erschienen sein, doch, wie die Natur über ihre lieblichsten Töchter in
jeder Lage, in Trauer und Freude, den Zauber der Schönheit ausgießt,
so war auch diese unnatürliche Haltung der Braut bei Marien zum
gelungensten Bild geworden; die zarte Röte, die alle Augenblicke auf
ihren Wangen wechselte, der süße Mund, in dessen Winkeln ein Lächeln
aufzukeimen schien, der feine, weiche Vorhang der gesenkten Lider, die
zarten Fransen der dunklen Wimpern, durch welche die blauen, glänzenden
Augen wie eine aufgehende Sonne kaum sichtbar durchschimmerten, sie
gaben ein Bild holder verschämter Liebe, die dem Geliebten die Arme
öffnen, die seinen Namen mit den süßesten Tönen aussprechen, die die
Augen aufschlagen möchte, um ihm durch _einen_ Blick ihre Wünsche
zu verkünden; doch die mächtigere Natur, das verwirrende Gefühl der
Beschämung windet ihr die Hände nur noch fester zusammen, schlägt die
zarte Hülle der Wimpern vor das glühende Auge herab und verschließt den
Mund, daß er nur heimlich und stille lächelt, aber das Geheimnis der
Liebenden nicht ausspricht.
Verschwunden war die erhabene Haltung Mariens, verschwunden die
Majestät ihrer Stirne und jener gebietende, ernste Blick, der auch
den Kühnsten gefesselt hätte; aber man war versucht, jene erhabeneren
Schönheiten nicht zurückzuwünschen; lag doch in diesem verschämten
Bekenntnis, durch einen Blick des Geliebten überwunden zu sein, ein
höherer Reiz, als wenn das stolze Auge frei um sich geblickt und dieser
geschlossene Mund das Geständnis der Liebe laut und offen ausgesprochen
hätte. So hatte die Natur Marien an diesem Tage einen neuen Zauber
verliehen, der so mächtig wirkte, daß Georg einige Momente seine Braut
verwunderungsvoll betrachtete und sein Herz sich stolzer hob, im
Gefühle, dieses liebliche Kind sein nennen zu dürfen.
Jetzt kam auch der Herzog, der den Ritter von Lichtenstein an der
Hand führte. Er musterte mit schnellen Blicken den reichen Kreis der
Damen, und auch er schien sich zu gestehen, daß Marie die schönste sei.
»Sturmfeder!« sagte er, indem er den Glücklichen auf die Seite führte,
»dies ist der Tag, der dich für vieles belohnt. Gedenkst du noch der
Nacht, wo du mich in der Höhle besuchtest und nicht erkanntest? Damals
brachte Hans, der Pfeifer, einen guten Trinkspruch aus: ›Dem Fräulein
von Lichtenstein! Möge sie blühen für Euch!‹ -- Jetzt ist sie dein, und
was nicht minder schön ist, auch dein Trinkspruch ist erfüllt: Wir sind
wieder eingezogen in die Burg Unserer Väter.«
»Möge Euer Durchlaucht dieses Glück so lange genießen, als ich an
Mariens Seite glücklich zu sein hoffe. Aber Eurer Huld und Gnade habe
ich diesen schönen Tag zu verdanken, ohne Euch wäre vielleicht der
Vater --«
»Ehre um Ehre, du hast Uns treulich beigestanden, als Wir Unser
Land wiedererobern wollten, drum gebührte es sich, daß auch Wir dir
beistanden, um sie zu besitzen. -- Wir stellen heute deinen Vater vor,
und als solchem wirst du Uns schon erlauben, nach der Kirche deine
schöne Frau auf die Stirne zu küssen.«
Georg gedachte jener Nacht, als der Herzog unter dem Tor von
Lichtenstein sich auf diesen Tag vertröstete, unwillkürlich mußte
er lächeln, wenn er der Würde und Hoheit gedachte, mit welcher die
Geliebte den Mann der Höhle damals zurückgewiesen hatte. »Immerhin,
Herr Herzog, auch auf den Mund! Ihr habt es längst verdient durch Eure
großmütige Fürsprache.«
»Wer sind deine Gesellen, die dich zum Altar geleiten?« fragte der
Herzog.
