schilde, Helme und der ganze Apparat zu Ritterspielen herbeigeschleppt,

und in einem Augenblicke war diese große Halle, die noch soeben der

Sitz der Tafelfreuden gewesen war, zum Waffensaal eingerichtet. Wie

die Damen in unsern Tagen gerne lauschen, wenn die Männer sich in

gelehrte Diskussionen und politische Streitigkeiten einlassen, wie

jede wünscht, den Geliebten oder Gemahl am scharfsinnigsten urteilen,

am schnellzüngigsten disputieren zu hören, so war es in den guten

alten Zeiten den Frauen Freude, selbst blutige Kämpfe ihrer Männer zu

beobachten, und aus manchem schönen Auge blitzte das Hochgefühl, einem

Tapferen anzugehören, manche holde Wange schmückte ein höheres Rot,

nicht wenn der Geliebte in Gefahr, sondern wenn er sich zurückzuziehen

schien oder seine Hiebe nicht so kräftig waren wie die seines Gegners.

Es wurden an diesem Abend sogar Pferde in die Halle geführt, und

Marie hatte die Freude, ihrem Geliebten den zweiten Dank im Rennen

überreichen zu können, denn er machte den Herrn von Hewen zweimal im

Sattel wanken. Der tapferste Kämpfer war Herzog Ulrich von Württemberg,

eine Zierde der Ritterschaft seiner Zeit. Meldet ja doch die Sage

von ihm, daß er an seinem eigenen Hochzeitstage acht der stärksten

Ritter des Schwaben- und Frankenlandes in den Sand warf. Nachdem die

Ritterspiele einige Stunden gedauert hatten, zog man zum Tanz in den

Rittersaal, und den Siegern im Kampfe wurden die Vortänze eingeräumt.

Der fröhliche Reigen ertönte bis in die Nacht; der Herzog schien alle

Sorgen vor der bangen Zukunft auf den Höcker seines Kanzlers geschoben

zu haben, der wie die böse Zeit in einem Fenster saß und mit bitterem

Lächeln einem Vergnügen zuschaute, von welchem ihn seine eigene

Mißgestalt ausschloß.

Zum letzten Tanz vor dem Abendtrunk wollte Ulrich die Krone des Festes,

die junge, schöne Frau Marie, aufrufen; doch im ganzen Saal suchte er

und Georg sie vergebens auf, und die lächelnden Frauen gestanden, daß

sechs der schönsten Fräulein sie entführt und in ihre neue Wohnung

begleitet haben, um ihr dort, wie es die Sitte wolle, die mysteriösen

Dienste einer Zofe zu erzeigen.

»~Sic transit gloria mundi!~« sagte der Herzog lächelnd. »Und siehe,

Georg, da nahen sie schon mit den Fackeln, deine Gesellen und zwölf

Junker, sie wollen dir ›heimzünden‹. Doch zuvor leere noch einen Becher

mit uns. Geh, Mundschenk! bring' vom Besten!«

Marx Stumpf von Schweinsberg und Dietrich von Kraft nahten sich mit

Fackeln und boten sich an, Georg nach Hause zu geleiten. An sie

schlossen sich zwölf Junker, ebenfalls mit Fackeln, an, um dem jungen

Mann diese Ehre zu erweisen; denn so wollte es die Sitte der guten

alten Zeit. Der Mundschenk goß die Becher voll und kredenzte sie seinem

Herzog und Georg von Sturmfeder.

Ulrich sah ihn lange und nicht ohne Rührung an; er drückte seine Hand

und sagte: »Du hast Probe gehalten. Als ich verlassen und elend unter

der Erde lag, hast du dich zu mir bekannt; als jene vierzig meine Burg

übergaben und kein Stückchen Württemberg mehr mein war, bist du mir

aus dem Land gefolgt, hast mich oft getröstet und auch auf diesen Tag

verwiesen. Bleibe mein Freund, wer weiß, was die nächsten Tage bringen.