»Marx Stumpf und der Ulmer Ratsschreiber, ein Vetter von Lichtenstein.«
»Wie, das feine Männlein, den mein Kanzler köpfen lassen wollte? Da
hast du links den zierlichsten und rechts den tapfersten Mann des
Schwabenlandes. Glück zu, junger Herr! Doch ich will dir raten, mehr
_rechts_ zu halten als links, dann kann es dir nie fehlen auf Erden,
und wärst du so eifersüchtig als ein Türke. Sieh, sieh, da kommt ja
der Rechte! sieh, wie seine breite Gestalt sich wunderlich ausnimmt
unter den Frauenzimmern. Und wie er sich stattlich angetan hat! Den
verschossenen grünen Mantel trug er schon Anno Elf auf Unserer Hochzeit
mit Frau Sabina lobesan.«
»Kann mich nicht viel mit dem Anzug befassen,« erwiderte der tapfere
Ritter von Schweinsberg, der die letzten Worte noch gehört hatte;
»auch mit dem Tanzen will es nicht recht gehen, Ihr werdet mich
entschuldigen; will aber heute abend im Ritterspiel der neue Eheherr
eine Lanze mit mir brechen, so --«
»So willst du ihm aus lauter Zärtlichkeit und Höflichkeit ein
paar Rippen einstoßen!« lachte der Herzog; »das heiße ich einen
Bräutigamsgesellen von echter Art. Nein, da rate ich dir, Georg, dich
lieber links zu halten; der Ulmer wird dir nicht wehe tun.«
Die Flügeltüren öffneten sich jetzt, und man sah auf der breiten
Galerie das Hofgesinde des Herzogs in Ordnung aufgestellt. An diese
schlossen sich die Edelknaben an, welche brennende Kerzen trugen;
dann folgte der glänzende Zug der Fräulein und Edelfrauen, die sich
zu diesem Feste eingefunden hatten. Sie waren in reiche, mit Gold und
Silber durchwirkte Stoffe gekleidet, und jede hatte einen Blumenstrauß
und eine Zitrone in der Hand. Die Braut wurde von Georg von Hewen und
Reinhardt von Gemmingen geführt. Viele Ritter und Edelleute schlossen
sich an diese an, in ihrer Mitte ging Georg von Sturmfeder, Marx
Stumpf zu seiner Rechten, der Ratsschreiber Dietrich von Kraft zu
seiner Linken. Sein ganzes Wesen schien von einer würdigen Freude
gehoben, seine Augen blinkten freudig, sein Gang war der Gang eines
Siegers. Er ragte mit dem wallenden Haar, mit den wehenden Federn des
Baretts weit über seine Gesellen hervor. Die Leute betrachteten ihn
staunend, die Männer lobten laut seine hohe, männliche Gestalt, seine
edle Haltung, aber die Mädchen flüsterten leise und priesen seine
schönen Züge und das freie, glänzende Auge.
So ging der Zug aus dem Tore des Schlosses nach der Kirche, die nur
durch einen breiten Platz von ihm getrennt war. Kopf an Kopf standen
die schönen Mädchen und die redseligen Frauen, sie musterten die Anzüge
der Fräulein, strengten die Blicke an, als die schöne Braut vorbeiging,
und waren voll Lobes über den Bräutigam.
Unter den zahlreichen Zuschauern sah man auch eine rüstige, runde
Bauersfrau mit ihrem Töchterlein stehen. Diese Frau verneigte sich
immerwährend zur großen Belustigung der Städtler umher, die nur der
Braut und dem Herzog diese Aufmerksamkeit bewiesen. Sie unterhielt
sich dabei eifrig mit ihrer Tochter. Das schöne Kind an ihrer Seite
schien aber wenig auf ihre Reden zu achten; sie übersah den glänzenden
Zug der Fräulein, ihre hellen Augen waren nur immer auf die nahende
Braut gerichtet. Je näher diese kam, desto röter färbten sich die
Wangen des Mädchens, das rote Mieder hob und senkte sich ungestüm, und
das pochende Herz schien die silbernen Ketten, womit es eingeschnürt
war, zersprengen zu wollen. Sie sah Marien fest und durchdringend an,
die hohe Schönheit der jungen Braut schien sie zu überraschen, ein
wehmütiges Lächeln zuckte um ihren kleinen Mund. »Sie ist's!« rief
sie unwillkürlich aus und verbarg dann schnell ihr Gesicht hinter dem
Rücken ihrer Mutter, denn die Umstehenden sahen verwundert nach ihr
hin.«
»Jo, dia ist's; Bärbele! Dia ist grausig schö!« flüsterte die runde
Frau und neigte sich tief. »Jetzt wellet mer uf da Junker bassa.«
Das Mädchen schien diesen Rat nicht erst zu bedürfen, denn sie blickte
längst hinüber nach jener Seite, woher er kommen mußte. »Er kommt, er
kommt,« hörte sie ihre Nachbarn flüstern; »der ist's in dem weißen
Kleid, mit dem blauen Mantel, er geht gerade vor dem Herzog.« Sie
sah ihn, nur einen Blick warf sie nach ihm hin und wagte dann nicht
mehr aufzublicken; die tiefe Röte ihrer Wangen verschwand, als er
vorüberging, sie zitterte, eine Träne fiel herab auf das rote Mieder;
-- jetzt war er vorüber, jetzt hob sich das Köpfchen wieder ein wenig
auf und sandte ihm einen Blick nach, der mehr auszudrücken schien als
die reine Bewunderung oder das Staunen der Neugierde.
Als der Zug vorüber war, drängten sich die Zuschauer mit Ungestüm zu
den Kirchtüren, und in einem Augenblick war der Platz, der noch kurz
zuvor den Anblick einer bunten, wogenden Menge dargeboten hatte, wie
ausgestorben. Die runde Frau blickte noch immer staunend den schönen,
geputzten Stadtjungfern nach, welche mit ihren brokatenen Hauben und
goldgestickten Miedern, mit ihren feinen, langen Röcken, an welchen
man nur um den Hals und Busen den Zeug allzusehr gespart zu haben
schien, in der Bauersfrau mächtige Sehnsucht nach solcher Pracht und
Herrlichkeit erweckt hatten.
Als sie sich umwandte, erschrak sie nicht wenig, denn ihr holdes Kind
hatte das blühende Gesichtchen in die Hände verborgen und weinte.
Sie konnte nicht begreifen, was dem Mädchen begegnet sein könne, sie
faßte ihre Hand, zog sie herab von den Augen -- sie weinte bitterlich.
»Was hoscht denn, Bärbele,« fragte sie halb unmutig, doch nicht ohne
Teilnahme, »was heulscht denn? Hoscht's denn et g'seha? Gang, 's ist jo
a Schand! Wenn's jo ebber sieht; so sag' no, worum du heulscht?«
»I wois et, Muater!« flüsterte sie, indem sie vergeblich ihre Tränen zu
bezwingen suchte; »es ist mer so weh im Herz drin, i woiß et worum.«
»Laß jetzt bleiba, sag e! Komm, sonst kommemer z'spot in d'Kirch.
Hairsch, wie se musizieret und singet? Komm, sonst sehe mer nix mai!«
Die Frau zog bei diesen Worten das Mädchen nach der Kirche. Bärbele
folgte, sie bedeckte die Augen mit der weißen Schürze, um nicht den
Stadtleuten zum Gespötte zu werden; aber die tiefen Seufzer, die
sich aus ihrer Brust heraufstahlen, ließen ahnen, daß sie einen
tiefen Schmerz vergeblich zu unterdrücken suchte. Die Orgel schwieg,
der Chorgesang verstummte, als sie an der Kirchtüre anlangten. Die
Einsegnung des schönen Paares mußte in diesem Augenblicke beginnen.
Aber vergebens suchte die runde Frau durch die dichten Reihen zu
dringen, welche die Türe füllten, sie wurde, so oft sie sich in
einen freien Raum zu schieben suchte, unwillig und mit Scheltworten
zurückgestoßen.