Jetzt kann ich wieder Hunderten gebieten, und sie schreien ›Hoch!‹ auf

das Wohl meines Hauses, und doch war mir dein Trinkspruch mehr wert,

den du in der Höhle ausbrachtest und den das Echo beantwortete. Ich

erwidere es jetzt und gebe es dir zurück: Sei glücklich mit deinem

Weibe, möge dein Geschlecht auf ewige Zeiten grünen und blühen; möge

es Württemberg nie an Männern fehlen, so mutig im Glück, so treu im

Unglück wie du!«

Der Herzog trank, und eine Träne fiel in seinen Becher. Die Gäste

stimmten jubelnd in seinen Ruf, die Fackelträger ordneten sich, und

seine Gesellen führten Georg von Sturmfeder aus dem Schloß der Herzoge

von Württemberg.

33.

Auch aus entwölkter Höhe

Kann der zündende Donner schlagen,

Darum in deinen glücklichen Tagen

Fürchte des Unglückes tückische Nähe.

_Schiller._

Der Weg, den die berühmten Novellisten unserer Tage bei ihren

Erzählungen aus alter oder neuer Zeit einschlagen, ist ohne Wegsäule zu

finden und hat ein unverrücktes, bestimmtes Ziel. Es ist die Reise des

Helden zur Hochzeit. Mag sein Weg sich noch so oft krümmen, wagt er es

sogar, Abstecher zu machen und in Wirtshäusern und Burgen ungebührlich

lange zu verweilen, er eilt nachher um so rascheren Schrittes seinem

Ziele zu, und wenn er endlich nach so vielen Leiden mit gehöriger Würde

in die Brautkammer geschoben ist, pflegt der Autor dem Leser die Türe

vor der Nase zuzuwerfen und das Buch zu schließen. Auch wir hätten mit

dem herrlichen Reigen im Schlosse zu Stuttgart schließen oder den Leser

mit dem Fackelzug des Bräutigams aus dem Buche hinaus begleiten können,

aber die höhere Pflicht der Wahrheit und jenes Interesse, das wir an

einigen Personen dieser Historie nehmen, nötigt uns, den geneigten

Leser aufzufordern, uns noch einige wenige Schritte zu begleiten

und den Wendepunkt eines Schicksals zu betrachten, das, in seinem

Anfang unglücklich, in seinem Fortgang günstiger, durch seine eigene

Notwendigkeit sich wieder in die Nacht des Elends verhüllen mußte.

Das Motto, womit wir diesen Abschnitt bezeichneten, ist eine

Geisterstimme, die warnend durch die Weltgeschichte tönt, die von

vielen vernommen, von den meisten überhört, von wenigen befolgt wurde.

Zu allen Zeiten ging ein finsterer Geist durch das Haus der Erde, man

vernahm oft sein Rauschen, man suchte es durch die Töne der Freude

zu übertäuben. Ulrich von Württemberg hatte jene Stimme in mancher

Nacht vernommen, die er sorgenvoll auf seinem Lager durchwachte. Er

glaubte das Geräusch vieler Gewappneter und die dröhnenden Tritte

eines Heeres zu vernehmen, er glaubte sie näher und näher um ihn

sich lagern zu hören, und wenn er sich auch überzeugte, daß es nur

die Nachtluft war, die um die Türme seines Schlosses brauste, so

blieb doch eine finstere Ahnung in ihm zurück, daß sein Schicksal

noch einmal sich wenden könnte. Jene Warnung des alten Ritters von

Lichtenstein tönte oft in seiner Seele wieder, und vergeblich strengte

er sich an, die künstlichen Folgerungen seines Kanzlers sich zu

wiederholen, um ein Verfahren bei sich zu entschuldigen, das ihm jetzt

zum wenigsten nicht genug überdacht schien; denn seine alten Feinde

rüsteten sich mit Macht. Der Bund hatte ein neues Heer geworben und

drang herab ins Land, näher und näher an das Herz von Württemberg.