»Komm, Muater!« sprach das Mädchen. »Mer wellet hoim; mer sent arme
Leut', uns lasset se et in d'Kirch; komm hoim.«
»Was? D'Kircha sind für älle Leut' erschaffa; au für d'Arme. Wia, ihr
Herra, lent es e bißle do nei. Mer sehet jo gar nix.«
»Waz!« sprach der Mann, an den sie sich gewendet hatte, und kehrte
ihr ein rotbraunes Gesicht mit schrecklichem Bart zu, »waz? Packt
euch fort, wir lassen niemand durch; wir zind die allergnädigsten
herzoglichen Landsknechte, wir, und nach dem Zanktus, hat der Hauptmann
befohlen, darf keine Zeele mer durch; Mordblei! tut mir leid, wenn ich
in der Kirche fluche, aber ich zag', weg da!«
»Die Olte muß weg, sogen wer, ober das Dienderl darf 'rein; komm
Schatzerl! Do konnst's recht gut sehen; schaut's, jetzt steckt ihr der
Propst den Ring on, jetzt legt er ihne die Händ' zusommen -- gib mir
en Schmatzerl, dann darfst's seh'n.« Der Staberl von Wien streckte
bei diesen Worten seine tapfere Hand nach dem Mädchen aus, doch diese
schrie laut auf und entfloh weinend; die runde Frau aber verwünschte
die Stadtleute, die Stadtkirchen und die unanständigen Landsknechte,
und folgte ihrer Tochter.
32.
So hab' ich endlich dich gerettet
Mir aus der Menge wilden Reih'n;
Du bist in meinen Arm gekettet,
Du bist nun mein, nun einzig mein;
Es schlummert alles diese Stunde.
Nur wir noch leben auf der Welt,
Wie in der Wasser stillem Grunde
Der Meergott seine Göttin hält.
_Uhland._
Herzog Ulrich von Württemberg liebte eine gute Tafel, und wenn in guter
Gesellschaft die Becher kreisten, pflegte er nicht so bald das Zeichen
zum Aufbruch zu geben. Auch am Hochzeitsfeste Mariens von Lichtenstein
blieb er seiner Gewohnheit treu. Man war, als die heilige Handlung
in der Kirche vorüber war, in den Lustgarten am Schloß gezogen; dort
hatten sich in den Laubgängen und künstlich verschlungenen Wegen
die Hochzeitsgäste ergangen oder an den zahmen Hirschen und Rehen
im Gehege oder an den Bären, die in einem der Gräben des Schlosses
umherwandelten, sich ergötzt. Um zwölf Uhr hatten die Trompeten zur
Tafel gerufen. Sie wurde in der Tyrnitz gehalten, einer weiten hohen
Halle, die viele hundert Gäste faßte. Diese Halle war die Zierde des
Schlosses zu Stuttgart. Sie maß wohl hundert Schritte in der Länge;
die eine Seite, die gegen den Garten des Schlosses lag, war von vielen
breiten Fenstern unterbrochen, und der freundliche Tag ergoß sich
durch die vielfarbigen Scheiben und erhellte überall das ungeheure
Gemach, das mit seinen Wölbungen und Säulen mehr einer Kirche als
einem Tummelplatze der Freude glich. Um die drei übrigen Seiten liefen
Galerien mit Teppichen reich behängt, sie waren für die Geiger und
Trompeter und für die Zuschauer bei einem fürstlichen Mahle bestimmt;
oft aber dienten sie den Damen und Kampfrichtern zu Tribünen, wenn
nicht der Klang der Becher, sondern Schwerthiebe, das Krachen der
Lanzen, das Sausen der Speere und das Gelächter und Geschrei der
Kämpfer beim freien Waffenspiel in der Halle erscholl.
Aber heute sah man hier einen gemischten Kreis schöner Frauen und
fröhlicher Männer um reichbesetzte Tafeln sitzen. Auf den Galerien
schwangen die Geiger lustig ihre Fiedelbogen. Die Zinkenisten bliesen
ihre Backen auf, die Trommler schlugen kräftig auf die Felle, und mit
Jauchzen und Hallo stimmte die Volksmenge, die man auf den übrigen
Teilen der Galerien zugelassen hatte, ein, wenn die Herren unten einen
Trinkspruch ausgebracht hatten. Am oberen Ende der Halle saß unter
einem Thronhimmel der Herzog. Er hatte seinen Hut weit aus der Stirne
gerückt, schaute fröhlich um sich und sprach dem Becher fleißig zu. Zu
seiner Rechten, an der Seite des Tisches, saß Marie; jetzt wollte die
Sitte nicht mehr, daß sie die Augen niederschlug und sechs Schritte von
dem Geliebten entfernt blieb. Ein fröhliches Leben war in ihre Augen,
um ihren Mund eingezogen; sie blickte oft nach ihrem neuen Gemahl,
der ihr gegenüber saß, es war ihr oft, als müsse sie sich überzeugen,
daß dies alles kein Traum, daß sie wirklich eine Hausfrau sei und den
Namen, den sie achtzehn Jahre getragen, gegen den Namen Sturmfeder
vertauscht habe; sie lächelte, so oft sie ihn ansah, denn es kam ihr
vor, als gebe er sich, seitdem er aus der Kirche kam, eine gewisse
Würde. »Er ist mein Haupt,« sagte sie lächelnd zu sich, »mein Herr,
mein Gebieter; o der gute Herr! das liebe Haupt!«
Und es war so, wie Marie zu bemerken glaubte: Georg fühlte sich
gehobener, mit einer neuen Würde umgeben; es schien ihm, als zeigen
ihm die Junker mehr Ehrfurcht, als ziehen ihn die älteren Ritter mehr
freundlicher zu sich heran, seit er nicht mehr allein in der Welt
stand, sondern wie sie ein Hausvater, vielleicht der Stammhalter eines
glänzenden Geschlechtes geworden war. Denn in den guten alten Zeiten
waren die Begriffe noch anders als heutzutag, und man dachte sich den
Edelmann und den Bürger nicht anders, als mit Weib und Kindern, und
überließ das Zölibat den Mönchen.
In die Nähe des Herzogs war der Ritter von Lichtenstein, Marx Stumpf
von Schweinsberg und der Kanzler gezogen worden, und auch der
Ratsschreiber von Ulm saß nicht ferne, weil er heute als Geselle des
Bräutigams diesen Ehrenplatz sich erworben hatte. Der Wein begann schon
den Männern aus den Augen zu leuchten und den Frauen die Wangen höher
zu färben, als der Herzog seinem Küchenmeister ein Zeichen gab. Die
Speisen wurden weggenommen und im Schloßhof unter die Armen verteilt;
auf die Tafel kamen jetzt Kuchen und schöne Früchte, und die Weinkannen
wurden für die Männer mit besseren Sorten gefüllt; den Frauen brachte
man kleine silberne Becher mit spanischem, süßem Weine. Sie behaupteten
zwar, keinen Tropfen mehr trinken zu können, doch nippten und nippten
sie von dem süßen Nektar immer wieder, bis man die Nagelprobe hätte
machen können. Jetzt war der Augenblick gekommen, wo nach der Sitte der
Zeit dem neuen Ehepaar Geschenke überbracht wurden. Man stellte Körbe
neben Marien auf, und als die Geiger und Pfeifer von neuem gestimmt
hatten und aufzuspielen anfingen, bewegte sich ein langer, glänzender
Zug in die Halle. Voran gingen die Edelknaben des fürstlichen Hofes,
sie trugen goldene Deckelkrüge, Schaumünzen, Schmuck von edlen Steinen
als Geschenke des Herzogs.