Die Reichsstadt Eßlingen bot für diese Unternehmungen einen nur zu

günstigen Stützpunkt. Sie liegt nur wenige Stunden von der Hauptstadt,

beinahe mitten im Lande und war, sobald das Heer des Bundes die

Kommunikation mit ihr hergestellt hatte, eine furchtbare Schanze, um

Ausfälle nach Württemberg zu begünstigen und zu decken. Das Landvolk

nahm an vielen Orten den Bund günstig auf, denn der Herzog hatte sie

durch die neue Art, wie er sich huldigen ließ, ängstlich gemacht. Der

Württemberger liebt von jeher das Alte und Hergebrachte. Altes Recht,

alte Ordnung sind ihm goldene Worte, wenn er auch oft nicht weiß, was

sie bedeuten, und ob das Neue nicht besser ist. Seine Ruhe, die er bei

andern Zufällen des Lebens zeigt, verläßt ihn, wenn man von Neuerungen

spricht, und ein Eigensinn, der sogar Trotz wird, läßt ihn das Alte

mit einer Glut, mit einer natürlichen Begeisterung umfassen, die ihm

sonst fremd ist und gänzlich außer seinem Wesen, der ruhigen, biederen

Geschäftigkeit, liegt.

Diese Liebe zum Alten hatte der Herzog an seinem Volk erfahren, als

er einige Jahre zuvor seinen Räten folgte und zur Verbesserung seiner

Finanzen ein neues Maß und Gewicht einführte. Der »Arme Konrad«, ein

förmlicher Aufstand armer Leute, hatte ihn nachdenklich gemacht und den

Tübinger Vertrag eingeleitet. Diese Liebe zum Alten hatte sich auf eine

rührende Weise an ihm gezeigt, als der Bund ins Land fiel und das Haupt

des alten Fürstenstammes verjagen wollte. Ihre Väter und Großväter

hatten unter den Herzogen und Grafen von Württemberg gelebt, darum war

ihnen jeder verhaßt, der diese verdrängen wollte. Wie wenig sie das

Neue lieben, hatten sie dem Bunde und seinen Statthaltern oft genug

bewiesen.

Der alte, angestammte Herzog, ein Württemberger, kam wieder ins Land,

sie zogen ihm freudig zu. Sie glaubten, jetzt werde es wieder hergehen

wie »_vor alters_«; sie hätten recht gerne Steuern bezahlt, Zehnten

gegeben, Gülten aller Art entrichtet und Fronen geleistet. Sie hätten

über Schwereres nicht gemurrt, wenn es nur nach hergebrachter Art

geschehen wäre. So gut ward es ihnen aber nicht. Die alten Formeln

waren aus dem Huldigungseid verschwunden, die Steuern wurden nicht

mehr nach hergebrachter Sitte eingezogen, es war alles anders als

früher, kein Wunder, wenn sie den Herzog als einen neuen Herrn ansahen

und murrend nach dem alten Recht verlangten. Sie hatten zu Ulrich

kein Zutrauen mehr, nicht weil seine Hand schwerer auf ihnen ruhte

als vorher, nicht weil er bedeutend mehr von ihnen wollte als früher,

sondern weil sie die neuen Formen mit argwöhnischen Augen ansahen.

Ein Herzog, besonders wenn er einem Ambrosius Volland sein Ohr leiht,

erfährt selten genau, wie man über ihn denkt und ob die Maßregeln klug

berechnet waren, die ihm seine Räte an die Hand gaben. Und dennoch

entging Ulrichs hellem Auge die Unzufriedenheit seines Volkes nicht

ganz. Er merkte, daß er im schlimmen Falle sich nicht auf sie werde

verlassen können, so wenig als auf die Ritterschaft des Landes, die,

seit er wieder im Land war, sich sehr neutral verhalten hatte.[42]

Seine Unruhe über diese Bemerkungen suchte er jedem Auge zu verbergen.

Er beschwor die wildesten Töne der Freude herauf, und oft gelang es ihm

sogar, zu vergessen, vor welchem Abgrund er stehe. Er versuchte, um

seinem Volke und dem Heer, das er in und um Stuttgart versammelt hatte,

Vertrauen und Mut einzuflößen, einige Einfälle, welche die Bündischen

von Eßlingen aus in sein Land gemacht hatten, verdoppelt heimzugeben.