»Mögen euch diese Becher, wenn sie bei den Hochzeiten eurer Kinder, bei
den Taufen eurer Enkel kreisen, mögen sie euch an einen Mann erinnern,
dem ihr beide im Unglück Liebe und Treue bewiesen, an einen Fürsten,
der im Glück euch immer gewogen und zugetan ist.«
Georg war überrascht von dem Reichtum der Geschenke. »Euer Durchlaucht
beschämen uns,« rief er; »wollet Ihr Liebe und Treue _belohnen_, so
wird sie nur zu bald um Lohn feil sein.«
»Ich habe sie selten rein gefunden,« erwiderte Ulrich, indem er einen
unmutigen Blick über die lange Tafel hinschickte und dem jungen Mann
die Hand drückte, »noch seltener, Freund Sturmfeder, hat sie mir Probe
gehalten, drum ist es billig, daß Wir die reine Treue mit reinem
Golde und edle Liebe mit edlen Steinen zu belohnen suchen. Doch wie,
Eure schöne Frau vergießt Tränen? Ich weiß die Quelle dieses klaren
Taues, es ist die Erinnerung an Unser bitteres Geschick, die Wir selbst
heraufbeschworen haben. Hinweg mit diesen Tränen, schöne Frau! am
Hochzeitstag ist es kein gutes Zeichen. Doch mit Verlaub Eures Eheherrn
will ich jetzt eine alte Schuld einziehen, Ihr wißt noch, welche?«
Marie errötete und warf einen forschenden Blick nach Georg hinüber,
als fürchtete sie, jenes alte Uebel, das sie oft kaum zu beschwören
vermochte, möchte wiederkehren. Georg wußte recht wohl, was der Herzog
meine, denn jene Szene, die er hinter der Türe belauschte, war ihm noch
immer im Gedächtnis, doch er fand Gefallen daran, den Herzog und Marien
zu necken, und antwortete, als diese noch immer schwieg: »Herr Herzog,
wir sind jetzt zusammen ein Leib und eine Seele, wenn also meine Frau
in früheren Zeiten Schulden gemacht hat, so steht es _mir_ zu, sie zu
bezahlen.«
»Ihr seid zwar ein hübscher Junge,« entgegnete Ulrich mit Laune, »und
manche unserer Fräulein hier am Tische möchte vielleicht gerne einen
solchen Schuldbrief an Euren schönen Mund einzufordern haben; mir aber
kann dies nicht frommen, denn meine Urkunde lautet auf die roten Lippen
Eurer Frau.«
Der Herzog stand bei diesen Worten auf und näherte sich Marien, die
bald errötend, bald erbleichend ängstlich auf Georg herübersah. »Herr
Herzog,« flüsterte sie, indem sie den schönen Nacken zurückbog, »es
war nur Scherz; -- ich bitte Euch.« Doch Ulrich ließ sich nicht irre
machen, sondern zog die Schuld samt Zinsen von ihren schönen Lippen ein.
Der alte Herr von Lichtenstein sah bei dieser Szene finster bald auf
den Herzog, bald auf seine Tochter; vielleicht mochte ihm Ulrich von
Hutten beifallen, denn seine Blicke streiften auch ängstlich auf
seinen Schwiegersohn. Der Kanzler Ambrosius Volland aber schaute mit
höhnischer Schadenfreude aus den grünen Aeuglein auf den jungen Mann.
»Hi, hi,« rief er ihm zu, »ich leere meinen Becher auf gutes Wohlsein.
Eine schöne Frau ist eine gute Bittschrift in aller Not; wünsche
Glück, liebster, wertgeschätzter Herr; hi! hi! 's ist ja auch was
Unschuldiges, so lange es vor den Augen des Ehemanns geschieht!«
»Allerdings, Herr Kanzler!« erwiderte Georg mit großer Ruhe, »um
so unschuldiger, als ich selbst dabei war, wie meine Frau Seiner
Durchlaucht diesen Dank zusagte. Der Herr Herzog versprach beim Vater
für uns zu bitten, daß er mich zu seinem Eidam annehme, und bedung sich
dafür diesen Lohn an unserm Hochzeitstage.«
Der Herzog sah den jungen Mann mit Staunen an; Marie errötete
von neuem, denn sie mochte sich jene ganze Szene ins Gedächtnis
zurückrufen; aber keines von beiden widersprach ihm, sei es, weil sie
es für unschicklich hielten, ihn Lügen zu strafen, sei es, weil sie
ahneten, er könne sie belauscht haben. Aber Ulrich konnte doch nicht
unterlassen, ihn heimlich um die näheren Umstände zu befragen; er
teilte sie ihm in wenigen Worten mit.
»Du bist ein sonderbarer Kauz!« flüsterte der Herzog lachend, »was
hättest du denn gemacht, wenn Wir damals ein Küßchen erobert hätten?«
»Ich kannte Euch noch nicht,« flüsterte Georg ebenso leise, »drum hätte
ich Euch auf der Stelle niedergestochen und an der nächsten Eiche
aufgehängt.«
Der Herzog biß sich in die Lippen und sah ihn verwundert an; dann aber
drückte er ihm freundlich die Hand und sagte: »Da hättest du alles
Recht dazu gehabt, und Wir wären in Unseren Sünden abgefahren. -- Doch
siehe, da bringen sie wieder Spenden für die Braut.«
Es erschienen jetzt die Diener der Ritter und Edeln, die zur Hochzeit
geladen waren, die trugen allerlei seltenes Hausgeräte, Waffen, Stoff
zu Kleidern und dergleichen; man wußte zu Stuttgart, daß es der
Liebling des Herzogs sei, dem dieses Fest gelte, drum hatte sich auch
eine Gesandtschaft der Bürger eingestellt, ehrsame, angesehene Männer
in schwarzen Kleidern, kurze Schwerter an der Seite, mit kurzen Haaren
und langen Bärten. Der eine trug eine aus Silber getriebene Weinkanne,
der andere einen Humpen aus demselben Metall, mit eingesetzten
Schaumünzen geschmückt. Sie nahten sich ehrerbietig zuerst dem Herzog,
verbeugten sich vor ihm und traten dann zu Georg von Sturmfeder.
Sie verbeugten sich lächelnd auch vor ihm, und der mit dem Humpen hub
an:
»Gegrüßet sei das Ehepaar
Und leb' zusamt noch manches Jahr!
Um euch zu fristen langes Leben,
Will Stuttgart euch ein Tränklein geben.
Des Lebens Tränklein ist der Wein,
Komm, guter Geselle, schenk' mir ein.«
Der andere Bürger goß aus der Flasche den Humpen voll und sprach,
während der erste trank:
»Von diesem Tränklein steht ein Faß
Vor eurer Wohnung auf der Gaß':
Es ist vom besten, den wir haben,
Er soll Euch Leib und Seele laben;
Er geb' euch Mut, Gesundheit, Kraft:
Das wünscht euch Stuttgarts Bürgerschaft.«
Der erstere hatte indessen ausgetrunken, füllte den Becher von neuem
und sprach, indem er ihn dem jungen Mann kredenzte:
»Und wenn Ihr trinkt von diesem Wein,
Soll Euer erster Trinkspruch sein:
›Es leb' der Herzog und sein Haus!‹
Ihr trinkt bis auf den Boden aus;
Dann schenkt Ihr wieder frischen ein:
›Hoch leb' Sturmfeder und Lichtenstein!‹
Und lüstet Euch noch eins zu trinken,
Mögt Ihr an Stuttgarts Bürger denken.«
Georg von Sturmfeder reichte beiden die Hand und dankte ihnen für ihr
schönes Geschenk; Marie ließ ihre Weiber und Mädchen grüßen, und auch
der Herzog bezeugte sich ihnen gnädig und freundlich. Sie legten den
silbernen Becher und die Kanne in den Korb zu den übrigen Geschenken
und entfernten sich ehrbaren und festen Schrittes aus der Tyrnitz. Doch
die Bürger waren nicht die letzten gewesen, welche Geschenke gebracht
hatten; denn kaum hatten sie die Halle verlassen, so entstand ein
Geräusch an der Türe, wo die Landsknechte Wache hielten, das selbst die
Aufmerksamkeit des Herzogs auf sich zog. Man hörte tiefe Männerstimmen
fluchen und befehlen, dazwischen ertönten hohe Weiberstimmen, von denen
besonders eine, die am heftigsten haderte, der Gesellschaft am obersten
Ende der Tafel sehr bekannt schien.
»Das ist wahrhaftig die Stimme der Frau Rosel!« flüsterte Lichtenstein
seinem Schwiegersohn zu, »Gott weiß, was sie wieder für Geschichten
hat.«
Der Herzog schickte einen Edelknaben hin, um zu erfahren, was das
Lärmen zu bedeuten habe; er erhielt zur Antwort, einige Bauernweiber
wollen durchaus in die Halle, um den Neuvermählten Geschenke zu
bringen, da es aber nur gemeines Volk sei, so wollen sie die
Knechte nicht einlassen. Ulrich gab Befehl, sie vorzubringen, denn
die Sprüchlein der Bürger hatten ihm gefallen, und auch von den
Bauersleuten versprach er sich Kurzweil. Die Knechte gaben Raum, und
Georg erblickte zu seinem Erstaunen die runde Frau des Pfeifers von
Hardt mit ihrem schönen Töchterlein, geführt von der Frau Rosel, ihrer
Base.