Er schlug sie zwar und verwüstete ihr Gebiet, aber er verhehlte sich

nicht, wenn er nach einem solchen Siege in seine Stellungen zurückging,

daß das Kriegsglück ihn vielleicht verlassen könnte, wenn der Bund

einmal mit dem großen Heere im Felde erscheinen werde.

Und er erschien frühe genug für Ulrichs zweifelhaftes Geschick. Noch

wußte man in Stuttgart wenig oder nichts von dem Aufgebot des Bundes,

noch lebte man am Hof und in der Stadt in Ruhe und in Freude, als auf

einmal am zwölften Oktober die Landsknechte, welche der Herzog ein

Lager bei Kannstatt hatte beziehen lassen, flüchtig nach Stuttgart

kamen und von einem großen bündischen Heer erzählten, das sie

zurückgeworfen habe. Jetzt merkten die Bewohner Stuttgarts, daß eine

wichtige Entscheidung nahe, jetzt sahen sie ein, daß der Herzog längst

um diesen drohenden Einfall gewußt haben müsse, denn er ließ an diesem

Tage die Aemter aufbieten, ließ die Truppen sich versammeln, die auf

das Land umher verlegt gewesen waren, und hielt noch am Abend dieses

Tages eine Musterung über zehntausend Mann.[43]

Noch in der Nacht zog er mit einem großen Teil der Mannschaft aus, um

die Stellungen, die ein Teil der Landsknechte zwischen Kannstatt und

Eßlingen genommen hatte, zu verstärken.

In jener Nacht wurde in Stuttgart manche Träne von schönen Augen

geweint, denn Männer und Jünglinge, was die Waffen führen konnte, zog

mit dem Herzog in die Schlacht. Doch das Rauschen des abziehenden

Heeres übertönte die Klagen der Mädchen und Frauen, sie verhallten wie

das Wimmern eines Kindes im Kampf der Elemente. Mariens Schmerz war

stumm, aber groß, als sie den Gatten unter die Türe herabgeleitete, wo

die Knechte mit den Rossen für ihn und den Vater hielten. Sie hatten

still und einsam, nur mit ihrem Glück beschäftigt, die ersten Tage

ihrer Ehe verlebt. Sie dachten wenig an die Zukunft, sie glaubten im

Hafen zu sein, und indem sie nur sich selbst lebten, überhörten sie

das Flüstern, die geheimnisvolle Unruhe, die einem nahenden Sturm

vorangeht. Sie waren gewöhnt, den Vater ernst und düster zu sehen,

es fiel ihnen nicht auf, wie sein Auge immer trüber, seine Stirne

finsterer, seine Mienen beinahe traurig wurden. Er sah ihr süßes Glück,

er fühlte mit ihnen, er verbarg, um sie nicht zu frühe aufzustören,

was ihm eine bange Ahnung oft genug sagte. Aber endlich nahte der

entscheidende Schlag. Der Herzog von Bayern war bis in die Mitte des

Landes vorgedrungen, und der Ruf zu den Waffen schreckte Georg aus den

Armen seines geliebten Weibes.

Die Natur hatte ihr eine starke Seele und jene entschiedene Erhabenheit

über jedes irdische Verhängnis gegeben, die nur in einer reinen Seele

und in der mutigen Zuversicht auf einen höhern Beistand bestehen kann.

Sie wußte, was Georg der Ehre seines Namens und seinem Verhältnis

zum Herzog schuldig sei, darum erstickte sie jeden lauten Jammer und

brachte ihrer schwächeren Natur nur jenes Opfer schmerzlicher Tränen,

die dem Auge, das den Geliebten tausend Gefahren preisgegeben sieht,

unwillkürlich entströmen.

»Siehe, ich kann nicht glauben, daß du auf immer von mir gehst,« sagte

sie, indem sie ihre schönen Züge zu einem Lächeln zwang; »wir haben

jetzt erst zu leben begonnen, der Himmel kann nicht wollen, daß wir

schon aufhören sollen. Drum kann ich dich ruhig ziehen lassen, ich weiß

ja zuversichtlich, daß du mir wiederkehrst!«

Georg küßte die schönen, weinenden Augen, die ihn so mild und voll

Trost anblickten. Er dachte in diesem Augenblicke nicht an die Gefahr,

der er entgegengehe, er dachte nur daran, wie groß für das teure Wesen,

das er in den Armen hielt, der Schmerz sein müßte, wenn er nicht

mehr zurückkehrte; wie sie dann ein langes Leben einsam, nur in der

Erinnerung an die wenigen Tage des Glückes, fortleben könnte. Er preßte

sie heftiger in die Arme, als wolle er dadurch diese schwarzen Gedanken

verscheuchen, seine Blicke tauchten tiefer in ihre Augen herab, um dort

Vergessenheit zu suchen, und es gelang ihm; wenigstens trug er ein

schönes Bild der Hoffnung und der Zuversicht mit sich hinweg.

Die Ritter stießen vor dem Tor gegen Kannstatt zu dem Herzog. Es war

dunkle Nacht, das erste Viertel des Mondes und das Heer der Sterne

warfen einen matten Schein herab; Georg glaubte zu bemerken, daß

der Herzog finster und in sich gekehrt sei; denn seine Augen waren

niedergeschlagen, seine Stirne kraus, und er ritt stumm seinen Weg

weiter, nachdem er sie flüchtig mit der Hand gegrüßt hatte.

Ein nächtlicher Marsch hat immer etwas Geheimnisvolles, Bedeutendes

an sich. Die Sonne, heitere Gegenden, der Anblick vieler Kameraden,

der Wechsel der Aussichten locken bei Tag den Soldaten zum Gespräch,

wohl auch zum Gesang. Weil die Eindrücke von außen stärker sind,

denkt man weniger nach über das Ziel des Marsches, über das Ungewisse

des Krieges, über die Zukunft, die niemand dunkler verhängt ist als

dem Kriegsmann im Felde. Ganz anders auf dem Marsch in der Nacht. Man

hört nur das Gedröhn des Zuges, den taktartigen Hufschlag der Rosse,

ihr Schnauben, das Klirren der Waffen, und die Seele, die durch das

Auge keine Bilder mehr empfängt, wird durch dieses eintönige Gemurmel

ernster; Scherz und Gelächter sind verstummt, das laute Gespräch sinkt

zum Geflüster herab, und auch dieses gilt nicht mehr gleichgültigen

Gegenständen, sondern der Entscheidung, welcher man entgegenzieht.

So war auch der Zug in jener Nacht ernst und von keinem Laut der Freude

unterbrochen. Georg ritt neben dem alten Herrn von Lichtenstein und

warf hie und da ängstliche Blicke auf diesen, denn er hing, wie von

Kummer gebückt, im Sattel und schien ernster als je zu sein. Er hätte

beinahe ohne Leben geschienen, wenn nicht hin und wieder ein Seufzer

aus seiner Brust heraufgestiegen wäre und seine glänzenden Augen nach

den Wölkchen geschaut hätten, die um die bleiche Sichel des Mondes

zogen.

»Glaubt Ihr, es werde morgen zum Gefecht kommen, Vater?« flüsterte

Georg nach einer Weile.

»Zum Gefecht? Zur Schlacht.«

»Wie? Ihr glaubt also, das Bundesheer sei so stark, daß es uns jetzt

schon werde die Spitze bieten können? Es ist nicht möglich. Herzog

Wilhelm müßte Flügel haben, wenn er seine Bayern herabgeführt hätte,

und Frondsberg ist in seinen Entschlüssen bedächtig. Ich glaube nicht,

daß sie viel über sechstausend stark sind.«

»Zwanzigtausend,« antwortete der Alte mit dumpfer Stimme.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 3 · 第 27 / 32 段